1899. MM «K ü» "MW BMdgh lÄotr »!•_ «hü OäffifeOM Zum Astngstftst 1899. Es lag vom Zauberschlaf umfangen, Noch jüngst die Welt, Dornröschen gleich - Da kam der holde Lenz gegangen, Ein Königssohn, an Kräften reich: Der herzt und küßt aus tiefem Schlummer Das Märchenkind voll Jugendmacht . . . In Jubel löst sich Leid und Kummer: Die linden Lüfte sind erwacht! Traut zwitschern nun die Schwalben wieder . . . Zum Flieder lockt der Finken Schall, Im Weißdorn singt so süße Lieder Die minnefrohe Nachtigall . . . Ein Psalm des Danks rauscht durch die Lüfte, Von Lerchenkehlen dargebracht - Und Knospenhauch und Blumendüfte, Sie säuseln und weben Tag und Nacht . . . Und wo ein Gram die Freude dämpft, Heut' soll er Linderung erfahren - Und wo ein Herz mit Zweifeln kämpft, Heut' muß sich Gott ihm offenbaren - Pfingstgeister, erdenwärts gesandt, Den Treuerfundenen Trost zu spenden, Sie brausen über Strom und Land, Sie schaffen an allen EndenI Sie spiegeln in den Taukristallen Des Lichtes Regenbogenglanz - Sie schmücken Au'n und Waldeshallen Mit köstlich buntem Blütenkranz - Sie heilen sieghaft jede Wunde, Mit ihrer Botschaft Wundertrank- Pfingstfreudig klingt's aus jedem Munde: O frischer Duft, o neuer Klang! .... Und aller Werktagslärm verhallt . . . Der Selbstsucht irre Stimmen schweigen . . . Wie Orgelklang rauscht's durch den Wald, Froh flüstert's in den Maienzweigen: Die Liebe, die den Tod bezwang, Will heut ihr göttlich Werk vollenden - Nun, armes Herze, sei nicht bang, Nun muß sich alles, alles wenden! . . . Alwin Römer. (Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Dreiundzwanzigstes Kapitel. Mord. Ich konnte über Deacons Geschichte nicht mit mir einig werden. Es ist manchmal, als hätte der Mensch zwei Willen, die in ihm kämpfen, der eine sagt „ja", der andere „nein". Ich glaubte ihm, denn seine Erzählung klang wahrscheinlich und hatte eine wesentliche Bestätigung ihrer Wahrheit in dem Zeitungsartikel- außerdem aber konnte er keinen Beweggrund haben, eine derartige Geschichte zu erfinden. Ich mißtraute ihm aber zugleich, da ich nicht klar über seinen Charakter war und das, was ich von diesem wußte, mir nicht gefiel. Ein weniger rechtschaffen denkender Mann in meiner Lage, der wie ich, viel gewinnen, aber nichts verlieren konnte, würde die Sache überlegt, Deacon genau ausgeforscht, die Angelegenheit als Spekulation betrachtet und Pläne zur Auffindung der Insel geschmiedet haben, gleichviel welcher Art dieselben gewesen wären. Leichtsinnig und sorglos, wie der Seemann ja sprichwörtlich ist, würde er sich dabei nur gesagt haben: ist das Gold da, dann bin ich ein reicher Mann, ist es nicht da, dann ist eben auch nichts verloren. Bei mir lag die Sache anders: teils hatte ich Deacon nicht gern, teils waren meine Gedanken anderweit gefesselt, und schließlich konnte ich mich auch, ohne einen bestimmten Grund dafür zu haben, doch eines instinktiven, gelinden Zweifels an der ganzen wunderbaren Geschichte nicht erwehren. Ich schenkte ihr deshalb keine weitere Aufmerksamkeit. Vielleicht würde es anders gewesen sein, wenn ich im Vorderkastell und in derselben Wache mit Deacon geblieben wäre. Vierzehn Tage nach dem Passieren der Linie hatten wir zwei Erlebnisse, welche beide geeignet sind, das Leben auf See zu illustrieren. Eines Tages wurde ein Schiffsjunge, ein blasser, zart aussehender Bursche, aber wegen seiner Dienstferttgkeit und Munterkeit ein Liebling der Mannschaft, vom alten Windwärts gerufen, um einige Fettflecke aus dem Deck zu schaben, die sich beim Hauptmaste befanden. Es war kurz vor Mittag, und ich war auf diese Zeit auf Deck, um Beobachtungen für unsere Gradmessungen zu 286 — machen. Der Kapitän hatte entdeckt, daß ich mit Navigations- Berechnungen gut Bescheid wußte und hatte mich daher beauftragt, ihn stets bei Mittagshöhe der Sonne mit meinem Sextanten zu erwarten. Der Junge, welcher auf den Knieen lag und schabte so gut er konnte, wurde vom Maat gescholten, daß er das Deck beschädige. Er antwortete, die Flecke gingen sehr tief, und er müsse scharf kratzen, um sie herauszubrtngen. //Ich sage dir, daß du das Deck beschädigst; ich will dich Prügeln, du Kröte, daß du am Leben verzagen sollst, wenn du frech bist." „Aewer seihn Se sülwst, Str, bat Deck is hart Itn ik kann de Flägg nich rute kregen, ahn scharp tau schaben." „Was, du willst dich verantworten, du Lümmel, du!" brüllte der Maat, an ihn herantretend. „Du hast wohl den meuterischen Hunden vorn was abgelernt?" Dabei schlug er mit der geballten Faust den Jungen an den Kopf, daß er umfiel wie ein Klumpen Blei und ihm gleich das Blut aus Nase, Mund und Ohren lief. Es waren gerade Leute in der Mitte der Brigg an einem Segel beschäftigt, als der Junge den Schlag erhielt und zusammenbrach; sie blickten wild herüber und ließen ein Murren hören. Der Maat sah sich nach ihnen um und, bei dem Jungen stehen bleibend, befahl er ihm, sich aufzurichten und mit seiner Arbeit fortzufahren. „Keine Verstellung! Auf mit dir!" schrie er, „ich kenne deine Kniffe. Auf deine Kniee und wieder angefangen, oder ich werde dich an den Fersen aufhängen mit dem Kopf nach unten, und dann magst du so schaben." Damit gab er dem armen, kleinen Kerl noch einen Fußtritt. Dies war mehr, als Fleisch und Blut ertragen konnten. „Fort mit Ihrem Fuß!" schrie ich. „Sehen Sie nicht, daß der Knabe bewußtlos ist?" „Mit wem sprechen Sie?" donnerte er mich an, während Wut und Mord aus seinen Augen sprühten. Der Kapitän stand gleichgültig mit dem Sextanten in der Hand dabei. „Sie haben den Knaben so geschlagen, daß er die Besinnung verloren hat," sagte ich- „und ihn jetzt noch mit dem Fuß zu stoßen, ist eine wahre Bestialität." „Ueber Bord sollst du fliegen, du Knote!" brüllte der Maat, sich wie ein Rasender geberdend. „Ich werde dir die Knochen im Leibe zerbrechen, du Landtölpel, du!" Ich legte den Sextanten eilig nieder und zog den Rock ab. „Wenn Sie bis auf eine Elle herankommen, so schlage ich Sie kurz und klein," sagte ich. Die Leute hatten inzwischen sowohl das Segel wie ihre Arbeit auf dem Vorderdeck verlassen und sammelten sich hinten. „Kapitän Franklin," kreischte der Maat, schäumend vor Wut, „befehlen Sie, daß er in Eisen gelegt wird, sehen Sie nicht, was seine Absicht ist? Wenn Sie das durchgehen lassen, wird die Brigg genommen werden. Dieser verfluchte Hund ist der Rädelsführer!" Ich hatte mich fest auf meine Beine gestellt, ihn zu empfangen, und meine Faust war bereit, auf sein Gesicht niederzuschmettern, aber der Schurke, welcher einen Knaben schlagen konnte, hatte nicht den Mut, mit mir anzubinden. „Ziehen Sie Ihren Rock an und nehmen Sie Ihren Sextanten ans," sagte der Kapitän barsch zu mir, zu Mr. Sloe aber: „ich wünsche Ruhe, alles übrige wird sich finden," und zu den Leuten: „Was wollt ihr hier? Fort an eure Arbeit! Tragt den Jungen in seine Hängematte, ein Scheuerbesen hierher!" Ich gehorchte den Befehlen des Kapitäns, und der Maat ging sogleich nach hinten. Kaum war der noch immer bewußtlose Knabe nach vorn gebracht, als Miß Franklin auf Deck kam. Als sie das Blut erblickte, stutzte sie, sah mit entsetzten, weit aufgerissenen Augen darauf hin, dann nach mir, dann rückwärts nach dem Maat, und lief dann zu ihrem Bruder. Nach kurzem Geflüster mit diesem kehrte sie in die Kajüte zurück. Ich hatte das Gefühl, daß das Drängen der Leute nach hinten und die Erinnerung au die Szene, wo der Maat von ihnen niedergeschlagen worden war, mich gerettet hatte. Vielleicht war es auch ein plötzlicher Widerwille gegen die viehische Rohheit des Maats, und Furcht vor den Folgen des dem Knaben erteilten Schlages, was den Schiffer zur Unthätigkeit veranlaßt hatte. Gewiß ist, daß, wenn der berichtete Vorfall vor der ersten Auflehnung der Mannschaft stattgefunden hätte, sich Kapiiän und Maat einmütig auf mich gestürzt haben würden,' ich würde mit Eisen an den Beinen bei Wasser und Zwieback eingesperrt und schließlich in Sydnky unter Anklage der Meuterei vor Gericht gestellt worden sein. Der schwerste Schlag für den Maat war, daß der Kapitän stillschweigend meine Partei genommen hatte. Er sagte später nichts zu mir über meine Einmischung- aber die finsteren, haßerfüllten Blicke, die er mir zuwarf, verrieten mir, daß er auf Rache sann. Sein Benehmen veranlaßte mich zur Wachsamkeit gegen einen hinterlistigen Angriff seinerseits. Ich hatte an diesem Tage während der ersten Hundswache den Dienst auf Deck und nach der ersten Viertelstunde bemerkte ich gerade vor uns Rauch am Horizont. Ein frischer Seitenwind jagte diesen den Klüsen gegenüber die See entlang. Ich dachte, daß es ein heimfahrender Dampfer sei, und daß wir einander bald begegnen würden. Unter dieser Annahme ging ich nach hinten, um zu sehen, ob auch die Signal-Leinen klar und die Signale im Flaggen Kasten zur Hand wären. Einem nach der Heimat steuernden Schiff zu begegnen, ist auf See immer ein bemerkenswertes Ereignis für ein nach auswärts segelndes Fahrzeug. Man denkt daran, daß der Fremde unseren Lieben in der Heimat Nachricht von unserem Wohlbefinden bringen wird. Ich lächelte traurig über meine Eile, nach hinten zu laufen, um alles klar zum Signalisieren zu machen. Niemand wartete daheim auf Kunde von mir. Es gab auch kein einziges Augenpaar in ganz England, das um meinetwillen freudig aufgeleuchtet hätte bei der Nachricht, daß die „kleine Lulu" in dem und dem Breitengrad gesehen worden und an Bord alles wohl war. Ich hielt das Glas unausgesetzt auf die Stelle gerichtet, wo der Rauch seinen Herd hatte, vermochte aber weder Schornstein noch Spieren zu entdecken- ich begann deshalb zu glauben, daß es ein denselben Kurs mit uns steuerndes Dampfschiff von sehr geringer Fahrt sei, dem wir uns allmählich näherten. Nach einer Weile brachte mich die zunehmende Dicke der horizontalen Rauchsäule auf einen neuen Gedanken. „Es sieht wie ein brennendes Schiff ans, Sir," sagte ich zu dem Kapitän, welcher auf Deck gekommen war und sich über die Verschanzung lehnend den Ranch ebenfalls betrachtete. ,,Was soll es denn anders sein?" erwiderte er schroff, ohne nach mir hinzusehen. Dies war so dann und wann sein Benehmen gegen mich seit dem Streit mit dem Maat. Es ging eine ganze Stunde hin, ehe der Rumps des brennenden Schiffes in das Gesichtsfeld des Glases trat. So gut ich zu erkennen vermochte, war es, nach dem Schnitt seiner Backen zu urteilen, ein großes nordamerikanisches Schiff. Es sah aus wie eine kleine vulkanische Insel. Der Rauch stieg schwarz wie Tinte in dichten Massen empor und zog am Horizont entlang wie der Schatten einer Küste. Ich ließ mein Auge über das Wasser schweifen, um zu sehen, wo seine Boote wären- aber nicht das kleinste Fleckchen war sichtbar. Einerseits um den Rauch zu vermeiden, anderseits um einen deutlicheren Anblick des Schiffes zu erhalten, 287 brachten wir dasselbe durch eine Drehung des Rades um eine oder zwei Speichen auf unseren Lee-Bug. Alle Leute kamen an die Schanzkleidung, um es zu betrachten- sie bildeten mit ihrer bewegungslosen Haltung, ihren ernst dreinschauenden, bärtigen Gesichtern und ihrem leisen Geflüster die Passendsten Zuschauer sür das ebenso erhabene als furchtbare Schauspiel. Die Sonne lag schon fast auf dem Spiegel der See, als wir das Schiff längsseit bekamen- wir braßten in den Wind und drehten bei. Miß Franklin kam herauf, trat zu mir und fragte mich ängstlich, ob ich glaubte, daß noch jemand an Bord des Schiffes sei. Ich antwortete ihr, daß ich das für unmöglich hielte - denn kein lebendes Wesen könne in solchem Rauch existieren. Die Boote wären fort, aller Wahrscheinlichkeit nach wäre also die gesamte Bemannung schon lange abgesegelt. Die untergehende Sonne warf ihre letzten Strahlen auf den dichten Rauch und färbte ihn mit einem schmutzigen Rot. Ich dachte, der Pfuhl der Hölle könne keinen erstickenderen, entsetzlicheren Qualm ausspeien. Obgleich wir uns noch eine gute Meile leewärts vom Schiffe befanden, war das Krachen seiner Spieren, das Zischen der glühenden Segel, der Raaen und des Tauwerks beim Niederfallen ins Wasser unserem Ohr deutlich vernehmbar. Manchmal wurde der Rauch dünner, und die Flammen züngelten zum Himmel empor. Wenn diese zusammensanken, quoll der Rauch wieder mit neuer Gewalt hervor, nicht in Säulengestalt, sondern in Reihenfolge wolkenförmiger Massen. Es war ein tief ergreifender Anblick- denn für das Auge eines Seemanns liegt etwas Menschliches in der Hilflosigkeit eines Schiffes, welches langsam von der mörderischen, rasenden Bestie — Feuer — verzehrt wird. Die Sonne ging unter, und die Dunkelheit brach schnell herein- aber meilenweit war das Meer erleuchtet durch die ungeheure Fackel, welche infolge der Spiegelung im Wasser doppelt groß erschien. Der Kapitän war jedenfalls von dem Anblick ebenso benommen wie wir anderen- denn kein Ton entschlüpfte ihm. Bis neun Uhr wüteten die Flammen, dann fingen sie an in sich zusammenzufallen, und wir glaubten, das Schiff würde nun sinken, als es plötzlich in die Luft flog. Es sah aus, als würde es emporgehoben und das Meer speie die ganze Feuermasse auf einmal in die Höhe- mittägliche Helle herrschte weit und breit - hoch in der Luft wirbelten die Funken und leuchteten die Bruchstücke des Wracks wie riesige Kerzen in den Händen wild durcheinander tanzender Geister. Dann, rasch zurückfallend aus den Lüften, versank es im Wasser und wie eine Vision war das glänzende Schauspiel verschwunden. Finster und leer lag wiederum die weite See, nur im Zenit flackerten die Sterne. „Alle Wetter!" muß da ein Haufen Schießpulver drin gewesen fein !" hörte ich den Maat zum Kapitän sagen. Darauf wurden die Raaen umgebraßt, und die Brigg steuerte wieder ihren Kurs. (Fortsetzung folgt.) Die Pfingstüberraschmig. Eine tragikomische Festgeschichte von Friedrich Thieme. ----------- (Nachdruck verboten.) „Nun, Müller, wieder von der Psingstreise zurück?" Der junge Mann, dem die Frage galt, zog eine grimmige Miene. „Na nu? Was ist denn das?" riefen die Stammtischgenoffen verwundert. „Du machst ja ein Gesicht wie drei Tage Hagel — das Wetter konnte doch nicht schöner sein — und Ihr seit erst seit Weihnachten verlobt —" Müller seufzte. „Hört Nur, wie es mir ergangen ist", erklärte er mit kläglichem Blick. „Und dann sagt mir, ob der Mensch wohl in der Welt größeres Pech haben kann". „Los, los", erscholl es im Kreise, und der Alterspräsident des Stammtisches rief mit Stentorstimme „silentium für pp. Müller, er hält Vortrag über seine Pfingstreise". Müller zündete sich eine Zigarre an, stärkte sich durch einen kräftigen Zug und begann: „Ihr wißt, meine Braut wohnt bei ihren Eltern in Weimar. Nun ist meine Zeit als Buchhalter der Kltemannschen Zigarrenfabrik eine knapp zugemessene, und ich finde höchstens dreimal im Jahre, Weihnachten, Ostern und Pfingsten Gelegenheit, meine Braut zu besuchen, denn von Frankfurt nach Weimar ist's immerhin eine tüchtige Strecke. Nun stand jetzt wieder einmal Pfingsten vor der Thür, und ich will es nur gestehen, ich hatte mich schon wochenlang auf die Reise und die süßen Stunden mit meiner Eva gefreut. Da — was geschieht ein paar Tage vorher? Mein Chef erhält die Nachricht von einer gefährlichen Erkrankung seines Bruders in Hamburg. Natürlich mußte er sofort abreisen, und mit meinem Festurlaub war es vorbei. Resigniert setzte ich meine Braut von dem Zwischenfall nebst seinen unerbittlichen Folgen in Kenntnis und tröstete mich mit dem Gedanken baldiger dauernder Vereinigung. Eva schrieb auch sofort zurück, wie sehr ihr mein Ausbleiben zu Herzen gehe, das ganze Fest sei ihr dadurch verdorben, doch wolle sie sich, um mir die Erfüllung meiner harten Pflicht nicht noch schwerer zu machen, mit Geduld in das Unvermeidliche fügen. Du Armer, erklärte sie, wirst ein trostloses Fest feiern ohne Deine Eva, und uns wird es nicht besser ergehen! So glaubte ich alles in bester oder vielmehr schlimmster Ordnung, als unerwartet zwei Tage vor dem Feste mein Chef zurückkehrte mit der Botschaft, sein Bruder sei Gott sei Dank auf dem Wege der Besserung, es sei nur ein schnell vorübergehender Anfall gewesen, und er sei daher unverzüglich zurückgefahren, um mir meine Reise noch zu ermöglichen. Ihr könnt Euch denken, Kinder, wie mir das Herz lachte. Du willst, dachte ich bei mir, Deiner Braut gar nichts schreiben, Du willst sie überraschen! Sie denkt, Du kommst nicht — ha, was wird sie für Augen machen, wenn Du plötzlich zur Thür hereintrittst! Kurz sollte die Freude freilich nur sein, denn ich hatte nur die beiden Feiertage Zeit. Am dritten Feiertag früh mußte ich wieder zur Stelle sein, da es gerade alle Hände voll zu thun giebt. So setzte ich mich den Pfingstsonntag früh — das heißt die Nacht um 4 Uhr — auf die Bahn und fort ging es, der traulichen Residenz im Thüringerlande zu. Meiner Ungeduld bewegte sich der Schnellzug viel zu langsam. Immer wieder malte ich mir Evas freudige Ueber- raschung aus, wenn sich plötzlich die Thür öffnete und der Geliebte auf der Schwelle stünde. Schon einige Stationen vorher fing ich an, mich zum Aussteigen zurecht zu machen, und von der letzten an stand ich, meine Reisetasche in der einen Hand, den Stock in der anderen, marschbereit vor der Koupeethür. Endlich — Hurrah! Nun rasch ausgestiegen — fort nach der Kurtstraße! Der Weg war weit, aber der Tag schön- wie ein Pfeil flog ich mit meiner Tasche am Museum, am Schiller- und Göthedenkmal vorbei — da grüßte schon der alte gute Wieland, — nun stand ich herzklopfend vor meiner Herrin Haus. Das Dienstmädchen, das mir die Thür öffnet, schaut mich bestürzt an — ich winke ihr zu, zu schweigen, schleiche auf den Zehen nach der Stubenthür — klopfe an — herein!" — „Guten Tag, meine Lieben!" Schwiegermutter, Schwiegervater, Schwager Fritz, Schwägerin Helene, alle zur Stelle, bloß Eva fehlt. WaS ist das? Alle blicken wie erstarrt — „Ja, was ist denn los? Um Gotteswillen, 's ist doch nichts passiert?" „Passiert ist gerade nichts", erwiderte mein Schwiegervater, mir herzlich die Hand entgegenstreckend. „Nur — nur Eva. —" „Nun? „Ist nach Frankfurt gefahren, um Dich zu überraschen!" „Ach, Ihr ewigen Götter!" - 288 Mir sank das Herz, um den landesüblichen hochpoetischen Ausdruck zu gebrauchen, in die Kniee. „Nach Frankfurt ist Eva?" „Ja, nach Frankfurt. Du weißt, daß vor kurzem eine uns befreundete Familie dorthin gezogen ist, bei dieser wollte sie sich einquartieren, dort solltet Ihr Euch die Feiertage aufhalten. Es that ihr leid, daß Du daS Fest so einsam und traurig verleben solltest, da beschloß sie, Dir eine recht freudige Ueberraschung zu bereiten — heute früh 4 Uhr ist sie abgefahren!" „Nein, so ein Pech!" stöhnte ich, „was ist da zu thun?" „Ja, was ist zu thun?" rief der Schwiegervater, der sich doch des Lachens über den tragikomischen Zufall nicht enthalten konnte. „Nichts anderes, als abzuwarten — bleibe ruhig bei uns, morgen kommt Eva sicher zurück, wenn sie erfährt, daß Du hier bist" — „Aber ich habe nur bis morgen abend Zeit — gerade wenn sie morgen hier eintrifft, muß ich wieder abreisen —" „Das ist freilich schlimm Ich dachte einen Augenblick nach. Plötzlich faßte ich einen raschen Entschluß. „Guten Morgen hab' ich gesagt", sagte ich, „so laßt mich gleich mein Lebewohl daran anknüpfen. In einer halben Stunde geht ein Zug nach Frankfurt, ich reise gleich zurück, um 6 Uhr bin ich wieder dort und kann so wenigstens noch den morgigen Tag mit Eva zusammen sein. Adieu, adieu, adieu!" Die Adresse der befreundeten Familie kannte ich — also vorwärts, nach dem Bahnhof, ohne rechts und links zu schauen! Ehe eine halbe Stunde verging, saß ich schon wieder im sausenden Dampfzuge. Gott sei Dank, wir kommen rasch vorwärts! In Eisenach erfrischte ich mich mit einem delikaten Würstchen und einem Glas Kulmbacher, ich hatte ja eine halbe Stunde Zeit, beides zu konsumieren. Nun schnell in den Schnellzug umgestiegen — weiter, weiter! Schon sind wir in Bebra, und mein Zug setzt sich nach kurzem Aufenthalt von neuem in Bewegung, da fährt ein anderer auf dem zweiten Geleise, eben im Begriff, einzufahren, mit halber Schnelligkeit an ihm vorüber. Ich sehe aus dem Fenster und betrachte mürrisch die Passagiere, die neugierige Blicke nach uns hinüber werfen — täuschen mich meine Augen oder — nein wahrhaftig, dort sitzt Eva, meine Braut, just im Begriffe, nach Weimar zurückzufahren! Sie auf der Rückfahrt, ich auf der Rückfahrt — auch sie erkennt mich, errötet erst, dann erblaßt sie, wir nicken und lächeln einander zu, werfen einander Küsse zu — vorbei, vorbei! DaS war unsere wohlgelungene beiderseitige Festüberraschung, versteht Ihr? Denn den zweiten Tag nochmal nach Weimar zu fahren, hätte doch keinen Zweck gehabt, ich hätte mich ja kaum ein paar Stunden aufhalten können, und dafür war mir der Spaß doch zu teuer!" Die Stammtischfreunde lachten, daß ihnen die Thränen in die Augen kamen. „Das war freilich ein Reinfall", erklärte der Alterspräsident. »Warum ' hast Du denn nicht depeschiert, Freundchen?" „Ja, wer kann denn annehmen, daß sie gleich wieder zurückfahren wird", brummte ärgerlich der so schmählich um seine Festfreude gekommene Bräutigam. „Na, da Hilst nichts, als gute Miene zum bösen Spiele machen", trösteten ihn die andern, und der Alterspräsident fügte lachend hinzu: „Nur Geduld bis Weihnachten, alter Junge, da gleicht sich alles wieder aus. Sicherlich werdet Ihr da nicht wieder aneinander vorbeifahren". Gemeinnütziges. Silber auf Messing. Um eine schöne Silberfarbe auf Messing zu erzeugen, werden in einem gut glasierten Gefäße 46 Gramm Weinstein und 4 Gramm Brechweinstein in 1 Liter heißem Wasfer gelöst, welcher Lösung weitere 50 Gramm Salzsäure, 125 Gramm granuliertes oder noch besser gepulvertes Antimon zugegeben werden. Man erhitzt das Ganze zum Kochen und taucht die zu überziehenden Gegenstände ein. Nach höchstens halbstündigem Kochen sind dieselben mit einem schönen, glänzenden und dauerhaften Ueberzuge zu versehen. Oelfreie Stempelschwärze. 100 Gramm Tanninschwarz werden in einer Mischung von 100 Teilen Wasser und 200 Teilen Glyzerin unter Anwendnng von Wärme, im Wasser- oder Sandbade, durch fleißiges Rühren unterstützt, aufgelöst. Die Auflösung bildet eine syrnpdicke Flüssigkeit, die zum Gebrauche, ohne sich abzuscheiden oder zu schimmeln, aufbewahrt werden kann. Die Eigenschaft des Tanninschwarz, sich in jedem Gewichtsverhältnisse im Wasser aufzulösen, macht es vorzüglich geeignet zur Herstellung von sofort schwarz und leicht aus der Feder fließender und haltbarer Tinte. Man erhält durch Auflösen von einem Teil Tanninschwarz in 15 Teilen Wasser Kopiertinte, in 30 Teilen Wasser Kanzleitinte, in 40 Schnltinte; bei Kopiertinte setzt man 1 Teil Gummi oder Zucker zu. Das Saucieren des Rauchtabaks. Die gebräuchlichsten Ingredienzien zum sogenannten Saucieren des Rauchtabakes sind: Roseuholzwurzel, Nelkenholz, Paradieskörner, Muskatnüsse, Zimmt, Veilchenwurzel, Vanille, Peccothee rc. Es genügt aber nicht, diese Stoffe dem Tabake einfach beizumischen, sondern sie müssen in einer Destilierblase mit Wasser- überzogen werden, und zwar nur bis zu dem Punkte, wo das feine Aroma abzunehmen beginnt; und nicht blos die Riechstoffe, sondern auch die zu behandelnden Tabakblätter müssen in geeigneten Verhältnissen gemischt werden, z. B. 4 Teile Portorico, 3 Teile Domingo nnd eben so viel gelbe Blätter deutschen Tabaks. Gold- oder Silbertinte zu bereiten. Zur Bereitung von Goldtinte rührt man 2 Teile Goldbronze feinst mit 1 Teil Gummi arabicum zusammen und verdünnt nach Wunsch mit Wasser. Silbertiute: Gleiche Teile Blattsilber und schwefligsaures Kali werden durch anhaltendes Abreiben mit Wasser geschlemmt nnd dann etwas feingeriebenes Silber und, nach Bedarf, Gummi arabicum und Wasser zugesetzt. Hninsmstisches. Auf der Wohnungssuche. Student A.: „Weshalb handelst Du denn so sehr? Es ist doch egal, ob das Zimmer nun 20 oder 22 Mark kostet." — Student B: „Das verstehst Du nicht; wenn ich handle, so denkt die Frau doch wenigstens, daß ich bezahle." * * * Fatal. Junger Untersuchungsrichter: „Sind Sie verheiratet?" — Angeklagter (gemütlich): „Na, das müssen Sie doch wissen, Herr Assessor ... Sie sind ja meiner Frau noch 2 Mark für Wäsche schuldig!" * * * Welche Freude. Sonntagsjäger (zu einem Treiber, den er angeschossen): „Wie heißen Sie?" — Treiber: „Kern." Sonntagsjäger (freudig): „Ah, da hab' ich ja'n Kernschnß gethan!" * ch Vor dem Tigerkäfig. Großpapa: „Du brauchst Dich nicht zu ängstigen, Karl, der Tiger tobt nur deshalb ffo, weil er bald gefüttert wird." — Karl: „Ach, Großpapa, ich habe keine Angst, Papa macht's ja g'rade so, wenn das Fleisch nicht fertig ist." Webattion: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen ilniverfitäi-.Buch. und Stemdr-ulerei (Pietsch Erbeut in Gieße».