(Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Nachdem ich die Musterrolle unterzeichnet hatte, war mein nächstes Geschäft, mich an Bord der Brigg zu begeben, um sie mir anzusehen. Da das Wasser im Hafen hochstand und die Schanzkleidung der Brigg mit der Mole in gleicher Höhe war, so hatte ich einen guten Ueberblick, noch ehe ich sie betrat. Sie hatte mehr Spannung, als ich gedacht hätten ihr Deck bildete vorn und hinten eine gleiche Ebene und war für ein Kauffahrteischiff sehr weiß gescheuert. Im übrigen war das Aussehen des Decks, der Kombüse, der Kajütentreppe, der Oberlichter rc. ein sehr einfaches, aber solides und festes. Ebenso befanden sich auch ihre Boote in gutem Zustande, nur wunderte es mich, daß die Hühner- und Entenkäfige, anstatt in dem Langboot zu stehen, wie ich cs sonst zu sehen gewöhnt war, hier unter demselben standen. Die Mannschaft, welche soeben eine neue Vorbram-Raa gekreuzt hatte, war gerade beschäftigt, die Segel an derselben zu befestigen. Zwei Leute saßen dabei rittlings auf den Raanocken. Ein breitschulteriger Mann in einem Strohhut und bequemem Sommeranzug stand auf dem Hinterdeck und sah, die Augen mit der Hand gegen die Sonne schützend, den oben arbeitenden Leuten zu. „Dies," dachte ich, „muß der Maat sein." Als ich das Schiff betrat, rief er mit barscher Stimme: „Halloh! was wollen Sie hier?" „Mir die Brigg ansehen," antwortete ich. Er starrte mich an und fragte, wer ich wäre. Ich erwiderte: „ein Vollmatrose." „Suchen Sie ein Schiff?" „Nein, ich habe mich für diese Brigg verheuert." Er sah überrascht aus, betrachtete meinen Anzug von 1899. Lonntag den 16 APril.^ ■V" eZ ? SW M Der Kampf. er hat den Weg durchs wilde Meer gefunden, Der nie mit Todesstürmen stritt? Mir ist ein Herz mit seinen Wunden Mehr wert, als eins, das niemals litt. Chr. Tiedge. oben bis unten und war im Begriff, etwas zu sagen, nahm aber davon Abstand, da der Kapitän gerade in dem Augenblick aus der Kajüte auf Deck kam. Diese schien mir nach dem flüchtigen Blick, den ich durch das offene Oberlicht hineinwarf, ein behaglicher Raum zu sein, ausgestattet mit Teppichen, einer Hängelampe und sonstigen Bequemlichkeiten, wie sie ein Zimmer wohnlich und gemütlich machen- auch Kojen bemerkte ich an jeder Seite. Einen imponierenden Eindruck machte das nun freilich nicht auf mich, da ich die großen, prachtvollen Schiffssalons der nach Indien und China bestimmten Paffagierschiffe gewohnt war. Aber gut oder schlecht, mir konnte das einerlei sein, da ja meine Hängematte ihren Platz im Vorderkastell hatte. „Ah, da sind Sie ja," sagte Kapitän Franklin, als er mich erblickte. „Wir werden morgen früh um vier Uhr hinausbugsiert werden. Waren Sie es, der mir sagte, er könne vor heut' abend nicht an Bord kommen?" „Ja, Sir." „Das ist mir unangenehm,- es ist noch ein Haufen Arbeit zu thun. Ich habe noch einen Matrosen geheuert, dem fehlt nur Brille und Tonsur, dann ist er der richtige Kaplan," sagte er lachend. „Nun nehmen Sie Abschied vom Hinterdeck- Sie gehören von nun an nach vorn, mein Mann, und da giebt es keine Herren. Sie werden sich viele Kenntnisse auf dieser Brigg aneignen, und wenn Sie sich anstellig erweisen, werden wir, denke ich, gut miteinander auskommen." Ich machte einen Gang um das Deck und warf dabei einen Blick in die Vorderluke, unter der ich nun hausen sollte. Als ich mich dann wieder zum Verlassen des Schiffes anschickte und an die Seite kam, glotzte mich der Maat scharf an und schrie: „Heh, wohin denn? Ich denke, Sie sind ein Mann der Brigg." „Ganz recht, Sir." „Dann bleiben Sie, — es ist genug Arbeit zu thun." „Ich werde kommen, wann ich fertig bin, und das wird diesen Abend sein," antwortete ich, um ihn merken zu laffen, daß ich vor der Hand noch kein Schiffshund sei, den er grob behandeln könne. Er machte ein sehr mürrisches Gesicht, sah aber wohl ein, daß er besser thäte, sich noch nicht so zu zeigen, wie er war, denn er hätte dadurch leicht die Brigg um einen kräftigen Mann bringen können. So verkniff er also, was er an Freundlichkeiten alles auf der Zunge haben mochte, und ich ging meiner Wege. — 210 — Siebentes Kapitel. An Bord. Nach meiner Rückkehr ins Hotel begab ich mich auf mein Zimmer und legte dort meine Vorderdeck-Takelage an. Diese bestand aus einem Paar grober Zeughosen, einem farbigen, ungestärkten Hemd, einem Gurt mit Messer, einer Jacke und einer Mütze. Diese Kleider waren alle neu, aber glücklicherweise waren sie nicht die Hüllen eines Neulings. Ich war soeben von einer längeren Reise gekommen, als selbst Kapitän Franklin sie vielleicht jemals in seinem Leben gemacht hatte, und wenn meine Hände auch nicht so hart waren, wie sie ein Mann des Vorderkastells haben mußte, so hatten sie doch auch schon ihr Teil Arbeit an Bord verrichtet. „Fasse Mut, alter Junge," sprach ich zu mir, „du machst nicht deine erste Reise und wirst ihnen zeigen, daß du etwas verstehst." Ich ging nun ins Gastzimmer hinunter, um meine Rechnung zu bezahlen und Transom adieu zu sagen- ich fand ihn an seinem gewöhnlichen Platz, hinter dem Glasverschlag. Er betrachtete mich mit einem komischen Ausdruck des Erstaunens und rief: „Halloh! wollen Sie auf einen Maskenball?" „Ja," sagte ich, „ich habe eine Einladung erhalten zu einem, der auf dem Stillen Ozean stattfinden soll, ich vermute aber, daß, ehe ich dahin komme, ich schon manchen Reigen nach der Pfeife des Bootsmanns getanzt haben werde." Darauf erzählte ich ihm, daß ich die Musterrolle für das Vorderkastell der „kleinen Lulu" unterzeichnet hätte. „Na," sagte er, seine Ueberraschung unterdrückend, „der Mensch will leben, die See muß doch wohl nach Ihrem Geschmack sein, mir wäre ein Meter festes Land lieber, wie das größte Schiff der Welt. Also glückliche Reise, Mr. Chadburn, ich zweifle nicht, daß Ihr Mut seinen Lohn finden wird." Ich schüttelte mit Wärme seine mir entgegengestreckte Hand und fragte, was ich für mein Quartier schulde. Nichts als einen Brief, wenn Sie einmal Lust haben, mich mit einem solchen zu erfreuen, und mich hören zu lassen, daß es Ihnen gut geht," antwortete er. Ich war durch seine Freundschaft sehr gerührt und fühlte dieselbe jetzt gerade um so tiefer, da ich das Vaterland verlassen wollte und in der ganzen weiten Welt, mit Ausnahme dieses ehrlichen, guten Kerls, keine Seele wußte, die sich auch nur einen Pfifferling darum gekümmert hätte, ob ich wiederkehrte oder nicht. Da Widerreden doch nur verschwendet gewesen wären, nahm ich an, was er mir so freundlich bot, und schied von ihm mit herzlichem Dank. Auf dem Wege nach der Brigg aber trat ich in einen Juwelierladen, kaufte dort eine Busennadel und schickte ihm diese mit einer Karte, auf welcher stand: „Bitte zu tragen, bis Jack Chadburn zurückkehrt." Als ich an Deck kam, fand ich die Decks gewaschen und alles laufende Tauwerk klar. Die Mannschaft war unten, um sich zu reinigen. Meine Kiste war, wie ich sah, schon angelangt, ich begab mich also gleich nach der Vorderluke und warf einen Blick hinein. „Halloh," brüllte da sogleich eine Stimme von unten herauf, „heb ik etwa Ulenogen?" Dieser zarte Wink für mich, aus dem Lichte zu treten, kam von einem Mann, der seine Taugarn ähnlichen Locken vor dem Bruchstück eines Spiegels kämmte. „Laß mich meine Kiste verankern, Maat," sagte ich. „Na, da giw her!" brummte er. Gleich darauf hatte der schwarze Schlund meine Sachen und mich verschlungen. So befand ich mich nun in meiner Wohnung, dem Vorderkastell, einem Raum, der den ganzen vorderen, zwischen den Backen liegenden Teil des Decks umfaßte. Auf manchen Schiffen sind hochliegende Borderkastels gebräuchlich, oder eigentlich Deckhäuser. Der Zugang zu ihnen ist ebensowohl durch Thüren vom Hauptdeck aus, als durch die Springluke von oben. Trotzdem sind sie aber kaum heller, als die unter Deck befindlichen Vorderkastells, da Bratspill, Fockmast, Langboot, Küche und dergleichen ihnen das Licht entziehen. Das Vorderkastell der „Little Loo" lag mit seinem Fußboden ziemlich seicht unter Deck. Man hatte durch diese Anlage eine Menge Platz im Kiel- und Bugraum zur Warenverstauung gewonnen. Eine Lampe, welche von einem ganz schwarz geräucherten Balken hing, brannte Tag und Nacht, und bei ihrem düsteren Schein bemerkte ich vier oder fünf Leute, die sich putzten, um noch ein paar Stunden die Freiheit am Lande zu genießen. Andere lagen rauchend auf ihren Pritschen und sahen der Beschäftigung ihrer Maats zu. Glücklicherweise hingen keine Hängematten von der Decke, wir konnten uns daher ungehindert bewegen. Pritschen dagegen waren mehr als genug vorhanden, da der Zimmermann und Segelmacher, zugleich, wie ich später entdeckte, zweiter Maat und Hochbootsmann, ein „nautischer Hans in allen Gassen," mit zwei Schiffsjungen und dem Koch in einem Raum hinter der Küche logierte. Ich packte mein Bettzeug auf eine leere Pritsche, legte mich drauf und blickte im ganzen Raum umher. So tnter- effant und angenehm mir dies auch sonst gewesen wäre, so hatte ich augenblicklich doch mehr Sehnsucht nach dem Fächeln eines Windsegels zur Einführung frischer Luft, denn bei dem rauchigen, matten Licht der Lampe vermochte ich weder die Leute noch sonst etwas im Raum recht zu erkennen. Wenn ich die Ausdünstung der sich waschenden Leute, den Geruch ^des brennenden Oels, den Gestank von Teerdecken, altem, schmutzigem Bettzeug, modrigem Fleisch und faulendem Salzwasser, als die Hauptbestandteile der hier unten waltenden Luft nenne, so wird man die Lieblichkeit derselben ungefähr zu ahnen vermögen. Auf mein Wort, es war mehr, als selbst ein eingefleischter, ausgewitterter Seebär schön finden konnte. Die Leute scherzten miteinander, und ihre Zungen klapperten in den sonderbarsten Dialekten. Einige Spitznamen, bei denen sie sich nannten, und welche sicherlich zum Teil auch der Musterrolle beigefügt waren, klangen sehr merkwürdig. Wie viele von ihnen mochten schreiben können? Ihre Unterschrift bestand daher in einem Kreuz. Einer wurde „Glücklicher Billy" genannt, ein anderer „Kleiner Welchy", wahrscheinlich weil er ein Walliser war- dann hörte ich noch: „Liverpool Sam", „Schnarch-Jimmy" und „Schöner Blunt". Daß diese Namen von ihren Müttern und Vätern herrührten, war kaum anzunehmen. Die Sache ist die, daß Seeleute sich oft bei ihrer ersten Fahrt unter angenommenen Namen einschiffen. Den Grund davon habe ich nie erfahren. Geistige oder physische Eigentümlichkeiten verschaffen ihnen später Spitznamen unter ihren Schiffsmaaten, und diese kleben ihnen dann für ihr ganzes weiteres Seemannsleben an, während ihre Geburtsnamen vergessen werden. Ich entfloh der Luft meiner Behausung, stieg auf Deck und sah zu, wie die Leute an Land gingen. Es war der letzte Abend auf lange Zeit hinaus, den sie so verbringen konnten, und in Rücksicht dessen war er kurz genug, denn um halb elf mußte alles wieder an Bord sein. Drei wollten ins Theater gehen, und zu dem Zweck hatten sie sich besonders schön gemacht. Ihre Gesichter glänzten von Seife, ihr Haar von Oel, die Hände aber hatten alle Mühe und Anwendung des Fetttopfes gespottet, sie ganz von Teer zu befreien. Die reinen Hemden und schottischen Mützen ließen das aber übersehen. Jedenfalls gaben sie eine prächtige Gattung von See-Dandies ab. Allmählich war die ganze Mannschaft fortgegangen, ausgenommen ich, der Koch und ein Schiffsjunge. Was mich betrifft, so bot mir BayPort keine Versuchung, das Schiff zu verlassen. Außerdem konnte ich in Abwesenheit der Leute am besten meine Sachen in Ordnung bringen, meine Lagerstätte Herrichten und mich orientieren, in welche Art von Geschäft mich der Zufall geführt hatte. 211 — Als ich eS mit den Umständen nach gemütlich gemacht hatte, begab ich mich wieder auf Deck. Hier schloß sich mir der Koch an — ein fetter, blasser Londoner—, der mir jetzt und später nur unter dem Namen Scum bekannt geworden ist. Ich versuchte, ihn über den Kapitän und den Maat auszuholen, entweder aber hatte er keine entschiedene Meinung über sie, oder er war nicht imstande, dieser Ausdruck zu geben. Er erzählte mir, daß die Brigg gut segele, kein Mann zu viel an Bord sei, und jeder rechtschaffen zu thun haben würde,- denn alles wäre neu und das laufende Tauwerk arbeite schwer. Der Kapitän, meinte er, sei der richtige Neuengland-Mann, was das Antreiben beträfe, womit er sagen wollte, daß derselbe mit Vorliebe möglichst viel Segel setze. Außerdem erfuhr ich noch, daß die Ladung der Brigg aus Stückgütern bestehe, aber auch aus einigen Kisten Gewehren und Patroneü für den australischen Markt. (Fortsetzung folgt.) Nachdruck verboten. Die Armenhausprinzessin. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) Sie wandte sich ab und bedeckte die Augen mit der Hand. Thränen erstickten ihre Stimme, aber sie hatte den Sieg errungen über Ehrgeiz und über Glück und Liebe. Was waren alle Kämpfe der Männer auf den sturmdurch- Lobten Schlachtfeldern gegen Viesen Kampf, was alle Siege der gefeierten Helden gegen diesen Sieg, den das starke, liebende Herz eines Weibes erkämpft, errungen? Der Major hatte sich diskret in den Garten zurückgezogen. Der Herzog stand in schweigendem Staunen vor der Heldengröße dieses Mädchens. Seine Gestalt erbebte, seine Lippen zuckten, und in seine Augen traten heiße Zähren. „Elsie", flüsterte er in leidenschaftlichem Schmerz, „ift das Dein letztes Wort?" „Es ist mein letztes Wort — ich danke Ihnen — Sie haben mich unendlich glücklich gemacht, Sie haben mich stolz, unendlich stolz gemacht, ich werde diese Stunde des höchsten Glückes niemals vergessen, die Erinnerung an sie wird das Glück, der Stolz meines Lebens sein!" „Elsie!" Er streckte die Arme nach ihr aus. Sein Ruf klang wie der Aufschrei eines zu Tode getroffenen Edelwildes. Da hielt es sie nicht länger mehr, sie warf sich an seine Brust und schlang die Arme um seinen Nacken und küßte ihn. „Lebewohl, lebewohl", — flüsterte sie unter Thränen. „Meine Liebe begleitet Dich, wohin Du auch gehst — lebe Wohl!" Er wollte sie fester an sich pressen, er wollte sie zurückhalten, doch sie riß sich los und eilte davon in das Innere des Hauses. Der Herzog stand wie betäubt da. Der Major näherte sich wieder. Vom Städtchen herauf klang erneuter Jubel, dröhnten aufs neue die Böllerschüsse, und die Lichter der Illumination und die farbigen Flammen des Feuerwerks sprühten empor, das man drüben auf der Anhöhe des Kloster- kamps abbrannte. Knatternd, prasselnd stiegen die Raketen und Schwärmer zum ernstdunklen Himmel empor, farbige Bogen zogen die bunten Leuchtkugeln durch die schwarze Nacht, platzten hoch oben am Himmelsgewölbe mit leisem Knall und erleuchteten die Stadt und die Gegend mit hundert blendenden Lichtstrahlen. Ueber dem Stadthause stieg eine strahlende Sonne sprühend, zischend empor, und inmitten der Sonne flammte der Namenszug des Fürsten mit der Herzogs- ckrone darüber. Tausendstimmiger Jubel erscholl, und zum Himmel hallte der Ruf: „Heil unserem Herzog Heil, unserem geliebten Fürsten!" Langsam stieg der Herzog die Stufen der Veranda herab. dalag. XVIII. Noch einmal blickte er zurück, dunkel und still lag das Häuschen da, welches seine Liebe, sein Glück umschloß, dann wandte er den Blick der in einem Farbenmeer schimmernden Stadt zu, über der sein gekrönter Namenszug sprühte und glänzte. Mit finsterem Ausdruck ruhte sein dunkles Auge auf dem Namenszug, auf dem glänzenden Schauspiel zu seinen Füßen. Dann atmete er tief auf, seine Gestalt richtete sich straff empor und rasch durchschritt er den kleinen Garten, gefolgt von dem Adjutanten, auf dessen Antlitz ein leises, spöttisches Lächeln ruhte. Frau Dorette kam aus ihrem Versteck hervor und eilte angsterfüllt in das Haus. Der alte Hans Heinrich aber schloß die Gartenthür. „All right — 's ist zu Ende", murmelte er und ging langsam, aber mit trotzig emporgeworfenem Kopf dem Hause zu, das still und dunkel inmitten der Flammen, der bunten Farben des höher und höher aufsprühenden Feuerwerks Tiefe Stille herrschte in dem altertümlichen Fürstenschloß auf hohem Bergesgipfel. Tiefe Stille herrschte auch drunten in der Stadt. Jeder bemühte sich, die alltäglichen Geschäfte so lautlos wie möglich zu verrichten- man unterhielt sich mit flüsternden Stimmen, man ging mit leisen Schritten die Straßen entlang, das Militär zog ohne Trommelgerassel, ohne Hornmustk auf Wache, selbst die Glocken der Uhren schienen mit gedämpftem Klang zu schlagen und die Räder und Maschinen in den Fabriken leiser, sanfter zu surren und zu stampfen. Die Fürstin, die Mutter des Herzogs, die treueste Freundin des Volkes, die edelste Dulderin lag auf dem Sterbelager. Die Fittiche des Todes schwebten über dem Schloß, über der Stadt und dem ganzen Lande. Im einsamen, stillen, dumpfen Zimmer ruhte die Sterbende. Niemand war bei ihr als die alte, treue Kammerfrau, als ihr einziger Sohn, der Fürst des Landes. Im Vorzimmer saß die Oberhofmeisterin, umringt von den Damen des Hofes. Ernsten Gesichts schaute die Oberhofmeisterin auf den düsteren Schloßhof, während die Hofdamen leise mit einander flüsterten. Wenn die Herzogin starb, dann war es vorüber mit ihrem bequemen Leben in dem Fürstenschloß. Der Herzog war unvermählt, er zog sich mehr und mehr in die Einsamkeit zurück, er schien die Pracht des Hofes zu hassen, er brauchte keinen glänzenden Hofstaat mehr. Schon jetzt fühlten sich die Damen so überflüssig hier. Wie würde es werden, wenn die Herzogin, die gütige Herrin, die Augen für immer schloß? Die Kranke dachte nicht mehr an die Hofdamen da draußen in dem Vorzimmer. Ihre Gedanken weilten bei ihrem Sohn, dem einzigen Kinde, das ihr das Leben gelassen- ihre Gedanken weilten bei ihrem Volke- ihre Gedanken weilten bei dem einsamen Mädchen, bessert Liebe, dessen Glück sie dem Wohle des Volkes zum Opfer gebracht hatte. War dies Leben des Opfers wert? Ach, angesichts des Todes, des ewigen Lebens dachte man so ganz anders über dieses vergängliche Leben! Die Herzogin richtete sich mühsam etwas in die Höhe und tastete nach der Hand ihres Sohnes. Der Herzog beugte sich über die Sterbende. „Wünschest Du etwas, Mutter?" „Ist Elsie noch nicht da? — Ich wünschte so sehnlichst, sie noch einmal zu sehen. Sie war der letzte -Sonnenstrahl meines Lebens!" „Der Wagen muß jeden Augenblick eintreffen, Mutter". „Und wenn sie nicht kommt? Wenn sie nicht vergeben, vergessen kann?" „Sie wird kommen, Mutter!" „Mein Sohn, ich habe Dir, ich habe Euch sehr wehe gethan — ich weiß es — Du bist nicht glücklich geworden, und nur ein glücklicher Fürst kann sein Volk glücklich machen". „Sprich jetzt nicht davon, Mutter. — Es ist vorüber". (Fortsetzung folgt.) 212 — Humoristisches. Ein guter Kerl. Bahnhofsvorsteher: „Ja, aber Bauer, das geht nicht, ins Koupee darf das Schwein nicht, das muß in einen besonderen Wagen!" — Bauer: „Dank for die Fürsorg, Herr Vorsteher, aber so viel Umständ' brauchen S' um das Ferkelchen nit zu mache!" * * * Naseweis. Vater: „Das sage ich Dir, mit dem Meyer mußt Du jeden Verkehr abbrechen. Ich habe ihn in Berlin an Orten getroffen, wo sonst kein anständiger Mensch verkehrt". — Tochter: „Ja, wie kamst denn Du an solche Orte?" — Vater: „Frag' nicht so naseweis". * * * Neid. Zwei elegante Taschendiebe befinden sich in einem sehr besuchten Konzert und beobachten den Vortragenden Pianisten. „Du", meint plötzlich der eine zum andern, „was könnte der Kerl in unserm Geschäft mit seiner Fingerfertigkeit verdienen- schade um das Talent!" möglich zu kommen. drum meine Damen nur Modell Nr. 150. Wie allgemein bekannt, hat jede Zeit eine ganz besondere Geschmacksrichtung, welche alles durchdringt und auf jedem Gebiet, wo nur irgend Kunst- und Schönheitssinn ein Wörtlein mitzureden haben, zum sorgfältig all die Mittel und Mittelchen, welche uns die Mode zugleich mit den neuesten Vorschriften an die Hand gicbt. Die vornehmste dieser Vorschriften ist, wie schon öfters erwähnt, Schlankheit, und aus ihr entspringen all die anderen, denn sie ist bei vielen Figuren nicht so ohne weiteres und bei manchen überhaupt nicht zu erzielen. Zunächst ist es notwendig, sein Augenmerk auf die Unterkleider zu richten, denn damit läßt sich die Figur noch am ehesten regulieren. Ein gutes Korsett, welches die Taille nicht zu sehr einschnürt, sondern mehr die Figur ausgleicht, ist die erste Bedingung. Man spare daher an diesem Gegenstände lieber nicht, auch schon deshalb, weil ein gutes Korsett bedeutend länger die Fagon behält, als ein minderwertiges. Ferner achte man darauf, daß alle Unterkleider um die Hüsten einen tadellos glatten Anschluß haben, um gerade hier die Figur nicht unnötig zu verstärken. Ganz raffinierte Modedamen gehen sogar so weit, die Unterkleider überhaupt wegzulassen und nur durch ein seidenes Trikot zu ersetzen. Es mögen damit wohl einige Zentimeter Schlankheit gewonnen werden, dafür aber entstehen andere Unannehmlichkeiten, denn der Kleider- Stütze. Dieselbe muß dem Rocksaum bis in innen fgegengesetzten^Seidenvolants gegeben Vorschein kommt. Malerei, Bildhauerei, Architektur, Tischlerei, Gärtnerei, vor allem aber die Schneiderei sind von dem gleichen Hauche durchweht, und überall treten die gleichen Motive zu Tage. Ganz besonders die Schneiderei, d. h. die Frauenmode unterliegt diesem Einfluß in auffälliger Weise, denn überall begegnen wir den langen, schlanken Linien, der einheitlichen Idee, den fein abgetönten, dabei doch frischen Farben. Die weichfallenden Stoffe mit ihren Serpentinevolants und die unregelmäßig geschwungenen Linienführungen in Garnitur und Musterung tragen so vollkommen deutlich den secessionistischen Charakter, daß es nur an uns selbst liegt, wenn wir ihn nicht verstehen. Freilich, was nützt uns dies alles, wenn wir es auch verstehen und können es nicht ausführen, — dieser Stoßseufzer wird wohl manchem schönen Lippenpaar beim Lesen dieser Zeilen entschlüpfen, denn nicht jede Figur läßt sich diesem secessionistischen Charakter anpassen, welcher unter allen Umständen eine schlanke, biegsame Gestalt erfordert. Starke, gedrungene Figuren sowohl, als auch magere und eckige passen eines so wenig dazu als das andere und es muß dann doppelt sorgfältig gewählt werden, um dem Ideale, trotz allem, so nahe als Modell Nr. 149. rock entbehrt dann jeder Kniehöhe in Form von Unseren jungen Damen ist dadurch eine Gelegenheit mehr geboten, ihre Grazie zu entfalten, denn gerade das Raffen des Rockes kann sehr geschickt und graziös, aber auch sehr wenig nett geschehen, und ist es deshalb keineswegs als verlorene Mühe anzusehen, wenn man sich darin übt, denn auch das will gelernt sein. Die Schnittform des Rockes variiert immer noch zwischen Volantrock und einfachem Schnitt und sieht man beide Formen gleich viel. Als dritte im Bunde erscheint die Tunikaform, welche ganz besonders dazu berufen scheint, Abwechselung in unsere Modeformen zu bringen und zwar nicht allein durch ihre Variationsfähigkeit an sich, sondern besonders auch dadurch, daß sie nicht nur dem Rock aufgesetzt werden kann, sondern auch als prinzeßförmige Verlängerung der Taille auftritt. Wir haben ja schon vor einiger Zeit an dieser Stelle von dieser Kleiderform gesprochen, doch scheint sie sich nur schwer die Sympathie der Damenwelt erringen zu können, was wohl in der Hauptsache an der Schwierigkeit ihrer Herstellung liegt. Man wählt vielmehr meist die, mit Modell Nr. 150 veranschaulichte Tunikaform und ergänzt sie durch eine anliegende, „ . „ Etwas Kunst und Raffinement, sowie die hohe Frau Mode selbst können jedoch (zum Trost sei es gesagt) viel thun: —frischen Mut. Betrachten wir zunächst einmal werden, doch erfüllt dies unserer Ansicht nach seinen Zweck nicht so vollkommen, wie ein eleganter Jupon, denn die Falten nehmen sich dann immer dick und ungraziös aus und machen den Eindruck, als wenn man sie wattiert hätte. Nicht selten ist dies sogar der Fall, indem man dem Rocksaum eine mit Seide überlegte Watterolle einfügt, um das Umschlagen des übermäßig langen Rockes zu verhindern. Doch, rote gesagt, ist als beste Stütze für den modernen, nur wenig oder gar nicht gesteiften Rock immer wieder der ©eibenjupon zu empfehlen und statte man lieber diesen mit mehreren Volants aus, so daß der Kleiderrock nur des üblichen einen Volants bedarf. Was nun die Kleidersorm selbst anbetrifft, so ist noch immer der Kleiderrock das Schoßkind der Mode. Oben eng bis zur Grenze der Möglichkeit, so daß er durch Knöpfe geschlossen werden muß, und unten in reichlichen Falten ausfallend: dann ringsum so lang, daß er den Boden berührt, sogar vorn, wodurch allerdings das Gehen etwas erschwert wird. Es ist daher unumgänglich notwendig, das Kleid geschickt zu raffen, denn auf der Straße ist es streng verpönt, den Rocksaum auf den Boden auftreffen zu lasfen. faltenlose Taille, wie sie das gleiche Modell veranschaulicht. Ueberhaupt ist zu beobachten, daß von den maßgebenden Seiten ans die glatt anliegenden Taillen mehr und mehr bevorzugt werden, und wählt man nicht etwa nur die immer beliebt gewesenen Schneidertaillen, sondern den mehr durch Revers oder dergleichen ausgestatteten Genre, wie er mit Modell 148 gleichfalls veranschaulicht wird. Das der im übrigen ganz glatten Taille am rechten Vorderteil angeschnittene Revers erhält noch zwei gleichgeformte Revers, aber aus abweichendem Material untergesetzt, welche je mit einem Zierknopf befestigt erscheinen. Die gleiche Garnitur wiederholt sich auf dem Vorderblatt des Rockes. All diesen Neuerungen zum Trotz stirbt aber die Blousenform noch lange nicht aus und beweist uns Modell Nr. 149, daß immer noch reizende Neuheiten auf diesem Gebiete erscheinen. Die tief ausgeschnittenen und an beiden Seiten geschlitzten Vorderteile sind an sämtlichen Außenrändern mit Stickereieinsätzen umrandet und lassen einen oben in Fältchen gesteppten Einsatz aus Crepe de chine in ersichtlicher Weise frei. Der Rock ist gleichfalls mit Spitzeneinsatz ausgestattet und wählt man zur Herstellung dieses Kostüms einen beliebigen, vor allem leichten Wollstoff. Wodeplauderei. Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationale« Schnittmannfaktnr, Dresden-Ais. Neuestes Modenalbum und Schnittmusterbuch Preis nur 50 Pfg. daselbst erhältlich. Modell Nr. 148. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.