(Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) „Was sollten wir nun mit unferm Schatz beginnen? Darüber hatte ich schon einen Entschluß gefaßt, noch ehe ich die Kisten gesehen hatte, die ihn enthielten. Ich sagte deshalb zu Tommy: wir wollen das Gold vergraben, und wenn wir mit dem Leben davonkommen, müssen wir fest zusammenhalten, immer auf demselben Schiffe segeln und eine Gelegenheit abwarten, es abzuholen und zu teilen. Ich holte eine Bibel aus der Kajüte des Kapitäns und wir schworen auf diese uns gegenseitig zu, das Geheimnis des Schatzes zu hüten, immer zusammenzuhalten, einander niemals untreu zu werden, einen günstigen Moment abzuwarten, wo wir auf einem kleinen Schiffe davon gehen könnten und das Geld unter dem Deckmantel irgeno welcher Fracht, die wir einnehmen könnten, nach England zn bringen. Am nächsten Morgen gingen wir aus, einen paffenden Platz zur Bergung unseres Schatzes zu suchen. Wir wählten das Ende der Buchtung, welches so ziemlich in der Mitte der Insel lag- dort gruben wir ein weites Loch an einem hervorragend großen Kokosnußbaum, welcher, wie ich rechnete, dort noch hundert Jahre stehen konnte. Mit Korallenstücken, Steinen und Felsstücken mauerten wir das Loch aus, so gut wir konnten. Hiermit wollten wir einerseits das Senken des Goldes verhindern, falls einmal eine längere Zeit der Nässe kommen sollte, andererseits ein Einstürzen der Ieitenwände verhüten. Darauf stauten wir die Barren, legten die Beutel oben darauf und füllten die Grube wieder aus. Den Baum betrachteten wir als unser Merkzeichen. „Einige Tage, nachdem wir diese Arbeit ausgeführt Lonntag den 14. Mai 1899. [wirr sh iK ffljiT f,*Ä -.Ä? Immer mann. tim alle Welt den Armen läßt Und wenn kein Herz ihm bliebe, Ani ew'gen Himmel stehst du fest, Stern heiliger Mutterliebe! O Mutterliebe, Sorg' und Treu'! Nie ausgeschöpfte Güte! Und immer alt und immer neu, Daß dich die Allmacht hüte! W hatten, blies ein starker Wind gerade aufs Ufer zu, und die dadurch erzeugte schwere See schlug das wie eingerammt im Sande liegende Schiff in Stücke. Die hierbei aus Ufer geschwemmten Wollballen bildeten an demselben einen förmlichen Wall, aber die meisten Vorräte, welche wir noch an Bord hatten, waren weggespült worden. Dies veranlaßte uns, da es auf der Insel nichts anderes als Kokosnüsse zu essen gab, nunmehr in See zu stechen, ehe unsere Lebensmittel zu Ende gingen. Wir beluden daher das Boot, rüsteten es mit Mast und Segel aus, stießen ab und steuerten nach dem Kernpaß, den wir mitgenommen, direkt nach Nordost. Dieser Kurs, rechneten wir, würde uns nach der Küste von Südamerika bringen, etwas nördlich von Patagonien. Am Abend verloren wir die Insel aus Sicht und wurden von einem Sturm nach Norden verschlagen. Wenn ich das Steuer geführt hätte, würden wir wohl hierbei unseren Untergang gefunden haben, aber Tommy war ein Manu aus Deal, verstand die Sache, und brachte uns glücklich durch, „So," rief Deacon und that einen langen Atemzug, wobei er mit dem Rücken seiner Hand über feine Stirn fuhr, „nun ist das Geheimnis heraus. Wie es uns im Boote erging, ist für die Sache von keiner Bedeutung, doch will ich dirs's noch kurz erzählen. — Wir wurden ganze vierzehn Tage umhergeworfen, ohne jemals etwas zu erblicken, was einem Segel ähnlich gewesen wäre- das Wasser fing an knapp zu werden, und Tommy wurde krank. Er lag auf dem Boden des Boots und stöhnte eine ganze Nacht hindurch. Gott weiß, was ihm fehlte, aber am nächsten Morgen war er tot. Ich behielt seine Leiche der Gesellschaft halber, bis sie so häßlich wurde, daß ich mich entsetzte, da warf ich sie über Bord. Nun trieb ich umher, ein Spiel der Wogen, bis ich schwächer und schwächer wurde, und es mir kaum mehr gelang, bis zu dem kleinen Wasierfäßchen zu kriechen. Ich glaubte, zu sterben und legte mich nieder, um den Tod wie ein Mann zu erwarten. Das war das letzte, dessen ich mich erinnere, bis ich erwachte und mich an Bord eines Walfischfängers fand, der nach Boston segelte." Jetzt hielt er inne und beugte sich vor, um mir ins Gesicht zu sehen und zu ersehen, welchen Eindruck seine Geschichte auf mich gemacht habe. Als er dies that, glühten seine Augen vor Aufregung derart, daß es mir ganz unheimlich wurde. „Das ist allerdings eine merkwürdige Geschichte", sagte ich, und sie erschien mir auch nicht unwahrscheinlich. „So ist also die Skizze, welche du immer zeichnest, die Insel?" 270 »Das nördliche Ende derselben, denn wir ließen das Schiff auf der westlichen Seite auf den Strand laufen und ruderten das Langboot, um den Ankerplatz zu erreichen, nach Osten." »Wenn du das so genau weißt, weshalb zeichnest du da deine Skizze beständig von neuem auf?" »Nun, das ist so eine Art Vorsicht von mir, ein Mittel, die Insel in meinem Gehirn so fest zu verankern, daß ich sie auch selbst, falls ich einmal in eine schwere Krankheit verfallen und dabei mein Gedächtnis verlieren sollte, nicht vergessen könnte. Durch mein Verfahren erhoffe ich, meinen Geist mit der Sache allmählich so zu verweben, daß meine Hand schließlich mechanisch, selbst bei eingetretener Gedächtnisschwäche, die Skizze zeichnet,- ich sollte meinen, auf diese Weise könnte mir doch die Erinnerung an die ganze Begebenheit niemals verloren gehen." „Glaubst du, daß das Geld noch da ist?" „St!" flüsterte er, sich ängstlich umzusehend. „Natürlich ist es noch da. Bedenke d.ch, daß außer mir nur Tommh darum wußte, und der ist tot!" „Was hast du den Walfischfängern über dich erzählt?" „Als ich die Besinnung zurückerlangte und wieder zu denken anfing, fürchtete ich, sie möchten durch das Boot, oder auf irgend eine andere Weise, die ich übersehen hätte, vielleicht den Namen des Schiffes erfahren haben, und das wünschte ich, sollte kein lebender Mensch wissen. Um mich deshalb zu vergewissern, wieviel sie entdeckt hätten, stellte ich mich, als ob ich das Gedächtnis verloren hätte, und klagte, ich könne mich gar nicht auf den Namen meines Schiffes besinnen. Sie konnten ihn mir auch nicht sagen, und nun wußte ich natürlich, daß weder ich noch das Boot ihnen etwas verraten hatte. Sie erzählten mir, daß sie mich unter 35 Grad Breite und 92 Grad Länge besinnungslos in dem halb mit Wasser gefüllten Boot angetroffen hätten. Am Lande berichteten sie dann, ich wäre ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hätte. Als ich von ihnen los war, fand ich bald ein Schiff und verließ Boston." „Wo herum liegt die Insel?" Er antwortete in leisem Tone, sehr geheimnisvoll: „Ich habe ihre Lage, so gut ich konnte, im Vergleich des Kompaß mit dem Horizont, berechnet, also ohne regelrechte Messungen, und deshalb behaupte ich auch nicht, daß meine Rechnung ganz genau ist, aber ich würde die Hülste alles vergrabenen Goldes verwetten, daß, wenn ich in die Nähe der Stelle käme, wo ich glaube, daß die Insel sein muß, ich sie von der Vor-Oberbramraa aus, irgendwo auf der Back- oder Steuerbordseite in Sicht bekommen würde. Verstehst du mich?" „Ich vermute, du meinst, daß, wenn du dich auch in deiner Berechnung irrtest, dies doch nur um einige Meilen der Fall sein könne. Wo denkst du also, daß das Eiland liegt?" „Drei Grad westlich von der Insel Teapy, gerade auf dreißig Grad südlicher Breite." „Ja, wo zum Henker ist die Insel Teapy? Der Name klingt gewissermaßen nach dem chinesischen Meere." „Nein, nein. Ich bin meiner Sache ganz sicher. Teapy liegt in der Südsee. Jeder Südsee-Mann würde dir sagen, wo sie ist." ' „Ist sie auf der Karte zu finden?" „Nein." Ich schwieg, und vermutlich glaubte er, daß diese seine Antwort mich an der ganzen Geschichte zweifeln lasse. „Es muß Überall einen ersten Entdecker geben," rief er ‘ eifrig. „Was für eine ungeheure Fläche ist der Stille Ozean? Will da jemand behaupten, daß schon jedes Stückchen Land bekannt und verzeichnet ist?" „Daran dachte ich nicht. Warum hast du den Reedern nicht Bericht erstattet, als du nach Hause kamst? Du konntest dein Geheimnis für einen guten Preis verkaufen. Außerdem haft du Anspruch auf einen bedeutenden Bergelohn." „Was," rief er hitzig, „sollte ich das Ganze für einen Teil htngeben? Das sollte mir einfallen." „Aber was nützt dir denn das ganze Geld, wenn es in einem Loche auf irgend einer unbekannten Insel des Stillen Ozeans steckt? Vielleicht haben die Kannibalen es schon ausgegraben und Ringe für ihre Nasen daraus gemacht." „Ach, Papperlapapp, es ist da und wird noch in tausend Jahren da sein, wenn ich cs nicht hole." „Wie willst du das anstellen?" „Wenn ich nicht so arm wäre, würde ich das schon wissen- ich würde ein kleines Fahrzeug mieten. Aber ich konnte niemals das Geld erlangen, d. h. ersparen meine ich, um die Miete zu bezahlen." „Na, du erzähltest uns doch vor kurzem, daß du fünfhundert Pfund durch deinen Prozeß, wegen des Rades, gewonnen hättest." „Das ist allerdings richtig, aber der größte Teil dieses Geldes wurde mir von einem Weibe in einem Logierhaus in Liverpool abgenommen. Denkst du, ich würde hier in dieser lumpigen Brigg als Vollmatrose mit dir sprechen, wenn ich es behalten hätte? Sicherlich nicht. Ich erlangte dieses Geld zwei Reisen vorher, ehe ich mit der „Königs-Eiche" segelte. Damals ahnte ich natürlich nicht, daß ich es einst so nötig brauchen würde. Was ist Geld in der Tasche eines Seemanns am Lande?" „Aber was veranlaßt dich, mir dein Herz zu öffnen? Wie kann ich dir helfen? Von uns beiden vermute ich, bin ich der ärmere Mann. Ich werde verteufelt lavieren müssen auf meinem Kurse, ehe ich auch nur zu geringen Mitteln komme. Zu dem Unternehmen gehört ja aber ein ganzes Vermögen." Er lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf. Dabei blickte er zuerst auf die Segel und dann ringsum. „Dies ist das Schiff," flüsterte er, „welches das Geld Heimtragen soll." „Beabsichtigst du, den Kapitän ins Vertrauen zu ziehen?" „Ihn? Wahrhaftig, du sprichst wie ein Kind. Ich beabsichtige, dich zum Befehlshaber der Brigg zu machen, d n sollst mich zu meiner Insel führen." Ich brach in ein Gelächter aus, wurde aber bald wieder ernst, denn der Kerl war in der That so feierlich, wie ein Richter, der ein Todesurteil verkündet. „Willst du damit andeuten," sagte ich mit leiser Stimme, meinen Mund fast dicht an seinem Ohr, „willst du damit andeuten, daß du und ich uns der Brigg bemächtigen wollen?" „Ja." „Beim heiligen Popanz, wie Pat sagt, das nenne ich eine Sache kaltblütig nehmen. Was willst du denn mit den Offizieren und der Mannschaft anfangen?" „Die Mannschaft würde auf ein Wort von mir zu uns übertreten. Jch^biere jedem Mann fünfhundert Pfund." „Und der «Schiffer und der Maat, wo bleiben die?" „Da, wo wir sie aussetzen." „Ah, so." Ich starrte ihm eine Weile wie geistesabwesend ins Gesicht, und dann sagte ich: „Sag' mal, wer von uns beiden ist eigentlich verrückt, du oder ich?" ' Er lachte und antwortete: „Das zu überlegen, ist noch viel Zeit- vorläufig haben wir noch den ganzen Südatlantischen Ozean vor uns." „Halloh! Auf ihr faulen Burschen! Hierher an die Backbordbrassen!" brüllte plötzlich der alte Windwärts durch die Nacht. Wir sprangen auf, eilten an unsere Plätze, und nach einigen Augenblicken hallte das Deck wieder von unseren Stimmen und dem Gequick der Blockscheiben. (Fortsetzung folgt.) 271 Die Liebe höret nimmer auf. Skizze von M. C. Carpenter-Meyer. ------- (Nachdruck verboten.) Sie war wirklich noch immer eine schöne Frau, — und wenn es wahr ist, daß eine Frau so alt ist, wie sie aussieht, dann war Frau Elisabeth Hartung nicht nur eine schöne, sondern auch noch eine — junge Frau. — Freilich, es gab zwei Dinge, die energisch dagegen protestierten — ihr Taufschein und ihre Tochter. Seit mehreren Tagen trug Elisabeth Hartung eine schwere Sorge mit sich umher. Ihre Augen sahen noch ernster als sonst in die Welt, ja sie waren zeitweise verdächtig gerötet, und nicht einmal das schmeichelnde Kosen und Bitten ihres Lieblings, ihrer sechzehnjährigen Tochter Ltzzi, konnte ein Lächeln auf ihre blassen Züge zaubern. „Ach, liebes Mütterchen, sag' doch, was drückt Dich so nieder, laß mich Deine Sorge teilen, ich bin doch groß genug —" ein leichter Stolz liegt auf dem zarten Gesichtchen des jungen Mädchens, das mit leisem Glück den breiten, goldenen Verlobungsring an ihrer linken Hand betrachtet. — „Es ist nichts Besonderes, mein Liebling, Du weißt, Deine alte Mutter hat gar viele Sorgen, sie kann nicht immer lachen und singen, wie Du — und nun beunruhige Dich nicht, meine Lizzi". Sie drückte den blonden, lockigen Mädchenkopf an sich, aber ihr Auge wich dem reinen, fragenden Kinderblick aus. Konnte sie das glückliche, strahlende Mädchen ihr Leid ahnen lasten, sollte sie ihr das kaum erblühte Glück trüben? Es waren schwere Stunden für Elisabeth Hartung- sie mußte einen Entschluß fassen, es überstieg ihre Kräfte, dieses Scheinleben länger zu leben- an diese Konsequenzen hatte sie nie gedacht, nie sie in Frage gezogen. Lizzi war noch immer in ihren Augen ein Kind gewesen, immer — bis — bis sie vor acht Tagen von der Eisbahn mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen heimgekehrt war und, der ahnungslosen Mutter um den Hals fallend, unter Lachen und Weinen, gestanden hatte — daß „®r" sie liebe. Und am andern Tage war „Er" gekommen und hatte um Lizzi's Hand angehalten. Er war Architekt, aus angesehener Familie, einer der besten des kleinen Harzstädtchens, in dem Frau Elisabeth seit zwölf Jahren lebte. Sie hatte nur Gutes von ihm gehört, er war ein Ehrenmann durch und durch. So hatte sie freudigen Herzens „ja" gesagt und die Hände der beiden in einander gelegt. Wie glücklich und froh sie sein konnte, ihres Lieblings Zukunft gesichert zu sehen! Kein Gedanke war ihr in all der Seligkeit gekommen an ihre Schuld — und nun — Als bei der abendlichen, schnell improvisierten Verlobungsfeier im engsten Familienkreise die Toaste kein Ende nahmen, und schließlich der Vater des Bräutigams eine huldigende, liebenswürdige Rede auf die verehrte Brautmutter hielt und darin des leider so früh verstorbenen Gatten derselben ehrend gedachte — da hatte es sie gepackt wie Verzweiflung, ihr war, als ob sie hineinrufen müßte in die fröhliche Gesellschaft: Glaubt es nicht, es ist eine Lüge ---und ohnmächtig sank sie zu Boden. Nach langen Bemühungen der anwesenden Damen und ihrer Tochter kehrte das Bewußtsein zurück, und sie schlug die Augen wieder auf. „Mamachen, liebes Mamachen, sorge Dich doch nicht so sehr um mich, bist Du Wohler jetzt, liebste Mutti, lächle doch einmal!" bat Lizzi in flehenden Tönen. Sie kehrte wieder, ein wenig bleich noch, auf ihren Platz an der Festtafel zurück. Von neuem begann die Marter für sie — ach, wie weh thaten ihr all die mitleidigen, teilnehmenden Blicke, die so deutlich sagten — die Aermste, wie sehr sie noch um den Toten trauert — —! Endlich gehen die Gäste. Glückstrahlend mit leuchtenden Augen, selig in ihrem jungen, bräutlichen Glück, küßt auch Lizzi die geliebte Mutter, wünscht ihr gute Nacht und geht in ihr Stübchen. Nun ist Elisabeth allein — allein mit ihrer Qual, ihrem Leid. Stöhnend in furchtbarster Pein, sinkt sie auf das Sopha und vergräbt den Kopf in den weichen Polstern, verzweifelt schluchzt sie — — Keine Hoffnung — keine mehr — umsonst ihr Streben und Ringen, umsonst ihre Lüge, das entsetzliche, stumme Leid der langen Jahre — keine Rettung — nur der Tod — Ihr Auge wird starr — ja der Tod — ihr scheint jetzt das Sterben so leicht — der Tod hat nichts Schreckliches mehr für sie. Schon denkt sie an die Art, wie sie sterben will — ja sie will — es ist die einzige Sühne für ihre Schuld. Wie feige sie gewesen war all die Jahre hindurch — um die Achtung der Leute, ihrer neuerrungenen Bekannten nicht zu verlieren, um nicht dem unheimlichen „on äit", dem mißtrauischen Achselzucken zum Opfer zu fallen, hatte sie ge- schwiegen — hatte mit keinem Wort der Meinung der Leute, daß sie eine Witwe sei, widersprochen, verschwieg ihrem einzigen, vergötterten Kind, daß sein Vater lebte, verschwieg, daß sie eine davongelaufene, pflichtvergessene Frau war, entzog das Kind dem Vater, dem Manne — an dem sie, trotz allem, noch heute, nach zwölf Jahren, hängt mit Leib und Seele — und der tot für sie ist und sein wird. Ja, sie will sterben. Doch erst muß sie ihre Schuld sühnen und zu ihm gehen, — ihr Atem stockte, ihr Herzschlag fiebert bei dem Gedanken — doch es giebt ja sonst keine Hilfe — sie will zu ihm gehen und ihm ihr — sein Kind empfehlen- dann will sie sterben. Sie werden dann an ihr Totenlager treten, ihr Gatte und ihre Tochter, und jener fremde Mann, ihres Kindes Liebe- und sie werden reden über sie — werden ihr vielleicht verzeihen — aber sie wird es nicht mehr hören, nicht mehr sehen. Der Morgen dämmert herauf, entschlossen erhebt sich Elisabeth von dem Sofa, wo sie sich den entsetzlichen Entschluß abgerungen, sie zündet die Lampe an, geht an den kleinen Schreibtisch und beginnt ihre Papiere und Sachen zu ordnen. Vieles zerreißt sie, anderes ordnet sie gewissenhaft und legt es zurück, aus der mittleren Schublade endlich nimmt sie ein Bild. Es stellt einen Mann mit schönen, genialen Zügen dar, leuchtende, große Augen beleben ein charakteristisch-vornehmes Gesicht. Sie betrachtet es lange, endlich neigt sie sich darauf nieder und küßt es — dann schließt sie es wieder ein mit dem übrigen. Am Morgen beim Kasieetisch, wo sie der lustig, glücklich plaudernden Tochter gegenübersitzt, sagt sie, deren fröhlichen Bericht über eine geplante Dilettanten-Theateroorstellung unterbrechend: „Lizzi, ich muß auf kurze Zeit verreisen, nach Berlin — ich hoffe indes schon morgen zurück zu sein- Du wirst mein vernünftiges Töchterchen sein und ruhig hier mit der alten Hanne wirtschaften. Damit Du nicht allein bist, habe ich Fräulein Herter, Deine angebetete Klavierlehrerin, durch ein Briefchen gebeten, die beiden Tage hier zu verleben, sie hat es mir zugesagt, und da ich von meiner vorjährigen Reise her weiß, wie gut Ihr mit einander lebt, kann ich auch diesmal unbesorgt reisen". Elisabeth hat das alles, wie etwas auswendig Gelerntes hergesagt, ihre Gedanken sind schon weit ab. „Ach, Mamachen, darf ich Dich nicht begleiten? Berlin, wie schön muß es sein —nimm mich doch mit!" Lizzi sieht flehend zu ihr auf. „Nein, mein Kind, ein ander Mal!" Wie konnte sie — sie wußte ja nicht, welcher Empfang ihrer harrte — nein — Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit steht sie heute lange vor dem Spiegel und betrachtet scharf ihr Gesicht. Sie denkt daran, als ihr Lizzi erzählte, daß ihr Bräutigam zuerst durchaus nicht glauben wollte, daß ihre junge, schöne Mama wirklich ihre Mutter sei — sie denkt an all' die galanten Reden und Schmeichelworte, die man ihrer Schönheit gespendet — und schärfer, prüfender steht sie in den Spiegel — wahrlich, hier ein Fältchen und dort — und 272 — dort — und an den Augen, ganz sein und leicht noch — und das Haar, das schöne, leichtwellige, dunkelbraune Haar — ganz, ganz einzeln und selten noch — aber unleugbar vorhanden — die ersten grauen Haare — und der bittere Zug um den Mund und die tiefen Schatten in den Augen — — drei harte Worte sind's, die wehmütig von ihren Lippen fallen — eine leise, versteckte Klage, versteckt hinter geißelnder Selbstironie — „Eine alte Frau!" Sie sagt es, sich achselzuckend abwendend — „eine Frau — von 86 Jahren — — eine alte Frau!" Trotz dieser harten Selbstkritik machte sie auf das sorgfältigste Toilette. Ein elegantes, schweres, schwarzes Seidenkleid umrauscht ihre volle, imposante Figur in starren, schweren Falten, befriedigt schließt sie den letzten Haken der Taille und tritt noch einmal prüfend vor den Spiegel — erschreckt weicht sie zurück, wie schlecht ihr das stand, das blasse, erregte Gesicht mit den nervös flackernden Augen, die so tief in ihren Höhlen liegen — nicht unsichtbar sind die Folgen der durchrungenen, qualvollen Nacht — sie reißt die Haken wieder auf und zieht die Taille ab, geht an den großen Kleiderschrank und entnimmt ihm eine Sammetblouse, die sie anzieht. Wie viel besser sie nun aussieht, wie gut der dunkelrote, leuchtende Ton des Sammets zu ihrem blassen Teint paßt — früher trug sie stets diese stumpfe, rote Farbe. — „Er" hatte sie so gern darin gesehen — ist es diese Erinnerung, die die glühende Röte ihr in die Wangen treibt, schon will sie die Blouse wieder mit der schlichten, unvorteilhaften Taille vertauschen — nein — sie zuckt ungeduldig mit den feinen Schultern, ihr Mund lächelt geringschätzig — pah, es ist ja gleich — eine alte Frau — eine Frau in ihren Jahren.------------ (Schluß folgt.) Gemeinnütziges. Feuchte Wohnung. Ein sehr einfaches Mittel, um zu erfahren, ob eine anscheinend feuchte Wohnung für den Menschen ohne Nachteil für die Gesundheit bewohnbar ist, besteht darin, daß das betreffende Zimmer fest verschlossen wird, worauf man in demselben eine ganz genau abgewogene Menge frisch gebrannten und fein gestoßenen Kalk aufstellt. Nach 24 Stunden wiegt man den Kalk wieder ab und stellt den Gewichtsunterschied fest. Beträgt die Gewichtszunahme mehr als 1 Prozent, so sind die Zimmer wegen der großen Feuchtigkeit der Luft für die Gesundheit der Menschen nachteilig und sollten nicht bewohnt werden. Es müssen vielmehr Vorrichtungen getroffen werden, um in solchen Wohnungen den Feuchtgkeitsgehalt der Luft zunächst zu vermindern, was sich durch Verwendung von offenen Koksöfen am besten erreichen läßt. Anstrich für feuchte Kellerräume: Gegen feuchte und modrig gewordene Mauern benutzt man in neuester Zeit folgenden Anstrich mit Erfolg: 93 Teile gepulverter Backstein mit 7 Teilen Bleiglätte werden in einer genügenden Menge Leinöl verrührt. Beide Teile sind getrennt zu pulverisieren, dann zusammenzumischen und mit dem Leinöl in eine Art Teig zu verarbeiten. Die auf die Wände gebrachte Masse verhärtet nach 3—4 Tagen und läßt dann keine Feuchtigkeit mehr hindurch treten. Kesundyettspffege. Die Luft im Kinderzimmer darf nicht durch allerhand Gerüche verdorben werden. Weder benutzte Geschirre noch zum Trocknen aufgehängte Windeln, weder ledernes Schuhwerk noch schmutzige Wäsche, ja nicht einmal stark duftende Seifen und Parfüms sollen in dem Kinderzimmer geduldet werden. Ganz falsch ist das Bespritzen mit Karbol oder Kiefernadeldust, das Verkochen von Eau de Cologne und das Abbrennen von Räucherpapier, -Pulver oder -Kerzchen, welches alles nur dazu dient, die üblen Gerüche zu verdecken, nicht aber, sie zu beseitigen. Einzig und allein der reine Odem der Natur, d. h. die frische, klare Gottesluft finde Eingang in das Kinderzimmer. Bergiftungsfätte. Ein Mittel bei Vergiftungen, das für die erste Hilfe in den meisten Fällen sich in Bereitschaft findet, ist folgendes: Ein starker Theelöffel voll gewöhnliches Salz und halb so viel Senf werden in einer Tasse mit warmem oder kaltem Wasser rasch verrührt, worauf das Ganze verschluckt wird. Dies wirkt fast augenblicklich als Brechmittel, wodurch der Inhalt des Magens herausbefördert wird. Gegen den etwa zurückgebliebenen Rest des Giftes -läßt man zuerst das Weiße von einem Ei und eine Tasse starken schwarzen Kaffe nehmen, weil diese Stoffe die Wirkungen vieler Gifte aufheben. Uebler Mundgeruch. Ein einfaches Mittel dagegen ist, etwas Holzkohle zu kaufen und zu verschlucken. Gegen Magenkrampf erweist sich bisweilen folgendes Hausmittel als wirksam: Man röstet einige Hände voll Hafer trocken in einer Pfanne, thut ihn in ein Säckchen und legt cs, so heiß man es vertragen kann, auf die Herzgrube. Kalte Futzsohlenbäder sind ein energisches Mittel gegen chronisch kalte Füße und gegen hartnäckige Kopfschmerzen- Das Wasser, in dem man die Füße tüchtig aneinander reibt, steht im Gefäß nur 2 cm hoch. Die Dauer ist zwei Minuten. Man nimmt das Bad am besten unmittelbar vor dem Zubettegehen. Gegen Brechdurchfall bei Kiudern hat sich folgendes Hausmittel gut bewährt: In einem Gefäß ist das Weiße von 3 Eiern mit i/i Liter Wasser und Zucker so lange zu rühren, bis sich das Ganze gut vermengt hat. Hierauf reicht man die Flüssigkeit den erkrankten Kindern, den Umständen entsprechend, mit Löffel, Flasche oder aus dem Glase, so oft dieselben davon genießen mögen. An heißen Tagen achte man darauf, daß die Flüssigkeit nicht zu warm steht und dadurch verdirbt. Das Mittel muß mit jedem Tag frisch hergestellt werden, da das vom vorhergehendne Tage aufgehobene schon zu alt und verdorben ist. ^nmsviftisehes. „Ansichts" -P ostkarten. Der kleine Moses: „Vaterleben, geb wer zehn Pfennig vor'ne Karte mit Ansicht." — Vater: „Wie haißt zehn Pfenig? Hier haste de fünf, geh' auf de Post und kauf der 'ne Karte und schreib drauf: So'n kleiner Junge wie ich, der hat noch gar keine Ansicht." * * * Kind ermund. „Gelt, Mama, die Hasen freuen sich sicher auch auf Pfingsten?" — „Weshalb denn, Kind?" — „Dafür brauchen sie doch keine Eier zu legen. — — „Papa, nicht wahr, die Republik ist die Frau des Königs von Frankreich?" • * ♦ Haute Nouveaute. „FräuleinPaula, da ist noch ein alter, häßlicher Hut aus der vorletzten Saison — was soll man mit ihm thun?" — Stecken Sie einen Zettel mit „Letztes Pariser Modell" dran und stellen Sie den Hut ins Schaufenster!" * e * Aus der Kaserne. Grenadier: „Seht nur, den Schulze hat seine Köchin wieder so voll gefüttert, daß er sich gar nicht rühren mag." — Grenadier Schulze: „Neidhammel, laß mich doch ruhig mein Liebesglück verdauen!" („Münchener Jugend.") Redaktion: ®. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.