MM MUK iQaliilR MMM “’S oiW e7' H°-: fie Weltgunst ist ein See, Darinnen untergeh', Was wichtig ist und schwer; Das Leichte schwimmt daher. Logau. (Nachdruck verkoken.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. «Fortsetzung.) Viertes Kapitel. Die kleine Lulu. Ehe der Tag zu Ende war, hatte ich den Entschluß gefaßt, am folgenden Montag nach London zu fahren, um mir dort eine Hängematte an Bord irgend eines Schiffes, das nach Indien oder China gefruchtet hatte, zu suchen. Ich war ganz fähig, einen tüchtigen Vollmatrosen abzugeben, denn groß und stark, gewandt im Takelwerk, kannte ich alle zu verrichtende Arbeit so gut wie meine Tasche. Wenn ich mich als solcher verheuerte, hatte ich die Aussicht, drei Pfund fünfzehn Schilling im Monat zu verdienen, so daß ich am Ende einer zwölfmonatlichen Reise Geld genug haben konnte, um mich einige Wochen am Lande zu erhalten. Während dieser Zeit durfte ich dann hoffen, die Prüfung als zweiter Maat abzulegen und eine Anstellung als solcher zu finden. Nach Fassung dieses Entschlusses fühlte ich mich ruhiger. Den Nachmittag brachte ich damit zu, mich weiter in der Stadt umzusehen und den Kirchhof zu besuchen, auf dem mein Vater begraben lag. Ich fand den Gram der Witwe in einem ganz erbärmlichen Stein und einem ebenso vernachlässigten Grabe auSgedrückt. Aber natürlich, züBlumen für das Grab langte es ja nicht mehr, im Knopfloch von Lickwater machten sie sich besser, und dann, der Tote war ja keiner Empfindung, mithin auch keiner Dankbarkeit mehr fähig, der Aufwand für die Pflege des Grabes wäre also die pure Verschwendung gewesen. Da konnte das Geld denn doch nützlicher und angenehmer beim Fleischer oder im Wirtshaus ausgegeben werden. Als ich den Kirchhof verließ, wünschte ich recht inbrünstig, daß mir Lickwater einmal auf See begegnete; — wie hätte ich ihn empfangen wollen! — Ich malte mir den Genuß in allen Farben aus. Als ich in dieser liebevollen Stimmung dem Hafen zuschlenderte, bot sich mir plötzlich ein Schauspiel, das meine Gedanken völlig abzog. An der Ecke einer Straße, welche in die Hauptstraße mündete, lag ein gut aussehendes Gasthaus. Der Thür gegenüber hatten sich vier Negermufikanten aufgestellt. Einer hatte eine Flöte, zwei spielten die Geige und der vierte ließ sich auf der Guitarre hören. Die Flöte und eine Fidel waren am meisten betrunken) letztere gehörte ausnahmsweise einem wirklichen Neger, die anderen hatten das Land der Schwarzen nie gesehen. Ich blieb stehen, um zuzuhören, ein Haufe Seeleute verstopfte den Thorweg des Gasthauses, und eine Menge Menschen stand auf der Straße. Der Neger setzte den Bogen an, da er aber zu betrunken war, spielte er falsch und ohne Takt, gleich dem Flötisten, welcher unsicher auf seinem Instrument herum- fingerte und wohl fühlte, daß keine Harmonie zu stände kam, doch aber zu benebelt war, um herauszuhören, wie er fie finden könne. Es lag etwas ungemein Komisches in dem Ausdruck dieser beiden Gesichter und in den zornigen Blicken, die ihre Gefährten ihnen zuschleuderten. „Warum hältst du nicht Takt, du Dieb?" schrie der zweite Geiger den Neger an. „Wie, du mich nennen Tieb?" erwiderte der Neger, der seine Geige in ihrer Lage behielt, aber den Bogen absetzte und mit rollenden Augen seinen Kameraden ansah. Der Streit brach augenblicklich los. Der Neger schlug mit dem Bogen nach seinem Beleidiger, und der Guitarren- Spieler brüllte: „Wat, du willst min Brauder murden!" — und krach, schlug er seine Guitarre dem Neger auf den harten Wollschädel, daß dieser auf der anderen Seite wieder herausfuhr. Fast in demselben Augenblicke schwebte auch schon die andere Geige über dem unglücklichen schwarzen Haupt und sauste nieder. Ihr Boden brach ein und klemmte sich auf der Hirnschale des Negers fest. Nie gab es einen komischeren Anblick als diesen Nigger, in der Guitarre wie in einem Halseisen steckend und die Geige wie einen Hut auf seinem Kopfe. Aber der wenigst verwundbare Teil seines Körpers war attackiert worden- in einem Augenblick hatte er sich gebückt, dem einen seine Geige in die Rippen gestoßen und dem anderen die Krone, die ihm aufgesetzt worden war, an den Kopf geschleudert. Hiernach entstand ein allgemeines Raufen; alle fielen zur Erde, sprangen aber gleich wieder auf, balgten sich weiter und bahnten sich hierbei, unter dem Geheul und Gelächter der Menge, einen Weg in das Gasthaus, wo das 202 Geklirr zerbrochener Flaschen und Gläser die Fortsetzung des Kampfes hören ließ. Der Wirt brüllte aus einem oberen Fenster nach der Polizei,- das Volk drängte den Kämpfenden in die Thür des Gasthauses nach, um den Spaß weiter mit anzusehen, zerstob aber wie Spreu vor dem Winde, als der Neger mit dem Wrak der Guitarre um den Hals, verfolgt von seinen Genossen und einer ganzen Schar von Matrosen, herausstürzte. Alles stürmte nun die Straße entlang, und in wenigen Augenblicken war der ganze Haufen meinem Auge entschwunden. Bekannte in Bahport aufzusuchen, hatte ich keine Lust. Es genierte mich, daß mein Vater eine gewöhnliche Schneiderin geheiratet hatte- außerdem war ich aber so gut wie ein Bettler und konnte nicht wissen, welcher Empfang mir werden würde. Dieser Gedanke erschreckte mich. Seeleute sind in der That die empfindlichsten Menschen der Welt, aus Gründen, auf die hier näher einzugehen mich zu weit führen würde, und ich war keine Ausnahme von der Regel. So kehrte ich also nach dem Gasthaus zurück mit der Absicht, den Abend im Rauchzimmer zu verbringen. Am nächsten Tage wollte ich mir eine richtige Vorderkastell-Ausrüstung besorgen und mich am Montag nach den Ost - End- Docks begeben. Als ich mich dem „Weißen Hirsch" näherte, bemerkte ich die brünette Schönheit, deren Augen mich am Morgen bezaubert hatten, auf einem Balkon fitzen, der sich über den Fenstern des Kaffee-Zimmers befand. Sie hatte die Arme auf das Balkon-Geländer gelegt und sah mit nachdenklichen, träumerischen Blicken hinaus auf die See. Der laue Wind spielte in ihrem weichen, dunklen Haar, und Haltung und Gesichtsausdruck zeigten, wie tief in Gedanken sie verloren war. Ich würde viel darum gegeben haben, in ihrer Gesellschaft sitzen zu können; es lag ein so zarter, weiblicher Schmelz auf ihrem Gesicht, der unendlich ansprechend war. Es wäre mir eine Wonne gewesen, ihre Stimme zu hören, ihr Auge auf mein Gesicht gerichtet zu sehen und zu ihr über mich sprechen zu können. Eine Landratte würde es anzufangen gewußt haben, mit ihr bekannt zu werden, ich aber war zu schüchtern, auch nur daran zu denken, daß eine Vorstellung am Ende zu erlangen wäre, wenn ich mich darum bemühte. Ganz jämmerlich fühlt man seine gesellschaftlichen Mängel, nachdem man lange Zeit auf See war. Es giebt nichts Unbeholseneres unter Damen als einen Seemann, der eben von einer längeren Reise zurückgekehrt ist. Er, der mit Kaltblütigkeit ein Schiff im Sturm be herrscht und in der dünnen Speiche eines Rades so vieler Menschen Leben in seiner festen Hand hält, wird selten eine Taffe Thee auch nur einen Meter weiter zu reichen vermögen, ohne dieselbe über das Kleid einer Dame auszuschütten oder über den Teppich zu stolpern und hinzuschlagen. Da kann es nicht wundernehmen, wenn Seeleute beim weiblichen Geschlecht nicht beliebt sind. Die Lieblings-Erzählungen, unter Seeleuten, wenn sie einmal lachen wollen, behandeln in der Regel ihre Verlegenheiten und Ungeschicklichkeiten Damen gegenüber. Ich fragte Transom, den ich hinter seiner GlaSthür sitzen sah, um den Namen der Dame mit den braunen Augen und roten Wangen, die engelhafte Schönheit. Ihr Gefährte ist ein hübscher Mann mit braunem Bart. „Ach, ich weiß schon, wen Sie meinen,/ entgegnete Transom, mußte aber schließlich, nach einigem Nachdenken, den Namen doch erst im Fremdenbuch suchen. Da stand derselbe verzeichnet: Miß Franklin. „Wer ist ihr Begleiter?" „Kapitän Lucius Franklin." „Ah! Wohl Bruder und Schwester?" „Höchst wahrscheinlich. Er ist zu jung, um ihr Vater zu sein. UebrigenS finde ich sie auch sehr schön, aber du lieber Gott, unsereins muß dem Geschäft nachgehen und hat anderes zu thun, als sich die Gesichter seiner Gäste viel anzusehen." „Haben Sie ihren Taufnamen erfahren?" „Erfahren gerade nicht, aber ich glaube, daß sie „Sutfe" heißt. Ich kann mich irren, mir ist aber so, als hätte er te „Sulu" genannt, als sie hierher kamen und Zimmer verlangten." Ich hätte gern noch mehr Fragen gestellt, z. B. wie lange sie schon im Hotel waren, woher sie kamen, was der Mann für eine Stellung bekleidete u. s. w., aber ich dachte, ch könnte mich, ohne einen bestimmten Grund für meine Neugier zu haben, doch leicht lächerlich machen. Außerdem mußte ich auch befürchten, meinen Freund in seinen geschäftlichen Angelegenheiten zu stören und mich ihm dadurch lästig zu machen,- so dankte ich ihm also nur für seine Auskunft und ging meiner Wege. Fünftes Kapitel. Ich finde eine Anstellung. Ich brachte den Abend im Rauchzimmer zu, meine Füße auf einen Stuhl gelegt und schläfrig an meiner Pfeife ziehend. Das viele Umherlaufen hatte mich sehr müde gemacht. Drei junge Leute, die einander fremd waren, als sie eintraten, hatten schnell Bekanntschaft gemacht und sich zusammen an einen Tisch gesetzt. Sie rauchten und sprachen über geschäftliche Dinge, denn ich hörte sie über Prozente debattieren. Daraus ersah ich, daß sie Handlungsreisende waren, und aus ihrer schlechten Sprache, ihrem lauten Lachen und Wesen und lächerlichen Prahlereien erkannte ich, daß sie sehr gewöhnliche Leute sein mußten. Sie sprachen so laut, als ob sie wünschten, daß ich ihnen zuhören und eine hohe Meinung von ihnen bekommen sollte. So schüchtern war ich nun aber doch nicht, daß ich solchen Menschen nicht meine Verachtung gezeigt hätte. Ich rückte geräuschvoll mit meinem Stuhl so herum, daß ich ihnen den Rücken kehrte und hoffte, sie würden meinen Wink verstehen und leise mit einander sprechen. Ob sie bemerkt hatten, was ich ihnen andeuten wollte, weiß ich nicht, jedenfalls standen sie aber zu meinem großen Vergnügen bald auf, leerten ihre Gläser, zündeten sich neue Zigarren und an betrachteten sich wohlgefällig im Spiegel. Dabei sprachen sie lang und breit davon, wie die Mädchen ihnen diesen Nachmittag nachgelaufen seien, ihnen Stelldicheins förmlich aufgedrungen hätten und nun wohl schon lange auf sie warten würden. Darauf verließen die Narren lachend das Lokal, gewiß ganz überzeugt, daß sie mir ungeheuer imponiert hätten, denn all ihr läppisches Gerede war doch eigentlich nur für mich bestimmt gewesen. Die Affen! — einer war scheußlicher wie der andere, — der eine hatte sogar eine zerbrochene Nase. Da der ganze Raum mit dem Rauch ihrer schlechten Zigarren angesüllt war, hatte ich nach ihrem Weggang nichts Eiligeres zu thun, als das Fenster aufzureißen. Ich setzte mich an dasselbe, um frische Luft zu atmen, und war froh, wieder allein zu sein, als die Thür sich öffnete und der mir jetzt als Kapitän Franklin bekannte Herr eintrat. „Das haben Sie recht gemacht," rief er, „ich sah Sie eben von draußen, wie Sie das Fenster öffneten, hier ist ja eine Luft, wie im Kielraum eines Schiffes, welches Guano geladen hat." Er sprach etwas durch die Nase. Dies war mir nicht aufgefallen, als er mich auf den Dünen anredete- er sah heiß und ermüdet aus, wie ein Mann, der den ganzen Tag angestrengt gearbeitet hat. Sich einen Armstuhl holend und seine Beine auf einen anderen Stuhl legend, setzte er sich neben mich, danach rief er einen Kellner. „Trinken Sie etwas?" fragte er mich, als der Kellner kam. Ich bestellte mir ein Glas Grog. 208 „Und mir bringen Sie, — doch Sie werden sich nicht alles merken, — es ist besser, ich schreibe es Ihnen auf," sagte er, zog Papier und Bleistift heraus, schrieb ein ganzes Rezept und las dieses mit großem Pathos dem Kellner vor. Es war ein wunderbares Gemisch: eine halbe Pinte Rum, eine halbe Pinte Whisky, ein Gläschen Curasao, eine dünne Zitronenscheibe mit der Schale, ein Schub kaltes Waffer, ein Stückchen Eis und etwas Zucker. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Armmhausprinzesfin. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) XVII. Klara von Hennersdorfs und Paul Ahrens begleiteten Elsie nach Hause, welche sich in der Ruhe und Stille der gewohnten Umgebung bald von ihrer Schwäche erholte. Lächelnd beruhigte sie das Brautpaar und Frau Dorette über ihr Befinden. „Es war thöricht von mir, mich der Aufregung dieses öffentlichen Auftretens auszusetzen", sagte sie. „Ich habe mich überanstrengt. Aber nun ist es vorüber, und ich bitte Euch, Paul und Klara, kehrt zum Feste zurück. An das Konzert wird sich ja noch ein großer Ball schließen, da dürft Ihr doch nicht fehlen". Klara versicherte, sich nichts aus dem Ball zu machen, und auch Paul erbot sich, bei Elsie zu bleiben. Aber der bestimmten Bitte Elfie's mußten sie nachgeben; sie entfernten sich wieder, nachdem sie Frau Doretten und Hans Heinrich die Pflege Elfie's übergeben hatten. Doch diese wollte auch den Vater und die alte, treue Seele, Frau Dorette Pinkepank, nicht um sich haben. „Laßt mich nur ein Stündchen allein, laßt mich nur wieder zu mir kommen", sprach sie lächelnd, „dann bin ich wieder die alte. Bekümmert Euch um mich überhaupt nicht, ich werde schon mit mir allein fertig". „All right", brummte Mister Hannecken und begab sich in seinen Garten, wo man ihn bald wieder zwischen den Gemüsebeeten herumhantteren sah, dichte Dampfwolken aus seiner kurzen Pfeife ziehend. Frau Dorette aber blieb in der Nähe ihrer jungen Herrin. Sie wußte wohl, daß diese Ohnmacht Elfie's einen ganz anderen Grund hatte, als die Hitze in dem Stadthaussaale und die Aufregung des Konzertes. Sie wußte, daß nicht die körperlichen Kräfte Elsie im Stich gelaffen, sondern daß das Leid ihrer Seele sie niedergeworfen, der Kampf mit dem übermächtigen Gefühl, das noch immer in ihrem Herzen lebte. Und das machte die alte Frau besorgt und ängstlich. Mit tiefbekümmertem Ausdruck in den alten, treuen, guten Augen, setzte sie sich in eine dichte Laube des Vorgartens, von der aus sie die Veranda und einen Teil des Zimmers Elsie'S übersehen konnte. Elsie war wieder allein! Tiefe Stille ringsum, kein Ton -es lauten Festes, das man drunten in der Stadt feierte, drang zu ihr herauf, nur das abendliche Gezwitscher der Schwalben, welche sich in ihre Nester unter dem Dach schmiegten, unterbrach die Stille und erhöhte noch den Eindruck des Friedens, der über dem Hause und dem Garten schwebte. Hinter den Wäldern tauchte die Sonne nieder/ die Spitzen der Berge erglühten in goldigem Lichte, während drunten im Thale bereits die Schalten des abends herrschten. Elsie atmete auf und streckte in sehnsüchtiger Empfindung der sinkenden Sonne die Arme nach, als wollte sie das Glück und Leben spendende Gestirn des Tages zurückhalten. Aber tiefer, unaufhaltsam tiefer sank der glühende Sonnenball, die Gipfel der Berge erblaßten, und nur am Himmel verkündete noch rin rosiger Schein die Stelle, wo die Sonne versunken. So verschönt die Erinnerung unser Leben mit sanftem Glanze, wenn auch das Glück längst, längst verschwunden! Elsie setzte sich an den Flügel und schlug die Melodie des Winterliedes an. Leise, flüsternd, wie Geisterhauch klangen die Töne hinaus in den dunkelnden Sommerabend und vermischten sich mit dem lieblichen, leisen Gezwitscher der Schwalben unter dem Dach. Neugierig streckte hier und da ein Schwälbchen sein glattes Köpfchen zum Neste hinaus und lugte in den Garten und auf die Veranda herab, drehte das Köpfchen zur Sette und lauschte den leisen, flüsternden, schluchzenden Tönen da drinnen in dem stillen Hause. Sang und klagte, schluchzte und weinte da noch eine Nachtigall? Der Mai war verflogen, die Rosen prangten in voller Blüte, der blaue Flieder war verwelkt, und schon reifte das Obst auf den Bäumen, die Nachtigallen waren verstummt — und doch klang es da drunten so süß, so sehnsuchtsvoll, so klopfend, so jubelnd, als schluchzten alle Nachtigallen, welche im Mai in dem Garten gesungen, ihr ewiges Lied von der Liebe Lust, der Liebe Leid hinaus in die schwüle, dunkle Sommernacht. Plötzlich erschraken die kleinen, neugierigen Schwalben und zogen die Köpfchen schnell in das warme, weiche, sichere Nestchen zurück. Die Gartenpforte wurde hastig geöffnet,- eine hohe, dunkle Mannsgestalt trat ein, blieb eine kleine Weile stehen, schaute sich um und eilte dann auf das Haus zu und die Veranda hinauf. Ein leichter Schrei des Schreckens, der Freude, des Jubels ertönte, und als die Schwalben zaghaft ihr Köpfchen wieder hervorstreckten, da sahen sie vor der jungen Herrin des Hauses die hohe Gestalt des fremden Mannes auf den Knien liegen, die Hände Elfie's umfaffen, das Haupt in diese schlanken, weißen Hände pressend und hörten die flehenden Worte von seinen zuckenden Lippen: „Leg mir die Hand auf's Haupt, auf daß ich Frieden finde". „Hoheit, ich bitte Sie — erheben Sie sich!" sprach bebend Elsie in grenzenloser Verwirrung, während doch ein Gefühl der innigen Freude, des tief seligsten Glückes ihr Herz überflutete. Der Herzog blickte mit bittendem Blick zu ihr auf. „Verzeihen Sie mir, Elsie", bat er, „daß ich Sie erschreckt habe. Aber ich vermochte nicht von hier fort zu gehen, ohne von Ihnen Abschied genommen, ohne Ihnen meinen heißesten Dank ausgesprochen zu haben". „Ich verdiene diese Gnade nicht, Hoheit!" Der Herzog sprang empor. Seine Stirn verdüsterte sich. „Weshalb erinnern Sie mich stets an meine Stellung?" sprach er finster. „Weil man diese niemals vergeffen soll!" „Ah, es ist wahr! Wir Fürsten dürfen ja nicht Mensch dem Menschen gegenüber stehen! Das ist der Fluch, der auf uns lastet, der unser Glück vernichtet!" „Hoheit!" „Ja, ich weiß, ich weiß! Aber ich vermag Ihnen keine Gnade zu erweisen, Sie sind es, welche mir gnädig sein konnten, welche mir Gnade, Glück und Frohsinn verleihen konnten. Doch Sie haben es nicht gethan, Sie waren zu stolz, Sie haben sich von mir abgewandt, Sie haben mich nicht verstanden, mich nicht verstehen wollen". Er stieß die Worte heftig hervor. Er schwieg, und seine Zähne nagten an dem dunklen Bart, der seine in Schmerz und Erregung zuckende Lippe beschattete. Elfie's Herz empfand einen schneidenden, stechenden Schmerz. Welchen Sinn und welche Bedeutung sollte sie seinen Worten unterlegen? Ach, sie erinnerte sich wohl noch der letzten Stunden, welche sie in dem Schloß zugebracht hatte! Sie erinnerte sich wohl noch, wie sie damals sich nach ihm gesehnt, wie sie gefleht, daß er kommen möge, wie sie in jener Stunde ihm voll Jubel ihr ganzes Herz, ihr ganzes Leben geweiht haben würde. Sie erinnerte sich aber auch noch, wie sie vergeblich gewartet, wie er nicht gekommen, wie er an demselben Tage noch abgereist war, ohne ihr ein Wort der Liebe, ein Wort des Trostes zu hinterlasien. Der Augenblick des Glückes war vorübergeflogen, er kehrte niemals mehr zurück. 204 „Und doch", fuhr der Herzog mit leise grollender Stimme fort, in der eine unendliche Wehmut zitterte, „als ich Sie heute vor mir stehen sah, als ich wieder die Worte jenes Liedes von Ihren Lippen perlen hörte, als ich wieder in Ihr Auge sehen durfte, da glaubte ich wieder an Sie, da glaubte ich wieder, daß Sie mich verstehen würden. Und deshalb strecke ich noch einmal flehend die Hände Ihnen entgegen und bitte Sie: „Leg' mir die Hand auf's Haupt, damit ich Frieden finde . . ." (Fortsetzung folgt.) Vom Monat April. April 1899. Ungemein reichhaltig ist im April der Fischmarkt sowohl mit einheimischen, wie mit Seefischen und fremden Flußfischen beschickt und dabei in allen Sorten billig. Ein nur im Frühjahr in größerer Menge erscheinender Fisch ist der Hiese oder Häsling. Der meist halbpfündige Fisch ist von geringem Wert, ähnelt mehr einem breiten Rotauge, hat aber nur echtes, trocknes Weißfischfleisch. Außerdem bietet der offene Fischmarkt noch kleine Karpfen und recht gute mittlere Hechte. Im übrigen ist der Bestand des großen Fischvorrates unverändert, es ist einfach alles zu haben und fast durchweg zu niedrigen Preisen, die freilich sür die nächsten Wochen schon eine bedeutende Steigerung erfahren dürften, besonders soweit es sich auf Lachse und sonstige Edelfische bezieht. Von Seefischen sind Steinbutt und Seezunge hochfein. Schellfisch, Scholle und Kabeljau bleiben billig. Hummern sind infolge der niedrigen Preise in viel weiteren Kreisen als bisher eine sehr beliebte Speise und Tafelzierde geworden. Als feinster Frühlingspilz hat die Morchel bereits ihren Einzug gehalten. Sie findet die mannigfachste Verwendung, als selbständiges Gemüse, wie als Beigabe zu den verschiedenen gemengten Speisen und Frühlingsgewüsen. Auch zu feinen Fischsaucen läßt sie sich (so wie Petersilie und später Dill) für alle Fische mit nicht zu fettem Fleisch verwerten. Zu Petersiliensaucen-Fisch eignen sich am besten Hecht, Brasse, Zander rc. Die geschuppten, gereinigten und in Stücke geschnittenen Fische werden in eine mit Butter ausgestrichene Pfanne, auf eine Lage dünner Zwiebelscheiben und Petersilienwurzeln gelegt, mit Salz, Pfeffer- und einigen Gewürzkörnern bestreut, dann mit Brühe aus Liebig's Fleisch-Extrakt übergossen, daß der Fisch überdeckt ist. So läßt man ihn gut zugedeckt etwa zehn Minuten kochen, verdickt die Brühe mit Buttermehl und sügt reichlich fein gehackte, grüne Petersilie hinzu. An Gemüsen besteht in den Wintervorräten die Eintönigkeit der letzten Wochen fort. Die jungen Frühlings- und Treibgemüse find spärlich. Spargel, Gurken und Schoten find noch teuer. Reichlicher kommt im Lause des Monats Spinat, dieses ebenso gesunde als wohlschmeckende Gemüse, sowie Sauerampfer, Kerbel und andere frische Suppen- und Saucenkräuter. Zu der so beliebten Sauerampfersuppe läßt man 90 Gramm Butter heiß werden, dünstet darin etwa eine Minute acht Eßlöffel feingehackte Sauerampferblätter und fügt 60 Gramm Mehl, sowie iy2 Liter Brühe aus 20 Gramm Liebig's Fleisch- Extrakt, Salz und etwas Muskat hinzu. Die schnell aufgekochte Suppe wird mit zwei Eigelb und 4 bis 5 Eßlöffel Sahne legiert. Für den Frühstückstisch sind schon ausgiebig Radieschen vorhanden. An Wild ist Mangel, und für Wildpretfreunde bleibt nur das Wild-Geflügel, das noch geschossen werden darf: Auerhahn, Bekassinen, Fasanenhähnc, dazu kommen die russischen Schnee- und Birkhühner, auch tauchen hie und da Wildenten auf. Junges Hausgeflügel ist noch immer knapp, mit Ausnahme von Tauben. Mastgeflügelware ist vorzüglich und billig, in reichlichen Vorräten in den Delikateffenläden vorhanden. Mit Anfang April beginnt die Saison der Kibitzeier, sür Feinschmecker eine hohe Delikateste- später die der Möven- eier, deren größere Arten mitunter einen leichten Thran- geschmack zeigen. Da der April mit den Osterfeiertagen seinen Einzug hält, ist es vom Fleischmarkt das Lamm, das wir nicht unerwähnt lassen wollen. Las Osterlamm findet zu Ostern in Oesterreich und einem Teile Süddeutschlands die verschiedenste Zubereitung, gebacken und gebraten. Zum Braten nimmt man das Schulterstück oder die Keulen mit Rücken. Das zwei Tage abgehangene Fleisch wird mit reichlich heißer Butter, bei starker Ofenhitze 1 bis 1 i/a Stunde unter fleißigem Begießen gebraten- nachdem man den Fond von der Pfanne losgelöst, verkocht man die Sauce mit 15 bis 20 Gramm Liebig's Fleisch-Extrakt, wodurch sie sehr gewinnt, auch schöne Färbung erhält, verdickt sie leicht mit Mehl, schmeckt sie ab und reicht sie zum Braten, den man mit Salat und feinem Gemüse serviert. Geineinniitziges. Iür die Küche. Eine wirklich delikate Kerbelsuppe zu bereite»,, lehrt folgendes Rezept, mit dem es einmal zu probieren jeder Hausfrau nur geraten werden kann: Die Zuthaten find (für 5 Personen) 2 Löffel Mehl, 25 Gramm Butter, 15 Gramm echtes Liebigs Fleisch-Extrakt, Salz, eine Handvoll Kerbel, das Gelbe von zwei Eiern. Das Mehl wird in der zerlassenen Butter hellgelb geschwitzt, in 2 Liter kochendem Wasser wird das Fleisch-Extrakt gelöst und damit die Mehlschwitze verkocht. Die Brühe wird gesalzen, der gehackte Kerbel darin aufgekocht und die Suppe mit dem Eigelb abgezogen. Die Bereitungsdauer beträgt 15 Minuten. Humoristisches. „Nehmen Sie keine Aktien von der neuen Emission der Gesellschaft?" — „Nein! Ich war Aktionär, werd' aber kein Reaktionär. * * * Direktor eines illustrierten Blattes (zu einem Zeichner, der eine Arbeit bringt): „Herr Keronan, offen gestanden: ich verstehe die Zeichnung nicht recht. — Zeichner: „Ach, Herr Direktor, ich hab' gedacht, daß Sie sie eventuell als Rebus verwenden könnten." (Münchener Jugend.) * * ♦ In ein äußerst modisches Schuhwarengeschäft tritt eine Dame und beschwert sich, daß einPaar Stiefel, die sie erst vor einigen Tagen gekauft habe, bereits völlig zerrissen seien. Der Geschäftsinhaber schüttelt den Kopf. — „Wie ist das möglich?" — Endlich nach langem Besinnen ruft er aus: „Ah, jetzt hab ich es! Sie werden mit diesen Stiefeln auf der Straße gegangen sein, Wir haben sonst nur Kundschaft, welche im Wagen fährt!" ♦ * • In einem großen Warenhaus. „Ich wünsche einen starken Stock, einen recht starken Stock!" — „Bitte, gehen Sie hinüber zu der Abteilung: „Familienartikel!" Redaktion: S. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Bietzen.