1899. Sonntag den 19. Februar iTJIälilj jrn« Ahendliev SK s ist so still geworden, verrauscht des Lebens Weh'n, ’MÄ Nun hbrt man allerorten der Engel Füße geh'«. Rings in die Thale senket sich Finsternis mit Macht, Wirf ab, Herz, was dich kränket und roaS bir bange macht. Nun steh'n im Himmelskreise die Stern’ in Majestät; In gleichem, festem Gleise der gold'ne Wagen geht. Und gleich den Sternen lenket er deinen Weg durch Nacht. Wirf ab, Herz, was dich kränket, und was dir bange macht. Kinkel. (Nachdruck verboten.j Aus Freiersfüßen. Von P- Ditfurth. •*" (Fortsetzung.) Fräulein Agnes senkte verschämt den Blick, sonst hätte sie bemerkt, wie die Augen ihres Nachbarn keineswegs sie, sondern sein reizendes Gegenüber dabei suchten. Aber Fränzchen stieg Zornesglut in die Wangen, und wahrhaft sprühend vor Empörung erwiderte sie den Blick. Wie konnte der unverschämte Mensch sie dabet ansehen! Wenn sie ihm doch ihre Verachtung hätte zeigen können, aber es war ihr unmöglich, diesen strahlenden, offenen Augen gegenüber ein Wort hervorzubringen, so vermochte sie nur innerlich die ingrimmige Bemerkung zu machen, welch heuchlerischer Charakter das sein müsse. Und jetzt fuhr der Freche unbefangen fort: „Es thut mir sehr leid, Ihren Vater nicht daheim zu treffen, aber ich hoffe, er kehrt heute abend zurück, so lange müssen die Damen schon großmütige Gastfreundschaft üben." „Dieser Komödiant," knirschte Fränzchen ihrer Nachbarin zu. „Wenn er nun erst morgen früh kommt?" fragte sie dann spitz. „Dann müßte ich die Reise wiederholen, für mich allerdings kein großes Opfer," sagte er, sie wiederum mit so glänzendem, feurigen Ausdruck seiner Augen ansehend, daß selbst Toni bestürzt schien und nach dem Fräulein blickte, doch dies lispelte nur: „Das wird kaum nötig sein." Fränzchen aber ließ einen leisen Wehruf hören und lief, das Taschentuch an die Lippen pressend, hinaus,- sie hatte sich mit der Gabel gestochen. Betroffen sahen ihr die anderen nach, und Toni folgte ihr. Aber Fränzchen war -verschwunden, und das Hausmädchen berichtete: „Das Fräulein habe sich so weh gethan und werde nicht mehr zum Mittagstisch herunter kommen, es müsse sich die Lippe kühlen. Das Mahl verlief ziemlich schweigsam, der Gast war entschieden verstimmt, Fräulein Agnes blickte nur immer scheu schmachtend an ihm herauf, und Toni dachte an Fränzchens wunderliches Wesen. Als die Tafel aufgehoben wurde, sagte Herr Georg Keller: „Die Damen halten jedenfalls jetzt Mittagsruhe, ich bitte, in keiner Weise sich durch mich stören zu lassen," er verbeugte sich und ging hinaus, von Fräulein Agnes' bekümmerten Blicken gefolgt, die so fest auf ein ungestörtes Beisammensein und die ersehnte Aussprache gehofft hatte. „Aber um drei Uhr bitte ich zum Kaffee im Gartenzimmer!" rief sie noch nach, dann zog sie sich resigniert zurück. Pünktlich um drei saß Fräulein Selterlein im Gartenzimmer bei der Kaffeemaschine, aber sie mußte eine ganze Weile warten, ehe Herr Georg Keller erschien. Etwas mißmutig blickte er im Zimmer umher, die alleinige Gesellschaft der seltsamen Dame schien ihn nicht sonderlich zu ergötzen. Voll Grazie versorgte ihn unterdessen Fräulein Agnes mit Kaffee, vergaß sogar eine Zigarre nicht. Dann nahm sie still entschlossen ihm gegenüber Platz: „Es ist nun wohl an der Zeit, Herr Keller, begann sie mit leicht bebender Stimme, „daß wir — daß wir — über die Zukunft sprechen, wie denken Sie sich diese?" sie senkte die Lider vor seinem festen, erstaunten Blick- ach, der Mann war so begehrenswert, ihr Herz hatte er im Sturm genommen, wie schwoll es ihr bei dem Gedanken, an seiner Seite vor die Welt zu treten, und dabei wie kühl, wie unbefangen, wie unnahbar, es war zum verzweifeln! „Wie ich mir die Zukunft denke, mein Fräulein? Nun, hübsch, sehr hübsch, namentlich seit ich meinen Fuß über diese Schwelle gesetzt," er lächelte dabei bezaubernd liebenswürdig, daß ihr Herz lauter schlug. „Ich habe nur den einen Wunsch, daß meine Hoffnungen in Bezug auf dieses Haus sich erfüllen." „Das werden Sie, mein Herr, gewiß!" rief Fräulein Selterlein mit Feuer und rückte ihren Stuhl etwas näher zu ihm. „Das wäre ein großes Glück," erwiderte er. //Ja, ja," fiel sie wieder ein, „der Himmel weiß, wie ich alles daran setzen werde, Ihr Glück zu gründen und zu befestigen, es ist so süß, für andere zu leben," schluchzte sie fast vor Bewegung. 102 . „Mein Fräulein," sagte er, sie mit ängstlichem Befremden ansehend, „das ist — sehr edel von Ihnen, es zeugt von — einem warmen Herzen," er erhob sich unruhig. Sie preßte beide Hände aufs Herz und senkte den Kopf, würde er nun zu ihren Füßen sinken oder sie umarmen? — Nein, er rührte nur mit dem Kaffeelöffel in seiner Tasse herum und blickte verzweiflungsvoll durch die offene Thür in den Garten. „Ich kann mir denken/ fuhr er ziemlich abwesend fort, „wie gewissenhaft Sie ihre Pflichten erfüllen und wie unentbehrlich Sie Herrn Ellner sind." „Gewiß, Herr Ellner würde mich sehr vermissen," sagte sie, stark ernüchtert zu ihm aufsehend, „aber das," sie schlug die Augen wieder nieder, „das kommt hierbei nicht in Betracht, ich bin vollständig berechtigt, mein Glück voran zu stellen." „Das würde Ihnen wohl kaum jemand verwehren," meinte er, noch zerstreuter in den Garten blickend, seine Gedanken schienen bedenkliche Seitensprünge zu machen. „Oh, deshalb brauchen Sie auch keine Bedenken zu hegen," flüsterte sie. „Es wäre mir doch lieb, könnte ich den Hausherrn heute abend noch sprechen," sagte er halblaut. „Aber das ist doch nicht so notwendig," meinte sie errötend- „find wir erst im reinen," fuhr sie mutig fort, „dann lassen Sie das getrost meine Sache sein." „Hm, ob ich mit Fräulein Ellner spräche?" sagte er nachdenklich, ohne auf Fräulein Agnes Worte zu achten. „Mit der, oh, nur das nicht, dann, dann ist alles verloren!" rief sie und hob die Hand wie beschwörend empor. Beinahe erschreckt sah er sie an, wie sie jetzt hastig aufstand und, beide Hände gegen ihn ausstreckend, rief: „Machen Sie sich doch keine Sorge, mein Teurer, ich bin voll der freudigsten Zuversicht, feien auch Sie es!" feurig griff sie nach seiner Hand, aber beängstigt wich er zurück, und das war gut, denn die Thüre öffnete sich, und ein Dienstmädchen steckte den Kopf herein: „Fräulein, draußen ist ein Händler mit Körben." „Wir brauchen nichts," stieß das aus allen Himmeln gerissene Fräulein ungnädig hervor. „Neulich haben Sie aber erst gesagt, wir brauchten nötig Körbe und schalten, daß wir einen Händler hatten fortgehen laffen," sagte das Mädchen mit einem Anflug von Trotz. Mit hochrotem Kopf schoß die Dame ärgerlich zur Thüre hinaus, während Georg Keller sehr unritterlich hinterher murmelte: „Na, da kauf Körbe, so lange und viel als Du willst." Als nach einer Weile Fräulein Agnes zurückkehrte, war Herr Georg verschwunden. Frau Toni suchte, ihren Jungen auf dem Arme, von neuem nach Fränzchen, die Dienstboten wiesen sie in den Garten, wo sie endlich den Flüchtling auch fand, etwas bleich und das Tuch an den Mund gedrückt. „Aber bestes Kind, hast Du Dich denn so arg verwundet, daß Du vom Tische fortbliebst?" fragte besorgt die junge Frau. Fränzchen verzog den Mund: „Das war das wenigste, nur ein willkommener Anlaß, fortzulaufen und dem gräßlichen Menschen nicht mehr gegenüber zu sitzen." „Nun, so gräßlich und unverschämt finde ich ihn gar nicht, Fränzchen," begütigte Toni, „daß er Dich ein paarmal ansah, istdoch ketnVerbrechen, den Vergleich mit Fräulein Agnes kannst Du ja wohl aushalten," sie lachte schelmisch. „Du vergißt, was ihn herführt, und daß sein Benehmen nur eine Beleidigung für mich sein kann," erwiderte Fränzchen mit blitzenden Augen, „bis jetzt habe ich noch niemand weder verachtet noch gehaßt, aber ihm gegenüber thue ich beides - wie kann der freche Patron es wagen, während er seiner Erwählten schmeichelhafte Worte sagt, mich dabet so zu fixieren!" fie ballte zornig beide Hände. Toni betrachtete sie kopfschüttelnd: „Aber Fränzchen, ch verstehe Dich nicht, ich sollte meinen, der Mensch müsse Dir so gleichgültig sein, daß sein Benehmen Dich völlig i'tttt ließe, heute noch reist er doch wohl ab, und Du siehst ihn nie wieder." „Völlig gleichgültig wäre mir alles," meinte Fränzchen, den Kopf in den Nacken werfend, „wenn es nicht in meines Vaters Hause geschähe, wo ich repräsentieren muß." „Wer weiß, da hat der arme Mensch vielleicht gerade gemeint, er müsse Dir gegenüber besonders liebenswürdig iein. Ich würde es ihn entschieden nicht merken lassen, daß Du so erbost bist- komm zum Kaffee, vielleicht hat sich die Sache nun entschieden, Fräulein Agnes bombardiert ihn mit allem Feuer, ich hörte sie im Gartenzimmer sprechen." Damit wandte sie sich zum Gehen, aber Fränzchen blieb zurück: „Werde ich mir diese widerwärtige Komödie noch einmal mit ansehen, das sollte mir fehlen," murmelte sie trotzig. Indem hörte sie Schritte vom Gartenzimmer her, da kam wohl gar das gewordene Brautpaar? Im Nu huschte sie hinüber in die Gemüsebeete und begann harmlos Erbsen zu pflücken. Die Schritte wurden bald hier, bald dort hörbar, sie gingen auch nur von einer Person aus, die jetzt die Stufen zu dem Platz, der Fräulein Agnes heute zum Ausguck gedient, hinaufschritt, aber alsbald wieder herunter kam. Jetzt stand sie still, dann kam sie geradewegs auf das Gemüseland zu. Fränzchen reckte den Kopf, vielleicht war es eins von den Mädchen, das sie suchte, aber erschrocken duckte sie sich nieder, es war der gräßliche, unverschämte Mensch, der sie entdeckt haben mußte, denn im nächsten Augenblick stand er neben ihr. Das Fliehen gab sie auf, warum sollte sie auch nicht bleiben? Sie war hier Herrin, er der Eindringling, fie glühte von Trotz und Kampfesmut, riß aber einstweilen nur erbarmungslos Erbsen ab, sich dabei ungeheuer viel auf ihre kühle Haltung einbildend. „Ah, mein gnädiges Fräulein," begann er erfreut, die heimlich Gesuchte glücklich gefunden zu haben, „welcher Arbeit unterziehen Sie sich bei dieser Hitze!" Fränzchen wandte mit stolzer Verwunderung den Kopf : „Und Sie gehen bei dieser Hitze im Garten spazieren? ist's nicht im Gartensaal viel angenehmer?" „Dann wäre ich doch wohl nicht hier," gab er heiter zurück und lächelte sie wirklich wieder ganz unverschämt an. „Suchten Sie etwa Ihre Cousine?" fragte sie spitz, es kochte schon wieder in ihr. „Oh nein," versicherte er. „Aber Sie werden jedenfalls zum Kaffee erwartet?" ihre Stimme klang erregt. „Die Kaffeestunde ist längst überwunden, das Fräulein kauft jetzt Körbe," entgegnete er mit versteckter Lustigkeit, „und unterdessen bin ich fortgelaufen." Empört starrte sie ihn an, wie niedrig, wie unedel dachte dieser Mensch, daß er in solcher Weise von der Dame sprach, um die er warb. Sie reckte ihre zierliche Figur wahrhaft imponierend in die Höhe und sagte: „Mein Herr, glauben Sie denn, ich durchschaue nicht die ganze Komödie, die uns vorgespielt werden soll, und die an sich schon häßlich genug ist, daß Sie nicht nötig haben, noch eine zweite hinter Fräulein Selterleins Rücken zu spielen, die diese auf's tiefste kränken muß." Fränzchen war selbst sehr erbaut, wie groß- ariig sie diese Worte sprach. Herr Georg Keller aber trat bestürzt einen Schritt zurück und blickte sie so unsäglich verständnislos an, daß sie ihre fürstliche Haltung unwillkürlich etwas einbüßte und ein halbes Dutzend arme Erbsenblüten herunterriß. „Ich bitte Sie, mein Fräulein, welches schändlichen Spieles klagt man mich denn nur eigentlich an, womit kränke ich denn die Dame dieses Hauses, die ja das Fräulein vorstellt, ich bin mir nichts bewußt" — Kränzchens Augen funkelten, mit Wonne hätte sie ihm die nächste Bohnenstange durchs Herz stoßen können, sie 108 schauderte, wenn sie daran dachte, was die arme Agnes an der Seite dieses falschen Mannes zu erwarten hatte. „Beiläufig, mein Herr, die Dame des Hauses — bin ich," sagte sie hochmütig, „leider wird das vergessen, weil ich jung und schutzlos bin," ein verächtlicher Blick streifte ihn. Er legte die Hand auf das Herz und erwiderte: „Keinen Augenblick vergaß ich es, mein gnädiges Fräulein, um so unglücklicher bin ich, mir ahnungslos ein so ungünstiges Vorurteil Ihrerseits zugezogen zu haben, ich bin für'jede Aufklärung über meine schwere Schuld von Herzen dankbar, denn diese Rätsel, die mir hier allenthalben entgegen treten, machen mich ganz verwirrt, bitte, so helfen Sie mir doch!" „Ich fühle mich wahrlich dazu nicht berufen," entgegnete sie spitz, „und möchte Sie dringend bitten, mich hier meiner Arbeit zu überlassen." (Fortsetzung folgt.) Die Santtätspolizei der Natur. Zoologische Plauderei von Hermann Greiling. ------- (Nachdruck verboten.) Veranlassung zu diesem Artikel giebt mir ein kleines Erlebnis des letzten Sommers. Auf einem Spaziergang begriffen, sah ich eine junge Dame, die einen kleinen Knaben von etwa acht Jahren an der Hand führte, plötzlich vor etwas zurückschaudern. Dieses Etwas befand sich am Rande einer schmalen Schlucht, und die junge Dame, offenbar eine Erzieherin oder Kindergärtnerin, rief vor Abscheu aus: „Pfui, der häßliche Anblick — Leo, kommt fort!" Neugierig geworden, blieb ich ebenfalls vor dem so verabscheuten Etwas stehen: es war eine tote Maus, an welcher eine Anzahl Aaskäfer fröhlich schmausend herumkrochen. Der Anblick erschien nun zwar yicht gerade appetitlich, aber ich fand ihn doch im Grunde zu interessant, um ihn direkt zu fliehen. Der Knabe hätte meines Erachtens aus einer Erklärung des harmlosen Vorganges Belehrung schöpfen können, während die hier geübte Art der Behandlung desselben nur Vorurteile in ihm erwecken und befestigen mußte. Denn was sich hier bot, war ein Stück Arbeit der Sanitätspolizei der Natur, eine Arbeit, die genau so wichtig ist, wie die rühmliche Thätigkeit unserer menschlichen Sanitätspolizei, wenn sie sich auch — besonders in unseren Gegenden — der Beobachtung meist entzieht. Welche Zustände entständen wohl in einer Stadt, wo man alle Abfälle auf den Straßen liegen oder gar die Leichen von Tieren und Menschen unbeerdigt vermodern ließe? Pest und Seuchen würden die Folge sein, ein unerträglicher Geruch würde herrschen, gefährliche Miasmen würden wir auf Schritt und Tritt einatmen. Ganz ähnliche Verhältnisse bestehen in der freien Natur, vor allem in den heißen tropischen Ländern, wo jeder abgestorbene Körper so rasch in Zersetzung übergeht. Was sollte aus all den verendeten Tieren werden, wenn die Natur nicht für eine schnelle Beseitigung der Kadaver Sorge getragen hätte? In der Wüste z. B. finden manchmal ganze Karawanen von Menschen und Kameelen ein entsetzliches Ende — niemand ist da, sie zu beerdigen, zu beseitigen — ihre Verwesungsprodukte würden die Karawanenstraße verpesten, wenn die Natur nicht Mittel und Wege zu ihrer Unschädlichmachung fände. Um die ungeheuren Mengen faulender Substanzen, die sich in manchen.Ländern oder zu Zeiten finden, hat die Natur eine besondere Sanitätspolizei angestellt. Natürlich find es nicht die edelsten Elemente unter den Tieren, welche sich für diesen Zweck gebrauchen lassen, da die betreffende Thätigkeit nicht die sauberste und appetitlichste ist — die Arbeit ist aber darum nicht minder wichtig und nützlich, ja sie ist eine der wertvollsten im Haushalt der Natur, wie ja auch im Haushalte der Menschen die besonders ästhetische Art einer Arbeit nicht immer auch ihren höheren Wert bedingt. So werden wir, wenn wir die Vertreter der Straßenpolizei der Natur betrachten, wenn wir zu ihnen auch keine besondere Zuneigung fassen können, doch gern über ihrem nützlichen Beruf ihre vielfach abschreckende Gestalt vergessen und ihnen die Achtung und das Interesse, welches sie verdienen, nicht versagen. Das Geschäft bringt es eben mit sich, daß sie nicht in vornehmen Gewändern einherstolzieren können — ein Knecht, welcher Dünger aufladet, kann dabei ja auch keinen Zobelpelz tragen. Unter den Vierfüßlern, welche sich die Aasaufräumung angelegen sein lassen, treten vor allem die Hyänen und Schakals hervor, doch erblicken wir in ihnen durchaus keine hervorragenden Repräsentanten unserer Sanitätspolizei, da sie den Nutzen, den sie auf diese Weise schaffen, durch ihre unverschämten Räubereien und Spitzbübereien mehr als wett machen. Dagegen haben die Gürteltiere das Aas in ihren Speisezettel ausgenommen, ohne diesen Vorzug durch irgendwelche andere unliebenswürdige Eigenschaften aufzuheben, im Gegenteil, sie fügen ihm noch den weiteren hinzu, daß sie einen vortrefflichen schweinefleischähnlichen Braten gewähren. Dem Europäer schmecken freilich nur ein p.rar Arten, während der Neger allen Gürteltieren leidenschaftlich nachstellt. Es sind harmlose, feige, unterirdisch lebende Tiere mit einem aus Knochenplatten bestehenden Panzer, welche sich außer von Aas auch von Ameisen, Termiten und Pflanzenstoffen nähren. Die Erde ist ihr eigentliches Slement und so träge sie sonst sind, vermögen sie sich doch — gleich unserem Maulwurf — mit erstaunlicher Schnelligkeit darin fortzubewegen. In ein paar ?- inuten gräbt sich ein Gürteltier bis zur Länge seines Körpers in die Erde ein, und dann ist selbst der stärkste Mann nicht mehr imstande, es am Schwänze herauszuziehen, da seine Klauen dann nach unten hin, und die Schuppen nach oben hin unbesiegbaren Widerstand leisten. Die größte Art, das Riesengürtelrier, erreicht die Größe eines Schweines, die kleinste, die Gürtelmaus, wird nur etwa 13 Zentimeter lang. Die interessanten Tiere sind leider infolge der erbitterten Verfolgung seitens der Menschen in starker Abnahme begriffen. Die eifrigsten und nützlichsten Mitglieder der tierischen Gemndheitspolizei finden wir unter den Vögeln. Es find die Geier, Tagraubvögel von zum Teil außerordentlicher Größe und Stärke. Ihre Lebensweise wie auch ihre widrige Ausdünstung macht sie den Menschen widerwärtig, trotzdem gehörep sie zu den in hohem Gritde nützlichen Vögeln und erfahren in einigen Ländern (wie z. B in Aegypten) sogar gesetzlichen Schutz, da man im tropischen Klima ihre Thätigkeit zu schätzen weiß. In diesem Lande steht schwere Strafe auf der Tötung eines Aasgeiers, in Jamaika hat der Erleger eines schwarzen Hühnergeiers hundert Mark Strafe zu zahlen. Der Inder hält sie sogar als Vertilger seiner Toten für heilige Wesen- eine der bekanntesten Arten, die Schmutz- geicr, finden wir schon auf den altägyptischen Bauwerken abgebildet, man erblickte in ihnen Sinnbilder der Elternliebe. Früher nahm man an, die Geier witterten das Aas auf weite Entfernung. Brehm weist jedoch nach, daß nicht der Geruchssinn, sondern das sckarfe Gesicht diesen Tieren ihre Beute verrät. Sobald sie einen zur Nahrung geeigneten Gegenstand wahrgenommen haben, stürzen sie aus schwindelnder Höhe Pfeilschnell und gierig auf das Aas hernieder, das unter beständigem Kämpfen, Lärmen und Beißen vertilgt wird. Wenige Minuten genügen, um ein kleines Säugetier bis auf den Schädel zu verzehren, auch von einem Rinde oder Kameel bleibt, wie Brehm sagt, nach einer einzigen Mahlzeit wenig übrig. Es giebt ca. ein Viertelhundert Arten- die größten sind der Kondor, der Riesengeier der südamerikanischen Kordilleren, und dec in den europäischen und astatischen Gebirgen heimische Bart- oder Lämmergeier, der eigentlich einer besonderen Raubvogelgruppe zuzuzählen ist und von den echten Geiern zu den Adlern das Uebergangs- glied bildet. Der Kondor mißt in der Länge einen Meter, mit ausgespannten Flügeln in der Breite sogar bis drei Meter, das Weibchen des Lämmergeiers, das größer als das Männchen ist, erreicht dieselbe Flügelspannung, bet noch erheblicherer (über IVa Meter) Länge. Der Kondor erhebt sich bis zur Höhe von 6000 bis 7000 Meter und stürzt sich aus der- 104 selben in unglaublich kurzer Zeit in die Tiefe herab. Nicht nur Aas, sondern auch lebende Tiere bilden seine Nahrung, er fällt sogar Ziegen, Kälber und kranke Pferde an. Es darf uns nicht wunder nehmen, die Geier ausschließlich in warmen und gemäßigten Kiimaten zu finden, da sie allein in warmen Gegenden den Tisch für sich ausreichend gedeckt finden. Tagelang folgt z. B. der Schmutzgeier in der Wüste den Karawanen, dreist nähert er sich den Menschen und Zelten und frißt unter ihren Augen die ihm zugeworfenen Bissen. In Afrika macht den Geiern der Marabu, ein häßlicher Kropfstorch, der ebenfalls mit Borliebe Aas verzehrt, häufig die Beute streitig. Häßlich haben wir ihn genannt, und in der That kann man den plumpen Stelzvogel mit seinem fast nackten Hals und Kopf, dem herabhängenden Kehlsack und dem unförmlichen Schnabel nicht als eine Zierde des Vogelgeschlechts, selbst nicht des Storchgeschlechts, bezeichnen. Er besitzt indessen eine Tugend, die ihn dem Menschen so wertvoll erscheinen läßt, daß man einer in Ostindien hebenden, etwa zwei Meter hohen Art sogar das Prädikat der Heiligkeit zuerkannt hat. Diese Tugend ist weder die Würde und Grandezza ihrer Haltung und ihres Ganges, denn diese wirkt komisch, noch ihre «lugheit, obschon letztere unsere höchste Bewunderung verdient. Die Marabus find nämlich Philosophen, sie lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen, ja sie fliehen sogar nicht weiter vor dem Jäger als unbedingt nötig ist und lernen nach den ersten Schüssen genau die Tragweite eines Gewehrs schätzen. Auch die berühmten Marabufedern, die so sehr geschätzt werden, stellen die Tugend nicht dar, von der ich rede — diese besteht vielmehr in der alle Begriffe übersteigenden Gefräßigkeit des Tieres. Doch nicht sowohl, wie er frißt, sondern was er frißt, macht ihn den Bewohnern der von ihm besiedelten Gegenden wertvoll, er ist nämlich nicht nur ein Vielfresser, sondern auch kein Kostverächter, über alles Genießbare fällt er her, Aas, Knochen, Fische, Ratten, Mäuse, alles würgt der mit unver wüstlichem Appetit begabte Stelzvogel hinunter. Ags wittert er schon aus weiter Ferne, er schafft sowohl dies als alle Abfälle aus dem Wege und besorgt in vielen Gegenden sogar das Amt des Totengräbers, nur daß er die Leichen- nicht in der Erde, sondern einfach in seinem unergründlichen Magen begräbt. Was hat man darin nicht alles schon gefunden! Rinderbeine samt den Hufen, riesige Knochen, blutgetränkte Lappen und andere Gegenstände von gleichem „Nahrungswerte". Noch tätlich verwundet sällt der Marabu gierig über ihm vorgeworfenen Fleischstücke her, er stirbt im Fressen. Auf diese Weise wird er für die Eingeborenen zum unschätzbaren Freund, er nimmt in der Gesundheitspolizei eine der wichtigsten Stellen ein. In gewisser Hinsicht verdienen hier auch unsere Raben einen Platz, sie stiften jedoch überwiegend Schaden und dürfen daher auf die Auszeichnung, als „Sanitätspolizeivögel" angesehen zu werden, ernstlich keinen Anspruch erheben. Die Klasse der Insekten liefert uns ebenfalls zahlreiche Mitglieder unserer „Behörde", wobei noch zu berücksichtigen ist, daß die geringe Größe und mangelnde Kraft durch die Menge der Individuen ausgeglichen werden. Wenn wir von mangelnder Kraft sprechen, so ist das eigentlich nicht richtig, denn im Verhältnis zu ihrer geringen Größe besitzen die Insekten eine geradezu erstaunliche Muskelkraft. Selbst schwache Kerle vermögen, wie Plateaus Experimente ergaben, mindestens das Fünffache ihres Gewichts zu ziehen, die Honigbiene bewegt sogar das 23fache, und manche Insekten bringen es bis auf das Vierzig- und Fünfzigfache. Am berühmtesten von den hierher gehörigen Insekten ist der „Totengräber", ein etwa 15 bis 20 Millimeter großer Käfer von schwarzer Grundfarbe mit zwei orangegelben Querbinden. Aus weiter Ferne wittern die Tierchen ein Aas, summend kommen sie geflogen, und ist nur erst einer zur Stelle, so folgen auch bald andere nach. Die Leiche, sei es nun die eines Vogels, einer Maus oder eines Maulwurfs, wählen sie entweder zur Nahrung für sich selbst oder bestimmen sie zur Ernährung ihrer Brut. Ersteres geschieht, wenn der Boden in seiner Beschaffenheit zu viel Hindernisse bietet, als daß sie das Begräbnis der Leiche ins Werk zu setzen vermöchten- ist dies aber nicht der Fall, so schreiten sie zum Begräbnis. Zu diesem Zwecke verteilen sie sich in angemessene Dimensionen, kriechen sodann unter die Leiche und scharren die Erde unter ihr weg, sodaß sie sich in die hierdurch entstehende Grube hinabsenkt, die nun sorgfältig wieder bedeckt wird. Ist der Leichnam beerdigt, so legt das Weibchen seine Eier an denselben ab, aus welchen sich nach vierzehn Tagen die von dem toten Körper sich ernährenden Larven entwickeln. Ist der Boden zu fest, aber günstigeres Erdreich in nächster Nähe, so kriechen die intelligenten Käfer wohl auch unter den zur Beerdigung bestimmten Körper und transportieren ihn an eine passende Stelle. Ein Naturforscher beobachtete, daß sie eine tote Kröte begruben, die gar nicht auf der Erde lag, sondern am oberen Ende eines Stockes befestigt war. Die Käfer unterwühlten den Stock, bis er zu Boden fiel, und begrüben sodann die Kröte mitsamt dem Stocke, Der Naturforscher Gleditsch brachte vier Totengräber in ein geräumiges, mit Erde gefülltes Glas und legte dann verschiedene Tiere hinein, welche sofort beerdigt wurden. Waren alle Leichname verschwunden, so brachte er neue hinein, und die Käfer waren unermüdlich, sie ermatteten nie; das Resultat war, daß in einem Zwischenräume von fünfzig Tagen diese vier Käfer in dem beschränkten Raume zwölf Leichname begruben, nämlich drei Vögel, zwei Fische, vier Frösche, einen Maulwurf, zwei Heuschrecken, die Eingeweide eines Fisches und zwei Stück von einer Ochsenlunge . Lebten die Vertreter der tierischen Sanitätspolizei aus der Säugetier- und Vogelklasse hauptsächlich in heißen Ländern, so gehören die Aaskäfer, zu welchen der Totengräber zählt, auch in großer Menge der gemäßigten Zone an, von den bekannten 500 Arten sind etwa 200 in kalten und gemäßigten Graden vertreten. In Er- -mangelung von tierischen Stoffen nehmen viele von ihnen auch mit faulenden Pflanzenstoffen vorlieb, sie machen hierdurch den Termiten Konkurrenz, denen im Haushalt der Natur die Aufgabe der Zerstörung verwesender Pflanzenüberreste vorwiegend übertragen worden ist. Die Termiten oder weißen Ameisen sind noch berühmtere Baumeister als unsere Ameisen, manche ihrer hügelsörmigen Bauten aus Thon erreichen eine Höhe von mehreren Metern und einen Umfang von 15 bis 18 Metern. Oft bedecken ihre Bauten in den Tropengegenden mehrere Quadratmeilen. Leider werden die so nützlichen Tiere auch wieder eminent schädlich und lästig, da sie alle möglichen Gebrauchsgegenstände zerfressen. Leder, Fleisch, Holz, Papier, alles dient ihnen zur willkommenen Speise, Bücher, Kleider, Geräte erliegen ihren Angriffen, ganze Häuser fallen ihnen zum Opfer. Und doch — was würde ohne diese fleißigen Geschöpfe aus den ungeheuren Mengen faulender Substanzen, aus dem abgestorbenen Pflanzen- wuchse und. den toten tierischen Stoffen werden. Diese müßten an vielen Orten, wenn sie nicht von jenen Insekten verzehrt und in neue Gebilde des Lebens verwandelt würden, Pest und Tod verursachen, und diese sind doch, wie ein englischer Schriftsteller sehr richtig bemerkt, unangenehmer als Ameisen. Der Mensch ist überhaupt stets ein parteiischer Richter über den Nutzen und Schaden der Tiere, denn er beurteilt sie nur nach ihrer Beziehung zu ihm selbst, dem Herrn der Schöpfung; wer weiß, ob ein objektiverer Beobachter als er in vielen Fällen seine Urteile unterschreiben würde. Humoristisches. Ein Schäker. „Sehen Sie dort den einfachen alten Herrn?" — dessen Name schwebt heut auf tausend Lippen." — „Was Sie sagen! Wie heißt denn der?" — „Meier." Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.