(Nachdruck verboten.) Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) XL Am nächsten Tage holte sich Ziel, einer schriftlichen Aufforderung der Frau Andree folgend, das Jawort von Elsens Lippen- und ehe noch seine Freunde Zett gehabt hatten, sich von der Ueberraschung über diese ganz unerwartete Verlobung zu erholen, waren die beiden auch schon Mann und Krau. Und ein allerliebstes Frauchen war die kleine Else, darüber waren Ziels Freunde sämtlich einig, mochten sie im übrigen mit seinem Abfall von der Junggesellengilde einig sein oder nicht. „An der Wahl ist nichts auszusetzen, wenn einmal geheiratet sein mußte," meinte der elegante Jsenyardt, Ziels Intimus, ein großer Verehrer des weiblichen Geschechts, „und Du warst gerade in dem gefährlichen Alter, wo sich verwöhnte Männer der lieben Bequemlichkeit wegen mit ehelichen Ketten an ihre Wirtschafterinnen zu schmieden Pflegten, notabene, wenn sie in dieser Beziehung so gut versorgt sind, wie Du." Und die Paffende Gelegenheit benutzend, fügte er hinzu: „Solltest Du etwa Deine Perle zu entlassen beabsichtigen, so denke an mich. Ich pränumeriere." Ziel lachte. „Du bist vorgemerkt. Aber vorläufig mache Dir nicht zu viel Hoffnungen. Meine kleine Frau und der Drache vertragen sich noch ganz leidlich- — nachdem nämlich der erste Schreck überstanden war. Denn gerade freundlich hat meine verehrte Frau Teichgräber seinerzeit die Nachricht von meiner Verlobung nicht ausgenommen." „Wäre auch zuviel verlangt gewesen," bemerkte Jsen- hardt philosophisch. „Jetzt geht es, wie gesagt, ganz gut- solange Else ihr alles überläßt und selbst keine wirtschaftlichen Anwandlungen bekommt." Rr. 102. BW 8 Lmurerstag den 20. Juli ■ W ft noch mit Schnee im Angesicht Blicken schon Blumen in's Tageslicht. Man meint, es wären die groben Arten; Aber die duftigen sind's, die zarten I. Trojan. Damit hatte es vorderhand gute Wege. Else spürte gar keine Lust zu Eingriffen in Frau Tetchgräbers Rechteste ging spazieren, machte Besuche und Einkäufe und genoß die goldene Freiheit und das süße Nichtsthun in vollen Zügen. Erst waren die Neuvermählten vierzehn Tage verreist gewesen, in Wien und Pest- eine längere Reise hatten die ungünstige Jahreszeit und Ziels Geschäfte nicht gestattet. Else hatte alles bewundert: die großartigen Hotels und die Theater, die Museen und die Modenmagazine- letztere am meisten. Zu Hause kam es ihr dann etwas seltsam vor, daß ihr Mann so wenig Zeit sür sie hatte und den ganzen Tag zwischen Aktenstößen vergraben saß. „Warum arbeitest Du denn eigentlich soviel?" fragte sie einmal. „Um Geld zu verdienen natürlich," war die Antwort. „Du hast doch schon genug," meinte sie naiv. Er umarmte sie lachend. „Du bist ein kleines, unverständiges Mädchen. Sie schmollte ein wenig. „Was ist dabei unverständig ? Wenn man so reich ist, wie Du, sollte man überhaupt nicht mehr arbeiten." „Ich bin nicht reich," sagte er einfach. Sie machte große Augen. „Treib' keine Scherze," erwiderte sie halb ängstlich, halb ärgerlich. „Schon als ganz kleines Kind wußte ich, daß Du sehr, sehr reich seist." „Wirklich?" scherzte er. „Was solche kleinen Mädchen nicht alles wissen. Doch Spaß beiseite, damals war ich in der That reicher als jetzt." Das Lächeln schwand aus ihrem Gesicht. „Huh! Welch' kummervolle Miene! Närrchen, so schlimm steht's nicht. Ich verdiene genug für uns beide. Sei nicht bange. Ich habe aber thatsächlich in den letzten Jahren größere Ausgaben gehabt, denen —" er ließ die Stimme ein wenig sinken — „ich nicht aus dem Wege gehen konnte." „Wofür?" fragte sie kurz. Die Eröffnung kam ihr sehr unerwünscht. „O allerlei!" antwortete er ausweichend. _ „Zum Beispiel?" forschte sie weiter. „Laß das, mein Herz," entgegnete er freundlich aber bestimmt. „Ich wünsche nicht mit Dir darüber zu sprechen." „Du hättest es mir ruhig sagen können," bemerkte sie nach einer Weile renommistisch - „ich kann mir's ohnehin denken, — und ich habe sehr weitherzige Anschauungen in dem Punkt." Er hätte fast lachen mögen, so komisch altklug kam 406 — das heraus, aber er nahm sich zusammen und sagte ernst: „Nein, nein, mein Kind. Damit hat das wirklich nichts zu schaffen. Doch sprechen wir nicht weiter davon." Damit küßte er sie auf den rosigen Mund und glaubte die Sache abgethan. Allein Else ließ sich durch Liebkosungen nicht ohne weiteres versöhnen. War es doch ihr größter Kummer, daß Konrad darauf bestand, sie als Kind zu behandeln. Und sie fühlte sich schon durch ihre kühle, poesielose Lebensauffaffung völlig gereift und erwachsen. Im übrigen hatte sie an ihm nichts auszusetzen. Sie war ohne irgend welche Illusionen in die Ehe getreten,- sie hatte nie vorgegeben, eine schwärmerische Neigung für Konrad zu empfinden/ und er war mit ihrer lauen Freundschaft, ihrer oberflächlichen Zärtlichkeit zufrieden. Was konnte er denn mehr erwarten, er, der um soviel älter war, als sie? Er fand sein Genügen darin, für sie zu sorgen, ihre zierliche Gestalt, ihr liebliches Gesichtchen zu bewundern und bewundert zu sehen, sich ihrer Munterkeit und ihrer lustigen Einfälle zu freuen. So war der Sommer herangekommen. Eines Tages kam Else, die sich bei den ihrigen nur selten blicken ließ, zu ganz ungewohnter Stunde in das Andreeschen Speisezimmer gerauscht. Sie sah entzückend aus in einem leichten Seidenkleide, auf dem Kopfe ein niedliches Kapotthütchen, unter dem das gekräuselte Blondhaar in künstlicher Unordnung hervorquoll. „Könnt Ihr mir was zu essen geben?" fragte sie und setzte sich ungeniert an den Speisetisch. /Mein Mann ist verreist, und mit der Alten hab' ich mich gezankt." „Du hättest auch etwas früher kommen können," bemerkte Martha, indem sie der Schwester einen Teller hmschob. „Du kennst doch unsere Stunden." Das gemeinsame Mittagsmahl war beendet, und die Mehrzahl der Teilnehmer hatte sich bereits zurückgezogen. „Ach Gott! Ich wollte eigentlich auch zu Hause essen, aber —" Sie unterbrach sich, um mit graziösem Kopfnicken die Verbeugung zu erwidern, mit der die letzten Gäste, zwei Herren, soeben die Tafel verließen. „Ihr habt Euch ja merkwürdig verbesfert," meinte sie, nachdem sich die Thür hinter den beiden geschlossen. Wie kommen denn diese interessanten Fremdlinge in Euer Altwetberspittel'?" Die respektwidrige Bezeichnung rührte von Leonhard her. „Wer war denn der furchtbar Große, der aussah, als ob er ein Lineal verschluckt hätte." „Herr Dievenow," antwortete Martha. „Stand?" „Chemiker." „Und Leutnant der Rerserve im so und sovielten Olden- burgischen Infanterieregiment," fiel mit wichtiger Betonung die kleine Lotte der Schwester ins Wort. „Das ist nämlich die Hauptsache." „Wieso?" Else wollte noch weitere Erkundigungen einziehen, doch eben öffnete sich eine Thür, und der Besprochene erschien wieder in derselben. Herr Dievenow war auffallend groß und sah um so größer aus, als er sich gerade hielt. Eine schöne männliche Erscheinung, kräftig, breitschulterig / der Kopf kleiner und die Züge feiner, als man es zu der Athletenfigur erwartet hätte. "AH bitte um Verzeihung, Frau Andree. Eine geschäft- lrche Angelegenheit führte mich her/ allein ich sehe, daß ich ungelegen komme." unb 8°r nicht," entgegnete Frau Andree verbindlich und stellte ihn vor. „Herr Dievenow, meine Tochter, Frau Rechtsanwalt Ziel." Er wollte sich mit einer förmlichen Verbeugung zurückziehen, aber Else gedachte nicht, ihn so leichten Kaufes loszulasscn. „O Roastbeef!" rief sie, auf den Teller blickend, den man ihr soeben gebracht hatte. „Sie als Norddeutscher essen wohl gern Roastbeef Herr Dievenow?" Sie freute sich, so schnell einen Anknüpfungspunkt gefunden zu haben. „Gewiß, gnädige Frau. Doch lege ich im allgemeinen auf das Essen wenig Wert." Seine Stimme klang weich und angenehm/ seine Redeweise, seine Bewegungen waren langsam, gemessen, selbstbewußt. Else hatte das Gefühl, als ob sie mit ihrem Unterhaltungsversuche abgefallen sei, und Frau Andree bat jetzt den jungen Mann, ihr zu folgen, um im Nebenzimmer die wirtschaftliche Angelegenheit, die ihn hergeführt hatte, mit ihm zu ordnen. „Ein recht steifer Herr, meinte Else, das st, wie er es that, spitz aussprechend. „Und so unliebenswürdtg wie möglich." „Das finde ich nicht," entgegnete Martha ruhig. „Seine ganze Schuld bestand doch nur darin, daß er sich nicht für die Effensfrage interessiert, und damit ist er meinem Empfinden nach im Rechte." „Natürlich!" ereiferte sich Else. „Das könnt' ich mir denken, daß Du ihn in Schutz nehmen würdest. So recht ein Herr, wie sie Dir gefallen/ ernst wie das Grab, steif wie ein Stock, unnahbar, hochmütig, eingebildet — etwas ganz Besonderes — in seinen Augen nämlich! — so wie es sich für meine ganz besondere Schwester geziemt. Das imponiert Dir!" Martha machte eine ärgerliche Bewegung. „Ich bitte unterthänigst um Verzeihung!" lachte Else. „Wie lange ist denn dieser weiße Rabe schon bei Euch?" „Seit vierzehn Tagen." „Und bleibt?" „Ich weiß es nicht. Vermutlich auf längere Zeit." Hellmuth Dievenow war, einem an ihn ergangenen Rufe folgend, aus seiner norddeutschen Heimat in die mitteldeutsche Residenz gekommen, um eine Stellung an einer chemischen Fabrik einzunehmen. Falls die Erwartungen, die man in ihn setzte, sich verwirklichten, harrte seiner dort in nicht allzuferner Zeit der Posten eines technischen Direktors. Er war ein wissenschaftlich gebildeter, in seinem Fache tüchtiger Mann, dem alle, die ihn näher kannten, mit der größten Hochachtung begegneten. Freilich gab es deren nicht viele. Er trug in der Regel eine gewiffe abweisende Kühle zur Schau/ und nur wenige Menschen durften sich seiner Freundschaft oder auch nur einer intimeren Bekanntschaft rühmen. Sein Bestreben war, zu jeder Zeit und in jeder Lage vollständig korrekt zu handeln. Den Stempel derselben Korrektheit, die seinen inneren Menschen beherrschte, trug auch sein Aeußeres und sein ganzes Auftreten. Sein Anzug war stets tadellos. Alles was ihn umgab, seine Bücher, seine Papiere, die gesamte Zimmereinrichtung befand sich stets in peinlichster Ordnung. Und daß er in seinem Streben nach Ordnung und Sauberkeit hier so wirksam unterstützt wurde, machte ihm die Pension Andree wert und angenehm. (Fortsetzung folgt.) Schlaflosigkeit, ihre Verhütung und Bekämpfung. Von Dr. med. Ernst Müller, Berlin. ------- (Nachdruck verboten.) Der physiologische Vorgang, den wir als Schlaf bezeichnen, hat seine letzte Ursache in dem Verbrauch von Spannkräften in den Nerven, zumal im Gehirn, der einen Ersatz notwendig macht. Man nimmt allgemein an, daß der Schlaf durch Ansammlung von Zersetzungsprodukten im Körper, und namentlich in den nervösen Zentralorganen erzeugt wird. Welcher Art diese Zersetzungsprodukte sind, weiß man nicht mit Bestimmtheit, ebensowenig kennt man ihre chemische Be- chaffenheit. Besser dagegen sind wir über die Umstände orientiert, welche für das Eintreten des Schlafes und für die gestörte Fortdauer desselben von Bedeutung sind. Die Erörterung dieser Umstände schließt sich am besten an die Vorgänge des täglichen Lebens und an die Wahrnehmungen 407 selbst zu machen Gelegenheit hat, auf sich am klarsten und mühelosesten die die Hygiene des Schlafes in Betracht nn, die jeder an sich diese Weise ergeben Gesetze, welche für kommen. Es ist bekannt, Usches Verhalten, unter Umständen eine bestimmte Willenskraft, ja manchmal wird Schlaflosigkeit durch die Furcht vor letzterer erzeugt. Wir sehen also, der Ursachen für die Schlaflosig- I kUt giebt es nicht wenige, wir wollen sie nunmehr der Reihe nach betrachten. Natürlich kann Schlaflosigkeit auch bei vielen und schweren Krankheiten eintreten, davon sehen wir ab, fassen vielmehr nur diejenige Form ins Auge, welche entweder Folge einer unzweckmäßigen Lebensweise ist, oder, wenn auch bei krankhaften Zuständen eintretend, doch durch em entsprechendes hygienisch-diätetisches Verhalten gehoben werden kann. Wir haben oben gesehen, daß der Schlaf in der Erzeugung von Ermüdungsstoffen seine letzte Ursache hat. Diese Stoffe werden Produziert, auch wenn wir selbst die Ermüdung I gar nicht spüren. Aber immerhin besteht ein proportionales I Verhältnis zwischen der geleisteten körperlichen oder geistigen I Arbeit, der Produktion von Ermüdungsstoffen und infolgedessen dem Schlafbedürfnis, und dem gesunden, tiefen Schlafe. Es ist demnach leicht verständlich, wie Menschen, die gar nichts oder zu wenig arbeiten, die eine träge Lebensweise führen, I an Schlaflosigkeit leiden müssen, und das Mittel der Abhilfe I ergiebt sich hier von selbst: vermehrte geistige, besonders aber körperliche Arbeit. Solche Menschen sollen durch Gehen, I Turnen, Reiten, Bergsteigen und Schwimmen ihre Muskeln ermüden. Sehr zu empfehlen ist auch die Gymnastik, und I zwar sowohl die aktive Gymnastik, die an einfachen Turn- I geräten ausgeführt werden kann, wie die sogenannte Zander'sche I mechanische oder instrumentelle, wie endlich die sogenannte Widerstandsgymnastik. Diese braucht keineswegs abends borge« genommen zu werden, sondern es ist ziemlich gleichgültig, zu welcher Tageszeit man übt. Oft zeigt sich ein Erfolg schon nach wenigen Tagen. Die Dauer der Hebungen muß am Anfang gering sein und darf nur allmählich vermehrt werden. Aber auch wenn viel geistige Arbeit geleistet wird, darf mit Rücksicht auf einen gesunden Schlaf die körperliche nicht vernachlässigt werden,- körperliche und geistige Arbeit sind I hier nicht gleichwertig,- im Gegenteil ausschließlich geistige Arbeit führt zur Ueberanstrengung des Gehirns und erzeugt die gerade in Großstädten so häufige Schlaflofigkeit. Denn durch die körperliche Arbeit werden mehr Ermüdungsstoffe gebildet, wie durch die geistige, weshalb auch der Schlaf der tagüber im Freien mit Muskelarbeit beschäftigten Menschen fester ist, als der der am Schreibtisch oder sonst überwiegend geistig thätigen Menschen. Dazu kommt, daß durch die anhaltend geistige Arbeit eine Blutüberfüllung des Gehirns erzeugt wird, von der wir oben gesehen haben, daß sie dem Schlafe schädlich ist. Ein Wechsel zwischen geistiger und körperlicher Arbeit ist also namentlich für die Gelehrten unbedingt notwendig und förderlich, schon deswegen, weil während des Gehens, Schwimmens, Turnens das Gehirn entlastet und darum nachher wieder zu angestrengter Thätigkeit geeigneter gemacht wird. Künstliche Schlafmittel find bei solchen Zuständen durchaus überflüssig, ja schädlich. — Kopfarbeit verlangt bekanntlich einen längeren Schlaf als Muskelarbeit, und eine häufige Ursache der chronischen Schlaflosigkeit bei geistig anhaltend und angestrengt Arbeitenden, zumal wenn sie sich wenig bewegen, ist die freiwillige Kürzung der Nachtruhe durch zu späten Beginn und zugleich zu frühe Unterbrechung des Schlafes. Dadurch wird die Zeit zu kurz, um die angehäuften Ermüdungsstoffe auszuscheiden, es tritt nach und nach eine Selbstvergiftung des Körpers mit denselben ein, und die Folge ist hochgradige Nervosität. Um diesen üblen Zustand, die Schlaflosigkeit und auch die Nervosität zu beseitigen, ist gänzliches Aussetzen der geistigen Arbeit, ein Ortswechsel, längerer Aufenthalt in frischer, reiner Luft, in den Bergen oder an der See und gehörige, körperliche Bewegung notwendig, dann schwindet die Schlaflosigkeit und auch die Nervosität alsbald. Aber auch abgesehen von der allgemeinen Ermüdung, kann man das Gehirn zur Erzielung von Schlaf künstlich ermüden. Dazu verwendet man zunächst die Atmung. Man _ c . daß der Schlaf für die Erhaltung des Lebens absolut notwendig ist und daß ein längeres Aussetzen desselben mit den schwersten körperlichen Schädigungen etnher- geht. Die Nahrung läßt sich leichter und länger entbehren wie der Schlaf- derselbe läßt sich willkürlich auch nicht auf die Dauer fernhalten, noch sich unterbrechen. Zum Schlafen benutzen wir am besten die Nachtzeit und zwar aus zwei Gründen. Erstens verwenden die meisten Menschen den Tag zur Arbeit, die Arbeit ermüdet, es sammeln sich infolgedessen im Körper die sogenannten Ermüdungsstoffe an, Stoffwechselprodukte, die mit den oben genannten Zersetzungsprodukten identisch sind, von welchen wir hervorgehoben haben, daß sie die eigentliche Ursache des Schlafes bilden. So entsteht naturgemäß der eigentliche, gesunde, kräftigende und stärkende Schlaf, der uns immer am Morgen wie neugeboren erscheinen läßt. Ein zweiter Grund, weswegen wir am besten die Nachtzeit für den Schlaf verwenden, besteht darin, daß der Eintritt desselben durch möglichstes Fernhalten aller Sinnesreize befördert wird. Hier wirkt die Dunkelheit für die Augen, die Stille und Geräuschlosigkeit für das Ohr außerordentlich wohlthätig. Aeußere Eindrücke werden entweder abgeschwächt oder ganz aufgehoben, und so das Gehirn vor Reizen bewahrt. Daß aber das Schlafen nicht unbedingt auf die Nachtzeit verlegt werden muß, daß man ohne Schädigung der Gesundheit auch den Tag zur Absolvierung des notwendigen Schlafpensums benutzen kann, das sehen wir bei einer Anzahl von Berufen, deren Angehörige dienstlich gezwungen werden, die Natur gleichsam umzukehren. So z. B öie Bäcker, aber unbeschadet dieser Gewohnheit gehören die Bäcker zu der gesundesten und langlebigsten Menschenklasse. Die Gesundheit spielt aber hier eine große Rolle, und wie die meisten Menschen gewohnt sind, um zwölf Uhr zu Mittag und um 7 Uhr zu Abend zu speisen, wie sich um diese Zeit I das Hungergefühl rege zeigt, so stellt sich auch um die zehnte oder elfte Abendstunde das Schlafbedürfnis ein. Dies sollte auch genauer beobachtet und auf eine regelmäßige Schlafenszeit mehr Gewicht gelegt werden. Es ist durchaus verkehrt, einmal um zehn Uhr, das andere Mal um 11 Uhr und das dritte Mal um zwölf Uhr zu Bett zu gehen. Nicht gleichgültig ist es ferner, ob wir für den Schlaf beispielsweise die Zeit von 11 bis 6 Uhr oder 1 bis 8 Uhr wählen, weil in der letzteren die Periode der größten Schlaftiefe oder des erst langsamen Abschwellens derselben bereits durch das Geräusch des hereinbrechenden Tages und die vielen mit dem Tageslichte verbundenen Reize gestört wird. — Was die Sauer des Schlafes anbelangt, so genügen für einen ge- I sunden Erwachsenen 7 bis 8 Stunden zur Erholung und Neukräftigung vollständig. Man kann aber auch nicht be- I haupten, das jemand, der sechs Stunden schläft, damit seine Gesundheit schädigt. Kinder haben bekanntlich ein viel größeres Schlafbedürfnis, weil bei ihnen der Stoffwechsel reger ist und damit auch mehr Ermüdungsstoffe gebildet werden. Fassen wir nunmehr nach diesen Vorbemerkungen die Schlaflosigkeit selbst näher ins Auge, so müssen wir, um dieselbe besser verstehen und ihre Ursachen würdigen zu können, noch vorausschicken, daß zum Zustandekommen des Schlafes außer den beiden schon oben genannten Momenten: An- I Häufung von Ermüdungsstoffen und Fernhaltung von äußeren I Steifen noch einige andere Bedingungen gegeben sein müssen, I welche das Gehirn und die Blutverteilung in demselben betreffen. Die durch die Blutgefäße dem Gehirn zugeführte I Blutmenge muß nämlich bis zu einem gewissen Grad vermindert sein, jedoch nicht zu stark, da sowohl Blutarmut des I Gehirnes ebensowohl wie Blutüberfüllung desselben Schlaflosigkeit erzeugen kann. Dann müssen von dem Gehirn reizende Erregungszustände und Erregungsstoffe ferngehalten werden, I ■8ur Erzeugung des Schlafes gehört endlich ein gewisses see- I 408 — zählt 1, — 2, 1, — 2, 1, — 2, —, so daß man jedesmal die Zahl 1 beim Ausatmen, die Zahl 2 beim Einatmen ausspricht. Diese Gruppierung der Zahlen bewirkt ein gleichmäßigeres, tieferes Atmen als im gewöhnlichen Zustande, welches ebensowohl durch sein monotones Geräusch, als durch ein schwaches Gesühl von Schwindel unsere Vorstellungen unklar macht und zum Einschlafen nötigt. Die betreffenden Zahlen muß man sich dabet jedesmal bildlich vor Augen führen, damit bei diesem Vorgang nicht andere Gedanken verfolgt werden können, welche uns wieder munter machen. Stellt sich auch dann noch kein Schlaf ein, so suche man jeden sich nahenden Gedanken durch einen neuen zu verscheuchen, bis durch den fortgesetzten Wechsel eine Verwirrung in der Vorstellung entsteht. Gleiches leistet das Hersagen erlernter, nichtssagender Reime oder auch das Lesen eines langweiligen Buches, oder endlich das andauernde Richten der Gedanken auf ein gleichgültiges Objekt, wie es schon Kant empfohlen hat. Die Notwendigkeit der Fernhaltung äußerer Reize für das Zustandekommen des Schlafes haben wir bereits oben erwähnt. Hier kommt zunächst das Schlafzimmer selbst in Betracht. Es soll möglichst von der geräuschvollen Straße abgelegen und sich nach dem Garten zu befinden. Sind die Augennerven sehr reizbar, so ist es noch zu verdunkeln. Sehr wichtig ist auch die Temperatur des Schlafzimmers und Luftbeschaffenheit in demselben. Erstere soll ungefähr 15° C. betragen, da eine mäßige Wärme den Schlaf begünstigt, indem sie einen Zufluß von Blut zur Oberfläche des Körpers und Blutarmut des Gehirns bewirkt, doch darf ein Schlafzimmer nicht zu heiß sein, ein Umstand, der bekanntlich uns im Sommer vielfach den Schlaf stört. In diesem Falle empfiehlt sich Schlafen bei offenen Fenstern. Damit die Luft im Schlafzimmer von bester Qualität sei, muß der Luftkubus des Zimmers, in welchem das Bett steht, nach den Gesetzen der Ventilation mindestens 20 Kubikmeter groß sein. Fleißiges Lüften des Schlafzimmers ist deswegen notwendig. Auch dem Bett muß hinsichtlich der Luftbeschaffenheit eine viel größere Beachtung geschenkt werden, als es gemeiniglich geschieht. Das noch viel gebräuchliche Federbett ist wegen seiner vielen Schädlichkeiten durchaus zu verwerfen, denn die Federn saugen die menschlichen Ausdünstungen auf und bewahren sie, wodurch Schimmelpilzen und Bakterien ein guter Nährboden geschaffen wird, während gleichzeitig den Körper die um ihn befindliche Dunstaimosphäre in hohem Maße schädigt. Diesen Nachteil vermeidet das eiserne Bettgestell mit Sprungfedermatratze, da es durch seine Ventilation den Ausgleich dieser Ausdünstungen mit der äußeren Luft vermitteln kann. Als Oberbett empfiehlt sich eine wollene, nicht zu schwere Decke. Nicht minder wichtig ist die Lage des Schlafenden. Rückenlage ist zu vermeiden wegen Entstehung von Beängstigungen und Träumen, am meisten ist eine sanftgebogene Seitenlage zu empfehlen. Ist Blutarmut des Gehirns die Ursache der Schlaflosigkeit, so sind auch wieder hygienisch-diätetische Maßnahmen am Platze. Hier muß zunächst die Ernährung mithelfcn. Reichliche Abendmahlzeiten, am besten erst kurze Zeit vor dem Zubettgehen, sind dann am Platze. Doch darf deswegen die Nahrung nicht zu voluminös sein, denn ein zu sehr überlasteter Magen hindert bekanntlich den Schlaf. Physiologisch läßt sich dies in der Weise erklären, daß während der Verdauung eine reichlichere Blutzufuhr zu den Verdauungsorganen stattfindet und dadurch das Gehirn zu stärkeren geistigen Leistungen unfähig wird, eine Wahrnehmung, die wir täglich an uns selbst machen, wenn uns nach der Mittagsmahlzeit das Verlangen nach einem Schläfchen anwandelt, obwohl eine starke Ermüdung nicht vorhanden ist. Unterstützend wirkt daneben der Genuß von Alkohol, namentlich Bier, sowie von etwas Baldrian oder Orangenblütenthee. Der Kopf soll niedrig gelegt und mit einem Prießnitzschem Umschläge bedeckt werden. Umgekehrt werden Leute, die an Blutandrang nach dem Kopfe leiden, und bei welchen diese als Ursache der Schlaflosigkeit anzusehen ist, am besten mit erhöhtem Kopfe ruhen. Außerdem sind diesen kühle Halb- und Sitzbäder, kalte Fußbäder, Prießnitzsche Einpackungen der Füße, der Waden, des Stammes oder des ganzen Körpers, kalte Umschläge auf den Kopf zu empfehlen. In leichteren Fällen empfiehlt sich auch das Waschen des Kopfes mit frischem kalten Wasser und fortgesetztes Reiben der Füße, entweder durch die Hand eines anderen oder mittels einer weichen Flanellbürste, zumal vor dem Schlafengehen. Auch lauwarme Fuß- und allgemeine Bäder begünstigen den Schlaf bei nervösen empfindsamen Personen. Bei Leuten mit übergroßer Empfindlichkeit gegen äußere Reize sind den warmen Bädern die feuchten Einwickelungen bei weitem überlegen. Denn erstlich sind sie im Haushalte leichter herzustellen, dann ist auch die Temperaturregulierung eine leichtere. Man macht die Einwickelung in der Weise, daß man den Kranken in ein feuchtes Laken einhüllt und über dasselbe wollene Decken legt. Anfänglich findet, da man gewöhnlich kaltes Wasser nimmt, eine starke Abkühlung der Hautoberfläche statt, dann aber wird die Haut rot, und es wird das erste Laken auf Körpertemperatur erwärmt. Eine große Menge der Wärme wird an die wollenen Decken abgegeben, welche um das Laken gewickelt sind und an deren Oberfläche sich eine Wafferverdunstung eine Wärmeabgabe etablieren, so daß diese als Haut funktioniert, während die wirkliche Haut diesen Reizen entzogen wird; sie giebt nur eine gewisse Menge Wärme an den sie umhüllenden Wasserdampf ab, wie vorher an das umgebende Wasser. Geistig angestrengt Arbeitende leiden namentlich häufig an Schlaflosigkeit, wenn sie die Arbeit bis spät in die Nacht fortsetzen, dann abbrechen und nunmehr den Schlaf suchen. Dieser flieht sie aber, weil ihr Gehirn noch voller Eindrücke ist, welche sie eben noch beschäftigten, ihr Gehirn ist mit Blut überfüllt, und ein solches Organ ist zum Schlafe nicht disponiert. Hier muß die Schlaflosigkeit in ihrer Ursache bekämpft werden. Die geistigen Anstrengungen sind bereits einige Stunden vor dem Schlafengehen einzustellen. Eine kurze Nachmittagsruhe ist dabet zu empfehlen, der Nachtschlaf wird dadurch nichr verscheucht, sondern im Gegenteil vorbereitet. In ähnlich nachteiliger Weise auf den Schlaf giebt sich auch im Uebermaß genossene Geselligkeit zu erkennen. Kaffee und Thee, kurz vor dem Schlafengehen genommen, wirken auf viele Menschen aufregend und schlafhemmend. Diese Getränke sollen von solchen Personen gemieden werden. Handelt es sich um seelische Momente, wie Furcht vor Schlaflosigkeit, so kann manchmal die Schlaflosigkeit durch die Suggestion im Wachen, oder wenn diese nicht ausreicht, in cer Hypnose versucht werden. Doch dieses Gebiet wollen wir dem Arzte überlassen. Literarisches. Die Kunst -es Schneiderns gehört mit zu denjenigen Fertigkeiten, die dem weiblichen Geschlecht in allen Lebensstellungen und unter allen Umständen von Wert sind. Der Gattin, der Mutter kommt die Kenntnis im Schneidern zu statten, die vornehme Frau vermag dadurch einen wirksamen Einfluß auf die individuelle Gestaltung ihrer Toiletten zu nehmen, dem Mädchen, welches auf eigenen Füßen stehen muß, wird damit eine Existenz geboten. Niemand sollte daher versäumen, sich diese so nützliche Kunst anzueignen, die nicht bloß im Nähen, sondern auch in der Kenntnis des Zuschnitts besteht. Speziell für den letzteren giebt es in einem im Verlag Europ. Modenzeitung neu erschienenen Zuschneide- werk, betitelt die Perfekte Schneidert«. (Preis in Mappe Mk. 5.—). Anleitungen von überraschender Einfachheit, die durchaus auf dem Wege des Selbstunterichts in kürzester Zeit zu den günstigsten Resultaten führen. Das Werk fand in allen Kreisen die denkbar günstigste Beurteilung und innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit eine Verbreitung in vielen 1000 Exemplaren. Prospekte über alle wichtigen Hilfsmittel zur Erlernung der Schneiderei verlange man vom Verlag Europ. Modenzeitung, Dresden. Redaktion: ®, Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UnivcrsitätS-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.