(Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Als endlich alles klar war, begann die Brigg, bei dem frisch blasenden Winde, zu zeigen, wie sie laufen konnte. Das Wasser auf ihrem Wetterbug spritzte beinahe bis zu den Krahnbalken auf. Wenn man über die Leeschanzkleidung sah, war es, als ob man aus dem Fenster eines Eisenbahnwagens blickte: Schaum und Seegras schaffen nur so vorüber. Nachdem Ordnung auf dem Deck hergestellt und alles an seiner Stelle war, wurden wir gemustert und in Wachen abgeteilt. Die Steuerbordwache hatte den Zimmermann, welcher gleichzeitig als Hochbootsmann fungierte, zum Führer erhalten, die Backbordwache war unter Befehl des ersten Maat gestellt worden. Dieser Wache gehörte ich an. Das war mir nicht angenehm, denn es lag etwas in dem Gesicht des Mannes, was mir nicht gefiel. Er hatte einen großen, breiten Mund, wie auf See die sogenannten Eisenfresser und am Lande die Preiskämpfer und Raufbolde zu haben pflegen. Eins hatte ich sehr bald erkannt — und das war, daß er bei allem, was er that, sich auf Ansichten des Kapitäns berief. Hieraus entsprang eine Art Dienstbetrieb von seiner Seite, welcher von der Mannschaft sehr unangenehm empfunden wurde. Er war ein Mann, dem es besonderes Vergnügen gewährte, alle schlechten Eigenschaften des Kapitäns zu Quälereien für uns auszubeuten, ein Mann, der alles aus die Spitze trieb. Seinem Charakter entsprach sein Aeußeres; so schlecht jener war, so häßlich war dieses/ er war eine Mißgestalt, deren langer Oberkörper auf unverhältnismäßig kurzen Beinen stand,- bei herabhängenden Armen reichten die Finger bis unter die Knie. Sein Hals war mit einer dichten Schicht borstigen roten Haares bedeckt, dafür war aber sein Gesicht kahl. In demselben klebte an Stelle der Nase ein garstiger Höcker, ähnlich einer großen Warze, mit zwei ungeheuerlichen Löchern. Nr. 55. 1899. fk allererste Quelle des Elends und des Lasters ist die Unwissenheit. Nicht ich sage das, Sokrates sagt es, Franklin sagt es; und Er, unser aller Meister, hat er nicht gesagt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein? V. Cousin. Diese Widerlichkeit wurde noch dadurch erhöht, daß er mit dem rechten Auge schielte. Der Mann, welcher den Namen Billy trug, meinte einmal, dies Schielen käme wahrscheinlich von der Gewohnheit her, das Auge im Schlafe immer offen zu halten, um stets zu beobachten, welcher Wind draußen und in der Laune des Kapitäns wehe. Dies hatte zurFolge, daß der Maat von da ab unter uns nie mehr anders als der alte Windwärts genannt wurde, obgleich er eigentlich Nikolas Sloe hieß. Um seine Personalbeschreibung zu beenden, bemerke ich nur noch, daß er über zwei Reihen gesunder, glänzend weißer Zähne verfügte, die ich unbedingt für falsch gehalten hätte, wären sie nicht so lang wie Hauer gewesen. So also sah der alte Windwärts, der erste Maat der „kleinen Lulu°, aus. Wir wurden jetzt angestellt, das Deck zu waschen. Die Scheuerbürsten wurden vorgeholt und die Eimer an der Vorderpumpe gefüllt. Der Kapitän war nach unten gegangen und hatte das Deck unter der Hut des alten Windwärts gelassen, der mit den Händen in den Hosentaschen umherstreifte. Mich schielte er öfter an, als mir lieb war, paßte auf, wie ich scheuerte, und stand offenbar auf der Lauer, etwas zu entdecken, um mir einige seiner ausgewählten Schmeicheleien sagen zu können. Ich gab mir Mühe, seine freundliche Absicht zu vereiteln, indem ich mein Bestes that. Während ich aber scheuerte und sorgsam auf den Wasserstrom achtete, welcher aus den Eimern über das Deck gegossen wurde, und mit meinem Schrubber bald an den Speigaten, bald am Ankertau, bald an der Hauptluke entlang fuhr, mußte ich doch unwillkürlich meiner Thorheit fluchen, die mich einen solchen Beruf hatte erwählen lassen, einen Beruf, welcher mich von allen Annehmlichkeiten des Lebens fern hielt, mir alle geistigen Genüsse und geselligen Freuden versagte und mir so grobe, erniedrigende Arbeit unter einer so empörenden Behandlung auferlegte. Ich bin überzeugt, daß, wenn für die Insassen eines Gefängnisses ein auch nur ähnliches Zwangsverhältnis eingeführt würde, das Mitleid der Philanthropen erregt und eine Revolution im Gesängniswesen hervorgerufen wurde. Und was für den Stand des gewöhnlichen Seemanns noch besonders verhängnisvoll wird, ist das, daß er, wie kein anderer Stand, meist total ungeeignet für jeden anderen Broterwerb macht. Also, mein kleines Männchen, du, der du von MarrhatS Romanen zu deinem Papa läufst, um ihn zu bestürmen, dich Seemann werden zu lassen, folge meinem Rat: bleibe auf der festen Scholle von Mutter Erde. Sie ist freundlich, trachtet dir nicht nach dem Leben, läßt dich in der Nacht 218 ruhig schlafen, stellt dir die Wahl frei unter tausend Beschäftigungen und führt dich zu jeder Art Freuden und Genüssen. Aber die See! Sie ist stets auf der Lauer, dich zu verschlingen, sie ist eine Göttin, die nie aufhören wird zu versuchen, diese grausame Absicht auszuführen, so Du in ihrem Dienst bleibst. Sie giebt dir schlechte Nahrung, schwere, harte Arbeit, lange, langweilige Zeiten der Gefangenschaft und entläßt dich zuletzt als armen Mann, falls du das Glück hattest, der Sandmatratze zu entgehen, welche sie für dich immer unter den Ungetümen der Tiefe bereit hält. Neuntes Kapitel. Ein Wohnzimmer auf See. Wir gingen um sieben Glasen (halb acht) zum Frühstück. Diese Mahlzeit bestand aus frischem, am Lande gebackenem Brot (heute nämlich) und Thee, einem sonderbar aussehenden Getränk, welches freigebig mit hellgelben Stengeln verdickt war. Einige unter uns, welche Süßigkeiten liebten, strichen Shrup auf ihr Brot, andere zogen Schweinefett vor, was vielleicht ein geeigneterer Ersatz für Butter ist. Es fiel mir auf, daß sich keiner meiner Maats irgend etwas mitgebracht hatte, ich meine irgend welche billige Zu- thaten zu dem harten Zwieback und zähen Salzfleisch, welches fortab unsere tägliche Mahlzeit bilden sollte. Man hätte vermuten dürfen, daß die Kiste eines jeden doch wenigstens etwas enthalten würde, was aus dem Laden des Kaufmanns oder Eßwaren - Händlers entnommen worden war. Davon war aber nichts zu sehen. Es ist sonderbar, aber wahr, der Matrose vergeudet lieber an einem einzigen Abend den Verdienst einer zwölfmonatlichen Arbeit, als daß er sich für eine lange Fahrt auch nur eine einzige kleine Annehmlichkeit verschafft. „Laßt uns heut' abend glücklich sein, Was kümmert uns baB morgen?" Das ist der Wahlspruch dieser leichtlebigen Menschen. Will der freundliche Leser an die Luke treten und einen Blick zu uns herunterwerfen? Ich sitze auf der oberen Pritsche, mit dem Kopf gegen die Decke unserer Behausung stoßend, die Beine herunterbaumelnd, mein Töpfchen Thee auf meiner Matratze, eine Zinnschüssel zwischen den Knieen und mein Einschlagmesser in der Hand. Der Raum ist reich an hervorstechenden Einzelheiten, er ist nichts anderes als eine hölzerne Höhle, welche augenblicklich wiederhallt von den Stimmen ihrer Bewohner und dem lauten Rauschen der am Bug sich brechenden Wogen. Je zwei Lägerstätten sind übereinander gebaut; sie reihen sich in doppelter Linie auf jeder Seite des Borderkastells. Einige Leute verzehren ihr Frühstück, gleich mir, auf ihren Pritschen sitzend, andere benutzen die befestigten als Ti-che. Einige, welche schnell gefrühstückt haben, um lange rauchen zu können, blasen dicke Wolken in die Luft, welche mit dem Dampf des Thees vermischt bald eine Atmosphäre bilden ähnlich einem Londoner Nebel. Das ist das erste Bild; es folgt das zweitel Aus Rücksicht für die Ohren des Beschauers gebe ich dasselbe mit Weglassung aller groben Flüche. Allerdings büßt die Zeichnung dadurch ihre wahre Färbung ein, denn Saft und Kraft gehen verloren, wie bei einem Lustspiel des Franzosen, dem man die pikante Würze streicht. Schade drum; doch immerhin, hier ist das Bruchstück einer Unterhaltung, wie sie der Vorderdeck-Matrose führt: „Maat, schaff' mi mal dien entfamtigen Schrubberbesen ut bat Licht. Wo fall de Minsch woll seih'n, ob hei nich Würm in sien Essig hett, wenn du in de Sünn rümmer trampelst, so schnauzte der mürrische, alte Liverpool-Sam, welche an der Spitze der Steuerbord-Wache stand, einen Mann an, der zufällig seinen Kopf zu wett in das Tageslicht vorgestreckt hatte, welches durch die Luke schien. (Fortsetzung folgt.) Nachdruck v«rb»t«rr. Die Armenhausprinzesstn. Roman von O. «lster. (Schluß.) Sie legte die zitternde, welke, kalte Hand auf das blonde Haupt Elsie's. „Wache meinen Sohn glücklich, mein Kind, und aus Eurem Glück erblühe das Glück Eures Volkes. — Der Herr behüte Euch und gebe Euch Frieden — Frieden!" Schwer sank sie in die Arme ihres Sohnes zurück. Die Oberhofme'.sterin rief die Aerzte, die Hofdamen, das Zimmer füllte sich, die Aerzte stellten den Tod der Fürstin fest. Elsie und der Herzog knieten weinend an ihrem Lager. In dumpfen, klagenden Tönen klangen die Glocken des alten Domes der Residenz, den vor fast tausend Jahren ein Vorfahr des Herzogs erbaut, über Stadt und Land dahin. Die helleren Klänge der kleineren Glocken in den Städten und den Dörfern mischten sich wimmernd darein, und in gewaltigen metallenen Akkorden schwebte die Klage um die aus dem Leben geschiedene edle Fürstin zum grau verhangenen Herbsthimmel empor. Die fürstliche Dulderin, die seit Jahrzehnten an das Lager oder den Krankenstuhl gefesselt gewesen, war nicht mehr. Ein Herzschlag hatte ihr Leben und ihr Leiden geendet; ein Herzschlag, eine einzige kurze, schmerzhafte Minute dem Jahre langen Leiden ein Ende gemacht, wie ein plötzlicher Windstoß den morschen Baum niederschmettert, wie ein Blitzstrahl die hochragende Tanne zersplittert, wie ein eisiger Hauch die Blume knickt und welken macht. Mit Hoffnungen und Plänen beschäftigte sich die edle Frau bis zur letzten Stunde ihres Lebens. Wer hegte nicht noch Hoffnungen, wer baute nicht noch Pläne und Entwürfe, selbst wenn er auf dem Sterbelager ruht? Unermeßlich, unermüdlich, ewig ist die Seele des Menschen, unvergänglich, unsterblich, nie ermattend! Und doch wohnte diese starke, mutige, unvergängliche Seele in dem schwachen, menschlichen Leibe, den eine kurze Minute vernichten, zerschmettern kann! Mit dem vergänglichen Leibe aber zerfallen auch die Pläne der unvergänglichen Welt, mit dem Tode der edlen Dulderin zerfielen ihre Entwürfe, ihre Hoffnungen in nichts, und Tausende klagten um den Tod der hochherzigen Frau, die Tausenden geholfen und Tausenden noch zu helfen gewillt war. Das alles hatte die eine kurze Minute des Todes vernichtet, und deshalb klagten die Glocken, groß und klein, in Stadt und Dorf, und deshalb weinten Tausende am Sarge der Entschlafenen, deshalb folgte die Liebe von Tausenden der Verblichenen nach in das Grab im alten, tausendjährigen Dome, in dessen Gruft sie nun ruhen sollte an der Seite ihres Gatten, inmitten zweier Söhn, die im Kampfe für Deutschlands Einheit, Freiheit und Größe den Heldentod erlitten, inmitten all' der Vorfahren ihres Geschlechts, die seit tausend Jahren fast über das kleine Land geherrscht hatten, in guten und bösen Tagen, die Leid und Freud mit dem Volke getragen, die dem Volke barsche Tyrannen, aber auch milde und gerechte Herrscher gewesen waren. Wohl nie wurde eine Fürstin so beweint, so beklagt. Es hatte mächtigere, größere, klügere Fürstinnen gegeben, aber keine gerechtere, mitleidigere, wohlihätigere Fürstin, keine bessere Frau, keine bessere Mutter, keine aufrichtigere Freundin. Und giebt es einen größeren Ruhm auf dieser Welt? Irdische Größe, irdische Macht, irdischer Glanz — sie vergehen in nichts, sie bauen sich nicht immer auf Gerechtigkeit, auf Güte, auf Milde. Selbst der größte, der mächtigste, der ruhmreichste Fürst hinterläßt Feinde und Gegner, muß solche hinterlassen; denn irdische Macht und Größe ist unvereinbar mit Gerechtigkeit, mit Milde, mit Güte nach allen Seiten hin. An der Gruft des größten Fürsten stehen immer solche, die glauben, es sei ihnen unrecht geschehen. Aber der Ruhm der Frau, der Mutter, der Freundin des Volkes, er zeigt nicht den geringsten Flecken, — 219 — er strahlt hell wie die blinkende Frühlingssonne, er besitzt keine Gegner, keine Neider, er ist unvergänglich, unsterblich, wie die Seele, wie das ewige Leben. Mit großer Pracht wurde die Beisetzung der Entschlafenen gefeiert. Bon allen Höfen Deutschlands kamen die Fürsten oder ihre Vertreter. Der gesamte Adel, die Vereine und Korporationen des Landes, die Städte und Dörfer, die Kirchen und Schulen, die ganze Bürgerschaft der Residenz und Tausende und Abertausende aus Stadt und Land folgten dem Prunksarge zu dem tausendjährigen Dome und weinten eine stille Thräne bei dem ehernen Klange der Glocken, bet den erschütternden Worten des Geistlichen, der der hochherzigen Dulderin das letzte Lebewohl ihres Volkes nachrief. Pracht und Glanz hatte die Fürstin im Leben gemieden. Ihr Dasein war dem Schmerz, der Einsamkeit, der stillen Wohlthätigkeit gewidmet- im Tode umrauschte sie der ganze Prunk einer fürstlichen Beisetzung, umwogte sie, die Einsame int Leben, eine nach Tausenden und Abertausenden zählende Menge. Die Menge verlief sich, die ehernen Totengrüße der Glocken verhallten, nur zwei Leidtragende blieben in der Fürstengruft zurück, der Herzog und Elste. Und sie knieten nieder an dem mit Kränzen bedeckten Prunksarg Hand in Hand und sie wiederholten den Schwur, den sie am Sterbelager der hier Ruhenden gethan: Treue zu halten, immerdar, Treue zu halten ihrem Volke, Liebe und Glück auszustreuen zum ewigen Gedächtnis derjenigen, die sie in ihrer letzten Stunde vereint, die ihnen in ihrer letzten Stunde Glück und Liebe zurückgegeben.--- An Stelle des einfachen Landhäuschens Elsie's erhob sich nach Jahresfrist ein schmuckes Schlößchen, dessen weiße Zinnen und Türmchen sich freundlich von dem dunklen Hintergrund des Hochwaldes abhoben. Ein prächtiger Park verband das Schlößchen mit dem Walde, und hoch oben auf dem alten Benneckenstein ragte eine nach Art des frühen Mittelalters gebaute kleine Ritterburg zu den Wolken auf. Das herzogliche Banner flatterte auf dem wiederhergestellten alten Burgfried, wenn der Landsherr drunten im kleinen, weißen Schloß weilte. Dann blickten die Einwohner des Städtchens und der Dörfer weit und breit froh lächelnd zu dem alten Benneckenstein empor und nickten sich gegenseitig zu und sprachen: „Unser Herzog ist wieder bei seiner Gattin. Glück und Frieden sei beiden beschert I" Und der Wunsch des Volkes ging in Erfüllung. Glück und Frieden ward dem Herzog und seiner Gattin in reichem Maße beschert und Glück und Frieden verbreiteten sie in reichem Maße über Land und Volk. Selbst die Gesellschaft der Residenz söhnte sich mit dieser Vermählung des Herzogs aus und beeilte sich, bei der „Gräfin Elsie von Benneckenstein" ihre Aufwartung zu warten. General von Hannecken, und Frau von.Hannecken waren sehr stolz auf ihre „Nichte", wie sie Elste jetzt mit besonderer Betonung nannten, aber Hans Heinrich, ihr Sohn, vermochte sich in die neuen Verhältnisse nicht zu fügen; er trat in die Armee zurück und wurde nach kurzer Zeit Kommandeur eines Kavallerieregiments an der französischen Grenze. Und noch jemand schied aus dem herzoglichen Dienst: die Frau Oberhosmeisterin Gräfin Bittenfeld. Man weinte ihr keine Thräne nach- die Damen des Hofes freuten sich vielmehr, ihren strengen Augen entronnen zu sein, sie befanden sich weit wohler unter dem milden Scepter der Gemahlin des Herzogs, der Gräfin Elste von Benneckenstein. Am unglücklichsten fühlte sich Hans Heinrich Hannecken, der Sergeant von der leichten Missouri-Artillerie. Er konnte sich an das Leben im Schloß nicht gewöhnen und zog es vor, in der kleinen Ritterburg auf dem Benneckenstein als Einsiedler zu leben. Frau Dorette begleitete ihn. Sie war klug genug, einzusehen, daß aus einer alten Waschfrau keine Hofdame mehr werden konnte. Die Zeiten kamen und gingen- die Gräfin Elsie von Benneckenstein wurde die Wohlthäterin des Volkes, sie empfing Fürsten, Herzöge und Könige in ihre« weißen Schlößchen, sie wurde selbst zur Fürstin erhoben, aber für das Volk blieb sie die „Armenhaus Prinzessin , die für jedes Leid, das an fie herantrat, ein tröstendes Wort, für jede Not eine helfende Hand und für jeden Kehler ein mildes Herz besaß. Der Segen der sterbenden Herzogin, der edlen Dulderin auf einem Fürstenthrone, war in Erfüllung gegangen. Mittelalterliche Beleuchtmgsmittel. In welcher Weise man vor einigen Jahrhunderten die künstliche Beleuchtung der Wohnräume besorgte, schildert Czernowitz in der „Zeitschrift des Vereins für Volkskunde" in anziehenden Ausführungen. In der guten alten Zeit standen als Beleuchtungsmittel besonders Holz, Pech, Talg und andere Fette, Wachs und Oel zur Verfügung. Das Holz als reines Naturerzeugnis hat begreiflicherweise am frühesten zu solchen Zwecken gedient. Eine besonders altehrwürdige Stellung nahmen die Kienspäne in Anspruch, Splitter aus harzreichem Nadelholz, besonders dem der Kienföhre, die noch heutzutage in den bäuerlichen Behausungen mancher Gegenden gebräuchlich sind. In Tirol trifft man sogar hier und da in der Stube neben dem Ofen einen besonderen kleinen Kamin an, der den Namen Kendel oder Kömich führt und für das Kienspanfeuer diente, das lediglich zur Beleuchtung des Gemaches angezündet wurde. Diese urwüchsigste aller Beleuchtungsarten findet sich jetzt nur noch sehr selten, obgleich die einzelnen Kienspäne, die sogenannten Kendeln, an vielen Orten noch immer gerne bei nächtlichen Gängen benutzt werden. Dazu eignet sich besonders die Kienfackel, in der eine Anzahl von solchen Spänen zur Verstärkung des Lichtes und zur Vermehrung seiner Brenndauer zusammengebunden wird. Wo der Nadelwald fehlte, behalf man sich vorzugsweise mit Buchenholz, und in holzarmen Gegenden nahm man zu Stroh- und Reisigbündeln seine Zuflucht, die zur Steigerung der Leuchtkraft in Ermangelung von Pech mit irgend einem Fettstoffe bestrichen wurden. Die Wachskerze, ebensalls ein sehr altes Beleuchtungsmittel, blieb im Mittel- alter säst ausschließlich auf den kirchlichen Gebrauch beschränkt, und nur die vornehme Gesellschaft bediente sich seit dem 12. und 13. Jahrhundert ebenfalls des Kerzenlichtes, besonders bei Festlichkeiten. In der frühesten Zeit wurden zum Privatgebrauch gewöhnlich zwei oder drei dünne Wachslichter zu einer dickeren Kerze zusammengedreht, während die Kirchenlichter schon damals in der Regel die noch heute übliche Form besaßen. Mit den Wachskerzen für kirchlichen Gebrauch wurde schon seit Jahrhunderten ein außerordentlicher Aufwand getrieben. Schweller erwähnt in seinem „Bairischen Wörterbuch", daß im Jahre 1519 zu Regensburg eine Wachskerze geopfert wurde, zu deren Anzündung eine besondere Leiter von zwölf Stufen angeschafft werden mußte. Aber schon aus dem Jahre 1282 berichten die Jahrbücher von Prag, daß der Bischof Tobias daselbst bei seiner Priesterweihe und am Jahrestage seiner Bischofsweihe nach dem Brauch seiner Vorgänger eine 220 Pfund schwere Wachskerze in der Domkirche aufgestellt habe. Für die in den Häusern benutzten Kerzen blieb der Talg das gewöhnliche Material. Zuerst kamen die dünnen, gezogenen und später erst die dickern, gegossenen Talglichter auf. Man brannte Talg auch in Lichttiegeln uild Lampen, ein Gebrauch, der ebenfalls noch heute nicht ganz verschwunden ist. In den Bauernstuben des Oetzthales in Tirol findet man gelegentlich noch einen eisernen Lichttiegel von der Decke herabhängend, der mit Schmalz gefüllt wird und einen aus geschabten Lumpen gefertigten Docht besitzt. Eine ähnliche Beleuchtung muß früher auch für Kirchenampeln hie und da üblich gewesen sein, wie z. B. aus einer Urkunde von 1438 erhellt, wonach Herr Thun und seine Ehefrau Dorothea einen jährlichen Zins stifteten, „mit dem gedinge, daß die chirchbrabSt (Propst) öl 220 — ober schmsltz oder ander ding darumb Haussen, damit da» sy die obgenannte chirchen und altar beleuchten". Sonst wurden vorzüglich Baum- und Leinöl, aber auch Mohn- und anderes Oel zur Füllung von Lampen benutzt. Es gab aber noch viel merkwürdigere Brennmaterialien, die zu Beleuchtungszwecken verwandt wurden. Hieronymus Braunschweig belehrt uns in seinem alten Destillirbuch, daß die Königskerze, aus deren Blättern nach andern Berichten Docht und Feuerschwamm erzeugt wurden, ihren Namen daher erhalten habe, „daß sein Stengel gedörrt wird und überzogen mit Hartz, Wachs oder Bech, darnach machen sie Stangkertzen oder Tartschen darvon und brennen sie für Schaubfackeln." Bei einem andern alten Chronisten mit dem Schriftstellernamen Johannes Colerus, der eine „Ländliche Oekonomie" verfaßt hat, finden wir die Beschreibung einer alten Nachtlampe: „Mancher guter Hauswirt hat alle Nächte durch eine Lampe, die da brennet, bcy seinem Bette stehen, welche oben zugemacht ist, daß es niemand in der Kammer sehen oder mercken kann, daß eine Lampe vorhanden ist, daß man bald das Liecht hat, wann sich des Nachts etwas erhebet. An etlichen Orten machen auch die Töpfer Lampen und Leuchter vor die Armen auf diese Weise schier wie eine Kanne, oben hat's ein Thürlein, daß man ein Liecht drein stecken kan, darneben machen sie auch eine Lampen in einer Schnaucken und unter derselbigen machen sie noch eine Lampen, wann von der oberen etwas abtreufft, daß es in die untere falle, legen das weiße von den Pinsen (so in den Bächen und Seeen gemeiniglich wachsen) darein, das brennet fein räthlich. Man schabt aber nur ein wenig das Grüne von den Pinsen ab, darnach streicht man das arider vollend mit einem Messer heraus, das ist darnach wie die langen Spulwürme, das binden darnach arme Leute in Bündlein zusammen und hängens darnach aufs, daß es fein dürr wird, so brennets desto lieber, darnach legt man eins oder dreh ins Fette oder Oel, oder wie viel man will." Wahrscheinlich haben früher noch andere Pflanzen eine ähnliche Verwendung gefunden, wie sie in diesen merkwürdigen Schriftstücken von der Königskerze und von den Binsen berichtet wird. Gemeinnütziges. Ield und Garten. Eine billige Düngung von OvstbSume«. In der neuesten Nummer des „praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau" wird von einer leicht zu bewirkenden billigen Stickstoffdüngung der Obstbäume berichtet. Dem Freiherrn von der Borch in Holzhausen bei Nicheim in Westfalen fiel es auf, daß unter seinen Obstbäumen einzelne sich durch besonders grünes Laub, üppiges Wachstum und reichlichen Fruchtansatz auszeichneten, ohne daß er sich anfangs die Ursache erklären konnte, denn die Obstbäume waren sämtlich zu gleicher Zeit aus der gleichen Baumschule bezogen. Bei genauerem Nackforschen fand er, daß regelmäßig unter den kräftigeren Obstbäumen die „ausdauernde Lupine" wuchs, die der Wind vom nahen Walde unter den Bäumen ausge- säet hatte. Herr von der Borch hat auf Grund dieser Beobachtung sorgfältige Versuche gemacht und ist zur wichtigen Entdeckung gekommen, daß Lupinus perecnis, so ist ihr botanischer Name, die unter Obstbäumen wächst, dauernd einen außerordentlich günstigen Einfluß auf das Wachstum der Bäume hat. Wer sich näher für diese billige und bequeme Düngung interessiert, lasse sich die betreffende Nummer des „praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau" von dem Geschäftsamt in Frankfurt a. O. kommen — sie wird gern auf Wunsch umsonst zugeschickt. Mr die Küche. Gedämpfte Kalbskeule. Zwölf Personen. Eine gut abgelegene Keule wird abgehäutet, dicht überspickt und gut eingesalzen. Man legt sie auf reichlich geschnittenes Wurzelwerk in ein Dämpfgeschirr, brät sie erst mit Butter an, bis sie sich schön gefärbt hat, dann läßt man sie, hin und wieder etwas Waffer zugießend, durchdämpfen. Wenn sie gar ist, wird der Fond mit einigen Eßlöffeln Tomaten- puree verkocht, mit Zitronensaft geschärft, durchpassiert und mit Maggi verstärkt in einer Sauciöre zu der Keule gereicht. Poleuta-Duppe. Sechs Personen. Man bereitet aus zerkleinerten Rinderknochen, eventuell einem Stückchen Leber oder Milz mit Wasser, Salz und Suppengrün eine leichte Bouillon, gießt sie klar durch und läßt in zwei Liter fiedmde Brühe y8 Kilogramm Maisgries einlaufen und unter öfterem Umrühren 15—20 Minuten langsam kochen, worauf man die Suppe mit Maggi verstärkt anrichtet. Vermischtes. Der richtige Beruf. Zu Benjamin Franklin kam einst ein Handwerker und klagte, daß er mit seinem Beruf nicht zufrieden sei. Auf Franklins Frage nach dem Grund dieser Unzufriedenheit erhielt er von dem Handwerker zur Antwort, der Beruf sei nicht einträglich, sei mühevoll und wenig Ehre dabei. — Franklin entgegnete ihm: „Dein Beruf scheint dir nicht einträglich genug, also bist du habsüchtig,- er ist dir zu mühevoll, also bist du träge,- du findest nicht Ehre genug, also bist du eitel. Sieh, da hast Du ja den richtigen Beruf gefunden, der dich von drei üblen Eigenschaften befreien kann." — Beschämt ging der Handwerker von Franklin weg und in seine Werkstätte- emsig arbeitend, hatte er bald gefunden, wie recht Franklin hatte. Bäuerin: „Grad' hab'ich d'Sau g'schlacht', weil mer' heut'25Jahr' miteinand' verheirat' sin'". — Bauer: „Bist denn verrückt? Was kann denn dös arme Viech d'für?" („Münchener Jugend".) ♦ * * „Ach, wenn ich meinem Gustav diesen Kranz schicken könnte?" — „Wieso, hat er denn Blumen so gern?" — ,.Ja, und besonders die Kamillen — — der arme Mensch hat so ost Leibschmerzen." * * * In der Verlegenheit. Kleiner Neffe: ^Aus der Photographie hast Du ja ganz krumme Beine, lieber Onkel!" — Onkel: ^Ja, ja . . . das Bild scheint .feucht gelegen zu haben." * w * Aus der Militär-Schwimm-Anstalt. Feldwebel (zum Soldaten, der beim Turmsprung zögert): „Na, Schnabel, Sie warten wohl gleich da oben auf Ihren Zivtlversorgungsschein!" * * * Tont comme chez nous. Afrikaforscher: „Bet den Reisen ins Innere traf ich oft wochenlang keinen gebildeten Menschen." — Justizrat: „Das kann Ihnen hier in der Großstadt auch passieren!" * • * Der feine Ton. „Heute fahren wir II. Klaffe, sind lauter feine Leut' drin. Benehmts Euch fein, verstanden! Der erste, der sich ordinär benimmt, kriegt a Watschn, daß ihm die Nas'n aufschwillt wie a Luftballon!" Redaktion: $. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen,