1899. MX | I fr Wi totm fgg|& J” i'i (p □£®S MWÄM WWk MH Zum Sonntag. te Sonne sank, der Abend naht Und stiller rvird's auf Straß' und Pfad, Und süßer Friede, Ruh und Rast Folgt auf des Tages Sorg und Last. Es schweigt der Wald, es schweigt das Thal, Die Vöglein schweigen allzumal, Sogar die Blume nicket ein Und schlummert bis zum Tag hinein. Der Abendstern mit güldnem Schein Blickt in die stille Welt hinein, Als rief er jedem Herzen zu: Sei still, sei still, und schlaf auch du. Hoffmann v. Fallersleben. Schuldig. Erzählung von F. Arnefeldt. ------- (Nachdruck verboten.) I. Ich dächte, wir könnten ganz froh sein, daß wir endlich die Rechte gefunden haben. Eine bessere ist nicht aufzutreiben- das mußt Du doch selbst sagen." „Ja, das ist cs eben, daß gar so wenig an ihr auszusetzen ist. Darüber könnte ich manchmal rasend werden." Nun mußte der alte Herr, obwohl er sonst weit mehr zum Ernste neigte, als dazu, die Dinge von der komischen Sette zu nehmen, doch laut auflachen. „Das ist ein Vorwurf, der wohl nicht leicht gegen jemand erhoben wird," sagte er. „Und doch ist es einer, der gar nicht leicht wiegt und wohl bessere Beachtung verdiente!" rief die Dame und zog die dunklen, scharf gezeichneten Brauen finster zusammen. Die Heiterkeit ihres Gatten schien sie zu verletzen. Kommerzienrat Helldorf schaute auch schon wieder ganz ernsthaft darein und fuhr fort: „Da wir nun einmal bei der Angelegenheit sind, so laß sie uns ordentlich durchsprechen, Eugenie. Fräulein von Kressen —" „Fräulein von," unterbrach ihn seine Frau, das Gesicht verziehend, als habe sie eine übelschmeckende Arzenei zu verschlucken. „Schon dieser Titel ist lästig." „Den kanntest Du, als Du sie engagiertest, und er schien Dir damals durchaus kein Hindernis,- im Gegenteil—" »Willst Du mich schon wieder auf ein Wort festnageln, das ich damals hingeworfen haben mag?" fiel sie in gereiztem Ton ein. „Es mag sein, daß ich gesagt habe, ich setzte bei einer Erzieherin aus einer adligen Familie besonders gute Manieren voraus." „Und besitzt Fräulein von Kressen die etwa nicht?" fragte der Kommerzienrat schnell. „Gewiß, wie überhaupt alle Vollkommenheiten," war die höhnische Antwort. Unbekümmert darum fuhr er fort: „Ist sie nicht anspruchslos, bescheiden und vom günstigsten Einfluß auf Hermine? Wenn Du sie entließest —" „Aber ich denke ja gar nicht daran!" rief die Frau Kommerzienrätin, die es heute besonders darauf abgesehen zu haben schien, ihren Mann keinen Satz ausreden zu laffen. „Ich lehne mich nur auf gegen die Vergötterung, die allgemein mit ihr getrieben wird, und suche wenigstens durch mein Verhalten das notwendige Gegengewicht zu schaffen." „Das ist vernünftig, das lobe ich!" sagte mit beifälligem Nicken der Kommerzienrat. „Der ewige Wechsel war unerträglich. Wir haben jetzt endlich Ruhe und wissen Hermine gut aufgehoben." Das noch immer schöne und interessante, aber sehr bleiche Gesicht der Kommerzienrätin verzog sich zum Weinen und sie seufzte: „Ich verstehe den Vorwurf, der in Deinen Worten liegt, sehr gut, Konstantin! Ich sollte die Erziehung meiner einzigen Tochter selbst leiten können, dazu keiner fremden Hilfe bedürfen! Ach, Du hast ja recht! Niemand beklagt das schmerzlicher als ich! Aber —" Sie vollendete nicht und sank wie gebrochen in ihren Lehnstuhl zurück. Der Kommerzienrat, der bisher im Zimmer auf und ab gegangen, war sogleich an ihrer Seite, legte den Arm um ihre Schulter und streichelte ihre schlaff herabhängende, krankhaft weiße, von blauem Adergeflecht durchzogene Hand. „Aber meine liebe Eugenie! Wie kannst Du nur so etwas denken!" rief er. „Wie würde ich Dir solche Anstrengungen zumuten!" „Es wäre meine Pflicht und meine größte Freude!" erwiderte sie mit einem traurigen Aufschlag der schwarzen Augen, in denen ein unruhiges Feuer brannte. „Glaube mir, Konstantin, das quälende Gefühl, dieser Aufgabe nicht selbst genügen zu können, sie einer Fremden überlassen zu müffen, trägt nicht wenig dazu bei, mich gegen diese reizbar und vielleicht auch ungerecht zu machen." Dankbar für ein Zugeständnis, zu welchem die stolze und sehr verwöhnte Frau sich nicht so leicht herbeizulassen 470 — pflegte, küßte der Kommerzienrat ihre Hand und sagte liebkosend und gleichzeitig beschwichtigend: „Rege Dich nicht auf, Eugenie. Selbst wenn Du ganz gesund und kräftig wärest, würde der Zuschnitt unseres Hauses es Dir doch unmöglich machen, Hermine unter Deine spezielle Obhut zu nehmen. Sie ist ein eigenartiges Kind, das der beständigen Aufsicht bedarf." „Eigensinnig, verzogen durch meine Schuld," entgegnete sie schon wieder übellaunig. Jetzt gab sich in seiner Stimme doch eine leichte Ungeduld kund, als er, ihre Hand aus der seinigen lassend, erwiderte: „Du solltest meinen Worten eine solche Deutung nicht geben, Eugenie, und Du weißt auch recht gut, daß Du mir damit unrecht thust. Es ist mir nie eingefallen, Dir aus Deiner Liebe für die einzige Tochter einen Vorwurf zu machen, selbst wenn Du darin bei Hermine, wie auch bei Adalbert, etwas zu weit gehen solltest," setzte er zögernd hinzu. So vorsichtig die Aeußerung gethan war, fuhr sie doch auf: „Ich muß sie doch schadlos halten für das, was ihnen an Vaterliebe mangelt," sagte sie giftig. „Aber Eugenie!" „Willst Du leugnen, daß Du Hans den beiden anderen weit vorziehst?" „Ja, das leugne ich nicht nur, sondern das erkläre ich für durchaus unwahr!" antwortete der Kommerzienrat, und sein Gesicht nahm jetzt den entschiedenen, energischen Ausdruck an, den es im Geschäftsleben trug, den aber seine von ihm sehr geliebte und arg verzogene Gattin nur selten an ihm zu sehen bekam. Ec setzte sich in geringer Entfernung von ihr auf einen Stuhl und fuhr fort: „Meine drei Kinder sind mir ganz gleich lieb; der Unterschied zwischen den beiden Söhnen ist nur, daß ich mit Adalbert öfter ein ernstes Wort reden muß, während Hans mir eigentlich nie Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben hat." „Ja, er ist ein Mustermensch," bemerkte die Kommerzien- rättn spöttisch. „Es kommt freilich viel auf die Auffassung an. Nicht jeder Vater wäre so ohne weiteres zufrieden, wenn sein Sohn —" „Lassen wir das, Eugenie, es führt wirklich zu nichts, darüber zu reden!" sagte, die Stirn in finstere Falten legend, der Kommerzienrat. Freundlicher fuhr er fort: „Wir sind also hinsichtlich Fräulein von Kressens ganz einverstanden. Sie bleibt —" „Das heißt, so lange sie mir nicht ernsten Anlaß zur Unzufriedenheit giebt!" fiel seine Frau ein. „Das versteht sich von selbst. Aber sie wird es nicht thun. Es ist ja über sie nur eine Stimme. Hermine hat sich so wunderbar an sie gewöhnt und hängt an ihr, Hans hat sie gern, und Adalbert nennt sie sogar den Friedensengel." Die Kommerzienrätin war während der Rede ihres Gatten unruhig auf ihrem Stuhl hin und her gerückt und hatte nur mit Mühe an sich zu halten vermocht. Jetzt brach sie in Thränen aus. „D mein Gott, mein Gott! So weit ist es schon gekommen! Und das wagst Du mir ins Gesicht zu sagen! Meinen Mann, meine Kinder raubt sie mir. Auch die Dienstboten folgen ihren Winken! Ich bin eine Null im Hause!" Sie redete sich immer mehr in ihren Zorn hinein. Lauter und kreischender wurde ihre Stimme. Der Kommerzienrat hatte diesem Ausbruch verwundert, aber doch mit jener Gelassenheit zugeschaut, die Zeugnis dafür gab, daß derartige Auftritte für ihn nicht zu den Seltenheiten gehörten. „Aber Eugenie, welche Uebertreibung!" mahnte er kopfschüttelnd. Sie hatte sich schon wieder gefaßt und sagte jetzt mit weicher Stimme und bittendem Blick: „Vergieb, Konstantin! Ach, ich bin ein krankes, hilfloses Geschöpf, habe Mitleid, habe Geduld mit mir!" Er streichelte ihre Wangen, auf welchen jetzt eine dunkle, ungesunde Röte brannte und redete ihr zärtlich, wie einem Kinde zu. „Ich liebe Dich ja so sehr, mein Konstantin," flüsterte sie, sich an ihn schmiegend, „und der Gedanke, daß eine andere — „Nicht weiter!" unterbrach er sie. „Du beleidigst Dich und mich und — “ „Ja, ja, Du hast recht!" stimmte sie ein. „Ach, wenn ich gesund wäre, würde vieles anders sein!" „Du könntest es sein oder wieder werden," redete er ihr zu. „Die Aerzte, die wir zu Rate gezogen haben, sagen übereinstimmend, Deine Krankheit liege nur in den Nerven. Wenn Du Dich etwas mehr zusammen nehmen wolltest." Sie lachte bitter: „Was die Aerzte nicht alles sagen! Lassen wir es gut sein. Ihr werdet mich schon so nehmen müssen wie ich bin. Allzulange werdet Ihr die Last nicht mehr zu tragen haben, das fühle ich hier!" Sie preßte die Hand auf das Herz, und ihrem Gatten blieb nichts übrig, als sie mit Liebkosungen und guten Worten zu beschwichtigen. Als er glaubte, daß ihm dies gelungen sei, zog er die Uhr aus der Tasche und sagte! „Jetzt ist es aber die höchste Zeit, daß ich gehe, die Börsenstunde hat bereits geschlagen. Auf Wiedersehen, liebe Eugenie." Seiner Frau Hand und Stirn küssend, entfernte er sich und atmete draußen tief und wie befreit auf, denn der in dem mit aller erdenklichen Eleganz und feinstem Geschmack ausgestatteten Gemach herrschende Duft von allerlei Essenzen legte sich beklemmend auf die Brust des gesunden, kräfttgen Mannes. — Die Kommerzienrätin Helldorf war die zweite Gattin ihres Mannes. Konstantin Helldorf hatte das von seinem Vater unter dieser Firma begründete Bankgeschäft übernommen und auf dessen Wunsch die Tochter eines Geschäftsfreundes geheiratet, die ihm ein großes Vermögen zugebracht hatte. Obwohl es keine schwärmerische Liebe gewesen, welche die Gatten zu einander geführt, hatten sie doch in durchaus guter, friedlicher Ehe mit einander gelebt, die leider nur von kurzer Dauer gewesen war. Frau Helldorf hatte einem Sohne das Leben gegeben und war, nachdem alles glücklich überstanden, im Wochenbett plötzlich einem Herzschlag erlegen. Konstantin hatte sie aufrichtig betrauert, nach kaum zweijähriger Witwerschaft aber einen zweiten Ehebund geschloffen, für den bei ihm keinerlei andere Rücksichten als die aufrichtigste Liebe maßgebend gewesen war. Eogenie Wegenberg, eine Verwandte seiner ersten Gattin, die auch zur Zeit von deren Tode bei ihm im Hause gewesen, war ganz arm, aber von großer Schönheit und einem sehr liebenswürdigen, einschmeichelnden Wesen. Das Glück, das er sich von diesem Ehebunde versprochen, hatte sich freilich nicht einstellen wollen. Eugenie zeigte bald eine große Reizbarkeit und maßlose Ansprüche. Ihre Gatte vermochte die letzteren zu befriedigen, denn er ward mit jedem Jahre reicher, war durch Orden, wie durch den Titel Kommerzienrat ausgezeichnet worden und hätte den Adel erlangen können, wenn sein schlichter Sinn nicht einer solchen Standeserhöhung abhold gewesen wäre. Ganz ebenso dachte sein Sohn erster Ehe, Johannes, der den Beruf des Vaters erwählt hatte, ihm bereits eine kräftige Stütze im Geschäft war und sein ebenbürtiger Nachfolger zu werden versprach, während Adalbert, der Sohn zweiter Ehe, ganz gern das „von' vor seinen Namen gesetzt haben würde. Er studierte Jura und Staatswissenschaften, und sein Ehrgeiz, noch vielmehr aber der der Mutter, ging dahin, daß er die diplomatische Laufbahn einschlagen solle. Vorläufig genoß er freilich als Korpsstudent in vollen Zügen 471 das Leben und ward darin von der Kommerzienrätin unterstützt, die ihrem Liebling nichts abzuschlagen vermochte. Noch mehr als den Sohn hatte sie freilich die Tochter verzogen, die sie erst zehn Jahre nach Adalberts Geburt ihrem Manne geschenkt hatte. Seit dieser Zeit kränkelte sie fortwährend und ihre Reizbarkeit hatte sich in einem Grade gesteigert, daß ihre Umgebung schwer darunter litt und man es ihr, was auch geschah, um ihre Launen zu befriedigen, selten recht machen konnte. Da sie unfähig war, die sehr lebhafte und von ihr im höchsten Grade verwöhnte kleine Hermine viel um sich zu dulden und sie mit krankhaftem Eigensinn darauf bestand, das Kind dürfe eine öffentliche Schule nicht besuchen, so mußte eine Erzieherin ins Haus genommen werden. Damit war aber eine neue Klippe für den ohnehin so sehr gefährdeten Hausfrieden geschaffen. Hermine gehorchte keiner Erzieherin und hatte einen Rückhalt an der Mutter, die ein Vergnügen darin zu finden schien, der Fremden, der sie ihr Töchterchen doch nun einmal anvertrauen mußte, das Leben so sauer wie möglich zu machen. Wiederholt kam es zu stürmischen Auftritten, bei denen der Kommerzienrat sich in die peinliche Lage versetzt sah, den Schiedsrichter zwischen der Gattin und der Erzieherin zu machen. • Das Ende vom Liede war- immer, daß die letztere ihr Bündel schnürte und die schöne, aber für sie reckt ungastliche Villa Helldorf in der Bellevuestraße in Berlin verließ, in die sie vor einigen Wochen mit ganz anderen Erwartungen eingezogen war. Seit ein paar Monaten schien nun diesem unerquicklichen Zustande, unter dem sämtliche Hausgenossen gelitten hatten, eine Ende gemacht zu sein durch den Eintritt von Felicitas von Kressen, die das kleine Mädchen, das ihr zuerst mit Trotz und Widersetzlichkeit begegnete, durch Güte wie durch Ernst und Festigkeit zu bezwingen und sich sogar sehr anhänglich zu machen gewußt hatte. Hermine klagte die Erzieherin bei der Mütter nicht mehr an, sondern zeigte ihr Liebe und Vertrauen, und ent« fesselte dadurch in der Brust der Kommerzienrätin den Dämon der Eifersucht. Das Herz ihres Kindes sollte sich keiner anderen zuneigen- was es dieser Fremden gab, war der Raub an ihr. Dabet blieb es aber nicht- Felicitas gab dem zur Eifersucht so sehr geneigten Gemüte ihrer Herrin noch ganz andere Nahrung. Der Kommerzienrat und seine beiden Söhne waren der jungen Dame dankbar für das Behagen, das sie ihnen bereitete, hielten mit ihrer Anerkennung nicht zurück und begegneten ihr mit derjenigen Zuvorkommenheit und Hochachtung, auf die sie vermöge ihrer ganzen Persönlichkeit die begründetsten Ansprüche hatte. Das vermochte Frau Helldorf nicht zu ertragen. Sie ärgerte sich über jedes freundliche Wort, das ihr Gatte an die Erzieherin richtete, über jede Artigkeit, die ihr durch Adalbert erwiesen wurde, und grollte ihr sogar darüber, daß Hans aufmerksam gegen sie war, obwohl sie den Stiefsohn durchaus nicht liebte. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, ihr Mann ziehe ihn den Kindern zweiter Ehe vor und beneidete ihn auch um das Vermögen, das er von seiner Mutter geerbt und das sich unter der umsichtigen Verwaltung des Vaters bedeutend vermehrt hatte. Ob sie liebte oder haßte, gleichviel, sie wollte von allen angebetet sein und niemand neben sich dulden. — (Fortsetzung folgt.) Der Herzog kommt! Eine Theatergeschichte aus der Hundstagszeit. Von Edmund May. ---—- (Nachdruck verboten.) In Saalfeld in Thüringen im Theatersaale des Herrn Zapfe spielte Ende der achtziger Jahre eine Gesellschaft, welche fast durchweg aus Mitgliedern größerer Bühnen bestand, die für den Sommer sich zusammengethan hatten, um unter der Leitung eines bekannten Bühnenleiters die saure Gurkenzeit zu überdauern. Der Direktor, ein alter Bekannter von mir, traf mich nach Beendigung der Saison in Berlin und erzählte mir in guter Stimmung seine Erlebnisie. „Der Sommer hat mir" — so begann er seine Schilderung — „wie üblich wieder viel Sorgen gemacht. Von einem Gagetage zum andern mußte ich mich abmühen und quälen, um die paar Pfennige zusammenzubringen, die ich den Mitgliedern aüszuzahlen hatte. Auf welch raffinierte Weise aber ein Direktor in der Provinz, lieber Freund, es versuchen muß, Einnahmen zu erzielen, das hat mir Saalfeld aufs neue bewiesen. Der Gagetag stand vor der Thür, und die Geschäfte gingen miserabel. Manche Einnahmen brachten mir nicht die Tageskosten, und ich sah das drohende Gespenst des Krachs vor mir auftauchen. Da hörte ich, der Herzog von Meiningen wolle nach langer Abwesenheit seine liebe und getreue Stadt Gaalfeld besuchen. Auch die Freifrau von Heldburg, seine hohe Gemahlin, würde ihn begleiten. Ganz Saalfeld war in Aufregung, man dachte womöglich noch weniger ans Theater als sonst, und drei Tage vor der Ankunft des Herzogs kam ich infolge Vorbereitung einer Novität nicht zum Spiele». Es wurden große Empfangsfeierlichkeiten geplant und am Abend der Ankunft seiner Hoheit war ganz Saalfeld am Bahnhof, und bis in die Nacht hinein währte der Trubel. Für den nächsten Tag hatte ich eine Vorstellung zu Ehren der Anwesenheit Sr. Hoheit angesetzt und sah mich schon wieder „Schneider" werden. In der Nacht reifte in mir ein Plan, wie ich am nächsten Tage das vielköpfige Ungeheuer ins Theater locken wollte. Mit dem Frühesten, als meine Mitglieder noch alle in Morpheus Armen lagen, ging ich in die Druckerei, ließ mir auf Atlas einen Zettel der Abendvorstellung abziehen und erzählte dabei beiläufig, daß ich mich beim Hofmarschall habe melden lassen, und Hoheit bitten wollte, mir die Ehre seines Besuches im Theater zu schenken. Sodann ging ich in die vornehmste Möbelhandlung, suchte zwei wunderbare Polstersessel aus, um sie später in die erste Reihe des Sperrsitzes zu stellen, wobei ich selbstverständlich die Bemerkung fallen ließ, daß die beiden Sessel für den Herzog und seine Gemahlin bestimmt seien, die voraussichtlich die Vorstellung mit ihrem Besuche beehren würden. Sodann warf ich mich in meinen Frackanzug und trollte mich aufs Schloß. Der Herzog, welcher gerade von einem Ausfluge zurückgekehrt war, schlief, und der Hofmarschall — ein sehr liebenswürdiger Herr — empfing mich. Der Weg aufs Schloß (— keine Straße ließ ich unberührt —) währte von meiner Wohnung aus mindestens 25 Minuten, obwohl ich den Weg in fünf Minuten ganz bequem hätte zurücklegen können- aber dann hätten mich die lieben Einwohner von Saalfeld nicht gesehen, und wenn ein Theaterdirektor mit Chapeau claque und Frack in der Stadt umherläuft und der Herzog weilt zum Besuch in der Stadt, dann weiß man doch, „was los ist". Und die Neugier der lieben Saalfelder wollte ich ja erregen. Der Hofmarschall, nachdem ich ihm gesagt hatte, daß ich dem Herzog als dem Protektor der dramatischen Kunst persönlich die Einladung zur heutigen Vorstellung überbringen wollte, machte mich darauf aufmerksam, daß Hoheit schliefe, er aber gern der Dolmetscher meines Gesuches sein wolle. Das könne er mir aber schon vorher sagen, daß Hoheit nicht kommen könne, da Hochdiefelben am Abend in Gesellschaft seien und das Diner, zu welchem die Einladung bereits angenommen sei, sehr lange dauern könne. Jedenfalls erwiderte ich ihm, hätte ich es doch für meine Pflicht gehalten, wenn Se. Hoheit in der Stadt anwesend sei, eS nicht zu versäumen, um die Ehre seines Besuches zu bitten, auch wenn ich im Voraus überzeugt wäre, daß anderweitige Einladungen und Festlichkeiten ihn abhielten, sich den Musentempel Saalfelds auch einmal anzusehen, da Se. Hoheit doch vor allem es sei, in dem die Schauspielkunst ihren eifrigsten Förderer und 472 — Schützer zu sehen hätte. Vom Schlüsse aus ging ich ins Hotel zum blauen Hirsch zurück — diesmal brauchte ich dreißig Minuten — wo die ledigen Herren der besseren Gesellschaft zur Mittagstafel immer versammelt waren. Als ich den Speisesaal betrat, kam natürlich der Wirt sofort auf mich zu: „Nun, Herr Direktor, wo kommen Sie in so feierlichem Aufzuge her?" Und ich erwiderte mit gewichtiger Miene: „Ich war zu Hoheit aufs Schloß befohlen". „Nanu? fragte mich der intelligente Wirt, „wie kommt denn .das? Will Hoheit denn heute das Theater besuchen?" Ich erwiderte ausweichend, Hoheit wollte sich nur über die Besetzung des Stückes informieren, und erzählte, daß der Herzog zum Diner eingeladen sei, und wen» es ihm möglich wäre, wollte er noch zum zweiten oder dritten Akt ins Theater kommen. Auf welch teuflische Gedanken verfällt ein armer Direktor nicht, wenn er Geld braucht, um die Gage zahlen zu können. — Im Nu war es im ganzen Städtchen herum. „Heute abend kommt der Herzog ins Theater". Um sechs Uhr war schon alles ausverkauft. Herr Zapfe gab seine besten Teppiche her, damit wir sie vom Hauseingang auf die Straße legen konnten. Alles wartete mit Spannung der Dinge, die da kommen sollten. Meine Mitglieder selber glaubten an den hohen Besuch und sahen sich schon sämtlich als Herzoglich meiningensche Hosschauspieler,- alles war in festlich gehobener Stimmung. Bei Eintritt der Dunkelheit illuminierten sämtliche Häuser der Straße, wo der Herzog durchkommen mußte,- das Publikum, welches die Vorstellung besuchte, war in festlicher Toilette, die Herren im Frack oder Gesellschaftsanzug, die Damen in Balltoilette, so daß ich mir schließlich selber einredete, „der Herzog kommt vielleicht doch!" Es war natürlich auch bekannt geworden, daß Hoheit erst nach dem ersten oder zweiten Akt kommen würde, und mein liebes Publikum hatte für die Vorstellung gar keinen Sinn. Sowie die Thür zum Saaleingang sich öffnete, drehte alles wie auf Kommando den Kopf nach hinten. Nach dem zweiten Akt ließ ich durch einen mir befreundeten Herrn die Nachricht verbreiten: „Hoheit hätten abgesagt!" Nun hätten Sie die Enttäuschung auf allen Gesichtern sehen sollen, lieber Freund! aber mein Zweck war erreicht. Das Haus war ausverkauft, und die Gage hatte ich beisammen. Am nächsten Tage, wie ich in das Hotel zum blauen Hirsch komme, sagte mir der freundliche Gastwirt: „Na hören Sie, Direktor, das haben Sie aber gut gemacht,- ganz Saalfeld war ja rebellisch. Die Illumination hat mich allein circa zwanzig Mark gekostet. Aber zum zweiten Mal falle ich nicht drauf rein, wenn Sie mir sagen: Der Herzog kommt!" GEeinnÄtzigss«. Mlumenpflege. Lotheerstecklinge. Wie und wann macht man Lorbeerstecklinge? Dieselben macht man im Sommer nach der erfolgten Ausreifung des Triebes. Man steckt die Stecklinge in Handkästen, die mit Mistbeeterde, auf die man eine 2 bis 3 Zentimeter hohe Sandschicht gebracht hat, gefüllt sind. Die Kästen stellt man in ein kaltes Mistbeet nahe unter dem Glase auf, wo die Kallusbildung bald vor sich geht. Die Wurzeln werden sich in den meisten Fällen jedoch erst im nächsten Frühjahr bilden. Man bringt die Stecklinge zu diesem Behufe auf einen warmen Untergrund, welches Verfahren bei allen harten Herbststecklingen zu empfehlen ist. Giebt man nach dem Stecken sofort Bodenwärme, dann bildet sich zwar eine große Menge Kallus, der jedoch der Wurzelbildung sehr hinderlich ist. Die Ueberwinterung der Sreck- linge kann im Kalthause oder im Mistbeetkasten geschehen, doch muß dieser frostsicher zugedeckt werden. Nachdem die Bewurzelung erfolgt ist, werden die jungen Pflänzchen in Stecklingstöpfe gesetzt, wozu man eine Mischung von Mistbeet- und Komposterde verwendet. Je nach Belieben können die Lorbeeren nun in Töpfen oder im Kasten ausgepflanzt weiter kultiviert werden. Das Stiefmütterchen ist eine unserer liebsten und dabei anspruchlosesten Blumen, die während des ganzen Sommers ihre Farbenpracht entfalten und das in immer vollkommenen Farbcnzusammenstelluvgen gezüchtet wird. Besonders wirkungsvoll ist es, wenn dieselben Farben in Massen verwendet werden. Da wird es vielfach als eine Erschwerung empfunden, daß es nicht möglich ist, eine bestimmte Farbenstellung aus Samen rein weiter zu züchten. Demgegenüber wird daran erinnert, daß es leicht ist, die Farbeneinheit der Blüten zu erhalten, wenn man die Stiefmütterchen nicht aus Samen weiterzieht, sondern durch Stecklinge vermehrt. Man schneidet die abgeblühten Pflanzen einfach in mehrere Teile, von denen jeder einige Blätter haben muß und steckt diese Teile in etwas erwärmte, gute Erde. Sie treiben ohne weiteres Wurzeln und man erhält zuverlässig die Farben der Mutterpflanze wieder. Aür die Küche. Melone« einzumachen. Nachdem die Melonen blanchiert, und abgetropft, legt man sie in zu dünnem Eyrup gekochten Zucker, welchen man nach 24 Stunden rein abgicßr, auskocht, gut abschäumt, etwas einkochen läßt und heiß über die Melonen gießt,- nach abermals 24 Stunden schüttet man behutsam die Früchte auf ein Sieb, läßt sie rein abtropfen, kocht den Zucker zu dickem Syrup ein, thut die Melonen hinein, schäumt sie gut aus, läßt sie einmal aufkochen, füllt sie in Gläser und verbindet diese mit Popier. Nach zwei bis drei Tagen wiederholt man die letzte Prozedur noch einmal, verbindet aber die Gläser mit gut gereinigter Kalbsblase, nachdem man ein mit Rum getränkres Popierblättchen darauf gelegt hat. Gurkensalat. Bei der Bereitung des Salates ist ein Haupterfordernts, daß die Gurken möglichst frisch, am besten eben erst oder doch wenigstens am selben Tage abgenommcn sind, daß man sich nach dem Schälen überzeugt, daß sie nicht bitter schmecken, was häufig vorkommt, und daß man den Salat nur wenige Minuten vor dem Anrichten macht, denn es ist eine völlig irrige Meinung er sei gesünder, wenn man ihn eine Stunde vor dem Anmachen einsalzt und dann ausdrückt und den Saft wegschüttet. Der Saft muß bleiben, da sonst der Salat nur zähe und schwer verdaulich wird, auch den ihm eigentümlichen erfrischenden Wohlgeschmack gänzlich verliert. Man schneidet die Gurken möglichst fein auf dem Gurkenhobel, vermischt sie mit Salz, reichlichem guten Oel, Essig und gestoßenem Pfeffer und giebt den Salat sofort zu Tische. Literarisches. Es erschien im Verlag Europ. Modenzeitung, Dresden, und ist durch jede Buchhandlung zu beziehen: Neuer Leitfaden für moderne Damenschneiderei, reich illustriert mit über 50 Abbildungen. Preis gebunden nur 1 Mk. Dieses Merkchen will ein Wegweiser und Ratgeber auf dem Gebiet der Damenschneiderei sein, die es bis in die kleinsten Details, in einfacher, leichtfaßlicher Sprache erklärt und das Verständnis durch zahlreiche instruktive Abbildungen unterstützt. Es ist für alle Lernenden von großer Zweckmäßigkeit und für alle Könnenden ein Nachschlagebuch von beträchtlichem Wert. Ueber die Vielseitigkeit des Buches mag die nachfolgende gedrängte Inhaltsangabe orientieren: Das Zuschneiden, das Füttern des Rocks, die verschiedenen Nähte, der Rockschweif, der Rockbund. — Das Zuschneiden des Futters, des Ober- stosfes, das Aufheften, die Anprobe, das Ausarbeiten der Nähte, das Plätten, das Einfügen des Fischbeins, der Hacken-, Knopf- und Schnürverschluß, Taillenband, Kragen, Aermel. — Die englische Taille. — Das Merkchen dürfte seine Aufgabe, ein wirklicher, nützlicher Ratgeber zu sein, zur allgemeinen Zufriedenheit erfüllen. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfitärr-Buch- und Stcindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.