MS W f ir Menschen gleichen einem fruchtbaren Regen; jeder von uns ist ein Wassertröpfchen. Nicht ein einzelner Tropfen, so groß er auch immer ist, macht das Feld fruchtbar; aber jeder, auch der kleinste, trügt dazu bei. Lafontaine. Nachdruck verboten. Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) Er war ganz fremd in die Stadt gekommen mit der Absicht, zunächst in einem Hotel abzusteigen. Da wurde ihm von einem Mitreisenden das Andreesche Haus empfohlen. Er beschloß, einen Versuch zu machen, und fand sich zunächst angenehm berührt von der feinen und zurückhaltenden Vornehmheit der Frau vom Hause. Er hatte nicht gern mit ungebildeten Leuten zu thun, aber er liebte es anderseits nicht, auf Gleichgestellte irgend welche Rücksichten nehmen zu müssen. Hier ließ man ihn unbehelligt seines Weges gehen. Mit Frau Andree verkehrte er rein geschäftsmäßig. Es stand ihm auch frei, seine Mahlzeiten einzunehmen, wo er wollte. Zum Mittagessen pflegte er mit seltenen Ausnahmen zu erscheinen, weil er die einfache und kräftige Hausmannskost der Restaurationsküche vorzog. Er nahm seinen Platz an der Tafel ein, erfüllte die Pflicht der Höflichkeit, indem er grüßte und eine etwa an ihn gerichtete Frage nicht unbeantwortet ließ. Zu oft wurde er damit nicht belästigt. Seine Würde und sein imponierendes Wesen flößten den alten Damen Respekt ein. Nur mit Martha unterhielt er sich gern. Ihre häusliche Tüchtigkeit, ihr weiblicher Takt nötigten ihm Achtung ab,- ihr Ernst und der leise Hauch von Poesie, der sie umschwebte und der seinem positiven Wesen eigentlich fernstand, zogen ihn an. Oft ruhten seine Blicke unbemerkt auf ihr, und es wollte ihm scheinen, als bärgen diese ernsten Augen, dieser melancholische Mund ein Rätsel. „Sind Sie immer so ernst gewesen, Fräulein Andree?" fragte er sie einmal. „Ich denke,- ich weiß es wirklich nicht. Ich habe nie darüber nachgedacht." Es kam ihr ganz seltsam vor, daß sich jemand mit ihr und ihrer Gemütsstimmung befasse. Er aber sann häufig darüber nach. Sie erschien ihm wie ein verschlossenes Buch,- und das war ihm interessanter als eines, in dem jedermann ohne weiteres blättern kann. Sie mochte wohl manches Trübe in ihrer Jugend durchgemacht haben und nicht dazu erzogen worden sein, fremden Leuten zwangsweise Gesellschaft zu leisten. Er erkundigte sich nach den Familienverhältnissen, nach ihrem Vater,- und da erfuhr er alles, was man bei dem plötzlichen Tode desselben gemutmaßt und sich erzählt hatte. „Ja," sagte einer, mit dem er darüber sprach, „es lief auch ein Gerücht um über einen jungen Schweden, den er geschädigt haben sollte." „Aber das war vollständig aus der Luft gegriffen!* wies man ihn zurecht. „Und Andree war ein Ehrenmann! Ja, Andree war ein Ehrenmann!" Und das war Dievenow lieb zu hören. Er wäre nicht gern in einer Familie geblieben, der ein Makel anhaftete. XII. Mit Martha selbst hatte Dievenow kaum je über Familienangelegenheiten gesprochen. Ihre Unterhaltung hatte sich meist um Alltagserlebnisse gedreht; zuweilen waren auch Themata abstrakter Natur zwischen ihnen verhandelt worden. Er war daher nicht wenig überrascht, als Martha eines Tages mit hochroten Wangen ins Eßzimmer stürzte und auf eine Depesche, die sie in der Hand hielt, deutend ausrief: „Denken Sie nur, Leonhard hat die Eins bekommen!" Sie hätte es in ihrer überströmenden Freudigkeit jedem erzählt, der ihr gerade in den Weg gekommen wäre, und nun war Dievenow der erste. Sie fügte auch sogleich beschämt wegen ihres übergroßen Eifers erläuternd hinzu: „Leonhard ist mein ältester Bruder." „Ich weiß es." „Es ist die einzige Eins bei der juristischen Prüfung überhaupt. Er hat nämlich Jurisprudenz studiert." Es war ihr jetzt zum Bewußtsein gelangt, daß Dievenow von dem allen vermutlich nichts wisse, und daß es von ihr sehr thöricht gewesen sei, zu verlangen, er solle an ihrer Freude teilnehmen. Zu ihrer Verwunderung jedoch antwortete Dievenow, indem er ihr mit leichtem Lächeln die Hand hinstreckte : „Ich gratuliere, Fräulein Andree. Ihr Liebling macht Ihnen viel Freude." „Mein Liebling? — Aber woher wissen Sie denn?" — fragte sie ganz befremdet. „Das würde jetzt unschwer zu erraten gewesen sein," erwiderte er, „aber ich wußte es schon längst. Sobald von Ihrem Bruder gesprochen wird, leuchten Ihre Augen." 410 Sie konnte sich kaum entsinnen, daß in Dievenows Gegenwart überhaupt die Rede auf Leonhard gekommen wäre. — „Ach!" meinte sie etwas verlegen. Wie er sie beobachtet hatte! Aber sie freute sich doch, daß er ein Interesse für Leonhard an den Tag legte. „Sie werden meinen Bruder bald kennen lernen. Er wird uns auf einige Tage besuchen. Dann hat er sich bis zum Oktober eine Stellung bei einem Rechtsanwälte in seiner Universitätsstadt gesichert, um nicht müßig zu gehen - und im Herbst tritt er als Freiwilliger hier ein." „Er hat noch nicht gedient?" fragte Dievenow. „Nein. Er ist sehr jung auf die Universität gekommen und hat sich dann zurückstellen lassen, um seine Studien nicht zu unterbrechen. Auf die Militärzeit freue ich mich." „Sie?"' „Ja- weil wir ihn dann oft sehen werden. Er wird Ihnen sicher auch gefallen." „Ich zweifle nicht daran," antwortete Dievenow höflich, und damit war für den Augenblick seine Teilnahme erschöpft. Zwei Tage später stellte sich Leonhard ein, frisch und blühend trotz der gehabten Prüfungsanstrengungen- überglücklich, sein Ziel erreicht zu haben, in einer Stimmung, daß er die ganze Welt hätte umarmen mögen. „Wenn Papa das erlebt hätte!" sprach Martha bewegt. „Du sollst sehen, Martha," rief Leonhard mit freudigem Selbstbewußtsein- ich werde ihm Ehre machen! Andree jun. wird auch ein tüchtiger Jurist- darauf verlasse Dich!" Marthas Augen leuchteten in freudiger Zuversicht. Vorläufig hatte Andree jun. den Kopf voll Tollheiten. In liebenswürdigem Uebermute brachte er die ganze Pension in Aufruhr: er setzte durch seine burschikosen Redewendungen den sörmlichen Dievenow in unwilliges Erstaunen und fand es ganz besonders belustigend, seine gestrenge Schwester zu necken, sie, die bisher so weit erhaben über alle Neckereien gewesen war, und die nun doch nicht verhehlen konnte, daß der Pseil des kleinen Liebesgottes ihr Herz getroffen habe. „So sieht also der Mann aus, der meiner großen Schwester gefährlich werden könnte," begann er einmal, indem er sie halb von der Seite musterte. Sie errötete heftig. „Aber Leonhard!" wehrte sie ärgerlich ab. „Er kümmert sich nicht um mich- und ich — nun ich leugne ja gar nicht, daß ich viel von ihm halte, aber von da bis zu — bis zu dem, was Du meinst, ist noch ein weiter Weg." „Natürlich!" stimmte Leonhard ganz ernsthaft bei. „Entschuldige Dich nicht so eifrig, Schwesterchen. Du kennst wohl das Sprichwort: Qui s’excuse —" „Nein, das ist zu arg!" zürnte sie. Sie wußte ja nur zu gut, daß ihr Bruder recht hatte. Jahr um Jahr hatte sie sich in quälerischer Sehnsucht an ihre Jugendschwärmerei angeklammert, die Augen geschlossen für die Vorzüge anderer Männer — es mochten sich wohl auch nicht gar viele dem armen, einsamen Mädchen genähert haben. — Jetzt zum erstenmale versuchte ein anderes Bild die mädchenhaften Züge des blonden Jünglings mit den innigen blauen Augen zu verdrängen- auch blond und blauäugig, aber doch so verschieden von dem ersten- nicht zart und weich, sondern kräftig und gestählt, stolz und hoch. Zu hoch für sie! so hoch, daß er ihr fast über der Liebe zu stehen schien, und daß sie schnell die Vision verscheuchte, ehe sie festere Gestalt anzunehmen begann. War es nicht genug an der einen Enttäuschung im Leben? „Fräulein Andree," sagte Dievenow eines Tages, „ich möchte Sie gern etwas fragen." Martha wandte langsam den Kopf. Sie saß am Fenster der Wohnstube und hatte den Blick auf die Straße schweifen lasten, wo bläuliche Dämmerung Häuser und Menschen zu umfangen begann. Dievenow war schon vor ein paar Minuten ins Zimmer getreten- und sie hatte gefühlt, daß seine Augen auf ihr ruhten. „Nun?" antwortete sie leise mit stockendem Atem. „Glauben Sie mir, daß es nicht Neugier, sondern warme Teilnahme ist, die mich zu meiner Frage veranlaßt- und zürnen Sie mir nicht, wenn ich etwa unbescheiden und zudringlich erscheine. — Ich habe Sie schon früher einmal gefragt, ob Sie immer so ernst gewesen wären —" Er hielt inne, nach Worten suchend. „Mein Vater starb, als ich siebzehn Jahre alt war- das erklärt alles," bemerkte sie einfach, da er noch immer nicht fortfuhr. „Ja und nein," erwiderte er bedächtig. „In Ihren Augen leuchtet ein Strahl von Schwärmerei, den ich nicht auf seine Rechnung setzen möchte, um Ihren Mund schwebt ein Hauch von Melancholie, von Resignation, für den ich auch eine andere Erklärung suche. Ich habe darüber manchmal nachgedacht. Darf ich Ihnen sagen, zu welchem Schlüsse ich gekommen bin?" Ihr Blick irrte am Boden umher. „Nein," wollte sie sagen, doch ließ er ihr nicht Zeit zur Antwort, sondern fuhr sogleich fort: „Ich glaube, Sie haben eine unglückliche Liebe gehabt, vielleicht schon vor Jahren, kaum dem Kindesalter entwachsen, und doch können Sie noch immer nicht darüber hinwegkommen." „O!" unterbrach ihn Martha lebhaft. „Das'letztere ist falsch. Den Anfang haben Sie richtig erraten- das Ende nicht. Ja, ich habe einmal jemand sehr lieb gehabt und er mich auch. Dann ist er ohne Abschied von mir gegangen und hat mich vergessen, und ich hab' ihn auch vergessen, und alles ist längst, längst verschwundrn. Er ist in die weite Welt gegangen auf Nimmerwiedersehen —" Dievenow war nicht völlig bet der Wahrheit gebieben. Er hatte den Vorgang nur zum kleinsten Teil erraten, die Hauptsache hatte ihm Leonhard auf sein Befragen erzählt. Es war inzwischen dunkel geworden im Zimmer. Er konnte Marthas Gestchtszüge nicht mehr unterscheiden- er hörte nur ihre vor Erregung zitternde Stimme, aus der eine Liebe sprach, die sich in Haß verkehrt, und hätte sie umarmen und an sein Herz drücken mögen dafür, daß sie so leidenschaftlich bemüht war, ihn zu überzeugen, daß ihr Herz frei sei, — frei — für ihn?-- „Wirklich, Fräulein Martha? wirklich?" flüsterte er. „Ja — wirklich," bestätigte Martha, „das darf Sie nicht wundern. Wieviel hatte er meinem Vater zu verdanken. Er war ohne alle Angehörigen, ein junger Schwede" — Dievenow zuckte zusammen — „und uns schnöde zu verlassen, gerade als Papa starb und wir ins Unglück gekommen waren." Ein junger Schwede! Was war es, das ihm in dieser Stunde mit zwingender Gewalt den Mund schloß, der sich eben öffnen wollte zu einer großen, wichtigen, glückbringenden Frage? Eine lange Stille trat ein. Immer inniger umspann das Dunkel die beiden, die einander schweigend gegenüberstanden. Schweigen ringsum. Nur die Uhr tickte, und von der Straße herauf drang das Geräusch der vorüberrollenden Wagen. Verwirrt und erwartungsvoll fühlte Martha, wie die Augenblicke langsam zu Minuten wurden- — und noch immer kein Wort. Es war Dievenow eingefallen, ein junger Schwede wurde mit Gerüchten in Zusammenhang gebracht, die über Marthas Vater im Umlauf gewesen waren. Und das führte ihm mit einem Schlage deutlich vor die Seele, wie unüberlegt er eben zu handeln im Begriffe gewesen war, er, der besonnene, der korrekte Dievenow! Was würden die Seinen, die vornehme, stolze, begüterte Bremer Patrizierfamilie wohl gesagt haben, wenn er ihnen eine Frau ins Haus gebracht hätte, deren äußere Lebensbedingungen so wenig den seinen entsprachen? Nicht was das Vermögen anbetraf- darüber würde man sich schließlich hinweggesetzt haben. Aber im übrigen. Die undurchsichtigen Familien- 411 Verhältnisse. War er es nicht ihnen, nicht sich selbst schuldig, sich erst zu vergewissern, daß wirklich und wahrhaftig kein Makel an der Familie haftete? Immer Mehr verdichtete sich das Dunkel, und peinlich lastete das Schweigen auf Martha. Endlich ergriff Dievenow Marthas Hand. „Ich danke Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit," murmelte er und verließ das Zimmer. Martha wußte nicht wie ihr geschehen. Sie stand mit gesenktem Haupte, mit niederhängenden Armen. Dann preßte sie die glühenden Wangen in stummem Schmerze gegen die Fensterscheiben. War das Glück wieder einmal an ihr vorübergegangen? Das Zusammentreffen mit Dievenow bei den gemeinsamen Mahlzeiten gestaltete sich in den nächsten Tagen außerordentlich peinlich. Martha mußte ihre ganze Selbstbeherrschung aufbteten, um den beobachtenden Blicken nicht anders zu erscheinen als sonst,- und auch Dievenow hatte in seinem Benehmen an Sicherheit verloren. Es fiel daher Martha wie ein Alp vom Herzen, als er eines Tages beim Mittagessen verkündete, er werde übermorgen seine längst geplante Urlaubsreise nach der Schweiz antreten. Er wisse noch nicht, wie lange er bleibe, und werde seine Ankunft vorher melden, erklärte er. Frau Andree ließ sein Zimmer in der gewohnten Ordnung. Martha aber glaubte ihn zu verstehen- er würde nicht wiederkommen. Ein zweites Scheiden auf Nimmerwiedersehen, und diesmal war sie es, die dem Abschied auszuweichen trachtete. Und unablässig grübelte sie darüber nach, was wohl die Veranlassung zu seinem seltsamen, unerklärlichen Benehmen gegeben haben könne? War es wirklich denkbar, daß er ihr die Jugendliebe, die sie ihm auf seine Frage so aufrichtig gebeichtet hatte, nicht verzeihen konnte? War er nicht ganz ruhig geblieben bei ihren Eröffnungen? Noch immer klang ihr der weiche Ton seiner Stimme im Ohr. Und dann während sie weiter erzählte, hatte er sich plötzlich von ihr abgewandt- alle Wärme war aus seiner Simme verschwunden. Es war, als sei etwas zwischen sie getreten, und mit wehem Herzen fragte sie sich wieder und wieder, ob cs die Gestalt ihres Jugendgeliebten gewesen sei, oder was sonst? Was sonst? — Bange Frage ohne Antwort. — Nur eins war sicher: das Glück war wieder an ihr vorüber gegangen. Sie hatte keine Ahnung, wieviel auch seine Gedanken bei ihr weilten. Die Großartigkeit der Natur, die ihn umgab, erweiterte für den Augenblick seinen Gesichtskreis und ließ die engherzigen Bedenken, die ihm daheim so unüberwindlich geschienen, verschwinden und zerflattern wie Spreu im Winde. Ueberall wo er ging und stand, begleitete ihn das Bild mit den ernsten, braunen Augen. Fragend und traurig mit stummem Vorwurfe sahen diese Augen ihn an. Und er verstand diesen Vorwurf, er hatte sich in ihr Vertrauen gedrängt und war dann plötzlich ohne Aufklärung zurückgewichen. Hatte er in diesem Falle korrekt gehandelt, wie er sich immer zu lhun rühmte? War er sich nicht ihr gegenüber einer Schuld bewußt? Diese Schuld mußte gesühnt werden. Und was das Sonderbare war: es erschien ihm Plötzlich merkwürdig leicht, sie zu sühnen. Mit einem schnellen Entschlüsse packte er seinen Koffer und kehrte volle acht Tage vor Ablauf seines Urlaubs in die Heimat zurück. (Fortsetzung folgt.) Die Pflege des kindlichen Gehörorganes. ------- (Nachdruck verboten.) Den Gehörorganen des Kindes sollten die Eltern eine besondere Fürsorge zuwenden, weil durch Vernachlässigung derselben leicht ernstere Störungen entstehen können. So ist es notwendig, die Gehörgänge jeden Morgen von der überschüssigen Menge des Fettes, des sogenannten Ohrenschmalzes, welcher sich in den Gehörgängen tagsüber angesammelt hat, zu befreien, sonst erhärtet das Ohrenschmalz leicht zu dicken Pröpfen und es entstehen dann Ohrensausen und Plötzlich eintretende Schwerhörigkeit, welche man sich oft nicht zu deuten weiß. Zur Reinigung des Ohres darf aber kein Instrument benützt werden, weil das Hineinfahren mit starren Körpern gefährlich ist und man nicht weiß, wie weit man im Gehörgang Vordringen darf, ohne das Trommelfell zu verletzen. Auch Wasser soll nicht in die Gehörgänge hineingebracht werden, denn dasselbe erregt, namentlich, wenn es mit Seife vermischt ist, leicht eine entzündliche Reizung der Auskleidung des Gehörganges. Die Reinigung der Gehörgänge darf nur mit einem Tuche, welches man in Form einer Wicke zusammendreht, erfolgen. Aelteren Kindern soll man diese Prozedur selbst überlassen, weil das eigene Tastgefühl des Kindes sie am besten vor Verletzungen tieferer Partien des Gehörganges schützt. Das Ohrenschmalz kann nun in zu großer oder zu geringer Menge abgesondert werden. In letzterem Falle leiden die Kinder an einer großen Sprödigkeit der Haut des Gehörganges und infolgedessen an einem lästigen Jucken in den Ohren. Um dasselbe zu stillen, greifen dann solche Kinder zu allen möglichen Dingen, die ihnen in die Hände geraten, um sich in die Ohren hineinzufahren und durch Kratzen oder Bohren die unangenehme Empfindung zu mildern. Das ist aber ein gefährliches Manöver, und man soll es bei den Kindern nicht vulden. Mit Vorliebe werden von den Kindern Notizbleistifte, welche mit Knöpfen versehen sind, zum Kratzen in den Ohren verwandt. Schon oft ist es vorgekommen, daß sich der Knopf des Bleistiftes bei den Kratzbewegungen im Gehörgange von dem Stifte losgelöst hat, als Fremdkörper im Gehörgange stecken geblieben und hier schwere Entzündungen und Eiterungen veranlaßt hat. Man muß vielmehr suchen, den Zustand der Trockenheit, die Veranlasserin der Juckungen zu beheben und dies geschieht am einfachsten und sichersten dadurch, daß man den Gehörgang mit einem Wattewickel oder einem feinen Haarpinsel, welche man in irgend eine indifferente Salbe eintaucht, auspinselt. Das soll zwei bis drei Mal wöchentlich geschehen. Als Salbe benutzt man am besten entweder Borvaselin oder Lanolin-Cr^me oder Goldcream. Sehr häufig kommt es vor, daß Kinder sich fremde Gegenstände ins Ohr stecken. Das erste, was nun die Eltern thun ist, daß sie den Kopf verlieren im Glauben, das Kind bekomme sofort eine Gehirnentzündung, wenn der Fremdkörper nicht rasch genug entfernt wird, daher mit allen möglichen Instrumenten den Fremdkörper zu entfernen suchen und dadurch die Sache erst recht schlimm machen. Die Vorstellung, ein Fremdkörper im Ohre müsse ohne weiteres Gehirnstörungen machen, ist ebenso irrig, wie die, daß ein Fremdkörper in der Nase Erstickung bedingen müsse. Hier heißt es also zunächst kalt Blut bewahren und nichts übereilen. Fremdkörper im Ohre sind, da hierbei nur das äußere Ohr in Mitleidenschaft gezogen wird, in der Regel ungefährlich. Sie werden es aber, wenn mit allen möglichen Zangen, Scheren, Häkchen re. daran herummanipuliert wird, dadurch Blutungen entstehen, der Körper immer weiter hereingetrieben und das Trommelfell verletzt wird. Man hat es daher strenge zu meiden, den Fremdkörper mit irgend welchen Instrumenten entfernen zu wollen. Man versuche, ob nicht durch Schütteln des Kopfes der Fremdkörper von selbst herausfällt, allenfalls versuche man durch vorsichtiges Ausspritzen des Ohres den Gegenstand zu entfernen. Gelingt dies nicht, so suche man ärztliche Hilfe auf. Dies gilt zunächst, wenn es sich um massive Körper, wie Glasperlen, Schuhknöpfe, handelt. Sind dagegen quellbare Gegenstände ins Ohr gelangt, wie Erbsen oder Getreidekörner, so muß davor gewarnt werden, das Ohr naß auszuspritzen, weil dadurch die Quellung vermehrt wird. Hier ist das einzig richtige, sofort ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bekannt ist, daß durch körperliche Züchtigungen, durch die sogenannte Ohrfeige eine Verletzung der Gehörorgane und zwar eine Durchlöcherung des Trommelfelles entstehen kann. Derartige Züchrigungen sollten also am besten ganz unterlassen werden. Irrtümlicherweise 412 wird Übrigens angenommen, daß ein schwacher Schlag auf das Gehörorgan ungefährlich fei; es kann vielmehr auch bet einem ganz leichten Hieb gegen das Ohr, sobald der Gehörgang luftdicht verschlossen ist, ein Riß des Trommelfelles eintreten. Es kommt hier besonders die verschiedene Dicke des Trommelfelles in Betracht. Verwerflich ist demnach selbst ein nur leichtes Zuschlägen der Ohren mit beiden Händen. Von Krankheiten, welche nachteilig auf das Gehörorgan wirken, kommen in erster Linie Nasenkatarrhe in Betracht. Diese wirken schädigend auf die Leitung vom Nasenrachenraum gegen das Mittelohr und das Trommelfell ein, und die Kinder werden dabei oft schwerhörig. Stets soll das Kind durch die Nase atmen. Abgesehen davon, daß es nur dann reine und im Winter warme Luft einatmet, neigt es auch weniger zu Erkältungen und Schwerhörigkeit. Die Kinder, die durch den Mund atmen, erhalten ost Anschwellungen im Nasenrachenraum, die auf das Gehör einwirken. Dr. V. Der Nutzeffekt des Radfahrens. ------- (Nachdruck verboten.) Der Unterschied zwischen der Entfernung, die von einem Menschen beim Gehen mit einem Schritt und von einem Radfahrer mit einer Umdrehung des Pedals gemacht wird, ist geradezu erstaunlich, ohne daß hierbei die große Ersparnis an Muskelkraft in Betracht gezogen ist. Wir setzen die Einrichtung eines Zweirades (Niederrad) als allgemein bekannt voraus, erwähnen hier nur, daß durch die Uebersetzung, d. h. dem Verhältnis des Kettenrades im Hinterrad zum Kettenrad im Vorderrad die Geschwindigkeit des Radfahrers beeinflußt wird. Hat z. B. das vordere Kettenrad 24, das hintere 8 Zähne, so macht das Rad während eines Pedaltrittes drei Umdrehungen, bei einem Durchmesser von 60 Zentimeter würde das Rad demnach 3 X 60 x 3,14 ----- ca. 5>/, Meter zurücklegen. Sollte nun ein Fußgänger mit einem Schritt dieselbe Entfernung durchmessen, so müßte er eine Höhe von ca. 10 Meter besitzen, würde aber trotzdem bei einem Wettlauf mit einem Radfahrer den kürzeren ziehen, weil seine Kraft früher erlahmen würde. Unsere Illustration zeigt das Verhältnis zwischen einem Radfahrer und dem Fußgänger, außerdem aber ein Hochrad ohne Uebersetzung, das bei einem Pedaltritt die gleiche Entfernung zmücklegen würde, wie ein Niederrad in unserer gewöhnlichen Uebersetzung. Gein-inirütztges. Jeld und Karten. . Im Gemüsegarten steht jetzt das Ernten im Vordergründe des Interesses. Man nimmt schon reife, frühe Kartoffeln und reife Zwiebeln aus, erntet Gewürzkräuter, Wurzeln und Kochgewächse, muß aber auch gründlich bewässern, behacken, behäufeln und dem Ungeziefer zu Leibe gehen. Namentlich sind jetzt die Eier und späterhin die Raupen des Kohlweißlings abzusuchen, welche sich sonst in der verderbenbringendsten Weise in den Kohlpflanzungen verbreiten. Im Obstgarten beginnt die Ernte des frühen Obstes, schwerbeladene Aeste werden mit Stützen versehen, Spaliere sorgfältig angeheftet und Fallobst gewissenhaft gesammelt und vernichtet. Die Bäume der Frühjahrs- und Herbstpflanzung sind immer noch, namentlich soweit sie nicht üppig wachsen wollen, reich zu bewässern, wo es angängig ist, auch ihre Kronen in den Abendstunden tüchtig auszuspritzen. Welche Wassermengen der Gartenboden nötig hat, um die verschiedenen Gewächse zum fröhlichen Gedeihen zu bringen, davon macht sich der Nichtgärtner selten eine richtige Vorstellung. — Gar mancher meint, es habe nun „endlich genug geregnet," während der Gärtner seufzt unter der Trockenheit, die in den tieferen Schichten des Bodens herrscht. Th. Kirchberger in Weilburg an der Lahn ist der Ansicht, daß in jeden Garten ein Wassermesser gehört, mit Hilfe dessen festgestellt werden kann, wieviel es geregnet hat. Auf Grund einer einfachen Berechnung weist er nach, wieviel Wasser nötig ist, um den Gartenboden richtig zu durchwässern. Der sehr lesenswerte Aufsatz ist in der neuesten Nummer des praktischen Ratgebers enthalten, die Gartenfreunden kostenfrei zugeschickt wird vom Geschäftsamt in Frankfurt a. O. Jür die Küche. Erprobte Vorschriften für die Bereitung von Obstlikörenr 1. Johannisbeerlikör (Cassis). Schwarze Johannisbeeren kommen zerquetscht in einen Glasbehälter, werden mit dem gleichen Gewicht guten Branntweins übergossen, worauf das Gefäß, gut verschlossen, vier Wochen in die Sonne oder an einen warmen Ort gestellt wird. Hierauf läutert man guten Hutzucker in */a bis 3/s des Beerengewichts und setzt ihn dem filtrierten Safte zu, welcher in gut verkorkten Flaschen bis zum Genüsse aufbewahrt wird. — 2. Likör aus schwarzen Johannisbeeren und Heidelbeeren. 2 Kilo schwarze Johannisbeeren, 1 Kilo Heidelbeeren bleiben, mit 10 Gramm gebrochenem Zimt und mit 5 Liter gutem Branntwein überschüttet, in einem gut verschlossenen Glasgesäß vier Wochen stehen. — 3. Quitten-Likör. Reife Quitten werden geschält, entkernt, auf einem Reibeisen zerkleinert und der Saft abgepreßt. Auf 2 Liter Saft nimmt man 1^/, Liter Branntwein, 1 Kilo Zucker, 10 Gramm Zimt, 5 Gramm Gewürznelken und 50 Gramm bittere Mandeln. Diese Mischung stellt man drei bis vier Wochen in ein Glasgefäß an, filtriert den Likör und füllt ihn auf Flaschen. Ein hochfeiner Lckör und besonders ein Liebling der Damen. — 4. Birnen-Likör wird in ganz derselben Weise hergestellt wie Quitten-Likör. — 5. Nuß-Likör. In 2% Liter Branntwein setzt man 1 Kilo grüne, unreife Walnüsse in Stückchen zerschnitten an und läßt sie drei bis vier Wochen stehen. Dem filtrierten Saft werden nun 20 Gramm Zimt und 10 Gramm Gewürznelken zugesetzt und bleiben mit ihm nochmals acht Tage stehen. Nachdem der Saft nochmals filtriert, setzt man nun auf den Liter 250 Gramm geläuterten Zucker zu und füllt den nun fertigen Likör auf Flaschen. Er ist einer der feinsten Fruchtliköre. Äeboltton: 6, Burkhardt. — Druck und Berlag der Brühl'schen Univerfitätl-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.