Samstag bett 14. Oktober. A 1899. - Rt. 147. l Aräerhailuagsbiall Mt !&f;ener feiger(Sfflml^eiyr) M. ä! TU W i W Hi r BBS I la IfiWiFE '>ffambdc;H' *- L, WS «HP- W MG w MlisivW Mik Ml agst du die Lüge noch so gut In das Gewand der Wahrheit kleiden Der Dümmste ist nicht dumm genug, Um beide nicht zu unterscheiden. Badenstedt. Nachdruck verboten. Der Gylfenhof. Eine Erzählung von P. D i t f u r t h. (Fortsetzung.) Indessen studierte Max nach und nach an jedem der drei Fenster des Wohnzimmers die Aussicht, so gründlich er sie schon kennen mußte, gähnte dazwischen ungeniert in Tonleitern, und meinte schließlich, die Damen blieben doch recht lange. Viktor hatte ein Album vorgenommen und äußerte, über den Rand desselben blickend: „Solche Damentoilette dauert immer ziemlich lange- wer die Damen kennt, müßte das doch wissen. Und Fräulein Wendelin wird Arbeit mit der ihren haben." „Famoses Haar," bekräftigte Max, „sie sah ganz anders aus als mit ihrer gewöhnlichen, abscheulichen Frisur. — Findest Du sie überhaupt hübsch?" fragte er nach einer kurzen Pause. „Hübsch im gewöhnlichen Sinne vielleicht nicht, aber interessant und vornehm") damit klappte Viktor sein Album zu. Indem traten auch die jungen Mädchen ein, und er gestand sich, daß Frida doch hübscher sei als Renata. Frau Charlotte folgte bald. Ich möchte Sie wohl ein Mal spielen hören, liebes Kind," forderte sie ihren jungen Gast freundlich auf; „kommen Sie, versuchen Sie unseren Flügel, er steht leider sehr viel stumm und still." „Ich habe aber noch nie vorgespielt," erwiderte Renata zögernd, „und möchte es auch lieber nicht thun." „Siehst Du, sie ziert sich wie alle Mädchen," raunte Max seinem Freunde zu. Die freundliche, ermutigende Bitte der Hausfrau überwand jedoch schnell die natürliche Schüchternheit. Renata ließ sich vor dem schönen, eleganten Flügel nieder und begann ein Lied ohne Worte von Mendelssohn.^ Sie spielte wunderbar schön, man merkte, daß sie nun die übrige Welt und ihre Zuhörer vergaß. Eine tiefe Stille herrschte im Zimmer. Viktor schien auch der übrigen Welt entrückt zu sein, Frau Falkner lauschte mit tiefem Verständnis, und auch die Geschwister regten sich nicht. Als Renata geendet, wagte Max nicht, wie er sich vorgenommen, zu applaudieren. Seine Mutter trat zu der ‘ Spielerin und küßte sie auf die Stirn, und Viktor verband mit einem herzlichen Dank die Bitte, ihm diesen Genuß zu verlängern. „O spielen Sie noch eins dieser Lieder, ich höre sie zum ersten Mal so vortragen, wie der Komponist sie empfunden haben muß." Und Renata spielte das reizende Frühlingslied, das jetzt unwillkürlich in aller Herzen einen Widerhall fand. Leise öffnete sich die Thüre vom Eingangszimmer her, und der Professor trat herein; mit unhörbaren Schritten ging er zum Fenster und ließ sich dort nieder, nur von seiner Nichte bemerkt. Drüben hinter den Häusern ging die Sonne unter. Ein rosiger Schein übergoß die alten, grauen Häuser wie eine freundliche Jugenderinnerung ein Greisenantlitz. Der Professor sah träumerisch in den leuchtenden Abendhimmel; der Sturm hatte sich, wie gewöhnlich bei Sonnenuntergang, etwas gelegt, aber er mochte wohl nur auf der Lauer liegen, bis die schönen Tinten verblaßten und er seinen grauen Wolkenmantel wieder darüber hinweg schlagen konnte. Plötzlich fuhr der Professor aus seinen Gedanken auf. Eine barsche Stimme schrie wie eine grelle Dissonanz in die melodischen Töne und schnitt sie jäh ab. Erschrocken hielt Renata inne, und aller Augen richteten sich auf die Thür, in deren Rahmen die hühnenhafte, aber gebückte Gestalt eines alten Mannes erschien. Renata erkannte ihn sofort wieder und sah ihm etwas bange entgegen. Frau Charlotte war zu ihm getreten und redete ihn in ihrer freundlichen Weise an: „Hat es Dich gestört, lieber Vater? Ich glaubte nicht, daß Du die Musik in Deinem Zimmer hörtest." Sie führte den alten Konsul bet diesen Worten vollends herein und. schloß die Thür hinter ihm. „Ich soll wohl überhaupt nichts hören und sehen?" murrte er verdrießlich und ging, auf seine Tochter gestützt, einem großen Sessel zu, in welchen er sich schwerfällig niederließ. „Wer spielte vorhin?" fragte er und richtete seine trotz des Alters immer noch guten Augen auf Renatens dunkle Gestalt, die jetzt neben dem Flügel stand. Es wurde ihr ganz beklommen unter diesem starren Blick. Ssd — Nachdruck verboten. „Fräulein Wendelin, lieber Baier," erwiderte Frau Falkner schnell, zugleich mit einer Handbewegung das junge Mädchen vorstellend. „Wendelin," murmelte der Konsul wie ein leises Echo hinterher. Der Professor am Fenster wandte plötzlich seinen Kopf herum und schaute wie grübelnd in Renatens Gesicht, aber er sowohl wie sein Vater suchten vergeblich sich die durch diesen Namen erregte Aufmerksamkeit zu erklären. Der Konsul nickte nach fruchtlosem kurzen Nachsinnen gleichgültig mit dem weißen Haupte, und der Sohn fragte sich, warum ihm der Name, den er doch neulich schon vernommen, mit einem Mal wieder aufficl. „Ich störe Euch, wie es scheint," bemerkte der Greis nach einer drückenden Pause,- „warum spielen Sie nicht weiter?" Er sah Renaten wieder so starr und finster an. „Der alte Mann ist unbequem, ja wohl." Er wiegte den Kopf hin und her. leidigen und gab ihre Erlaubnis etwas befangen. Max hätte sich für sein Leben gern angeschloffen, wagte es aber zu seinem eigenen Aerger nicht. Frida lächelte malitiös beim Abschied, sie fand dies Zusammengehen sehr unnötig. Viktor hatte sich wohl von Renatens Gesellschaft mehr versprochen, als sie ihm bot. Seine Begleiterin war schweigsam und schritt schnell vorwärts. Er wußte nicht, daß es Befangenheit war, denn das junge Mädchen war noch nie in Herrenbegleitung gegangen. Er war ärgerlich und bereute, nicht bet Falkners geblieben zu sein. Das Bild der reizenden Blondine trat jetzt vorteilhaft hell neben der Fremden auf, was ging diese ihn auch an? An ihrer Wohnung dankte Renata dem jungen Mann kurz, und er verabschiedete sich mit einer tiefen Verbeugung. (Fortsetzung folgt.) Erzählung von F. Arne selb t. (Fortsetzung.) Frau Falkner warf dem jungen Mädchen einen flehenden Blick zu, und dies nahm wieder Platz vor dem Instrument. Aber was sollte sie dem wunderlichen Eindringling Vorspielen? Ihre schlanken Finger irrten suchend über die Tasten, das Suchen aber wurde Melodie, die süß und schmeichelnd um die friedlose Seele des alten Mannes koste. Geheimnisvoll woben die lichtlosen Ecken Gestalten aus I Corbus fuhr zusammen, aber schnell gefaßt, sagte er alter Zeit um den Greis, sie glitten schattenhaft durchs W höflich: „Sie irren sich wahrscheinlich in der Person, Zimmer und nickten einander zu. Er sah sie/ aber wer | mein Herr, ich bin —H waren sie? Er konnte den Faden nicht finden, und doch um- I //Der Dr. Corbus," fiel der Beamte ein und packte ihn garnte derselbe seinen Geist schon so lange, lange! fester, denn er fühlte, daß er ihm zu entschlüpfen versuchte. Als die Töne verhallten, drang ein tiefer Seufzer vom »Ich kenne Sie sehr gut und bin Ihnen schon seit Stunden Seffel her aus den Träumen des Großvaters,- ach, nun kam I gefolgt." wieder der dunkle Schleier und umwob ihn, und es hatte I //Aber, was wollen Sie von mir?" ihn doch gedeucht, als wollte er zerreißen. | //Das sollte ein Mann, wie Sie wirklich nicht erst Die alte Marianne kam mit Licht und tauschte mit ihrer I fragen," antwortete mit leisem Hohn der Beamte. „Wollen Herrin einen freudig erstaunten Blick. j Sie mir jetzt gutwillig folgen?" Der Konsul hob plötzlich den tiefgesenkten Kopf. „Sie Die Bewegung, die Corbus machte, schien ihm keine soll mir wieder Vorspielen, die Kleine dort," sagte er, auf zufriedenstellende Antwort auf diese Frage zu sein- denn er Renaten weisend, und er nickte ihr zu mit halbgeschlossenen I "eß gleichzeitig einen Pfiff ertönen, und plötzlich sah sich Lidern, ohne sie anzublicken. Dann erhob er sich langsam iener von einigen Gestalten umringt, die wie aus dem Boden mit einem gleichgültig klingenden „Gute Nacht, Kinder," und gewachsen schienen. Im Nu hatte der eine sich seines Hand- verließ mit Marianne das Zimmer. koffers bemächtigt, der andere ihm die Hände gefesselt- man Eine tiefe Stille herrschte unter den Zurückbleibenden. naN ihn in die Mitte und führte ihn bis zum nächsten Drosch- Frau Falkner hatte Renatens Hand ergriffen und dankte ihr. I kenhalteplatz, wo er mit zweien seiner Begleiter in eins der „Sie haben meinem armen Vater wohlgethan, ich merkte wie I dort haltenden Fuhrwerke steigen mußte. seine unstete Seele ruhte,- und nicht wahr, Sie thun es Der Beamte, dem der gute Fang gelungen war, hielt wieder?" I es für ratsam, ihn sogleich nach dem Polizeigefängnts am Renata nickte feuchten Auges. j Alexanderplatz zu bringen und nicht, wie dies sonst üblich, Die frühere Heiterkeit wollte nicht wiederkehren, so viel I bis zur Ablieferung am anderen Morgen nach einer der Mühe sich auch Max und Frida darum gaben. Viktor war I Polizeiwachen zu transportieren. sehr nachdenklich und fing zu Fridas Verdruß ein ernsthaftes I Trotz der späten Stunde ward er noch durchsucht; da Gespräch mit dem Professor an. j er sich jetzt ganz ruhig und gefügig benahm, so entledigte Renata dachte nicht gern an die Heimkehr, aber die I man ihn der Fessel und wies ihm auch ein ganz leidliches Abschiedsstunde schlug unerbittlich. I Gefängnis an. //Noltes reisen morgen früh fort, um das Osterfest bei I ®r wußte die Wachsamkeit der Aufseher aber doch zu dem Sohne und Bruder zu verleben," sagte Renata. | täuschen. Derjenige, welcher ihm am anderen Morgen das „Und was wird dann aus Ihnen, fürchten Sie sich Frühstück bringen wollte, fand ihn entflohen in ein Land, nicht schrecklich in der einsamen Wohnung?" fragte Frida, j au5 dem es keine Wiederkehr giebt. Er hatte sein Bettuch Renata lächelte: „Fürchten thue ich mich nicht, wenns auch in Streifen gerissen und sich damit am Fensterkreuz erhängt, recht stille wird, ich bin ja doch auch so auf mich allein ange- I Die That mußte geschehen sein, unmittelbar nachdem toiefen* , klang traurig. I der Aufseher ihn eingeschlossen und sich entfernt gehabt. , ('„l i e8( fuhr ste fort, „haben mich die Damen sehr I Er hatte vorher das Lager so geschickt zurecht gemacht, daß freundlich eingeladen, mit ihnen zu reisen, ich ziehe jedoch I die Nachtwache, wenn sie durch die Scheibe in der Thür vor, hier zu bleiben, ich bi» ja dort so fremd." j blickte, ihn darauf im Schlafe liegend glaubte und ohne sich „Nun, dann bitte rch dringend, daß Sie für das Oster- I aufzuhalten weiter gegangen war. — Sie w.l$ toeifen , Man fand unter den Corbus abgenomnenen, wie unter wtnnender FreundlichkeitRenatenfiÄ-- / vVÄ’ ? feitter Wohnung zurückgelaffenen Sachen nur eine JJSJ sAbunou^ Hande hmstreckend. winzige Summe Geld, wohl aber einen sehr wertvollen „Sie erlauben, Fräulein 23eudelin k« I von Aktien, die unschwer " ^nbeiln,r daß ich Sie be- I als aus dem Sommerschen Diebstahl herrührend erkannt und wie Sie." lllenata konnte ps t. W _. । n*. er zugestellt wurden, wie Sie. Renata konnte es mcht abschlagen, ohne zu be- 1 Die Behörde war überzeugt, daß auch der Schmuck auf - 58? — ünrechtmaßige Weise in den Besitz des Abenteurers gelaugt sein müsse, und erließ wiederholt Aufforderungen an den wirklichen Eigentümer, daß er sich legitimieren und das ihm geraubte Tut in Empfang nehmen möge. Es fand sich jedoch niemand, und so mußte darüber endlich gemäß den Bestimmungen für herrenlose Sachen verfahren werden. Im Nachlasse des Verstorbenen hatte sich kein Papier, keine Aufzeichnung befunden, die irgend welchen Aufschluß über sein Leben hätte geben können. Sein Mitschuldiger, den man darum befragte, legte zwar seine unverhohlene Freude an den Tag, daß den Schuft sein Geschick ereilt habe, nun er dies wisse, wolle er seine Strafe mit Geduld tragen, aber nähere Auskunft über ihn vermochte er nicht zu geben. Sie hatten sich nur kurze Zeit gekannt, und Corbus hatte stets den Unnahbaren zu spielen gewußt. Auch eine Anfrage beim Kommerzienrat Helldorf lieferte kein befferes Ergebnis. Dieser erklärte, Corbus sei ein Verwandter seiner Frau gewesen, habe, von langjährigen Reisen zurückgekehrt, sein Haus ausgesucht und dort gastliche Aufnahme gefunden, mehr wisse er jedoch nicht über ihn/ seine Gattin, die besser unterrichtet gewesen sein könnte, lebe nicht mehr. Man mußte sich mit dieser Antwort begnügen, denn es war nicht möglich, in irgend einer Form stärker in den Kommerzienrat zu dringen, der ohnehin durch den plötzlichen Tod seiner Frau in die tiefste Trauer versetzt worden war. Ueber diesen Tod und die ihn begleitenden Umstände zirkulierten die seltsamsten Gerüchte, es war aber nicht möglich, der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Daß die Kommerzienrätin durch Selbstmord geendet, das hatte nicht verschwiegen werden können, da sie aber im hohen Grade nervös gewesen war, so hatte es nichts Unwahrscheinliches, daß sie in einem Anfall von Schwermut Hand an sich gelegt haben sollte. Man mußte das gelten lassen, es erhoben sich jedoch viele Stimmen, welche die Sache ganz anders darstellen wollten. Es erregte auch allgemeine Verwunderung, daß der Kommerzienrat sein zweite Gattin nicht in dem großen Erbbegräbnis der Familie auf dem alten Matthäikirchhof, wo schon die erste Frau ruhte, beisetzen ließ, sondern ihr fern davon, auf dem neuen Kirchhof, eine Grabstätte gekaufthatte. Kopfschüttelnd erzählte man sich ferner, Hans Helldorf habe nicht zu dem kleinen Leichengefolge bet dem stillen, prunklosen Begräbnis der Stiefmutter gehört. Die Vorfälle im Hell- dorfschen Hause bildeten überhaupt lange den Gesprächsstoff für den sensationsbedürftigen Teil der Einwohnerschaft Berlins, bis sie durch andere Ereignisse abgelöst und in den Hintergrund gedrängt wurden. — Die Aufzeichnungen der Kommerzienrätin wären allerdings geeignet gewesen, Licht über das Leben des Dr. Corbus zu verbreiten, sie waren jedoch von dem hinterlassenen Gatten und dessen ältesten Sohn unmittelbar, nachdem sie davon Kenntnis genommen, vernichtet worden. Zu eng waren CorbuS' Schicksale verknüpft mit der Schuld der Unglückseligen, und diese sollte mit ihr begraben sein. Corbus und Eugente waren die Kinder zweier Vettern und hatten eine Jugendliebe mit einander gehabt, die indes beiden nicht allzu tief gegangen war. Der erstere hatte Medizin studiert und auch sein Doktor-Examen gemacht, sein Leichtsinn und seine Abenteuerlust hatten ihn jedoch zur Ausübung eines ordentlichen bürgerlichen Berufes völlig untauglich werden lassen, und er hatte bald genug die Bahn des Glücksritters eingeschlagen. Zu der Zeit, als Eugenie sich zur Pflege ihrer eines Sohnes genesenen Verwandten, der damaligen Frau Helldorf, in Berlin befunden, hatte er sich auch dort aufgehalten, die beiden waren öfter zusammengetroffen, und Corbus, der seine bestimmten Zwecke damit verfolgte, war es nicht schwer geworden, Eugenies Wohlgefallen an Helldorf zur Leidenschaft, ihren Wunsch, sich an die Stelle ihrer Verwandten zu setzen, zur Begierde zu entflammen. Er war es, der in ihre Seele den Gedanken geworfen, die Frau, die ihr im Wege stand, auf geschickte Weise zu beseitigen, er war es, der vermöge seiner medizinischen Kenntnisse ihr ein still und verschwiegen wirkendes Pflanzengift verschafft hatte. Die That war gelungen. Nicht der leiseste Verdacht hatte sich erhoben, Eugenie, die Helldorfs Haus verlassen, war mit dem Witwer in Beziehungen geblieben, die sie hoffen ließen, er werde sie als zweite Gattin heimführen,- er hatte damit aber doch länger gezögert als die Schuldgenossen erwartet. Ehe Eugenie nicht die reiche Frau Helldorf war, konnte sie dem Vetter nicht den Sündenlohn geben, den er sich ausbedungen hatte, und inzwischen war ihm der Berliner Boden zu heiß geworden. Er war fortgegangen, hatte nach EugenienS Verheiratung noch ein paarmal geschrieben und Geld von ihr verlangt, das sie ihm auch geschickt — und dann hatte sie während vieler Jahre nichts von ihm gehört und ihn für tot gehalten. Die nunmehrige Frau Kommerzienrat Helldorf hatte aber die Früchte ihrer Miffethat nicht genießen sollen. DaS Gewissen ließ ihr keine Ruhe, unaufhörlich peinigte sie die Angst, es könne ihr mit gleichem Maße gemessen werden,- eine rasende Eifersucht auf jedes weibliche Wesen, das in ihre Nähe kam, folterte sie, eine beständige Angst undUn rast trieb sie, umher. Um das Verhängnis zu erfüllen, kehrte nun CorbuS, der von Stufe zu Stufe gesunken und der Genosse von Dieben geworden war, nach Berlin zurück. Er brauchte erbarmungslos seine Macht über sie, ängstigte sie mit der Drohung, ihr Verbrechen verraten zu wollen, und ohne zu überlegen, daß er selbst sich damit bloßstellen würde, ging sie in die ihr gelegte Schlinge. Ihre Aufzeichnungen brachen bei der Schilderung ab, welche Leiden ihr die Herrschaft dieses Mannes bereitet hatte, und selbst Hans, der ihr kein barmherziger Richter war, konnte sich beim Lesen derselben des Mitleids nicht erwehren. „Sie hat schwer gesündigt, aber auch hart gebüßt, möge Gott ihr gnädig sein!" sagte er, während er die Blätter eins nach dem andern in den Kamin warf, wo er eine Flamme entzündet hatte. „Mächte von ihrem Frevel nichts übrig bleiben als dieses Häufchen Asche und die Schuld der Mutter nicht heimgesucht werden an den schuldlosen Kindern I" fügte, die Hände faltend, der Vater hinzu. (Schluß folgt.) Vom Monat Oktober. Oktober 1899. Die inannigfaltigsten Farben mischt der Oktober irt das dunkle Grün des Laubes, und wenn nicht gerade kalter Regen herniedergeht und starke Stürme in den Baumkronen rütteln, bietet auch dieser Monat zahlreiche Reize in der Natur. Wo uns im Frühling farbenreiche duftige Blüten erfreuten, prangen jetzt reife Frücht- nnd feurige Beeren. Di- korallenrot leuchtenden Berberitzen, Ebereschen und Wildrosen, die weißen Schneebeeren, die schwarzblauen Beeren des Hollunders und die metallisch glänzenden Mahonien sind Zeugen des begonnenen Herbstes, in ihnen hat die Natur den wenigen zurückbleibenden gefiederten Sängern noch einmal reich den Tisch gedeckt für kommende entsagungsvolle Tage. Die naßkalten Tage des Septembers haben im Walde neues Leben angeregt und dem Markte ziemlich ansehnliche Pilzvorräte zugeführt. Gut sind jetzt die madenfreien feinen Steinpilze, da die Entwickelungsperiode der Hilzmücken, Flor- und Trauerfliegen, deren Larven als Maden in Den Pilzen leben, vorüber ist. Außer Steinpilzen gibt es Schälpilze, Rotkappen, Milch- und Grünreizker, Champignons u. a. m., dazu liefern die Delikateß-Handlungen duftige hannöversche Herbsttrüffeln. Ebenso unverhofft reichhaltig hat sich der Vorrat an Fischen gestaltet, die kalten Niederschläge sind dem Fischhandel recht förderlich geworden. Zu haben sind in diesem Monat Braffen, Rappui, Welse, Barben, Aale, Forellen. Hecht und Zander sind teurer. Lachs ist vorzüglich und zu mäßigen Preisen vorhanden. Ganz au gezeichnet im Fleisch sind jetzt die Karpfen, die das Hauptinteresse ans sich ziehen, mit dem Vorteil, daß sie von Woche zu Woche besser werden. Schleien werden rar. Die Auslagen der Seefischhandlungen sind nun auch schon viel reichhaltiger geworden. Bon den köstlichen Plattfischen der Nordsee sind Steinbutt und Rotzunge am besten. Erwartet werden die ersten Stinte, deren delikates Fleisch seines Geruches wegen nur von Liebhabern gewürdigt wird. Bon größeren Seefischen treffen Schellfisch und Kabeljau reichlich ein. Ein sehr verlockendes Gericht ist Schellfisch mit Blumen« 588 kohl gebacken. Zwei Pfund Schellfisch werden mit nicht zu starkem Gemüsewasser gar gekocht, gleichzeitig kocht man eine mittlere Rose Blumenkohl ab. Von */, Liter Blumenkohlwasser, worin man 3 Gramm oder eine Messerspitze Liebigs Fleisch-Extrakt aufgelöst hat, wird mit 25 Gramm Mehl, das mit 50 Gramm Butter abgebräunt ist, eine nicht zu dicke Sauce gekocht, die mit vier Gelbeiern semig gemacht und mit Zitronensaft abgeschmeckt wird. Das aus Haut und Gräten gelöste Fischfleisch wird in großen Stücken abwechselnd mit Blumenkohl in die mit Butler ausgeschmierte Form gelegt, mit Sauce übergossen, Parmesankäse und 40 Gramm zerlassene Butter darüber gegeben, und alles eine Viertelstunde im ziemlich heißen Ofen gebacken. Wir wollen namentlich für jüngere Hausfrauen hierbei bemerken, daß Liebigs Fleisch-Extrakt für die heutige Küche fast unentbehrlich ist. Es gibt eine Erleichterung bei schnell zu bereitenden Mahlzeiten, fördert die Güte und macht die Speisen kräftiger und wohlschmeckender. Hummern sind in guter Ware zu mäßigen Preisen zu haben, ebenso Austern und frischer Kaviar in besten Sorten. Der Gemüsemarkt bietet als Hauptgemüse Blumenkohl in großen Vorräien billig, und wenn man das Aussuchen versteht, auch gut. Blumenkohl ist neben dem Spargel und der Artischocke das edelste Gemüse, enthält, wie alle Blattgemüse, wenig Nahrungsstoff, ist aber verdaulicher als alle übrigen Kohlarten. Seine Schmackhaftigkeit ist allgemein bekannt, er ist in jeder Form wohlschmeckend, sowohl in Salzwasser abgekocht, mit brauner Butter oder Sauce, in Teig gebacken, mit Essig, Oel und Pfeffer als Salat, wie auch in Suppen sehr angenehm. Kohlrabi werden angebolen, entbehren aber des zarten Fleisches der Frühlingsoberrübe. Sämtliche Kohlarten werden in Menge zum Verkauf gebracht. Ganze Krautgebirge erheben sich jeden Morgen auf den Marktplätzen, besonders flotten Absatz findet Weißkraut zum Einsauern. Als feineres Gemüse für den Familientisch ist auch Rosen- oder Brüsseler Kohl da, ebenso schöner Svinat, Teltower Rübchen und Schwarzwurzeln. Als Salat treten Endivien und Sellerieknollen in den Vordergrund. Der Obstmarkt bleibt ziemlich unverändert. Die Frühsorten von Birnen und Aepfeln find fast vorüber, und selbst die den Markt beherrschenden Mittelsorten haben bei der schlechten Obsternte hohe Preise, sodaß das in manchen Gegenden so beliebte Gericht — Birnen mit Klößen — für dieses Jahr fast zum Feiertagsessen wird. Hausgeflügel ist in Menge am Platze, hauptsächlich steht, trotzdem das Martinifest noch fern, der Gänsehandel in voller Blüte, und kommen recht feiste, fette Tiere zum Angebot. Ebenso gut sind Enten und Hühner, Tauben werden knapp, dagegen erscheinen hie und da einzelne Puten. An Wildgeflügel ist kein Mangel. Fasanenhähne sind sehr billig, Rebhühner sind noch immer zn den bekannten verschiedenen Preisen zu haben. Als Neuheit zeigen sich Leipziger Lerchen, Spiel- oder Birkhähne sind hochgehaltene Gäste, ebenso die Schnepfe. Als sichere Boten des Herbstes sind allerhand Großvögel eingetroffen, vor allen ist es die Wachholderdrossel, die durch ihr zartes Fleisch sich den Ruf des besten Großvogels erworben hat. Die Zeit, wo die Wildpretliebhaber nur auf Hirsch und Reh angewiesen waren, iü vorüber, und in den Vordergrund tritt jetzt der Hase, das Hauptwild der deutschen Küche. Bis Mitte September genoß Lampe die ungestörteste Ruhe, nun geht es ihm an's Fell. Ein alter Hase wird vor dem Braten einige Tage mariniert, man zieht ihn gedämpft mit saurem Rahm vor oder als Salmi und Gelatine zubereitet. Das gut gespickte Lenden- und Rückenteil eines jungen Hasen bietet einen gesunden und schmackhaften Braten, den man auf mancherlei Art und Weise zubereiten kann, am beliebtesten ist er mit saurem Rahm. Der gut gehäutete und gespickte Hase wird zuerst in eine Pfanne mit nur 125 Gramm Butter gelegt, gesalzen und unter häufigem Begießen halb gar gebraten, worauf man recht fetten, sauren Rahm teilweise in die Pfanne zugießt und den Braten alle 5 Minuten mit wenigen Löffeln davon bestreicht, bis er weich und braun geworden ist. Nun kocht man die Sauce mit etwas siedender Fleischbrühe aus einer guten Messerspitze Liebigs Fleisch-Extrakt von der Pfanne los, seiht fie durch und schärft sie nach Belieben mit etwas Zitronensaft ober Estragonefsig ab. Vermischtes. Dreifaches Unglück, das leicht zu beseitigen ist. Eines schönen Tages äußerte ich meine Freude über mein Wohlbefinden — das war das erste Unglück; denn das Zauberwort „Unberufen!" hatte gefehlt. Bald darauf ging es mit einem Wagen durch den Wald; plötzlich kommt ein Häslein von der linken Seite über den Weg gelaufen. „Das bedeutet Unglück!" meinte der Kutscher. Und nun der dritte Schrecken: am letzten Sonntag bemerkte ich bald nach Sonnenaufgang eine Spinne. „Spinne am Morgen bringt Kumm.r und Sorgen", sagt der Volksmund. — Nun, und was geschah? Nichts. Mir ging es, Gott Lob, gut. Da werden aber doch manche den Kopf schütteln und sagen: „Na, im einzelnen Falle mags ja einmal nichts geschadet haben, aber in der Regel kommt nach solchen Dingen ein Unglück." Ich denke immer: mein Leben und Wohlsein steht in sicheren Händen, und daran kann kein Hase, keine Spinne und kein Teufel etwas ändern. Das Gedächtnis Dante s. Italienische Schriftsteller erzählen von dem außerordentlich guten Gedächtnis D ante's, des weitberühmten Dichters der Divina commedia (der göttlichen Komödie), der 1321 starb, folgendes überraschende Beispiel: Der Dichter pflegte sich an Sommer« abenden an einem gewissen Platze auf einen Stein zu setzen, der noch heute sorgfältig in Florenz aufbewahrt wird. Da ging eines Abends ein ihm gänzlich unbekannter Mann zu ihm heran und sagte: „Ich habe mich verpflichtet, eine Antwort zu geben, und weiß nicht, wie ich mich aus der Verlegenheit ziehen soll. Vielleicht könnten Sie, der so gelehrt ist, mir zu derselben verhelfen. Was ist der beste Bissen?" Dante antwortete darauf unverzüglich: „Ein Ei!" Ein Jahr nachher, als Dante zu derselben Stunde auf demselben Steine saß, trat derselbe Mann, den er seit jenem Vorfall nicht wieder gesehen hatte, abermals vor ihn hin und fragte ihn: „Mit welcher Zuthat?" Dante, ohne Zeit zu verlieren, antwortete, jener ersten Frage des Unbekannten sich erinnernd: „Mit Salz." Seine Hausmittel. Sanitätsrat: „Bis jetzt ist es absolut nicht schlimmer mit Ihrer Frau; wenden Sie vorderhand nur Hausmittel an, Herr Amtsrichter!" — „Ja, aber ich bitte Sie, Herr Sanitätsrat, was glauben Sie wohl, wieviel so'n neuer Frühjahrshnt kostet!" Gemütlich. Herr (zum eintretenden Gerichtsvollzieher): „Bitte, bitte, bedecken Sie sich, es ist hier kalt, Sie können sich sonst ’nen Schnupfen holen, das wär' nämlich alles, was hier zu holen ist." Beim ReitUNlevricht. Unteroffizier: „Anständige Behandlung bitt' ich mir ans! Ein königliches Dienstpferd dürfen Sie doch nicht so Herumreißen, wie Ihre Braut auf dem Tanzboden!" Auf dem Exerzierplatz. Sergeant: „Meier, Ihre Griffe sind schon ganz gut, aber Ihr Parademarsch ist miserabel! Mit den Armen sind Sie schon Soldat, mit den Seinen noch Zivilist!" Hm! Ja dann! Arzt: „Sie sollten jeden Morgen vor dem Frühstück ein Bad nehmen." — Dame: „Ich steh' aber immer erst nach dem Frühstück auf." Lttterarisches» Lebensregeln für Neurastheniker. Von Dr. med. Ralf Wichmann, Nervenarzt in Wiesbaden und im Sommer birig. Arzt ber Kuranstalt in Ilmenau. 2. verbesserte Auflage. Preis 1 Mark. Verlag von Otto Salle in Berlin W. 30. — Wenn von diesem Buche, welches der wohlbekannte Nervenarzt feinen seither weit verbreiteten Schriften „Die Neurasthenie und ihre Behandlung" und „Die Wasserkuren im Hanse" folgen ließ, nach einem halben Jahre bereits eine 2. Auflage erscheinen kann, so ist bas sicherlich ein Beweis bafür, baß ber Verfasser mit ber Veröffentlichung biefer Regeln wirklich einem thatsächlichen Bedürfnisse abgeholfen hat. Die Schrift giebt ben zahlreichen über ihre Nerven Klagenden Aufklärungen Über bie verschie- benen Erscheinungsformen ihrer Krankheit; alle Klagen werben sachgemäß einzeln behanbelt. Die neue Auflage ist durch jebe Buchhanblung wie auch bireckt burch ben Verlag von Otto Salle in Berlin W. 30 zu beziehen. Polterabenb und Hochzeit. Zu unentbehrlichen Beratern, nicht allein für Vereine unb Dilettantenbühnen, fonbern auch für Festlichkeiten unb Veranstaltungen im häuslichen unb Familienkreise finb bie Inhaltsangaben ber Theaterstücke geworben, bereu ber Theaterverlag Ebuarb Bloch in Berlin bereits eine so große Reihe über bie verschiebensten Zweige von Aufführungen unter bem Titel von „Führern burch ben Verlag" herausgegeben hat. Der vorliegenbe Polterabend- unb Hochzeitsführer bietet zu biefent Fest eine reiche Fülle ber Jnhaltsbeschreibungen von Aufführungen für erwachsene unb Kinber, für Damen unb Herrn, von kürzeren und längeren Theaterstücken, sowie Dichtungen zu lebenden Bildern, bie unmittelbar für ben Polterabenb ober bie Hochzeitsfeier verfaßt finb. Im Anhang ist ferner bas Hochzeitsfestmaterial ber Ansprachen, musikalischen Vorträge unb und Vorlagen zur Herstellung von Hochzeitszeitungen in Gestalt von allerlei Ueberraschungen ausführlich Tauschrülsel. (Nachdruck verboten.) Die Anfangsbuchstaben nebenstehenber Wörter sind mit anberen Buchstaben berart zu vertauschen, baß man ebensoviele neue Wörter enthält, bereu Anfangsbuchstaben ben Titel einer Oper ergeben. Auflösung folgt in nächster Nummer. Kranz Aller Lachs Ober Feber Alm Astern ber Anleitungen unb Tafelliebern beschrieben. Auflösung des Homonym in voriger Nummer: „B o ck." RedaktionI U Burkhardt. — »rus Mlb Verlag ber Brühl'schm UmserfitSts-Brtch. unb StrinbruSerei (Pietsch Herben) in Gieße».