■ k liW ■ f er thörichste von allen Irrtümern ist, wenn junge, gute Köpfe glauben, ihre Originalität zu verlieren, indem sie das Wahre anerkennen, was von andern schon anerkannt worden war. Goethe. Nachdruck verboten. Die Armenhausprinzesstn. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) Ein feines Lächeln huschte über ihr Antlitz, als sie erwiderte : „Dem Günstling der Fürstin, dem Mädchen, auf das die Sonne der fürstlichen Gnade fällt, glauben Sie Ihre Hand bieten zu dürfen, die Sie der armen Künstlerin vorenthalten mußten. Ist es nun diese Gunst der edlen Fürstin oder ist es meine Person, welcher Ihre Liebe gilt?" „Wollen Sie mich verspotten, Elsie?" „Ich. will nur die Wahrheit wissen." „Nun denn — meine Liebe gilt nur Ihnen!" „Ach, dann warten wir, bis die Sonne der fürstlichen Gnade mir nicht mehr scheint, bis ich wieder eine arme Künstlerin, eine „Dame vom Theater" bin." „Wie soll ich Sie verstehen, Elsie?" „Daß ich an Ihre Liebe nur glauben kann, falls Sie mir Ihre Worte von vorhin wiederholen, wenn ich wieder das bin, was ich war, ehe mich die hochherzige Fürstin zu sich nahm — die Armenhaus - Prinzessin — die arme Künstlerin." „Elsie — Sie weisen mich zurück?!" „Ich sagte nur, was ich denke. Nehmen Sie es für eine Abweisung, dann um so besser für uns beide, dann brauchen wir nicht wieder auf diese Unterredung zurückzukommen." „Sie spielen mit mir, Elsie!" Ich warne Sie — Sie wandeln einen gefährlichen Weg — hüten Sie sich, daß nicht ein Schritt Sie in den Abgrund stürzt." „Herr Rittmeister . . .?" „Hüten Sie sich, Elsie! Ich lese in Ihrem Herzen — ich habe Ihr Geheimnis erraten — Sie lieben mich nicht, weil Sie einen anderen lieben — aber dieser andere ist für Sie unerreichbar!" Eine heiße Glut überflammte das Antlitz Elsies. Sie sah ihr Geheimnis erraten — sie sah sich dem Spott, dem Hohn der Welt ausgesetzt, wenn der Rittmeister seine Entdeckung weiterplauderte- sie erinnerte sich plötzlich des heimlichen Geflüsters um sie her, der spöttisch lächelnden Blicke, sie wußte, daß sie verloren war, wenn ihr Geheimnis der Welt bekannt wurde. Mit einemmale durchschaute sie den Plan des Rittmeisters, der sie umschlossen, umlauert hatte, um ihr Geheimnis zu entdecken und der sie jetzt durch seine Mitwissenschaft zwingen wollte, seiner Werbung Gehör zu schenken. Sie bebte zurück vor dem triumphierenden Aufleuchten seiner Augen, vor dem sieghaften Lächeln seiner Lippen, vor der kalten Grausamkeit seiner Worte. Ein Nebel senkte sich vor ihre Augen, sie wankte, und wäre zu Boden gestürzt, wenn der Rittmeister sie nicht aufgefangen hätte. Er hielt sie fest umschlungen und halb bewußtlos lag sie in seinen Armen. „Elsie," flüsterte er leidenschaftlich, „ich schwöre, daß ich Sie liebe, wahnsinnig liebe — verzeihen Sie mir, wenn ich Sie verletzt habe, wenn ich unzart an einem Geheimnis Ihres Herzens rührte, das Sie selbst vielleicht noch nicht erraten haben, ich glaube an Sie — ich weiß, daß Sie Ihre Ehre, Ihren Stolz über alles hoch halten — aber Sie sind unerfahren in dieser Welt. Sie sind unvorsichtig, Sie stehen der Welt schutzlos gegenüber, lassen Sie mich Ihr Schutz sein und kein Wort des Tadels, des Zweifels und des Spottes wird Sie treffen. Ich weiß, daß der Herzog Sie liebt, ich weiß aber auch, daß der Herzog viel zu hochherzig denkt, als daß er Ihrem Glück entgegentreten wollte. Und wenn Sie den Herzog geliebt haben — in meiner Liebe werden Sie den thörichten Traum Ihres jungen, unerfahrenen Herzens vergessen. Elsie, meine geliebte Elsie, darf ich mit der Herzogin sprechen, Ihrer mütterlichen Beschützerin?" Er beugte sich zu ihr nieder, um sie zu küssen. Da entriß sie sich seinen Armen und stieß ihn zurück. Der Trotz ihrer Kindheit überkam sie wieder. Sie wollte sich nicht zwingen lassen, sie wollte selbst um den Preis einer ehrenvollen, gesicherten Zukunft ihr Herz, ihre Liebe nicht verkaufen. Sie fühlte sich stark genug, der Welt, der Gesellschaft die Stirne zu bieten, sie wollte sich nicht selbst aufgeben, sie wollte ihr Herz, ihre Liebe, ihr höchstes Heiligtum nicht selbst verraten. „Ich weiß nicht," sprach sie mit tiefer, bebender Stimme, „was Sie alles gesprochen haben. Nur das Eine hörte ich aus Ihren Worten heraus, daß Sie mich für schwach und am Ende gar für ehrlos halten." „Elsie!" 150 „Ich gab Ihnen und der Welt keine Veranlassung zu einer solchen Meinung," fuhr sie stolz, mit immer fester werdender Stimme fort, „und ich werde Ihnen und der Welt niemals Veranlassung geben. Meine Ehre weiß ich selbst zu schützen, ich gebrauche niemand dazu, am wenigsten einen Mann, der dadurch, daß er vorgiebt, meine Ehre zu schützen, seinen Ehrgeiz befriedigen will —" „Sie sind wahnsinnig, Mädchen!" rief der Rittmeister aufbrausend. „Wir haben uns wohl nichts mehr zu sagen, Herr Rittmeister — mein Weg führt mich hier zum Schloß zurück." Sie neigte mit königlichem Stolz leicht ihr Haupt und trat in einen Nebenweg, rasch dabonschreitend. Der Rittmeister schien ihr nacheilen zu wollen. Aber er hielt sich zurück, erhob nur leicht die Hand und murmelte, während ein Lächeln seine Lippen umzuckte: „Warte nur, Du Armenhaus-Prinzessin, ich werde Dich schon noch zahm machen! Du wirst doch noch mein!" IX Elsie empfand mit bitterem Schmerz, wie der Boden ihr von Tag zu Tage mehr unter den Füßen schwand, wie ihre Stellung immer unhaltbarer wurde. Es war ihr klar, daß der Rittmeister alles aufbot, um sie zu verklatschen und sie lächerlich zu machen. Sie sah jetzt deutlich all die spöttischen Blicke, sie vernahm jetzt deutlich das heimliche Flüstern um sie her, sie empfand schmerzlich die kleinen Nadelstiche des Neides, der Bosheit. Sie durfte, sie konnte sich nicht wehren. Sie mußte in schweigendem Schmerz alles erdulden, alles über sich ergehen lassen, sie war gefangen in dem goldenen Käfig, sie konnte die Schwingen nicht frei entfalten, zum Fluge nach der lichten Höhe der Kunst, der Freiheit, des Lebens. Sie fürchtete die strengen Blicke der Oberhofmeisterin, die scharfen, beobachtenden Augen der Frau von Hannecken, das Lächeln der Hofdamen und das Aufblitzen des Hohnes in den Augen des Rittmeisters. Und vor allem fürchtete sie die gütigen, mitleidigen Augen der Herzogin, ihrer edlen Gönnerin, die jetzt so oft mit nachdenklich trübem Blick auf ihr ruhten. Oh, diese Augen, so sanft sie blickten, sie sahen Elsie doch bis auf des Herzens Grund- sie durchschauten die Seele Elsies, sie lasen ihre geheimsten Gedanken, in den tiefsten Falten ihres gequälten Herzens! Bei dem Herzog fand zu Ehren eines fürstlichen Gastes eine große Galatafel statt. Auf dem Schloßhof, in dem Flügel, den der Herzog bewohnte, herrschte ein glänzendes Treiben. Mehrere Fürstlichkeiten waren eingetroffen, alle Würdenträger der Stadt und des Staates, des Zivils und des Militärs waren zu der Tafel befohlen worden- durch das Thor des Schlosses donnerten die Equipagen, die Wache trat in das Gewehr, die Trommeln rasselten, Kommandos ertönten, die Wachen präsentierten, Diener und Hosbeamte eilten hin und her, und aus dem großen Prunksaal des Schlosses drangen schmetternd die Töne der Militärmusik. Nur in dem Teil des Schlosses, den die Herzogin- Witwe bewohnte, herrschte tiefe Stille. Die kranke Fürstin nahm an den lauten Festlichkeiten des Hofes nicht Teil- sie zog sich in ihre stillsten Gemächer zurück, wenn der Herzog Gäste bei sich sah. Auch heute ruhte sie wieder in ihrem nach dem Park hinausgehenden Boudoir, in dessen Stille und Einsamkeit kein Ton des lauten, glänzenden Festes drang. Da sich mehrere Fürstinnen unter den Gästen des Herzogs befanden, nahmen auch die Oberhofmeisterin und die Damen der Herzogin-Witwe an dem Feste teil. Nur Elsie und die alte vertraute Kammerfrau weilten bei der kranken Fürstin. Elsie las der Fürstin vor. Sie las unaufmerksam- ihre Gedanken weilten nicht bei den Worten des Buches. Mit trübem Lächeln ruhten die Augen der Herzogin auf dem Antlitz Elsies, das in letzter Zeit eine feine Blässe angenommen hatte. „Hören Sie auf zu lesen, Elsie," sagte die Fürstin nach einer Weile. „Ich sehe, das Lesen strengt Sie an, lassen Sie uns plaudern." Elsie schrack leicht zusammen und eine tiefe Glut bedeckte ihre Wangen. Sie vermochte den Blick der milden, traurigen Augen der Fürstin nicht zu ertragen, sie senkte in heißer Scham das Haupt. „Kommen Sie zu mir, mein Kind," fuhr die Herzogin freundlich fort. „Da, setzen Sie sich zu meinen Füßen nieder — geben Sie mir die Hand und blicken Sie mir in die Augen." Elsie versuchte auszuschauen, aber sie vermochte es nicht, sie ergriff die Hände der Herzogin und bedeckte sie mit heißen Küssen. Wie eine Mutter ihr krankes Kind, so zog diese Elsie an das Herz. „Sie leiden, mein Kind, ich sehe es Ihnen an . ." „Hoheit — wenn ich Ihnen doch sagen könnte . . ." „Still, still, meine kleine, leidenschaftliche Elsie — mein kleines, krankes Singvögelchen! Es giebt Dinge in der Welt, im Leben, über die man nicht spricht, sollen sie nicht den Zauber der Reinheit, der Heiligkeit verlieren. Ich habe Sie beobachtet, Elsie. Ihr Wesen hat sich in den letzten Monaten verändert — Sie sehnen sich fort von hier, es ist Ihnen zu still, zu einsam bei mir." „Nein, nein! Oh, wie können Hoheit glauben — ich habe bei Ihnen ja erst gelernt, die Welt, das Leben zu verstehen! Wenn ich doch ewig bei Ihnen bleiben könnte!" Sie versenkte schluchzend das heiße Antlitz in den Schooß der Fürstin, die ihre Hände sanft auf den blonden Kopf Elsies legte. „Das menschliche Leben ist ein wundersames Ding, mein armes, liebes Kind," fuhr die Herzogin sanft fort. „Man bewundert uns, man beneidet uns, die wir auf den glänzenden Höhen des Lebens stehen — ach, wie oft mit Unrecht! An mir selbst sehen Sie es, wie nichtig der äußere Glanz ist. Aber ich will nicht von mir sprechen — ich habe manche Freude, manchen Schmerz erlebt. Die höchste Freude war es mir, daß ich die Liebe meines Volkes erringen durste — der höchste Schmerz, als ich zwei meiner Söhne, die auf dem Felde der Ehre, für des Volkes, für des Vaterlandes Wohlfahrt und Freiheit fielen, in die Gruft ihrer Väter senken mußte. Ein Sohn ist mir geblieben, Elsie, ein Sohn, die Hoffnung meines Volkes, meines Landes. Ich konnte es ertragen, das Leben meiner Söhne dem Vaterlande zu opfern, ich würde es nicht ertragen können, den letzten meiner Söhne zu verlieren, den letzten unseres tausendjährigen Geschlechtes seinem hohen Beruf, seiner Pflicht untreu werden zu sehen. Elsie, das Leben des Fürsten ist reicher an Opfern, als das Leben gewöhnlicher Sterblicher. Ihr Leben gehört nicht den Fürsten, ihr Leben gehört dem Staate, dem Volke, dem Vaterlande. Sie müssen ihr Leben opfern in heißer, blutiger Schlacht — auch die anderen Söhne des Landes opfern ihr Leben in dem Kampfe für das Vaterland, die Fürsten müssen aber ihr Leben, ihr Wünschen, ihr Hoffen und ihr Lieben jeden Tag zum Opfer bringen, denn die Pflicht steht höher als das Leben, als das Wünschen, das Hoffen und das Lieben." Elsie weinte heiße, schmerzliche Thränen. Sie wußte, weshalb die edle Fürstin so zu ihr sprach, und sie sah ein, daß die Abschiedsstunde geschlagen hatte. Die Herzogin streichelte sanft Elsies blondes Haar. „Mein armes Kind," flüsterte sie weich, „Sie werden vergessen und vergeben. Sie sind ja noch so jung. Ich werde für Sie sorgen, ich werde Ihnen die Wege ebnen, auch wenn Sie nicht mehr bei mir sind, wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile. Es fällt mir schwer, Elsie, mein Kind, mich von Ihnen zu trennen. Der Himmel hat mir keine Tochter geschenkt, Sie waren mir eine Tochter — und doch muß ich mich von Ihnen trennen. Weinen Sie nicht so, ~ ist - zivilisierten Völker geworden ist. Und wenn alle Völker dieser Erde ihn vergessen würden, so müssen doch der Tautropfen im Grase und der Regenbogen am Himmel die Verkünder seines Ruhmes sein, denn zu seinen Lebzeiten bannte er die Lichtstrahlen in seine Dienste und brach sie nach seinem Willen, wie das Sonnenlicht sich bricht nach dem Willen seines Gustav Robert Kirchhoff war zu Königsberg, der Universitätsstadt am Pregel geboren. Sein Vater war daselbst Justizrat, ein stiller, ernster Mann, und seine Mutter, deren er stets mit aufrichtiger Pietät gedachte, war eine geistig aufgeweckte, lebhafte Frau. Seinen ersten Schulunterricht empfing Kirchhoff' im kneiphöfischen Gymnasium seiner Vaterstadt, von welchem er mit achtzehn Jahren, versehen mit dem Zeugnis der Reife, abging, um sich an der Albertus- universttät daselbst dem Studium der Mathematik und der Physik zu widmen. Er war so glücklich, den Vater und Nestor der neuen theoretischen Physik Franz Neumann und den berühmten Mathematiker Richelot zu seinen Professoren zählen zu können. Des ersteren Einfluß auf Kirchhoffs Vorlesungen und Forschungen blieb bis in die späteste Zeit bemerkbar, des letzteren Tochter Clara wurde 1857 Kirchhoffs Schöpfers. Nichts außergewöhnliches in Kirchhoffs Leben entsprach der Außergewöhnlichkeit seines Genies- seine Laufbahn unterschied sich fast in nichts von der gewöhnlichen eines deutschen Universitätsprofessors. Die großen Ereignisse vollzogen sich bei ihm lediglich in seinem Geiste. Als 21jähriger Jüngling schon brachte er seine erste Arbeit „lieber den Durchgang der Elektrizität durch Platten» in die Oeffentlichkeit. Mit 23 Jahren machte er sein Doktorexamen und erhielt ein, damals selten gewährtes Stipendium, nächsten in Wernigerode zu, wo er, der stets ein warmer Naturfreund gewesen, im Kreise seiner Familie noch einmal Ausflüge im Rollstuhl machte. Körperlich gebrochen, aber noch immer geistig frisch und heiter kehrte er nach Berlin zurück. Bald erregten jedoch wiederholte Fteberanfälle die Besorgnis seiner Umgebung. Seine c rau, welche die letzten Nachte wachend an seinem Bette zugebr.-cht hatte, ruhte am I 17. Oktober 1887 morgens kurze Zeit aus; als sie erwachte 1 war sie — Witwe. Ein großer Geist und edler Mensch war I sanft und friedlich entschlafen. Ein schweres, aber schmerz- I loses Gehirnleiden hatte, der Aussage der Aerzte nach, seinem I Leben ein Ende gemacht. Der Name Kirchhoff ist berühmt und unsterblich ge- I worden durch die Entdeckung der Spektralanalyse. Schon I Newton ahmte den Regenbogen künstlich durch das Prisma I nach. Wollaston gelang es sogar, die Farben des dadurch Der Entdecker der Spektralanalyse. Zum 75. Geburtstage des Physikers Gustav Robert Kirchhoff. Geboren am 12. März 1824. Von Dr. L. Ohnesorg. mein liebes Kind. Es ist das Schicksal auf Erden, daß sich i welches ihm die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Reise nach Mutter und Tochter trennen müssen." I Paris gewährt hätte, wenn nicht die politischen Unruhen chn „Oh, meine Mutter, meine Mutter!" schluchzte Elsie an der Ausführung seiner Absicht gehindert hatten. So und umschlang die Kniee der Fürstin. habilitierte er sich denn 1848 in Berlin und verweilte dort, „Ich will Ihnen Mutter bleiben, Elsie - wir sprechen bis er 1850 als außerordentlicher Profeffor nach Breslau noch weiter zusammen. Aber nun weinen Sie nicht mehr- I berusen wurde, wo gerade der berühmte Frankenheim er gehen Sie — ich selbst möchte weinen. Es muß sein, mein Ordinarius für Physik war. Ein günstiges Geschick, welches Kind, es ist zu Ihrem, es ist zu seinem besten." für Kirchhoffs Leben entscheidend wurde, führte 1851 Bunsen Sie küßte Elsie innig auf die Stirn, streichelte ihr die von Marburg nach Breslau. Der freilich nur ein Fahr blaffen Wangen und nickte ihr unter Thränen lächelnd zu. | währende geistige Verkehr mit diesem Gelehrten hatte zedoch Elsie wankte davon. Im Vorzimmer traf sie auf die I ausgereicht, beide Männer sur's Leben Wissenschaft ich und alte Kammerfrau. persönlich mit einander zu verbinden, so daß Bunsen, als „Soll ich zu Ihrer Hoheit kommen, gnädiges Fräulein?" 1854 die Profeffur für Physik frei wurde, keinen besseren fragte sie. als Nachfolger des berühmten Jolly, welcher nach München Elsie nickte ihr ein „Ja" zu und schritt wie in einem ging, vorzuschlagen wußte, als Kirchhoff. Traum befangen weiter. Kirchhoffs damalige theoretische und experimentelle Vor- Dann blieb sie plötzlich aufschluchzend stehen und lehnte lesungen erfreuten sich bereits des Besuches von Schülern das schmerzende Haupt an die kalte Scheibe eines Fensters. I aus allen Ländern, denen er nicht blos ein verehrter Lehrer So war denn der Augenblick gekommen, den sie seit Wochen | und mächtig anregender Berater, sondern auch ein warmer und Monaten gefürchtet. Sie sollte fort von hier, fort von I Freund war. Sein Vortrag war ruhig, klar, sorgsam durch- der gütigen Freundin, der hochzerigen Gönnerin, der Wohl- I dacht- kein Wort zu viel, keins zu wenig, weshalb er in thäterin, der Mutter, die ihre Jugend bewacht, die die heiß I kurzer Zeit ungewöhnlich Vieles und Reichhaltiges zu bleten aufwallende Leidenschaft ihres Herzens besänftigt, ihre Seele I vermochte. Bei seinen Vorträgen liebte er es, seine Zuhörer mit dem Edelmut, der Geduld, der Stärke der eigenen Seele I anzusehen und ihnen gewissermaßen an den Augen avzute,en, erfüllt, die ihren Ehrgeiz in edlere Bahnen gelenkt, die ihren ob sie das Vorgebrachte auch gefaßt hatten. Seine expert- Geist mit den Idealen des ewigen Leben erquickt hatte. I mentellen Demonstrationen waren stets präzise und elegant k^ortieünna solat ) ausgeführt, oft sogar durch selbsterfundene Apparate, wie (Fortsetzung folgt.) z. B. seinen Elektromotor gestützt. 1869 starb Kirchhoffs erste Frau und hinterließ ihm zwei Söhne und zwei Töchter. Schon 1868 hatte sich Kirchhoff durch Uebertreten eines Beines ein hartnäckiges Fußleiden zugezogen, welches ihn lange Zeit nötigte, auf Krücken zu gehen oder im Rollstuhl zu fahren. Das Nebel ließ später wieder etwas nach, hat ihn aber nie ganz verschont. Um Weihnachten 1872 ver- t , heiratete er sich zum zweitenmale mit einem Fräulein Louise (Nachdruck verboten.) I Brömmel aus Goslar, welche damals die Oberaufsicht in Der 12. März des Jahres 1824 soll im deutschen Volke I der Augenklinik in Heidelberg führte. Diese Ehe war zwar nicht vergessen werden, denn er brachte ihm einen seiner ge- I kinderlos aber wieder so glücklich wie die erste, so daß lehrtesten Söhne, dessen Name längst ein Gemeingut aller I Kirchhoffs Aenßerung: „ihm habe des Lebens Mai zweimal ----- 1 » ........ 1 geblüht" in diesem Sinne wahr geworden ist. Bald erhielt Kirchhoff einen Ruf an die leitende Stelle der inzwischen in Potsdam errichteten Sonnenwarte, doch der Zauber der schönen Neckarstadt und der altehrwürdigen Ruperto Carola war so mächtig, daß er den Ruf ausschlug. Erst als ihm zunehmende Kränklichkeit die experimentelle Thätigkeit mehr und mehr verleidete, gelang es der Universität Berlin, ihn nach dreimalig wiederholter Berufung im Jahre 1875 zu gewinnen. Hier eröffnete sich ihm als Profeffor der theoretischen Physik eine neue glänzende Laufbahn. 1884 daselbst zum Rektor gewählt, schlug er wegen Kränklichkeit dieses Ehrenamt aus und mußte bald auf dringendes Raten seiner Aerzte hin seine Vorlesungen aufgeben- im Wintersemester 1885/86 nahm er dieselben unter Aufbietung aller seiner Kräfte noch einmal auf — zum letzten Male. Den Sommer darauf brachte er in Baden und den 152 erhaltenen Spektrums scharf von einander zu trennen. Dieser war eS auch, der zuerst schwarze Linien im Sonnenspektrum wahrnahm- eingehender untersuchte sie dann noch der berühmte Optiker Fraunhofer, dessen Namen sie noch heute tragen. Kirchhoff interessierte sich von Anfang seiner Thätig- fett an hierfür sehr, doch gute, zur Darstellung der Fraun- hofer'schen Linien taugliche Flintglasprismen gab e5 damals noch selten. Erst 1857 erhielt Kirchhoff das erste, von Fraunhofer selbst geschliffene Flint-Prisma. Sofort machte er sich mit Bunsen an die Untersuchung der Beziehung der dunklen Linien zu den Hellen- er erzeugte ein Sonnenspektrum und betrachtete darin die von Fraunhofer mit „D." bezeichnete dunkle Linie, dann brachte er zugleich eine kochsalzhaltige Flamme in's Gesichtsfeld und erwartete die früher schwarze Linie nun hell zu sehen. Die Linie wurde aber bei Hellem Sonnenlichte nur noch dunkler. Mit den Worten: „Das scheint mir eine fundamentale Geschichte!" verließ er das Zimmer und am nächsten Tage hatte er die Ursache gefunden: Die dunklen und Hellen Linien sind nicht wesentlich verschieden- jeder Körper absorbiert genau dasselbe Licht, welches er aussendet — ist er hell auf dunklem Grunde, so erscheinen auch seine Linien hell auf dunklem Untergründe — ist er dagegen selbst schwach leuchtend, und sieht man durch ihn eine hellere Fläche, so erscheinen dieselben Linien dunkel auf Hellem Felde. Kirchhoff hatte seinen Lehrsatz von der Beziehung zwischen Absorptions- und Emissionsvermögen gesunden. Nun kam die Frage nach der Unveränderlichkeit dieser Linien. Hier kamen die Forschungen Bunsen's sehr zu gute. Es war schon lange bekannt, daß die meisten Substanzen der Lötrohrslamme, sobald sie durch deren Hitze verflüchtigt und lebhaft glühend werden, eine ganz charakteristische Färbung erteilen, Natrium eine gelbe, Lithium eine rote, Kupfer eine grüne usw. Ein Körper, der das Gelb zeigte, war also sicher Natrium. Brachte man ein Gemisch verschiedener Substanzen in die Lötrohrflamme, so war man jedoch nicht mehr imstande, durch das bloße Auge die Bestandteile in dem leuchtenden Farbengemische zu erkennen. Kirchhoff erkannte nun sofort, wie dieses möglich werden könnte, wenn man nämlich alle Strahlen in reines Spektrum räumlich auseinander legte. Die Farbe jedes Bestandteiles des Gemisches mußte dann an einer andern Stelle des Spektrums zum Vorschein kommen und somit jeder Bestandteil sofort an seiner Farbe zu erkennen sein. Er konstruierte nun einen ausgezeichneten Spektralapparat mit vier Fraunhofer'schen Flintglasprismen und vielen feinen Meßvorrichtungen. Nun erst zeigte sich, daß im glühenden und flüchtigen Zustande jeder Körper nur ganz bestimmtes, ihn unfehlbar charakterisierendes Licht aussendet. Bringr man ein Gemisch von Körpern in die Flamme, so treten im Spektralapparate die Linien jedes Bestandteiles, räumlich getrennt, nebeneinander auf, so daß man jede unzweideutig mit völliger Sicherheit erkennen kann. Alle diese Untersuchungen, welche die Grundlage der Spektralanalyse für alle Zeiten bilden, wurden im Jahre 1859 und folgenden Jahren veröffentlicht. So erschienen 1860 „Chemische Analyse durch Speklralbeobachtungen" und 1862 „Zur Geschichte der Spektralanalyse und der Analyse der Sonuenatmosphäre". Kirchhoffs Ruhm als Entdecker der Spektralanalyse lief wie ein Blitz über'n Erdenrund. Wenn man bedenkt/ daß mit Hilfe dieser Analyse z. B. Kochsalz im Gewichte von drei Millionstel eines Milligramms noch deutlich nachgewiesen werden kann, wenn man ferner bedenkt, welche geradezu verblüffenden Aufschlüsse dieselbe über das Wesen der Sonne und Sterne gewährt und ihre eminent praktische Bedeutung (in der Zuckerindustrie, beim Bessemerprozeß, zur Erkennung der Weinverfälschung, zur Unterscheidung der Farbstoffe, in der Medizin zur Analyse des Blutes usw.) in's Auge faßt, dann wird man eine Idee bekommen von der Größe Kirchhoffs, und stolz darauf fein, daß dieser große Gelehrte ein Deutscher war und den Ruhm des deutschen Volkes, als des gebildetsten der Erde, auf's neue für alle Zeiten begründet hat. G-nT-rnnützige». Das Härten der Gipsabgüsse ist ein Problem, dessen Lösung um so erwünschter ist, als Gips auf die Dauer leicht bröckelig wird. Man kann demselben eine ganz unverwüstliche Härte und Dauerhaftigkeit geben, wenn man ihn mit 2 bis 4 Prozent Eibischwurzel vermengt. Die Abgüsse sind dann so hart, daß man alle Prozeduren mit ihnen vornehmen, sie sogar drechseln, polieren und lackieren kann. Das Reinige« der Schleier. Schwarze Schleier taucht man in warmes Wasser, in welchem Ochsengalle aufgelöst ist, und spült sie dann kalt nach. Um sie zu steifen, zieht man sie durch Gummiwasser, klopft sie zwischen den Händen halb trocken und steckt sie dann auf. Weiße Schleier werden in blutwarmem Seifenwaffer gewaschen, leicht ausge- rungen, dann in kaltem Brunnenwasser nachgespült, gebläut, gestärkt und zwischen den Händen trocken geklopft, alsdann aber zum vollständigen Trocknen aufgesteckt. KesundHeitspffege. Houig als Heilmittel. Ehe man den Zucker kannte, war der Honig das einzige Mittel, die Speisen zu versüßen, sowie geringere Weinsorten zu veredeln. In der Medizin hat er schon bei den Römern seine Verwendung, sowohl bei den inneren als bei den äußeren Krankheiten gefunden und findet sie noch heute. Honig befördert die Verdauung, wirkt schmerzstillend, erweichend, verdünnt das Blut, hat eine gelinde, abführende Kraft, belebt Brust und Lungen und findet vielfache Anwendung in der Chirurgie. Mr die Küche. Vorzüglicher Pudding von Suppenfleisch. 150 Gramm Butter werden erst allein, dann mit sechs Eigelb recht schaumig gerührt, hierauf werden 620 Gramm gekochtes, kalt gehacktes Rindfleisch, ein Hering, Zitronenschale und etwas fein gewiegte Zwiebeln, Muskatnus und 100 Gramm gestoßene Semmel dazu gethan- zuletzt wird der Schnee von sieben Eiweißen (ein Eigelb bleibt zum Beiguß zurück) leicht darunter gemischt. In gut bestrichener und bestreuter Form wird der Pudding eine Stunde gekocht. Zum Beiguß werden die Heringsabfälle mit Zitronenschale in Fleischbrühe tüchtig gekocht, durch ein Sieb gegossen, mit ein wenig Rotwein und Mehl glatt gekocht und mit dem Eigelb abgezogen. Kalt mundet der Pudding vorzüglich als Pastete. Lederfuppe. Hierzu nehme man eine Kalbsleber, koche diese in siedendem Wasser eine halbe Stunde ab, wonach man sie herausnimmt, zum schnellen Abkühlen in kaltes Wasser legt und dann auf einem Reibeisen reibt. In zwei Kannen kochender Fleischbrühe thut man eine derbe Portion geschnittene Petersilie, nach Belieben ein wenig Majoran, und läßt dies zusammen aufkochen. Die Suppe wird über gerösteten Semmel- oder Brotschnitten angerichtet, und etwas Pfeffer darüber gestreut. Feine Mitgift. Erster Schnorrer: „Sag' mer, Hersch, was giebfte Deiner Tochter mit, wenn ich se soll heiraten?" — Zweiter Schnorrer: „Geb' ich ihr mit de ganze Provinz Posen!" — Erster Schnorrer: „Wie haißt — die ganze Provinz Posen?" — Zweiter Schnorer: Werd' ich D'r sagen. „Ich geh' 's ganze Jahr schnorren in de Provinzen Brandenburg, Preußen, Schlesien und Posen — werd' ich jetzt blos gehen in Brandenburg, Preußen und Schlesien, kriegst Du, wenn De wirst mei Schwiegersohn, de ganze Provinz Posen!" Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.