Nachdruck verboten. Gesühnte Schuld. Roman von Alexander Römer. (Fortsetzung.) Die Frühlingssonne schien hell ins Zimmer, als Mathilde aus ihrem schweren Schlaf erwachte zu dem neuen Tag, dem neuen Leben, das vor ihr lag. Sie stand taumelnd auf, von einem jähen Schwindel erfaßt, sodaß sie sich nur mit Mühe aufrecht halten konnte. Heute galt es, Entschlüsse zu fassen — zerbrochen lag alles hinter ihr, was sie in selige Hoffnungen gewiegt hatte. Albert! Der Schmerz um den Geliebten, an den sie doch nicht nur der Ehrgeiz gekettet hatte, wollte heraufquellen, sie drängte ihn gewaltsam zurück. Sentimentales Liebessehnen einer Verlassenen sollte sie nicht hemmen auf ihrem Wege — sie sah sein fröhliches Gesicht wieder vor sich, als er in tändelndem Spiel der andern huldigte, der Ebenbürtigen, bei der ihm alles bequem lag. Wenn er dazu fähig war in einer Stunde, wo er sie in qualvoll peinlicher Lager seiner wartend wußte, dann hatte er sie nie wirklich geliebt. Also — ein Strich unter die große, große Thorheit. Sie kleidete sich langsam an, ihre Bewegungen, ihre Glieder waren heute so schlaff, sie freute sich, daß niemand kam, nach ihr zu sehen. Die Mutter war da gewesen und hatte ihr Milch und ein Brötchen hingestellt,- man nahm es als selbstverständlich an, daß sie allein blieb. Ihr Mund verzog sich bitter, und doch hatte es die Mutter gut gemeint und ihr wirklich eine Wohlthat erwiesen. Wenn sie nur nicht so müde wäre heute morgen, was sollte werden? Sie trank die Milch und aß ein Paar Bissen, dann nahm sie Hut und Jacke und schlich sich hinaus, unbemerkt, die Treppen hinunter ins Freie. Ach, wie das wohl that, die Luft draußen. Ein scharfer, herber Frühlingsodem wehte in derselben, den sie gierig einsog. Sie ging vorwärts, aufs Geratewohl — ohne Ziel und Zweck, und instinktiv richtete sie ihre Schritte aus den v Äffll m sich greift der Mensch, nicht darf man ihn der eig'nen Mäßigung vertrau'». Ihn hält in Schranken nur das deutliche Gesetz und der Gebräuche tiefgetret'ne Spur- Schiller. belebten Straßen heraus einer einsamen Gegend zu. Sie durcheilte die Promenadenanlagen, die Wiese dahinter, in der frühen Morgenstunde und bei dem kalten Wetter war es da noch leer, und überschritt die kleine Brücke, welche zu einer Weidenallee, die sich an einem Graben entlang zog, führte. Hier war es ganz still. Der Weg trug einen melancholischen Charakter, die verkrüppelten Weiden hingen über das rrübe, rasch und lautlos hinfließende Wasser, daS einem Wehr zueilte, wo es rauschend niederstürzte. Der Ort war verrufen, weil in jüngster Zeit zahlreiche Lebensmüde ihn gewählt hatten, um in dem wirbelnden Strudel ihre verfehlte Existenz auszulöschen. Sie dachte nicht daran heute morgen, sie hatte gedankenlos diesen Pfad gewählt. Jetzt, als das Brausen und Tosen an ihr Ohr schlug, und sie die weißen Schaummasstn da hinunterstürzen sah, fiel ihr das ein und sie schauderte. In Gedanken versunken stand sie dicht am Rande, der aufsprühende Gischt netzte ihre Wange. Da fuhr sie plötzlich zusammen, und hätte nicht ein starker Arm sie kräftig gepackt, so wäre wirklich Gefahr gewesen, daß sie erschreckend da hinunter stürzte. Sie wandte sich jäh um und sah in Hans von Trotts Gesicht. Ec hatte sie ein paar Schritte vom Rande zurückgerissen, und seine Züge waren finster, fast verächtlich. „Na," sagte er kurz, „was sollt'S?" Sie verstand, was er meinte, und kräuselte bitter ihre Lippen. „Sie irren sich," entgegnete sie stolz. „Ein Mann, wie Ihr Bruder, treibt mich nicht zu Selbstmordgedanken." „Brav!" rief er laut und herzlich und zog sie zu der Bank, die unter der Weide am Wege stand. „So sind Sie in der rechten Verfassung. Der Himmel hat es wohl gewollt, daß wir uns treffen sollten, denn hier suchte ich Sie allerdings nicht." Er sah sie prüfend von der Seite an. Der gestrige Tag und diese Nacht hatten ihre Spuren in das hübsche, junge Gesicht gegraben, ja, so ein Mädchen war doch noch schlimmer daran als ein Mann. Sein gefurchtes Gesicht trug heute morgen einen sehr gutmütigen Ausdruck. Mitleidig sah er auf sie herab. Sie sah schweigend vor sich hin und zeichnete mit ihrem Schirm Figuren in den Sand. „Sie ringen mit Entschlüssen," sagte er langsam, „was wollen Sie thun?" Sie erhob den Kopf: „Ich will fort von hier." Er nickte. „Gut, mag das beste sein, aber wohin? In irgend eine Dienstbarkeit? Ich fürchte, Sie laufen da bald davon." 38 Sie sah starr vor sich hin. „Sie haben recht, ich tauge in keine Dienstbarkeit." Er lächelte- sie gefiel ihm. Was dachte sich nun schließlich solch ein Kindskopf. Von der Welt kannte sie noch nichts; als Waffen und Hilfsmittel hatte sie nur ihre Schönheit und ihre Weiberschlauheit, und die Lebenslust, die Sehnsucht nach Lebensgenuß guckte zu jedem Spalt heraus. Konnte solch ein Geschöpf je das Liebäugeln lassen und einen kühlen Kopf behalten, wie es im Kampf ums Dasein unerläßlich war? Es war eigentlich komisch, daß er in seinem Leben noch nicht härter geworden war, daß ihn immer noch das Mitleid packte. Was ging ihn die verlassene Geliebte seines Bruders an? Denn eine Verlassene nannte auch er sie, Albert traute er nach seinem gestrigen Benehmen gar keine ehrliche Absicht mehr zu. „Also keine Dienstbarkeit," nahm er das Gespräch wieder auf, „aber doch Arbeit. Denn auf eine andere Macht —" Er vollendete nicht, sie blitzte ihn mit ihren zornsprühenden Augen an und erhob sich von ihrem Sitz. Er lachte laut, beinahe fröhlich. „Nicht weglaufen," sagte er in dem Ton eines, der zu befehlen gewohnt ist. „Ich weiß jetzt ungefähr Bescheid, und einen der Ihre Lage, und Ihr Temperament besser versteht, finden Sie fürs erste nicht. Ist auch, denke ich, gar nicht nötig. Also beleuchten wir einmal die Dinge." Sie hatte sich wirklich gehorsam wieder gesetzt, ihr war auch noch so elend und schwindelig, daß sie der Ruhe bedurfte. „Ich habe mein musikalisches Talent," sagte sie, „und muß mir damit eine Existenz gründen. Dazu muß ich nach Leipzig oder auf ein anderes Konservatorium gehen und studieren. Freilich, Geld brauche ich für den Anfang, und das habe ich nicht. Die Eltern können mich nicht unterstützen, und ich will auch vom Vater und seiner einseitigen Tyrannei frei sein." „So — so — richtig, an die Musik dachte ich gar nicht. So geht eS einem mit euch Weibern, ihr blendet immer mit dem Aeußern und allmählich erst kommt man an das, was drin steckt. Nun, da fehlt Dir ja nur recht wenig — Geld — pah! Das dumme Geld — freilich für den, der es sucht, findet es sich zuweilen schwer, nur für den, der es verachtet, liegt es auf der Straße." Er fiel wieder in das formlose Du, schien es so gewohnt zu sein, aber sie fühlte mit ihrem feinen Empfinden, daß es bet ihm immer herauskam, wenn er warm wurde, und keine Geringschätzung bekunden sollte. Sie beachtete es nicht. „Ja, ich brauche Geld, und ich werde es finden, weil ich diesen Weg gehen muß," sagte sie fest, „wenn mein Kopf nur erst klarer ist und diese Mattigkeit der Seele und des Körpers überwunden. Aber ich will frei sein und bleiben," setzte sie hinzu, „keine Verpflichtungen, keine Fesseln." Er lächelte wieder. „Ei! Ei! Also keine Verpflichtungen. Na, natürlich denken Sie daran, daß ich Ihnen das Geld am ehesten vorstrecken kann." Ihr bleiches Gesicht überzog sich Plötzlich mit purpurner Glut. Sie sah ihn erschrocken an. Natürlich erschien ihre ganze Rede als kluge Berechnung, und sie hatte wirklich nicht an seine Hilfe gedacht. Reiche Familien, denen sie Stunden gab, freundliche Gönnerinnen waren vor ihrem Geist aufgestiegen, von denen sie vielleicht ein Darlehen für solchen Zweck erzielte, ihm hatte sie sich nicht so nahe gefühlt. Er verstand es, in den Physiognomien zu lesen, und er las in der ihren. Er beugte sich zu ihr nieder und redete jetzt ernsthaft. Sie sollte frei bleiben, von ihm konnte sie die Hilfe annehmen, die ihr ja doch von irgendjemand werden mußte, denn er hatte ja beinahe Verpflichtungen gegen sie. Er benahm sich, als sei er ihr Vater oder ein sehr guter Freund. Er gestaltete den ganzen Plan in seinem erfahrenen Kopf, und ihr wurde so ruhig zu Mut, als sei nun Friede eingekehrt, und alles, was die Zukunft an Kampf und Not füv sie noch barg, sch?« überwunden. Als sie sich trennten, unten in der Weidenallee, war ihr Schritt wieder leicht und elastisch und ihr Entschluß gefaßt. Los von hier, von der ganzen Vergangenheit, auch vom Elternhaus. Der Vater durfte ihr nicht dreinreden in das neue Leben, auch nicht in ihr Studium, sie kannte ihn. Kein Schatten eines Makels sollte ihr folgen auf der neuen Bahn, — Hans von Trott war auch Mr. White geworden, und Mr. White hatte Beziehungen in der halben Welt. Er hatte ihr versprechen müssen, sie unter fremdem Namen einzuführen, wo seine Empfehlung ihr zuerst die Wege bahnen sollte. Und dann war sie frei, angewiesen auf ihre Kraft, auf ihren Fleiß und mußte sehen, wie weit der sie trug. Sie war eine andere, als sie die Treppen zu ihrer elterlichen Wohnung wieder hinaufstieg. Die müde Lähmung war aus ihren Gliedern gewichen, aber auch alle weichen und warmen Regungen aus ihrer Seele. Trotzig, verbittert malte sie sich das neue Leben mit keiner rosigen Farbe. Aber es war gleich, es gab für sie kein Schwanken, der Weg nach eigener Wahl mußte eher zu ertragen sein als die Hölle, die ihrer hier wartete, wenn sie blieb. Die Mutter spähte schon angstvoll nach ihr aus, dieses Sorgenkind ließ sie nie zur Ruhe kommen. Mathilde drückte ihr stumm die Hand. Auch für die Mutter war es bester, wenn sie ging. War der erste Schmerz überwunden, wurde ihr das tägliche Einerlei nicht mehr unterbrochen durch Scenen und Aufregungen, wie sie sie mit ihrer den Verhältnissen widerstrebenden Natur unter den Ihren schuf. Der Vater war ausgegangen, und die Mutter deutete ihr an, daß es besser sein möge für beide Teile, wenn sie sich eine Weile aus dem Wege gingen. Mathilde atmete auf, das erleichterte ihr Vorhaben. Vor der Mutter, der Vielbeschäftigten, konnte sie mancherlei verbergen, und so betrieb sie in der Stille ihre Vorbereitungen. Mr. White — sie nannte ihn jetzt, selbst in ihren Gedanken, nur bei seinem angenommenem Namen — hatte ihr eine Summe Geldes eingehändigt, die für ihre nötigsten Ausgaben reichte. Sie hatte sie angenommen, in der Zuversicht, in einigen Jahren schon ihre Schuld wieder abtragen zu können. Sie waren eine gewiffe Selbständigkeit und an viel Heimlichkeit gewöhnt, hatte schon lange andere Neigungen und Bedürfnisse gehabt als die Ihren, so ging sie auch jetzt praktisch zu Werke. Sie packte nur das Nötigste und Brauchbarste aus ihrer Garderobe in ein Köfferchen, das sie auf Ferienreisen zu benützen pflegte und in ihrer Kammer, die sie, gottlob! für sich allein hatte, verbarg. Das übrige konnte sie sich in Leipzig kaufen, je nach Bedarf, sobald sie sich dort ein Unterkommen gesucht. Pensionen gab es in jeder großen Stadt, sie wollte sehr vorsichtig in ihrer Wahl sein und von vorn herein ihre Stellung solide aufbauen, mit weisen, aber nicht zu kümmerlichen Einschränkungen. Sie war ja frei. Und so verließ sie denn ihr Elternhaus, heimlich, ohne Abschied, am Abend des dritten Tages nach dem Zusammenbruch ihres erträumten Glückes. Eltern und Geschwister waren schon zur Ruhe gegangen, es war spät, sie benützte den Nachtzug. Ein Briefchen an die Mutter verbarg sie in deren Arbeitskorb. Sie hatte deren Mahnen, sich für einen wenigstens zeitweiligen Aufenthalt bei der Tante zu entschließen, ausweichend beantwortet und um Bedenkzeit gebeten. Jetzt schrieb sie ihr: „Ich bin gegangen, aber nicht in die Sklaverei zur Tante, sondern auf meinen eigenen freien Weg. Forscht nicht nach mir, sondern laßt mich, Dir gelobe ich, ich halte mich auf ehrlichen Pfaden, und strebe in die Höhe, nicht in die Tiefe. Aber ich muß los von Euch, besonders vom Vater, dem ich seine Worte nicht vergeben kann. Was er in mir sieht, muß er ja verstoßen, nnd so habe ich mich selbst verstoßen. Du, gräme Dich nicht und sorge Dich nicht zu schwer um mich. Ich habe Müttel für die 39 erste Zeit — i... ——, , konnte — und kämpfe mich durch. Laß uns ein Wieder- sehen hoffen, wenn auch in ferner Zeit." Die erste schwere Thräne feuchtete, ihre Wimper, als sie diese Zeilen für die Mutter unter der auszubesiernden Wäsche barg, aber es mußte sein. Dann fand sie sich auf dem Bahnhof, wo sie ein Billet dritter Klaffe löste. Sie war nicht früh 'gekommen, ihr Handköfferchen hielt sie in der Hand und drückte sich scheu an den Wänden, um nur nicht von irgend einem Bekannten entdeckt zu werden. Um diese Zeit war es leer, den Nachtzug benützten wenige, aber der Perron war tageshcll im Strahl des elektrischen Lichtes, und einige Offiziere vom Regiment, in dem Albert stand, wandelten schwatzend und rauchend auf und ab. Ihr schlug das Herz doch wild, und hier erst überkam sie mit voller Wucht das Gefühl des Alleinstehens. Der heranbrausende Zug bog um die Kurve, die glühenden Augen wurden sichbar und kamen näher, er hielt in der Station. Die Schaffner rissen die Thüren auf, die Passagiere stiegen aus — ihr Herz stockte. Aus dem Salonwagen erster Klasse trat Albert auf den Perron, mit lautem, fröhlichem Willkomm von den Kameraden begrüßt. Ihre Füße wankten, und ein Schwindel erfaßte sie — er kam zurück von Trautdorf, sie sah in der strahlenden Helle deutlich sein Gesicht, die schlanke, elegante Gestalt, das sonnige Lächeln auf den geliebten Zügen. Sie hörte seine vertraute, fröhliche Stimme, während er sorglos mit den Gefährten plauderte, und ihre Kraft drohte sie zu verlaffen. Wie fern war sie ihm — wie fern! schrie es in ihr aufl Sie taumelte vorwärts und stieg hastig in das Frauencoups dritter Klasse, wo eine halb schlafende Arbeiterin ihr weinendes Kind zu beruhigen suchte. Ein wilder, wahnsinniger Schmerz überkam sie noch einmal, Zagen, Zweifel, Grauen. Hatte sie doch zu rasch gehandelt? Vielleicht gab es Entschuldigungen für ihn? Nein — er selbst hatte in seinem Billet die ganze Idee Blödsinn genannt, während er ihr vorher einen sicheren Erfolg vorspiegelte — also unausführbar — was aber war ihr Verhältnis zu ihm bann? Eine aussichtslose, heimliche Liebschaft, die sie entwürdigte und ihren Ruf untergrub. Es hatte sein müssen. MA Sie saß mit offenen Augen regungslos während der ganzen Fahrt, an die harte Holzwand gelehnt, und kämpfte mit ihrem rebellischen Herzen. (Fortsetzung folgt.) Fräulein Dreifuß. Hine wahre Geschichte von Willy Weber. ------- (Nachdruck verboten.) Sie war ein ganz nichtsnutziges Ding. Vor allem besaß sie einen unbezähmbaren Drang zum Umhertreiben und Vagabondieren. Alle Ermahnungen der Mutter halfen nichts, selbst einige derbe Katzenköpfe des Vaters blieben ohne Wirkung. Man konnte zehn gegen eins wetten: wurde „Miez" gesucht, so war sie nirgends zu finden. Im übrigen war „Miez" ein hübsches Tierchen mit seidenweichem grauen Fell, klugen Augen, langen Spurhaaren- sie konnte sich ganz gut aufs Schmeichelkätzchen hinausspielen, wenn sie nur wollte. Aber da Jugend keine Tugend hat, wollte sie gewöhnlich nicht. Befreundet hatte sie sich eigentlich nur mit der Tochter des Hauses, der blonden Else, deren Liebkosungen sie unter lautem Schnurren entgegennahm. Allen übrigen Familienmitgliedern brachte sie Teilnahmlosig- keit, sogar Geringschätzung entgegen, die Magd aber haßte sie geradezu. Als „Miez" eines morgens an den Sahnentopf gegangen war, war sie von der Magd ertappt worden. Sie hatte sich zwar durch einen verzweifelten Sprung in Sicherheit gebracht, aber die Magd hatte hinter dem Flücht- noch rufen. Im Hause war es soweit ganz hübsch, aber das Herumlaufen im Garten, auf der Straße, im Feld und Wald gefiel „Miez" eben besser. Gefahrlos war das allerdings nicht - einmal hatte sie von einem Kutscher einen Peitschenschmitz abgekriegt, in den See war sie auch schon geraten, ein Hund hatte sie in den Schwanz gebissen, sogar Schrote waren ihr schon um die Ohren gepfiffen, als sie sich zu dicht an die Kette der Jäger herangewagt hatte. Sie klagte ihre Not der Mutter. „Wer nicht hören will, muß fühlen«, hatte sie die abgewiesen, „an Ermahnungen hat es nicht gefehlt, aber wenn du sie alle in den Wind schlägst ..." Miez steckte eine zerknirschte Miene auf, dabei dachte sie aber: Redet mir vor so viel ihr wollt, das geht bei mir zu einem Ohr hinein und zum anderen hinaus. Und so blieb es beim Umhertreiben. Eines Tages strich Miez über einen Kartoffelacker. Vorsichtig duckte sie sich die Furchen entlang, — da raschelte es vor ihr, und ein junges Rebhuhn stieg mit raschem Flügelschlage auf. Miez nahm sofort die Verfolgung auf. Sie hatte sich auch bald an das Tierchen herangepürscht und wollte eben zum entscheidenden Sprunge ausholen, da ließ sich plötzlich ein großes Rebhuhn beinahe vor ihrer Nase nieder. „Mir auch recht", dachte Miez, sprang zu und — verfehlte das Huhn, das blitzschnell zur Seite gelaufen war. Dieses Spiel wiederholte sich noch einige Male, und als Miez noch einen Gewaltsprung riskierte, stieg das Rebhuhn auf und strebte dem nächsten Gebüsch zu, in welchem sich das Junge längst in Sicherheit gebracht hatte. „Was für Schlauberger das sind", knurrte Miez, „'ne solche Fopperei ist noch gar nicht dagewesen. Nun sitze ich hier und kann mir den Mund wischen". , Sie schlängelte sich noch vorwärts bis zu einer einsam am Wegrand stehenden Scheune, vielleicht gabs unter dem Dachfirst einen Sperlingsbraten. Sie staunte nicht wenig, als sie an der Thür schon eine Katze sitzen sah; pechschwarzes Fell, verschmitzte, gelbe Augen, emporstrebende Ohren. Wie ein Blitz schoß ihr der Gedanke durch den Kopf: diese Katze ist ein Kater, und vor dem Zusammentreffen mit Katern hatten sie ihre Eltern so eindringlich gewarnt! Aber ehe sie sich noch zurückziehen konnte, war sie schon bemerkt worden. Mit zierlichen Schritten tänzelte der Schwarze auf sie zu: „Guten Tag, Fräuleinchen", schnurrte er in außerordentlich jovialem Tone, „wo kommen Sie denn her, mit wem habe ich denn das Vergnügen? Ich bin der schwarze Peter vom Dominium". „Ich heiße Miez", flüsterte sie schüchtern, „und wohne drunten beim Bauunternehmer". „Na, soweit 'ne ganz nette Gegend, aber wir vom Dominium sind doch immer herrschaftliche Katzen . . .", er setzte sich in Positur und drehte sich die Spurhaare. Nun entspann sich eine allgemeine Unterhaltung- die Mäusefrage wurde diskutiert, die Ruppigkeit der Dienstboten besprochen, die Gemeingefährlichkeit der Hunde erörtert. Dann wurde das Gespräch intimer, es wurde leiser geführt und ging schließlich in ein vergnügliches Schnurren über . . . — „Also leb' wohl für heute", miaute schließlich der schwarze Peter zärtlich und reichte Miez graziös die Pfote. „Es bleibt also bei unserer Verabredung — morgen gegen Abend an derselben Stelle!" °>" D.rl-h«,.d°- . — | iW hattet SÄtte Einmal hatte Miez das Fleisch vom hif, te sich in die Schlafstube geschlichen und als ablML^ Magd die Thür öffnete, war sie fauchend und pustend M Treppe hinuntergesaust, daß die Magd vor Schreck um Hilfe chrie, weil sie Einbrecher vermutete, und schließlich hatte sie hre Krallen ordentlich gebraucht, als sie gefangen werden sollte. „Biest elendigliches . . . .", hörte sie die Gekratzte Miez nickte zustimmend und machte sich schleunigst auf den Heimweg, denn es war schon spät geworden. Der Empfang war kei-^sxeuridlichexr -Dss.. Abendessen war schon mußte mit den Brocken' vorlieb schalt sie die Mutter, „wer nicht kommt zur ^M?n Zeit, der muß seh'n, was übrig bleibt". „Wo hast Du Dich den» wieder Herumgetrieben?? knurrte der Vater ärgerlich. „Ich war mit dem schwarzen Peter vom Dominium zusammen", erzählte Mieze. „Was, mit diesem Don Juan?" miaute die Mutter, , daß Du Dich mit dem nicht einläßt!" „Ich soll aber morgen wieder zu der Scheune kommen", greinte Miez. „Daraus wird nichts", entschied der Vater, „Du bleibst hier oder es giebt Katzenköpfe, daß die Haare nur so fliegen". Miez verbrachte eine schlaflose Nacht. Sollte sie den Eltern gehorchen? Sollte sie ihr Versprechen brechen? In ihrer Aufregung tappte sie in die Küche und angelte sich eine Wurst aus dem Spetseschrank — sie hatte ja den ganzen Tag nichts Rechtes gegessen . . . Außerdem würde es ja doch heißen, daß die Magd in den Schrank gegangen sei, und der geschah es ganz recht. Am anderen Morgen merkte Miez, daß sie strenger Aufsicht unterstellt war. Man ließ sie kaum aus der Stube, niemals war sie allein, Vater und Mutter waren immer um sie beschäftigt. Die Magd hielt, mit einem Besenstiel bewaffnet, an der Hofthür Wacht und selbst Elschen blieb in einem Fragen nach der „Miez". Wäre diese belästigende Kontrolle nicht gewesen, würde Miez sich vielleicht gefügt haben, aber so . . . „Nun gerade nicht", dachte sie, „meinetwegen legt Schlösser vor die Thüren, ich rücke doch aus!" Gesagt, gethan. Am Nachmittag spazierte Miez langsam die Bodentreppe hinauf. „Sie geht schlafen", meinte die Mutter beruhigt. Aber Miez dachte gar nicht ans Schlafen. Nachdem sie sich überzeugt hatte, daß man ihrer Spur nicht folgte, zwängte sie sich vor bis zur Bodenluke. Zu der streckte ein Apfelbaum seine Aeste empor. Ein vorsichtiger Anlauf, ein Sprung —, hurrah, Miez erfaßte den einen Ast und steuerte ratternd am Stamm bis zur Erde. Atemlos lauschte sie, verstohlen blickte sie umher . . . Niemand hatte sie bemerkt, die Flucht war ihr glänzend gelungen. Schmunzelnd trollte sie durch den Garten, schlüpfte durch eine Lücke des Zaunes und war bald in dem Kartoffelacker. Sie schlug genau denselben Weg wie gestern ein. Das junge Rebhuhn jagte sie auf, bas alte kam . . . „Solche Faxen", lachte Miez, „mich macht ihr nicht mehr dumm. Außerdem habe ich heut' besseres zu thun, ich geh' zu meinem Peter". „Meinem" Peter, — wie stolz da- klang! Aber hatte er ihr denn nicht Versprechungen gemacht? Hatte er ihr nicht rin Liebeslied vormiaut? War der SchlußverS nicht 'bis zu den Tönen emporgestiegen, der Menschen rasend machen kann? Sie war kein Stein, den er zu erweichen brauchte, ein liebebedürftiges Katzenherz schlug in ihrer Brust. Welch' einen Empfang ihr wohl Peter bereiten würde, — er würde sie auf den Pfoten tragen. Ein Don Juan sollte er sein, Unsinn- sie würde ihn schon zu fesseln verstehen und dann . . . ach, da war ja schon die Scheune! Sie lugte nach der Thür, Peter war nicht da. Sie schlich die Treppe empor: keine Spur von Peter. „Er wird vielleicht nach dem SperltngSnest gekrochen sein", kalkulierte sie, „er will mich mit einem Braten überraschen". Sie erklomm die Letter, die geriet bedenklich inS Rutschen, sodaß sie nur mehr über der Tennenöffaung hing. Draußen war Peter auch nicht. Die jungen Sperlinge saßen ruhig im Nest, er war also h-ut' gar nicht hier gewesen. Ein solches Spätzlein hätte sich Miez ohne weiteres greifen können, aber ihr war jeder Appetit vergangen. Das war also die Treue der Kater . . ., 40 -- um diesen schwarzen Kerl hatte sie die Eltern und Haus und Hof verlassen . . .! Ein Heimatsgefühl überkam sie, nach Hause, nur nach Hause, fort von hier, — ein Sprung zur Tennenöffnung,--mit der linken Schulter streifte sie die Leiter, die schlug urplötzlich um und ehe Miez sich noch retten konnte, traf die Leiterkante ihren rechten Hinterfuß. Da hing sie nun, kopfunter und gefangen wie in einer Fuchsfalle. Der schwere Schlag der Leiter hatte sie für Augenblicke betäubt, die scharfe Kante hatte die Knochen zermalmt. Als sie wieder zur Besinnung kam, freute sie sich darüber, daß sie vorläufig Schmerzen nicht verspürte. Vielleicht konnte fie sich retten. Sie strebte nach rechts empor, sie versuchte links einen Halt zu gewinnen, es war vergebens. Die Kante der Leiter lag wie ein Bleigewicht auf ihrem Schenkel, und jede Bewegung verursachte unsägliche Schmerzen. Mieze winselte, kreischte, schrie, heulte, — kein Mensch hörte es. In dieser qualvollen Lage verbrachte das Tiere eine Nacht, einen Tag . . . ., noch eine Nacht. Ein Tag folgte noch, — Miez hätte gern der Qual ein Ende gemacht, — aber das zähe Katzenleben . . . Noch eine Nacht . . . Am anderen Morgen kam die Besitzerin der Scheune und betrachtete staunend das Vieh, das aus die Tenne niederhing. Es war eine Katze, die nur noch schwache Spuren des Lebens zeigte. Miez wurde halbtot nach Hause getragen. Das zerquetschte Bein wurde amputirt. Blond - Elschen übernahm die Pflege der Patientin. Der Tierarzt gab zuerst wenig Hoffnung, aber Miez erholte sich. Sie trank Milch, nahm Semmel, dann Fleisch. Schließlich verließ sie auch ihr Krankenlager, fie stand auf,--mit drei Beinen! Fräulein Dreifuß wurde fie nun getauft, und diesen Namen führt fie noch heute. * * * Inzwischen hat sich Fräulein Dreifuß verheiratet. Sie verfügt auch schon über eine Anzahl Kinder. Es ist ergötzlich anzusehen, wenn Madame ihren Sprößlingen Zucht und Sitte beibringt: dazu gebraucht sie die rechte Vorderpfote und sitzt nur noch auf zwei Beinen! Vermischtes. Wie ei« Chinese über unsere Eßweise urteilt. In einem Briefe eines Chinesen — China ist ja jetzt ein hochmoderner Stoff — finden wir eine recht charakteristische Schilderung der Eßweise der Europäer, die dem braven Sohn des himmlichen Reiches Entsetzen einflößt. „Kannst Du Dir", so schreibt der Chinese an einen Landsmann im Innern des Reiches, „ein Volk vorstellen, das Wochen-, ja monatelang ohne einen Lössel Reis lebt? Dagegen machen sie sich gar keine Gewissensbisse, wenn sie das Fleisch von Ochsen essen, die sie in großen Mengen von wilden Schlächtern töten lassen, und dazu essen sie sogar auch Hammels daher kommt es, daß sie alle so feist sind. Sie nehmen allerdings täglich ein Bad, um den Schmeergestank los zu werden, aber das genügt nicht. Und dann bringen sie das Fleisch nicht in Würfelform auf den Tisch, sondern in großen Stücken, die sie mit scharfen Messern zerschneiden, und sie führen es nicht mit Holzstäbchen zum Munde, wie es ein vernünftiges Wesen thun würde, sondern mit kleinen, vierzinkigen Gabeln, so daß man Taschenspieler und Degenschlucker zu sehen glaubt. ES ist wirklich ein Wunder, daß sie sich nicht manchmal in ihrer Hast ein Stück von ihrer großen Nase abschneiden oder sich die Spitzen der Gabel in die Augen jagen. Cs ist schaurig, das mitanzusehen". Redaktion: S Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'ichrn Universitiits-B-ch und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Meßen.