* N W aß unberührt Den äußern Schein zerrinnen; Das Licht, das niemals irre führt, Ist Licht von innen! Such' nicht im leeren Blauen Des Himmels Licht und Lust, Willst du den Himmel schauen, So sieh in deine Brust. I. Rodenberg. Nachdruck verboten. Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) X. Das Weihnachtsfest wurde im Andreeschen Hause stets im Kreise sämtlicher Pensionäre gefeiert. Ziel war der einzige Gast. Das war seit dem Beginn von Leonhard Andrees Ehe so gewesen, und nach seinem Tode war die Sitte beibehalten worden, weniger, weil die gemeinschaftliche Feier irgend jemand ein Herzensbedürfnis gewesen wäre, als, weil beide Teile es für rücksichtslos erachtet hätten, etwas an dieser durch so lange Jahre geheiligten Gewohnheit zu ändern. Seit langem war man nicht so vergnügt gewesen wie an diesem Christabend. Eigentlich ohne äußere Veranlassung. Die Pensionäre bestanden zur Zeit fast ausschließlich aus älteren Damen, die hier ihre bescheidenen Renten verzehrten. Am meisten trugen Leonhard und Else durch ihr munteres Wesen zu der frohen Stimmung bei. Ziel hatte dem jungen Mädchen statt der Kleinigkeit, mit der er alljährlich jedes der Andreeschen Kinder zu bedenken pflegte, einen Türktsenschmuck mitgebracht, und sie, die außer ein paar bescheidenen Konfirmationsgeschenken keinen Schmuck besaß, jubelte laut auf. Frau Andree war ganz betroffen von der Größe der Gabe. „Machen Sie um Gotteswillen keine Geschichten!" wehrte der Rechtsanwalt ihre Bedenken ab. „Thun Sie mir den Gefallen, und sehen Sie sich das Ding genau an. Weiter nichts wie Türkisen — ganz wertlose Steine — aber sie stehen ihr gut. Keine Kunst! Zu dem Gefichtel steht ja alles." Else lächelte geschmeichelt. „Türkisen find gerade hochmodern. Und wie geschmackvoll sie gefaßt sind, mit lauter kleinen Perlen! Sie find wirklich zu gut, Herr Rechtsanwalt !" „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll," begann Frau Andree von neuem. „Wie sind Sie nur auf die Idee gekommen?" „Du lieber Gott — ich dachte mir — Fräulein Else — Fräulein Else würde sich freuen und da — da —" Er wurde zusehends verwirrt, daß man der Sache so auf den Grund ging. „Alle Wetter! ich glaube, der Christbaum hat Feuer gefangen," rief er plötzlich. Ein weihnachtlicher Duft von Harz, Tannennadeln und Wachs erfüllte das Zimmer. „Das verlöscht von selbst wieder," meinte Dorothea ruhig. Er aber ließ sich nicht abhalten, einige unnötige Rettungsversuche zu machen, dann fuhr er sich, erhitzt von der ungewohnten Anstrengung, mit dem Taschentuch über die Stirn, murmelte etwas von kolossaler Glut und stürzte in den Korridor, um Kühlung zu suchen. „Sagen Sie 'mal, Onkel Rechtsanwalt, was haben Sie denn eigentlich heute?" Es war Leonhard, der ihm gefolgt war und der, ihm vertraulich auf die Schulter klopfend, an ihn herantrat. „Ich — ich?" — antwortete Ziel, nach Luft ringend. „Was soll ich denn haben?" „Das muß doch ein Kind sehen, daß Ihnen heute etwas Besonderes begegnet ist. Ich bin nur noch nicht im klaren darüber, ob es etwas Freudiges oder etwas Trauriges ist," Ziel sah ihn groß an. „Ich auch nicht," sagte er bedeutsam und setzte seine Wanderung fort. Am nächsten Vormittag ließ er sich bei Frau Andree melden. Große Verwunderung der gesamten Familie. Er war zwar in der letzten Zeit ziemlich häufig zu ihnen gekommen, so daß es ihnen bereits aufgefallen war, aber am Vormittag zur Visitenstunde mit Handschuhen! Das war unerhört. Dorothea betrachtete ihn staunend. „Sie sehen ja ganz feierlich aus," meinte sie. „Bin ich auch — bin ich auch," — antwortete er und versuchte zu lachen, was aber mißlang. Er legte den Hut, den er in der Hand hielt, auf einen Stuhl. Dann lief er, wie juchend im Zimmer herum. „Es hört uns doch niemand?" „Nein," antwortete Dorothea befremdet. 402 Plötzlich warf sich Ziel auf den Sessel an ihrer Seite und atmete tief auf. „Wissen Sie, daß mir gottsjämmerlich zu Mute ist?" „Das scheint so," antwortete Dorothea gelassen. Trotz dieser wenig ermutigenden Worte faßte er mit schnellem Entschlüsse ihre Hand und drückte sie heftig. „Frau Andree — glauben Sie, — glauben Sie, daß es möglich, daß es möglich, daß es denkbar wäre, daß Ihre Tochter mich — lieben könnte? Mit einem Worte, ich möchte die Else heiraten." Dorothea war sprachlos. Ziel ließ ihr auch gar keine Zeit, etwas zu erwidern. „Sagen Sie nicht nein!" rief er angstvoll, „nicht gleich nein! Und sehen Sie mich nicht so kalt und abweisend an. Ach Gott, Sie ahnen ja gar nicht, wie's in mir aussieht!" Dabei rollten ihm die großen Schweißtropfen von der Stirn. „Die Else —" „Das Kind!" war alles, was Frau Andree für den Augenblick herauszubringen vermochte. „Ich weiß! ich weiß!" fiel er ein. Er hörte alle Einwendungen, die sich gegen seine Bewerbung in dieses eine Wort zusammenfassen ließen, heraus und bemühte sich, sie zu entkräften in abgehackten Sätzen in seiner derben, treuherzigen Weise. „Sie wollen sagen, daß ich viel zu alt sei für sie. Du lieber Himmel, das ist wahr, ich sehe es selbst ein. Aber Sie können mir glauben, wenn sie auch manchen Jüngeren und Schöneren finden könnte, einen, der's besser mit ihr meint, kriegt fie nicht. Darauf dürfen Sie sich verlassen." Dorothea sagte noch immer nichts. Die Werbung war ihr unsympathisch. Er las die Abweisung auf ihrem Gesichte. „Wenn Sie denken," Hub er kleinlaut an, „daß es ganz aussichtslos ist, so wäre es am Ende besser, Fräulein Else erführe überhaupt nichts davon." „Das wäre unrichtig," begann Dorothea anscheinend ruhig, langsam die Worte abwägend; „ich habe in der That keine Ahnung, wie meine Tochter über die — unerwartete Ehre, die Sie ihr erweisen, denkt, aber ich bin selbst sehr — sehr überrascht, daß ein gereifter, welterfahrener Mann, wie Sie, an diesem jungen Dinge Gefallen findet, ein Mann, der so viele andere —" „Bitte, sprechen Sie das nicht aus!" unterbrach er fie. „Ich habe schon verstanden. Sie meinen, daß ich — hm — wir wollen's 'mal milde ausdrücken — kein Heiliger gewesen bin. Na, das weiß die Welt, und Ihr Mann hat Ihnen vielleicht mancherlei erzählt, was Ihnen nicht gefallen hat." „Mein Mann hat über solche Dinge nie mit mir gesprochen," bemerkte sie hart und kurz. „Ich leugne es auch gar nicht," fuhr er, ihre Zwischenrede überhörend, fort, „aber Strich drunter! Als Junggeselle war ich niemand Rechenschaft schuldig- als Ehemann ist das selbstverständlich anders. Ich bin doch ein ehrlicher Kerl!" Er hatte ihr Auge vermieden- saß sie doch so kühl, so unnahbar neben ihm, daß ihm die Worte im Halse zu erstarren drohten. Plötzlich hörte er einen unterdrückten Seufzer, aus der Tiefe eines schwerbeladenen Herzens. Er blickte auf. Hatte er sich getäuscht? Kein Muskel in Dorotheas Gesicht bewegte sich- die Lippen waren fest geschlossen. Womit hatte er diese Zurückhaltung verdient, er, der soviel für diese Frau und ihre Kinder gethan hatte! Nur daß sie nichts davon wußte. „Ich bin doch ein ehrlicher Kerl!" wiederholte er noch einmal, den großen, schweren Körper reckend, wie um das Unbehagen der peinlichen Unterredung abzuschütteln. „Und die Else würde ich auf den Händen tragen." Frau Andree erwiderte noch etwas in wohlgesetzten glatten Worten. Aber merkwürdig! er verstand sie gar nicht. Er hörte nur den kühlen Ton, und als sie geendet hatte, sagte er mechanisch: „Danke." Ohne ihre dahin- gehaltene Rechte zu ergreifen, eilte er davon. Zu Hause angekommen, polterte er unwirsch auf Frau Tetchgräber los, die Perle aller Wirtschafterinnen, und schloß sich mißvergnügt in sein Zimmer ein. Wie anders wäre seine Stimmung gewesen, hätte er ahnen können, was zur selben Zeit im Andreeschen Hause vorging und mit welch' lauter Freude Else seine Werbung begrüßte. Sie sprang erst wie toll iw Zimmer herum, dann umarmte sie ihre Mutter und ries einmal übers andere: „Er will mich heiraten! O der gute Mensch! Der liebe Mensch!" Und wie Frau Dorothea, ganz verblüfft über ihre kindische Lustigkeit, sie ermahnte, eine so ernste Sache reiflich zu überlegen, schloß sie ihr den Mund mit Küssen!" „Natürlich nehme ich ihn!" erklärte sie. „Und in sechs Wochen muß die Hochzeit sein, ehe ich neunzehn Jahre alt werde. O der gute, liebe Mensch!" Auf alle Einwände wußte sie eine Erwiderung. Zu alt? Keine Spur. Sie hatte immer ältere Herren am liebsten gehabt. Und was seine bewegte Vergangenheit anbetreffe, auf die Frau Andree in der Voraussetzung, daß ihr Töchterlein davon nichts wisse und nichts verstehe, eine sehr diskrete Andeutung machte: „Kenn' ich alles," rief Else, „längst! Ist mir aber ganz egal! Im Gegenteil! Ich kann Duckmäuser nicht leiden- das sind oft die schlimmsten. Was vor meiner Zett war, geht mich nichts an- und wenn ich einmal seine Frau bin, will ich ihn schon im Zaune halten, da sei gar nicht bange, Mama." Dorothea, in ihrer schüchternen, zaghaften Weiblichkeit erschrak sörmltch über das fertige Urteil, die kecke Sicherheit ihrer Tochter. Nicht weniger betroffen war Martha. Wohl hatte sie die Schwester besser gekannt und durchschaut, als die Mutter, aber diese, offenausgesprochene, grenzenlose Nüchternheit der Auffassung empörte sie geradezu. „Liebst Du denn den Rechtsanwalt?" fragte sie- und diese Frage kostete sie einige Ueberwindung, denn sie pflegte mit ihrer Schwester nie über ernste Dinge zu sprechen. „Natürlich!" antwortete Else ohne Zögern. „Seit ich denken kann, hab' ich ihn immer für einen gemütlichen Onkel gehalten." „Das mag sein," begann Martha noch einmal, „aber das ist doch nicht die rechte Liebe, wie sie sein muß, wenn man sich fürs Leben —" »Papperlapapp!" fiel ihr Else übermütig ins Wort. „Nein, mein Kind, Deine Sorte Liebe ist's nicht, mit Mondschein, Blumen und Gedichten und so weiter- eine ganz altmodische Sorte Liebe. Und was dabei herauskommt, hat man ja gesehen. Du kannst nur gleich Nonne werden. Der kommt nicht wieder." „Schweig I" rief Martha gebieterisch. Mit zornig blitzenden Augen trat sie auf die Schwester zu, die so unbarmherzig ihr Geheimnis, den ewig nagenden Schmerz, der ihr an der Seele fraß, ans Licht zerrte. „Wenn Du übrigens denkst, daß ich Olaf noch liebe, so irrrst Du Dich gewaltig. Geschmerzt hat mich sein Benehmen und mehr noch geärgert- aber jetzt ist es längst vergessen." „Wer's glaubt!" erwiderte Else leichthin, und Martha zog sich achselzuckend zurück. (Fortsetzung folgt.) Die Hausapotheke. Ein heiteres Geschichtchen von Wilhelm Frerking. ------- (Nachdruck verboten.) Wenn Frau Dippelmann die Anschaffung irgend eines neuen hübschen Stückes für die Zimmereinrichtung oder eines hr praktisch erscheinenden Gerätes für Küche oder Hauswirtschaft bet ihrem Mann nicht durchsetzen konnte, so pflegte sie 403 diesen Gegenstand bei der nächsten Gelegenheit dem Gatten als Angebinde zu Weihnachten oder zum Geburtstage zu verehren. Das ist eine sehr empfehlenswerte Manier, die in konsequenter Durchführung dem Dippelmann'schen Haushalte schon manchen ansehnlichen Inventar-Zuwachs eingetragen hat. So sind die Portiören zwischen der guten Stube und dem Eßzimmer ein Geburtstagsgeschenk, das die liebende Gattin schon vor Jahren ihrem Eheherrn machte, der Serviertisch hat seinerzeit als Gabe für den Mann unter dem Weihnachtsbaume gestanden, und auf dieselbe Weise sind viele andere nützliche Jnventarstücke in den Besitz der Familie gekommen. Herr Dippelmann freute sich bei solchen Ueberraschungen natürlich immer ungeheuer, gab der auf des Hauses Zier bedachten besseren Hälfte einen herzlichen Dankeskuß und bezahlte ganz im stillen die Rechnung, die ihm nach der üblichen Frist von dem betreffenden Geschäfte über das Geschenk zugeschickt wurde. In der allerjüngsten Zeit hatte sich nun in der Dippelmann'schen Familie ein Mangel bemerkbar gemacht, der von der Hausfrau mehr und mehr als drückender Uebelstand empfunden wurde. Es fehlte nämlich eine Hausapotheke. In den abgelaufenen fünfzehn Jahren der Ehe hatte man unbegreiflicher Weise ein solches Möbel gar nicht vermißt. Die Gläser, Büchsen, Schachteln und Tüten, worin der eiserne Bestand an Pfefferminzthee, Wurmkuchen, Choleratropfen und allen den übrigen zahlreichen Hausmitteln, die in einer mit Kindern gesegneten Familie immer zur Hand sein müssen, verwahrt wurden, hatten bisher an verschiedenen Stellen der Wohnung ihr Domizil, die Theetüten im Küchenschranke, die Pulver- und Pillenschachteln im oberen Auszuge des Nachtschränkchens, die Gläser und Fläschchen auf dem Borte des Waschtisches. Zur Hand waren sie dort immer gewesen, und diese Ordnung der Dinge würde auch wohl für die Zukunft noch vollständig befriedigt haben, wenn nicht eines Tages eine Freundin der Frau Dippelmann bei einem Damen-Kaffee eine Anwandlung von Migräne bekommen und diese günstige Gelegenheit benutzt hätte, den versammelten Damen einen Einblick in ihre nagelneue und reizend eingerichtete Hausapotheke zu gewähren, der sie nun ein Migräne- Pulver zur Bekämpfung ihres Leidens entnahm. Die Migräne schwand sofort, sodaß Fran Dippelmann nachträglich allerhand Zweifel an der Echtheit des Anfalles aufstiegen. Dafür aber empfand Frau Dippelmann seit dieser Stunde eine Sehnsucht nach dem Besitze eines ähnlichen Apothekenschränkchens, und diese Sehnsucht wuchs von Tag zu Tage. Schade nur, daß der Gatte so gar kein Verständnis für die Zweckmäßigkeit eines solchen Möbels besaß! Als sie ihm, anknüpfend an die Vorlesung einer sehr lehrreichen Auseinandersetzung aus „Klenckes Hauslexikon", zuerst mit dem Gedanken vertraut zu machen suchte, verteidigte er zunächst hartnäckig die bisherige Gepflogenheit des Hauses und schlug dann vor, das eine der oberen Schränkchen im Buffet den Apothekerwaren einzuräumen, wenn diese durchaus ganz unter sich bleiben sollten. Der Barbar! Als ob eine Hausfrau ihr Buffet zu dergleichen Zwecken hergeben würde! Vergeblich blieb es auch, daß Fran Dippelmann ihren lieben Kurt in den nächsten Wochen mit großer Beharrlichkeit vor die Schaufenster der Möbelmagazine führte und ihn dort durch den Anblick allerlei niedlicher Schränkchen zur Sinnesänderung zu verlocken suchte, und so griff sie denn schließlich zu ihrem alten oft erprobten Trick: Herr Dippelmann bekam die Hausapotheke zum Geburtstage. Eigentlich hatte er diesmal Gardinen für die gute Stube erhalten sollen, aber damit hatte es zur Not auch Zeit bis zum Weihnachtsfeste. Anfangs hielt Herr Dippelmann in seiner Harmlosigkeit das in der That sehr niedliche Möbel für einen Zigarrenschrank, und daher war seine Freude zunächst aufrichtiger als gewöhnlich. Als er aber probeweise ein Kistchen seiner Trabucos hineinstellen wollte, zeigte der Raum zu wenig Tiefe/ und auf die Bemerkung, daß man den Schrank wohl werde umtauschen können, erhielt er nun erst von der Gattin über den Zweck desselben die rechte Aufklärung. Seine Stimmung wurde dadurch wesentlich gedämpft, wenn er sich das auch nicht merken ließ. Am nächsten Tage war es das erste Geschäft der Hausfrau, die neue Hausapotheke einzuweihen. Natürlich gehörte sie ins Wohnzimmer, und weil dort sonst keine paffende Stelle an den Wänden verfügbar war, so mußte der Regulator seinen Platz, an dem er nun schon fünfzehn Jahre der Familie gute und böse Stunden geschlagen hatte, aufgeben und wurde an die Fensterseite gehängt. Freilich hatte er da eine sehr ungünstige Beleuchtung, man mußte immer ganz nahe herantreten, um das Zifferblatt erkennen zu können/ dafür aber hing die Hausapotheke nun sehr wirkungsvoll über dem Serviertische. Die ganze Familie beteiligte sich am Einkramen des Schränkchens. Alle alten, längst ausrangierten Medikamente wurden hervorgesucht, sogar bas verstaubte Gläschen mit Jakobsöl, das der Hausherr mal vor zehn Jahren zum Einreiben der erkälteten Schulter benutzt hatte und dessen Inhalt jetzt zu einer zähen, braunen Kruste zusammengetrocknet war, und ebenso der befette Inhalier-Apparat, von dem der Instrumentenmacher schon im vorigen Winter erklärt hatte, daß das absolut unbrauchbar gewordene Ding auch nicht wieder repariert werden könne. Die Marubium-, Pfefferminz- und Brustthee-Tüten mußten natürlich auch heran, und so war das Schränkchen bald stattlich gefüllt. Trotz des vom Hausherrn erhobenen Einwandes, daß die Geier-Apotheke ja im Nachbarhause sei, man also jeden Augenblick alles Notwendige erhalten könne, holte Max noch am selbigen Vormittage zur Komplettierung des Schrankinhaltes eine Rolle Heftpflaster, ein Paket Verbandwatte, einige Gazebinden und ein Fläschchen Karbolwasser, und schon am Nachmittage konstatierte Frau Dippelmann beim Oeffnen der Hausapotheke mit Genugthuung, daß es darin schon gerade so röche, wie in einer richtigen Apotheke. Da sie sich bei dieser Gelegenheit dem nasalen Genüsse etwas lange hingegeben hatte, so theilte sich der widerliche Geruch auch dem ganzen Zimmer mit, und man mußte gleich nachher eine Weile Fenster und Thüren aufsperren, wobei Herr Dippelmann sich einen Schnupfen zuzog. Zum Glück war Mentholin in der Hausapotheke vorhanden, und so wurde Herr Dippelmann der erste Patient seiner Frau, die sich von nun an mit wahrem Fanatismus der Heilkunst bemächtigte und stets nach neuen Opfern auf der Suche war. Die Ostertage selbst lieferten schon günstige Gelegenheit in Fülle. Bekanntlich hat der Reichtum an allerlei Gebäck und Zuckerwerk, den diese Tage mit sich bringen, für Kinder und Erwachsene leicht Beschwerden zur Folge/ diesmal aber war Mama Dippelmann mit ihren Marzipaneiern, mit den schweren Osterkuchen und sogar mit ge- gefüllten Chokoladensachen so freigebig, daß schon am Abend des ersten Festtages alle drei Kinder Veranlassung gaben, mit Magnesia und doppelkohlensaurem Natron aus der Hausapotheke einen Feldzug gegen die deutlich bemerkbare Magenverderbnis zu beginnen. Am andern Morgen nahm die Hausfrau selbst ein Antipyrin-Pulver und riet dem Gatten zum Gurgeln mit übermangansaurem Kali, da sie bei ihm eine Halsentzündung im Anzuge glaubte. Auch die Kinder mußten gurgeln, um der Ansteckung vorzubeugen. Als am dritten Feiertage Mathilde, die geschäftige Hausmagd, beim Gläserspülen, dem diesmal des Hausherrn schönes Spezialglas mit dem Monogramm zum Opfer fiel, sich eine 'leine Hautwunde am rechten Daumen zuzog, wurde auch sie ofort in Behandlung genommen. Zur Auswaschung mit ^arbolwaffer und einem Arnika-Verbande waren alle Vorbedingungen vorhanden, und obwohl Mathilde mit aller Energie 404 gegen ein solches Verfahren protestierte und erklärte, daß sie Arnikatinktur an Wunden durchaus nicht vertragen könne, setzte Frau Dippelmann ihren Willen durch, und acht Tage lief das Mädchen mit einem so umfangreichen Verbände an der Hand umher, daß von Hausarbeit gar keine Rede sein konnte. Dann zeigte sich — nach Mathildes Ansicht infolge der Tinktur — die kleine Wunde so bösartig, daß man zum Arzte schicken mußte, der kopfschüttelnd den Finger schnitt und die Sache in weiteren acht Tagen wieder glücklich in Ordnung brachte. Wenn diese Erfahrungen den Kuriereifer der Frau Dippelmann auch nicht gerade anfeuerten, so dauerte doch die Lust zum Quacksalbern noch eine geraume Zeit fort. Niemand war vor ihren Medikamenten sicher, und die Kinder ergriffen schon die Flucht, sobald sie die Mutter eine verdächtige Bewegung nach dem verhängnisvollen Arzneischränkchen machen sahen. Da ereignete sich bei einer „kalten" Abendgesellschaft im DiPPelmann'schen Hause, daß der Hausherr einer seiner vielen Lieblingsspeisen — diesmal waren es in Gallert gekochte Rippchen von jungem Wildschwein — reichlich viel Ehre ange- than hatte- selbst das von Herrn Dippelmann sofort angewandte Hausmittel, nämlich ein nicht zu kleines Gläschen „Hennessy" mit drei Sternen, wollte dagegen nicht anschlagen. Das war nun etwas für die Hausfrau. Mit Begeisterung eilte sie an ihre geliebte Hausapotheke und kam mit einem Büchschen zurück, dessen Inhalt sie als Pepsin- Magnesia bezeichnete. Herr Dippelmann machte gute Miene zum bösen Spiel, sperrte gehorsam seinen Mund auf und bekam einen Kaffeelöffel voll des Pulvers auf die Zunge geschüttet und einen Schluck Wasser nachgegoffen. Die Kur hatte eine ganz unerwartete Wirkung. Wie wahnsinnig sprang Herr Dippelmann empor, lief räuspernd, hustend und prustend im Zimmer umher und drohte, nachdem Atem und Redekraft nach und nach wiedergekehrt waren, mit sofortiger Andieluftsetzung der ganzen vermaledeiten Hausapotheke, wenn ihm von deren Inhalte noch einmal irgend etwas nähe gebracht würde. Selbstverständlich war Frau Dippelmann nicht wenig gekränkt, und mit Recht. Seine besten Absichten so mißverstanden zu sehen, ist schmerzlich, und zudem wußte sie ganz gewiß, daß Herr Dippelmann sich irrte, wenn er das ihm kunstreich applizierte, wohlthätige Pulver für eine Mischung von Ziegelmehl und Torfstreu erklärte. Es war Pepsin- Magnesia und nichts anderes, dabet blieb sie, bis der in der Gesellschaft anwesende Droguist Müller die Schachtel zur Hand nahm und deren Inhalt schnell als Zahnpulver feststellte. Diesem fachmännischen Urteile gegenüber konnte Frau Dippelmann ihre Behauptung, daß sie noch niemals Zahnpulver in ihrer Hausapotheke aufbewahrt habe, nicht lange aufrecht erhalten- kleinlaut mußte sie schließlich die Möglichkeit eines Versehens zugeben. Seitdem ist die wackere Dame in der Wahl ihrer Kur- Objekte sehr vorsichtig geworden, beschränkt ihren medizinischen Eifer fast ausschließlich auf die wehrlosen Kinder und hört es ungern, wenn man, was im Kreise ihrer Bekanntschaft merkwürdig häufig geschieht, von dem Nutzen der Hausapotheken im allgemeinen und der sanitären Wirkung des Zahnpulvers als innerliches Mittel im besonderen spricht. Geineinniltziges. Ein Glas für eisgekühlte Getränke. Das Prinzip der Gefäße mit doppeltem Boden und doppelter Wandung, welches zum Warmhalten von Getränken usw. schon lange in der Krankenpflege Anwendung findet, ist nunmehr ärztlicherseits auch dazu verwendet worden, um das beim Kühlen der Getränke in Eisschalen lästige Abwischen der feuchten Gefäße vor dem Gebrauch zu umgehen. Das wird erreicht, indem ein kleines Gefäß in das mit Eisstückchen gefüllte größere tonnensörmige Gefäß hineingestellt wird, wobei ein paffender Gummiring, der dem Rande des äußeren Gefäßes aufliegt, für vollkommen dichten Abschluß sorgt. Ein kleines Loch in dem Gummiringe mit Stöpsel ermöglicht das Entweichen der Luft aus dem Zwischenraum zwischen den beiden Gläsern. Alle vier bis fünf Stunden muß das Eis erst erneuert werden, da auch nach dem Schmelzen des Eises das Eis eine viel niedrigere Temperatur behält, als es in den offenen Schalen der Fall ist. SesundHeitspffege. Zur Hygiene der Fußbekleidung. Beherzigenswerte Winke über die Hygiene der Schuhbekleidung gibt Profeffor Rubner, der Direktor des hygiemschen Instituts in Leipzig. Er hat die physikalischen Eigenschaften des Schuhzeuges genau erforscht und leitet davon wichtige Erfahrungen für die Gesundheitspflege des Fußes ab. So fand er, daß das starke Rindsleder wegen feiner Dichte erheblich mehr Wärme durchläßt, als alauugares und sämisch Leder. Kork läßt wenig Wärme durch, ist daher zu kalter Zeit als Einlage für die Sohle gut zu verwerteu. Filz hält die Wärme bester, als lohgares Leder. Etwas höhere Absätze (gegen 30 mm) sind bester als die stachen, weil sie die Sohle und den Fuß bester vor Nässe schützen. Die gesamte Oberfläche des vom Schuhwerk bedeckten Fußes betrügt 700 bis 800 qcm, daher wird sehr viel Wärme durch das Oberleder hindurch abgegeben, und infolgedessenmachtsichdiewürme- ersparende Wirkung des Strumpfes geltend. Dieser richtet sich in erster Linie nach der Dicke; wollene Strümpfe sind meistens doppelt so dick, wie baumwollene bezw. leinene. Die Strumpfwaren sind an ihrem Wärmeleitungsvermögen fast völlig den entsprechenden Trikotgeweben gleichartig- bei gleicher Dicke^läßt daher der baumwollene Strumpf mehr Wärme durch wie der wollene. Die Fußbekleidung, Leder sowohl wie der Strumpf, ist erheblich komprimier'bar und geeignet, den Stoß des beim Gehen auf die Sohle fallenden Körpers zu dämpfen. Gegen das Durchnässen, wodurch die Wärmeleitung auf das Doppelte gesteigert werden kann, schützt das Oelen- allerdings wird dadurch auch mehr Wärme abgegeben - aber es verhindert anderseits den starken Wärmeverlust durch Wasterverdunstungeu an der Oberfläche des Leders. Der Fuß hat sehr viele und große Schweißdrüsen; die Schweißabsonderung ist deshalb bei sonst trans- spirierendem Körper dort groß; aber es kann durch dicke Strümpfe u. f. w. nur dann zu einem örtlichen Schweißausbruch kommen, wenn der Körper überhaupt au der Grenze, wo die Schweißabsonderung schon bald beginnt, angekommen ist. Dahingegen bewirkt die durch das Schuhzeug stark behinderte Ventilation eine Schweißablagerung und eine Sättigung der Luft int Schuh mit Dampf. Schon um bestere Ventilation zu gewähren, anderseits um das Schuhzeug dem Fuß stets nach Bedarf Paffend anzuschließen, verdient der Schnürschuh vor dem Zugstiefel den Vorzug. Humoristisches. Wandlung. A.: „Du hast also die kleine Emmy geheiratet, die immer so gern gelacht hat, um ihre hübschen Zähne zu zeigen! Ist sie noch immer die alte?" — B.: „Na, lachen thut sie zwar nur mehr selten, aber die Zähne zeigt sie mir noch immer!" * * Gute Stellung. A.: „Na, wie geht's denn Ihrem Sohne? — B.: „Ach, der hat eine sehr einflußreiche Stellung." — A.: „So, was ist er denn?" — B.: „Kanalreiniger." Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitatS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.