SBE 11____ Sti tz ।1 nrnfcrjg er endlos wählt und sich besinnt. Das schlecht'ste Teil zumeist gewinnt. Wer vorschnell zugreift, des Verstand Sitzt statt im Kopfe in der Hand; Nur ruhig Besinnen und rasch Erwählen Läßt viel gewinnen und wenig verfehlen. Bank. Nachdruck verboten. Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) Der junge Mann zuckte die Achseln. „Mein Gott, das kann ich Ihnen so schnell gar nicht sagen. Ich habe mir das nie überlegt." „Nun, was sagen Sie zu meinem Vorschläge?" Olaf stand mit gesenktem Haupte und malte mit der Spitze seines Lacksttefels langsam das Muster des Smyrna- teppichs nach. „Ihr Vorschlag ist ja sehr edel," — plötzlich warf er unwillig den Kopf zurück — „ich weiß aber in der That gar nicht, wie ich dazu komme, abhängig von der Gnade eines anderen zu sein — ohne meine Schuld — und diesem anderen zeitlebens dankbar sein zu müssen." „Das letztere ließe sich ja vermeiden," meinte der Rechtsanwalt mit einem Anfluge von Ironie: „Wenn Sie einmal selbständig sind, steht es bei Ihnen, mir Ihre Schuld zurückzuzahlen und sich damit jeder Pflicht der Dankbarkeit zu entledigen. Ich dränge Sie nicht, aber später einmal könnte es mir vielleicht sehr lieb sein, wenn Sie — die Pflicht der Dankbarkeit abzuschütteln wünschten. Uebrigens will ich Sie nicht etwa überrumpeln. Sie können sich das alles in Ruhe überlegen und mir Bescheid sagen. Nur, lieber Freund, das —" er deutete mit dem Zeigefinger mitten in die Stirn — „das dürfen Sie nicht thun. Darauf müssen Sie mir Ihr Wort geben. Sie haben ja gesehen, daß es noch Auswege giebt — außer dieser ultima ratio." Dabei streckte er dem jungen Manne wohlwollend seine Hand hin. Dieser ergriff sie zögernd. „Sie sind sehr gut — wirklich — Ich weiß gar nicht, wie ich dazu komme —" //Es gilt auch nicht Ihnen. Es gilt einem Manne, der lange Jahre hindurch mein Freund war, und dem ich trotz des unbegreiflichen Fehlers nicht vergessen werde, was er mir war, und wieviel ich ihm schulde." „Der Schurke!" knirschte der junge Marn zwischen den Zähnen. „Nein, es geht doch nicht, es geht nicht. Bedenken Sie die Schulden, die ich noch habe: Ich bin doch ein ehrlicher Mensch." „Wenn ich erst wüßte, wieviel dieselben betragen, könnte ich wohl auch das ordnen, wenn es nicht zu hoch kommt. Das unbezahlte Reitpferd müßten Sie wieder zu verkaufen suchen. Ein Reitpferd kann ich Ihnen natürlich nicht halten." — „Das denk' ich wohl. Ich werde mir's überlegen. — Ach Gott, es ist doch sehr hart!" Ein Thränenstrom brach aus seinen Augen. Der bittere Spott, der Zorn gegen den Urheber sovielen Unglücks, alles trat in diesem Augenblick zurück gegen das Gefühl grenzenlosen Elends, das ihn überkam. Jugendlust und Freudigkeit dahin für immer! Das herrliche Bewußtsein, erhaben zu sein über die kleinlichen Sorgen, mit vollen Händen ausstreuen zu können, dahin für immer I Angestrengte Arbeit, Einschränkung, Dürftigkeit, Abhängigkeit von einem Wohlthäter, der ihm fast ein Fremder war, — lohnte es sich denn, ein solches Leben weiterzuführen, lohnte es sich ?--Und es war doch so schön gewesen, das frohe Studentenleben, das er so lange, so sehr lange ausgedehnt hatte! „Armer, junger Mann!" sagte der Rechtsanwalt mitleidig. „Es ist nicht so schlimm, wie es aussteht. Bis jetzt haben Sie die Arbeit von der schlimmen Seite angesehen. Warten Sie nur ein wenig, Sie werden noch empfinden, daß auch etwas Schönes und Erhebendes in dem Bewußtsein liegt, sich emporzuringen aus eigener Kraft. Sie haben das Zeug dazu. Aber glauben Sie mir: es war Gefahr vorhanden, daß soviel schöne Anlagen untergingen in Genußsucht." Olaf fuhr sich mit der Hand über die nassen Augen. „Sie sind ein sehr geschickter Advokat! Sie möchten mich am Ende gar noch überreden, daß mir kein größeres Glück hätte zustoßen können, als daß ein anderer mein Geld durchbrachte. Aber, mein verehrter Freund, das glaub' ich Ihnen doch nicht. Mir gefiel das Leben, das hinter mir liegt, sehr viel besser, als das, welches mir bevorsteht — bevorstehen würde. Ich verpflichte mich zu nichts- nein, so schnell geht das doch nicht. Aber Sie meinen es gut mit mir, und ich danke Ihnen." Damit war er auch schon zur Thür hinaus. Der Rechtsanwalt machte erst einen raschen Schritt, als wolle er ihm nachgehen, dann schüttelte er den Kopf, 394 kehrte langsam um und blieb sinnend an seinem Schreibtisch sitzen. Schwere Sorgen umdüsterten seine Stirn. Plötzlich fuhr er auf. Es hatte an die Thür geklopft. „Was ist?" fragte er barsch. „Acht Uhr," meldete die Haushälterin, in dem sie ihr rundes, rotglänzendes Gesicht zur Thür hineinstreckte. „Ja — und weiter?" „Das Fräulein ist da. Sie sagt, sie hätte schon eine halbe Stunde unten gewartet." „Ach so — ja —" Es war, als erwache er aus einem Traum. „Ja — — Sie soll allein gehen. Ich bin heute nicht in der Stimmung. Sage, ich sei abgehalten." VIII. „Bis morgen," dachte Olaf. „Ms morgen werde ich mtr's überlegen." Er lief ziellos durch die Straßen. Das Gas war angezündet worden, und geschäftiges Treiben herrschte überall. „Sie, Nansen!" rief es plötzlich aus einem Zigarrenladen. „Kommen Sie mit uns?" Olaf verneinte. „Müller kommt von den Ulanen. Er fragte nach Ihnen!" Olaf überlegte einen Augenblick. Warum sollte er denn nicht mitgehen, zum letztenmale. Es würde gewiß lustig werden. Noch einmal lustig sein, ehe — — Die beiden jungen Männer hatten inzwischen ihre Zigaretten angezündet und waren auf die Straße getreten. Der eine, Bergmann, ein reicher Kaufmannssohn, elegant, faul, flott, verschwenderisch. Der andere, ein junger Rumäne, der sich hier aufhielt, um Deutsch zu lernen. Das mochte eine sehr schwierige Aufgabe sein oder eine sehr amüsante - denn es war bereits das dritte Jahr, daß er sich derselben widmete, praktisch hauptsächlich, auf der Straße, in den Kneipen, auf den Tanzböden, zuweilen auch in der guten Gesellschaft- und er sprach noch immer so reizend unbeholfen und unkorrekt, daß es ein wahres Vergnügen war, ihm zuzuhören." Müller war schon da, als sie das Restaurant erreichten, in dem sie sich Eendez- vous gegeben hatten. Er war in Zivil- klein, schmächtig, mit mattem, verlebtem Gesicht und spärlichem blonden Haupthaar. Er war sehr aufgeregt, und auf seinen gelblichen Wangen brannten zwei große rote Flecke. „'Tag, Müller," sagte Bergmann, der am intimsten mit ihm war. „Was verschafft uns heute die unerwartete Ehre?" „Hatte mit meinem Alten zu reden." „Viel Vergnügen." Müller machte eine abwehrende Bewegung und ergriff das Champagnerglas, das er soeben voll geschenkt hatte. „Esel!" schrie er den Kellner an. „Hab' ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollten den Sekt auf Eis stellen." Der Kellner wies stumm auf den Etskühler. „Das Gesöff ist lau, matt, eklig." Er schüttete das Glas aus. „Wenn der Herr Leutnant noch ein wenig Geduld haben wollten!" „Kerl! ich habe keine Zeit, Geduld zu haben! Anderen Sekt! Kalten Sekt!" „Regen Sie sich doch nicht so auf, Müller- Sie find ja gar nicht wiederzuerkennen heute," beruhigte Bergmann. „Ja, neulich auf der Vogelwiese war's großartig. Sie wurden schmerzlich vermißt. Besonders im Hippodrom. Nansen war göttlich. Und dieser schwarzhaarige Fremdling machte ein Glück! Die schöne Rosa, drittes Zelt, zweite Reihe, hatte ein Auge auf ihn geworfen- unser blonder Nordländer, der sonst überall den Vogel abschießt, war ganz unten durch. Er ist noch jetzt melancholisch. Wie? Oheer up, Nansen, old boy!" „Hätten Sie sollen sehen Herr Olaf in 'Jppodrom," begann Barsescu, der Rumäne, noch ganz in süße Erinnerungen vertieft. „Saß auf Ferd, wie könnt' nicht reiten, tet herunter da, siel herunter dort, wo standen viel Leuten - ward sich fürchterliches Raddau —" „Kennen wir," fiel Müller ein. Aber Barsescu ließ ich nicht unterbrechen. „Sagte Herr Olaf mit Gesicht ganz rauriges: „Tutt mir serr leid, kann ich nicht helfen, daß ich nicht kann reiten befferr —" „Es war gottvoll, Müller. Wir platzten alle vor Lachen. Manchmal stellt er sich nämlich, als könne er nicht bis drei zählen. Wo steckten Sie denn übrigens am Sonntag abend zum Kehraus? Die Rothaarige hat Sehnsucht nach Ihnen - fragt immer, wo der englische Baron wäre. Hält Sie partout für einen Engländer. Gar nicht garstig, die Rothaarige, hochfein gewachsen. Nicht, Barsescu? Der hat sie nämlich getröstet. Also, wo steckten Sie denn, Nansen?" „Ich konnte nicht kommen. — Ich war nicht aufgelegt." „Woso?" ließ sich aus der Ecke eine fette Stimme vernehmen. Sie gehörte dem dicken Schaufler, dessen Anwesenheit man bis jetzt gänzlich übersehen hatte. Er verhielt sich in der Regel vollständig schweigsam, und doch fanden ihn seine Freunde höchst amüsant. Auch diese Bemerkung galt für „großartig". Ach so — Todesfall in der Familie — Ihr väterlicher Freund, —" erinnerte sich Müller plötzlich. „Habe noch gar nicht kondoliert." „Danke," antwortete Olaf kurz. „Der soll sich ja —" Müller machte eine Bewegung, die andeuten sollte, er habe sich die Gurgel durchschnitten. „Jawohl. Wegen mißlicher Vermögensverhältnisse", stimmte Schaufler bei. Olaf zuckte mit den Achseln. „Ich habe nichts davon gehört," erklärte er kühl. „Ich dachte, die Andrees wären reich," meinte Bergmann. „Man soll nie einen Menschen vor seinem Tode glücklich Preisen, sagte der weise Solon. Und ich sage Ihnen, man soll nie einen Menschen vor seinem Tode reich nennen —" „Milow!" schrieen alle. Auch ohne ihn zu sehen, hätten sie an der doktrinären Art zu reden den Neuange-, kommenen erkannt. Es war der stud. rer. tech. Karl Wilhelm Milow. „Sie glauben wirklich, daß er sich das Leben genommen hat?" fragte Bergmann nochmals. „Natürlich. Was blieb ihm andres übrig? Wenn das Geld alle ist, eine Kugel vor den Kopf, das ist das Allheilmittel." Müller unterbrach ihn: „Meine Meinung ist: tüchtig mitgemacht, gelebt, geliebt und dann gesegnete Mahlzeit! Man entfernt sich schweigend vom Tisch, wenn's am besten schmeckt. Profit!" Dabet goß Müller ein Glas Champagner hinunter. Olaf hatte mit brennenden Augen zugehört. „Hab' ich recht, Nansen? Auf Ihr Wohl!" Müller hatte sich bereits von neuem eingeschenkt. Olaf streckte sein Glas hin, um mit ihm anzustoßen, aber seine Hand zitterte so heftig, daß es klirrend an die feingravierte Schale Müllers antraf. Beide Gläser zerbrachen, und der Champagner floß auf das Tischtuch. Milow maß die beiden mit verwunderten Blicken. „Sie haben wohl zeitig angefangen?" „Wir sind noch keine Stunde da." „Und soviel Spuren Ihrer Thätigkeit!" „Woso?" brummte Schaufler. Auch dieses Lebenszeichen wurde mit allgemeinem Beifall begrüßt. Milow deutete auf die Sektflaschen, Jbte Speisenüberreste und das befleckte Tischtuch. „Müller est aujourd’hui d’une humeur massacrante,“ erklärte Barsescu. „Warum sind Sie denn so spät gekommen, Milow?" fragte Müller statt aller Antwort. „Ich habe gearbeitet." 395 „Das machen Sie einem anderen weiß," rief Müller, übermäßig laut lachend. „Es ist leider wahr," bestätigte Bergmann. „Plötzlich ist's wie ein Fieber über ihn gekommen, und nun sitzt er von früh bis abends und büffelt." „Warum arbeiten Sie denn plötzlich so viel?" fragte Olaf. „Man muß doch einmal anfangen," meinte Milow. „Muß man ?" rief Müller. „Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, es fiel mir gar nicht ein. Einziger Sohn — reiche Eltern." — „Ich kann doch nicht immer von meinen Eltern leben," entschuldigte Milow fast schüchtern. „Js sich doch sehr angenehm ßu leben von Geld von Eltern, wenn haben Eltern welches," bemerkte Barsescu. „Sie sind ein kapitaler Kerl, Barsescu," lachte Müller. „Wir verstehen uns." „Wo gehen wir denn jetzt hin?" Barsescu machte einen Vorschlag. „Noch nicht," sagte Müller und schlug eine bekannte Bierkneipe vor, die ihre Hauptfrequenz nach Mitternacht hatte. Sie lag in einer obskuren Gasse- das Lokal war häßlich, das Bier gut und die Kellnerinnen hübsch. Die jungen Männer waren hier sehr bekannt. Die meisten von ihnen wurden von den Kellnerinnen beim Vornamen genannt und mit Du angeredet. Auch hier hatten sie ihren Stammplatz in einer besonderen Stube. Es sollte gejeut werden. „Ich spiele nicht mit," erklärte Milow. „Ich spiele nicht, ich trinke nicht, ich küsse nicht — weil ich sehr solide bin," sang Müller nach der Melodie eines bekannten Couplets mit kreischender Stimme. „Bist Du wirklich ein Philister geworden, Karlchen?" fragte die dicke Kellnerin, indem sie sich gerade vor Milow hinstellte. „Danke, ich sehe heute lieber zu," wehrte auch Olaf ab, da ihm Bergmann die Karten zuschieben wollte. „Da hört doch alles auf," staunte Bergmann. Es war das erste Mal, daß Olaf sich zurückhielt. „Ich spiele nicht, weil ich so sehr solide bin" johlte Müller wieder und zog ein Goldstück aus seiner Börse. „So hoch haben wir doch noch nie angefangen," meinte Bergmann bedenklich. „So thun wir's heute." „Woso?" fragte Schaufler wieder im tiefsten Baß; und alle drei lachten. Müller hatte gewonnen und erhöhte seine Einsätze. „Wisien Sie, daß dem das Wasser an der Kehle steht?" flüsterte Milow Olaf zu. „Ein paarmal hunderttausend Mark Schulden, und der Alte zahlt nicht mehr." Olaf überrieselte es kalt. „Warum nicht?" „Kann wahrscheinlich nicht mehr. Ist schon oft eingesprungen. Auch das größte Vermögen kann zur Neige gehen — auf die Weise." Müller hatte es toll getrieben, Olaf wußte das,- aber der Alte war ja so reich. Und nun doch fertig geworden! Daher diese wilden Redensarten, dieses aufgeregte Benehmen! Nicht Trunkenheit, Verzweiflung vielleicht. Daher diese tollen Einsätze- ein letzter wahnwitziger Versuch, sich zu retten, sei es auch nur auf Tage. Und es schien ihm zu gelingen. Wie gierig er die Goldstücke einstrich, die das Glück ihm heute in den Schoß warf- seine Augen funkelten wie die eines beutegierigen Tigers. Der kleine Barsescu war ganz bleich geworden und lachte nicht mehr. Schaufler langte phlegmatisch ein Goldstück nach dem andern aus der Tasche, viel zu langsam für die zitternde Hast des Gewinners. Er wußte, wie weit er gehen konnte und wollte und machte sich nichts daraus, mittendrein aufzuhören. (Fortsetzung folgt.) Die Kunst lange zu leben. Von Dr. med. Hermann Armin. ------- (Nachdruck verboten.) Schwermütig hebt ein altes Kirchenlied mit den Worten an: „Media in vita in morte sumus (Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen)." In der That genügt es, sich bloS einmal umzuschauen, um sich zu überzeugen, wie der allgewaltige Herrscher Tod Unterschieds- und scheinbar regellos alt und jung, Mann wie Weib, reich und arm dahinrafft. Unter solchen Umständen möchte man versucht sein, sich zum Fatalismus des Islam zu bekehren, der die Dinge gehen läßt, wie der liebe Gott es will. WaS frommt es, sich mit der Erhaltung und Stärkung der Gesundheit abzugeben, wenn jeden Tag, wie die Kugel den Soldaten im Felde, den Menschen die mörderische Krankheit treffen kann, die dem Dasein ein Ende bereitet! Indessen würde ein solcher Standpunkt durchaus verkehrt sein, nicht erst seit heute, sondern bereits vor vielen tausend Jahren ist der Beweis geliefert worden, daß innerhalb gewisser Grenzen der Mensch Herr über Leben und Tod ist. Die Hygiene oder Gesundheitslehre hat längst in Theorie und Praxis ihre Feuerprobe bestanden- man hat alle Ursache, sich ihrer Erfolge zu freuen. Allein der Stolz auf die modernen Errungenschaften darf nicht dazu verleiten, das gering zu achten, was frühere Geschlechter geleistet haben. Namentlich haben sich zwei Kulturvölker außerordentliche Verdienste in dieser Hinsicht erworben, die Juden und die Griechen: Die lykurgische und solonische Gesetzgebung einerseits, die mosaische anderseits dürfen, unbeschadet ihrer sonstigen politischen oder religiösen Tendenz, als hygienische angesprochen werden. In den Vorschriften der letzteren ist in bewunderungswürdiger Weise der Grundsatz durchgeführt worden, daß eine vernunftgemäße Ernährung .und penibelste Reinlichkeit unbedingt erforderlich sind, um den Menschen gesund zu erhalten und vor Krankheiten zu schützen. Vermissen wird man in der mosaischen Gesetzgebung hingegen die Berücksichtigung der Gymnastik, die dafür bet den Griechen die sorgsamste Pflege fand. Wenn wir nun fragen: Wie fangen wir es an, um uns die Kunst, lange zu leben, anzuetgnen? so haben die genannten Völker im Prinzip die Antwort schon gegeben. Grundsätzlich läßt sich dem, was sie für richtig erkannt haben, weder etwas hinzufügen, noch davon hinwegnehmen, d. h. also, man hat für gute Ernährung, für höchste Sauberkeit und allseitige Ausbildung des Körpers Sorge zu tragen. Auch darin gleichen die heutigen Verhältnisse durchaus denen vergangener Zeiten: Bis zu einem bestimmten Grade vermag der einzelne oder die Familie den Forderungen der Hygiene gerecht zu werden, dann aber gelangt man zu einem Punkte, wo ihre Kraft nicht mehr ausreicht, und jetzt hat die Gesamtheit, der Staat und die Gemeinde, einzutreten. Dennoch unterscheidet man zwischen individueller und genereller, oder persönlicher und öffentlicher Gesundhetlspflege. Das ist ohne weiteres verständlich: Die Speisen gesundheitsgemäß zuzubereiten, liegt dem Hause ob, allein wer nicht gerade Nahrungsmittelchemiker oder Fleischbeschauer von Fach ist, kann unmöglich wissen, ob die dazu verwandten Lebensmittel von tadelloser Beschaffenheit sind. Die Bürgschaft dafür gewährt nur eine gut organisierte Gesundheitspoltzei. Ebenso verhält es sich mit der Sauberkeit. Mehr als den eigenen Körper und dessen nächste Umgebung, nämlich Wohnung und Kleidung, reinlich zu halten, kann keiner leisten - über das Weichbild des eigenen Hauses hinaus ist man dagegen ohnmächtig - die Wasserversorgung, die Fortschaffung der Abfälle von Menschen und Tieren fällt heute wie je dem Kommunalverbande anheim. Und dieser, oder statt seiner der Staat ist es, welcher bei den Griechen für die Gymnastik auskommen muß. So ist der obligatorische Turnunterricht für die Schuljugend eingeführt worden, und in neuerer Zeit fühlen sich die Städter verpflichtet, auch für das Schwimmen eigene Anstalten zu errichten. 396 Der bemerkenswerte Fortschritt gegen früher liegt nur darin, daß an Stelle der rohen Empirie wissenschaftliche Vertiefung getreten ist, und die durch sie bedingten Triumphe der Technik unendlich vollkommenere Mittel zur Erreichung des Zweckes an die Hand gegeben haben. Im folgenden soll nun die öffentliche Gesundheitspflege beiseite gelassen und nur die private Beachtung finden. Es sei dabet vorausgeschickt, wie allen Maßnahmen entweder eine gesundsheitsfördernde oder eine krankheitsverhütende Bedeutung, manchmal auch beide zugleich zukommen. Die Ernährung hat den Zweck, nicht nur die Verluste von Körpermaterial, welche der Organismus fortwährend erleidet, auszugletchen, sondern auch die Kraft zu liefern für jegliche Arbeit, die er leistet, körperliche wie geistige. Außerdem erzeugt sie im werdenden unfertigen Organismus des Kindes das Wachstum, von ihr stammt der nötige Stoff zum Ansatz der einzelnen Körpergewebe. Bei einer so gewichtigen Rolle begreift cs sich leicht, daß Fehler in der Ernährung sich bitter rächen und die Gesundheit schwer schädigen müssen, und in der That lehrt die Statistik, daß auf diese Weise jährlich Tausende und Abertausende ins Grab sinken, namentlich in dem Lebensalter, in welchem die Organe am empfindlichsten find, in der Säuglingsperiode. Aber nicht nur dann, sondern das ganze Leben hindurch machen sich die Folgen verkehrter Ernährung geltend. Ganz abgesehen von dem Heer der Verdauungskrankheiten werden alle anderen Organe mehr oder minder in Mitleidenschaft gezogen und so der Organismus seiner natürlichen Schutz- kraft gegen die fortwährend auf ihn einstürmenden Schädlichkeiten beraubt. Ein gut genährter Körper erkrankt nicht nur nicht so leicht, sondern er vermag auch, wenn er erkrankt ist, die Erkrankung eher zu überwinden und die Gesundheit wieder zu erlangen. Nun ist ja eine richtige Ernährung zum großen Teil eine brutale Geldfrage. Allein man irrt, wenn man glaubt, diese Dinge kämen bei denjenigen Leuten, welche ein genügendes Auskommen haben, weiter nicht in ■ Betracht. Gerade bei ihnen wird gegen die Gesetze der Ernährungslehre außerordentlich häufig verstoßen, eben so sehr aus Unkenntnis wie aus Mangel an Selbstbeherrschung, der zu Unmäßigkeit führt. Es ist hier nicht angängig, diesen Gedanken weiter auszuspinnen, es sei nur daran erinnert, wie in Nordamerika Magenkrankheiten an der Tagesordnung sind, einzig und allein deshalb, weil man bet dem hastigen Treiben der dortigen Geschäftswelt sich die Zeit nicht nimmt, langsam und behaglich zu essen, sondern schnell die heißen Speisen hinunterschluckt. Unmäßigkeit und Unkenntnis zugleich wirken ferner bei einem Krebsschaden der Jetztzeit, dem Alkoholismus, zusammen, um das Leben vieler Hunderttausende zu verkürzen. Darunter sind aber nicht etwa nur diejenigen Menschen verstanden, welche man im gewöhnlichen Leben als Säufer bezeichnet, sondern in gleichem Maße die viel größere Anzahl derer, welche gewohnheitsgemäß erhebliche Mengen geistiger Getränke zu sich nehmen und dabei scheinbar ihre Gesundheit nicht schädigen, bis Plötzlich — oft erst nach Jahrzehnten — die bösen Folgen mit unfehlbarer Sicherheit sich einstellen. Man sieht also aufs deutlichste, wie oft die Menschen sich durch eigene Schuld ihr Leben verkürzen, und wie es in vieler Hinsicht in ihrer Hand liegt, sich noch manches Jahr dem Berufe und der Familie zu erhalten. Wenn also eine fehlerhafte Ernährung nicht wenige frühzeitig zu Grunde richtet, so hat man in einer vernunftgemäß geleiteten das beste Mittel zu erblicken, um einen Schutz vor zahlreichen äußerst gesährlichen Erkrankungen zu gewähren. So sei, um ein Beispiel anzuführen, nur erwähnt, daß es gegen den schrecklichsten Würgengel der Kulturwelt, die Tuberkulose, keine mächtigere Waffe gießt, als eine gute Ernährung; sie ist es, welche einen vollsaftigen und kräftigen Organismus schafft, und eine solche wird mit den Krankheitserregern, den Tuberkelbazillen, so gut wie immer fertig werden. Die Frage: »Wie eignen wir uns die Kunst an, lange zu leben?" deckt sich also zunächst mit der andern: „Wie ernähren wir uns richtig?" Man giebt in der Regel die Antwort! „Lebe mäßig und einfach!" Vollkommen richtig! Allein das ist schließlich einer von den vielen Gemeinsätzen, welche alles und nichts besagen. Die einen möchten unter Mäßigkeit einen mehr oder minder asketischen Lebenswandel verstehen, andere wiederum nennen sich mäßig, obwohl sie es nicht sind. Entweder achten sie nicht darauf, wieviel sie im Laufe des Tages verzehren, oder sie wissen nicht, daß es nicht nur auf das »Wieviel", sondern eben so sehr auf das „Wie beschaffen" ankommt, und daß die Wohlhabenden und Reichen, welche hauptsächtlich gehaltvolle Nahrungsmittel und Speisen zu sich nehmen, in einer kleinen Nahrungsmenge oft mehr Nährstoffe einführen als die Aermeren in den großen Portionen von wenig nahrhaften Gerichten. Außerdem paßt nicht alles für einen, sondern jeder hat sein eigenes Maß, das sich nach der Konstitution und nach Art und Menge der Arbeitsleistung richtet. Kurz und gut, mäßig und einfach leben soll der Mensch zwar, aber, um dieses Gebot zu erfüllen, ist es notwendig, daß sich jeder mit den Grundsätzen der Ernährungslehre im weitesten Sinne — denn dazu gehört auch die Atmung, durch welche ein gasförmiges Nahrungsmittel, der Sauerstoff, zur Aufnahme gelangt — vertraut mache. (Schluß folgt.) Gemeinnütziges. Aeld und Garte». Gartenarbeit. Glühend heiß brennt jetzt die Sonne,- unter ihrem Einfluß wächst alles rasch empor, um aber ebenso schnell wieder zu verblühen. Der Hauptflor der Rosen ist vorüber, bei sachgemäßem Schnitt blühen sie aber weiter und weiter. Tie königlichsten Sommerblumen bedecken sich jetzt reich mit stattlichen Blüten, aber welk und schlaff hängen überall die Zweige herab, wenn wir nicht alles von Tag zu Tag in reichster Weise bewässern. Drängende Arbeiten sind nicht mehr auszusühren. Wer früher alles rechtzeitig gepflanzt und bestellt hatte, der darf sich jetzt ungetrübt am Gedeihen der Lieblinge erfreuen. Die ungewöhnlich warme Witterung macht ja das Arbeiten im Garten nicht zur Annehmlichkeit) man wird deshalb die Mußestunden des Tages zu beschaulicher Ruhe in der dicht umrankten kühlen Laube verwenden und erst am Abend, wenn die Sonne im Untergehen begriffen, zur Gießkanne und, wo es not thut, auch zu Hacke und Spaten greifen. In der Hauptsache ist der Garten so zu halten, wie er im vorigen Monat zu vollem Glanze vollendet wurde. Namentlich auf den Teppichbeeten muß man die verschiedenen Pflänzchen scharf auseinander halten: zu üppig wachsende zurückschneiden, zu hoch wachsende niederhaken, damit die verschiedenen Farben nicht ineinander wachsen und so die oft hübschen Muster verloren gehen. Hecken und Einfassungen von Buchs werden jetzt geschnitten, Gladiolen und blühende hochwachsende Stauden, die sich nicht selbst länger aufrecht erhalten, recht sorgfältig an Stäbe geheftet. ______________ Humoristisches. Indiskrete Frage. „Was gäbst Du wohl d'rum, wenn Du solches Haar hättest, wie das meine?" — Jeanne: „Das weiß ich nicht, was hast Du gegeben?"-- # * Lakonischer Bescheid. Einheimischer: „Nun, wie gefällt Ihnen unsere Kurkapelle?" — Tourist: „Hm — die Blechmusik müßte man streichen und die Streichmusik ist Blech." Redaktion: $. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.