Lonntag den 15. Oktober «//• in Brausen geht durch den sterbenden Wald. Die Blätter fliegen tot und falt. Das sind der Herbstnacht Stürme; In Grauen gehüllt und in Dunkelheit, Wie liegen die Lande so fremd und so weit! Fern klingen die Glocken der Türme. Zur wilden Jagd nach vergänglichem Gut Drängt dort sich die eilige Menschenflut, Die Brandung wächst in den Gassen. Wer hört auf den schütternden Glockenklang? Er tönt die einsamen Felder entlang Hoch über den Köpfen der Massen. Geflügelten Rades steuert die Zeit Zermalmend fort über Lust und Leid Durch ungemessene Fernen; — Du lausche dem Klang mit gefühligem Ohr, Erhebe den Blick zum Himmel empor, Zn den rettenden ewigen Sternen! Max Kalbeck. Nachdruck verboten. Der Gylfenhof. Eine Erzählung von P. D i t f u r t h. (Fortsetzung.) VII. Renata freute sich seit langer Zeit wieder auf etwas und zwar auf die Tage im Gylfenhof. Fräulein Lina that allerdings etwas empfindlich, daß Renata diese Einladung der ihrigen vorzog, mußte aber schließlich doch einsehen, wie viel anziehender es für das junge Mädchen war, die Ferienzeit in einer befreundeten Familie zu verleben. Nachdem die Damen mit unzähligen Köfferchen und Schachteln in einer Droschke Platz genommen und Frau Nolte noch an den offenen Haubenbändern nestelte, ließ Fräulein Lina einige weise Brocken für die Zeit ihrer Abwesenheit fallen, die aber leider unter die Wagenräder gerieten, denn Renata wußte nichts mehr davon, als der Wagen um die nächste Ecke bog. Es galt nun, sich zur Uebersiedelung nach dem Falknerschen Hause zu rüsten, und sinnend stand Renata vor dem Täubchen, das sie mit klugen Augen ansah. Sie mußte es mitnehmen und es konnte somit seinem ehemaligen Herrn einen Besuch machen. Sie hätte dem Herrn Professor so gern ihre Dankbarkeit bezeugt, da fiel ihr ein, daß ihm vielleicht ein Bild von Walter Freude machen würde. Er sollte ihn sehen in Lebensfrische, und vergessen, wie der liebliche Knabe bleich und als ein Sterbender in seinem Arme gelegen. Mit tiefer Wehmut betrachtete Renata die weichen Züge und ihre heutige Freude kam ihr wie ein Unrecht vor: „Ich, ich vergesse Dich nicht, mein Liebling," flüsterte sie, „Tu führtest unS ja zusammen." Als Renata den Gylfenhof betrat, schallte ihr schon auf der Treppe lautes Sprechen aus dem Vorderztmmer entgegen und als sie sich der Thüre näherte, unterschied sie deutlich Maxens und Fridas Stimme. Als auch ihr erneutes Klopfen nicht beachtet wurde, öffnete sie schnell mit Geräusch die Thüre in demselben Augenblick, wo Max mit spöttischem Auflachen sich auf dem Absätze umdrehte und er somit den Besuch, der mit verwundertem Gesicht in der Thüre stand, gewahr wurde. Frida stand nach dem Fenster gewandt mit zusammengekniffenen Lippen und rotem Kopfe, jetzt wurde auch sie aufmerksam und begrüßte schnell Renaten, noch mit innerer Empörung und äußerer Verlegenheit kämpfend. Diese ließ sich so wenig wie möglich merken, welch peinlichen Eindruck ihr dies unverträgliche Geschwisterpaar gemacht, und beachtete Maxens Redensarten, womit er den fatalen Empfang zu vermischen suchte, nicht im geringsten. Frida hatte sich gefaßt und rief beim Anblick des Täubchens: „Schneewittchen," worauf es durch das geöffnete Thürchen des Käfigs sofort auf ihre ausgestreckte Hand flog. Es schmerzte Renata beinahe, daß es trotz ihrer Lockrufe nicht das Gleiche bei ihr that. „Schneewittchen ist allerdings ein passender Name," sagte sie. „Ja," mischte sich Max ins Gespräch, „wir haben Onkel Gottfried viel mit seiner ersten und einzigen Liebe geneckt, man sollte ihm solche Poesie gar nicht zutrauen." Er lachte und Renata fühlte sich nicht angenehm berührt. Frida führte nun ihren Gast in das für ihn bereit gehaltene Zimmer. ES lag neben Fridas Gemach in dem langen Korridor. „Mama ist noch beim Goßvater; sie wird Sie hernach gleich begrüßen," bemerkte sie, im Vorbeigehen auf des Konsuls Thüre deutend. Die leise Bangigkeit, die Renaten bei dem Gedanken, für einige Zeit ganz unter anderen Menschen zu sein, be- — M — herrscht hatte, verlor sich schon nach wenig Stunden. Frau Charlotte verstand es, ihre Gäste bald heimisch zu machen. Renata mußte oft nachstnnen, warum doch die Kinder dieser seltenen Frau so ganz anders waren, wie sich neben ihr der Einfluß eines schwachen Vaters so hatte geltend machen können. Dann dachte sie der eigenen Mutter und stellte sie vergleichend neben sie. Welcher Unterschied, und doch wehte sie so etwas Verwandtes aus Frau Falkners Wesen an. Sie sah im Geiste wieder das matte, früh gealterte Antlitz ihrer Mutter vor sich, das sich nur erhellte beim Anblick ihrer Kinder, die sie mit unsäglicher Liebe umfaßte. Sie war keine feste, starke Stütze gewesen, wie diese Hausmutter, nein, ein zerstoßenes Rohr mit gebrochener Lebenskraft. Was sie eigentlich so elend gemacht, das wußte Renata nicht. Das Leben im Ghlfenhofe mutete das junge Mädchen gar heimisch an. Renata hatte Gelegenheit genug, zu bewundern, mit welcher Umsicht, Klarheit und Liebenswürdigkeit die Hausfrau ihr oft schwieriges Amt übte. Max und Frida hegten großen Respekt vor der Mutter und wagten in ihrer Gegenwart nie, ihren Launen die Zügel schießen zu lassen. Ob sie wirkliches Verständnis für den Schatz hatten, den Gott ihnen in dieser Mutter gegeben, konnte Renata noch nicht ergründen,- sie freute sich jedoch sehr, als Frida einmal bemerkte, sie habe eine vortreffliche Mama, um die sie mancher beneide, und sie möchte keine andere haben, aber sie verlange doch etwas gar zu viel von ihr, das sei manchmal recht unbequem. So wurde Renata nicht müde, in dem leichtlebigen, eiteln Mädchen mehr zu suchen, als sie bisher gefunden. „Ich möchte mir wohl dies alte Haus einmal gründlich ansehen," äußerte Renata eines Tages gegen Frida. „DaS können Sie haben," rief diese lachend, „ich will Sie gern herumführen, aber erwarten Sie nicht allzu seltsame Dinge, es spukt niemand weiter, als der alte Gylfen." „Wer ist das?" fragte Renata. „Nun, der Erbauer des GylfenhofcS. Aber kommen Sie, es macht mir Spaß, Ihnen den alten Rumpelkasten zu zeigen." Oben waren meist freundliche Zimmer mit moderner Einrichtung, aber die Räume auf dem Korridor wiesen hier und da altertümliche Möbel auf, die wohl schon den Gylfens gedient hatten. Außer Fridas und des Konsuls Zimmern waren hier nur Gaststuben. Den Korridor schloß am Ende eine Thüre, die in Onkel Gottfrieds Reich führte, und seitwärts zweigte sich eine Treppe nach unten ab. Hier wiederholte sich der Gang, nur war er breiter und mit Steinfließen belegt. Die runden Thürbogen, mit ziemlich roh ausgeführten Thüren darin, deuteten auf Vorratsräume, was auch Frida bestätigte. Gegenüber nach dem Garten zu befanden sich mehrere Fenster in eben solchen Rundbögen, die mit moderner Kunstlosigkeit einander passend gemacht waren. „Das sieht bald aus wie ein Stück Kreuzgang," bemerkte Renata, sich interessiert umblickend. „Darüber können Sie Onkel Gottfrieds Weisheit hören," erwiderte ihre blonde Führerin lachend, „er wird entzückt sein, bei Ihnen solches Jntereffe zu finden." „Oder wird mich auch auslachen," sagte Renata lächelnd. Der Gang mündete in den Hausflur, wo einige verblichene alte Herren in Radkrausen und Perrücken an der Wand hingen. Außerdem gab es hier unten meist feuchte und unbrauchbare Räume. „Sagen Sie mir noch, was hinter dieser großen Thüre neben der Hintertreppe steckt, sie sieht so geheimnisvoll aus in der tiefen Nische." „Das ist ein Archiv, eine Bibliothek, was Sie wollen," erklärte Frida, „ich nenne es Rumpelkammer, Onkel Gottfrieds Eldorado. Als Kinder spielten wir darin, bis wir Unfug anrichteten mit den abscheulichen, moderigen Büchern und zerbrochenen Scherben, die Onkel Gottfrieds Heiligtümer ausmachen, und da nahm er die Schlüffel auf Nimmerwieder« geben an sich." «Ist Ihre Familie schon lange im Besitz hirseS Hauser?" fragte Renata. - „Doch wohl, ich weiß es nicht, ich habe mir nie den Kopf darüber zerbrochen, Sie möchten wohl gern in das Archiv?" fuhr sie fragend fort, als Renata sinnend vor der Eichenthür stehen blieb. „Gewiß," erwiderte sie, „aber Herr Professor Wolfram wird das nicht dulden." „O, ich bitte Sie, im Gegenteil," rief Frida lebhaft, „Sie werden in seiner Achtung steigen, wenn Sie sich für seinen alten Kram interessieren." „Darüber hege ich Zweifel, ich werde schon gar nicht wagen, ihn darum zu bitten," entgegnete Renata und trat von der Thüre zurück. „Sie brauchen sich nicht zu ängstigen, beste Renata," lachte Frida, „ein Bär ist der gute Onkel nicht." „Davon ist auch nicht die Rede," erwiderte Renata und beide Mädchen stiegen die Hintertreppe zum Gange wieder empor. „Sieh, da kommt Onkel wie gerufen," sagte Frida. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Schuldig. Erzählung von F. Arnefeldt. (Schluß.) XVII. Wenige Tage nach dem Tode der Kommerzienrätin Helldorf war auch Bankier Sommer sanft und schmerzlos hinübergeschlummert. Er hatte den Gebrauch seiner Geisteskräfte nicht wtedererlangt, nicht erfahren, daß ein Teil des ihm geraubten Gutes wieder zum Vorschein gekommen war. Allerdings nur ein mäßiger Teil davon- die Diebe hatten während der wenigen Monate, die zwischen dem Raube und der Entdeckung verstrichen waren, eine ansehnliche Summe verschleudert, deren Höhe die Bestohlenen selbst nicht genau festzustellen vermochten, und die ihnen auf immer verloren war. Den Geschwistern Sommer erschien jedoch das, was sie empfingen, wie ein Reichtum, ja, wie ein ihnen unverhofft zugefallener Schatz, denn sie hatten sich bereits mit dem Gedanken vertraut gemacht, auf alles verzichten zu müffen. Tief erschütternd war das Wiedersehen der beiden verlobten Paare am Sarge des Vaters, rief erschütternd ihr Zusammensein im Sommerschen Wohnzimmer nach der Heimkehr von der Beerdigung. Welche Fülle von Ereignissen lag zwischen dem Tage, an tvelchem Felicitas ihren Verlobten und dessen Schwester zu Vertrauten der ihr angethanen Schmach, und dem heutigen, wo enthüllt war, was sie damals dunkel geahnt hatten. Ernst und Aurelie kannten mehr von der Tragödie, die in der Familie Helldorf sich abgespielt, sie standen ihr zu nahe, als daß auch ihnen hätte der wahre Sachverhalt verschwiegen werden können, aber das Geheimnis ruhte bei ihnen auf tiefem Grunde, Liebe und Mitleid waren die festen Schlösser, die es verwahrt hielten. „Wißt Ihr daß es beinahe beruhigend auf mich wirkt, Euch jetzt in Trauerkleidern um den dahingeschiedenen Vater zu sehen," sagte Hans, indem er seine Bliche an den in schwarzen Krepp gehüllten Gestalten der beiden jungen Mädchen hinabgleiten ließ, „es erschien mir wie eine grausame Lüge, wie eine Entweihung, daß Ihr Trauer angelegt hattet, um —" Eine weiche Hand legte sich auf seinen Mund- ihre Wange eng an die setnige schmiegend, flüsterte Aurelie: „Still, still, Hans, laß die Tote ruhen, Ihre Schuld ist mit ihr begraben!" — sei — „Ach, ich kann eS nicht verschmerzen, daß fie mich des süßesten Glückes der Kindheit beraubt hat!" erwiderte er. „Meine Mutter, meine Mutter!" „Sind die Kinder der unglückseligen Frau nicht noch beklagenswerter als Sie?" fragte hinzutretend Felicitas. „Rein, leuchtend, ungetrübt lebt in Ihrem Herzen das Andenken an die Verstorbene, während jene —“ „Sie sollen nie, nie erfahren!" rief Hans schnell. • Felicitas wiegte bedächtig das schöne, kluge Haupt und sagte: „Das wird doch seine großen Schwierigkeiten haben. Hermine hat in jener furchtbaren Nacht doch zu viel mit angesehen, um nicht zu wissen, daß dem Tode ihrer Mutter seltsame, außergewöhnliche Dinge vorangegangen sein müssen - gelingt eS auch jetzt, sie darüber hinweg zu täuschen, so wird doch die Erinnerung daran in ihrer Seele haften bleiben, und sie wird bei völlig gereiftem Verstände ihre Schlüffe daraus ziehen." „Ich fürchte, Adalbert hat sie bereits gezogen," versetzte Ernst Sommer. „Der arme Junge ist total verändert." „Aber, Ernst, man hat doch nur eine Mutter zu verlieren! Ohne daß dabet noch besondere Schrecken obwalten müssen, wirkt eS doch schon erschütternd genug, mitten aus einer fröhlichen Fahrt durch die Schweizer Berge durch ein Telegramm geriffen zu werden, das den Tod der Mutter kündet, und heimkehrend zu erfahren, daß sie durch Selbstmord geendet habe," wandte seine Schwester ein. „Dennoch fürchte ich, er mutmaßt noch mehr," beharrte Ernst. „Ich habe bereits Vorkehrungen getroffen, ihn möglichst weit von hier zu entfernen," nahm HanS wieder das Wort/ „auf meinen Vorschlag wird er für das nächste Semester die Universität Straßburg beziehen, und dann werden wir weiter sehen. Hermine gebe ich aber in Ihre Hut, liebe Felicitas, da ist fie wohl geborgen." Er drückte Fräulein von Kressen warm die Hand, die den Händedruck erwiderte, während sie gleichzeitig einen sprechenden Blick mit Ernst Sommer austauschte. Zu Aurelie gewendet fuhr Hans Helldorf fort: „Unsere Aufgabe wird eS aber sein, meinen armen, tiefgebeugten Vater wieder auszurichten, ihm die Tage und Jahre, die ihm noch be- schteden find, wirklich lebenswert zu machen." Sie reichten einander die Hände, um das Gelübde, das jeder in seinem Herzen that, zu bekräftigen- und sie hielten einander Wort. — Herbst und Winter und ein Teil des nächsten Sommers gingen sehr still vorüber. Adalbert Helldorf blieb auch während deS Sommersemesters in Straßburg, wohin ihn auf den Wunsch des KommerzterateS August von Kreffen begleitet hatte. Erst nach dem Schluffe desselben kehrten beide nach Berlin zurück, um an Familienfesten, die daselbst sich vorbereiteten, teilzunehmen. Assessor Sommer und seine Schwester waren gemeinsam in dem alten Hause in der Friedrichstraße geblieben- Felicitas und Hans wohnten den Winter über mit dem Kommerzienrat in der Villa in der Bellevuestraße, zogen aber mit dem ersten Erwachen des Lenzes in eine provisorisch gemietete Wohnung, denn jene ward einem mehrere Monate in Anspruch nehmenden Um- und Erweiterungsbau unterzogen, da sie fortan hinlänglich Räume für zwei Haushaltungen bieten sollte. Kommerzienrat Helldorf wollte mit seinem ältesten Sohn, dessen Frau und Hermine eine Familie ausmachen - er wollte aber auch Ernst und Felicitas in seiner nächsten Nähe haben. Zu eng war namentlich das Geschick der letzteren mit dem f einigen verwoben, zu innig und unauflöslich hing Hermine mit der geliebten Erzieherin zusammen, die ihr im schönsten Sinne des Wortes die fehlende Mutter ersetzte, als daß er auch nur in eine räumliche Trennung hätte willigen mögen. Ernst Sommer hatte eine Anstellung als Amtsrichter bei dem Gericht in Berlin erhalten und besaß jetzt also diejenige Würde, welche in gut bürgerlichen Kreisen als wohlberechtigend zur Heirat betrachtet wird - daS Trauerjahr uttt den Vater lag hinter ihnen, nichts stand der Vereinigung der Liebenden mehr im Wege. An einem milden sonnigen Septembertage fand die Hochzeit der beiden Paare und gleichzeitig die Einweihung der vollstänig neu hergerichteten Villa statt. Nur ein ganz kleiner Kreis von Geladenen hatte sich dazu eingefunden, und die Trauung wurde von dem Geistlichen der Matthäikirche in dem zu einer Kapelle umgewandelten, reich mit Blumen geschmückten Saal des Hauses vollzogen, denn nicht mit Unrecht hatte der Kommerzienrat gefürchtet, daß eine Trauung in der Kirche eine allzu große Schar von Neugierigen und Schaulustigen herbeiziehen würde. Standen fie doch so schon dicht gedrängt auf dem Trottoir, um die wenig Ankommenden zu mustern und von dem, was sich im Innern des Hauses begab, nur einen Schimmer zu erhaschen. Es war ernst und weihevoll. Hermine Helldorf, die sich zu einem schönen, schlanken Mädchen entwickelt hatte, dessen unruhige Lebhaftigkeit einem sitttgen und sinnigen Wesen gewichen war, ging blumenstreuend den bräutlichen Paaren voran die eins nach dem andern von dem Komerzienrat an den Altar geführt wurden, während die Brüder, Adalbert und August, Marschällen gleich, zur Seite schritten. Angestellte der Helldorfchen Firma, wie alte, treue Mitarbeiter, die einst dem Sommerschen Hause angehört hatten, bildeten zusammen mit wenigen Freunden der Familien die tiefbewegte, aufrichtig teilnehmende Festversammlung. Dem Altar gegenüber, so daß die Blicke der davor stehenden Paare darauf fallen mußten, hing das Bild der ersten Gattin des Kommerzienrates, dasselbe, das einst jenen Ausbruch seiner zweiten Frau veranlaßt und bei den Zuschauenden zuerst die Ahnung wachgerufen hatte, es müsse in ihrem Leben sich irgend ein dunkler Punkt befinden, ihr rätselhaftes Wesen mehr bedeuten, als eine lediglich körperliche Störung. Mit peinlicher Sorgfalt war aus der. Villa alles verbannt, was eine Erinnerung an die unglückliche Frau Hervorrufen konnte, ihr Name ward vor den Ohren des Kommerzienrates nicht mehr genannt. Instinktiv vermieden dies auch seine Kinder zweiter Ehe. Der hartgeprüfte Mann erlangte die frühere Thatkraft und Elasticltät nie ganz wieder. Bald nach der Verheiratung seines ältesten Sohnes übergab er diesem das Geschäft und zog sich gänzlich davon zurück. Er wußte es in guten Händen und hatte überdies die Freude, auch Adalbert nach vollendetem Studium in dasselbe eintreten zu sehen. Waren mit dem Tode der Mutter die Träume von einer Diplomatenlaufbahn In der Seele des jungen Mannes verflogen? Hatte er sie aufgegeben, weil er mehr von ihrer Vergangenheit wußte, als er jemals aussprechen mochte? Niemand hat dies je erfahren, niemand ihn je darum gefragt- aber Adalbert Helldorf, der leichtsinnige überschäumende Jüngling, war ein ernster, verständiger, sehr tüchtiger Geschäftsmann geworden, und sprichwörtlich ward die zwischen den beiden Brüdern und Geschäftsinhabern obwaltende Liebe und Einigkeit. Ein Kreis glücklicher Menschen, deffen Mittelpunkt der Kommerzienrat ist, und dem es an einem fröhlich emporblühenden Nachwuchs nicht fehlt, bewohnt jetzt die Helldorfche Villa- die Schatten der Vergangenheit blicken nur soweit hinein, um dem heiteren Bilde einen dunklen Hintergrund zu geben. __________ Gemeinnütziges* Die neueste Nummer des praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau bringt allgemein interessante Angaben, wie Wallnüsse zu reinigen und aufzubewahren sind. Sie werden wiederholt in reinem Wasser gewaschen — durch Umrühren mit der Hand werden sie von selbst sauber. Das ■ - t>92 — Viedak ion: $. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniAerfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen. Trocknen hat in der Sonne, niemals im Backofen zu geschehen. Vor Regen sind sie zu hüten — sie werden durch Regen grau und unansehnlich, — ebenso dürfen sie nachts nicht dem Tau ausgesetzt werden. Erst wenn die Sonne die Nüsse völlig abgetrocknet hat, sind sie zu lagern. Gut gereinigte und getrocknete Nüsse behalten ihr gutes Aussehen und den angenehmen Geschmack ein volles Jahr. Aufbewahrung ver Tafettrauben. Nachstehendes Verfahren wird vom „Praktischen Wegweiser", Würzburg, als zweckmäßig und billig empfohlen. Man läßt sich aus Zink lange Kästen machen, die ca. 25 Centim. hoch sind und einen durchlöcherten Deckel haben. Die Kästen werden mit frischem Wasser gefüllt, dem etwas Salz oder Holzkohle zugesetzt ist, damit es nicht faulig wird. Die Trauben werden nun mit einem entsprechend langen Stück der Rebe abgeschnitten und mit dem unteren Ende in die Kästen gesteckt. So aufbewahrt, halten sie sich bis zum Frühjahr. Die Kästen müssen in einem frostfreien, Hellen Zimmer stehen. Billiger ist das Verfahren, wenn man einfache Holzkistchen mit durchlöchertem Deckel nimmt und statt des Wassers nassen Sand. Die Trauben müssen öfters auf faulende oder schimmelnde Beeren durchsucht werden. Oesundyeitspflege. Die Brennnessel als Heilpflanze. Der Saft wirkt blutstillend bei offenen Wunden, sowie bei Nasenbluten und Bluthusten, leistet ferner bei Uebelkeit und Erbrechen, Leibschmerzen, Magenkramps, Gelbsucht ganz vorzügliche Dienste. Das Peitschen mit Brennnesseln wurde in früheren Zeiten vielfach angewandt bei Lähmungen, Gicht, Rheumatismus rc. Das betreffende Glied, bezw. die Körperstelle wurde täglich einigemal solange mit frischen Brennnesseln gepeitscht, bis es ganz rot geworden und ein brennendes Gesühl sich einstellte. Der ausgepreßte Saft der kleinen Brennnessel wirkt auch blutstillend und heilend bei Bißwunden von bösartigen Tieren, wie ich aus Erfahrung bezeugen kann. Vor einigen Jahren, als ich eines Abends aus den Reben heimging, kam plötzlich ein großer Hund auf mich zugesprungen und biß mich in die Wade, sodaß es stark blutete. Da ich vorher einmal von jemand erfahren habe, daß Brennnessel bei Bissen von bösen Tieren gut sei, so riß ich schnell entschlossen von einem in der Nähe an einem Rasenbord befindlichen Nesselngebüsch einige Triebe ab und preßte, so gut und viel ich konnte, den Saft derselben auf die Wunde aus, worauf es sofort zu bluten aufhörte. Hernach verband ich die Wunde mit meinem Taschentuch, da ich nichts anderes zur Hand hatte. Dieser Saft muß nicht nur blutstillend, sondern auch fäulnis- und zersetzungswidrig (antiseptisch) wirken, denn die Wunde heilte rasch zu, ohne daß sich Eiter oder „wildes Fleisch" gebildet hätte. Brennnesselsaft oder -Tinktur (in jeder Apotheke ist letztere erhältlich) ist umsomehr bei allen größeren Wunden als blutstillendes Mittel zu empfehlen, als es gegenüber den meisten anderen Mitteln dieser Art den Vorzug verdient, indem bei dessen Anwendung das Blut sogleich ein weiches, zusammenhängendes Gerinnsel bildet, hierdurch die Wunde völlig von der, die Zersetzung befördernden atmosphärischen Luft abgeschlossen wird, was natürlich eine rasche Zuheilung derselben ungemein begünstigt, während bei den meisten anderen blutstillenden Mitteln das sich bildende Blutgerinnsel eine bröckelige, rissige Oberfläche zeigt, sodaß die Luft viel eher in die Wunde eindringen kann, was natürlich eine Heilung sehr erschwert und verzögert. Aür die Küche. Hammelzungen mit Tomatensance. Einige frische Hammelzungen werden in gesalzenem Wasser abgekocht, abgezogen, halbiert, mit Salz und Pfeffer bestreut, in Ei und Reibbrot gewendet und in heißem Schmalz gebacken. Ein Dutzend frische Tomaten, die man quer durchschnitten hat, werden mit einem Stückchen Butter und einem Glase Rotwein gedämpft, worauf man zwei Schöpflöffel braune Sauce auffüllt und mit einem Stückchen Lorbeerblatt, dem nötigen Salz, etwas weißem Pfeffer und Zitronensaft noch i/i Stunde kochen läßt. Nachdem die Sauce durchpassiert, verfeinert man sie mit etwas Maggi, verdünnt sie, salls zu dick, mit Wein und reicht sie zu den gebackenen Zungen. Schweinsfilet mit Weißkraut. Ein fester Weißkrautkopf wird außen abgeblättert, vom Strunk und den dickeren Blattrippen befreit und fein eingeschnitten bezw. gehobelt. Dann wird das Kraut in 125 Gramm Gänse- oder gutem Schweinefett mit einer feingeschnittenen Zwiebel, Salz, weißem Pfeffer und einem Glafe Essig weichgedämpft, mit einem Kochlöffel Mehl gestäubt und nach einigen Minuten mit etwas Fleischbrühe oder nur heißem Wasser verdünnt, zu einem dicken Gemüse eingekocht. Nach Belieben gibt man Kümmel daran. Mit etwas Maggi gehoben und mit einem Glase gewöhnlichen Weißweins verfeinert, gibt man das Kraut mit gebratenem Schweinsfilet zu Tische. Geschmorter Schellfisch. 10 Personen. Bereitungszeit l1 /, Stunden. Zuthaten: 2ya Kilo Schellfisch, 200 Gramm Butter, 50 Gramm Mehl, ‘/s Liter saure Sahne, */4 Liter kräftige Brühe aus Liebigs Fleisch-Extrakt, zwei mittelgroße geschnittene Zwiebeln, zwei Theelöffel gewiegte Petersilie, eine Prise Pfeffer, Salz nach Geschmack. — Nachdem die Fifche geschuppt und gut gereinigt worden sind, schneidet man sie in passende Stücke und läßt sie, mit Zwiebeln, Salz und Pfeffer bestreut, eine halbe Stunde zugedeckt stehen. Dann wird die Butter im Topf zerlaffen und leicht gebräunt, die mit Mehl überpuderten Fischstücke werden hinzugegeben, kurze Zeit geschmort, zuerst mit der Brühe aus Liebigs Fleisch-Extrakt übergossen, und sobald sie anfangen, weich zu werden, mit der sauren Sahne, die man mit etwa einem Theelöffel voll des angegebenen Mehls verquirlt. Kurz vor dem Anrichten wird die Petersilie übergestreut und der Fisch in der gut semigen Sauce serviert. Literarisches. Der Daheim Kalender für 1900 trägt dem Schluß des Jahrhunderts ausgiebig Rechnung. Otto Funcke weist in einem Aufsatz: „Fröhliche Gedanken am Ende des Jahrhunderts" nach, daß wir auch in kirchlicher Beziehung dankbar auf das zu Ende gehende Jahrhundert zurückblicken können. Th. H. Pantenius gibt unter demselben Gesichtspunkt einen reich illustrierten, kurzen Ueberblick über die Geschichte Deutschlands von 1800 bis 1900. Julius Stinde behandelt die Fortschritte der Naturwissenschaften, Hans von Spielberg den der Verkehrsmittel. Von den drei Erzählungen spielt „Auch ein Meisterstück" von H. v. Krause, mit Illustrationen von W. Zehme, in der Zeit des Zunftwesens, während „Die Hasenschlinge" von Ernst Muelien- bach und „Des Liftjungen Glück" von Hanns von Zabeltitz, mit Illustrationen von A. Mandlick, frisch aus dem Leben der Gegenwart gegriffene Themata behandeln. Der Frauen-Kalender bringt eine große Anzahl meist reichillustrierter Artikel, die sich insbesondere an die Fronen wenden. Auch der Kinderstube ist ein besonderer Abschnitt gewidmet. Der bildliche Schmuck des Kalenders ist wie immer sehr reich und eigenartig. Besonders hübsch sind die, vier Vögel darstellenden Aquarelle von Eh. Votteler. So eignet sich der Daheim-Kalender auch in diesem Jahre wieder vorzüglich dazu, als Weihnachtsgeschenk verwendet zu werden. Magisches Dreieck. (Nachdruck verboten.) In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a, b b, d, e e, 1 1, n n, r r, u tt derart einzutragcn, daß die einander entsprechenden wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend folgendes bezeichnen: 1. Biblischen Namen. 2. Ein Gebirge. 3. Mittel zur Förderung der Gesundheit. 4. Teil von Belgien. 5. Einen Buchstaben. (Auflösung folgt in nächster Nummer.) Auflösung des Tauschrätsels in voriger Nummer: Franz — Iller — Dachs — Eber — Zeder — Ilm — Ostern; Fidelio.