1899. y BH® MWMMDMv 1EEO^ Wnl'IrKnS j'i ii i'bEM AtÄeÄW Mi ’btF^SI.S W 'ir müssen uns einander nehmen. So wie wir in dem Kreise sind, Und uns ein wenig links und rechts bequemen; Man schisst umsonst stracks gegen Flut und Wind. Seume. Nachdruck verboten. Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Schluß.) XXXII. Je mehr Olafs Kräfte zunahmen, um so dringender sehnte er sich nach Thätigkeit- der Oberingenieur teilte ihm mit, daß er auf seine frühere Station nicht zurückkehren dürfe- für Ersatz sei bereits gesorgt- denn der Arzt habe von Anfang an erklärt, daß eine Rückkehr in jene Gegenden auch nach vollständiger Genesung für Olaf unfehlbar einen Rückfall zur Folge haben würde. „Das zu riskieren, ist uns Ihr Leben doch zu kostbar," fügte er verbindlich hinzu. Olaf hatte allen Grund, dankbar zu sein für die Rücksicht, die man auf ihn nahm, und doch widerstrebte es ihm im Innersten, daß er eine Aufgabe, die er begonnen, nicht selbst zu Ende führen sollte. „In zwei bis drei Wochen rüsten Sie sich zum Aufbruche nach Ihrem neuen Bestimmungsorte — hier" — fuhr der Oberingenieur fort, den Punkt auf der Karte bezeichnend. „Die Gegend ist nicht schön, öde und steinig, aber gesund!" Zwei bis drei Wochen — das war eine lange Zeit für einen, der den Reiz des süßen Nichtsthuns zu genießen verlernt hat. Ausgehen durfte er noch nicht- seine Bitte um Pläne und Zeichnungen aus dem Zentralbureau wies man mit dem Bedeuten ab, daß er fürs erste geistige Anstrengung noch gänzlich zu vermeiden habe. Er schlenderte also in seinem Zimmerchen langsamen Schrittes philosophisch auf und ab- er fetzte sich an das geöffnete Fenster und ließ seine Blicke über die Landschaft schweifen- die weite, fruchtbare Ebene, von Bergketten umgrenzt, das Gewirr von niedrigen, schnellerbauten, Hellen Häuschen in seiner nächsten Nähe, die in einem stolzen Bogen den Pursak überspannt, und auf der sich von früh bis abends ein buntes Gewühl von Menschen und Tieren stößt. Es macht ihm Vergnügen, das farbenprächtige Bild zu beobachten - dann wieder ermüdet es ihn. Er greift nach der Zeitung, die ihm Leonidas gebracht, und freut sich auf die Essenszeit, die festlichste Stunde in den langen Tagen der Reconvaleszenz. Und er darf sich wohl darauf freuen. Kommt es ihm doch vor, als habe er sein lebenlang nicht so gut gegessen, wie hier in dem bescheidenen Häuschen im Herzen Klein-Asiens- und ganz und gar nicht orientalisch, nicht fett und gewürzt, sondern einfach und kräftig, wie es für Kranke paßt. ,,Was für vorzügliche puppen Sie mir vorsetzen," sagte er einmal zu Leonidas. „Kochen Sie die selbst?" Leonidas verneinte- das könne er nicht. Und dabei spielte ein leichtes Lächeln um seinen Mund. Er sah selten so heiter aus, und es verjüngte ihn um Jahre. „Die Frage war doch nicht so thöricht," meinte Olaf. „Hierzulande kann eigentlich jeder kochen." „Ich kann es nicht," engegnete Leonidas. „Nehmen Sie Ihre Köchin nur mit, wenn wir gen Angora ziehen. Die guten Suppen werden uns auch dort wohlthun. Ich würde ihr übrigens meinen Dank gern einmal persönlich abstatten." „Später, später!" wehrte Leonidas ab, so heftig, daß Olaf auf die Vermutung kam, sein Wirt halte die Betreffende aus Eifersucht verborgen- ein Verdacht, in dem er noch bestärkt wurde, als Leonidas schnell hinzufügte: „Der Arzt hat Ihnen jetzt noch jede Aufregung verboten." „Das wird wohl nicht so aufregend sein," bemerkte Olaf mit gutmütigem Spotte. „Ich hätte jetzt gerade Zeit zu derartigen Bekanntschaften- denn, mein lieber Herr, so hübsch die Aussicht hier und so angenehm mir Ihre jeweilige Gesellschaft ist, für einen langen Tag ist beides etwas wenig." „Wenn Sie vielleicht lesen wollen," antwortete Leonidas schnell- „in meiner Schieblade finden Sie einige Bücher. Viel ist es nicht — indes —". Er zog das oberste Fach auf. Zur rechten lag Wäsche sauber aufeinander geschichtet, zur linken Bücher. Die Auswahl derselben setzte Olaf nicht wenig in Erstaunen: Goethe, Lessing, Byron in der Ursprache, ein Kommersbuch und einige Prosaschriften wissenschaftlichen Inhalts. „Und das haben Sie überall mit herumgeschleppt?" fragte Olaf verwundert. Leonidas dachte an sein Landstreicherleben- er sah sich als Eseltreiber, als Minenarbeiter und mußte lachen. — 466 „Sie entschuldigen! Der Gedanke war aber zu komisch!" sagte Leonidas, nachdem sich seine Heiterkeit gelegt hatte. „Nein. Die Bücher habe ich natürlich nicht mit herumgeschleppt. Das wäre nicht wohl angegangen. Ich habe sie erst vor kurzem nachkommen lassen." Olaf hörte gar nicht auf die Antwort. Er betrachtete sinnend seinen Wirt. Die Gestchrszüge, wenn sie aus ihrem starren Ernst erwachten, der lachende Mund, der Ton des Lachens selbst — all' das mutete ihn so vertraut an. Wo? Wann hatte er das gesehen und gehört? — Der andere wandte sich rasch ab. „Entschuldigen Sie mich für jetzt," bat er. „Ich bin noch beschäftigt. Lassen Sie sich von meinen Freunden —," er wies auf die Bücher, „die Zeit vertreiben." Olaf setzte sich vor das geöffnete Schiebfach. Er las zunächst nicht,- aber cs machte ihm schon Freude, die Bände in die Hand zu nehmen, die bedruckten Blätter durch die Finger gleiten zu lassen und dabei das Vorgefühl des Genusses zu haben, den sie ihm bieten würden. Er selbst führte wohl eine kleine Bibliothek mit sich, aber es verwunoerte ihn, wenn andere das Gleiche thaten, und nun gar Menschen von fragwürdiger Existenz, wie sein Wirt. Doch nur für den ersten Augenblick schien es ihm verwunderlich. Sobald er eingehender darüber nachdachte, wurde es ihm zur Gewißheit, daß er in Leonidas einen Mann von höherer Bildung vor sich habe,- offenbar zu anderem erzogen, als in Klein- Asien Taglöhnerdtenste zu leisten, — einen, der sich in der Heimat unmöglich gemacht hat — Schulden? Ehrenhändel? Während er so darüber nachsann, hatte er ein Buch nach dem anderen ergriffen und kaum besehen wieder beiseite gelegt. Er wollte eben, eines davon mit sich nehmend, die Schieblade schließen, als er ganz unten, halb versteckt unter einem Stoß Wäsche, ein Buch mit Goldschnitt gewahrte. Heines Buch der Lieder. Er stutzte. Vergeblich sagte er sich, daß in derselben Ausstattung wohl viele hundert Exemplare in der Welt verstreut zu finden seien; dieses Bändchen erschien ihm so bekannt, als müsse er es schon früher gesehen, in den Händen gehabt haben. Der grüne Einband, die Goldprägung; — so, gerade so hatte der Heine ausgesehen, den er sich als Schüler gekauft hatte. Er öffnete das Bändchen aufs Geratewohl. „Mein Kind, wir waren Kinder, Zwei Kinder, klein und froh," standen da, und ein Kreuz an der Seite bezeichnete das Gedicht, als sei es dem Besitzer besonders lieb und wert. Mit geheimnisvollem Schauer, mit der erwartungsvollen Scheu, mit der jemand das Haus seiner Väter betritt, auf dessen Besitz er kein Recht mehr hat, — so blätterte Olaf weiter. Noch manch' anderes Gedicht war da mit einem Kreuz oder einem Striche bezeichnet; und das merkwürdigste daran war, Olaf hätte jedesmal ganz genau vorher sagen können, welches es sein würde. „Da muß doch, —" murmelte er mit stockendem Atem und schaute nach dem Titelblatt. Ja, da stand es. Olaf Nansen. Sein eigener Name in seiner eigenen Schrift, nicht zu verkennen; und darunter stuck, rer. tech., wohlgefällig verschnörkelt, wie man so etwas schreibt, wenn man gerade erst die Berechtigung erlangt hat, es zu schreiben. Eine solche Fülle von Erinnerungen, Vermutungen, Zweifeln und Hoffnungen stieg beim Anblicke dieser Namenszüge in ihm auf, daß sie ihn, körperlich schwach, wie er noch war, zu überwältigen drohten. Es wurde ihm eigen beklommen. Luft! Luft! Er stürzte ans Fenster und lehnte sich tiefaufatmend weit hinaus. Und da — waren denn das noch Fieberhallucinationen? War heut' in seinem erregten Gehirn die ganze Vergangenheit lebendig geworden? — Da schritt mitten durch die staubige Gasse, durch das Gewühl sich balgender Kinder, einen großen Korb Obst und Gemüse am Arm, sie selbst, sie, der er vor vielen langen Jahren jenes Buch gegeben hatte. „Martha! Martha!" rief er, seiner selbst nicht mächtig. Sie hemmte den Schritt und hob den Kopf nach dem Fenster, von welchem der Ruf ertönte. Er sah ihr gerade ins Gesicht, in das von einem großen weißen Hute umrahmte, sonngebräunte, ernste, wohlbekannte Gesicht, in die großen braunen Augen, die sich halb freudig zu ihm erhoben; und die Blicke, die sich trafen, bildeten eine Brücke über eine weite, tiefe Kluft; diese Blicke sagten einander, daß jene schöne selige Jugendzeit nicht vergessen sei, daß sie wieder aufleben werde in alter Frische und Schönheit zu ihrer beider Glück. „Martha!" rief er noch einmal jubelnd, „Martha!" XXXIII. Ja, sie war es; und jetzt wurde ihm plötzlich alles klar; die freundliche Aufnahme, die sorgfältige Pflege die Aehnlichkeit, über die er gegrübelt, der Zauber der Heimat, der ihn in dieser fremden Wohnung umfangen hatte: er war bet Leonhard und Martha Andree. Fast befremdete es ihn jetzt, daß er nicht eher darauf gekommen war. Freilich, daß er Leonhard nicht wieder erkannt, konnte ihn kaum wunder nehmen. Seit nahezu zwölf Jahren hatte er ihn nicht gesehen; damals ein frischer, munterer, kaum dem Knabenalter entwachsener Jüngling, jetzt ein früh gealterter Mann, durch harte Lebensschicksale verbittert und gestählt zugleich. Was ihn aus der Heimat getrieben, wußte Olaf nicht. Er entsann sich wohl, daß Ziel in dem Briefe, der die Nachricht vom Tode der Frau Andree enthielt, ein trauriges Ereignis in Leonhards Leben erwähnt habe, in der Meinung jedoch, Olaf habe davon bereits Kenntnis. Bei Gelegenheit einer Geldsendung war Olaf dann darauf zurückgekommen, aber in dem lückenhaften und spärlichen Briefwechsel hatte Ziel versäumt, ihm die gewünschte Auskunft zu geben. Nach und nach erfuhr Olaf das und alles, was sich sonst noch zugetragen; denn nachdem der Schleier zwischen ihnen gefallen, waren die Geschwister bemüht, ihn von allem zu unterrichten, was ihr äußeres und inneres Leben in den verwichenen Jahren so schmerzlich und so mannigfaltig bewegt hatte; gleichsam als ob sie nur auf diese Weise ihr Verhalten, die Verhältnisse, in denen Olaf sie hier vorgefunden, vor ihm rechtfertigen könnten. Olaf erfuhr auch auf seine direkte Frage, daß Martha ihre Verlobung selbst aufgelöst habe, daß sie schon frei gewesen sei, als sie ihm jenen seltsamen Brief geschrieben, von dem er, der unter gänzlich verändertenLebensbedingungenStehende, den heimischen Verhältnissen Entfremdete, nicht recht gewußt hatte, was er daraus machen solle. Leonhard hatte, sobald er in Sicherheit war und eine Auslieferung nicht zu befürchten hatte, der Schwester von Zeit zu Zeit flüchtig geschrieben. Erst später wurden seine Berichte ausführlicher. Als es ihm schließlich glückte, besser bezahlte und längeren Bestand verheißende Beschäftigungen zu finden, da keimte und wuchs in Marthas Herzen der Wunsch, dem Bruder, der ihr das Liebste war, was sie noch auf der Welt besaß, in die Fremde zu folgen. Sie hatte seit der Mutter Tode, um für sich und Lottchen den Lebensunterhalt zu verdienen, die Pension allein fortgeführt. Lottchen war inzwischen zur Jungfrau herangewachsen, und Else hatte im Einverständnis mit ihrem Manne gebeten, daß die Schwester zu ihr ziehen möge, als Begleiterin auf ihren Spaziergängen, Theater- und Konzertbesuchen, als fleißige Stütze im Haushalte. Denn die Frau Rechtsanwalt, deren schlanke Formen sich trotz ihres jugendlichen Alters schon zu runden begannen, neigte sehr zur Bequemlichkeit und liebte, da sie keine Kinder hatte, muntere Gesellschaft im Hause. Martha aber sparte von Monat zu Monat, um das nötige Geld für die Reise zu sammeln und noch genug übrig zu behalten, daß sie aus eigenen Mitteln leben könne, bis sich entweder eine Beschäftigung für sie gefunden habe oder 467 Lis Leonhard imstande sei, einen Haushalt einzurichteu, in dem sie ihm alle Dienste zu leisten freudig gewillt war. Und nun hatte sich bald nach ihrer Ankunft Arbeit in Hülle und Fülle für sie gefunden. Sie war es gewesen, die Olaf in den ersten Tagen seiner Krankheit gepflegt hatte, während Leonhard noch in der Meerschaumfabrik thätig war. Sie hatte sich erst zurückgezogen, als mit der fortschreitenden Besserung Olaf seine klare Besinnung wieder erlangte, und es wünschenswert erschien, jede Aufregung von ihm fern zu halten. Man konnte ja nicht wisfen, wie er das Wiedersehen mit ihr auffassen würde. Nun wußte sie's. Und fast ohne Worte war es klar zwischen ihnen, daß sie sich niemals wieder trennen würden. Sie hatte zugleich mit der Luft Anatoliens die freudige Bewunderung eingeatmet, die man hier dem siegreich vordringenden Heere der „Eisenbahner" entgegenbringt, siegreich im Kampfe mit der Wildnis, mit den Hindernissen des Bodens, der mächtig sich auftürmenden Felsen, siegreich im Kampfe mit der unzuverlässigen Bewohnerschaft, den gewaltthätigen Tscherkeffenhorden. Und Olaf war Offizier in dieser Armee des Friedens; einer der besten, einer der tüchtigsten. Das hatte der Oberingenieur wiederholt betont, wenn er in banger Sorge um Olafs Leben an dessen Lager stand. Olaf war der Mann, der hoch über ihr stand, zu dem sie aufblicken, den sie lieben mußte! Und beinahe wäre er als Opfer gefallen- beinahe — sie hatte ihn dem Tode abgerungen, sie hatte ihn dem Leben erkämpft, für sich erkämpft. Ein wonniges Glücksgefühl ergoß sich über sie, unfaßbar, unglaubhaft noch für die so hart vom Schicksal Verfolgte. „Du wirst glücklich, meine Schwester! Nun ist alles gut", flüsterte Leonhard ihr zu, als sie das erste Mal des Abends zu dreien zusammen saßen. Martha ließ sanft ihre Hand aus der ihres Bräutigams gleiten und umfing ihren Bruder. „Wenn unsre Mutter das erlebt hätte!* murmelte sie, und eine Thräne rollte langsam über ihre Wange, eine Thräne des Glücks, der Wehmut, der Reue. Heute, wo sie selbst glücklich war, wo der Fluch, der von ihrem Vater her auf ihnen zu lasten schien, von ihr genommen war, kam es ihr zum Bewußtsein, wie unerbittlich grausam sie gegen das Andenken ihres Vaters, wie hart sie gegen ihre Mutter gewesen war, und jedes der bittern Worte, die sie ihr zugerufen an dem Abend, als Leonhard von ihnen ging, ward vor ihr lebendig. Heute, wo sie aus voller Seele liebte, fühlte sie, wie es ihr gemangelt hatte an der wahren, vergebenden Liebe. „Vergieb mir, bergieb mir, Du Treue, Gute, Engelreine", betete sie in ihrem Herzen, „wie ungerecht war ich gegen Dich!" Der harte Zug, der sich in den letzten Jahren so fest in ihr Gesicht eingegraben hatte, begann sich zu verwischen und einem milden Ernste Platz zu machen, der ihr etwas Verklärtes gab. Voll innigen Glücks betrachtete Olaf seine Braut. Alles sand er wieder, was er ehemals in ihr geliebt hatte: den klaren, reinen Sinn, die Frische, die geistige und körperliche Spannkraft, die ihr gerade hier so vonnöten sein würden,- — und mehr noch, unendlich mehr: weibliche Milde, Sanftmut und Hingebung- Eigenschaften, die vielleicht in ihr geschlummert hatten, die das Unglück ihr geraubt, die das Glück ihr wiedergeschenkt hatte. Nicht minder beglückt wie die beiden Liebenden selbst war Leonhard. Zum erstenmale feit mehr denn sechs Jahren war er wieder von Herzen vergnügt, zum erstenmale war Lüstre Schwermut von ihm gewichen, und ab und zu blitzte es wieder in seinen Angen von frohem Uebermute wie ehedem. Wenige Tage darauf durfte Olaf seinen ersten Spaziergang unternehmen. Martha begleitete ihn. Er stützte sich auf ihren Arm und sog die weiche, duftgetränkte Luft in vollen Zügen ein. Langsam in stillem Genießen wandelten sie durch die blühenden Felder. Im weiten Halbkreis umrahmten graue Hügel das Bild fruchtbaren Lebens. Zur Seite des Weges graublättrige Maulbeerbäume, und wie festliche Guirlanden rankten sich von einem zum andern die Rebengehänge. Weithin dehnten sich ringsum hohe Mohnfelder, farbenprächtig, sonnenbestrahlt, buntgeflammt, vom zartesten Blaßviolett bis zu leuchtendem Purpur und feurigem Rot - eine Jubelstnfonie der roten Farbe, eine Verkörperung der Lebenslust. Und vor ihren Augen wurde eine Szene lebendig, die tief in ihre Herzen gegraben war. Die roten Mohnfelder verwandelten sich in ein rotes Nelkenbeet, die festlichen Maulbeerbäume in die verstaubten Sträucher eines Vorstadtgartens- und mitten drinnen saßen zwei Menschenkinder in der Blüte verheißungsvoller Jugend- sie liebte» einander, sie schwärmten, sie dichteten--Und leise begann Martha, ihre Wange an Olafs Schulter legend: „Emst wandelt' ich, im Waldesgrün verborgen, Auf einem Pfad von zauberischer Pracht. Es schien die Welt zu ewig jungem Morgen Soeben aus dem Schlummer erst erwacht". Und Olaf neigte sich herab zu ihr. Seine treuen blauen Augen tauchten in ihre reinen braunen- voll Inbrunst küßte er ihre klare Stirn - und aus tiefstem Herzensgrund flüsterte er dankerfüllt und beseligt: „Mein Lieb, zum Paradiese zu gelangen Muß man zu zweien auf der Wandrung sein". Gemeinnütziges. Reinigen der Kleiderbürsten. Die eben gebrauchte Bürste reibe man, wie der „Praktische Wegweiser", schreibt, jedesmal gegen ein reines Papier, welches man mit einer Hand gegen die scharfe Ecke eines Tisches hält, so lange, bis das Papier, welches man beim Reiben immer vorschiebt, rein bleibt. Dies ist in wenig Augenblicken geschehen. Man schont die zu reinigenden Kleidungsstücke auf diese Weise sehr, da die unreinen Bürsten denselben oft mehr Schaden thnn, als der Gebrauch und der Staub. OesrmdHettspflege. Fingernägelknabbern läßt sich, nach einer Mitteilung des „Praktischen Wegweiser", Würzburg, bald abgewöhnen, wenn die Nägel so gepflegt werden, wie es sich gehört. Was die Kinder alles während des Tages anfaffen, läßt sich gar nicht aufzählen, und von allem bleibt etwas an den Händen kleben. Die Hände werden wohl gewaschen, aber was sich unter den Nägeln versteckt, bleibt in der Regel sitzen. Auch um den Nagel herum unter der Haut bleibt Schmutz. Dazu unterlassen viele Leute auch, die Haut von der Nagelwurzel herunter zu schieben. Da spannt sich die Haut, fühlt sich heiß und unbequem und auch unter dem Nagel fühlt sichs unbehaglich. Weniger feinfühlige Leute mögen das nicht so empfinden, aber bei Kindern ist der Gefühlssinn ziemlich ausgeprägt. Sie fragen nicht lange warum? sondern bearbeiten instinktgemäß die Fingernägel mit den Zähnen, schlucken etwaige Mikroben mit hinunter und überlassen es anderen sich zu wundern, wovon sie krank geworden. Es ist wohl nicht immer möglich, vor dem Schlafengehen zu baden, aber Gesicht und Hände können gewaschen werden. Mit dem Seifenlappen und Daumen sollte die Haut um den Nagel gut zurückgerieben werden, damit aller Schmutz auch wirklich entfernt wird, und ebenso beim Abtrocknen- und die Nägel müssen gesäubert und beschnitten werden. Dann fühlen die Finger sich so wohlig, daß die Kinder das Knabberndaran unter- laffen und es sich bald ganz abgewöhnen. E. O. K., New.-Orl. Mittel gegen Verbrennungen nnv Verbrühungen. Ein sehr einfaches Mittel, das sogleich die Schmerzen lindert und selbst die größten und tiefsten Wunden in verhältnismäßig kurzer Zeit und ohne Zurücklassung einer Schramme oder Narbe heilt, kann jede Hausfrau leicht bereiten, indem sie ein frisches Ei mit einem eigroßen Stück frischer Butter recht gut verrührt, diese Salbe auf ein leinenes Läppchen — 468 streicht und dieses auf die Wunde legt und sobald es trocken ist erneuert. Dr. H. erzählt einen Fall, wo eine Frau durch Anzünden ihrer Kleider infolge von Unvorsichtigkeit fast am ganzen Körper mit großen und tiefen Brandwunden bedeckt war. Der Arzt ließ mit der Salbe aus 1 Kilogramm Butter und 20 Eiern ein Betttuch bestreichen und die Kranke darin einhüllen- dies wurde mehrmals wiederholt, die heftigen Schmerzen ließen bald nach, und nach Verlauf von acht Tagen war die Patientin vollkommen gesund. In einem andern Fall hatte sich ein junges Mädchen durch Explosion der Theemaschine das ganze Gesicht verbrüht- auch hier wurde das Mittel mit Erfolg angewendet. Zsür die Küche. Gurkensalat im Winter. Man wählt, wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, solche Gurken aus, welche ein festes Fleisch und wenig Kerne besitzen (am besten Schlangengurken), und wäscht und schält sie ab. Nun schneidet man sie in nicht zu dünne Scheibchen, salzt sie schwach, drückt sie sogleich etwas aus und. mengt eine geringe Menge guten Weinessig und Pfefferkörner darunter und schüttet sie so in Gläser mit nicht engem Halse, doch muß ein etwa drei Finger breiter, leerer Raum bleiben. Hierauf nehme man gutes Provencer Oel und gieße es behutsam über die Gurken, so daß es 2-/z Zentimeter übersteht. Endlich werden die Gläser fest verkorkt und mit vorher naßgemachter Schweinsblase zugebunden. Stellt man die Gläser an einen dunklen, kühlen Ort (aber in keinen feuchten Keller), so hält sich der Salat sechs bis acht Monate lang frisch und unverändert. Will man ihn verbrauchen, so gießt man das Oel behutsam ab, schüttet die Gurken in eine Schüssel, läßt den alten Essig gänzlich ablausen und macht den Salat mit Zwiebeln, etwas gehackter Petersilie, Oelsund frischem Weinessig zurecht. Der Inhalt eines geöffneten Glases muß auf einmal verbraucht werden. VernEcht-s. Bleihaltige Spielwaren nnd Gevranchsgegen- stänve. Durch das Reichsgesetz über den Verkehr mit biete und zinkhaltigen Gegenständen ist die Beschaffenheit von Eß-, Trink- und Kochgeschirr, sowie Flüssigkeitsmaßen in betreff der chemischen Zusammensetzung des Materials, aus dem sie gefertigt sein dürfen, vollständig geregelt. Aber hinsichtlich des zulässigen Bleigehaltes blei- und zinkhaltiger Spielwaren und anderer Legierungen hergestellter Gebrauchsgegenstände fehlt es an gesetzlichen Bestimmungen oder es bestehen dcch Lücken in der Gesetzgebung. Was Spielwaren betrifft, so bedroht das Gesetz, betreffend den Verkehr mit Nahrungsmitteln, Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen, denjenigen mit Strafe, der solche Gegenstände vorsätzlich derart herstellt, daß der bestimmungsgemäße oder vorauszusehende Gebrauch derselben die menschliche Gesundheit zu schädigen geeignet ist. Aber weder hier, noch in dem anderen Gesetze befindet sich eine genaue Beschränkung eines etwaigen Bleigehaltes bei aus Metall hergestellten Spielwaren auf ein gewisses Maß, wie es für Eßgeschirr rc. aufgestellt worden ist. Wie wichtig die Ausführung dieser Lücke in der Gesetzgebung ist, beweisen Untersuchungen, die Dr. Frühling in Braunschweig angestellt hat: Er hat nämlich bet Kinderblasinstrumenten in den Mundstücken bis zu 86 Prozent Blei gefunden. Er spricht mit Recht seine Verwunderung darüber aus, daß dies gesetzlich zulässig ist, während eine Legierung zur Herstellung von Eßlöffeln schon beanstandet wird, wenn sie mehr als zehn Prozent Blei enthält. Auch die kleinen Signalpfeifen der Eisenbahnbeamten sind 'oft stark bleihaltig, bis zu | 67 Prozent. Dabei lassen sich diese Gegenstände io gut wie j bleifrei Herstellen. So wurden bei Kaffeelöffeln verschiedener t Herkunst ost nur Spuren von Blei, anderseits bis 90 Prozent gefunden. Ferner fand Dr. Frühling: Puppenköpfe mit bleiweißhaltiger Farbe bemalt- eine Lokomotive aus lackiertem Weißblech, dessen Triebrädchen 89,9 Prozent Blei enthielt, endlich einen Zinnsoldaten mit 91 Prozent Blei. Bei der bekannten Giftigkeit des Bleies ist daher größte Vorsicht im Gebrauch von Spielwaren geboten, da die Kinder die leidige Gewohnheit haben, alle Gegenstände in den Mund zu stecken. Woran erkennt man vie Hundswut? Bekanntlich ist vor einiger Zeit beim Berliner Institut für Infektionskrankheiten eine Tollwütstation errichtet worden. Dadurch ist es weiteren Kreisen klar geworden, daß auch bei uns viel mehr Fälle von Hundswut auftreten, als dies im allgemeinen angenommen wurde. Sind doch seil der kurzen Zeit des Bestehens jener Einrichtung weit mehr als hundert Personen, die von hundswutkranken oder verdächtigen Hunden gebissen wurden, eingeliefert und behandelt bezw. beobachtet worden. Die frühzeitige Erkenntnis dieser Erkrankung ist aber die Vorbedingung für eine erfolgreiche Verhütung. Wir wissen heute, daß die Hundswui eine reine Infektionskrankheit darstellt, deren äußere Symptome in vielen Fällen schon das Erkennen sichern. Wenigstens kann man annehmen, daß jedem Eigentümer eines Hundes, wenn er denselben nur einigermaßen beobachtet, sofort die höchst eigentümlichen Anomalien auffallen müssen, die den Beginn der Hundswut anzeigen und ihn veranlassen, fachmännische Beurteilung einzuholen. Die stets vorhandene Veränderung des Charakters, welche sonst phflegmattsche Hunde auf einmal scheu, launisch und schreckhaft, gutmütige Tiere widerspenstig und mürrisch, sehr bissige dagegen Plötzlich merkwürdig friedlich und zutraulich werden läßt, ist für sich schon ein höchst bezeichnender Zug. Hierzu kommt noch die niemals fehlende Veränderung der Stimme, das sogenannte Bellgeheul, der Drang zum Entweichen, das vollständige Versagen des Futters, die Aufnahme unverdaulicher Stoffe, wie Kohlenstücke, Draht, Erde, Glasscherben rc. - die außerordentlich ausgeprägte Beißsucht, welche die Tiere dazu bringt, nach ihrem Herrn zu schnappm, in leblose Gegenstände ohne vorheriges Bellen hineinzubeißen, daß ost die Zähne brechen, die deutlich ausgesprochene Gemütsverstimmung, endlich die stets zutreffende Aufeinanderfolge eines Reizungs- und eines Lähmungsstadiums, all' das sind in die Augen springende Erscheinungen, die bei genügender Beobachtung kaum übersehen werden können. Anders aber steht die Sache, wenn eine hinreichende Beobachtung nicht möglich war, sei es, daß es sich um einen zugelaufenen Hund handelt, sei es, daß nur mehr der Kadaver vorliegt. Hat ein solches Tier einen Menschen verletzt, so gewinnt die Frage, ob Hundswut vorliegt oder nicht eine große Bedeutung. Zur Entscheidung bleiben da nur zwei Mittel übrig, die diagnostische Impfung und die Sektion. Die Impfung ist heute der richtigste und einzig verläßliche Behelf zur zweifellosen Feststellung der Wut, sie ist auch keineswegs zu umständlich, um eine praktische Verwertung finden zu können, allein bis zur Feststellung des Ergebnisses vergeht eine längere Zeit, und es handelt sich nicht allein um die Sicherheit, sondern auch um die Schnelligkeit des Erkennens- zu diesem Zweck kann die Sektion dienlich sein. Pathologische Leichenveränderungen, auf Grund deren die Wut mit obsoluter Sicherheit festgestellt werden kann, giebt es nun freilich nicht. Aber gewisse Abnormitäten des Darmes und des Nervensystems reichen doch ost zur Feststellung der Wut aus. Eines der verläßlichsten Zeichen ist das vollständige Fehlen von normalen Nahrungsstoffen im Magen, an deren Stelle oftmals Fremdkörper ausgenommen find. Für die Praxis des Lebens er- giebt sich hieraus die Forderung: man darf niemals ein wutverdächtiges Tier töten, sondern muß es lebend einem Tierarzt zusühren, ferner bei einigermaßen berechtigtem Verdacht auf Hundswut soll man sich möglichst schleunigst in die Behandlung einer Tollwutstation begeben. Dr. M. Wcbahion: 6. Burkharbt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UmversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.