!6M®E 'UHl in inniger Mensch sammelt sich schnell wieder, weil er sich nie so ganz zerstreut und verliert in das Aeußere; wer nicht weit aus- iF geht, hat nicht weit heim. Thomas a. Kempis. (Nachdruck verbotene Schuldig. Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) Hans Helldorf antwortete nicht, sondern ging auf dem den ganzen Fußboden bedeckenden, den Schall seiner Schritte völlig dämpfenden orientalischen Teppich langsam und mit gesenkter Stirn auf und ab. Adalbert hatte den Kopf in die Hand gestützt und verfolgte mit tröst- und hoffnungsloser Miene jede Bewegung des Bruders. Endlich blieb dieser vor ihm stehen, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: „Ehe ich Dir auf Deine Frage antworte, richte ich noch eine an Dich: Warum bist Du nicht zu mir gekommen?" Adalbert schaute zu ihm auf, als ob ihm die Bedeutung dieser Worte nicht ganz klar wäre, und Hans setzte hinzu: „Du besitzest einen Bruder, der, wie Du weißt, über weit mehr Mittel verfügt, als er für sich gebraucht. War eS da nicht natürlicher, daß Du in Deiner Verlegenheit zu ihm kämest, als Du Dich einem Wucherer in die Hände gabst oder nach dem sehr gefährlichen'Auskunftsmittel des Spieles griffest? Ist Dir denn dieser Gedanke nie aufgeftiegen?" Adalbert wurde blutrot, senkte die Blicke zu Boden und stammelte: „Ich habe wohl daran gedacht, aber, sieh — Hans, es ist zwischen uns solch ein Unterschied, und — und —" Er suchte nach Worten. Hans wußte wqhl, daß die Einflüsterungen der Stiefmutter das Herz des Bruders mit Mißtrauen gegen ihn erfüllt hatten und, feinfühlig, wie er war, wollte er ihm ein solches Geständnis ersparen. „Ich verstehe Dich!" rief er, „aber laß es künftig anders zwischen uns sein. Willst Du mir das versprechen?" Er hielt ihm die Hand hin, und fest und innig legte Adalbert die seiuige hinein. „Und jetzt höre, was ich für Dich thun will — etwas, das mir weit schwerer wird, als wenn ich eine sehr große Geldsumme für Dich opferte — etwas, das ich noch nie ge- than habe und thun zu müssen hoffentlich nie wieder in die Lage kommen werde — ich werde unserem Vater die Unwahrheit sagen". „Hans". „Ich sehe ein, daß Du ihm nicht das Geständnis machen kannst, Du seiest in einer Spielhölle gewesen,- Du sollst aber bei ihm auch nicht für einen Dieb gelten; ich werde also zu ihm gehen und ihm sagen, ich habe Dir das Ehrenwort abgenommen, niemand etwas davon zu sagen". „Hans, Hans, das willst Du für mich thun!" rief Adalbert. „Für Dich und für unseren Vater, dem ich durch diesen Wahn, der niemand schadet, die Ruhe wiederzugeben hoffe, und damit die fromme Lüge doch den Anschein der Wahrheit gewinnt, nimmst Du jetzt wirklich die Summe von mir, die Du dem Wucherer bezahlt hast", schloß er mit einem Lächeln. „O, Haus, Hans, Du bist unsäglich gut,. Du sammelst feurige Kohlen auf mein Haupt!" rief Adalbert und warf sich in des Bruders Arme. Dieser strich ihm liebkosend über das dunkle Haar. „Sind wir nicht Kinder desselben Vaters? Tragen wir nicht denselben Namen?" fragte er. „Glaube mir, mein Adalbert, ich hege für Dich und unsere Schwester die innigste Liebe und empfinde es schmerzlich und wie ein Unrecht, daß mir von Glücksgütern soviel mehr zugefallen ist als Euch". „Nun, wir find ja auch nicht gerade zu kurz gekommen", bemerkte Adalbert, bei dem ganz leise das eigentliche sorglose Naturell schon wieder zum Vorschein kam. „Das seid ihr allerdings nicht", lachte Hans, „Tausende und Abertausende dürfen euch beneiden. Ach, die Menschen glauben ja, wenn man nur Geld hat, so sei man gefeit gegen alle Leiden und Schmerzen des Lebens". Er sagte das mit einem so traurigen Ausdruck, daß Adalbert seine beiden Hände ergriff und voll Teilnahme sagte: „Armer Hans, beharrt denn Aurelie noch immer auf ihrem Entschluß?" Hans antwortete nur durch einen Seufzer. „Aber ist das nicht eine Thorheit?" — „Ich kann es von ihrem Standpunkt aus nicht so nennen". „Ach, bah! Wer wird denn dem elenden Mammon eine solche Herrschaft einräumen!" rief Adalbert, der schon zu vergessen begann, wie er sich soeben erst noch unter dieser Herrschaft gekrümmt hatte. „Ich an Deiner Stelle besorgte ganz in der Stille den Aushang am Raihauie und brächte sie eines Tages unversehens nach dem Standesamt. Einmal dort würde sie ja wohl nicht nein sagen". 530 — „Ein kapitaler Einfall!" sagte Hans unwillkürlich belustigt, „würdest Du mir bei dessen Ausführung Beistand leisten?" „Ich bin Dein mit Leib und Seele!" rief Adalbert überschwänglich. Nach kurzem Stillschweigen fragte er: „Aber was denkst Du eigentlich von dem Diebstahl beim Vater?" Hans zuckte die Achseln und schaute schweigend und nachdenklich vor sich hin. „Einer muß das Geld doch genommen haben!" fuhr Adalbert dringlicher fort. „Ich gäbe viel darum, könnte ich herausbringen, wer es gewesen ist,- nur auf diese Weise würde ich beim Vater völlig entlastet werden". „Das wirst Du ohnehin durch meine Erklärung, überlaß das nur mir, ich gehe sogleich zu ihm!" erwiderte Hans schnell. Langsam fügte er hinzu: „Weißt Du, was ich denke — es ist gar kein Diebstahl geschehen. Per Vater hat sich geirrt". „Aber, Hans, ein Mann, der in Geldangelegenheiten so genau, so vorsichtig ist —" „Ist auch nicht unfehlbar", fiel Hans ein, „und beharrt eben, weil er sich nicht leicht irrt, um so fester auf seinem Irrtum. Sieh, ich erkläre, mir die Sache ungefähr so: der Vater hat in der vergangenen Woche den Kopf ganz außergewöhnlich voll gehabt. Er hat wie gewöhnlich eine Summe für den Privatgebrauch in das Geheimfach legen wollen und vergessen, daß er im Drange der Geschäfte dies unterlassen hat. Die dumme Geschichte mit Wetterau ist hinzugekommen, und sein Verdacht war fertig". Adalbert schüttelte den Kopf und hatte gegen die Erklärung vielerlei einzuwenden, mußte sie aber zuletzt gelten lassen, da er eine mehr zutreffende nicht zu geben wußte. In der herzlichsten Weise trennten sich die Brüder, und Haüs begab sich nach dem Zimmer des Vaters. Er fand ihn ganz gegen seine Gewohnheit müßig am Fenster fitzen, den Kopf in die Hand gestützt, den Blick gedankenleer in die Ferne gerichtet. Beim Oeffnen der Thür wandte sich der Kommerzienrat um; seine Miene drückte Unwillen über die Störung aus, nahm aber einen gespannten Ausdruck an, als er seinen ältesten Sohn eintreten sah. „Du bist es, Hans! Was führt Dich jetzt zu mir!?" rief er ihm entgegen. Hans Helldorf schloß erst vorsichtig die Thür, ging durch die ganze Länge des Zimmers bis zu dem Fenster, an dem der Kommerzienrat saß und fragte, dessen Hand in die seinige nehmend: „Solltest Du das wirklich nicht ahnen, Vater?" „Adalbert war bei Dir!" sagte der Kommerzienrat, und seine schon so düstere Stirn legte sich in noch tiefere Falten. „Das hätte er bleiben taffen können". „Im Gegenteil, das durfte er nicht bleiben laffen", erwiderte der Sohn. „Er war es Dir, sich und mir schuldig". „Nein, Hans, es giebt Dinge, die darf kein dritter erfahren, und wenn es auch der Sohn und Bruder wäre. Was Adalbert gethan, das mußte zwischen ihm und mir bleiben". „Aber, Vater, Adalbert hat nicht gethan, was Du ihm zur Last legst; Dir das zu sagen, bin ich zu Dir gekommen", erwiderte Hans und ergriff von neuem die Hand, die der Kommerzienrat nur kurze Zeit in der seinen gelassen hatte. Dieser fuhr von seinem Stuhle auf. „Hat er versucht, auch Dir das Märchen zu erzählen, daß er sich das Geld auf andere Weise verschafft habe, aber darüber nicht sprechen dürfe?" „Es ist kein Märchen, sondern die Wahrheit". Der Kommerzienrat lächelte spöttisch und ungläubig: „Hat er Dir etwa die geheimnißvolle Quelle genannt, aus der ihm das Geld geflossen sein soll?" „Er brauchte sie mir nicht zu nennen, ich kannte sie. Lieber Vater, wie ist es denn nur möglich, daß Du nicht sogleich auf das Nächstliegende verfallen bist?" Die Blicke von Vater und Sohn tauchten tief in einander, dann schrie der erstere, den jungen Mann bei beiden Schultern packend und ihn heftig schüttelnd: Hans — Hans — ist's möglich! Du — Du —!" „Ich!" antwortete der Sohn und neigte die Stirn, die ein verräterisches Rot leicht überflog. Der Kommerzienrat deutete dieses Zeichen der Beschämung über die ihm gesagte Unwahrheit glücklicherweise anders und wiederholte tief aufatmend : „Du hast ihm die zweitausend Mark gegeben! Er hat sie mir nicht gestohlen! O, Gott sei Dank, mein Sohn ist kein Verlorener, kein Dieb!" Er faltete die Hände und schaute wie im stummen Dankgebet zur Decke empor. Dann fragte er in einem Tone, durch welchen noch die ausgestandene Angst zitterte: „Aber warum hat der thörtchte Bursche mir das nicht sogleich gesagt?" „Laß Dir das erklären, Vater, so gut ich's eben selbst vermag", entgegnete Hans, drückte den Kommerzienrat wieder aus dessen Stuhl nieder und fuhr fort: „Obwohl Adalbert viel Geld verbrauchte und, wie ich wußte, zuweilen arg in der Klemme faß, hat er mich doch nie um Aushilfe gebeten, und so gern ich ihm gegeben hätte, unterließ ich doch stets, ihm ein solches Anerbieten zu machen. Du erläßt es mir, Dir den Grund dafür zu nennen". Der Kommerzienrat nickte, stieß einen Seufzer aus und bedeckte einen Augenblick die Stirn mit der Hand. Vor einigen Tagen ist der arme Bursch aber zu mir gekommen, er wußte in seiner Angst und Not sich keinen Rat mehr und bat mich, ihn aus Wetteraus Klauen zu retten. Du kannst Dir denken, daß ich sofort dazu bereit war". (Fortsetzung folgt.) Ihr erster Zwist. Von Anna Koubert. Aus dem Holländischen von E. Otten. ------- (Nachdruck verboten.) Marie hatte sich sehr beeilt. Punkt halb fechs Uhr war das Mittagesfen bereit. Es war an einem Donnerstag; — heute vor fünfundzwanzig Wochen war ihr Hochzeitstag gewesen. Sie betrachtete dies als ein Jubiläum, ein fröhliches Jubiläum ihrer jungen Ehe. Sie hatte halb sind halb erwartet, daß ihr Gatte auch daran gedacht und sie frühmorgens mit einem Strauß begrüßt haben würde. Allein sie hatte sich getäuscht, getröstet und einen hübschen Plan ausgedacht: sie wollte ihn nun überraschen und überlegte sich schon im stillen, was für ein Gesicht er wohl dazu machen würde. Die Neberraschung bestand in der Zubereitung seiner Lieblingsgerichte. Bald, nachdem er vormittags fortgegangen war, hatte sie mit dem Dessert angefangen und einen köstlichen Erdbeerpudding gemacht, während sie das Dienstmädchen fortschickte, um Seezunge zu kaufen; Seezunge war sein Lieblingsfisch. Freudigen Herzens hatte sie sich daran gemacht, mit ihren weißen, hübschen Händchen den Fisch entsprechend zuzubereiten und nachzusehen, ob er auch gründlich gereinigt worden war. Das war wirklich eine Heldenthat, — denn sie konnte schon den Fischgeruch nicht vertragen! — Die Seezunge stand fix und fertig im Ofen. Der Tisch war mit einem schönen Damastgedeck belegt, das Porzellangeschirr mit den Vergißmeinnicht, welches die Köchin so ungern spülte, die Kristallgläser und die Blumen in den zierlichen Vasen: das alles verriet, daß im Hause etwas ganz Besonderes los sei. Halb sechs! Nun mußte er jeden Augenblick kommen. Marie setzte sich schnell an ihren Schreibtisch, nahm eine goldumränderte Karte daraus hervor und schrieb darauf mit schönen, feinen Buchstaben: „Menu." An Stelle eines 3 n 5 i p 'S r f z § s i t < ’i s i < i T < 1 1 t l \ i i x i 3 l I X i 1 i s < 1 j 531 Punktes zeichnete sie am Schluß ein niedliches Vergißmeinnicht als sinnige, der Bedeutung des Tages entsprechende Verzierung, und schrieb dann weiter: „Potage ä la tortue, Croquettes soles au vin blanc, Filet boeuf ä la j ar diniere, Bavaroise aux fraises, Bisquits, fromage, Gingembre.“ Mit großem Wohlbehagen las sie es dann nochmals durch, steckte es in ein Porte-Menu aus Porzellanmaßliebchen und stellte es neben den Teller ihres Gatten. Zehn Minuten vor sechs! Wo mochte er NM stecken? — So etwas hatte sich noch nie ereignet. Zwanzig Minuten zu spät! Marie war eine resolute Frau. Sie wollte ihrem Mann einmal tüchtig die Wahrheit sagen; denn Strafe mußte sein. Sie war von Anbeginn ihrer Ehe an fest entschlossen gewesen, ihm eine gute, treue, eine Mustergattin zu sein, dafür mußte aber auch er ein Mustergatte werden. Marie war klug genug, sich zu sagen, daß es ganz ohne Reibereien doch wohl nicht abgehen würde, aber das brauchten nur Bagatellen zu sein, und sie, das glaubte sie bestimmt, würde stets die Klügere sein und nachgeben. Vor einem nur war ihr bange: vor dem Umgang mit den alten Freunden. Am liebsten hätte sie es gesehen, wenn er diesem Verkehr unverzüglich ein Ende gemacht und an ihrem Hochzeitstage mit allen ehemaligen Kameraden offiziell gebrochen hätte. War denn das etwas Unmögliches? Hätte er nicht damals in seiner Rede halb ernst, halb scherzend sagen können: Meine lieben Freunde, ich danke euch herzlich für eure jahrelange Anhänglichkeit, und werde stets in Liebe und Freundschaft eurer gedenken, aber da ich nun von meinem Junggesellenleben Abschied nehme, so will ich euch, die ihr das mit mir verlebtet, auch Lebewohl sagen u. s. w. Wäre das zu viel verlangt gewesen? Wären dadurch nicht alle Versuchungen aus dem Wege geräumt und der feste Grund zu ihrem ehelichen Glück gelegt worden? Marie sprang plötzlich entsetzt auf. Was war inzwischen aus ihrer Seezunge geworden? Die herrliche sole au vin blanc, die sich auf dem schönen Menu so prächtig ausnahm und sich auf der Tafel noch viel prächtiger ausnehmen würde! Sie rannte in die Küche und warf einen Blick in den Ofen. Ach! da lag der Fisch schon halb zerfallen! Mcuste war bestürzt; nun war alle Schönheit hin. Betrübt und enttäuscht ging sie langsam in's Zimmer zurück. Das festliche Aussehen der Tafel begann ihr mittlerweile unangenehm zu werden. Sie war ganz und gar nicht mehr festlich gestimmt. Am liebsten hätte sie alles gleich wieder abtragen lassen. Die Uhr schlug sechs: Mariens Lippen zitterten vor innerer Erregung bei diesem Klang. War es nicht hart, daß er jetzt schon anfing? Kaum sechs Monate waren sie vermählt, und nun begann er schon sein trautes Heim und sein junges Weib zu vergessen; und gerade heute, an diesem Tage! Oh, sie durchschaute alles. Es ging ihm ebenso, wie es allen jungen Männern geht und gehen wird, die bei der Hochzeit nicht gleich alle ihre Freunde begraben. Einer oder der andere war ihm begegnet — welcher, das war einerlei, — und hatte gesagt: „Nun, altes Haus, wie geht's? Wir glaubten Dich schon tot' und begraben! Wohl schon tüchtig unter'm Pantoffel — was?" Und er, um zu zeigen, daß er noch immer sein eigener Herr sei, war mit dem Freunde gegangen, natürlich in ein Cafe! Nun saß er dort und trank, und stieß vielleicht auf fein einzig gutes, liebes Frauchen an. . . . Fünf Minuten nach sechs kam das Mädchen and sagte ihr, die Kartoffeln seien total ungenießbar geworden. „Schälen Sie andere," sagte sie kleinlaut, und fügte hinzu: „Es wird wohl spät werden; der Herr hat heute sehr viel zu thun." „Es ist besser, wenn die Gäste auf die Kartoffeln warten, als die Kartoffeln auf die Gäste," besagte ihr Kochbuch. Diese Kartoffeln hatten fünsunddreißig Minuten gewartet, kein Wunder daher, daß sie ungenießbar geworden. Marie ward immer trauriger und betrübter gestimmt. Oh, diese Männer! Sie hatte immer gehofft, ihr Manu würde in allem eine glänzende Ausnahme machen. Wie konnte sie nur so ein Gänschen sein! Wenn Bob jetzt schon begann, jetzt, nachdem er erst ein halbes Jahr verheiratet war, dann würde sein ferneres Leben bald nur noch eine Kette von Kegelklubs, Whistabenden, Versammlungen und Cafsbesuchen sein. Einen Moment ging es ihr durch den Kopf, ihm könne am Ende etwas zugestoßen sein. Sie erbebte. Aber nein, wenn das der Fall wäre, dann hätte man sie natürlich schon längst benachrichtigt. Nein, nein, das war es nicht! Marie blickte, nach der Uhr, und ihre Augen wurden feucht. Aber nein, sie wollte nicht schwach, sie wollte nur zornig sein. Sie mußte den Mut haben, ihrem Manne zu sagen, wie schwer er sie gekränkt. Aber dann durfte sie auch nicht weinen, sondern mußte sich aufopfernd drein- sinden, als wäre es ein schweres Geschick; durch eigene Schwäche verderben eben die meisten Frauen ihre äHiinner. Sie wollte das um keinen Preis: sie wollte verständig sein und für ihr beider Glück kämpfen. Bei dieser mutigen, sich selbst gehaltenen Rede brach die junge Frau in Schluchzen aus. Die Stutzuhr läßt einen grellen Laut ertönen. Es ist halb sieben! Horch! Da wird die Haustür zugeschlagen; man hört hastige Schritte auf der Treppe. Im nu stand Marie vor dem Spiegel und trocknete sich eiligst die Augen. Nun konnte man keine Thränenspur mehr entdecken, und überdies waren es ja auch nur Zornes- thränen gewesen. Sie ging in das kleine Gemach, wo ihr Schreibtisch stand, und wo er sie in dieser Stunde am wenigsten vermuten würde. Dort ließ sie sich bequem nieder, schlug ein Buch auf, ohne aber darin zu lesen. So erwartete sie ihn. Sie hörte ihn umherlaufen, vernahm sein Rufen, aber da sie so lange auf ihn gewartet, war es nicht mehr als gerecht, daß sie nun auch ihn ein wenig warten ließ. „Frauchen!" Jetzt fühlte sie, daß er in der Thür stand, aber sie blickte nicht auf, und plötzlich stand er dicht hinter ihr, nahm ihr Kinn in seine große Hand und kniff sie zärtlich in die Wange. Sie war empört. Das war nicht Liebe, nicht Herzlichkeit, sondern wurde nur aus dem Grunde in Szene gesetzt, um sie zu beschwichtigen. Sie solle wieder gut sein und schweigen und ihn lieb haben, und finden, daß er sehr nett zu seinem Frauchen sei. Mit einem Ruck machte sie sich von ihm los, warf das Buch beifeite und schleuderte ihm entgegen: „Thu' nur nicht, als hättest Du mich lieb, denn dann wärst Du heute nicht so spät nach Hause gekommen." Einen Augenblick sah er sie erstaunt an, dann brach er in helles Lachen aus. „Aber Frauchen, was fällt Dir denn ein? Spät? Ich habe mich beeilt, soviel ich nur konnte, zwanzig Minuten brauche ich bis zu Reimers, zwanzig Minuten hin, zwanzig Minuten zurück und zwanzig Minuten bei ihm, das ist doch nicht allzulange — was?" Er lachte herzlich und ungezwungen. Ob er sie wohl zum besten hatte? „Oh nein, ich bin Dir noch sehr dankbar, daß Du nur eine Stunde fortgeblieben bist," erwiderte sie kühl. „Das Essen ist natürlich inzwischen viel besser geworden." Jetzt sah er plötzlich ganz anders ans — ernst und mißvergnügt. 532 „Hatte ich Dir denn etwa nicht gesagt, daß Reimers heute Geburtstag hat?" „Nein, das hast Du mir nicht gesagt. Du hast mir gesagt, daß Reimers oder wie der Mensch heißt — ich kann ja Deine Freunde nicht alle kennen — am elften Geburtstag hat. Das wäre aber Freitag und heute ist erst Donnerstag/^ Er zuckte die Achseln. „Entweder bist Du verdreht oder ich bin beschwipst. — Leb' wohl!" Damit war er verschwunden. Wie ein Kind, das traurig auf die Reste eines mutwillig zerbrochenen Spielzeugs blickt, starrte sie auf die Thür, durch die ihr Gatte soeben verschwunden war. „Bob!" rief sie leise, traurig und zögernd. Jetzt war ihr alles klar. Sie hatte Unrecht; nur sie allein trug die Schuld. Sie hatte mit falschem Stolz die Rolle der beleidigten Gattin gespielt, hatte sich lächerlich gemacht, und begann sich nun tüchtig zu schämen. Wie klein, wie erbärmlich klein mußte sie ihm erscheinen! — Sie war tief betrübt. Sie schluchzte, aber anders, schmerzlicher und leidenschaftlicher als zuvor. Ihr Herz krampfte sich zusammen wie unter einem physischen Schmerze. Ach! wenn ihr Schatz sie doch nur so in dieser Verfassung gesehen hätte, dann würde er wissen, wie von ganzem Herzen sie bereute! Sie fühlte sich unsagbar unglücklich, denn ihr war stets so bange, so grenzenlos bange vor dem ersten Zwist gewesen. Was nützten nun alle ihre guten Vorsätze? Sie war immer so sanft gewesen, zu sanft fast. Warum hatte sie ihm auch vorhin keine Gelegenheit gegeben, sich wegen seines späten Kommens zu entschuldigen? Der gute Bob! Er hatte sich so sehr gesputet! Was hatte sie ihm eigentlich in ihrer Erregung vorgeworfen! Daß er so viele Freunde habe, daß sie dieselben nicht alle kenne u. s. w. Er hatte aber nur zwei Freunde: Reiniers und Brinkmann; die waren zuweilen gekommen, sie aber hatte sie stets, ihrem Gatteri zum Aerger, zurückhaltend, ja fast unfreundlich empfangen. Wo mochte er nun hingegangen sein? In sein Restaurant? Das wäre schrecklich! Vielleicht hatte er auch seinen Freund wieder ausgesucht. Das wäre ihre wohlverdiente Strafe. Aber sie kannte ihn zu gut, so kleinlich war er nicht. „Bob, sei doch wieder gut, hab' mich wieder lieb!" rief sie schluchzend, flehend aus. Endlich hörte sie auf zu weinen und fühlte sich nur noch tief, tief unglücklich. Ach, wäre er doch nur bei ihr, damit sie ihn um Verzeihung bitten könnte! Aber er war fort. Seufzend, verzweifelt stand sie da; ihr war seltsam zu Mute. Wieder kehrte sie in's Speisezimmer zurück. Die Thür nach dem Vorsaal stand offen; — da hing ja sein Ueber- zieher und sein Hut, und da stand auch sein Stock. Sie atmete tief auf, ängstlich, beklommen. Also war er doch zu Hause, — das war schön; — aber jetzt mußte sie zu ihm gehen. „Bob! Bob!" Anfangs dünkte es sie fo leicht, um Verzeihung zu bitten, und nun —? Kaum, daß sie sich dazu entschließen konnte. Und. es mußte ja doch sein — jetzt oder später. Sie besaß ein kleines Merkchen, das sich „Für Geist und Herz" nannte; dem hatte sie alle Winke, die sich auf die Ehe bezogen, entlehnt. Nun fiel ihr eine jener Sentenzen ein; sie lautete etwa folgendermaßen: „Eheleute, sollte sich an dem Himmel eures Eheglücks auch nur die kleinste Wolke zeigen, so eilet, dieselbe alsbald schon durch den Hauch der Liebe zu vertreiben! Denn sonst wächst sie so an, daß sie allmählich den ganzen Himmel eures jungen Glücks verdunkelt." Heiße Thränen traten Marie in die Augen. ■ War denn der Hinimel ihres ehelichen Glückes wirklich schon verdunkelt? Hochklopfenden Herzens und zögernd erklomm sie die Stiege; es war ein schwerer Gang für sie. Da ward plötzlich oben eine Thür geöffnet; auf der Treppe ward's hell, und sie sah Bob, wie er ihr herzlich beide Hände entgegenstreckte. Nun wußte sie, daß er ihr verziehen, und sie sagte nur sanft: „Sei nicht mehr bös, Liebling; ich hatte unrecht." Und dann fragte sie schmeichelnd: „Liebst Du mich noch ein ganz klein wenig?" So blieben sie noch eine Weile beisammen und sprachen viel, das nur sie allein angeht. „Sage, mein Herz, hast Du denn gar keinen Hunger?" „Hunger? Einen Bärenhunger hab' ich!" „Möchtest Du gern ein wenig Seezunge essen? So schön wie vor einer Stunde wird sie allerdings wohl nicht mehr sein." Er schnalzte nur mit der Zunge, und dann gingen sie Arm in Arm die Treppe hinunter und betraten das festlich geschmückte Zimmer mit dem schön gedeckten Tisch. Verwundert blickte er sie an. Da sagte sie neckisch: „Du dummer Junge, Du; ich gratuliere Dir von Herzen, Du bist heute fünfundzwanzig Wochen verheiratet!" Nun feierten sie fröhlich ihr Fest, das ein doppeltes geworden, da sie sich nach ihrem ersten Zwist in Liebe wiedergefunden hatten. Königspromeirade. Nachdruck verboten. mann gens der reicher mann armer als behrt doch ein ni kla ent gend im wer gern 6e schwel noch über kann mit wert über stufst' siges ren der roe ist wer flüs beh ent Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weise miteinander verbinden, daß man — wie der König auf dem Schachbrett — stets von einem Felde aus auf ein benachbartes übergeht. Auflösung in nächster N?u mm er. Auflösung des geographischen Verschiebrätsels in^vor. Nr: K roatien S « rdinien G t iechenland Sizi I ien Bo s nixn No r wegen R m müllten Sc h ottland Frankr e ich Redaktion: ®. Burkhardt. — Druck und Berlag der Brühl'schen Univerfitätr-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.