1899. «ZU WWW s ist kein besser Handwerk als verzeihen. Die beste Abbitte ist, nicht mehr thun. Abbitte ist die beste Genugthuung. Sprichwort. Sprichwort. Sprichwort. (Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Es war ein schöner Abend; der Mond stand im Süden, und der Himmel war sternbesäet. Als das Zwielicht verschwand, wurden die Maste und das Takelwerk • undeutlich, die Raaen aber hoben sich in scharfen, dunklen Linien gegen die Sterne ab. Die Lichter der Stadt glitzerten in dem stillen Waffer des Hafens, und die Häuser lagen wie eine dunkle Masse darüber. Die Stimmen der Verkäufer, welche ihre Waren in den Straßen ausriefen, das Rasseln der am Hafen vorüberrollenden Wagen und die Klänge einer aus der Ferne herüberdringenden Musikkapelle unterbrachen die Stille des Abends in einer eigenen, aber ganz angenehmen Weife. Ich blieb bis um halb zehn auf Deck, dann überlegte ich mir jedoch, daß ich wohl gut thun würde, schlafen zu gehen, da wir morgen früh schon um vier Uhr den Hafen verlassen sollten. Ich war im Begriff, meine Absicht auszuführen und nach der Luke zu schlendern, als ich auf einen Mann aufmerksam wurde, der den Hafendamm entlang taumelte und so betrunken war, daß ich jeden Augenblick erwartete, ihn kopfüber ins Wasser stürzen zu sehen. Wenn der Mann zur Brigg gehörte, war es kaum anders denkbar, als daß er von der steilen Leiter, die den Hafendamm mit dem Stege verband, welcher zum Schiff führte, herunterfallen mußte. Das Waffer stand allerdings niedrig — wir lagen etwa zwölf oder dreizehn Fuß unter dem Hafendamm —, aber trotzdem konnte der Mensch doch ertrinken. Ich blieb deshalb stehen, um ihn zu beobachten und ihm, falls nötig, Hilfe zu leisten, — und das war gut. Als er stark schlingernd so daherkam, sprach er mit heiserer, lallender Stimme fortwährend mit sich selbst. Dicht an der Leiter hielt er an und neigte sich, wie scharf spähend, zur Seite. Offenbar war er in Zweifel, ob die Brigg sein Schiff sei. Vielleicht sah er zwei Briggs und wußte die rechte nicht herauszufinden. Ich rief ihm zu, er solle sich nicht allein auf die Leiter wagen, ich würde herüberkommen, ihm zu helfen und ging, indem ich dies sagte, nach der Fallreeptreppe. Da knurrte er mich an: „Wer bist du? Komm' mir nicht nahe, du Lump!" In demselben Moment setzte er auch schon schnell den einen Fuß über die Seite, verfehlte die Leiter und stürzte hinab in die Tiefe. Ich hörte das starke Platschen, als sein Körper auf das Wasser schlug und dann war alles still. Im Nu warf ich meine Jacke ab, rief dem Koch zu: „Mann über Bord", ergriff eine Taurolle, schleuderte das eine Ende derselben über die Schtffsseite, befestigte das andere und glitt am Tau hinab ins Wasser. Die Brigg lag kaum sechs Fuß vom Hafendamm entfernt. Ich fürchtete, der Mann würde beim Hinabfallen mit dem Kopfe aufgefallen sein- als ich aber ins Wasser tauchte, stieß er im.Aufsteigen gegen meine Füße. Ich packte ihn am Kragen, zog ihn hinauf und hielt seinen Kopf über der Oberfläche. Er war besinnungslos und rührte sich nicht, ein Toter hätte nicht stiller sein können. Ich schrie dem Koch zu, mir eine Leine herunterzuwerfen. Als dies geschehen war, machte ich eine Schlinge und legte sie dem Kerl unter die Arme. Hiernach wurde er vom Koch so weit heraufgezogen als möglich und dann festgehalten. Eigentlich wäre ihm ganz recht geschehen, wenn wir ihn so eine Stunde hätten baumeln lassen, als ich aber wieder auf Deck war, hißten wir ihn mit vereinten Kräften doch herauf. Wir rollten ihn nach vorn und ließen ihn dort triefend liegen. Der Koch beugte sich über ihn und sagte: „Dat is de nige Matros', de desen Morn heuert würd; hei het naug Water sluckt, üm den Rum, den hei inladen het, tau verdünn." — Daraus er ging er schlafen. Auf See wird eben nicht viel Federlesens gemacht und kein Mitleid verschwendet. Achtes Kapitel. UnterSegel. Ich legte mich auf meine Pritsche und schlief viel schneller ein, als ich es bei der schwülen Luft für möglich gehalten hätte. Um welche Zeit und in welchem Zustande die Leute an 214 Bord kamen, habe ich nicht erfahren. Daß sie sehr pünktlich I gewesen sein sollten, möchte ich bezweifeln, jedenfalls aber find sie sehr geräuschlos heimgekehrt. Diesen Punkt 6e- I treffend, ist ein Vorderkastell sehr gut geschult. Nie wird absichtlich ein Maat die berechtigte Ruhe des anderen stören. Es gilt dies gewissermaßen als ein stillschweigend ange- I nommenes Gesetz unter der Mannschaft. In einer Ber- I sammlung, sei es in der Kirche, oder an einem anderen Ort, I wo Stillschweigen zur Sache gehört, kann dieses nicht strenger I beobachtet werden, wie hier. Die Fretwache, oder die Leute, I welche an der Reihe sind zu schlafen, werden von ihren I Maats eifersüchtig vor jeder Störung gehütet. Dies ist sehr vernünftig und zum allgemeinen Besten, I denn auf See kann niemand wiffen, wie lange er seinen, I der Wache halber immer nur auf vier Stunden bemessenen Schlaf ungestört genießen kann, und wie viel Tage und Nächte vergehen können, ehe ihm wieder Ruhe vergönnt ist. Als ich auswachte, hörte ich die Hafenuhr zwei schlagen und auf einigen großen Schiffen vier Glasen. Das Vorderkastell hallte wider von dem Chor der tief Atmenden und Schnarchenden. Bei dem flackernden Licht der Lampe konnte ich Halbwege die Leute auf ihren Pritschen liegen sehen, — einige mit über die Seiten herabhängenden Beinen, andere ! mit den Füßen höher als der Kopf. Einen Mann bemerkte j ich in tiefem Schlaf auf dem Boden sitzend, den Rücken gegen eine Kiste gelehnt, die Arme gekreuzt und den Kopf fast bis auf die Knie herabgesunken. Dies war der Kerl, der ins Waffer gefallen war. Er trompetete durch die Nase, daß es klang, wie wenn die Schulterbretter einer Schiffsseite, wie es manchmal beim Anlegen vorkommt, knirschend an einer Mauer entlang streichen. Man muß eine ganze Lehrzeit auf See abgedient haben, um imstande zu sein, inmitten solchen Nasen - Orchesters schlafen zu können. Zum Glück für mich war ich als Maat in derselben Wache mit einem Schiffsjungen zusammen gewesen, dessen Schnarchen in der Stille der Nacht wie das Schnauben eines am Schiff vorbeistreichenden Walfisches klang. Ich konnte daher diesem Raspeln, Sägen und Gurgeln ein abgehärtetes Ohr entgegenstellen und ohne An strengung meinen Schlaf fortsetzen. „Bum! bum! ging es da plötzlich über mir, und gleich darauf brüllte eine rauhe Stimme: „Freiwache: alle Mann! — rup mit Jug mien Jungs!'' Der Ernst des Lebens trat nun mit seiner ganzen Kälte wieder an mich heran- nach wenigen Minuten waren wir alle auf Deck. Es schien ein klarer Tag werden zu wollen- der Wind blies frisch vom Ufer. Der Rauch des Schleppdampfers, welcher uns aus dem Hafen bugsieren sollte, flog vom Schornstein in gerader Linie der See zu. Die Leute der Molenwache standen da und gaben acht, ob wir ihrer Hilfe bedürfen würden- außer dieser war um den ganzen Hasen herum keine menschliche Seele zu sehen. Die Morgendämmerung lag kalt und grau über der Stadt, aber die Sonnenscheibe hob sich schon am Horizont, und der Himmel erglänzte auf jener Seite von ihrem flammenden Licht. Das Schlepptau der Brigg wurde bereit gehalten, und bald kam der Dampfer und legte sich vor uns. Eine Leine, an welcher das Schlepptau befestigt war, wurde an Bord des Dampfers geworfen, und das Tau auf diese Weise angeholt. Nach kurzer Zeit war die Brigg von ihren Pfahlringen am Hafendamm befreit. Darauf zog der Schlepper an, drehte unseren Bug herum und brachte uns in die Mitte des Hafens. Bald danach hatte unser Schiffsschnabel die Richtung seewärts, der Schlepper gab mehr Dampf, die Schaufelräder plätscherten, das Bugfiertau spannte sich mit summendem Ton, und einen Augenblick später glitten wir, die Molen schnell hinter uns lassend, der offenen See zu. Als wir so dahtnfuhren, der vom Dampfer aufgewirbelte Schaum gegen unsere Backen rauschte, und die Brigg der rasch kommenden Flut entgegentanzte, wurde der Beseh! gegeben, Klüver- und Stagsegel zu setzen. In der nächsten Minute schon gingen diese Segel an ihrem Letter auf und es erfolgte der weitere Befehl für das Top- und das Focksegel. Schnell wurde die Falle bemannt, und als ich ins Takelwerk sprang, die Fock spannen zu helfen, wurden die Segel unter dem munteren Gesang der Mannschaft aufgeholt. Von meinem hohen Sitz auf der Fockraa, hatte ich gute Aussicht auf das Land und das blaue Wasser des englischen Kanals. Die ausgehende Sonne strahlte über die stille, noch schlafende Stadt, und ließ jedes nach der See hinausliegende Fenster wie eine lodernde Pechpfanne erscheinen. Einen herrlichen Anblick boten die grünen Abhänge deS Ufers, die blaßgelben Dünen und die felsigen Ränder deS Küste. Frisch, und gleichzeitig warm, wehte die Brise, es war unmöglich, sich dem erheiternden Einfluß des klaren, schönen Morgens zu entziehen. Als sich unsere Segel im Wind- füllten, schleppte das Kabeltau, welches uns mit dem Dampfer verband, bald schlaff im Wasser. Ich begriff nicht, daß wir nicht einfach unsere Untersegel und Bramsegel den schon stehenden hinzufügten und dem Dampfschiff davonfuhren. Die Brigg bet dieser Brise bugsieren zu lassen, erschien mir gerade so, wie wenn man einem willigen Pferde die Sporen giebt. Jn- i dessen, was kümmerte das mich, der Kapitän mußte wiffen, i was er that. Das Schleppschiff verließ uns endlich, nachdem wir ein Dreimeilen - Seezeichen passiert hatten, und als es, bei uns vorbei, zum Hafen zurückdampfte, brachten seine Leute uns ein Hurrah, welches wir erwiderten. Auf der See ist für Sentimentalität keine Zeit, sonst würde mich die Trennung I von diesem letzten Lande, welches uns mit der Heimat verknüpft hatte, veranlaßt haben, meine Arme auf das Geländer des Vorderdecks zu stützen, meine Augen auf das blaue Land zu richten und mich meinen Gedanken hinzugeben. Alle leichten Segel waren bereits gesetzt- es blieben nur noch die großen Segel zu hissen, und da gab es alle Hände voll zu thun. Der Koch hatte die Wahrheit gesprochen, als er über das laufende Tauwerk klagte. Die Scheiben in den Blöcken drehten sich schwer, wir mußten alle unsere Kräfte zur Aufhebung der großen Segel einsetzen und hatten schwere Arbeit mit den Läufern. Ich, der ich vollgetakelte Schiffe gewohnt war, schimpfte nicht schlecht über das Windezeug dieses zweimasttgen Fahrzeugs. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck »erboten.] Die Armenhausprinzessin. Roman von O. Elster. „Ja, es wird bald alles vorüber sein. Deshalb laß mich sprechen. Du bist nicht glücklich geworden — Du hast nicht glücklich gemacht. Du hast Deine Fürstenpflicht erfüllt, Dein Herz, Deine Liebe zum Opfer gebracht, aber weder Du noch Dein Volk ist glücklich geworden, denn Du hast Deine andere Fürstenpflicht versäumt, Du haft Dich von Deinem Volk abgewendet, Du hast nicht mit Deinem Volk gelebt!" „Ueber der Fürstenpflicht steht die Menschenpflicht, Mutter. Ich bin auch nur ein Mensch, und ich kann nicht vergessen". „Und wenn Du glücklich geworden wärest, wenn Du ein glücklicher Mensch wärest, mein Sohn, würdest Du dann auch ein Volk glücklich machen?^ „Ich würde es versuchen, Mutter.- „Würdest Du Lein Volk lieben — würdest Du in seiner Mitte leben — würdest Du mit ihm Leid und Freud teilen?" 215 l i t 3 „Du bist es, Elfte, meine Tochter — mein liebes, liebes, Kind! Ich habe Dir einst sehr, sehr wehe gethan — verzeihe mir, verzeihe einer alten, kranken Frau, daß sie sich noch immer nicht frei von der Welt, von dem Leben machen konnte. Erst der Tod hat mich diese Freiheit gelehrt, und im Tode ^och will ich Euch glücklich machen, meine Kinder". (Schluß folgt.) „Ja, Mutter, ich würde mein Volk lieben, denn des I Volkes Tochter hätte mich glücklich gemacht." „Sßetm Elste doch käme!" Wie ein sehnsüchtiger Seufzer klangen die Worte durch das Gemach und zitterten nach in dem Herzen des tiefbewegten Fürsten. Still und regungslos, mit geschloffenen | Augen, mit leise atmender Brust lag die Sterbende da. Der Herzog stützte die Stirn in die Hand und blickte, in schmerzliches Sinnen verloren, zur Erde nieder. Sein Leben zog in diesen tief wehmütigen Minuten an seiner Seele vorüber. Sein ruheloses, friedloses, ödes Leben, aus dem er sich nicht aufraffen konnte zu froher Schaffensfreude, zu glückbringender Thärigkeit. Einmal noch, im letzten Sommer, in dem kleinen Gebirgsstädtchen, hatte er gemeint, diese Schaffensfreude, diese glücklich machende Thätigkeit miederzuftnden. Die Hoffnung betrog ihn; er war einsamer, friedloser in sein fürstliches Schloß zurückgekehrt. Er war wieder hinausgestürmt in die Welt, er mochte nicht mehr in der altgewohnten Umgebung leben, ihn ekelten die Staatsgeschäfte an, und nur die Nachricht von der schweren Er- . kranknng der Mutter führte ihn in sein ödes, einsames Schloß zurück. „Glücklich — glücklich —", drang es wie Geisterhauch über die Lippen der sterbenden Fürstin. „Willst Du mir versprechen, Dein Volk glücklich zu machen, wenn ich Dich in der letzten Stunde meines Lebens noch glücklich mache?" „Mutter —?!" „Ich habe Dir das Leben gegeben — Du bist der Letzte meiner Söhne — der Letzte Deines alten Stammes — ich habe Dir das Leben gegeben, ich habe Dir das Glück genommen — der Letzte unseres alten Stammes unglücklich, der Letzte seiner Fürstenpflicht ungetreu, — nein, nein, es darf nicht sein! Es soll nicht sein — willst Du mir Dein Wort, Dein fürstliches Wort geben, Dein Volk glücklich zu Die Aepfel der Hesperiden. Von Dr. Karl Mischke. (Nachdruck verboten.) Um Weihnachten herum bekommen wir stets die ersten Apfelsinen, und dann bleiben sie auf dem Markt bis Ostern, ja bis Pfingsten. Die ersten Apfelsinen sind immer ziemlich sauer, während sich die letzten dadurch auszeichnen, daß sie recht saftarm, so zu sagen etwas holzig sind. Aber in der Zwischenzeit, im Februar und März, bisweilen noch zu Anfang April, sind sie süß und saftig. Wer dreißig oder mehr Jahre zurückdenken kann, der wird wissen, daß damals diese köstliche Frucht, der Liebling unserer Kinder, noch eine rare Sache war; aber seitdem hat sich der Weltverkehr- bedeutend gehoben, und der vornehme Hesperiden-Apfel ist populär geworden. Ja, wenn der Frühling herannaht und unsere heimischen Aepfel auf die Neige gehen, wird es oftmals vorteilhafter, Apfelsinen zu genießen, als unser heimisches Obst. Auch ist gegenwärtig noch nicht daran zu denken, daß ihre Einfuhr beschränkt werden könnte; wenigstens hat man auf ihnen noch keine Schildläuse entdeckt, wie auf den amerikanischen Aepfeln. Merkwürdig ist an der interessanten Frucht schon der Name „Apfelsine"; ein sonderbares Wort, halb deutsch, halb exotisch! Wer es nicht weiß, wird schwerlich darauf kommen, woher das Wort stammt. Der zweite Bestandteil ist nämlich — China: noch im vorigen Jahrhundert schrieb man jenes große ostasiatische Reich vielfach „Sina". Pomme de Sine bedeutet eigentlich weiter nichts als „Apfel aus China", und das warme südliche Ostasien ist in der That das Stammland der Apfelsinen, wie auch der verwandten Zitrone, Pommeranze, Limone u. s. w. Im Namen hat machen?" Der Herzog sank vor dem Lager auf die Kniee und verbarg sein thränenüberströmtes Antlitz in die Kissen. „Ich schwöre es Dir, meine Mutter!" Sie legte ihre zitternde Hand auf sein Haupt. „Die Welt ist eine andere geworden — die Unterschiede , ........ ....... -er Menschen, die Unterschiede des Ranges fallen mehr und I sich das Ursprungsland erhalten, wenn die Fruchte auch schon mehr - wenn man dem Tode ins Angesicht schaut, begreift seit recht langer Zett, seit der Zett der Kreuzzuge nn fud- man, wie diese Unterschiede schwinden, wie alle Schranken I lichen Europa, in Italien, in Griechenland kultiviert werden, fallen können. Weshalb soll ein Fürst nicht ein edles Mädchen | jenen Ländern, wo heute für uns die Zitronen blüh n, im aus dem Volke zu seiner Gattin erwählen dürfen? — Ach, dunklen Laub die Goldorangen gluhn. Auch im Namen der im Tode sind wir alle gleich, in dem Tode, wie in der ersten 1 dieser Frucht verwandten Pommeranze finden wir den Bestand- Stunde unseres Lebens! Ernst, mein lieber Sohn, ich segne teil „Pomme«,.Apfel: der zweite Theil dieses Namens ist Dich, ich segne Elfte, meine Tochter, ich segne Eure Liebe, auf tue latelmsch-botamsche Bezelchnui^ Aurautium zuruck- ßuren Bund!" I zufuhren, tn der das Wort Aurum (Gold) steckt. Hiervon Sie sank erschöpft zurück. Der Herzog weinte still vor 1 abgeleitet ist auch Orange, der Name für die Frucht und die stck hin. Er glaubte, seine Mutter spräche in den Fieber- I Farbe. schauern des nahenden Todes. Plötzlich fuhr fie empor. I Es giebt natürlich unzählige Sorten und Abarten der L>örst Du nichts?" I Apfelsinen, die int Handel verschiedene Namen führen, Blut- Etn dumpfes Rollen drang in das stille Krankenzimmer. I orangen, Mandarinen u. dgl. m. Wir wollen hier gleich Der Herzog erhob sich, er winkte der Kammerfrau. I bemerket!, daß die Botaniker sich nicht ganz einig find, ob Diese entfernte sich eilig, um nach einigen Minuten wiederzu- I sie die Zitrone, Lun°"e, Limette, Bergamotte und andere ?-kren und dem L>erzoä einige Worte zuzuflüstern. I Verwandte als bloße Abarten einer gemeinsamen Art auf- Mutter Elsie is? gekommen!" fassen sollen, oder ob sie gesonderte Arten darstellen. "Ach, also doch nicht za spät. — Tie letzte Gnade, der I Die Entwiö^lung der Apfelsine ist eine recht merkwur- letzte Sonnenblick! — Führt sie herein, mein Kind, mein dige. Das Fruchtfleisch nämlich, für unsere Genußzwecke Töchterchen, ich habe keine Zeit mehr zu verlieren!" I der hauptsächlichste Teil der ganzen Frucht, kommt auf recht Und schon öffnete sich die Thür und die Oberhofmeisterin ungewöhnliche Werse zu stände. X y " 1 Sehen wir uns einmal eine Apfelsinenfrucht, ehe wir ,Ew. Hoheit, Fräulein Hannecken ist gekommen, wie über sie herfalleu, geuauer an. An dem einen Ende trägt fjfnh’n I" sie meist noch ein kleines Sternchen, das sich leicht ablosen Rasch rasch'' Wo ist sie?' läßt; das ist der Rest des Kelches, der die Blüthe umschloß. Tie Sterbe richtete sich mit ihrer letzten Kraft Eine gelbrothe Schale unter der ein weißes fchwamm-ges empört unttrstützt von dem Herzog. Eine dunkle, schlanke Gewebe sitzt, schließt die Frucht em. Schale enthalt Gestalt eilte in das Gemach, und im nächsten Augenblick lag I eine Fülle von Drusen, die em aromatisches Oel entha . (gifte weinend vor dem Lager der Fürstin auf den Knieen, Drücken wir ein Stuck dieser Scha e zwischen den F ngern die erkaltenden Hände der Sterbenden küssend. 1 zusammen und lassen den herausspritzenden Saft in die 216 Flamme eines Lichtes oder einer Lampe geraten, so sehen wir, daß es brennt. Dieses ätherische Oel der Apfelsinenschalen findet vielfach Verwendung in der Parfümerie; es ist ein Hauptbestandteil des Kölnischen Wassers; es bedingt auch bei den verwandten Arten, zum Teil wenigstens, die Verwendung für die Küche u. s. w. Jede Hausfrau weiß die Zitronenschalen zu schätzen, jeder Konditor das Zitronat von einer anderen Zitrus-Art; die sogenannten Cura^ao- Schalen von der grünen unreifen Pommeranze und anderen Arten finden ihre Verwendung in der Likörbereitung. Die Würze vieler Speisen, Geloes, Marmeladen u. dgl. beruht auf diesem Oel, und in Oesterreich wird das Ber- gamottöl sogar in den Apotheken geführt und in der Heilkunde verwendet. Haben wir nun diese Schale mitsammt ihrer weichen weißen Unterlage abgelöst, so haben wir eine von zarter Haut umspannte Kugel vor uns. Aber die Kugel ist gegliedert. Dünnhäutige Wände, die von den Meridianen zur Achse gehen, teilen fie in Kammern, meist zehne an der Zahl. Man kann diese Kammern mit leichter Mühe von einander lösen. Sie haben ganz im Innern, da wo die Achse der Kugel war, ein, auch mehrere Samenkörner, und das Ueb- rige ist von dem sogenannten Fruchtfleisch angefüllt, von einer Fülle von Pflanzenzellen, die einen wohlschmeckenden, süßen, gelblichen oder roten Saft enthalten, je nach der Sorte. Wenn wir die feine Haut, welche die Fruchtteile um- giebt, vorsichtig abziehen, so sehen wir, daß das Fleisch der Apfelsine sich wesentlich von dem unserer heimischen Früchte unterscheidet. Wir sehen längliche schlauchförmige Gebilde aneinander gedrängt liegen, kürzere und längere, nicht regelmäßig, aber doch mit einer gewifsen Parallelstruktur, und wenn wir diese Gebilde auseinander zu legen versuchen — hierzu eignen sich am besten die weniger saftreichen Spät-Apfelsinen, wenn der Kehraus bevorsteht — so finden wir, daß alle diese Schläuche entweder auf der äußeren Wand auffitzen oder doch durch einen dünneren Faden mit ihr in Verbindung stehen. Man bekommt schließlich den Eindruck, als ob von der äußeren peripherischen Haut alle Schläuche, wie Taster etwa, nach dem Inneren ausgeschickt wären, daß sie aber wegen ihrer Massenhaftigkeit sich nicht alle genügend ausdehnen konnten. Und so ist es in der That. Der Botaniker, der die Entwicklung der Frucht von ihren ersten Anfängen in der Blütenknospe verfolgt, giebt uns die Erklärung. Wir wissen seit Goethe, daß wir uns die Blütenblätter lediglich als eine veränderte Art von Laubblättern vorzustellen haben. Das gilt auch vom Fruchtknoten. Denken wir uns nun den Fruchknoten der Blüte oder auch die fertige Apfelsine, das kommt auf eins heraus, zusammengesetzt aus fünf Blättern, die im Kreise standen und mit ihren Rändern zusammenwuchsen, so entsteht eine Kugel. Das, was bei den gewöhnlichen Blättern die Oberseite war, sitzt jetzt innen, die Unterseite aber bildet die äußere Schale. Von den zusammengewachsenen Rändern der fünf Blätter wachsen Häute nach innen, die das Ganze in fünf Kammern zerlegen; diese spalten sich noch einmal und so werden es zehn, manchmal unterbleibt auch eine Spaltung, und wir finden dann bloß neun Teile, wenn wir die Frucht zerlegen. Von unten, wo die fünf Blätter ursprünglich ihren Fuß hatten, wächst in der Mitte ein kleines Säulchen herauf, das die Samenanlagen trägt. Dort entstehen daun in der Folge die Kerne. Das ganze übrige Innere der Frucht aber wird ausgefüllt von Haaren, die sich auf der nach innen gekehrten Oberseite der fünf Blätter bilden. Der Lefer wird gewiß schon bemerkt haben, daß die grünen Blätter vieler Plauzen mehr oder minder dicht mit Haaren besetzt sind. Diese Haare sind sehr vielgestaltig, sie sind vereinzelt und sternförmig, z. B. beim Ahorn, sie sind stachelig und giftig bei den Brennnesseln, sie bilden bei manchen Trockenpflanzen einen weichen Flaum oder sammetartige Decke; — hier sind sie dick, saftig, fleischig und bilden eine kompakte Masse, die ein einheitliches Gebilde vortäuschen. Das ist das ganze Geheimnis. Hoffentlich schmecken Dir nun, verehrter Leser, die Apfelsinen nicht schlechter als früher, nun Du weißt, daß es Haare sind, die Du verspeisest. Ist es Dir aber unangenehm, so kannst Du sie auch „Emer- geuzen" nennen — das klingt .feiner und bedeutet schließlich dasselbe. Ob die goldenen Aepfel der Hesperiden, die der brave Herkules holen mußte, wirklich Apfelsinen waren, kann dahingestellt bleiben. Die Hesperiden deuten nach Westen, und die Abenteuer, die der Herkules bei dieser Gelegenheit mit dem biederen Atlas zu bestehen hatte, gleichfalls. Die Heimat der süßen Goldfrucht ist aber, soweit uns bekannt ist, der ferne Osten. Aber wer soll es wisftn? Es ist keiner dabei gewesen, der die Richtigkeit oder Falschheit unserer Hypothese beweisen könnte. Jedensalls hat man die „goldenen Aepfel" jetzt billiger und man braucht sich nicht mit Riefen herumzuschlagen, um sie zu gewinnen. Die Apfelsine ist der Liebling von Jung und Alt; man verspeist sie im Naturzustande, wie auch eingezuckert, allein und im Verein mit Aepfeln, roh und eingekocht zu allerlei Leckereien. Wer ein Kochbuch zur Hand nehmen will, der wird in ihm gewiß ein Fülle von Rezepten finden für Apfel- sinen-Aufläufe, -Saucen, -Kuchen, Sülzen und dergl. mehr. Besonders die süddeutsche und österreichische Küche hat viele derartige Speisen. Wie beliebt die Frucht ist, sieht man auch daran, daß es offenbar vielen Menschen unangenehm ist, die Schalen und sonstigen Ueberreste als unnütz zu beseitigen. Man will mit der Schale der Apfelsine, die man flott aus der freien Hand verspeist hat, auch etwas anfangen können. Als Kinder aßen wir sorgfältig das Weiße ab und das Gelbe aßen wir später auch; — nun, eine Delikatesse war es gerade nicht! Bisweilen finden wir jedoch in Hausfranen- Zeitnngen Angaben, wie die Schalen zu verwerten sind. Manche Hausfrauen trocknen die Schalen und verwenden sie in der Küche wie Zitronenschalen, sodaß bei ihnen schließlich Alles nach Apfelsinen schmeckt. Eine der einfachsten und vernünftigsten Verwendungen ist jedenfalls die, daß man einen Likör daraus bereitet, den man als „Curaxao" bezeichnen kann. Das Verfahren ist fehr einfach. Man löst das innere Weiße ab, recht sorgfältig, denn sonst wird der Schnaps bitter, und schneidet das Gelbe in kleine Stücke, nudelförmige Streifen oder dergl. Daun gießt man Franzbranntwein oder Korn oder auch gereinigten Spiritus, wenn man will, auch Cognac oder Rnrn darauf und läßt die Flaschen ober Krüge, in der sich die Flüssigkeit mit den Schalen befindet, drei Wochen oder länger stehen, am besten an einem kalten Orte. Sodann gießt man den Branntwein, der nun das ätherische Oel der Schalen in sich ausgenommen hat, ab und setzt aufgelösten Zucker hinzu. Schließlich wird das Ganze noch filtriert. Man rechnet auf einen Liter Branntwein die Schalen von fünf ober sechs Apfelsinen; auch etwas Zitronenschale unb eine Gewürznelke können bazn kommen, unb etwa ein halbes Pfunb Zucker. Man sieht schon, baß man burch bie verschiebenen Branntwein-Arten, bie man nehmen kann, burch verschiebenen Zucker- unb Wasserzusatz u. s. w. verschiebene Curaxao-Sorten erzielen kann. Man muß öfters kosten — was ja nicht unangenehm ist — unb bie weiteren Zusätze nach bem Geschmack bemessen. Ist bas Getränk fertig, fo zieht man es auf Flaschen unb läßt es längere Zeit stehen, bamit bie aromatischen Säfte sich recht innig mischen. Man wirb dann an dem selbstbereiteten Likör große Freude haben und, wenn Besuch kommt, ein wenig damit renommieren dürfen. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.