1899. - Ct j MM ML Mutterlicb', du heilig Amt, Vom Herrn der Ewigkeit verliehen, Die Seele, die vom Himmel stammt, Dem Himmel wieder zu erziehen! O Mutterlieb', du strenge Pflicht, Der Ewigkeit gehört dein Walten! Die Rechenschaft, vergiß sie nicht, Laß deinen Eifer nicht erkalten. O. v. Redwitz. (Nachdruck verboten.) Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) XXVI. „Wenn nur Konrad bald zurückkäme, — wenn wir ihm nur Nachricht geben könnten!" wiederholte unablässig Frau Andree. „Wozu?" fragte Martha. Ist denn nicht alles verloren, alles vernichtet, was sie an Glück mühselig gesäet und zum Blühen gebracht haben? Frau Andree findet, daß sie nicht unthätig sein dürften. Es muß doch etwas geschehen, sie will nach Leonhard forschen — aber wie? wo? Sie bedarf des Rates, der Hilfe. Sie möchte mit Dievenow sprechen, auch des entsetzlichen Menschen wegen, der ihr einen so furchtbaren Schrecken eingejagt hat,- doch Martha hat es ihr verboten. „Weißt denn Du, was man thun soll?" fragt sie verzweifelt ihre Tochter. Martha zuckt mit den Achseln. Nein, sie weiß'es nicht, sie kann nicht denken. Ihr Blick schweist ins Leere. Nur nachts, wenn sie ganz allein ist, wenn es dunkel wird um sie her, tauchen seltsame Bilder vor ihr auf, unklar, in einander verschwimmend- nur das eine erkennt sie scharf und deutlich: ein Kreuz, und auf dem Querbalken mit Flammenschrift die Worte: Dem besten Vater, Dem treuesten Gatten. Ueberall steigt das Bild vor ihr auf, überall leuchten ihr die Buchstaben entgegen, und eine Stimme flüstert ihr zu: Du hast die Lüge geschrieben, Du mußt sie auslöschen. Ja, das will sie. Mit geballter Faust schlägt sie nach dem Kreuze und trifft die leere Luft. Doch die Stimme läßt nicht Ruhe. Du mußt es thun, Du mußt es thun! — Wo kommt die Stimme her? Von außen? Spricht sie aus ihr selbst? Entsetzt greift sich Martha nach dem Kopfe. Ist denn das nicht Wahnsinn? Immer wieder. Das Bild, die Stimme. Auch am Tage läßt sie's nicht los. Die Inschrift muß weg. Es ist eine fixe Idee geworden. Allmählich wird ihr der Gedanke ganz vertraut. Sie weiß sogar, wie sie es ausführen will. Eine wahre Freudigkeit hat sie erfaßt. Seitdem der Entschluß in ihr gereift ist, hat die Stimme Ruhe gegeben. Heute abend mußte es geschehen. Sie kann nicht noch eine Nacht zubringen, wie die vergangene. Mit scharfsinniger Berechnung hat sich zurechtgelegt, was sie sagen würde, wenn man nach dem Zwecke ihres Ausgehens forschen sollte. Aber niemand fragt danach- kaum daß man, ihr Fortgehen überhaupt bemerkt. Eilig huscht sie durch die belebten Straßen. Dann mäßigt sie ihre Schritte. In der Ferne erblickt sie den Friedhof. Noch nie ist sie am Abend dort gewesen- gewöhnlich war der breite Fahrweg belebt, jetzt ist alles still und tot. Unkenntlich fast die ganze Gegend. Die Dunkelheit treibt alle Dimensionen ins ungemessene. Riesenhaft recken sich die dünnen Pappeln der Hauptallee empor. Berghoch baut sich die Kirchhofsmauer auf, ab und zu von der schwarzen Spitze einer hochaufgeschossenen Cypresse überragt von dem Dachfirste eines Grabmonumenrs. Das junge Mädchen hält einen Augenblick in ihrer Wanderung inne. Ein Schauer durchrieselt sie. Fürchtet sie sich? Lächerlich. Sie ist doch kein abergläubisches Weib, das sich scheut, nachts an einem Kirchhofe vorüber zu gehen. Um der aufquellenden Angst zu entrinnen, eilt sie vorwärts. Jetzt steht sie vor dem Thor. Nur Mut! Sie hat eine ernste Aufgabe zu erfüllen. Sie drückt auf die Klinke — Geschlossen! Sie zieht — die eisernen Stäbe klirren in den Angeln. Nur kein Geräusch machen. Sie tritt hastig zurück. Nichts regt sich. Nach einer Weile versucht sie's noch einmal — vorsichtiger — erst an dem großen Thor, dann an beiden Nebenthüren — alles verschlossen. Was soll nun werden? Warten, sie muß warten. Da ist nichts zu überlegen. Nach Hause zurückzukehren, ohne ihren Plan ausgeführt zu haben, erscheint ihr so unmöglich, daß sie es gar nicht in Erwägung zieht. Also warten. Es wird so spär Tag jetzt. Sobald die Pforten geöffnet sind, wird sie sich hineinschleichen. Sonderbar. Es graut ihr nicht einmal vor der langen Nacht, 454 die sie vor sich hat. Sie lehnt sich in eine Nische und schließt die Augen. Es ist kalt/ eine unangenehme nasse Kälte. Aber ihr Mantel ist warm. Sie hüllt sich fest ein. Plötzlich fährt sie von Frost geschüttelt auf. Sollte sie gar geschlafen haben? Die Nacht ist tiefer hereingesunken. Altes schwarz ringsum. Vorhin hat sie wie eine Reihe gelber Punkte die Laternen der Vorstadtstraße zu unterscheiden vermocht. Jetzt nichts mehr. Alles still. Kein Laut — außer, wenn der Nachtwind durch die Pappeläste streicht. Plötzlich ein dumpfes Geräusch in der Ferne. Räderrollen. Unweit der Mauernische, wo sie sich verbirgt, hält ein Wagen. Ein Mann steigt aus. Er geht denselben Weg, den sie vorhin zurückgelegt hat. Jetzt hat sie ihn aus den Augen verloren. Die Dunkelheit ist zu dicht. Sie steht nicht, daß er, wie sie selbst, die Thore zu öffnen versucht, nach dem Glockenzug greift, die Hand wieder zurückzieht und langsam und unschlüssig den Weg, den er gekommen ist, wieder zurückgeht. Jetzt ist er wieder ganz in ihrer Nähe. Aus seinen Bewegungen erkennt sie, daß er forschend um sich späht. Wenn er sie hier entdeckte! In kopfloser Angst verläßt sie ihr schützendes Versteck und läuft fort. Er ihr nach. Sie verdoppelt ihre flüchtigen Schritte, ihre Knie wanken, immer geringer wird der Abstand zwischen ihr und ihrem Verfolger. Jetzt faßt er einen Zipfel ihres flatternden Gewandes, sie strauchelt — der Hammer entgleitet ihren Händen und fällt zu Boden. Mit Hast greift sie danach, er kommt ihr zuvor. Und jetzt, da sein Gestcht dem ihren ganz nahe kommt, erkennt sie ihn: es ist Konrad, ihr Schwager. „Wozu der Hammer?' fragt er streng. „Du haft kein Recht,' mich darum zu fragen." „Das habe ich/ und jeder, der es gut mit Dir meint," spricht er ernst und hält sie am Arm fest, weil er bemerkt, daß sie sich bemüht, ihm zu entschlüpfen. „Du meinst es nicht gut," schreit sie. „Sonst hättest Du nicht zugegeben, daß wir diese lügenhafte Inschrift aufs Grab setzten. Aber sie muß weg — eher habe ich keine Ruhe." Jetzt hat er die Bestätigung dessen, was er geahnt hat, und dabei sieht sie ihn mit ihrem unsteten Blick feindselig und scheu zugleich an. Keine Spur von Verwunderung, daß er wieder da ist, den sie noch weitab an der Riviera glaubt/ keine Spur von Verwunderung, daß er hier gesucht und gefunden, während er sich selbst närrisch gescholten, weil er nach seiner Ankunft Marthas Fehlen und die Erzählungen Frau Andrees über deren seltsames Benehmen sich zusammenreimend und einer merkwürdigen Ahnung folgend, hier herausgeeilt war. Und nun ihr seltsames Gebühren/ die unheimlichen Augen. Sollte sie den Verstand verloren haben? Ist das Wahnsinn? fragt er sich schaudernd/ und plötzlich fällt ihm ein, daß er gehört hat, man thue am klügsten, wenn man anscheinend auf die Ideen der Irren eingehe. „Natürlich," sagt er ruhig. „Der Stein muß fort. Das ist selbstverständlich." „Das findest Du auch?" Ihr Gestcht nimmt einen triumphierenden Ausdruck an. „Aber nicht so," fährt er sanft fort. „Nicht nächtlicherweile, wo jeder Wächter, der Dich ertappt, Dich zur Rechenschaft ziehen könnte. Was Du vorhast, ist nichts Ungesetzmäßiges. Du hast den Stein gesetzt, Du darfst ihn entfernen lassen." Marthas Augen leuchten. „Das darf ich?" „Das darfst Du, gewiß. Hat Dir Dievenow das nicht auch gesagt?" „Ach der — der," spricht sie verächtlich. -Jetzt komm!" Konrad geleitet sie nach der Droschke. Sie kann sich kaum fortschleppen und läßt alles ruhig mit sich geschehen. Schweigend sitzt sie an seiner Seite, fest in ihren Mantel gewickelt. Sie stellt keine Frage/ nur einmal flüstert sie: „Morgen werden wir das anordnen, nicht wahr, morgen?" Am nächsten Tage liegt sie von Fieber geschüttelt in ihrem Bette. XXVII. Wmige Tage vor Neujahr wurde Helmut Dievenow die Stelle als technischer Direktor der Aktiengesellschaft, in deren Dienste er stand, angeboten. Eine glänzende Stellung, gut bezahlt, selbständig/ alles, wie er nur wünschen konnte. Und doch zögerte er, den Kontrakt zu unterschreiben. Das Leben im Orte war ihm nach den letzten Ereignissen unerträglich geworden. Er mochte sich nicht mehr blicken lassen. Ueberall fürchtete er, daß der Name seines unglücklichen Schwagers an sein Ohr dringe. Die Verlobung auszulösen, wie es ihm Martha in der ersten überquellenden Bitterkeit vorgeschlagen hatte, daran dachte er nicht. Weniger, weil sein Herz Einspruch erhaben hätte: seine Liebe war unter der Last von Widerwärtigkeiten angesichts der Zurückhaltung seiner Braut merklich abgekühlt. Es war mehr sein Ehrgefühl, das sich sträubte, seine Verlobte im Unglück zu verlassen. Seine Wünsche gingen nach einer andern Richtung: er wollte die Hochzeit möglichst beschleunigen und dann weit fort von hier sich eine neue Zukunft gründen. Natürlich mußte er, ehe er einen entscheidenden Schritt that, der Zustimmung seiner Braut gewiß sein. Und nun war Martha krank. Eine heftige Erkältung verbunden mit der starken Gemütsbewegung hatte sie aufs Lager geworfen. Sie fieberte und phantasierte, und der Arzt befürchtete anfangs, daß eine schwere Krankheit im Anzuge sei. Doch das Fieber sank schnell, das Befinden besserte sich, und jetzt war nur noch eine große Mattigkeit und Schwäche zurückgeblieben. Sie bedurfte großer Schonung und wich bet seinen kurzen Besuchen jedem eingehenderen Gespräche mit ihm geflissentlich aus. Sie berührte nur gleichgültige Dinge und behandelte ihn wie einen Fremden. Aber einmal mußte die Frage der beiderseitigen Zukunft doch erörtert werden. Die Zeit drängte/ er mußte sich entscheiden. Er hatte sich überlegt, auf welche Weise er ihr am schonendsten beibringen könne, warum er sich um eine Stelle in einer andern Stadt bemühen wolle. Eigentlich lag es doch klar auf der Hand. Aber Martha hatte zuweilen eine so seltsame Art, ihn nicht zu verstehen und ihn reden zu lassen, wo sie ihm doch halbwegs hätte entgegenkommen müssen. Sie saß in einem Lehnstuhl, die weißen Hände ruhten müßig im Schoß. Wie bleich und schmal sie geworden war! Das Oval ihres Gesichtes hatte sich in die Länge gedehnt, die Röte der Gesundheit, die ihr so gut gestanden, war von den Wangen gewichen. Vor ihr auf dem Tische lag eine Zeitung. Unwillkürlich streiften seine Augen das aufgeschlagene Blatt, während er Martha begrüßte. „Steckbrief gegen den flüchtigen Leonhard Andree," las er. „Also doch!" murmelte er und biß die Zähne zusammen. Seine Bewegung war ihr nicht entgangen. Sie zuckte mit den Achseln. „Man mußte auch darauf vorbereitet sein," meinte sie ruhig. „Trotz aller meiner Bemühungen beim Kommando!" fuhr er erregt fort. „Warum sollte man auch eine Ausnahme machen," bemerkte sie gleichmütig. „Und es geht Dir gar nicht nahe, den Namen Deines Bruders in den Zeitungen, in einem Steckbriefe zu lesen?" „Ich kann es nicht ändern." Er fühlte nicht, daß diese Resignation das Ergebnis unzähliger bitterer Herzenskämpfe war. Er faßte sie auf als eine Art moralischen Stumpfsinns. 455 — «Nun — ich bin froh, daß Du die Sache so leicht nimmst," meinte er, doch der scharfe Zug um den Mund strafte seine Worte Lügen. Sie antwortete nicht. „Ich kam, um D-r einen Vorschlag zu machen," begann er nach einer Weile wieder. „Mir ist, wie Du weißt, die Stelle eines technischen Direktors an unserer Fabrik angeboten worden. Nach reiflicher Ueberlegung habe ich beschlossen, sie auszuschlagen. Es wird mir gelingen, anderweitig eine Stellung zu finden, die jedenfalls den Vorzug hätte, uns in eine fremde Umgebung zu versetzen, was Dir wohl auch wünschenswert erscheint." Er hielt inne. Sie blickte nieder auf ihre verschränkten Hände und erwiderte nichts. „Der Makel, der nun einmal an Deinem Namen haftet," fuhr er etwas zögernd mit gedämpfter Stimme fort, „läßt sich nicht wegwischen. Das einzige Mittel, ihm zu entgehen, ist, daß wir anderswo in Deutschland unser Heim gründen. Ich habe nichts in Aussicht, aber wenn wir Geduld haben und unsere Ansprüche mäßigen, werden wir bald etwas finden. Bist Du einverstanden?" „Nein," sagte sie leise, aber bestimmt. „Ich werde die Mutter nicht verlassen und kann das Opfer von Dir nicht annehmen." „Du mißverstehst mich," unterbrach er sie erschrocken. „Ich mache Dir keine Vorwürfe —" //Ich weiß — ich weiß," flüsterte sie matt. „Es ist auch nicht die Antwort auf das, was Du mir mitgeteilt hast. Mein Entschluß, Dich um die Auflösung unsrer Verlobung zu bitten, war längst gefaßt. Ich suchte nur eine Passende Gelegenheit — und — es fehlten mir die Kräfte zu einer Aussprache. Ich bin noch so schwach — machen wir nicht viel Worte — gieb mich frei —" //Nein, Martha," erwiderte er, „das möchte ich nicht. Es wäre nicht ehrenhaft gehandelt. Jedermann würde mich verdammen." „Die meisten werden Dich ■ nur zu gut verstehen," bemerkte sie ohne Bitterkeit. „Um sich über vieles hinwegzusetzen, müßte man sich viel mehr lieben, wie wir beide es thun. Widersprich mir nicht," setzte sie, seiner Antwort zuvorkommend, schnell hinzu. „Es ist besser, wir sind vollständig aufrichtig." In Helmuts Jnnerm stritten Großmut und der Rest von Zuneigung, die er noch für seine Braut empfand, mit der Freude, so vieler Unannehmlichkeiten und Widerwärtigkeiten mit einemmale ledig zu sein. „Gieb mir Deine Hand, Helmut. Laß uns als gute Freunde scheiden. Besser als unser lebelang mit künstlich «ufgcwärmter Empfindung nebeneinander hergehen. Wenn ich Dich sehr liebte, wäre ich vielleicht schwach genug, Dein Opfer anzunehmen. Aber für eine so mattherzige Braut ist der Kaufpreis wahrlich zu hoch." Er stand zögernd da, die Hand auf die Tischplatte gestützt, den Blick auf den glänzenden Goldreif an seinem Finger gehestet. Martha streifte ihren Ring ab und legte ihn aus den Tisch. „Hier," sagte sie sanft. „Und nun noch eine Bitte, die letzte — Was weißt Du über meinen Vater? Ich Möchte endlich klar sehen,- — und ich kann jetzt alles hören." Er zögerte nicht lange. In der peinlichen Situation empfand er den Wechsel des Gesprächthemas als eine augenblickliche Erleichterung. Er stimmte ihr zu/ es sei besser, daß sie die volle Wahrheit wisse. Aber sie in Worte zu fügen, war nicht so leicht. „Dein Vater hat, ehe er sich das--ehe er aus dem Leben schied, das Vermögen des jungen Schweden durchge — verausgabt." „Olaf!" schrie Martha. „Und er? Und dann?" „Und dann?" wiederholte Helmut befremdet. Er verstand die Frage nicht. „Was that Olaf? Was wurde aus ihm?" „Ziel gab ihm die Mittel zur Beendigung seiner Studien, und nun steht er auf eigenen Füßen — soviel ich weiß —" Martha faßte sich an den Kopf. In ihr wogten Gedanken und Gefühle, die sich wie schäumende Wellen überstürzten. Jetzt wurde ihr alles klar: Olafs abschiedsloses Verschwinden. Alles, was er zu ihr gesagt bei dem letzten Wiedersehen. Olaf hatte sie geliebt,- sie hätte glücklich werden können! wenn nicht ihr Vater — wieder ihr Vater — — Olaf war nicht schlecht, Olaf war edel. Alles was sie zu ihm gesagt, waren Ungerechtigkeiten, zu denen er geschwiegen, großmütig geschwiegen. Und auch Konrad hatte geschwiegen und hatte gehandelt für sie alle. Aber lieber wäre es ihr gewesen, sie hätte alles früher gewußt, dann wäre die ganze Episode, die jetzt ihren Abschluß fand, ungelebt geblieben. So wirr stürmten ihr die Gedanken durchs Gehirn, daß sie nur wie im Traume sah, daß Helmut seinen Ring in ihre Hand zurücklegte und langsamen Schrittes aus dem Zimmer ging. (Fortsetzung folgt.) Vom Monat August. August 1899. Der Erntemonat August bringt für Wildbretfreunde eine größere Bereicherung des Speisezettels. Wildenten und Wildgänse, deren Saison bereits im Juli begann, erlangen ihre eigentliche Güte erst nach der Ernte, nachdem sie sich auf den Stoppeln der abgeernteten Felder gütlich gethan und gemästet haben. Das Ende des Monats bringt uns das geschätzteste Federwild, das Feld- oder Rebhuhn. Dieses zierliche, muntere Tierchen hat sich allenthalben die Achtung der Feinschmecker und Wtldliebhaber erworben. Klein aber ausgiebig, zart und doch kräftig, ist sein Fleisch saftig aber nicht fett, besitzt einen eigentümlich balsamtsch bitterlichen Geschmack und ist nicht nur ein köstlicher Bissen für die Tafel der Feinschmecker, sondern auch eine gute und zuträgliche Abwechslung für den Kranken- und Rekonvaleszententisch. Die jungen Rebhühner werden für die Tafel kunstgerecht gespickt, oder mit Speck umwunden, in Weinblatthülle gebraten, auch gedämpft mit Rotkohl oder mit Reis gegeben. In höherem Alter finden sie noch zu Suppen oder Salmt Verwendung. Da das für die Tafel mit Speck und andern pikanten Beigaben zubereitete Rebhuhn für den Magen eines Rekonvaleszenten unzuträglich ist, so wird das junge Huhn gerupft und gesäubert, mit feinem Salz eingerieben, in reichlich heiße Butter gelegt, zuerst auf der Brust und dann auf dem Rücken, unter fleißigem Begießen mit heißer Butter, gebraten. Während des Bratens gieße man nach und nach etwas heißes Wasser an. Sobald es gar ist, entfettet man die Sauce, macht sie mit etwas Kartoffelmehl bündig, kocht eine Messerspitze Liebig's Fleisch-Extrakt, die der Sauce einen köstlichen Wohlgeschmack verleiht, damit durch und giebt diese dazu. Mit Reh-, Rot- und Damwild ist der Markt gut versorgt, da durch das Abernten der Felder, den Schutz des hoben Getreides entbehrend, der Abschuß des heraustretenden Wildes erleichtert ist. Auf dem Fischmarkt herrscht Sommerstille. Lebende Hechte, sowie Zander und Schleien sind knapp, dagegen sind Forellen für dieses Jahr sehr reichlich. Mit Seefischen werden wir durch unsere Großhandlungen aufs beste versorgt, Krebse bleiben nach wie vor gut und preiswert. Vorzüglich ist jetzt das junge Geflügel, das sich von den reichen Ernte-Abfällen gut genährt hat. Enten werden im Preise hochgehalten,- Gänse sind aus dem Junggeflügelstadtum heraus, und man findet schon recht gut befleischte feiste Tierchen. 456 Der Gemüsemarkt bietet wenig Ueberraschung, alles liegt in Vollendung und sommerlicher Reife vor uns. Schnitt- und Wachsbohnen sind von empfehlenswerter Güte, und besonders sind es die Wachs- oder Brechbohnen, die jetzt für Salat und Gemüse bevorzugt werden. Einfach und sehr schmackhaft ist folgende Zubereitung: Die Bohnen werden abgezogen, in fingerlange Stücke gebrochen und in Salzwasser gekocht. Alsdann schwenkt man sie mit 100 Gramm Butter, 10 Gramm Liebig's Fleisch-Extrakt und zwei Löffeln gewiegter Petersilie solange über dem Feuer, bis sie Fett und Fleische Extrakt aufgesogen haben, würzt sie mit wenig Pfeffer und giebt sie zu Tisch. Gute Schoten halten gute Preise, während Kohlrabi und Blumenkohl billig sind. Wirsing oder Welschkohl ist schon in fester, guter Ware zu haben, und in noch nicht großen aber festen Köpfen kommt Weiß- und Rotkohl reichlich zum Markt. Das Interesse der Marktbesucher hängt vielfach nur an der Gurke. Die saftig feinen Salatgurken aus den Frühbeeten sind rar, dagegen sind Landgurken reichlich und im Preise niedrig, so daß im Großen an das Einlegen der Salzgurken gedacht werden kann. Pilze sind in Massen am Platze, Steinpilze, Reisker, Rotkappen, Butterpilze und ganz besonders reichlich der beliebte und immer gern gekaufte Pfifferling. Der Obstmarkt ist ungemein bunt aber nicht gerade reich, es sind jetzt alle Früchte des Jahres zu haben. Süßkirschen sind schon im Abnehmen, sie blieben teuer und auch auf eine gute Sauerkirschen-Ernte ist wenig Aussicht. Blaubeeren sind für dieses Jahr die billigsten Früchte. Beerenobst aus heimischen Gärten ist jedoch recht knapp. Aus dem Süden dagegen werden wir reichlich mit Obst versorgt. Aepfel und Birnen aus Südtirol, Pflaumen aus Ungarn, die ersten dünnschaligen Weintrauben aus Istrien und Bozen, Aprikosen aus Ungarn und Pfirsiche aus Oberitalien prangen in den Delikateß-Läden. Tomaten sendet uns das Tokaier Gebiet in hochroten prächtigen Früchten. Die Tomate liefert eine anerkannt feine Suppenwürze, namentlich aber unübertreffliche Sauce. Unseren deutschen Hausfrauen ist ihr Wert weniger bekannt, während der Südländer diese herrliche Frucht auf seiner Tafel nicht misfen will. Der Kenner weiß, daß das mittelmäßigste Fleisch durch Tomatensauce zu einem wahren Leckerbissen werden kann. Zu einer wohlschmeckenden Sauce schneidet man sechs große reife Tomaten durch, legt sie nebst 30 Gramm rohem, würfelig geschnittenem Schinken und einer Zwiebel in 50 Gramm zerlassene Butter und schwitzt sie darin durch. Dann giebt man etwas gemischtes Gewürz, 40 Gramm Mehl und */2 Liter kochendes Wasser dazu, fügt Salz und 8 Gramm Liebig's Fleisch-Extrakt hinzu und kocht die Sauce langsam 40 Minuten. Alsdann streicht man die Sauce durch, giebt einen Theelöffel Zitronensaft, eine Prise Zucker und Pfeffer daran und rührt sie, wenn man will, noch mit einem Eigelb ab. Auch als Gemüse mit Fleischfarce gefüllt oder als Salat ist die Tomate ebenso vorzüglich. An frischen Kräutern giebt es meist 'nur Theekräuter, zahlreiche Büsche blühenden Absynthes oder Wermut, die an die Bitterkeit des Lebens erinnern, wie überhaupt der Kräutermarkt im August groß an Bitterkräutern ist. Ein artiger Freier. ------- (Nachdruck verboten.) Der alte Herr hatte, im Grunde genommen, gegen den jungen Mann als Schwiegersohn nichts einzuwenden, aber er war einer jener alten Herren, die immer etwas einzuwenden haben, um dann ihre Einwilligung zu geben, mit der Würde von Leuten, welche eine ganz besondere Gunst zu verleihen haben. Als der junge Mann seinen Besuch machte, war er vorbereitet. „So", rief er grimmig, noch ehe der Freier ausgesprochen hatte, .Sie wollen meine Tochter heiraten? was? und ich soll dazu meine Einwilligung geben?" Der junge Mann erwiderte sehr kühl: — „Das habe ich nicht gesagt". Der alte Herr schnappte nach Luft: „Aber Sie wollten es doch sagen?" „Wer sagte Ihnen, daß ich das wollte?" fragte der andere, der sich seines Vorteils bewußt war. „Aber Sie wollen doch, daß ich Ihnen gestatte, sie zu heiraten, nicht wahr?" „Nein". „Nein!" rief der alte Herr, und fiel beinahe vom Stuhl. „So sagte ich". „Was zum Teufel wollen Sie dann aber?" „Ich wünsche, daß sie Ihre Einwilligung geben", erwiderte der Jüngling liebenswürdig. „Ich heirate fie zwar auf jeden Fall; aber wir meinten, Ihre Einwilligung würde unsere Ehe angenehmer einleitcn". Der alte Herr bedurfte einer Minute, um der Situation Herr zu werden. Dann streckte er die Hand aus. „Gieb mir die Hand, mein Junge", sagte er, „ich habe mich nach einem Schwiegersoh < umges>hen, der etwas Mut hat, und ich glaube, du entsprichst den höchsten Anforderungen". Gemeinnützigem Wasserdichtmache« von Leder. Zum Wasserdichtmachen von Leder wird folgendes Gemisch empfohlen: Kautschuk 100 Teile, Petroleum 100 Teile, Schwefelkohlenstoff 100 Teile, Gummilack 400 Teile, Beinschwarz 200 Teile, Alkohol 200 Teile. Man läßt den Kautschuk in einem geschlossenen Gesäße mehrere Tage lang mit dem Schwefelkohlenstoff stehen, giebt dann das Petroleum, den Alkohol und den Gummilack (letzteren als feines Pulver) hinzu und läßt das Gemisch an einem 50 bis 52 Grad Celsius warmen Ort so lange stehen, bis es klar geworden ist. Man giebt dann das Beinschwarz hinzu und füllt den fertigen Firnis in gut verschlossene Gefäße ab. Ob er sich auch zu Stiefelschmiere eignet, müßte ein Versuch lehren) jedenfalls thut man gut, wenn man zu dem Zwecke sich erst eine kleine Probe anfertigt. Iür die Küche. Bei großer Hitze einen kalten Trunk zu nehmen, erweckt zwar momentan ein Gefühl der Befriedigung, ist aber der Gesundheit nicht zuträglich, in vielen Fällen sogar schädlich. Die beste Labung ist eine mäßig warme Bouillon, welche nicht nur den Durst besser löscht, sondern auch die Nerven angenehm anregt. Fügt man noch einige Tropfen Maggi hinzu, so erhält maw ein ganz vorzügliches Getränk. Hammelz««gen mit dicken Bohnen (Sandohnen). Die gesäuberten, mit Salz abgeriebenen Zungen werden mit einem Kräuterbeutelchen in Salzwasser weich gekocht, in kaltem Wasser abgekühlt, abgezogen und einstweilen beiseite gestellt. Die ausgehülsten Bohnen (etwa 1 Liter) kocht man in Salzwasser halb weich, röstet in gutem Fett eine feingeschnittene Zwiebel und einen gehäuften Kochlöffel Mehl blaßgelb, verdünnt mit der Zungenbrühe, giebt die abgegosfenen Bohnen dazu und kocht sie mit einem Sträußchen Bohnenkraut, etwas weißem Pfeffer und dem noch nötigen Salz weich, aber nicht breiig. Das Gemüse kräftigt man mit etwas „Maggi" und giebt es zu den Hammelzungen, die man inzwischen halbiert, gesalzen, etwas gepfeffert, in Ei und Reibbrot gewendet und in heißem Schmalz überbacken hat. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schcn UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießm.