a «ZU y^n-i^dcH Ci „Aly x4 Güll. as dein Gedächtnis blos erfaßt, Bald wird dir's eine schwere Last. Doch nimmst du's auf in Fleisch und Blut- Ist dir's ein leicht beweglich' Gut. (Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Der Kellner nahm das Papier mit einem äußerst erstaunten Gesicht und verließ das Zimmer. Kapitän Franklin zog nun eine dicke, hölzerne Pfeife und einen Tabaksbeutel hervor, stopfte sich die Pfeife und fragte, indem er mich aufmerksam ansah: „Bin ich nicht heute morgen zusammen mit Ihnen geschwommen?" „Ja," erwiderte ich. „Ich dachte zuerst, ich hätte Sie irgendwo anders getroffen. Sie sind Seemann, nicht wahr?" „Allerdings, das bin ich.« „Sind Sie schon am Hafen gewesen?" „Gewiß." „Haben Sie unter den Schiffen eins gesehen, welches Ihnen besonders gefallen hat?" „Oh ja, an der Mole. Da liegt eine Brigg mit einem weißen Schiffsbild, das ist ein hübsches Schiff,- selten sah ich ein schmucker aussehendes Ding," sagte ich, sehr wohl ahnend, was kommen würde. „Es ist die „kleine Lulu" und ich bin ihr Kapitän." „Ah, wirklich?" „Ja, und sie ist sogar mein Eigentum." „Da gratuliere ich, ich wüßte, einen, der an Ihrer Stelle sein möchte." „Das glaube ich," lachte er. „Du scheinst mir ein zufriedener Mensch," dachte ich, „eigentlich müßtest du also auch ein guter Mensch sein, aber man kann sich täuschen." „Gestern nacht hatte ich ein kleines Rencontre," sagte er, sich behaglich zurücklehnend, den Rauch seiner Pfeife in Ringen ausstoßend und augenscheinlich erfreut, einen Zuhörer gefunden zu haben, der sein nautisches Kauderwelsch verstehen konnte, „kommt da so ein erbärmlicher französischer Hücker windwärts von mir gerade auf mich zu, als wenn er in mich rein rennen wollte. Ich schrie den Leuten zu, sie sollten abhalten und mir vom Leibe bleiben, denn ich dachte nicht anders, als sie würden mir in den Stern fahren, aber sie hörten nicht. Nach wenigen Minuten hatten sie meinen Segeln allen Wind abgefangen, und erst als ihr Klüverbaum keine Kabellänge mehr entfernt war, warfen sie ihr Ruder herum und kamen mir so dicht längsseit, daß die Brigg die Vorbram-Raa verlor. Es hing an einem Haar, daß sie mich in den Grund bohrten. Wahrhaftig, die Franzosen sind in ihrer Ungeschicklichkeit auf See eine wahre Plage und noch schlechtere Seeleute als die Chinesen. Diese haben aber doch wenigstens die Einsicht, daß sie sich auf ihre Gewässer beschränken und nicht geradezu gemeingefährlich werden- das Franzosenvolk steckt aber seine Nase überall hin. Ein ungeschlachter, schwerfälliger Kerl, mit einem Knebelbart wie ein Splißeisen, wahrscheinlich der Kapitän, rief mir zu, die Rempelei wäre ganz allein meine Schuld. „Was," schrie ich, „meine Schuld? das Donnerwetter soll euch erschlagen!" Hätte ich Kanonen gehabt, dem schmutzigen Gesindel würde ich heimgeleuchtet haben, ich war gerade in der Laune dazu." „Ist die „kleine Lulu" nach auswärts gefruchtet?" fragte ich. Er antwortete bejahend und forschte, zu welchem Schiff ich gehörte. Ich erwiderte, daß ich gegenwärtig ein freier Mann sei. „An welche Art von Schiffen sind Sie gewöhnt?" erkundigte er sich. „An große Schiffe." „Sie lieben kleine Schiffe wohl nicht?" „Warum nicht? Kohlenschiffe gefallen mir allerdings nicht, aber das Kommando über ein Fahrzeug wie die „kleine Lulu" würde ich ganz gern übernehmen. Im Ernst gesprochen, augenblicklich würde mir alles recht sein, was sich mir bietet." Hier schien er die Absicht zu haben, das Gespräch fallen zu lassen. Ich glaube aber nicht, daß er meinen Scherz, das Kommando über seine Brigg übernehmen zu wollen, mißverstanden hatte. „Was sind Sie?" fragte er nach einer Pause kurz- „Maat?" „Ja," antwortete ich, ohne zu gestehen, daß ich nur vierter Maat war. „Fehlt auf Ihrer Brigg ein Maat?" „Oh nein; — und wenn einer fehlte, wie lange denken Sie, daß die Stelle unbesetzt bleiben würde? Heutzutage 206 will jeder den Herrn spielen. Was mir fehlt, sind tüchtige Leute, keine Offiziere. Ich gebrauche noch einige Matrosen." „Wie viel Heuer?" fragte ich. Er sah mich scharf an und sagte: „Drei Pfund zehn Schilling im Monat. Die „kleine Lulu" knausert nicht." Ich richtete die Augen auf sein Gesicht und studierte dasselbe, dachte an das schöne Schiff im Hafen, nahm einen Schluck Grog und überlegte: „Soll ich mich anbieten? — ein schönes Schiff ist die Brigg und es giebt manche Kapitäne, die unangenehmer aussehen wie dieser." Dann erkundigte ich mich nach dem Ziel seiner Reise." „Sidney, Neu-Süd-Wales." „Wenn Sie mich brauchen können, will ich als Vollmatrose mit Ihnen gehen." „Ich dachte es mir, daß Sie mir dies Anerbieten machen würden," sagte er kühl, mich von oben bis unten mit einer gewissen Befriedigung betrachtend. „Welchen Grund haben Sie, sich zu solch einem Dienst zu verdingen? Wollen Sie den Schiffsdienst nur von unten auf versuchen?" „Das nicht gerade. Aber wenn Sie mich haben wollen, bin ich Ihr Mann." „Abgemacht." „Wann segeln Sie?" „Uebermorgen." „Ich sagte ihm, daß ich den Kontrakt unterzeichnen wolle, könnte aber am nächsten Tage noch nicht an Bord kommen, da ich mich erst ausrüsten müsse; meine Kiste würde ich aber am Abend an Bord bringen. Er fragte mich, ob ich einen Vorschuß zu haben wünschte. Dieses Anerbieten lehnte ich aber dankend ab, denn ich hatte mich doch verheuert, um Geld zu verdienen und nicht um es vorzeitig zu verbringen, noch ehe ich segelte. Es schien mir, daß er sich freute, mich angeworben zu haben. Ich war jung, kräftig und beherzt, und, wie ich glaube, den meisten der Leute, aus denen die Mannschaft kleiner Schiffe zusammengesetzt wird, überlegen, nicht gerade im Schiffsdienst, sondern im Benehmen, in meiner ganzen Erziehung. Jeder Schiffsherr weiß den Wert nüchterner, wohlerzogener Leute im Vorderdeck zu würdigen, denn ihr Beispiel übt oft einen stärkeren Einfluß auf die Masse, als die aufgezwungenen Gewohnheiten der Disziplin. Aus Furcht, meine Verdingung könnte mir am Ende wieder leiden werden und ich könnte mich noch eines Besseren besinnen, — denn ich bemerkte wohl, wie sehr ihn mein schneller Entschluß überrascht hatte — spielte er den angenehmen Gesellschafter, bestellte mehr zu trinken und erzählte lebhaft einige amüsante Geschichten. Er war sicher ganz durchdrungen davon, daß nun, wo ich ihn als meinen Herrn betrachten mußte, seine Herablassung mich doppelt anziehen und einen sehr guten Eindruck auf mich machen müsse. Jedoch, obwohl mir seine Art und Weise außerordentlich gefiel, glückte es ihm doch nicht, mich glauben zu machen, daß er wirklich der warmherzige, leichtlebige Mann sei, als den er sich in seinen Geschichten darstellte, seine Augen waren zu kalt, sein schönes Gesicht zu steinern, als daß mich seine Reden bestochen hätten. Indessen, ich fühlte nicht den geringsten Wunsch, mein Anerbieten zurückzuziehen. Die Stimmung, in die mich der Tod meines Vaters versetzt hatte, war derart, daß mir momentan alles gleichgültig war und ich mich sorglos in jedes Abenteuer gestürzt haben würde, welches geeignet war, mich von meinen trüben Gedanken zu befreien. Damals erschien mir ein Teil der Welt ebenso gut als ein anderer - — es war mir völlig einerlei, in welchen Erdteil mich mein Schicksal führte- mich feffelten keine Bande, ich hatte keine Heimat, die meinen Hoffnungen und Wünschen ein Ziel gab. In der That, die ganze Welt lag vor mir, mein Stern konnte kaum blasser und niedriger am Horizont stehen wie jetzt. Sechstes Kapitel. Ich unterzeichne den Schiffskontrakt. Die Kleidungsstücke und die Wäsche, welche ich mir in London gekauft hatte, waren wohl geeignet, auf dem Quarter- Deck getragen zu werden, konnten mir aber in meiner Stellung vor dem Mast gar nichts nutzen. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen, bei welchem ich mit Kapitän Franklin und seiner Schwester, leider nicht zusammentraf, nahm ich meinen Weg zur Stadt, um einen für meinen Zweck geeigneten Kleiderladen aufzusuchen. Nachdem ich auf meine Nachfrage hin zurecht gewiesen worden war, betrat ich einen solchen und wurde dabei Zeuge eines Auftritts, der mir wert erscheint, hier berichtet zu werden, als Beispiel der Behandlung, welche Matrosen von den Harpyen am Lande erfahren. Der Laden wurde von einem Mann namens Aaron gehalten, welcher sich während meiner Abwesenheit von Bah- port dort niedergelassen hatte. Ein roher, englischer Matrose hatte einen Wortwechsel mit ihm, als ich eintrat. Hinter einem Schreibpult stand ein junger Mensch, vermutlich Aarons Sohn. Ringsumher hingen Röcke, Westen und dergleichen, und auf Gesimsen lagerten große Stöße farbiger Hemden, Stiefel, Schuhe, Mützen, Gürtel und jede Art Tand, der von den Händlern zur Ausrüstung einer Teerjacke für nötig erachtet wird. Aaron stand mitten im Laden, er war ein schmächtiger, kleiner Mann mit jüdischem Accent- jedes Glied an ihm bebte vor Aufregung. Der Matrose stand ihm drohend gegenüber und schimpfte ihn unter Flüchen einen gemeinen Dieb. „Da fall de entscheiden," schrie er, als ich eintrat. „Maat, hier is en Hund von Bedreiger, de seggt, ik wter em seben Pund schüllig für drei Dag elendiges Logis in en olle Barack, wo de Dierns nicks beben, as den ganzen Dag Fisch kaken. Hei het stk von mi en Vorschußweßel ergaunert, un will nau de Fründlichkeit hebben, mi dorup en oll Hos' für ein Pund antaureknen. — Wat! Du miferab- liger Lippfisch!" brüllte er Plötzlich, indem er sich Aaron zu- wandte, „willst du mi seggen, bat de Hos' ein Pund wert is?" und wies dabei mit einer Geberde unbeschreiblichen Abscheus auf ein Paar alte, widerwärtig aussehende Hosen, die Aaron in der Hand hielt. „Nu Sir, woll'n Se mal mich Heren?" sagte Aaron, indem er schmeichelnd zu mir trat. „Ich kann seh'n, daß Se sind e feiner Mann und ich hab gern ßu thun mit feine Herrn, wenn's sich handelt um e Geschäft. Da is der Seemann, der kam ßu mer in mei bescheid'nes, kleines Haus —" „Wat, wo näumst du dat, du Spitzbauw?" schrie der Matrose dazwischen, „—bescheiden? — Du meinst woll be...... . ., du Lump." „Ich sage, bescheiden, Sir," erwiderte Aaron mit Würde und fuhr dann zu mir gewandt fort: „Ich gebe Se mei Wort drauf, echte Geraniums in de Fenstern und Gemälde in de Wohnßimmer und in de Schlafßimmer. Sprech ich Ligen oder sprech ich de Wahrheit, Jtzig?" „De pure Wahrheit. — Wenn der Herr ßweifelt, kann er geh'n und selbst seh'n- 's kost' nischt," antwortete der junge Aaron. „Se Heren, was mei Sohn sagt, Str," fuhr der Alte fort. „Gut also, de Mann kam höflich, fragt nach Wohnung - gut, ich sag em, was se kostet- gut, er is ßufrieden; er ißt und trinkt, wie e Kenig, geschmortes und gebratenes Geflügel zum Mittagessen, Eier und Fisch ßum Frühstück und Pudding jeden Tag. Gut, er betrinkt sich einmal, ßweimal, viermal, siebenmal, siebenmal in drei Tagen, so lang er lebt in meinem Haus, Sir! Meine Tochter Rachel is schwach geworn in de Kniekehl'n, um ’n ßu bedienen mit dem besten Branntwein, echt'm französ’schem Odiwi, duftendem Jamaika Rum und bestem Wachholder. Der Mann weiß »ich, - 207 was er hat getrunken/ denn er hörte nich auf, bis er hatt' den Verstand verloren, und wenn ich red'te von de Kosten, da haut' er us'n Tisch und schrie: „ach was, de Kosten." Und nu, als ich em ßeige de Rechnung, e reiner Spott, wenn ich rechne, was er hat verßehrt und mer gekostet, und als ich mich erbiet', mit acht Pfund ßufrieden sein ßu wollen und noch daßu ßu geben de schienen Hosen hier — Gott straf' mich, wenn nich rein geschenkt —, da wird er wild und gebt mer schlechte Namen." Hier hielt er inne, um Atem zu schöpfen, da ging aber der Matrose wieder los, Aaron antwortete, Jtzig krähte dazwischen, und es wurde ein Geschrei, daß ich es nicht mehr aushielt. Ich verließ den Laden trotz Aarons Zetern und Schwören, daß er der billigste Mann in Bahport wäre und schöne Ware gäbe für wenig Geld. Ich sah, der Seemann war in schlimmen Händen, konnte ihm aber nicht helfen/ denn kein Gesetz der damaligen Zeit schützte den leichtlebigen Matrosen, sobald er in die Klauen solcher Blutsauger gefallen war. Aller Wahrscheinlichkeit nach verhielt sich die Sache so: Aaron war ein Matrosenmakler, d. h. eine Person, die ein Logierhaus für Seeleute hielt und Schiffe, denen es an Mannschaft fehlte, mit Matrosen versorgte. Zweifellos war der Mann in Aarons Haus gekommen, ohne einen Pfennig Geld in der Tasche zu haben. Dieser hatte ihn ausgenommen gegen Ausstellung eines Wechsels, in Höhe des üblichen Angeldes, welches einem angeworbenen Matrosen als Vorschuß auf seine Heuer gezahlt wurde, sowie er sich an Bord meldete. Laut dem ausgestellten Wechsel stand aber dem Makler das Recht zu, den Betrag des Vorschusses auf dem Schiffe zu erheben und sich davon, nach Maßgabe seiner Forderungen, bezahlt zu machen. Mit dieser Sicher- heit in Händen versetzte er alsdann den Matrosen mit giftigem Gebräu möglichst oft in eine Trunkenheit, welches ihm vollständig das Gedächtnis für das raubte, was er verzehrte. Hiernach war es dann leicht, die Rechnung beliebig aufzustellen, denn alle Aarons, männliche und weibliche, beschworen, bei vorkommenden Einwendungen, hoch und teuer die Richtigkeit derselben. In der Regel wurde aber noch ein kleiner Rest belassen, für welchen man dem Betrogenen noch irgend ein altes Kleidungsstück aufhalste, mit dem schließlich der Ausgeraubte vom Makler nach dem Schiff gebracht wurde. Man sieht hieraus, wie diese Vorschußwechsel ein System bilden, durch welches sich die Matrosen zu wehrlosen Opfern ihrer Gläubiger machen und sich jedem Betrug und jeder Beraubung pretsgeben/ — sie sind für die Teerjacke ein ebenso großer Fluch wie die Trunksucht. Solange gegen diese Wechsel nicht eingeschritten wird, werden diese Seelenverkäufer von Matrosenmaklern ein Ruin für jeden unbedachten Seemann bleiben. Ich ging in ein anderes Kleidergeschäft — es gab eine Menge solcher in Bahport, — und da ich durch das eben erlebte Schauspiel gewitzigt war, gelang es mir, wie ich glaube, den Verkäufer zu überzeugen, daß ich seinem eigenen Geschäftszweig nicht fern stände und über die üblichen Preise der Ware gar wohl Bescheid wisse. Der Bedarf eines Matrosen an Kleidungsstücken ist im Grunde genommen sehr unbedeutend. Viele beschränken sich auf das geringste Maß und sind auch in der Qualität nicht wählerisch. Indessen giebt es doch einige Stücke, ohne welche nicht auszukommen ist. Es sind dies: Gurt und Messer, Seesttefel, wollene Strümpfe, Südwester und dauerhafte wollene Hemden, direkt auf dem Leibe zu tragen. Trotzdem habe ich Leute gekannt, die sich einschiffen, ohne viel mehr Kleidung als das Hemd und die Hosen, die sie auf dem Leibe trugen, und so abgerissen waren, wie nur irgend ein Armer aus einem Arbeitshause. Diese Leute verlassen sich darauf, daß ihre Maate, die doch selbst oft mit der Kleidung übel daran sind, ihnen aus Gutherzigkeit einen Rock oder ein Paar Hosen und bei schlimmem Wetter sogar Stiefel leihen. Mehr als einmal habe ich einen Mann in's Takelwerk steigen sehen mit bloßen Füßen und weiten Leinwandhosen, wenn die Taue vom Frost hart und steif waren und mir die Hände selbst in dicken Winterhandschuhen froren. Dies geschah aber nicht, weil der Mann gegen die Kälte abgehärtet war, sondern weil er weder Stiefel noch andere Beinkleider besaß. Die Gerechtigkeit verlangt aber, hinzuzufügen, daß der Seemann, der in dieser Weise heruntergekommen ist, meist selbst die Schuld trägt. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten«! Die Armenhausprmzessin. Roman von O. Elster. Er hatte wiederum ihre eine Hand ergriffen und beugte sich über sie. Elste vermochte die Thränen nicht zurückzuhalten, die über ihre Wangen perlten. Sie legte die Hand auf sein Haupt und flüsterte leise und innig: „O, daß Ihr Herz Frieden fände I Mein Leben gäbe ich darum! Eine Weile blieb er in gebeugter Stellung, die Lippen auf ihre Hand gepreßt stehen. Dann richtete er sich empor, und ein Strahl des unendlichen Glückes leuchtete in seinem dunklen Auge auf. Sie fühlte den weichen, flehenden, bittenden Druck seiner Hand, sie las die Bitte seines Herzens in seinem Auge, auf seinen bebenden Lippen — und sie sank an seine Brust und schmiegte sich fest in seine Arme. „Elsie, meine geliebte Elfte", flüsterte er, ihre Stirne küssend. „Du liebst mich, trotz allem, ich fühle es, ich weiß es, wie ich Dich liebe, trotz der Welt, trotz der Menschen! Ach, Du weißt nicht, was ich Deinetwillen gelitten habe. Als Du mir damals entflohest, da zweifelte ich nicht an meinem Glück. Ich würde Dich wiederfinden, ich würde Dich Wiedersehen, aber als ich zu Dir sandte, als ich mein Glück von Deinen Lippen bestätigt hören wollte, als ich Dir sagen wollte, daß Du mein Weib, meine Gattin vor Gott und den Menschen werden solltest, trotz aller Hindernisse, die sich mir entgegentürmten, trotz der Worte meiner Mutter — da wärest Du entflohen, da mußte ich einsehen, daß Du kein Vertrauen zu mir hattest, daß Du dachtest, wie alle die andern Menschen, daß Du mich nicht mit der wahren, echten Liebe liebtest. Und der Trotz bäumte sich in meinem Herzen auf, und auch ich wandte mich von Dir — ich wollte Dich nicht Wiedersehen. Ach, was habe ich gelitten, Elste! Ich ward ein anderer — ein ruheloser Wanderer, irrte ich in der Welt umher, ein friedloser, glückloser Mann! Aber jetzt habe ich den Frieden — jetzt habe ich das Glück gefunden!" Wiederum schloß er Elfte in die Arme. Elste war betäubt, berauscht von dem Glücksgefühl, das gleich einer Sturmflut über ihr Herz hereinbrach. Sie widerstand nicht, als er sie hinausführte auf die Veragda und sie sanft auf die Bank neben sich niederzog, ihre Hände ergriff und mit glückstrahlendem Auge in ihr Antlitz sah. Die Lebhaftigkeit, die rasche Entschlossenheit der früheren Zeit hatte er wieder gewonnen. „Wie still und friedlich ist es hier", sprach er aufatmend. „Wie glücklich werden wir- hier sein! Nein, Du sollst nicht zurück in die große Welt, mein Liebling. Ich will hier ein Heim für Dich und mich schaffen, ein trautes, friedliches Heim, in das ich mich aus dem Lärm der Welt zu Dir, meinem Liebling, meiner Gattin flüchte. Jetzt weiß ich klar und deutlich, was ich thun soll! Ich werfe die Bürde des regierenden Herzogs ab, ich werde ein einfacher Privatmann, um Dir anzugehören. Mag mein Vetter, der Prinz Albert, die Regierung übernehmen, ich will nur für Dich leben und wirken". Elste erhob das gesenkte Haupt und blickte ihn dankbar lächelnd an. Dann schüttelte sie leicht den Kopf. Sie dachte an die Fürstin, seine Mutter, ihre mütterliche Freundin. „Nein", sprach sie bestimmt, „das dürfen Sie nicht thun. / - 208 - Um der Liebe eines einfachen Mädchens willen, wollen Sie Ihr Land, Ihr Volk verlassen und die hohe, herrliche Aufgabe eines Fürsten dahingeben? Nein, nein, ich käme mir wie eine Verbrecherin vor, wollte ich diesem raschen Entschlüsse zustimmen. Lassen Sie uns ruhig bleiben — ich bitte Sie!" Der Herzog sprang empor und ging einige Male erregt auf und ab. Alle die Bedenken, die kaum zu überwindenden Schwierigkeiten, welche ein solcher Schritt mit sich führte, traten ihm in diesen kurzen Minuten vor die Seele. Aber sein rascher Sinn, seine leidenschaftliche Entschlosfenheit bebte vor diesen Schwierigkeiten nicht mehr zurück. „Nun wohl!" rief er freudig entschlossen, „dann bleibe ich der Fürst, der Herzogs aber Du, meine Elsie, wirst doch meine Gattin. Es gießt noch einen andern Weg — viele Fürsten haben ihn schon eingeschlagen, wenn ihre Liebe mit ihrem Stande in Konflikt gerät. Kann ich Dich nicht zu mir erheben, kann ich nicht zu Dir herabsteigen, dann können wir doch vor der Welt und vor Gott uns gehören. Ja, ja, so soll es sein! Ah, ich sehe schon im Geiste hier ein kleines Paradies aufsteigen- hier an Stelle des Armenhauses, in dessen elender Umgebung die Perle wuchs, die mein Leben verschönen soll, werde ich ein Schlößchen bauen für Dich, meine Elsie, für Dich und mich. Umgeben soll es ein weiter Park, bis zur Ruine des alten Benneckensteins hinauf sollen seine schattigen Spaziergänge reichen, und auf den Trümmern der durch meine Vorfahren zerstörten Raubritterburg soll ein Lustschloß erstehen, das unsere Liebe, unser Glück umschließt". Er stand hoch aufgerichtet da, mit der Hand nach dem alten Gemäuer weisend, über dem eben der Mond aufstieg. Sein Auge leuchtete in stolzer Freude, sein Wesen war erfüllt von Leidenschaft und Kraft. Elsie senkte das Haupt. Da lag das Märchenreich ihr zu Füßen! Da stand der Märchenprinz vor der verzauberten Armenhaus-Prinzessin, umflossen von dem magischen Silberlicht des Mondes! Sie brauchte nur die Hand auszustrecken und eine Krone konnte sie sich auf das Haupt setzen. Sie brauchte nur die Arme um seinen Nacken zu schlingen, sich an sein Herz zu flüchten, und ihr Traum war erfüllt, die Armenhaus-Prinzessin war erlöst, das Märchenreich nahm sie aus! Da tönten vom Städtchen Böllerschüsse und der Jubel des Volkes. Durch den vom Mondlicht übergossenen Garten eilte eine Gestalt. Das Mondlicht blitzte auf goldnen Knöpfen und Schnüren. Am Fuße der Treppe blieb die Gestalt ehrerbietig stehen, es war der Major und Flügeladjutant von Hannecken. Elsie schreckte empor. Auch der Herzog hatte den Nahenden bemerkt. „Sie hier, Major von Hannecken? — Was gießt es?" „Hoheit wollen verzeihen — man wartet auf Eure Hoheit — das Festmahl soll Beginnen", entgegnete der Major, indem sein scharfes Akkge einen rasch ßeoßachtenden Blick nach Elsie warf. Der Herzog stampfte leicht mit dem Fuße auf. „Man wird doch wohl warten können, bis ich komme. —" Sagen Sie dem Bürgermeister, daß ich an dem Festmahl nicht teilnehmen kann!" „Hoheit", wagte der Adjutant einzuwerfen. „Gehen Sie!" rief der Herzog unmutig. ' Da legte sich eine leichte Hand auf seinen Arm. Elsie sah mit ßittendem Blick zu ihm auf. „Darf ich Hoheit bitten, die Festesfreude der Ihnen so treu ergebenen Menschen nicht zu zerstören?" „Elsie, Du?" „Nicht mehr so, Hoheit, Der Traum ist vorüber — ich danke Hoheit aus tiefster Seele, aber der Traum ist ausgeträumt". „Elsie, was höre ich?" „Lassen Sie uns hier Abschied nehmen, Hoheit", fuhr Elsie mit bebender Stimme fort. „Was Sie in Ihrem edlen, leidenschaftlichen Herzen glauben, was Sie träumten, es muß ein Traum bleiben. Denken Sie an Ihr Land, an Ihr Volk! Ueber unserer Liebe, über unserem Glück steht die Pflicht des Fürsten, die ihm die Jahrhunderte auferlegt haben, welche sein Geschlecht über dieses Land herrschten- über unserem Glück steht das Glück des Volkes, die Wohlfahrt des Landes, das unter Ihrem Scepter, unter dem Scepter Ihrer Söhne und Enkel noch glücklich werden soll. Ueber unserer Liebe steht die Liebe des Volkes zu seinem Fürsten, zu seines Fürsten Geschlecht, das ein Jahrtausend mit ihm verbunden war in Leid und Freud, das für alle Zukunft mit ihm verbunden bleiben soll. Gehen Sie, mein Fürst — die Pflicht ruft Sie und die Pflicht steht höher, als die Liebe!" (Fortsetzung folgt.) Geineinirüiziges. Laubsägemaschinchen. (D. R. G. M.) Die schönsten Geschenke für Knaben sind entschieden diejenigen, mit deren Hilfe Handgeschicklichkeit und Freude am Schaffen geübt und angeregt werden. Die bisher gebräuchlichen Laubsägebogen haben den Nachteil, daß sie nur mit großer Kraftanstrengung und unter Anwendung besonderer Sorgfalt gerade gehalten werden können. Ganz anders verhält es sich mit dem abgebildeten durch die Verwertungs-Abteilung desPatentbureau Sack, Leipzig zur Einführung gebrachten Laubsägemaschinchen, welches ohne weiteres stets einen geraden Schnitt sichert und durch einfache Abwärtsbewegung eines Hebels bequem und vor allen Dingen sehr leicht in Thätigkeit gesetzt werden kann. Das Maschinchen läßt sich an jeden Tisch befestigen und ist trotz der soliden Ausführung nicht teuer, 3.60 Mark. Jedenfalls kann man ein derartiges Geschenk nur empfehlen, weil es nutzbringend wirkt und viel Freude schafft. Literarisches. Sin kühner Sprung. Man kann nicht leugnen, daß die Mode einen solchen gemacht hat, indem sie von den übertriebenen .breiten Formen, die noch vor kurzem favorisiert wurden, zu den übermäßig engen übergegangen ist, die der Volksmund als „Damenfutterale" bezeichnet. Die Aufgaben, die in solchen Uebergangszeiten an ein Modeblatt gestellt werden, sind besonders schwer; es gilt, der Tagesmode gerecht zu werden, ohne daß der gute Geschmack darunter litte. In dem soeben erschienenen Heft 13 „Wiener Mode", womit das Frühjahrsquartal beginnt, wird gezeigt, wie eine solche Aufgabe gelöst werden muß: was bei den meisten Modebildern, namentlich bei den französischen, an die Karrikatur streift, wird hier ein Element des Erfolges. Leistungen wie dieses Heft, wo jedes Detail des überaus reichen Inhaltes als mustergiltig bezeichnet werden muß, erklären die Beliebtheit der „Wiener Mode", die, wie man mit Vergnügen erfahren wird, eben jetzt wieder einen sehr bedeutenden Abonnentenzuwachs zu verzeichnen hat. Das schöne Heft, dem auch die „Wiener Kinder-Mode" und ein Blatt mit Naturgrößen Schnittmustern und Handarbeitsvorlagen beiliegt, kann durch jede Buchhandlung oder vom Verlage der „Wiener Mode" für 45 Pfg. bezogen werden. Redaktion: E, Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.