Samstag den 18 November. im ai ,JsB#er Schmerz, die Freude spielen nicht mit Bildern, pSM? Ein Blick, ein Wort genügt, um sie zu schildern, AM Und wo in Phrasen Schmerz und Freude spricht, Glaub' ich das eine und das andere nicht. Badenstedt. Nachdruck verboten. Pygmalion. Novelle von Anton Frhr. von Perfall. Erstes Kapitel. Der Regen goß in Strömen durch die laue Frühlingsnacht. Alles spiegelte in den Straßen, das Pflaster, die eisernen Laternenpfähle, die Dächer der geschlossenen Kutschen, die Schirme der Fußgänger, Messinggriffe, Kupferplatten, Schilder. Ueberall hin, überall durch huschten, tanzten, kletterten ruhelose Lichter, bunte Reflexe. Es troff von Farben ineinander in langen, verwaschenen Strähnen, und unter den Tritten der Fußgänger verdoppelte sich in schattenhafter, tneinanderfließender Perspektive das bewegte Bild der Massen. Die Turmuhren schlugen in allen Tonarten, von dem tiefen Erzlaut des Domes bis zu den grellen Stimmen der Vorstädte, die Stunde, in welcher das Leben der Großstadt noch einmal kräftig anschwillt, um dann allmählich in den kurz bemessenen, unruhigen Schlummer zu versinken, aus dem es das erste Tagesgrauen wieder erbarmungslos weckt. Auf der Brücke über dem angeschwollenen Strome mit ihren weithin leuchtenden Kandelabern gab es sogar eine augenblickliche Verkehrsstockung, so mächtig bäumten sich diese beiden, einander begegnenden Lebenswellen inmitten der schwarzen Finsternis. Doch es dauerte nur eine kurze Zeit. Es war ein letzter Kräfteaustausch zwischen Stadt und Vorort- dann war nichts mehr zu hören, als das Sausen und Schleifen an den Granitwänden der schwarzen Brückenbogen, die hallenden Schritte einzelner Passanten, während die gleichmäßigen eines Schutzmanns den Grundton abgaben. Immer wieder kehrten sie zurück, setzten an einer bestimmten Stelle aus, um dann von neuem zu ertönen. Der Wachtmeister Opel ärgerte sich schon lange. Natürlich denken die Leute wieder, was hat jetzt der Mensch auf der leeren Brücke zu thun, während anderswo vielleicht Mord und Totschlag ist, und doch darf er nicht fort — und warum nicht? Weil ein verrückter Kerl es sich einfallen läßt, eine geschlagene Stunde bei dem strömenden Regen in einen dunklen Winkel gedrückt in den Strom hinab zu gaffen und dabei alle möglichen, verdächtigen Stellungen einzunehmen und Bewegungen zu machen. Dort, hinter der Figur, hinter dem Fischer aus Marmor, der Mann im Flügelmantel und dem Schlapphute, den er jeden Augenblick abnimmt, daß der Wind besser über seinen Strubbelkopf streichen kann, natürlich irgend ein verrückter. Künstler oder so etwas. Redet er ihn an, dann heißt's: „Ist es verboten, auf dieser Brücke stehen zu bleiben?" und er kann wieder gehen. Am anderen Tage steht womöglich ein großer Artikel in der Zeitung über die Belästigung des Publikums durch die Polizei. Läßt er den verdächtigen Menschen aus dem Auge, und macht dieser dann plötzlich einen Sprung ins Waffer, was ihm wohl zuzutrauen war, dann ginge es erst recht los: Unglaublich! Ein Selbstmord mitten in der Stadt auf der besuchtesten Brücke! Wo war denn wieder einmal die Polizei? — So blieb immer noch das beste, geduldig zu warten, bis es dem Herrn gefällig sein wird, sich zu entfernen, oder irgend etwas zu beginnen, was dem Wachtmeister Opel die Berechtigung giebt, einzuschreiten. Endlich! Der Mann stieg auf das Postament der Marmorfigur und beugte sich über die Brüstung. Der Wachtmeister sah deutlich langes, dunkles Haar in ein bleiches, von einem Lichtstrahl des Kandelabers grell beschienenes Gesicht fallen. Opel pürschte sich listig an, trat Plötzlich hinter der Figur vor und legte seine schwere Hand auf die Schulter des Mannes. „Postamente besteigen ist verboten, mein Herr. Ich ersuche Sie, Ihres Weges zu gehen.- Der Mann wandte sich jäh um. Der Wachtmeister hatte schon in manch sonderbares Gesicht gesehen, aber in ein so verzerrtes, geradezu geisterhaftes noch nie. Es war, als ob ein furchtbarer Entschluß darin zum Bilde erstarrt wäre. Diese weit aufgeriffenen, gläsernen Augen, diese schwarzen Haarsträhne, an der weißen, feuchten Stirn klebend, dieser verzerrte Mund erinnerten an das Leichenschauhaus. Als aber dieses Totenantlitz Plötzlich ein Lachen ausstieß, da packte etwas ganz Fremdes den tapferen, oft erprobten Opel, ein wahrhaftiges Gruseln. 662 „Sie glaubten wohl, daß ich die Unverschämtheit hätte, hier auf dieser vornehmen Brücke — " Der junge Mann machte eine bezeichnende Bewegung mit der Hand gegen den Fluß — und von neuem gellte sein Lachen. „Sie sind krank, mein Herr," meinte der Wachtmeister. „Ist das ein Verbrechen? Kümmert Sie daS?" erwiderte der junge Mann, sichtlich taumelnd. „Ich werde Ihnen eine Droschke holen," fuhr Opel fort, an solche Erwiderung gewöhnt. „Eine Droschke!" Der junge Mann lachte von neuem auf. Diesmal klang eS wenigstens natürlicher. „Donnerwetter, geben Sie es nobel. Na, ein Maler sind Sie mal nicht." Er kicherte und schüttelte schwankend das Haupt. „Eine Droschke! Holaus und eine Droschke!" Opel beruhigte sich. Der Mann war einfach betrunken. Er gehörte trotz seines verwahrlosten Aeußern sichtlich den befleren Ständen cm; da wickelt man sich am bestenKim guten heraus. „Hören Sie, Herr — Herr Polizei —" fuhr der junge Mann lallend fort, „ich rate, holen Sie kei — keine Droschke. ES ging' auf Ihre Kosten, und wenn Sie auch kein Maler sind, - so Plötzlich wischte er mit der Hand über das bleiche Antlitz und streckte sich gerade. „Beruhigen Sie sich, es geht ganz gut--Sie haben ja ganz recht gehabt, es ist auch — ich wohne nämlich am Quai unten — Gute Nacht!" Der junge Mann schritt kerzengerade an dem Wachtmeister vorbei und bog nach rechts die breiten Steinstufen hinab, welche in den dem Strome folgenden Park hinabführten. Opel sah ihm lange nach.W „Ein ganz besonderer Vogel das! Schad' darum," Er war gewohnt, mit einem Achselzucken solche Eindrücke sich vom Halse zu schaffen. Es ging nicht anders in seinem Berufe. Dann ging er gemessenen Schrittes über die Brücke und bog rechts ab in das sogenannte Wasserviertel, ein altes Winkelwerk, welches dem neuen Quai nur schrittweise wich. Den jungen Mann im Radmantel hatte der dunkle Park ausgenommen. Dann und wann stahl sich ein Lichtstrahl durch das tropfende Blattwerk, auf welches im monotonen Rhythmus der Regen herniederprasselte. — Er erging sich, sichtlich ziellos, dem nachlässigen Schritte nach, und hie und da verriet ein unsicheres Kreuzen des Weges seinen Zustand. Eine Bank, von welcher aus man freien Ausblick hatte auf den hier glatt und geräuschlos dahinflteßenden Strom, auf das gegenüberliegende Ufer mit seinem schwarzen, unregelmäßigen Gerümpel von ärmlichen Häusern, Holzschuppen, Bretterzäunen, rief in ihm den Wunsch des Ausruhens wach, mit dem er sichtlich einen Augenblick kämpfte, um sich dann mit einer lethargischen Bewegung, die einen völlig gebrochenen Willen verriet, darauf niederzulaffen. Er warf einen Blick auf den Weg zurück, ob nicht der Polizist ihm folge, dann stützte er das müde Haupt in beide Hände und starrte in den trüben Lichtkegel, welchen eine Laterne vom jenseitigen Ufer herübersandte. Was weiter? Seit fünf Tagen hatte er seine Wohnung nicht mehr betreten. Die dritte Monatsmiete war ausständig. Die Hausfrau war eine gute Seele. Sie hatte ihn noch nicht einmal darum angesprochen. Aber das ist ja gerade das Erbärmliche, gegen anständige Leute unanständig sein müssen, lügen müssen: in nächster Woche gewiß, nur ein ganz besonderes Pech. — So geht es aber mit allem und überall, alles beschmutzt, besudelt die Not, man bekommt die Hände nicht mehr rein. Stolz, Ehrgefühl, Moral; alles zum Teufel! Ein immerwährendes Abbröckeln da drinnen. Und dabei wird er den angeborenen Aristokratismus nicht los, dies sich erhaben dünken über den brutalen Kampf, dieses sich nichts abtrotzen lassen. Dann kommt das Schlimmste, das Betäubungsuchen, Mut, den Mut des Alkohols, der einen auf Stunden glühend macht vor Thatendrang, überflteßen von kühnen Worten und Plänen, in der verpesteten Luft der Kneipe, um einen dann ausgebrannt, willenlos in die Gosse zu stoßen, ein Ekel, ein Hohn auf jedes Menschentum. Diese letzten fünf Tage! Was drängte sich in ihnen nicht alles zusammen an kräftigen Entschlüssen, Selbsterkenntnis, höchster Mutlosigkeit, an platten Gemeinheiten und großen Empfindungen. Verzweifeln, die Hände in den Schoß legen, weil Dir der Erfolg fehlt? Mit neunzehn Jahren? Wer sagt Dir denn, daß Du ihn verdienst! Wer sagt Dir denn, daß Du wirklich ein Künstler bist und kein Stümper! Immer diese Kunst. Da drängt sich alles heran, wie in eine öffentliche Suppenanstalt, und jeder verlangt seinen Topf voll, als wenn es so sein müßte. Aber was weiter? Was nun? Tie Nässe drang ihm bis auf die schauernde Haut, und es wird die ganze Nacht regnen. Zurückkehren in seine Wohnung, sich der Frau Geiger einfach stellen? — „Hier bin ich, Richard Holaus! Haben Sie noch einmal Geduld!" — Zurückkehren muß er ja doch und seine Siebensachen zusammenpacken. Was ihn nur immer wieder abhielt davon, jeden Abend, seit fünf Tagen? — fragst noch? Und weißt es so gut. Ein ehrliches, aber strenges Gesicht, das Dich immer wieder an die arme, gute Mutter erinnert. Richard! Richard! Nimm Dich zusammen! Werde einmal ein Mann! — Dann der Raum selbst, die Stellagen, die Palette, die unfertigen Arbeiten, die aus allen Ecken ihm entgegenschreien. Er drückte die Hand vor die heiße Stirn, er wußte nicht, weinte er, oder war es der Regen, der seine Hand gefeuchtet. Da fuhr er jäh auf. — Ein schriller Schrei drang durch die Nacht vom jenseitigen Ufer, dann verworrene Rufe. Ein Gedanke schoß blitzartig in ihm auf. Er sprang den Abhang herab, dem Flußufer zu. Dunkle Gestalten liefen drüben hin und her. Hilfe! — Dort. — Nehmt den Nachen! Ein Weib! — da taucht sie auf! — — Und wieder der entsetzliche Schrei — nur halb erstickt, jetzt mitten aus dem Strome. — Der junge Mann durchspähte, zitternd vor Erregung, die dahinschießenden Wasser. Plötzlich tauchte mitten in dem Lichtkegel, welchen der Strahl einer Laterne bildete, etwas Schwarzes auf. -r- Den Mantel abgerissen, ein Wirbel im Haupte, ein Sprung — und Holaus trieb im Strome. Inmitten der Eiskälte stieg es ihm glühend zu Häupten, ein stürmischer Lebensdrang. --— Wenige Schritte stromabwärts stauten sich im weiß- schäumenden Wirbel die Waffer, und mitten darin erblickte er einen kämpfenden Gegenstand. Er war ein tüchtiger Schwimmer. Schon streckt er die Hand darnach aus, — erfaßt etwas, — ein Kleid, — einen Körper. — Da teilt sich dieses Etwas, im Dunkel nicht zu erkennen. Den größeren Teil reißt der Strudel fort, der kleine bleibt ihm in der festgeschloffenen Faust. Rasch hebt er ihn mit aller Kraft, — ein schwaches Wimmern, — er hält ein Kind in den Armen. Das andere, in der Nacht Entschwundene, war wohl die Mutter. Er fühlte schon die Glieder erstarren. Vom anderen Ufer drang stürmischer Zuruf. Er drückte das Kind, dessen Aermchen seinen Hals umklammerten, fest an sich. Es fühlte inmitten der Eiseskälte sein pöchendes Herz. Ein Kahn kam ihm entgegen. Arme streckten sich nach ihm aus. Es war ihm, als ob er mit seinem Schatze ihnen entfliehen müsse an das Ufer. Doch schon fühlte er sich erfaßt, in den Kahn gezogen, seine Hände geschüttelt. „Bravo!" „Braver Mann!" „Respekt!" Als jemand das Kind ihm abnehmen wollte, da schloß er fest die Arme um dasselbe und wandte sich ab. — Das Ufer war erreicht. Eine Menschenmenge hatte sich gesammelt, umdrängte den Aussteigenden, ihn bewundernd, lobend. Ein Weib wollte das Kind in Holaus' Armen erkennen und kreischte durch die Nacht,- „Das ist ja die Mariele, der Fichtner ihr Mariele! Alle Heiligen, das Ftchtner-Mariele." Er hatte noch kein Wort gesprochen, die Zähne aufeinander gepreßt, vom Frost geschüttelt, spähte er nur nach einer Lücke, durch welche er entrinnen konnte. Da blitzte ein Helm auf, ein Polizist trat vor." „Donnerwetter, Sie sind's!" Er war der Wachtmeister Opel, welcher sich von dem kreischenden Weibe nähere Auskunft holte. Holaus empfand bei seinem Anblick die erste Genugthuung. Als aber dieser Miene machte, das in ein zerlumptes Tuch gewickelte Kind ihm abzunehmen, um es vorschriftsmäßig auf die Polizetstation zu bringen, da weigerte er sich entschieden. Er allein habe jetzt über das Kind zu verfügen, und er wolle es mit nach Hause nehmen. Die Leute ringsum nahmen energisch für ihn gegen den Polizisten Partei trotz aller vernünftigen Einwände desselben. Zuletzt mußt Holaus seiner Aufforderung, mit ihm auf die Polizei zu kommen, wo alles weitere sich wohl ordnen laffe, Nachkommen. Man warf ihm trockene Kleider zu, begleitete ihn jubelnd Lis an die Droschke, welche der Wachtmeister herbeigeholt. (Fortsetzung folgt.) Wie sollen wir arbeiten?*) -------. (Nachdruck verboten.) Auch die Arbeit hat ihre Hygiene und auch hier kommt viel auf das Wie, überhaupt auf die gesamte Art und Weise an. Ueber die Kunst, Zett zu haben und auch die Arbeit hinsichtlich Dauer, Lust und Mäßigkeit gesundheitsgemäß einzurichten, hat Profeffor Hilty in seinem Büchlein über das Glück folgende Regeln aufgestellt: 1. Gewöhne dich an regelmäßige Arbeitszeit mit bestimmten Tages- (nicht Nacht-) Stunden und sechs Arbeitstagen, weder fünf noch sieben (Sonntagsruhe!). 2. Lege dir in deinem Berufe bestimmte Arbeitspflichten auf. 3. Nach angestrengter Arbeit gönne dir auch völlige Ruhe, um erfrischt von neuem zu beginnen. 4. Mache keine langen Vorbereitungen mit Zeit, Platz, Lust und Stimmung. Das Allererste ist, anfangen zu können. Der Entschluß, sich zu einer Arbeit hinzusetzen, seinen Geist auf die Sache zu richten, ist im Grunde das Allerschwerste. Hat man erst Werkzeug oder Feder in der Hand und den ersten Strich gethan, so ist die Sache schon um vieles leichter geworden. 5. Nütze auch die kleinen Arbeitspausen, die Vtertel- und Halbstunden gut aus, vertändele sie'nicht. *) Aus dem sehr empfehlenswerten Buche: „Michaelis, Grundzüge einer allgemeinen Hygiene," Preis Mk. 2,—, Verlag von Hugo Ber- mühler, Berlin. 6. Suche Abwechselung in der Arbeit, da sie den Geist lebendig erhält. 7. Mache alles gleich recht, nicht blos vorläufig oder provisorisch. 8. Verbanne alles Unnütze aus deinem Leben! Was dazu gehört, wirst du bei ernsthafter Prüfung deiner eigenen täglichen Lebensbedürfnisse dir selbst sagen können. Dem fügen wir nur noch die bekannten Worte hinzu: Arbeit macht das Leben süß! und Müßiggang ist aller Laster Anfang! Vermischtes. Ziegenhainer. So nannte man ehedem eine sehr beliebte Sorte von Gehstöcken, die zurück auf das Jahr 1798 datieren, also seit 100 Jahren bekannt sind. Die ersten „Ziegenhainer" fertigte Ernst Gottfried Gundermann an, und zwar veranlaßte ihn ein sogenannter „Rührstecken" ans demHolze des Kornelius-Kirschbaums (Cornus mascula), womit er die glimmenden Holzstücke im Brauhaushofe zu Ziegenhain aufrührte, dazu. Durch das Aufrühren war die Rinde verkohlt und löste sich nach und nach ab, wodurch die schöne, buntscheckige Färbung, welche dem Ziegenhainer Stocke eigen ist, hervortrat. Ansangs wurden die Stöcke einzeln und daun in Bündeln im Ofen des Ziegenhainer Gemeindebrauhauses gebrannt, dann im Wasser von der gebrannten Rinde gereinigt und später, sosern es nötig, gerade gebogen. Den Schluß der Fertigstellung bildete das Adreiben mit einem Oellappen. Politur im heutigen Sinne kannte man noch nicht. Die schönsten Exemplare des Cornus waren die auf magerem Boden erwachsenen, die infolge dessen einen engen Knotensatz aufwiesen. Auch durften die Stöcke nicht geschnitten werden, sobald sich das Holz im vollen Sastandrang befand, und die Rinde mußte vor dem Brennen vollständig ausgetrocknet sein. — Die Blütezeit des Handels mit Ziegenhainer Stöcken fiel in die Zeit von 1813 bis 1817. Der letzte Verfertiger von Ziegenhainer Stöcken, welcher diese Herstellung noch gewerbsmäßig int Ort Ziegenhain selbst betrieb, war Wilhelm Helbig. Derselbe starb im Jahre 1871, und seit dieser Zeit brennt nur dieser oder jener noch für seinen Bedarf. Indes ist die Anfertigung von Ziegenhainer Stöcken ein blühender Industriezweig geworden, und wenn auch Ziegenhain selbst keinen Versand mehr aufweisen kann, so versendet doch beispielsweise die Nachbarstadt Bürgel jährlich tausende von Dutzenden dieser Stöcke nach allen Himmelsrichtungen. In Wagenladungen führt man die rohen Stöcke ans Ungarn und Galizien ein, weil die einheimischen Bestände den Bedarf nicht decken, freilich ist der zähe Cornus nur in einem Bruchteil darunter vorhanden; denn durch ein anderes Verfahren, wie das ursprüngliche, ist man jetzt in der Lage, alle anderen Hölzer zu brennen und sie zur Stockfabrikation zu verwenden. Für Ziegenhain ist von der Industrie nur das geblieben, daß es durch den „Ziegenhainer" weltbekannt geworden ist. Eine sehr anschauliche Schilderung der Unterschiede in den Zuständen in Europa und in den Bereinigten Staaten giebt ein französischer Ingenieur, von dessen Aeußernngen das Internationale Patentbureau Carl Fr. Reichelt, Berlin NW. 6 folgendes mitteilt: Das Bemerkenswerteste in Amerika ist die geringe Bevormundung des Amerikaners durch seine Behörden. Der Industrielle hat niemand um Erlaubnis zu fragen, wenn er bauen ober Neuerungen einführen will. Eine große Fabrik wurde in drei Monaten fix und fertig aufgebaut; in Frankreich bemerkt der Verfasser — ebenso in Deutschland würden 1 bis 2 Jahre nötig sein, um die Konzession für alle nötigen Anlagen erlangen zu können. Man schreibt und lieft darüber wenig, thnt dafür aber um so mehr. Daher kleine Bureaus und geringes Verwaltungspersonal, selbst bei den größten Gesellschaften. In Amerika wird sehr viel gereift; die Verkehrseirtrichtungen sind infolgedessen nahezu vollkommen. Man hört selten Streit auf der Straße, zwischen Publikum und Beamten, der Polizei re.; man sieht nur selten Vorschriften angeschlagen, aber es giebt gewisse ungeschriebene Regeln, denen sich jeder selbstverständlich fügt. Für manche europäischen Ansichten hat der Amerikaner nur ein mitleidiges Lächeln. So schont er seine Maschinen nicht, um sie länger zu behalten, sondern er läßt sie stets mit aller Kraft arbeiten, um in der kürzesten Zeit eine möglichst große Leistung aus ihnen herauszuschlagen. Er weiß, daß billige Sachen gewöhnlich schlecht sind. Daher haben manche großen Geschäfte schon begonnen, ihre Waren als besonders teuer, aber dafür auch extra gut anzupreisen. In Bezug auf Handarbeit kennt man drüben keine Sparsamkeit, nur die besten Arbeiter werden engagiert und entsprechend hoch bezahlt und dafür unt so viel mehr und um so bessere Arbeit erzielt. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Selbst ist der beste Bete. 664 Moden-ericht. Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmanufaktur, Dresden-H. Reichhaltiges Modenalbum ä 50 Pfg. daselbst erhältlich. Es giebt pessimistisch angehauchte Menschen, welche an allem immer nur das Häßliche, das Fehlerhafte sehen und dabei das Gute entweder ganz übersehen, oder es nicht zur Geltung kommen lassen. Besonders die arme Mode wird in dieser Beziehung oft arg mitgenommen. Mode- thorheiten und Modenarren giebt es überall und jederzeit, und nach diesen wird zumeist geurteilt. Demgegenüber stehen jedoch auch genügend vernünftige Menschen, denen die Mode nur Mittel zum Zweck ist und nicht Zweck allein, und für diese werden die Modenarrheiten wohl ebensowenig dasein, wie Narrheiten überhaupt. Dies hindert jedoch nicht, daß sie gleichfalls sorgfältig auf ihr Aeußercs bedacht sind; das wird unter allen Umständen von jedem gebildeten Menschen gefordert. Dabei kommt es denn mitunter vor, daß man mit der Mode in Kollision gerät, denn manche unvernünftige Damenmode ist, dank dem Eifer ihrer Anhängerinnen, so volkstümlich geworden, daß man sie nur schwer ganz umgehen kann, will man nicht aufsallen und unmodern erscheinen. Da heißt es denn geschickt manöverieren, um trotz allem seinen Grundsätzen treu zu bleiben. Für gewöhnlich ist dies, jedoch kaum nötig, denn die Mode- und Kleiderformen werden nach ihrem ersten Erscheinen schon selbst vom großen Publikum so gestaltet und znrechkgestutzt, daß das Absurde und Thörichte eben nur für die oben erwähnten Modedamen übrig bleibt, welche um jeden Preis auffallen wollen. Speziell von der jetzigen Mode darf gesagt werden, daß sie vieles Hübsche nnd Vernünftige zeitigt, und kann man deshalb wohl auch leicht über ihre mancherlei Auswüchse Hinwegsehen. Einer ihrer größten Fehler und zugleich am meisten verurteilt sind die geforderten schlanken Hüften. Was ist nicht schon hierüber gescholten worden! Betrachten wir uns dies Nebel jedoch näher, so ist es garnicht so schlimm, als es für den ersten Augenblick den Anschein hat; denn der ganze Witz liegt hierbei darin, daß der Rock, sowie sämtliche Unterkleider um die Hüften tadellos sitzen müssen, was felbstredend weder durch Schnüren noch durch Zerren, sondern einzig und allein durch vorzüglichen Schnitt und sogfältige Arbeit erreicht werden kann. Ist das mut ein so großer Fehler? Biele werden dazn bemerken, daß die Enge, besonders hinten, ganz übertrieben sei. Darauf muß ich antworten, daß diese übertriebene Enge eben zu jenen Modethorheiten gehört, welche vernünftige Menschen nicht mitmachen, und daß gerade diese obere Enge durch einen guten Schnitt so reguliert werden kann, daß sie sich nur auf die Partie direkt unter dem Rockbunde bezieht, während ungefähr 5 bis 10 Zentimeter unterhalb des Rockbundes die idealsten, sich nach unten erweiternden Tütcn- falten beginnen können. Was dabei nun gesundheitschädlich ist, ist mir unverständlich; denn niemand wird wohl im Ernst behaupten, daß es möglich wäre, die Hüften zusammen zu schnüren. Daß man dieser Modeform zufolge den Korsetts einen etwas anderen Schnitt giebt als früher, ist natürlich; denn man hält sie jetzt über dem Magen ganz ohne jede Einbiegung und im Ganzen etwas länger, damit sich der Rock nicht so leicht zusammenschieben kann; und diese Korsettform ist gesundheitlich entschieden den früheren vorzuziehen, wenn bei einem Korsett von gesunden Formen überhaupt die Rede sein kann. Nr. 164. j Betrachten wir die moderne Taillensorm genauer. Was haben an ihr die Uebeldeuter nicht alles zu tadeln. Bald ist sie zu eng, bald ist sie zu überladen, bald gefällt ihnen die Form im allgemeinen nicht. Und doch, hat cs wohl je eine zahmere und zugleich vielseitigere Mode gegeben als unsere derzeitigen Taillenformen? Allen bringt sie etwas, sodaß jedem Geschmack Rechnung getragen ist. Dem Freund des Knappen, Tadellosen bringt sie knapp anliegende Taillen, ist dieser zugleich für das Bequeme und gesundheitlich Zweckmäßigste, so bietet sie die Jäckchenformen in ungezählten Variationen. Will sich Nr. 163. gespöttelt, geschrieben und jemand ohne direkte Hilfsmittel etwas vollkommener machen, als ihm Mutter Natur geschaffen, so findet man in den Blusenformen so reichliche Auswahl, daß auch den anspruchsvollsten Anforderungen genügt werden kann. Dabei, welche Zierlichkeit der Garnitnr, welche Vielseitigkeit; wie viel Geschmack offenbart sich an den nenen Modellen. Die Ausführung der heutigen Damenmode ist so gut durchdacht und der Geschmack so verfeinert, daß man sich fast Mühe geben muß, um direkt geschmacklos zu erscheinen. So hat man z. B. für die Straße zu jenen schönen, weichsallendcn Tuchstoffen die Sleppereiverzierung als diskrete und zugleich äußerst ornamental wirkende Ausstattung, welche bis zu wirklichen künstlerischen Leistungen verfeinert werden kann, aber anch schon in ihrer einfachsten Ausführung, wie z. B. als Kamenumrandung, elegant wirkt. Für Haus- und Besuchskleider, (nur meinen damit solche von leichteren Stoffen), ersetzt man die Steppereien durch die verschiedensten Bortcnbesätze, welche wie jene von der einfachsten Umrandung und Arabeske bis zur künstlerischen Zeichnung ausgeführt werden können. Für höhere Ansprüche sind jene Applikationen nnd direkt in den Stoff eingearbeiteten Garnituren bestimmt, welche mehr und mehr den Grad der Vollkommenheit zeigen, den man jetzt von jedem Ding erwartet, und bei wem der Geldpunkt keine Rolle spielt, der kann sich mit Hilfe der Applikationen eine wirklich ideale Toilette verschaffen. Doch auch weniger mit irdischen Gütern gesegneten Menlchenkindern ermöglicht es die jetzige Mode sich chik und geschmackvoll zu kleiden. Dies beweisen schon die folgenden, einfachen Modelle, zu denen die bequem zu handhabenden fertigen Schnitte jederzeit erhältlich sind. Dieselben erleichtern das Selbstschneidern ungemein, und sind diese Modelle außerdem in ihren Formen und Ausstattungen stets so gewählt, daß sie auch den einfachsten Geschmack nicht verletzen, während ihre tadellose Schnittform sie auch den größten Ansprüchen genügen läßt. Ist es z. B. nicht allerliebst, das einfache Modell Nr. 163? Aus glattem, dunkellila Tuch bestehend, ist es in ersichtlicher Weise mit dem vorstehend erwähnten Borten ausgestattet. Umlegekragen und Latz sind in gleicher Farbe, nur ein wenig heller gehalten. Als Beweis für die Wahrheit unserer Ausführungen bezüglich der Stepperei- Verzierung möge Modell Nr. 164, ein reizendes Jäckchenkleid aus dunkelblauem Tuch, dienen. Mit Modell Nr. 165 findet die Blusenmode ihre Rechnung, denn so einfach das für junge Mädchen bestimmte, dunkelgrüne, mit altgold- farbigem Latz ausgeftattete Kleidchen auch fein mag, so kann ihm doch sicher niemand Mangel an Eleganz nachsagen. Zudem läßt sich auch durch reicheren Besatz hier, wie auch bei den anderen Modellen die Eleganz bedeutend erhöhen. Sie sehen also, werte Leserin, die Mode ist genau betrachtet, nicht so schlimm, als manche Schwarzseher sie hinstellen möchten, und wenn man nur mit ein wenig gutem Willen ihre Ideen verfolgt, wird man an ihr manches Gute entdecken, was man bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht nicht finden kann. Nr. 165. Literarisches. Die Sorge mancher sorgfältig rechnenden Hausfrau ist es, die Ausgaben für Garderobe so sehr wie möglich einzuschränkcn und dennoch im Aeußeren nicht den Eindruck des Gefälligen und Adretten vermissen zu lassen. Wer sich mit billiger Bazarware kleidet, spart nur scheinbar, denn die rasche Abnutzung dieser Garderobe macht baldige Neuanschaffung notwendig. Wer aber im Haus einen ordentlichen Stoff selbst verarbeitet, wird nicht nur ein billiges, solides und geschmackvolles Kleid erhalten, sondern außerdem ein gut paffendes, wenn er sich dazu der so praktischen fertigen Schnitte der Internationalen Schnitt« Manufaktur. Dresden bedient. Die Schnitte, jeweils mit Bild und Anleitung versehens sind ungemein leicht zu verwenden, sodaß es eine Freude ist, danach zu arbeiten. Alle Kostüm-Gattungen bis zu den elegantesten, — auch für Knaben und Mädchen— find daselbst erhältlich, und bewirkt man die Auswahl nach einem reichhaltigen Moden-Album und Schnittmusterbuch, welches zum Preise von 50 Pfennig von der Schnittmanufaktur zu beziehen ist. Humoristisches. O weh! „Ich bin ein großer Freund des Wassersportes, gnädige Frau, nnd Gottlob, läßt sich dieses Vergnügen mit meinem Beruf vereinigen!" — „Ja, mein Mann sagte mir schon, Sie seien Wein- Händler!" Rebaftion: P. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.