Dienstag den 22. August. 1899 Jl MU Wbk MMEi in ÄinbeSaug’, ein Maientag, Das sind zwei Hiinmelsgaben, An denen Menschenherz sich mag In Ewigkeit erlaben. Reither. Nachdruck verboten. Schuldig. Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) Nachdem ihr Garte sie verlassen hatte, kauerte sie sich tiefer in ihren bequemen Lehnsessel und sann dem Gespräch mit ihm weiter nach. Immer finsterer ward ihre Stirn, wie Kohlen glühten die dunklen Augen und schauten ganz unheimlich aus dem weißen Gesichte heraus/ die wie in Fieberhitze geborstenen Lippen murmelten: „Ich soll sie behalten, er will sie nicht missen, ihre Gesellschaft ist ihm wertvoll." „Ha, die Schlange! Auf wen hat sie es abgesehen? Auf Konstantin? auf Adalbert? oder auf Hans? Aber sie soll keinen haben. Noch bin ich da, und werde mich schon hüten, so leicht räume ich den Platz nicht! Ich muß ihr doch einmal auf den Zahn fühlen. Fange ich es nur geschickt an, so wird sie schon verraten, was sie im Schilde führt." Sie klingelte und befahl dem auf dieses Zeichen sofort erscheinenden Diener, Fräulein von Kressen zu ihr zu rufen. Wenige Minuten später trat ein sehr einfach gekleidetes junges Mädchen von hohem Wuchs mit prachtvollem aschblondem Haar in das Zimmer. Artig, aber nicht unterwürfig sich verneigend, fragte sie nach Len Befehlen der Frau Kommerzienrätin. Diese nahm, eine hochmütige Miene an und erwiderte: „Ich wollte Ihnen nur sagen, Fräulein von Kressen, daß Sie heute nicht mit Hermine ausgehen werden." Die großen blaugrauen Augen der Erzieherin richteten sich mit dem Ausdruck des Erstaunens auf die Dame, sie sagte aber völlig ruhig und bescheiden: „Darf ich fragen, was die gnädige Frau zu dieser Bestimmung veranlaßt?" Die Kommerzienrätin lächelte und entgegnete von oben herab: „Eigentlich könnten Sie sich diese Frage selbst beantworten. Was kann eine Mutter bei ihren Anordnungen anderes leiten als die Rücksicht auf das Wohl ihres Kindes?" „Aber mich will bedünken, Herminens Wohl erforderte gerade diesen Spaziergang. Sie kommt im ganzen nicht viel an die Lust," wandte die Erzieherin ein. „Sie müssen mir schon gestatten, das besser zu beurteilen, mein Fräulein, ich kenne meine Tochter "doch etwas länger als Sie und weiß genau, was ihr frommt." Da Felicitas auf diese Zurechtweisung nur durch eine stumme Verbeugung antwortete, fuhr die Kommerzienrätin fort: „Hermine ist sehr zart/ ich möchte nicht, daß sie der rauhen Luft ausgesetzt würde." „Aber wir haben ja heute milde Luft und Sonnenschein, einen wahren. Frühlingstag!" rief Fräulein von Kressen jetzt in ehrlichem Erstaunen lebhaft aus. „Nein, nein, es weht ein kalter, scharfer Märzwind!" beharrte die Kommerzienrätin eigensinnig auf ihrer Meinung. „Frau Kommerzienrätin befinden sich im Irrtum, sehen Sie nur einmal, wie der blaue Himmel lacht!" versicherte das junge Mädchen arglos. Sie trat dabei ans Fenster, schlug die dasselbe verhüllenden schweren Vorhänge zurück und war im Begriff, einer der hohen Fensterflügel zu öffnen. Ein Angstruf der Kommerzienrätin, die sich halb aus ihrem Lehnstuhl erhoben hatte, verhinderte sie daran. „Lassen Sie das Fenster geschlossen! Wollen Sie mich töten? Ach, ich weiß es ja, darauf ist es bei Euch allen abgesehen! Ich bin Euch im Wege! Krank und hilflos wie ich bin, lebe ich Euch zu lange!" Mit einem hysterischen Schluchzen sank sie in ihren Stuhl zurück und drückte das stark duftende gestickte Battist- tuch an das Gesicht. Erschrocken drehte Felicitas den halbgeöffneten Fensterriegel wieder zu und eilte an die Seite der Dame. „Gnädige Frau, ich bitte um Verzeihung, es war durchaus nicht böse gemeint," suchte sie, obwohl sie sich völlig im Rechte fühlte, die Aufgeregte zu beruhigen, „kann ich Ihnen etwas reichen oder Ihnen sonst von Nutzen sein?" „Nein, nein, ich danke Ihnen, es geht schon vorüber. Ach, Sie haben ja keine Ahnung, wie ich mich vor jedem Luftzug hüten muß," entgegnete mit schwacher Stimme die Kommerzienrätin, während sie langsam das Tuch von den Augen nahm. „Die bloße Vorstellung, daß mich ein solcher treffen könnte, bringt wich ganz außer mir." Felicitas dachte zwar,' daß hier viel Einbildung im Spiel sei, und daß die Dame mit gutem Willen und Selbst- — 474 beherrschung recht viel gegen ihre vermeintliche Krankheit aus-ichten könnte, behielt das aber wohlweislich für sich. Dagege i mochte sie es doch noch nicht aufgeben, ihrer Pflegebefohlenen den Spaziergang zu erkämpfen und begann deshalb nach einem minutenlangem Stillschweigen wieder: „Hermine wird recht unglücklich sein, wenn sie heute zu Hause bleiben foU." ,/Ah, bah, man muß Kinder frühzeitig an Entbehrungen gewöhnen!" erwiderte die Kommerzienrätin. Der Ausspruch klang im Munde dieser verwöhnten, vom raffiniertesten Luxus umgebenen Frau so drollig, daß Felicitas nur mit Mühe ein Lächeln unterdrückte. Sie wollte sich schnell der Thür zuwenden, die Kommerzienrätin hielt sie jedoch mit der scharf und verwundert klingenden Frage zurück: „Was haben Sie? Wohin wollen Sie denn so eilig?" „Ich bitte um Entschuldigung, gnädige Frau, Ich möchte nur den Herrn Kommerzienrat noch sprechen, bevor er das Haus verläßt." „Meinen Mann? Was haben Sie denn mit dem zu verhandeln?" „Ich wollte ihm nur sagen, daß aus der Verabredung nun nichts werden kann." „Eine Verabredung! Sie haben eine Verabredung mit meinem Gemahl!" Krampfhaft ballte die Kommerzienrätin das Taschentuch zusammen, das sie noch in der Hand hielt. Fräule n von Kressen wußte sich die Aufregung, die sich der Dame von neuem zu bemächtigen schien, nicht zu erklären, und ruhig die stechenden Blicke, welche sie auf sie richtete, aushaltend, sagte sie unbefangen: „Die Verabredung ist nicht mit mir, sondern mit Hermine getroffen. Wir sollten bis zum alten Museum gehen, dorthin wollte der Herr Kommerzienrat den Wagen, der ihn von der Börse abholt, schicken und uns wieder mit herausnehmen." Die Kommerzienrätin brach in ein krampshaftes Lachen aus. „Ach, das ist unerhört, das wagen Sie mir zu sagen?" Felwitas sah sie ganz verständnislos an. „Nicht Hermine, sondern Sie sind die eigentliche llr- hcberin dieses Planes!" brach es von den kreideweiß gewordenen Lippen der Kommerzienrätin, und ungeachtet ihrer wirklichen oder eingebildeten Schwäche schnellte sie plötzlich aus dem Lehnstuhl in die Höhe und trat dicht vor das junge Mädchen hin. „Mein Kind, mein unschuldiges Kind wird zum Deckmantel benutzt! Deshalb bestanden Sie auf den Spaziergang! Deshalb wollten Sie mir einreden, es sei draußen das herrlichste Frühlingswetter! Sie erdreisten sich —" Weiter kam die leidenschaftlich erregte Frau nicht, denn jetzt war auch die Erzieherin aus ihrer Ruhe mächtig aufgescheucht worden. Sie unterbrach die zornig erregte Frau mit den Worten: „Frau Kommerzienrätin, Sie scheinen doch viel kränker zu sein, als ich glaubte. Ich will Ihnen nicht länger Gelegenheit geben, Ausdrücke zu gebrauchen, deren Sie sich bei ruhiger Ueberlegung zu schämen haben!" Mit einer Verbeugung wollte sie schnell das Zimmer verlassen. Die Kommerzienrätin hielt sie mit einer hastigen Handbewegung zurück. „Glauben Sie denn, hier schon Herrin zu sein?" rief sie, wobei ihre Stimme den schärfsten Ton erhielt. „Noch bin ich am Leben und ich werde auf meiner Hut sein!" „Ich verstehe Sle nicht, gnädige Frau, und will Sie auch nicht verstehen," entgegnete Felicitas, die jetzt ein ge- wiffes Mitleid mit der bedauernswerten Frau verspürte, deren zornsprühenden Blicken sie ruhig stand hielt. „Spielen Sie nicht länger die Unbefangene!" rief diese höhnisch. „Können Sie leugnen, daß mein verblendeter Mann, der Ihr Vater sein könnle, Sie liebt, daß Sie alle Ihre Künste aufgeboten haben, um ihn in Ihre Netze zu locken, und daß Ihr beide den Augenblick nicht erwarten könnt o, mein Gott!" Sie drückte mit einem lauten Schmerzensschrei die Hand auf die Brust und sank wie gebrochen auf den nächsten Stuhl. Obwohl die Erzieherin durch diesen plötzlichen Ausbruch einer heftigen Eifersucht empfindlich berührt ward, vermochte sie doch nicht, die unglückliche Frau in solcher Lage hilflos zurückzulaffen. Sie näherte sich ihr wieder, um sie zu ihrem bequemen Sessel zurückzuführen und sagte, ihr den Arm bietend, mit ihrer weichen, schönen Stimme: „Frau Kommerzienrätin, verscheuchen Sie diese Wahngebilde, zu denen Sie nicht den mindesten Grund haben. Ihr Herr Gemahl würde gewiß nur lächeln, wenn Sie einen solchen Verdacht äußerten — und ich schwöre Ihnen —" „Nein, schwören Sie nicht, ich glaube Ihnen doch nicht!" ewgegete die Dame, die Hilfe der Erzieherin zurückweisend. Sie suchte sich mit großer Anstrengung wieder allein aufzu- richt-n und wankte ihrem Sessel zu. Als sie sah, daß sich Felicitas, tief verletzt von dieser Entgegnung, von neuem zum Gehen wandte, rief sie mit der Wandelbarkeit einer Nervösen: „Ja, schwören Sie mir bei allem, was Ihnen heilig ist, daß mein Gemahl Ihnen nie ein Wort gesagt, das — das —" Sie vermochte nicht weiter zu reden. Ihre Augen irrten erwartungsvoll über das Antlitz des jungen Mädchens. /,Jch schwöre es Ihnen!" sagte Fräulein von Kressen feierlich. Wie seltsam ihr auch das Ansinnen der Kommerzienrätin erschien, sie glaubte sich nichts zu vergeben, wenn sie der Aufgeregren durch diese Beteuerung die Ruhe zurückbrachte. Wirklich schien sie diesen Zweck auch erreicht zu haben. Das Gesicht der Kommerzienrätin nahm einen etwas ruhigeren Ausdruck an, sie ergriff beide Hände der Erzieherin und bat: „Verzeihen Sie meinen Argwohn! Ach, ich fühle mich so unglücklich!" Aus ihren Augen stürzten Thränen. „Sie glauben meinen Worten? Sie vertrauen mir?" fragte Fräulein von Kressen, die durch diesen Auftritt tiefer erschüttert war, als sie zeigen mochte. „Ich bin jetzt ganz beruhigt, verzeihen Sie meine Aufwallung, meine Heftigkeit," antwortete die Kommerzienrätin; sie versuchte unter Thränen zu lächeln, was ihr aber doch nicht gelang, und von neuem griff sie zum Taschentuch. Felicitas stand unschlüssig, ob sie bleiben oder das Zimmer verlassen sollte, da ward die Thür aufgerissen und herein stürmte ein sehr elegant gekleidetes kleines Mädchen von etwa elf Jahren, mit dicken, kastanienbraunen Zöpfen und dunklen Augen, welche trotz des ganz verschiebenen Ausdruckes unverkennbare Aehnlichkeit mit denen der Kommerzienrätin zeigten. Sie wollte auf die letztere zueilen, blieb aber plötzlich wie gebannt stehen und schaute bald die Mutter, bald die Erzieherin an. „Hermine, mein Liebling, was hast Du?" fragte mit ganz veränderter, weicher Stimme die Kommerzienrätin und streckte beide Arme nach dem Kinde aus, das blieb jedoch stehen und sagte mit einem altklugen Ausdruck in dem hübschen, frischen und etwas kecken Gesicht: „Erst muß ich einmal hören, was es hier gegeben hat. Mama, Du hast gewiß wieder mit meinem Fräulein gescholten." „Aber, Hermine, welch ein Einfall!" rief die Mutter, und schon lagerten sich wieder Schatten auf die Stirn, die beim Eintritt der Tochter sich entwölkt hatte. Auch die Erzieherin verwies dem kleinen Mädchen diese Rede, Hermine ließ sich dadurch jedoch nicht irre machen, sondern fuhr fort: „Ich sehe es Euch beiden ja an. Aber es ist nicht recht von Dir, Mama, Du sollst meine Felicitas nicht ärgern, ich leid's nicht und gebe Dir keinen Kuß, wenn Du's thust!" »Aber, Hermine!" mahnte streng die Erzieherin. So- gleich war sie an ihrer Sette, schlang beide Arme um sie und bat/ „Sei nicht böse, ich — ich weiß, daß ich unartig gewesen bin." „Gehe sogleich zur Mama und bitte sie um Verzeihung/ gebot Fräulein von Kressen und schaute nicht ohne Besorgnis 475 zu der Kommerzienrätin hinüber, deren Gesicht sich verzerrt hatte. Sie hielt jedoch an sich und nahm die Entschuldigung der kleinen Tochter mit leidlicher Fassung auf. Freilich zuckte sie wieder zusammen, als Hermine schmeichelnd hlnzu- fügte: „Ich habe ja nur solche Angst, Du schickst sie wieder fort." „Nein, nein," versicherte die Kommerzienrätin halblaut. „Oder sie sagt, sie könne es hier nicht aushalten und geht wie die andere, wo ich freilich froh war, daß ich sie los wurde!" schwatzte Hermine weiter. „Versprich, daß Du es nicht thun willst!" wandte sie sich an Felicitas, die unwillkürlich errötete. Sie hatte sich in ihrem Innern die Frage vorgelegt, ob sie nach dem soeben stattgehabten Auftritt noch länger im Hause des Kommerzienrates bleiben könne, und nun schien es, als habe das Kind ihr die Gedanken von der Stirn gelesen. „Versprich mir, daß Du nicht fortgehst!" wiederholte Hermine leidenschaftlich. „Wenn Du nicht mehr bei mir bist, bleibe ich auch nicht hier, ich laufe Dir nach!" „Still, Hermine, rede nicht so alberne Dinge!" gebot Felicitas, der dieser Auftritt recht peinlich war, finsterer als sie sich sonst ihrem Zöglinge zu zeigen Pflegte, und nun bat diese: „Sei gut! Versprich es mir doch!" Zwischen der Kommerzienrätin und der Erzieherin flogen Blicke hin und her, die eine nochmalige Abbitte von der einen, eine Zusage von der anderen Sette bedeuteten. Dann legte Felicitas dem kleinen Mädchen beiden Hände auf die Schultern und sagte nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit im Ton: „Wenn Du immer brav und folgsam bist, so bleibe ich bei Dir!" „Hurrah! hurrah!" jubelte das kleine Mädchen, dem durch den jüngeren Bruder mancher burschikose Ausdruck eigen war, und flog von der Erzieherin zur Mutter, beide in ihren Umarmungen fast erstickend. Mit der Beweglichkeit des kindlichen Alters fragte sie dann aber unvermittelt: „Gehen wir nun bald, liebe Felicitas?" Felicitas sah die Kommerzienrätin an- und sagte zögernd: „Es wird heute nichts aus dem Spaziergang, Hermine." Das Kind schrie auf. „Das Wetter ist zu rauh, mein Herz, ich wünsche, daß Du nicht ausgehst!" fügte die Kommerzienrätin hinzu. „Aber Mama, es ist ja himmlisches Wetter, Du solltest nur auch mitkommen," versicherte Hermine eifrig. „In der Siegesallee und Unter den Linden wird ein wahrer Korso sein, und Papa wollte mit uns zurückfahren. Ach, ich habe mich sehr darauf gefreut! Bitte, bitte, erlaube es doch, Mama I" „Ein andermal" erwiderte die Kommerzienrätin, ihre Position nur noch schwach verteidigend, während Felicitas, den Verlauf der Dinge kennend, sich schweigend im Hintergründe hielt. Es kam denn auch, wie sie gedacht, die Kommerzienrätin konnte den Bitten und Schmeicheleien des Töchterchens nicht widerstehen. Sie gab die Erlaubnis, und Hermine zog Fräulein von Kreffen schleunigst aus dem Zimmer, als fürchte sie, es könne der Mutter wieder leid werden Beide wären doch erschrocken gewesen, hätten sie den Blick gewahren können, mit welchem die Kommerzienrätin ihnen nachschaute. „Sie ist ein weiblicher Rattenfänger von Hameln," murmelte sie. „Alles läuft ihr nach, tanzt und springt, wie sie pfeift. Habe ich mich doch selbst von ihren glatten, süßen Reden, von ihrem treuherzigen Blick verführen lasten und sie sogar meines Verdachtes halber um Verzeihung gebeten. „Oder ob ich auf falscher Fährte bin, ob sie es auf HanS oder auf Adalbert abgesehen hat?" setzte sie ihr Selbstgespräch fort. „Mein Herr Stiefsohn hat sich zwar schon versehen, und es wäre Wasser auf meine Mühle, wenn sie ihn seiner Auserkorenen abspenstig machte, aber haben soll sie ihn darum doch nicht! Kann ich es hindern, so bekommt ihn überhaupt keine. .Er soll nicht heiraten, ich will's nicht! Sein Geld —." Sie stützte den Kopf in die Hand und versank in Brüten. (Fortsetzung folgt.) Drei arme Sünderinnen. Von Elsa d'Esterre-Keeling. Autorisierte Uebersetzung von Emil Ernst. ------- (Nachdruck verboten.) „Miß Fulton ist eine alte Krabbe. Ein richtiger griesgrämiger, ekliger, fetter, alter Frosch". Das Blatt Papier, auf dem diese Bemerkung verzeichnet stand, wurde einem Diarium entriffen, einem jener steif eingebundenen Bücher, die in modernen Schulen Knaben und Mädchen zu dem Zwecke gegeben werden, daß sie darin die trefflichsten Aussprüche, welche in den Unterrichtsstunden der Lehrer vorkommen, eintragen. Hierauf legte die kleine Schreiberin das Blatt in ein auf ihrem Pulte befindliches gedrucktes Buch und machte sich dann von neuem an ihre Rechenaufgaben, die sie so korrekt und mit solch spielender Leichtigkeit löste, daß ihre Fähigkeit im Rechnen wohl über allen Zweifel erhaben war — wie schwach auch immer ihre Kenntnis von Krabben und Fröschen sein mochte. Es war erst drei Uhr nachmittags. Aber das Zimmer, in dem fünfzehn kleine Kinder — fleißig arbeitend — ihre Vorbereiturgen zu den Lehrstunden des folgenden Tages trafen, war schon in jenes Halbdunkel getaucht, welches den November zum traurigsten aller Monate stempelt. Heute jedoch war dieses Halbdunkel nicht wie gewöhnlich von jenem trüben undurchdringlichen Grau, sondern hatte eine helle weißliche Färbung/ hervorgerusen durch den auf den Dächern der Häuser liegenden Schnee, der gestern gefallen/ durch den auf den Straßen liegenden Schnee, der heute gefallen/ durch den am Himmel hängenden Schnee, der sich wahrscheinlich morgen entladen würde/ während noch ab und zu, in verschiedenen Zwischenräumen, der Wind die weißen Flocken von den Fensterbänken sowie von den in der Nähe stehenden Bäumen herunterwehte und dieselben in der Luft herum- tanzen ließ. „Darf ich Frieda ein Buch hinübcrreichen?" „Nein, Ursula". Dieses kurze Zwiegespräch war dem Niederschreiben jener oben erwähnten boshaften Bemerkung vorangegangen und seine alleinige Ursache/ und Ursula hatte gerade die letzten Worte beendet, als sie — aufschauend — den Blick von Miß Fulton voll auf sich gerichtet sah. Für ein Wesen, dem man solch garstige Bezeichnungen wie Krabbe und Frosch beilegte — gar nicht der häßlichen Worte „alt, griesgrämig, eklig, fett", zu gedenken — harte Miß Fulton ein äußerst liebliches holdes Antlitz/ vor allem selten schöne Augen/ Augen, so „klar und hell wie ein Spiegel"/ wenn auch augenblicklich —das muß ja zugestanden werden — ebenso kalt und hart wie ein Spiegel. Die kleine Rechenkünstlerin senkte beschämt die ihrigen und doch, — wie unerklärlich dies auch ist — und doch wiederholte sie noch einmal und zwar recht nachdrücklich, während sic sich tief über ihre Ziffern beugte: — „Miß Fulton ist eine alle Krabbe. Ein richtiger, griesgrämiger, ekliger, fetter, alter Frosch". Dreieinhalb Uhr. Wieder jenes schwerfällige, dumpfe, hohle Geräusch — das Herabstürzen auf den Dächern liegenden Schnees. Und die Kinder so müde! Ein ganz kleines, tief im Hintergrund sitzendes Geschöpf beginnt auf ihren Fingernägeln Gesichter zu zeichnen, und fährt so lange mit dieser geistreichen Beschäftigung fort, bis das eine Händchen ganz davon bedeckt ist/ hierauf verziert sie auch ihr Hand- 476 gelenk damit, streift dann ihren kleinen Aermel zurück und ist gerade im Begriff, den Prozeß des Zeichnens auch auf ihren Arm auszudehnen, als die Dame mit den klaren Augen sie in ruhigem Ton anredet — „Ich denke, jetzt könntest Du aushören, Jessie". Unaussprechliche Bestürzung und untadelhastes Benehmen auf Seiten aller bis fünf Minuten vor vier Uhr. Da — o mein Gott, wie menschlich! — schien die jüngste Schülerin des Zimmers, welche für eine französische Stunde das Zeitwort zLiinsr" ausgearbeitet und demselben die geniale Ueber- schrift: „Die erste Kongregation" gegeben hatte, zu der gleichen Ueberzeugung wie Bacon gekommen zu sein, der Ueberzeugung nämlich, daß zu viel Zeit beim Studium zu verschwenden, nichts als die reine Trägheit sei. Sie legt ihre Arbeit beiseite, lehnt sich an ihren Sitz zurück und streckt ein zierliches Zünglein heraus- zuerst nur die Spitze, dann mehr —immer mehr — bis die ganze Zunge draußen ist- eine lange, rosenrote Zunge, die noch länger zu machen sie sich allen Ernstes, aber vergeblich bemüht. Als die Zunge ihre größeste Ausdehnung erreicht, bemerkte Miß Fulton: „Weiter wirst Du sie wirklich nicht herausbringen können. Komm lieber zu mir, mein Kind, und hilf beim Wegräumen der Federn. Jessie kann ebenfalls einen Augenblick kommen, und" — damit wendet sie sich an die Verfasserin der Schmähschrift „und Du, Ursula, auch- und bringe, bitte, das Papier, welches Du vorhin in jenes Buch legtest, mit. Ihr andern könnnt jetzt gehen". Ein schneller Abschied. Niemand bleibt im Zimmer übrig als Miß Fulton und die drei kleinen armen Sünderinnen. Was mag Miß Fulton ihnen wohl sagen? Dunkle Blutwellen schießen in ihr Gesicht, und Thräne um Tdräne rinnt über ihre Wangen. Schäme Dich, Leser, daß Du fragst! Wenn große Erdenkinder die Schule weinend verlassen, belästigt man sie mit Fragen. Und dies sind noch dazu ganz kleine! An der Thüre bleiben sie stehen. „Dürfen wir — dürfen wir nicht irgend etwas für Sie thun?" „Ja, Ihr könnt mir eine Taffe Thee herbringen". „Oh! das Entzücken! Sechs kleine Füßchen trippeln geschäftig davon- — sechs kleine Füßchen kommen behutsam wieder hinein. „Stellt alles dorthin, Kinder, und--Aber Ihr kommt spät nach Hause. Eilt Euch jetzt. Nun, Ursula? Immer noch da? Willst Du noch was, mein Kind!" „Nein, ich danke- ich werde auch gehen". An der Thür aber zögert sie von neuem. „Würden Sie nicht doch gerne lesen, was ich auf das Papier, welches Sie mir zurückgaben, geschrieben habe?" kommt es endlich beklommen von ihren Lippen, während die Hand schon die Thürklinke umfaßt hält. Miß Fulton blickt auf. Sie sieht nichts weiter als einen kleinen, von dunklem Haar halb bedeckten Rücken und einen in atemloser Spannung gehaltenen Kops. „Nein, Ursula". „Aber Sie dürfen!" Mit einem Sprung ist das Kind wieder an ihrer Seite und drückt ihr — über und über errötend — den zerknitterten Papierknäuel in die Hand. „Sie wiffen nicht, wie schlecht ich bin". „Ich will es auch garnicht wissen, mein Kind. Und auch niemand anders soll es je erfahren". Und Miß Fulton wirst das Papier in den Kamin. Niemand! — Niemals — — Welch ungewohnte Liebkosung wird der gütigen Lehrerin zuteil? Liebevolle Arme umklammern sie, ein heißes, thränen- überströmtes Gesichtchen lehnt sich an das ihre, ein süßeS Rosenmündchen überschüttet sie mit zärtlichen Küssen und Worten unendlicher Dankbarkeit- es sagt dieser Frau, die mit dem Schamgefühl eines kleinen Kindes Mitleid hatte, sie sei eine gute Frau, eine herrliche Frau, eine verehrungswürdige Frau- viel, viel verehrungswürdiger alsPompejus-^ als Pompejus der Große! Diese kleinen Erdenkinder, welch' seltsame Geschöpfe! Eine Weile später, als Miß Fulton, nun wieder allein, an ihrem Kamin in träumerischer Versunkenheit dasitzt, spielt in ihren Augen, so klar und hell wie ein Spiegel, ein sanftes Leuchten. Diese kleinen Erdenkinder, welch' süße Geschöpfe! Als Miß Fulton endlich aus ihrer Träumerei emporfährt, sind ihre Augen, sonst so klar und hell wie ein Spiegels von Thränen getrübt. Miß Fulton, die sehr allein in dieser Welt steht, fühlt sich ganz eins mit den ihr anvertrauten jungen Menschenknospen. ____________ GeinernnÄtziges. ZSlumenpflege. Pelargonienstecklinge. Viele Blumenfreunde, die Pelargonien zum Schmücken der Gärten verwenden, überwintern die im Herbst aus den Beeten ausgehobenen Pflanzen, haben aber in der Regel nicht viel Glück damit. Die mächtig ins Kraut gewachsenen Pflanzen, wenn sie nach Mitte oder gegen Ende Oktober in Töpfe gepflanzt und in den Ueber- winterungsraum gebracht werden, trauern, verlieren einen großen Teil ihrer Blätter, die ihnen noch verbleibenden werden zum Teil von Fäulnis und Schimmel ergriffen, die nachfolgenden aber werden immer kleiner und armseliger. Pelargonien, wenn sie gut überwintern sollen, dürfen daher nicht zu spät im Herbst in Töpfe gepflanzt werden. Am besten aber überwintern Stecklinge, die schon im Mai, Juni oder zu Anfang Juli gemacht und nicht ausgepflanzt, sondern in Töpfen kultiviert werden. Mr die Küche. Konservieren der Kürbisse in Esfig und Zucker. Man nimmt die reifen Kürbisse schält und halbiert sie, befreit sie von den Kernen, schneidet sie in entsprechende Schnitten und legt diese sechs bis acht Stunden in Essig. Dann nimmt man die Schnitte heraus, trocknet sie gut ab, nimmt drei Teile guten Essig, ein Teil Wasser — auf 1 Liter Esfig 1 Kilogramm Zucker — siedet den Essig und den Zucker zusammen, nimmt den Schaum herunter legt Zimmt und Gewürznelken in den siedenden Essig, kocht die Kürbisstücke so lange, bis sie gar, aber nicht weich sind, legt sie in ein Glas und wenn sie gut abgekühlt sind, so gießt man den vorher tüchtig eingekochten und abgekühlten Essig darüber und verbindet mit Pergamentpapier oder Schweinsblase. Rezept zur Bereitung von Rhabarberwei«. „Zu je 5 Pfund dünn geschnittenen Stielen giebt man 2J/a Liter Regenwasser, bringt die Mischung in ein Holzgefäß und rührt dreimal täglich während einer Woche mit einem Holzstab um. Dann läßt man die Flüssigkeit durch ein weites Sieb laufen und setzt zu je drei Liter 5 Pfund weißen Zucker, den Saft von zwei Zitronen und die auf Zucker abgeriebene Schale einer Zitrone zu. In einem Fasse läßt man die Mischung gädren, klärt und füllt im März auf Flaschen. — Oder es wird der Säst aus den Stengeln gepreßt und auf je 4 Liter Saft 4 Liter Wasser und 7 Pfund brauner Zucker gegeben. Die Flüssigkeit läßt man vergähren. Redaktion: «. Burkhardt. — Druck tmb Verlag der Brühl'scheu UniverfitLtS-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Lrben) in Gießen.