1899. y tA'Noli. öl CSS en ■ÄM ttOSieli .Jgs/te Welt benutzt dich, wo sie kann, tfyf Und wirft dich, abgenutzt bei Seite, ZM Drum gilt es, daß als rechter Mann Du dich bewährst, mit ihr im Streite; Und um dein Recht nicht zu vergeben, Mußt du auch, sie zu nutzen, streben. Stelter. (Nachdruck verboten.) Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) Er glaubte nicht, daßHsie auf diese Zwischenfrage eine Antwort erwarte, aber sie sprach nicht weiter, und so antwortete er schließlich, ihr voll ins Auge sehend: „Ja, gnädige Frau, so sagte ich." Sie wiederholte ihre Worte noch einmal, diesmal schneller ohne die scharfe Betonung: „Da Ihr es so wünscht, und da der Herr Rechtsanwalt die Inschrift schön und wahr und nicht zu überschwänglich findet, so bin ich einverstanden." „Abgemacht!" rief Leonhard befriedigt, „und morgen werde ich gleichfalls alles bestellen, damit Du keine Mühe damit hast. — Wie sonderbar die Mama manchmal ist," meinte er später. „Haben Sie das nicht auch bemerkt, Herr Rechtsanwalt? — ganz anders als sonst." „Ja," bestätigte Ziel. Er hatte dieselbe Beobachtung gemacht und sann nun über die Gründe der auffallenden Veränderung nach. Ohne allen Erfolg. So oft er in der folgenden Zeit mit Frau Andree zusammenkam — und das geschah häufig genug; — so oft er ihr seine Hilfe anbot, die entweder mit freundlicher, aber kühler Höflichkeit abgelehnt oder mit derselben lauen Freundlichkeit angenommen wurde, nie kam er Dorothea auch nur um einen Schritt näher. Er sah, was jeder andere unbeteiligte Zuschauer auch sehen konnte, daß sie sich mit überraschender Energie durchkämpfte, äußerlich immer gleichmäßig sanft, freundlich, unnahbar. Was in ihrem Innern vorging, war ihm und allen anderen ein Buch mit sieben Siegeln; ob sie überhaupt ein verborgenes Seelenleben führte, oder ob sich ihre Gedanken, Hoffnungen und Besorgnisse einzig um das tägliche Brot, die Wirtschaft und die günstige oder ungünstige Entwicklung ihrer Fremdenpension drehten, niemand wußte das zu sagen. — Ihr Gesicht hatte von jeher einen reinen, etwas strengen Schönheitsthpus gehabt. Diese Strenge trat mit der Zeit schärfer hervor; das runde Kinn, die vollen Lippen zeigten härtere Konturen; nur die Augen schauten noch immer mit demselben frommen, fragenden Kinderblick in die Welt. VIL Die Wohnung des Rechtsanwalts Ziel lag an einer belebten Straße mitten im Stadtilmern, verbunden mit der Expedition, die Ziel und Andree gemeinschaftlich inne gehabt hatten. Das Haus, ein altes Geschäftshaus mit großem Laden im Erdgeschoß, mit rußigen Höfen und dunkeln Treppen sah von außen recht wenig einladend aus; um so behaglicher war die Wohnung selbst eingerichtet, besonders die Zimmer nach vorn heraus, der Salon, das Speisezimmer mit Butzenscheiben und schweren kantigen Eichenstühlen und vor allem das Studierzimmer mit seinem dicken Teppiche und den kostbaren Portiören. Auf breiten Borden standen feingeschliffene Gläser, alte Krüge und Humpen, seltenes Porzellan, Trink- hörner und Jagdgerätschasten. Zwischen den beiden Fenstern ein riesiger Schreibtisch, an der linken Wand ein niedriger Divan mit kostbarem weißen Eisbärfell. Sämtliche Möbel gediegen und prächtig zugleich; die Tapeten fein abgetönt, jeder einzelne Kunstgegenstand mit Sorgfalt und Verständnis ausgewählt und aufs vorzüglichste von Ziels musterhafter Wirtschafterin imstande gehalten. Es war gegen Abend. Ziel saß an seinem Schreibtische und stützte den Kopf in die Hand. Er war müde und abgespannt. Den ganzen Tag hatte er keine Ruhe gehabt: Arbeit, Unannehmlichkeiten, Sorgen; dazu ein Besuch nach dem anderen. Jetzt sollte alles abgewiesen werden. Auch darin konnte er sich auf Frau Teichgräber verlassen. Sie befolgte genau seine Befehle und wußte anderseits, für wen etwa eine Ausnahme zu machen sei. „Ich glaube nicht, daß der Herr Rechtsanwalt so spät —" hörte er jetzt die Alte im Vorsaal sagen. „Nur für ein paar Minuten." Ter Rechtsanwalt, der die Stimme erkannt hatte, erhob sich. „Bitte!" rief er hinaus. Er schloß die Thür, die nach seinem Salon führte, mit dem Schlüssel ab. Dann ging er dem Eintretenden entgegen. Es war Olaf Nansen." „Ich habe soeben gelesen, daß Ihre Sprechzeit längst vorüber ist. Umso dankbarer bin ich Ihnen, daß Sie mich doch noch annehmen. Ich werde Sie nicht lar.ge aufhalten." „Wollen Sie sich nicht setzten?" bat der Rechtsanwalt 390 — freundlich, aber mit so seltsam gepreßter Stimme, daß Olaf teilnehmend fragte: „»fehlt Ihnen etwas?" „Nein. Nein und ja — ich bin überarbeitet und abgespannt." „Da ist es eigentlich unverantwortlich, daß ich Sie jetzt noch in Anspruch nehme." Ziel widersprach. „Es ist mir sogar lieb, daß Sie kommen. Morgen würde ich Sie schriftlich um Ihren Besuch gebeten haben." „Wahrscheinlich in derselben Angelegenheit. Sie wissen, daß I)r. Andree auch nach meiner Mündigkeit mein Vermögen verwaltet hat, es war bei ihm besser aufgehoben, als bei mir. Nicht wahr?", Der Rechtsanwalt antwortete nicht. Er spielte zerstreut mit dem Federhalter, und der junge Mann fuhr fort: „Regelmäßig zum bestimmten Termin gab er mir die Zinsen, soweit ich sie brauchte. Nun, in der letzten Zeit" — ein kleines verlegenes Lächeln huschte über das hübsche, offene Gesicht — „in der letzten Zeit habe ich sie meist vollständig aufgebraucht. Man ist nur einmal jung. — Nicht wahr?^ „Ja — gewiß. Wie — wie steht es denn mit dem Studium?" Olaf lachte. — „Hm — so so. Bei Andrees nannten sie mich immer den ältesten Studenten. Ich werde wirklich bald 'mal an mein Examen denken müssen. Es fehlt mir nur immer die Zeit. Also was ich sagen wollte: am letzten Termin hat Dr. Andree vergessen, mir die Zinsen zu schicken. Ich schrieb ihm, um ihn daran zu mahnen. Aber er muß es wohl über den Vorbereitungen zu seiner Reise vergessen haben. Es war mir, offen gestanden, etwas fatal. Ich hatte mir gerade ein Pferd gekauft, — Sie kennen es ja, den Fuchs, den Nordhausen früher ritt- und ein kleines Diner, das ich meinen Freunden gegeben hatte, war ein bischen teuer ausgefallen. Ich schrieb deshalb nach Karlsbad, einmal, zweimal — ohne eine Antwort zu erhalten. Dann trat das schreckliche Ereignis ein, das für den Augenblick alles Persönliche zurückdrängte. Ich ließ ein paar Tage vergehen, aber nun möchte ich doch wissen, wo ich mich hinwenden soll. Sagen Sie mir, Herr Rechtsanwalt," unterbrach er sich plötzlich, „ist denn etwas Wahres an dem Gerüchte? Man erzählte nämlich in der Stadt, daß Andree seine Familie in sehr bedrängten Verhältnissen zurückgelassen habe, daß sehr wenig Vermögen vorhanden sei?" „Gar keins," sagte Ziel rauh und bestimmt. Olaf fuhr erschrocken auf, so jäh und heftig, daß der große Neufundländer, der zu Ziels Füßen auf dem Teppich ausaellreckt laa, anschlua. „Kusch dich, Sultan!" befahl der Rechtsanwalt. „Es ist, wie ich Ihnen sage," wandte er sich dann an den jungen Mann- „Andree hat gar nichts hinterlassen, nicht genug um die Begräbniskosten zu decken." „Nicht möglich!" murmelte Olaf. „Und doch leider die traurige Wahrheit." „Das ist sehr, sehr schlimm! Die armen Menschen! Was werden sie nun beginnen?" meinte der junge Mann mit mehr als oberflächlicher Teilnahme und dachte dabei an Martha. „Was würden Sie denn in einem solchen Falle thun?" fragte der Rechtsanwalt unvermittelt mit so eigentümlicher Betonung, daß Olas erbleichte. „In welchem Falle?" „In dem Falle, daß Sie plötzlich Ihr ganzes Vermögen verlören?" „Ich? — ich würde mir eine Kugel durch den Kopf jagen!" schrie Olaf wild, von einer grausamen Ahnung durchschüttelt. „Das werden Sie nicht thun," sagte der Rechtsanwalt, indem er sich erhob und Olaf gerade ins Gesicht sah, fest, befehlend, drohend, Olaf starrte ihn mit verzerrten Zügen an. — „Sie wollen doch nicht sagen?" — begann er mit stockender Stimme. Ziel ergriff die beiden Hände des jungen Mannes. „Ja, ich will es sagen. Leider bin ich dazu verdammt, es zu thun: Mit Andrees Vermögen ist auch das Ihre bis auf den letzten Heller zum Teufel gegangen." Olaf stieß, unfähig zu sprechen, ein paar unartikulierte Laute aus. Dann riß er sich los, schlug sich mit der Faust vor die Stirn und rannte wie wahnsinnig im Zimmer herum. „O, diese Schurkerei! Diese nichtswürdige Gemeinheit! Ist denn die gan,,e Welt voll von Spitzbuben und Gaunern?" Der Hund, unruhig geworden, folgte ihm. Er stieß mit dem Fuße nach dem Tiere und stürzte auf die Thüre zu. „Wohin?" rief Ziel. „Das wissen Sie." Der Rechtsanwalt hielt ihn am Arme fest. „Herr Nansen !'' sprach er befehlend. „Sie bleiben hier. Sie dürfen mich jetzt nicht verlasfen — nicht so verlassen," fügte er in verändertem Tone hinzu. „Olaf, mein armer junger Freund! Glauben Sie mir, es ist mir höllisch schwer angekommen, Ihnen diese Eröffnung zu machen — bei Gott! aber ersparen konnte ich sie Ihnen doch nicht, was? Ich kann mir ganz gut vorstellen, wie es einem zu Mute ist, der in Ihrer Haut steckt, der sorglos ins Leben stürmte und sich für reich hielt." „Der reich war," verbesserte Olaf scharf. „Der reich war," wiederholte der Rechtsanwalt, „und plötzlich erfährt, daß er nichts mehr hat." „Und weswegen? Weil seine Vertrauensseligkeit mißbraucht wurde, weil er einem Schwindler zum Opfer gefallen ist. O, daß er noch lebte, daß ich ihm das alles ins Gesicht schleudern könnte, mich rächen könnte, und sei es nur durch Worte!" „Das können Sie noch immer," sagte der Rechtsanwalt ruhig. „Sie gehen einfach aufs Gericht und beantragen den Konkurs über das Vermögen der Familie Andree." „Das werde ich". „Bekommen werden Sie natürlich nichts, denn wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Aber Sie erreichen damit, daß die ganze Stadt und vor allem die unglückliche Familie selbst die Wahrheit erfährt." „Das sollen sie auch alle, alle! Sie denken doch nicht, ich würde mich ruhig zum Bettler machen lassen, ganz heimlich. Wer bürgt mir denn dafür, daß nicht Sie — —? Sie verzeihen. Aber ich kannte den Rechtsanwalt Andree so gut, viel besser, als ich Sie kenne — und er war doch ein Schuft!" „Ich mute Ihnen auch gar nicht zu, mir auf die bloße Versicherung hin zu glauben. Ich habe die Beweise hier. Sie kennen seine Schrift?" „Natürlich." Olaf warf einen flüchtigen Blick auf die Papiere, die jener ihm vorlegte. „Ganz schön — ganz schön!" höhnte er mit häßlichem Lachen. „Da habe ich es also schwarz auf weiß, daß ich ein Bettler bin. Und nun trauen Sie mir Edelmut genug zu, daß ich nach dieser — überraschenden Entdeckung ruhig und still meiner Wege gehe und--ja was soll ich denn eigentlich nach Ihrer Meinung nun änfangen?" unterbrach er sich verzweiflungsvoll. „Wenn Sie es erlauben, und wenn Sie so weit gefaßt sind, mich anzuhören, würde ich Ihnen gern einen Rat geben." Wieder lachte Olaf. „Einen Rat ja, — das ist billig, das kostet nichts." „Einen Rat und mehr," erklärte Ziel ernst. In diesem Augenblicke klopfte es laut an die verschlossene Thür. Ziel riegelte auf. „Zum Donnerwetter!" fuhr er die Wirtschafterin an. „Hab' ich Dir nicht gesagt, daß ich nicht gestört sein wollte?" 391 „Der Knabe von gestern ist wieder da- er behauptet, er sei bestellt." Ziel stampfte ärgerlich mit dem Fuße. „Einen Augenblick nur. Sie gehen nicht fort, Olaf. Versprechen Sie's mir." Er gab dem Hunde ein Zeichen. Der legte sich vor die Ausgangsthür. Olaf lächelte bitter. „So, so, Sultan. Du willst mich am Fortgehen verhindern. Streng' Dich nicht an- ist gar nicht nötig. Den Rat und mehr können wir ja noch anhören. Es bleibt noch genug Zeit für das — andere. Scheint auch keine angenehme Unterredung zu sein da drüben," fuhr er in seinem Sinnen fort. „Vielleicht auch für den lieben Freund." „Was ist denn das für eine verfluchte Schererei," hörte er den Rechtsanwalt schelten. „So schnell geht's nicht. Sag' Deinem Vater, wenn er nicht mehr Geduld hätte, gäb's gar nichts. Womit ich nicht sagen will, daß ich überhaupt die Absicht habe, Euch zu unterstützen. Verdammte Bettelei! Nun fort mit Dir!" Damit erschien er auch bereits wieder in der Thür. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und fuhr ruhig in der unterbrochenen Unterhaltung fort: „Ich wollte Ihnen also einen Vorschlag machen. Wenn Sie es über sich gewinnen könnten, der unglücklichen Familie die Beschämung, — den nutzlosen Skandal zu ersparen, so würde ich Ihnen aus meiner Tasche die Mittel zur Fortsetzung Ihrer Studien geben- geniigende^aber bescheidene Mittel. Ich habe mein gutes Auskommen und kann angenehm leben- aber ein Nabob bin ich nicht. Wie lange würden Sie wohl brauchen, um auf eigenen Füßen stehen zu können?" (Fortsetzung folgt.) Die Konkurrenz. Eine Künstlergeschichte von Dr. D. Jrmer. ------- (Nachdruck verboten.) Der Maler Kurt Strauch befand sich in seinem Lützow- straße 150, vier Treppen hoch, belegenen, reizend ausgestatteten Atelier. Seine Laune war nichts weniger wie rosig — direkt schauderhaft. Bereits länger als vier Monde war er ständiger Gast in einer Familie, deren würdiges Oberhaupt der Gegenstand seiner ausgesuchtesten Komplimente war. Trug sich doch Kurt mit der vagen Hoffnung, daß Herr Bilecke sich und vielleicht gar auch seine bessere Hälfte, Frau Wanda, geb. Bötzow, porträtieren lassen würde. Aber wie sehr hatte er sich getäuscht- Herr Bilecke, dieser jämmerliche, allen Kunstsinns bare undankbare Mensch, hatte gestern abend in einer seiner allwöchentlich stattfindenden Theegesellschaften das Schreckliche laut verkündet. Ohne mit der Wimper zu zucken und ohne die geringste Anwandlung gesellschaftlicher Höflichkeit, hatte er der anwesenden Versammlung die lange erwartete Mitteilung gemacht, daß er sich endlich malen lasse — dabei richteten sich wie selbstverständlich aller Augen auf Kurt Strauch. Man nickte dem so Apostrophierten freundschaftlich zu. Da geschah das Unerhörte! Herr Bilecke nannte augenzwinkernd seinen Maler — o, es war zu lächerlich! — Der Maler war eine Photographin, eine jener Damen, welche die Produktion kolorierter Porträts handwerksmäßig betreiben. Also der alte Erzschelm hatte schon sein Konterfei bestellt, stolz darauf, so billig davonzukommen. Er zahlte — mit hoher Befriedigung sprach er's aus — für das nicht weniger als einen halben Quadratmeter umfassende Bild den wirklich lächerlich niedrigen Preis von fünfzig Mark. „Das macht gerade einen Pfennig für den Quadratzentimeter", hatte der gute Geschäftsmann hinzugesetzt. Mit dieser Konkurrenz konnte und wollte es Kurt nicht aufnehmen. Erschüttert bis ins Innerste ob solcher Trivialität, war er davon geschlichen- nimmermehr wollte er das unfreundliche Haus des Herrn Bilecke wieder betreten. Die Nacht, hoffte Kurt, würde ihm Ruhe und Vergessen bringen - aber der Schlaf stellte sich nicht ein. Nur ab und zu legte es sich wie Blei über seine ermüdeten Augenlider - dann trieben häßliche Träume mit ihm ein böses Spiel. Bald umgaukelten ihn kleine mißgestaltete, gnomenhafte Wesen, die an Stelle des Kopfes eine Camera obscura zeigten, aus der nur ein großes, funkelndes, rundgeformtes Auge herausleuchtete. Bald war es ihm, als ob sich aus der feurigen Oeffnung eine holde Frauengestalt loslöste, in der einen Hand hielt sie einen Momentapparat mit der Aufschrift: „Simplex", in der andern Pinsel und Palette. Dann wieder sah er sich in einem hell erleuchteten photographischen Atelier, wo eine Menge Retoucheure Photographien kolorierten. Wie in einer Fabrikwerkstätte saßen da die blassen Mädchen, dicht gedrängt, bei ihrer geistestötenden Pinselei. Plötzlich befindet er sich vor einem photographischen Schaukasten, aus dem ihm das farbenbeklexte Gesicht des Herrn Bilecke entgegengrinst- weiter gehend bemerkt er, daß an jeder Straßenecke solch ein schrecklicher Schaukasten erscheint, aus dem ihm der höhnische Blick der von ihm so tief verachteten „Krämerseele" begegnet. Von physischem Schmerz gepeinigt, erwachte er- die lange, öde Nacht war dem Tage gewichen, aber der Himmel zeigte sich grau in grau. Als Johann, das unvermeidliche Faktotum, gegen die Schlafzimmerthür donnerte, war Kurt schon bei der Arbeit. Galt's doch besonders fleißig zu sein. Das Bild vor ihm auf der Staffelei mußte noch heute in die Westhalle des Ausstellungsparks am Lehrter Stadtbahnhof eingeliefert werden. Es war der letzte Termin, wollte er nicht die langersehnte Ausstellungsgelegenheit völlig verpassen. Und nun diese griesgrämige Stimmung! So oder doch ungefähr so war ihm sonst am Morgen nach durchkneipter Nacht- und nun sollte er in dieser katerähnlichen, unbehaglichen Verfassung sein Bild vollenden. Reizend I Wie lange und mühevoll hatte er doch gesucht, ein geeignetes modernes Motiv zu finden! Er hatte es gefunden und unausgesetzt daran gearbeitet. Gleichwie Max Liebermann, dem er nachzueifern sich bemühte, war er in das holländische flache Land hinabgestiegen und hatte dort das Leben arbeitsamer Menschen in Gottes freier Natur, in Flur und Wald, in Hof und Haus, sorgsam beobachtet und liebevoll studiert. Unter den vielen Skizzen, die Kurt in seiner dickleibigen Mappe mit heimgebracht, gefiel ihm am besten die eine, welche ein von ländlichen Gebäuden umgebenes Gehöft darstellte. In der Mitte befand sich ein großer, seichter Tümpel- links daneben ein kleines, weinendes Bauernmädchen, in der Hand eine Butterbemme. Diese bildet die heftig angegriffene Zielscheibe der schnatternden, die Hälse reckenden Gänse. Vergeblich sucht das ängstlich gewordene Kind zu flüchten. Man hätte das Bild wirklich für einen Liebermann halten können. Kurt setzte große Hoffnungen auf sein Werk. Jetzt lag es ihm ob, die letzte Hand daran zu legen, hier und dort war noch ein wenig nachzubeffern und schließlich das ganze Bild nochmals zu firnissen. Endlich war alles vollendet. Johann wurde beauftragt, eine Droschke zweiter Güte zu besorgen, um das umfangreiche, kostbare Gemälde ruhig und sicher dem Bestimmungsorte zuzuführen. Doch das war leichter gesagt, wie gethan- Kurt war eben heute mit dein linken Fuß zuerst aufgestanden. Es schlägt elf Uhr, es wird ein viertel zwölf, Johann kehrt nicht zurück. Endlich nach Verlauf einer halben Stunde erscheint er auf der Bildfläche, um zu berichten, daß Regenwetter eingetreten sei und von einer Droschke nicht einmal ein Schimmer aufzutreiben wäre. Die benachbarten Halteplätze seien verödet- ein einziger Wagen, der gemächlich herumflanierte, sei bereits bestellt gewesen. Was nutzten die wenig schmeichelhaften Bemerkungen, mit denen das Faktotum traktiert wurde- sie brachten das — 892 — Bild dem Ausstellungspark nicht einen Schritt näher, und um zwölf Uhr lief die Frist zur Einlieferung ab. Schließlich stürzt der junge Maler hinunter, um selbst sein Glück zu versuchen. — Viel Regen und keine verfügbaren Wagen. Doch waS leuchtet dort ferne im bläulichen Schein? Richtig, bei näherem Zusehen erweist sich die Erscheinung als das begehrte Vehikel. Indessen — auf die Frage, ob der Wagen frei sei, antwortete Automedon mit dem rötlichen Nasenvorsprung: „Ja und nee, wie Sie et nehmen woll'n". Dann erzählt er weitschweifig, daß seine Liese die „Mauke" habe — eine Pferdekrankheit, von der Kurt zum ersten Male Härte — und daß er gerade dabei sei, den kranken Fuß zu verbinden, „damit keene Blutverjistung nich intritt"; wenn der Herr bis zur Vollendung der Prozedur warten wolle, „könne er den Kasten haben,- wenn nich, denn is et noch so". Was war da zu machen? Wie die Dinge nun einmal standen, konnte die Wahl nicht schwer werden. Zu allem Leidwesen floß der Regen in Strömen. Kurt suchte Schutz in dem Innern des Wagens und ergab sich resigniert in das Unvermeidliche. Schneller, als man erwarten konnte, wurde das Rößlein flott. Johann, der beim Anblick des Gefährts Maul und Nase aufsperrte, beförderte das Bild schleunigst in den Wägen und nahm selbst auf dem Bock Platz. Je näher man dem Bestimmungsort kam, desto langsamer ging es vorwärts. Trotz der zärtlichsten Kosenamen vermochte der Kutscher das kranke Roß nicht zu flottem Laufen zu bewegen. Aber schließlich kam man doch ans Ziel — aber zu spät. Wer beschreibt das Entsetzen Kurts, als man endlich an der Westhalle anlangte und die eisernen Pforten geschlossen fand. Der Künstler war der Verzweiflung nahe. Die gräßlichsten Flüche entluden sich über Bilecke, Johann und die elende Rofinante, die den letzten Ablieferungstermin versäumt hatte. Da fühlte der gutmütige Pförtner ein menschliches Rühren und öffnete die Pforten des Heils. Kurt versprach ihm ein fürstliches Trinkgeld, falls sein Bild noch abgeliefert würde. Der Herr Inspektor wurde herbeigeholt und mit seiner Genehmigung das Bild eingestellt. Die üblichen Formalitäten waren noch nicht erledigt, da erschien eine junge, hübsche Dame. Der sie begleitende Dienstmann trug etwas, das einem eingerahmten Gemälde verteufelt ähnlich sah. Natürlich eine Malerin. Auch sie war zu spät gekommen, hatte die Situation durchschaut und verstand ses, Nutzen daraus zu ziehen. Fräulein Trudchen Schilling — so hatte sie sich vorgestellt — gelingt es, den gestrengen Herrn Inspektor zu erweichen. Sie zieht die Hülle von ihrem Bilde und, o armer Kurt, das wahrheitsgetreue und lebensvolle Antlitz des Herrn Bilecke lächelt Dir malitiös entgegen. Also das war der Konkurrent! Kurt maß bald die Künstlerin, bald das Bild mit seinen erstaunten Blicken. Trudchen Schilling fühlte sich nicht verletzt, sondern geschmeichelt, als sie die Ueberraschung des jungen Mannes wahrnahm. Sie glaubte, daß der Herr ihre Technik, ihre Fähigkeiten bewundere. Als dann beide, durch das Pförtchen schreitend, die Jnvaltdenstraße erreichten, löste sich der so lange verhaltene Grimm des Malers in einer langen Rede. Er erzählte der Künstlerin von seiner Enttäuschung, von dem wahren Grunde seiner Ueberraschung, und wenn er angesichts derjenigen, die ihm all' das Leid angethan, noch an sich halte, so habe sie es nur dem Umstande zuzuschreiben, daß er sie, wie manche „Künstlerin", für ein hilfloses Wesen halte. In erster Reihe sei er Kavalier. Trudchen übersah absichtlich die in den Worten Kurts enthaltene Beleidigung. In ihrer Gutmütigkeit that ihr der (Kummer, den sie, auch Unbewußt, dem Künstler verursacht hatte, recht wehe- und nun lag ihr daran, Kurt Strauch solle von ihrem künstlerischen Streben eine bessere Meinung gewinnen. So entschloß sie sich denn, auch ihrerseits zu erzählen, wie sie zu dem Auftrage des Herrn Bilecke gekommen sei. Sie sei armer Leute Kind, begann Trudchen Schilling, habe schon während ihres Studiums und bis zum heutigen Tage ihre kränklichen Eltern erhalten müssen, sie betreibe die Porträtmalerei unter Benutzung des photographischen Objektivs, um mit Hilfe dieses Mittels etwas schneller den Lebensunterhalt erwerben zu können. Sie betrachte die Porträtierkunst jedoch nur als ihre Milchkuh- sie wisse, daß sie darin keine Lorbeeren pflücken werde. Ihre ganze Sehnsucht sei, soviel zu erübrigen, daß sie sich ungestört ihrer Leidenschaft, der Landschaftsmalerei, widmen könne. Nun habe sie auch bald ein Sümmchen beisammen, das sie in Stand setze, es einige Zeit mit anzusehen. Herr Bilecke sei, wie viele andere, durch die an ihrer Hausthür ausgestellte kolorierte Photographie angezogen, zu ihr gekommen. Sie habe sich mit seinem Bilde viele Mühe gegeben, habe daran sozusagen Tag und Nacht gearbeitet, da sie etwas zur Ausstellung bringen wollte. Daß sie durch die Uebernahme dieses Porträts Kurts Wege gekreuzt habe, bedauere sie unendlich - doch habe sie von Kurts älteren Rechten auf das Modell nichts wissen können. Es sprach so viel Offenheit, Edelmut, Treuherzigkeit und künstlerisches Streben auS diesen Worten, daß eS Kurt ganz warm um's Herz wurde- die Streitaxt wurde begraben, und als sie von einander versöhnt Abschied nahmen, geschah es mit dem gegenseitigen Versprechen auf baldiges Wiedersehen. Der Familienkreis des Herrn Bilccke bildete die hierzu passendste neutrale Zone. Wenn auch mit leicht verständlichem Widerstreben, jedoch in Rücksicht auf den veredelnden Zweck, suchte Kurt die geschmähte Gesellschaft wieder auf. Später traf man sich, wie zufällig, in der Ausstellung, aber noch häufiger in den belaubten Teilen des Ausstellungsparks. Man wurde immer intimer, lernte sich lieben und versprach sich. Herr Bilecke hätte nicht der gewitzte Mann sein müssen, um nicht zu sehen, was vor und hinter ihm mit dem jungen Künstlerpaar vorging. Selbst kinderlos, begannen die alten Leute Interesse an den beiden zu nehmen, und begünstigten den Verkehr des jungen Paares. Auch schmeichelte es Herrn Bilecke, als sein Porträt „ehrenvoll" erwähnt wurde. Kurts Bauernhof erhielt aber die kleine goldene Medaille. Da gab Herr Btlecke seinem Herzen einen mächtigen Stoß und kaufte das Bild für bare fünftausend Mark. Diese Summe wurde im Verein mit TrudchenS Zehrpfennig der materielle Grundstock zu dem neuen Künstlerbunde. Kurt Strauch ist heute allbekannter und wohlbestallter Akademie-Professor, und Trudchen skizziert ihre lieben Kinder in landschaftlicher Umgebung. Ihre kleinen Bildchen werden sehr geschätzt. Humoristisches. Ersatz. „Herr Wirt, in dem Bier sind ja zwei Fliegen!" — „No, dö wer'n Jhner net arm saufen! Beim nächsten Krügel schenktm'r Jhner dafür halt a biss'l mehr ein." * * * Bester Beweis. „Ist der Hund auch treu?" — „Fabelhast. Jetzt hab' ich ihn schon viermal verkauft und immer läuft er wieder zu mir zurück". * * * Gute Lehre für Mädchen. Erst lerne der Kartoffeln Kochzeit, Und dann erst denke an die Hochzeit. Redaktion: 6L Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Meßen.