Nachdruck verboten. Pygmalion. Novelle von Anton Frhr. von Perfall. (Fortsetzung.) In dem engen Raum des Wagens, den nur dann und wann der Schein einer Laterne erhellte, betrachtete der junge Mann neugierig, was er gerettet — ein rundes Ktnder- köpfchen, seidenweiche Löckchen, zwei Blauaugen, welche ihn ängstlich forschend anblinzelten, zwei rosige Fäustchen, sich an seine Weste festklammernd — ein Mädchen ohne Zweifel. Und Holaus lächelte ihm zu und machte mit seinen erstarrten Fingern unbeholfene, zärtliche Versuche. „Glauben Sie, daß das Weib die Mutter war?" fragte er dazwischen seinen Begleiter. „Natürlich war es die Mutter!" „Und der Vater? Was wissen Sie vom Vater?" fragte Holaus. „Nichts, als daß er seit einem Jahre spurlos verschwunden und Weib und Kind im Elend hat fitzen lassen. Fichtner, Stuckateur. Sie war Weißnäherin," lautete die Antwort. „Wird sich jetzt erst recht nicht mehr sehen lassen, der saubere Herr!" „Glauben Sie? Also verwaist? Verlassen?" fragte der junge Mann weiter. „Aber was kann denn dann die Polizei dagegen haben, wenn ich das arme Wurm nehme?" „Für immer? Sie?" fragte der Wachtmeister. „Weil ich arm bin, denken Sie wohl? Wer sagt Ihnen denn das — — Weil ich einen schlechten Rock anhabe? Ich Sonntag den 19. November. liT «s ist das Meer ein niächt'ges Buch Mit ungezählten Blättern, D'rauf schreibt der Sturm in hastigem Zug Mit schneeigweißen Lettern. Er rollt die Blätter rauschend auf, Kann nimmer fich genügen; „Gott ist allmächtig!" schreibt er d'rauf, Mt urgewalt'gen Zügen. Dann legt er aus der Hand das Buch, Und ob die Blätter beben, Die Sonne schreibt mit gold'ncm Zug „Gott ist die Lieb'!" daneben. Jul. Sturm. bin aber gar nicht arm, nein, gewiß nicht. Ich brauche nur zu wollen, dann bin ich reich, sehr reich, und ich will es jetzt — jetzt will ich. Oder glauben Sie vielleicht — ah deshalb— Sie halten mich für einen Trunkenbold? Sie werden auf Ihren Diensteid aussagen, wie Sie mich getroffen." „Ich werde auf meinen Diensteid aussagen, daß Sie rin wackerer Mann sind, der sein Leben gewagt für eine arme Selbstmörderin und ihr Kind. Sonst werde ich nichts aussagen. So, jetzt wissen Sie's." Die Droschke hielt vor dem Polizeigebäude. Man kam dem triefenden Manne mit dem zerrauften Haar und dem zerlumpten Kinde im Arme, gefolgt vom Wachtmeister Opel, im Jourzimmer ziemlich barsch entgegen, bis dieser seinen ausführlichen Bericht gemacht- dann erst veränderte sich das Benehmen des Beamten, und er warf unter seinem grünen Lichtschirm hervor Blicke auf den jungen Mann hinter den Schranken, welche für diese Stunde und diesen Raum wohl bewundernde genannt werden konnten. Dann schlug er in den verschiedenen Registern nach. Ursula Fichtner aus Memmingen, 21 Jahre alt, Weißnäherin. Stimmt. — Marie Fichtner, geboren von eben derselben, 12. Dezember 187 . . » „Holaus berechnete rasch das Alter der Kleinen, welche in der wohligen Wärme der Stube förmlich austaute an seiner Brust. Es betrug genau zwei Jahre und drei Monate. Alois Fichtner, Stuckateur, unbekannten Aufenthalts. „Sie haben niemand ausfindig machen können, der daS Kind für den Augenblick übernehmen will?" fragte der Beamte den Wachtmeister weiter. „Doch, Herr Aktuar, der Herr hier will es übernehmen?" „Der Herr? — Was hat denn der Herr mit dem Kinde zu thun?" „Nun, ich denke, wenn man so ein armes Ding aus dem Waffer gezogen, Herr Aktuar" — meinte HolauS. „Allerdings, in der Beziehung — aber — — Ihr Name?" „Holaus, Hans Holaus, Maler —" „Maler?" Der Beamte sprach das Wort in einem nicht mißzuverstehenden Tone, „Wohnung?" „Dorotheenstraße 7, vier Treppen." Der Aktuar ging an die Regale und schlug nach. „Hans Holaus, Maler, bei Frau Geiger, nicht wahr? 666 Stimmt. Und Sie wollen sich wirklich das aufladeu? Sind Sie denn in der Lage?" „Das dürfte wohl meine Sache sein." „Doch nicht ganz. So einfach geht das nicht. Ueber den Verbleib des Kindes muß wohl erst verfügt werden. Der Vater kann ja zurückkehren. Indes, — ich weiß nicht — wollen Sie es denn gleich mit sich nehmen?" „Ja, das möchte ich, das muß tdj.* „Was meinen Tie denn, Herr Wachtmeister? Kennen Sie den Herrn persönlich?" fragte der Aktuar unschlüssig. „Persönlich nicht, Herr Aktuar,- aber ich meine, zu trauen wäre dem schon, der eine solche That vollbringt." Holaus warf ihm einen dankbaren Blick zu. „DaS ist ja wahr," meinte der Aktuar. „Wir sind auch wirklich in Verlegenheit, wohin damit. Also nehmen Sie eS mit. Vor der Hand, heißt das. Das weitere werden Sie schon hören, das geht mich nichts an. Sie müssen aber den Herrn in seine Wohnung begleiten und sich von der Richtigkeit seiner Angaben überzeugen, sonst kann ich es nicht auf mich nehmen," wandte sich der Beamte zu Opel, der pflichtschuldigst die Hand an den Helm legte. „Das thue ich ja gerne, Herr Aktuar." Dieser schrieb den kurzen Thatbestand auf. Holaus unterzeichnete und war entlassen. Der Wachtmeister reichte ihm die Hand, pfiff einer Droschke und stieg mit dem Maler und seinem Schatz hinein. „Respekt, Herr Holaus, die That soll Ihnen Glück bringen." „Sie hat es schon gebracht, das Glück," meinte Holaus. War denn das noch dieselbe Welt? War es denn noch Nacht, und regnete es noch? Oder war er schon drüben gelandet in dem unbekannten Lande, in welchem einem Schutzmänner freundlich die Hand drücken und Droschken bezahlen, in welchem alle Herzensnot zu Ende, ein fröhlicher Mut einzieht da drinnen, ein stolzes Vergessen, in welchem Engelsköpfchen einem entgegen lachen, blondgelockte, blauäugige. Marie! hörst Du, Marie! Du bist jetzt des Malers Holaus Töchterlein! O, sorge Dich nicht, er wird's schon machen! Hopp! Hopp! Lache doch, Marie! Er wiegte fich auf den schwankenden Kissen. Das Kind fing zu lachen an und schlug ihm mit den kleinen Fäustchen vor Vergnügen in das Gesicht, und der Wachtmeister lachte mit, hielt der Kleinen den blitzenden Säbelgriff vor, nach dem sie neugierig griff. Da hielt der Wagen. Holaus schrak zusammen. Mit den Träumen war es vorbei. Der Regen praffelte wieder auf das Pflaster. Das war sein Haus, das Haus seiner Leiden. Und zu Frau Geiger, der Hausfrau, zu dieser Stunde, mit dem Kinde, einen Polizisten an der Seite. Und die Miete! Es war ihm, als ob alles einstürzte, war er eben aufgebaut in dem dunklen Kasten. Mit einem schweren Seufzer verließ er ihn, auch das Kind schrie, als es den kalten Wind spürte, der die Straße herabfegte. Die Hauthür war ausnahmsweise nicht verschlossen. DaS war kein schlechter Anfang. Er tastete sich die schmale Treppe hinauf. Hinter ihm klirrte der Säbel Opels. Nur jetzt kein böses Wort, keine Abweisung. Frau Geiger war ja selbst Mutter gewesen. Sie erzählte oft von ihrer kleinen Marte, — ja, so hieß sie, Marie. Welch glückliches Zusammentreffen! Und dann sah sie wirklich seiner Mutter so ähnlich, seiner guten Mutter, der er so viel Kummer —" Sie waren im vierten Stocke angelangt. DaS Kind gab keinen Laut von sich, nur das Herzchen pochte ungestüm gegen seines. Zaghaft läutete er. — Lange nichts, dann schlürfende Schritte: „Wer ist's?" „HolauS!" „So, wär's wieder einmal gefällig, Herr HolauS, nach — fünf Tagen? Pfui Teufel! Js das a Schänd'! Ich hab's aber satt, wiffen's. Gehen's nur wieder zu Ihren säubern Brüderln zurück. Ja wohl! Gute Nacht!" Die Schritte entfernten sich wieder. Der Wachtmeister machte ärgerlich eben Miene, mit dem Säbelknopf an die Thür zu klopfen, nur die leise geflüsterte Bitte des Malers hielt ihn ab davon. „Frau Geiger, haben Sie doch ein Einsehen, ich bin ja nicht allein," begann er wieder in demütigem Tone. „Unverschämt! — So was I" grollte es drinnen. „Ein Kindl Ein armes, kleines Kind!" „Ein Kind?" fragte die Stimme. „Was denn für ein Kind?" „TaS Kind einer Unglücklichen." „Ja, was denn noch. Unglückliche! Lassen Sie mich in Ruh' mit Ihrer Unglücklichen." „Aber, Frau Geiger, ich habe es ja aus dem Flusse gezogen. Die Mutter ist tot. Erbarmen Sie sich doch —" Da näherten sich zum guten Glücke die Schritte hastig wieder. Der Wachtmeister hätte sich sonst nicht mehr zurückhalten laffen. Frau Geiger erschien unter der Thür, im grellen Lichtscheine einer Kerze. Ein stark gezeichnetes, immer noch hübsches Gesicht, das eine weiße, eng anliegende Haube dicht umrahmte. Eine Flanelljacke umspannte kräftige Formen. Als sie den Wachtmeister erblickte, stieß sie einen Schrei aus, das Licht schwankte in ihren Händen. „JesuS und Maria! Die Polizei! Ja, ich bin ja ganz unschuldig, Herr Gendarm. Jesus, die Schänd'! die Schänd' I" Die hellen Thränen liefen ihr über die Backen. Erst als Opel sie in barschem Tone aufklärte, daß er weiter nichts zu thun habe, als fich zu erkundigen, ob Herr Holaus hier wirklich wohne, der nichts weniger wie ein Verbrechen, sondern eine That begangen habe, vor der so eine Frauensperson den größten Respekt haben müsse, beruhigte sie sich, und als sie dann das Kind erblickte im Arme des Malers, in feuchte Lumpen gehüllt, da ging es los. „Ja, warum haben Sie das net gleich gesagt? Sie sind ja waschnaß, und das arme Würmel da auch. — Ja, um Gottes willen, geben's doch." Sie nahm das sich sträubende, vor dem Lichte scheu fich zurückdrängende Kind auf ihren Arm und trippelte den Gang zurück. „Aus dem Wasser hat er Dich — und die arme Mutter? Ja, wie is denn nur so was möglich? Wie find's denn nur grab' nein kommen ins Wasser?" „Das fragen Sie noch?" erwiderte Holaus, der ihr in die warme Stube gefolgt. „Aus Not, auS Verzweiflung, wie Hundert hineinkommen, wie vielleicht auch ich — * „Heiliger Gott, t bitt' Ihnen, reden's nix mehr. Ich kann so was net hören. Bei dem Wetter ins Waffer! Mit so eint Kind! Ja, was soll i denn nur gleich —? Ein' Thee, metnen's net, ein' Thee! Und abwärmen I Gleich abwärmen!" Frau Geiger war ratlos, was zuerst beginnen. Sie entledigte die Kleine ihrer feuchten Hüllen und bereitete ihr auf dem Lederkanapee unter dem Epheu ein warmes Lager aus Kiffen und Decken, schürte den Ofen an, goß Thee auf, machte Milch warm. Holaus betrachte sie mit einem Gefühle der Eifersucht, der Liebe, das er nie empfunden, seit sie die Mutter zu Grabe getragen. Dann fragte er plötzlich: „Ja, dürfen wir denn bleiben, ich, und meine kleine Marie?" Frau Geiger sah ihn groß an. „Die Miete ist schon zum dritten Male fällig, und ich kann, offen gesagt, wieder nicht bezahlen. Morgen wenigstens nicht." „Jetzt machen's aber, daß Sie ein trockenes G'wand am Leib kriegen, und stehens mir net immer im Weg um. Was versteht denn so a Mannsbild von so eint Kindl. — 667 Nüber sag ich, Herr HolauS. JesuS, der Mensch hat ja nix zum Wechseln." Sie lief von dem Herd in eine Nebenkammer, in welcher die Garderobe des Feldwebels Geiger hing und warf Holaus in fieberhafter Eile einen ganzen Pack alter Umformstücke und Wäsche in den Arm, um sich wieder dem Kinde zuzuwenden, daS seine blauen Augen neugierig in dem Raume herumschweifen ließ, von der behaglichen Wärme umflutet. (Fortsetzung folgt.) Ländliche Sonntagsvergnügen der Magyaren. Von Berta Kätscher. ------- (Nachdruck verboten.) Mit freudiger Ungeduld sieht die magyarische Bauernjugend dem „Tag des Herrn" entgegen! Nichts kann das Herz des hübschen Landmädchens höher pochen machen, als die Aussicht auf den Sonntagstanz, itichts sie für die Mühe der ganzen Woche, für die harte Arbeit von sechs Tagen besser entschädigen, als ein Csärdäs mit ihrem Herzallerliebsten. Unser Dörfchen liegt am Fuße eines Berges, ein schöner, grüner Wald begrenzt es; ein klares Bächlein, das sich im fahlen Mondlicht wie ein Silberfaden durch Ujfalu schlängelt, und die Lindenallee, die sich durch die Hauptstraße des reinlich gehaltenen Ortes erstreckt, macht es zu einem reizenden Fleckchen Erde. Schlendert man nun an einem Samstagabend, — wenn die Luft mit dem angenehmsten Blütenduft der Lindenbäume geschwängert ist, die lieblichen Nachtigallen und die fröhlichen Lerchen aus Wald und Busch ihr Abendliedchen aus voller Kehle ertönen lassen, in das die Frösche, die die nahegelegenen Sümpfe bevölkern, mit ohrzerreißendem Quaken einstimmen, — durch das Dorf, so bieten sich dem Auge die anmutigsten Szenen dar. Vor den kleinen, weißgetünchten Häusern mit den hellglitzernden Fensterchen kann man die verschiedensten Gruppen und Gestalten beobachten. Da steht ein blühendes, junges Mädchen in der Hausthüre und lugt ungeduldig nach dem Geliebten aus; es brennt vor Begierde, mit ihm über die morgigen Vergnügungen zu sprechen; dort schreitet ein halbes Dutzend junger Burschen, Arm in Arm, jodelnd durch die Straßen, mit jeder ihnen begegnenden Maid ihre tollen Scherze treibend; hier sitzt ein uraltes Mütterchen vor der Hausthüre und erzählt ihren aufmerksamen Zuhörern von der schönen, alten Zeit, da sie noch jung war; und sie weiß gut zu erzählen. Aus der Ferne ertönt heiterer Chorgesang, eine Schar jugendfrischer, gesunder Landmädchen, die sich bei der Arbeit etwas verspätet, eilt nun, mit Sensen und Rechen auf dem Rücken und Kränzen in der Hand, singend dem Hause des Ver- walters zu, um ihren Wochenlohn zu erhalten. Kurz, vor jeder Hausthüre sieht man plaudernde, lachende, scherzende und tändelnde Gruppen, denen man es wahrlich nicht anmerkt, daß sie noch vor wenigen Stunden im Schweiße ihres Angesichts arbeiten mußten. Die Ungarn sind eben ein leichtblütiges, leicht erregbares Volk und den Einflüssen des Augenblickes preisgegeben. Von der übermütigsten Heiterkeit bis zur tiefsten Schwermut ist nur ein Schritt. Davon zeugen auch ihre Volkslieder, die fast alle in der „himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübten" Tonart gehalten sind. Im Durchschnitt sind die ungarischen Landbewohner gläubig und fromm; der Klang des Abendglöckchens schneidet mit einem Schlage alle Heiterkeit ab, jung und alt zieht das Käppchen oder Hütchen vom Kopfe und verrichtet still ein Gebet. Die vorhin so belebten Straßen werden nun öde und leer, man sieht nur noch einzelne verspätete Burschen ihre Mädchen heimgeleiten. Das Abendläuten ist das Signal zum Schlafengehen. „Mit den Hühnern auf, mit den Hühnern nieder," heißt es bei den Bauern. Die ersten Sonnenstrahlen locken sie wieder aus den Federn, denn es gibt im Hanse noch so manches zu besorgen, bevor man in die Kirche gehen kann. Wieviel Zeit nimmt allein die Sonntagstoilette in Anspruch! Sogar Großmütterchen wirft einen Blick in den winzigen Spiegel, ob auch das schwarzseidene Kopftuch recht sitzt. Der größte Putz wird mit den Busentüchern getrieben. Dutzende von schönen Augen hängen neidisch an einer Mitschwester, die in einem neuen, natürlich recht bunten seidenen Halstuch stolz zur Kirche eilt. Nach dem Gottesdienst macht die Jugend für den Nachmittag Pläne, denn dieser ist ausschließlich zur Belustigung da. Zwischen drei und vier Uhr nachmittags versammelt sich der Haupteil der Bevölkerung auf dem Tanzplatze; alt und Jung strömt dahin. Die Leute bedürfen keines elegant geschmückten Tanzsalons, keines spiegelglatten Parkettbodens, keiner Schleppkleider, keines Fracks oder Klaques, keines großen Orchesters, wie die anspruchsvolleren Städter; nein, ein freier Rasenplatz unter der großen Linde vor der Dorfschenke genügt ihnen als Tanzboden, das blaue Himmelszelt als Ausschmückung, ihre kleidsame Nationaltracht als Balltoilette und ein den ungarischen Nationaltanz auf einer erbärmlich verstimmten Fidel spielender Zigeuner als Musikant. Und doch sind diese einfachen Naturkinder oft glücklicher und zufriedener, als die Städter in ihren Sälen voll Tand und Flitter. Es ist herzerfrischend, zu beobachten, mit welch' glückstrahlenden Gesichtern unsere Dorfjugend paarweise und auch dutzendweise diesem Unterhaltungsorte der einfachsten Art zueilt! Und wie ihr Kostüm sie kleidet! Die ungarischen Mädchen und jungen Frauen tragen ganz kurze, weite, zumeist lichte Röcke, niedere, rote, blaue oder schwarze, stark verschnürte Mieder (pruszlik) mit bauschigen, kurzen, weißen Aermeln (ingval), darüber ein großes, dreieckiges, weißes Leinen- oder buntes Seidentuch um den Busen geschlungen und ein hübsches Sträußchen Waldblumen darangesteckt, kleine, weiße oder auch farbige Schürzen, je nach Geschmack, schwarze oder rote Lederstiefelchen (csizma) an den meist niedlichen Füßen, nach der jüngsten Mode auch Halbschuhe mit weißen Strümpfen. Ihr Kopfschmuck ist ebenso einfach wie hübsch. Die Mädchen haben ihr gewöhnlich volles und dunkles Haar am Vorderhaupt glatt gescheitelt und hinten in einen dicken Zopf geflochten, der mit einem breiten, bunten Seidenband abgebunden wird und frei im Nacken hängt, während verheiratete Frauen nie ohne Kopftuch gehen; sie stecken ihr Haar am Hinterkopf in einen Knoten (konty) — ähnlich unseren modernen Frisuren —, und ein Tuch, dessen Farbe zumeist rot oder schwarz ist, je nach dem Alter der Frauen, häubchenartig darüber. Doch nun zu den Herren der Schöpfung; ihre Tracht ist ebenso hübsch als eigenartig, wie vor allem bequem. Sie besteht aus den folgenden Gegenständen: unendlich weiten, bis zu den Knöcheln reichenden Leinenhosen, einem blendend weißen Hemd mit ungemein breiten, offenen Aermeln, einer stark verschnürten, mit Silberknöpfen versehenen dunklen Weste, einem ebensolchen kurzen, verbrämten und verschnürten Rock, der zumeist nur über die rechte Schulter geworfen wird, glänzend geputzten, mit Sporen versehenen Stiefeln. Ein kleines, rundes, schwarzes Filzhütchen, das an Sonntagen mit einem Sträußchen geziert ist, und ein vom Liebchen eigenhändig gesticktes Taschentuch vervollständigen die Sonntagstoilette der Männer. Es ist belustigend, die jungen Burschen zu sehen, wenn sie, ihre Hütchen in die Luft werfend und ungarische Nationaloder auch Spottlieder singend, sich nach ihrem Eldorado, dem Tanzboden, begeben. Unzählige der besten ungarischen Volkslieder wurden in solchen Augenblicken komponiert. — Doch nun zum Tanze selbst. Ein Teil der älteren Anwesenden hat sich zu einem Spielchen bei einem Gläschen Rebensaftes in die kühle Schenkstube zurückgezogen, während die Lebenslustigeren es vorziehen, das Gläschen vor der Schenke zu leeren, dem feurigen Tanze der Jugend beizuwohnen und dabei in Erinnerungen an die eigene Jugend- 668 zeit zu schwelgen. Noch hat der Tanz nicht begonnen, und schon herrscht große Heiterkeit und Lebendigkeit in diesem Kreise. Doch horch! Da ertönt der erste Fiedelstrich; wie freudig erglänzen die dunklen Augen der Mädchen! Wie erwartungsvoll klopfen die Herzchen! Bange fragt sich Mariska oder Ilka, ob Nachbars Janos oder Pista heute wohl mit ihr tanzen werde. Kokett wird noch das Busentuch zurechtgerückt, und siehe da, der Ersehnte erscheint, umfaßt ohne viel Federlesens herzhaft die Erwählte, und schon sind sie mitten in der tanzenden Menge. Wie schön und malerisch ist dieser Tanz! Ganz der Gemütsart der heißblütigen, lebhaften Magyaren entsprechend! Leise und schwärmerisch beginnt die Musik, den Klagen eines nach Liebe schmachtenden Jünglings gleich; dann wird sie immer lockender und stürmischer, bis sie endlich in ein rasendes Tempo verfällt. Ebenso der Csardas. Er beginnt leicht und ruhig, wie ein Spaziergang im Takt, dann wird der Schritt etwas tändelnder und neckischer, der Tänzer läßt sein Mädchen fahren, folgt ihr sachte, sie läßt ihn ganz nahe kommen, er hascht nach ihr, doch wie ein Sturmwind braust sie an ihm vorüber, er hinterher, und flugs ist er wieder in ihrer Nähe, es gelingt ihm, sie zu erhaschen. Fest umschließt er ihren Leib mit beiden Händen, nun wirbeln sie ein Weilchen rasend herum, doch plötzlich läßt er die Tänzerin fahren, und das Spiel beginnt von neuem. Man würde staunen, mit welcher Leichtigkeit und Grazie die drallen Bauernmädchen diesen anmutigen, aber wilden Nationaltanz durchführen! Wie oft werden sie auch von den Städterinnen um diese Kunst beneidet! Da flattern die Zöpfe und Tuchzipfel in der Luft, da ist ein Jauchzen und Jodeln, Hutschwenken und Sporenklirren, ein Wirbeln und Drehen bis in den späten Abend. An regnerischen Tagen oder während des Winters wird die Schenkstube als Tanzboden benutzt, was freilich nicht so angenehm ist. In der Fastenzeit, wo das Tanzen verboten ist, lverden Hausunterhaltungen eingerichtet. Die Jugend zerstreut sich durch allerlei Pfänderspiele, wobei natürlich das Küssen die Hauptsache bildet; denn: „Ein Küßchen in Ehren darf niemand verwehren." GEeinnütziges. Kefundyeitspflege. Regeln für Blutstillung und Wundedehandlung. 1. Jedes blutende Glied muß möglichst gelagert werden. 2. Blutungen, bei denen daS Blut nicht im Strahl hervorspritzt, können durch einen Druckverband und Hochlagerung gestillt werden. 3. Wenn schneller Tod durch Verblutung droht, so ist das Glied oberhalb der Verletzung zu umschnüren. 4. Alles, was mit einer Wunde in Berührung kommt (die Finger des Hilfeleistenden, Verbandstoffe, Waffer re.) muß vollständig rein, resp. neu sein. Schwämme dürfen nicht angewendet werden. 5. Das erste Wundverfahren besteht in Folgendem: I. Blutstillung durch Hochlagerung und durch Aufdrücken eines in kalte Karbollösung getauchten Wattebausches (event. durch Umschnürung); 2. Desinfizierung der Wunde durch Abspülen oder Abtupfen mit dreiprozentigem Karbolwaffer; 3. Auflegen einer dicken Schicht Wundwatte und darüber eines Stückes Guttapercha- papierrS oder Leinwand; 4. fester Verband mit Binde oder dreieckigem Tuch; 5. Lagerung des verletzten Gliedes so, daß eS Ruhe und eine erhöhte gleichmäßige Lage hat (bei Knochenbrüchen also in Schienen oder dergleichen). Aür die Küche. Gerüstetes Suppenfleisch. Sechs Personen, fünfzehn Minuten, Resterküche. Gesottenes Rindfleisch schneidet man in Scheiben, bestreicht jede Scheibe mit 5 bis 8 Tropfen Maggi (extractum purum), bestreut mit Salz und Pfeffer, wendet die Scheiben in Et und geriebener Semmel und brät sie in Butter. Als Beilage zu Gemüse. Durch das Beträufeln mit Maggi verliert das Fleisch vollständig den ausgekochten Geschmack. Gedämpfte Ente in brauner Sauce. Sechs Personen, iy2 Stunde, bürgerliche Küche. Man nehme zu einer ausgewachsenen jungen Ente % Liter Waffer, eigroß Butter, sechs Schalotten, das nötige Salz, und lasse sie fest zugedeckt langsam weich schmoren, damit die Sauce nicht zu stark einkocht. Nachdem die Ente gar geworden, rühre man einen Eßlöffel in Butter gebräuntes Mehl,