Nachdruck verboten. Der Gylfenhof. Eine Erzählung von P. D i t f u r t h. lFortsetznng.) In der nächsten Srunde stand Renata vor Charlotte und brachte Helenes letzten Gruß. „Du dachtest doch an mich, meine arme Helene," sagte diese mit wehmätiger Freude und zog sich zurück, sie mußte allein sein mir diesen Worten einer Toten. Es war nicht nur ein Brief, es war das ganze Bekenntnis einer unglücklichen Krauenieele. „Meine liebe, treue Charlotte! „Ich nenne Dich so, weil ich weiß, daß Du es geblieben bist und daß £u wohl noch heute in Treue meiner gedenkst. „Ich hoffe, diese Worte, die den ganzen Irrtum meines Lebens erzählen, soll Dir meine älteste Tochter Renata bringen. Ob ich selbst sie noch senden kann, so lange meine Augen offen stehen, ich weiß es nicht,- o, ich kann sie ja keine Stunde entbehren, sie ist mein Halt, mein Trost. „Charlotte, ich will denken, wir sitzen beisammen in unserem traulichen Stübchen, ich sehe in Deine braunen Augen und ich will Dir alles sagen, was sich zwischen uns gelegt seit jener dunklen Stunde, da ich von Euch schied. „In jenem Briefe, den ich bald nach meiner Verheiratung schrieb, belog ich Dick und mich aus erbärmlichem Stolze und bitterer Scham. Jetzt habe ich das längst überwunden und kann Dir sagen, daß weder Glück noch Stern mir geleuchtet, ich ließ beides in Deinem Vaterhause. „O der unselige Besuch auf dem Gute des Onkels, — und doch will und muß ich die schwerste Schuld auf mich nehmen! „Der Onkel war kein boshafter, intriganter Mensch, er war wunderlich und voll überspannter Ideen, und so hatte er sich in den Kopf gesetzt, ich als die letzte Rinnewart aus 1898. Hf Pfadfinder ege giebt es, die man nie vergißt, Wenn der Fuß auch längst sie nicht mehr mißt. Jeder blickt ans einen Lieblingspfad, D'ranf das Glück ihm schüchtern einst genaht, D'ranf vielleicht das Heimweh ihm begegnet —, Pfad nnd Finder sind von Gott gesegnet. Alfred Beetschen. dem Gylfenstamme sollte die Gattin Erichs von Gylfen, und das Gut ein Stammsitz für ein neues Gylfengeschlecht werden. „Er sagte mir das sehr bald, und in diesem Falle war ich nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, von meinem Verlöbnis zu reden. Warum warst Du mir nicht zur Sette, meine Charlotte! „Ich schwieg und amüsierte mich über diesen romantischen Gedanken des sonst herzensguten Onkels, gerade weil ich mich sicher wähnte, und als der sogenannte Vetter eines Tages eintraf, freute ich mich seiner Gesellschaft und Begleitung auf meinen Spaziergängen. „Auch die Schwägerin des Onkels interessierte sich für diesen Plan, und ich war mit einemmal umstrickt, ehe ich wußte, wie es gekommen." „Erichs Persönlichkeit übte einen sonderbaren Reiz auf mich aus- ich versuchte zu ergründen, worin dieser Reiz lag, und das war ebenso gefährlich wie sündhaft für eine verlobte Braut. „Ich sagte Erich zu spät, daß meine Hand nicht mehr frei sei, er machte mir die leidenschaftlichsten Vorwürfe, daß ich ihn getäuscht und mit ihm gespielt, und sein Onkel stand auf seiner Seite. Es waren schreckliche Stunden, die ich verlebt, und ich war so verwirrt, betäubt und haltlos, daß ich selbst glaubte, was sie sagten, und ich wußte nicht mehr, ob ich recht oder unrecht handelte. Ich wurde gewahr mit rötlichem Schreck, daß Werners Bild in mir verblaßt und meine Liebe erkaltet war, und Erich bewies mir klar, daß diese Liebe anerzogen sei- so wie er könne mich Werner nicht lieben, o, und ich glaubte ihm auch das. „Ich kehrte zu Euch zurück und war froh, Werner nicht zu treffen und wiegte nun mein Gewissen mit jämmerlichen Vorspiegelungen ein, wie ich Werner ohne Liebe ja nicht glücklich machen könne, und schließlich war ich so irre und unklar, daß ich meinte, es hätte eben so kommen müssen, es sei unser vorher bestimmtes Schicksal. O, wie schdig ich damit Gott ins Angesicht! „Ich floh, als Werners Kommen in Aussicht stand, ach, wäre ich geblieben oder hätte Dich, meine Charlotte, zur Vertrauten gemacht, aber ich hatte nicht den Mut und ging in der Irre weiter. „Ich reiste zum Onkel, und dahin kam dann Erich, der seinen Abschied genommen hatte. „Das Gut lag einsam und gehörte zu einer sehr entfernt liegenden Kirche, zudem war der Onkel katholisch, und so wurden wir in einer fremden Kirche in einem verschollenen 650 — Dorf getraut und reisten dann auf des Onkels Wunsch in die Welt. Wohl glaubte ich in der ersten Zeit noch an mein Glück, aber das Heimweh nach Euch ließ mich nicht los. „Und dann, Charlotte, ich wußte nun, daß mein Herz bei Werner zurückgeblieben, daß ich mich furchtbar getäuscht, und ich erlag fast unter dieser Erkenntnis. „Erich hatte mich wirklich sehr lieb, und er hätte mir vielleicht das Herz gewandt, wenn ich nicht, allerdings erst nach drei Jahren, erfahren hätte, daß er meinen Besitz mit Blut erkauft, daß Werner — tot sei. Ach, diese entsetzliche Zeit! „Ich erfuhr, daß Deine sanfte, fromme Mutter mit Herzeleid in die Grube gefahren, daß Dein Vater mit verfinstertem Geiste ein sieches Leben führte, und ich glaubte selbst wahnsinnig werden zu sollen. „Nur der Gedanke an meine beiden ältesten Kinder war es, der mich aufrecht erhielt, daß ich nicht ganz versank. „Erich und auch der arme Onkel, beide fühlten ihre Schuld, die ihnen noch größer erschien durch meine Verzweiflung. Ich sah und merkte Erichs Not, wie ihn nach meinem Herzen verlangte, und ich konnte ihm nichts geben, es war in mir alles wie verdorrt. „Damals schrieb ich Deinem Vater und bat um Vergebung — mir wurde keine Antwort, und es wurde immer dunkler in meiner Seele. „Der Onkel lebte mit uns zusammen, seine Schwägerin war bald nach unserer Verheiratung gestorben. Er machte viele Reisen, nahm auch öfter Erich mit, aber sie kamen ebenso düster heim, wie sie gegangen waren. „Der Onkel sah mir jeden Wunsch an den Augen ab, seine kindlich gute Seele trug schwer, und mein armer Erich! Ach er hat mcht weniger gelitten, und doch hat er mir nie ein böses Wort gesagt. Er war ein düsterer, verschlossener Mann geworden, der nirgends Ruhe fand. Er veranlaßte den Onkel, das Gut zu verkaufen, und der alte Mann that es, und so zogen wir herum ohne Rast und ohne Ruh und waren wie heimatlos. „Da nahm mir Gott auch meinen Knaben, der, ein Jahr jünger wie Renata, unser Stolz war. Er ist ertrunken, Erich wollte ihn retten und auch ihn hätte ich da fast verloren/ ich sah, es war ihm recht, wenn die Wellen des Sees ihn verschlungen hätten,- aber Gott sandte mir, der allein am Ufer Stehenden, noch zu rechter Zeit rettende Hände. „O, wärest Du von mir erlöst!" sagte Erich, als er die Augen wieder aufschlug, und da schlug Gott an mein Herz mit einem furchtbarem Hammer. Ich wachte auf aus der dumpfen Versteinerung und sah, wie ich an ihm, dessen Schuld mein Besitz war, schwer gesündigt. Ich lernte verstehen, wie ich meine alte Sünde nicht sühnen konnte mit der Versäumnis meiner heiligsten Pflichten,. und auch mein Herz wurde weich gegen den unglücklichen Mann. Aber doch wäre es mir zu schwer geworden, dies neue Ringen, hätte ich nicht meinen Gott gefunden, nicht den rächenden, gerechten Gott, vor dem ich gezittert all die Jahre her, nein, den barmherzigen, der das zerstoßene Rohr nicht zerbricht. Er hat mich gehalten und gehoben und auch meinen armen Erich hat er gefunden und heimgebracht zu seiner Ruhe. „Schon längst hatte Erich seinen Namen abgelegt und nannte sich Wendelin, er meinte, sein Name sei bester aus- getilgt, und Onkel Wendelin hat meine beiden übrig ge- bliebenen Kinder, das älteste und jüngste, adoptiert. „Meiner Renata kannst Du es sagen, welchem Stamme sie entsproßen ist,- sie hat eine starke Seele. Als ich damals an Dich schrieb, war ich noch jung, und wenn auch nicht glücklich, so doch nicht hoffnungslos. Jetzt bin ich eine früh gealterte, lebensmüde Frau und ginge gerne heim, wäre nur das eine nicht, die unvergebene Schuld, die Euer geliebtes Haus zu einer Stätte namenlosen Jammers gemacht. Mein Los mußte ich klaglos tragen, mein Leben war eine Buße, aber Ihr, die ich so geliebt und meine Kinder! „Sollten sie diesen Fluch weiter mit sich tragen? O, wie ringe ich vor Gott, daß sich noch einmal die Hand Deines Vaters segnend auf den Scheitel meiner Kinder legt! Ich weiß, der alte Mann lebt noch, ach, wenn mich Gott erhörte! „Meine Renata! Wie ich Gott täglich danke für dieses Kind, das mir ein Zeichen ist, daß sich die ewige Liebe meiner erbarmt hat. „Renata ist ihrem Vater sehr ähnlich, aber ihr Wille ist fester und klarer, und ihr Herz ist stärker,- mir ist nicht bange um sie. Die dunklen Schatten ihres Vaterhauses haben sie ernst über ihre Jahre hinaus gemacht, und doch wird sie sich nach Liebe sehnen; wenn ich nicht mehr bin, dann nimm sie an Dein Herz und hilf ihr meinen Walter erziehen. „Gottfried, den stillen, warmherzigen Knaben, habe ich nie bergeffen, möchte er glücklich sein und gesegnet. „Deinem Vater sende ich nur meine Kinder, ich bin so müde und schwach, aber mein Gebet soll nicht ablaffen, sich an die Barmherzigkeit Gottes zu klammern, die mich nicht hat untergehen lassen. „Lebe wohl, Du treuestes Herz, Gott segne Dich und Dein Haus tausendfach. Wollte Gott, ich dürfte Dich hier noch einmal sehen, aber ich begehre nichts mehr für mich als Gnade, und Segen für meine Kinder. Deine Helene." (Fortsetzung folgt.) Das große Los. Von H. von Schandow. ------- (Nachdruck verboten.) Unter ihren geraden schwarzen Brauen trug sie ein Paar große, ganz merkwürdige Augen im Kopfe. Wett standen fie offen, hell und ehrlich war ihr Blick. Nur die Farbe wechselte mit der Stimmung ihrer Eigentümerin. Bald waren sie klar grau, diese merkwürdigen Augen, bald schillerten sie grünlich. Zu besonders guter Stunde hätte man darauf schwören mögen, daß sie ins Blaue spielten; abends jedoch, unter künstlicher Beleuchtung erschienen sie schwarz, die Iris verschwamm mit der Pupille, — Jutta glich dann einer Südländerin mit ihrem tief dunklen Haar, mit ihrer gelblichen Haut. Ueber den Mund konnte man nicht so recht ins klare kommen. JSr strafte die ehrlich blickenden Augen öfters Lügen, ein Schlänglein bog fich manchmal darum her, oder ironische Pfeile zuckten aus den Winkeln hervor, — Fräulein Jutta von Dernitz schien fich öfters lustig zu machen über die Welt. Schon als Kind hatte fie nichts lieber gethan, als den Leuten ein Schnippchen geschlagen — in aller Harm- losigkeit natürlich aber fie hatte sich doch vor Lachen geschüttelt, wenn ihr so ein netter, kleiner Streich recht ausgiebig gelungen war. Fräulein Jutta von Dernitz entstammte einer verarmten Familie, doch das focht fie wenig an. Sie glaubte an ihren Stern, an ein unfaßliches Glück — mindestens an das große Los. Der Stern, nun der war ihr geworden — allerdings in Gestalt einer Sternschnuppe. Ihre morgenfrischeste Jugend hatte eine romantische Künstlerliebe erhellt — so schön und so aussichtslos, wie eben nur Künstlerlieben zu sein pflegen — und das große Glück, nun, das hatte sich der Sternschnuppe angeschloffen, war glänzend, schnell und flüchtig vorübergeeilt. Der junge Maler, Juttas Verlobter, war gestorben, nachdem er der Welt ein einziges Werk geschenkt, ein großes herrliches, die Welt erleuchtendes. Jahrelang hatte Fräulein Jutta einer tiefen, herzlichen Trauer nachgehangen — ein paar feine Runen auf ihrer Stirn erzählten von Gram, von einem tiefen Schmerz — &ttn« waren ihre Augen wieder klar geworden, und ihr Sinn hatte sich erheitert. Fräulein Jutta von Dernitz gedachte nicht bis an ihr — 651 Ende in Armut und Zurückgezogenheit zu verkümmern. Sie hielt sich für viel zu schade dazu. Waren ihre Augen nicht dazu geschaffen, ein Haus zu erleuchten bis in den letzten Winkel? Klang ihr Lachen nicht hell genug, um die trübseligsten Grillen zu verscheuchen? Sie tarierte sich nicht niedrig: und sie that wohl daran. Eine „gute Partie« erhoffte sie für sich, eine vernünftige reiche Heirat — ihr Herz, das war ja tot, gestorben mit dem Liebsten. So recht vielen Menschen gedachte iie cs in einem angenehmen Hause hell und warm zu machen. Und wieviel Bedrängte wollte sie unterstützen, wieviel Betrübte trösten und — und — wie viel aussichtslose junge Künstler durch Aufträge erfreuen! Nebenbei spielte sie eifrig in der Lotterie — vielleicht ließ sich auch das große Los einmal erwischen. Fräulein Jutta glaubte eben mit dem zähen Vertrauen erfolgreicher Spieler an ein endliches Gelingen. Und zerrann schließlich ihre Hoffnung — was that's! Sie hatte dann die Vorfreude gehabt, die lange, lange Vorfreude! Die Zeit flog dahin, Jahr um Jahr verrann. Fräulein Jutta setzte unermüdlich in der Lotterie, erneuerte pünktlich ihr Los — kam aber höchstens mit dem Einsatz heraus. In Wirklichkeit schien ihr das große Los kaum bestimmt zu sein. Doch die gute Partie, die machte in der That Anstalten, sich ihr zu nähern — und eine solche ist ja schließlich auch ein großes Los für ein armes, aussichtsloses und bereits im zweiten Lenz stehendes Mädchen. Ein stattlicher, von mehr als reichlichen Zinsen lebender Herr fing an, Wohlgefallen an Juttas hellen Augen, an ihrem frischen Lachen, an ihrem ganzen Wesen zu finden. Wie er sich poetisch ausdrückte, sonnte er fich in ihrer Nähe — und sie, nun sie malte sich's aus, wie viele junge Künstlerherzen höher klopfen würden, wenn sie erst all der Aufträge für Bilder und Statuen teilhaftig sein würden, die ihnen zugedacht waren — Jutta nahm sich's ganz fest vor, diese „gute Partie« zu machen. Aber diese Sache zog sich bedenklich in die Länge. Herr Raimund Bastian sonnte sich nun bereits seit zwei Jahren, und den jungen Künstlerherzen war es immer noch nicht vergönnt, höher zu schlagen. Schändlicherweise that er sogar einmal irgendwo den Ausspruch, daß es für einen reichen Mann nicht vorsichtig wäre, ein armes Mädchen zu wählen. Man könne da nie wissen, ob echte Neigung vorhanden sei. Natürlich beeilte sich eine liebenswürdige sogenannte Freundin diesen Ausspruch Fräulein Jutta zu übermitteln. Fräulein Jutta nahm die Kunde durchaus gelassen auf. Nur ihre Augen veränderten sich, färbten sich dunkel, als siele künstliches Licht hinein. Um ihren Mund aber huschte die allerliebste kleine Schlange und bog sich vergnügt, als fühle sie sich recht wohl gebettet auf den weichen, vollen Lippen. Mit derselben Freundlichkeit wie bisher begegnete Fräulein Jutta ihrem vorsichtigen Verehrer, mit Eifer und Pünktlichkeit erneuerte sie stets ihr Los. Und als die Zeit kam, studierte sie eifrig die Gewinnlisten. — Ein so recht launenhafter Frühsommertag war's. Sehr zeitig schon hatte sich ein kurzes grollendes Gewitter entladen: danach lachte der Himmel blau und hell. Herr Raimund Bastian hatte sich bei Fräulein Jutta melden lassen, um sich zu sonnen. — Sie ließ ihn in ihr einfaches, helles Zimmerchen bitten, aber nicht wie sonst kam sie ihm entgegen auf leisen Sohlen, mild und freundlich. .. Sie saß da in ihrem Stuhl am Fenster, als seien ihr die Füße abgeichlagen, ihre Augen schimmerten grünlich unter den ihr Gesicht umtanzenden Sonnenstrahlen. - n.,«20“8 ~ toa6 ist geschehen —?" rief Herr Raimund Bastian ihr entgegen. Da hob sie den Kopf, ihre geraden, schwarzen Brauen zitterten, um ihren Mund flog ein Lächeln. »34 hab' das große Los gewonnen,« sagte sie laut und klar. „Ohne Teilung. Ich hab' hoch gesetzt, ein ganzes Los gespielt.« Er fuhr zurück, Verlegenheit in den Zügen. Er runzelte die Stirn. Nun war's ihm nicht recht, daß sie reich war! Sich und ihr suchte er einzureden, daß er heute gekommen sei, um ihre Hand zu bitten. „Fräulein Jutta,« sagte er finster, „diese Nachricht verschließt mir den Mund. Ich muß mich entfernen, — ich — ich kann Sie nun nicht Wiedersehen.« Jetzt erhob sie sich doch. „Ich habe Sie für meinen Freund gehalten, — und Sie haben kein Vertrauen zu mir? Wenn ich Sie nun bitte, zu bleiben, zu sprechen?« Er zögerte auf der Schwelle. „Jutta, Sie müssen's ahnen, weshalb ich komme. Machen Sie mir die Sache leicht —" Klar und fest, mit offenem Blick schaute sie ihn an. „Sie wollten mir Ihre Hand bieten —" „Sie bitten, mein Leben zu durchsonnen! Jutta, nehmen wir an, alles sei geblieben wie es gestern war — nehmen wir an, Sie seien noch arm und wären mir ein klein wenig gut —« Die kleine Schlange huschte um ihren Mund. „Nehmen wir das an. Sie sind ja reich, warum sollt' ich auch nur voraussctzen, daß Sie etwa nur Geld heiraten könnten? Meine Ueberzeugung ist sogar, daß Sie das niemals thun würden.« »Niemals, wiederholte er überzeugt. Da streckte sie ihm die Hand hin.' „Was hindert uns also, glücklich zu sein?« Die Sonne sandte blitzende Strahlen herein — in tiefem 33Iau leuchteten Juttas Augen, sie dachte an alle die jungen Künstlerherzen, die nun bald höher schlagen würden.-- Und mit lang verhaltner Glut küßte Herr Raimund Bastian Juttas Lippen, so daß das Schlänglein erschrocken entwich. * * Die Verlobungskarten wurden versandt — gleich einer ansteckenden Krankheit brach der Neid aus. Am dritten Tage nach der Veröffentlichung des Verlöbnisses trat Jutta ihrem Bräutigam mit einem schelmisch-kläglichen Lächeln entgegen. „Raimund," brachte sie zögernd und verlegen heraus, „Raimund — ich — ich hab' Dir ein Geständnis zu machen. Las mit dem großen Los, das ist ein Irrtum von mir gewesen, ich hab' mich um eine Sieben geirrt —um eine böse Sieben." Sie legte die Hand auf seine Schuller. „Aber Dir ist's vielleicht lieber so — Du warst ja förmlich zornig an dem Vormittag, als ich Dir mein unverhofftes Glück mitteilte. Eigentlich wolltest Du mich ja gar nicht mehr, weil ich plötzlich reich geworden war. Erinnerst Du Dich?" Er erinnerte sich — und er faßte sich. „Ich hab' in jedem Falle das große Los gezogen —" entgegnete er mit etwas steifer Galanterie-- Sie wandte sich ab und lachte und freute sich des Schnippchens, das sie dem vorsichtigen Herrn Raimund Bastian geschlagen — — — Aber gut sollte er's doch bet ihr haben —! Geineinnütziges. Kesurrdyeitspflege. Man sollte die Kinder recht frühzeitig durch Bäder, kalte Abwaschungen und Abreibungen, durch Schwimmen, Turnen, Spiele im Freien usw. möglichst zu kräftigen und abzuhärten uchen, damit sie etwas aushalten lernen, und falls sie erkranken, die nötige Kraft besitzen, die Krankheit zu überstehen. Klettenwnrzel gegen Flechte« läßt man am besten von Landleuten frisch graben. Gegen Flechten und Haut- 652 jucken kann man oft auch mit Erfolg Schwefel anwenden. Zum äußeren wie inneren Gebrauch übergießt man 2 Lot Schwefelmtlch mit 1 Liter kochendem Wasser, läßt es 24 Stunden stehen und seiht es dann ab. Innerlich nimmt man täglich hiervon ein bis zwei Eßlöffel voll. — Thee von wilden Stieß Mütterchen ist ebenfalls ein gutes Hausmittel gegen Flechten und andere Hautkrankheiten. Ziergarten und Klumenpflege. Die Edelblume des Novembers ist das Chrysanthemum indicum, die indische Goldblume, in ihren verschiedenen Formen und unzähligen Sorten. Diese Goldblume ist eine Staude, die im Herbst bis auf den Wurzclstock abstirbt, der frostfrei und nicht vollständig trocken überwintert wird. Im Frühjahr hell gestellt, entwickeln sich bald junge Triebe, die abgeschnitten und als Stecklinge verwendet werden. Aus solchen Stecklingen zieht man im Laufe des Sommers die stattlichen Prachtpflanzen, die jetzt in vollem Flor stehen. Ein Standort im Freien, Zurückschneiden im Anfang, später Entfernen der schwachen Triebe, mehrfaches Umsetzen, Aufbinden, reichliches Düngen, Bewässern und Spritzen gehören zur guten Kultur. Riescnblüten erzielt man dadurch, daß jedem Triebe sämtliche Knospen bis aus die stärkste genommen werden, der dann aller Saft zugeht. Die jetzt blühenden Goldblumen lassen sich trefflich zur Dekoration von Wintergärten und kühlen Wohnräumen verwenden. Die abgeschnittenen, langstieligen Blumen liefern in den trüben Novembertagen der Hausfrau das schönste Material zur Ausschmückung der Blumenvasen. Jür die Küche. Karpfen in Rotwein. Zehn Personen. Bereitungszeit »/, Stunden. Zuthaten: 2% Kilo Karpfen, 125 Gramm Butter, i/a Liter Rotwein, Liter Essig, 20 Gramm Salz, Zucker nach Geschmack, 15 Gramm Liebig's Fleischextrakt, 2, mit je 2 Nelken besteckte Zwiebeln, einige Pfeffer- und Gewürzkörner, ein Lorbeerblatt, eine geschälte halbe Zitrone, scheibig geschnitten und entkernt, eine etwa 3 Zentimeter breite Schwarzbrotrinde. Beim Töten des Karpfens wird das Blut desselben in dem Essig aufgefangen und gequirlt, den Fisch schuppt und wäscht man, spaltet ihn in Hälften und schneidet ihn in Stücke. Nachdem man den Boden der Kasserolle mit Salz, Gewürz und den übrigen angegebenen Zuthaten bestreut hat, legt man zuerst die Fischköpfe, dann die übrigen Teile hinein, füllt so viel Rotwein auf, daß diese vollständig bedeckt sind und läßt den Karpfen etwa ‘/4 Stunde kochen, das in wenig Wasser aufgelöste Liebig's Fletschextrakt und zuletzt den Essig hinzugebend. Sobald der Fisch genügend weich geworden ist, nimmt man ihn mit einer Schaumkelle aus der Brühe, gießt diese durch ein Sieb, giebt sie in die Kaflerolle zurück, schmeckt sie mit Zucker ab, erforderlichen Falles auch noch Salz beifügend, kocht sie rasch auf und richtet sie mit dem Karpfen an. Litterarifches. Die Wasserheilmethoden und ihre Errungenschaften. Auf dem Gebiete der Wasserheilmethode ist seit ihrem ersten Emporkeimen durch Kneipp viel geleistet aber auch viel gesündigt worden. Die Wasserheilanstalten, Doktoren, Pfuscher entstanden wie Pilze. Als Kneipp starb, glaubten seine Feinde, daß man auch seine Heilmethode zu Grabe tragen würde, allein das Gegenteil trat ein, je mehr die Aerzte gegen das Wasser kämpften, desto größer wurde die Hochflut, und zuletzt ergaben sich die Medizinmänner und heilten auch mit Wasser; ja ein großer Teil bildete sich zu Spezialisten für Wasserkuren aus. Auch der Buchhandel that sein möglichstes, um die einzelnen Schichten des Volkes schnell mit der Art und Weise dieser Heilmethode bekannt zu machen. Allein es kam zu Auswüchsen schlimmster Art. Leute bte nie Verleger waren, die vom Buchhandel recht wenig wußten, fabrizierten Werke für Wasserheilmethoden in furchtbarem Umfange, den schlechten Inhalt mußten einig- Bilder, die ja nur dem Sinnenkitzel dienen, verbessern, dazu ein ins Ange fallender Einband, und dann ging diese Heuschreckenplage hinaus und leerte des Volkes Taschen. Geheilt wurden wenige, aber gestorben sind Tausende durch Schuld dieser Industrie. Die wirklich guten Bücher, die für das leidende Publikum auch Wert hatten, verschwanden fast vollständig. Eine neue Anordnung auf dem Gebiete des Wasserkurierens sollte uns von Berlin kommen. Dort erschien ein Buch: Dr. Thiermann die Reform der Kneipp'schen Wasserheilmethode. (Verlag Hugo Bermühler, Berlin SW.) Zum crstenmale wurde ich auf dieses Buch durch die Altonaer Zeitung aufmerksam, die in ihrer Kritik das Buch weit über die marktschreierisch angeborenen ähnlichen Werke stellte. Der Inhalt des Buches bewährte sich in der That so, daß ich es in meinen Bekanntenkreisen empfahl, und darauf von vielen Seiten anerkennen hörte, daß die in dem Buche angeführten Verordnungen großartige und überraschende Heilerfolge erzielten, was ich im Interesse der leidenden Menschheit nachzuweisen bereit bin. Dr. Thiermann, der seinerzeit in Wörishosen Assistenzarzt war, ist ein Spezialist der Wasserheilknrm. Er hat seine Reformen für die Wasserheilkur in mehr als zehnjähriger Praxis gründlich durchgeführt und solange geändert, bis er sie nach allen Richtnngen hin erprobt gefunden hat. Der Verfasser hat das Wasserheilverfahren zu einer Kur herangebildet, die auch wasserscheue und sehr verwöhnte Patienten nicht nur gerne durchmachen, sondern die sie als eine große Wohlthat empfinden und keinen Grund mehr haben, Kuren zu gebrauchen, die wohl dem Erfinder Geld, aber dem Kranken keine Gesundheit bringen. Wir finden in seinem Buche als erstes Kapitel eine Erklärung der Grundstörungen im menschlichen Körper und hierauf eine alles erschöpfende Beweisführung, daß nur eine naturgemäße Heilweise, wie solche das Wasser giebt, diese Grundstörungen wieder beseitigt. Sodann folgt die Erklärung, in welcher Weise das Wasser zu Heilzwecken angewendet werden muß. Der zweite Teil des Buches behandelt die Erkennung und Heilung, der Krankheiten des Menschen überhaupt. Es ist dies in sehr verständlicher und übersichtlicher Weise geschehen. Der Arzt giebt zuerst eine ausführliche Beschreibung der Symptome jeder Krankheit und hierauf die zur Heilung notwendigen Behandlungsmethoden, die sich genau unterscheiden je nach dem Grade der Krankheit. Unterstützt beim Aufsuchen der einzelnen Krankheiten werden wir durch ein dem Buche beigegebenes Register. Wir können getrost behaupten, daß die auf wirtschaftlicher Basis beruhenden Reformen Thiermanns das Wasserheilverfahren in richtige Bahnen geleitet haben, und daß es ihm gelungen ist, der Schul-Medizin dadurch eine große Bresche zu schlagen, eine Errungenschaft, auf die die Anhänger der Naturheilmethode stolz sein können. Wir müssen Kneipp dankbar sein, daß er uns den Weg gezeigt hat, der unsere Krankheiten ans natürliche Weise zur Heilung bringen kann, aber wir müssen Thiermann als unseren Erretter preisen, daß er es zu seiner Lebensaufgabe machte, der leidenden Menschheit auf Grund wissenschaftlicher Basis den Führer zu verschaffen, der uns diesen Weg auch erfolgreich betreten läßt. Ich kann nur wünschen, daß dieses Buch, das übrigens einen sehr müßigen Preis (3 Mark) hat, sich recht viele Freunde erwirbt. Berlin, Bergmannstr. 105. T. Zuhr. Schachaufgabe. (Nachdruck verboten.) a b c d e f g h a b c d e f g h 8 8 6 6 5 Weiß. Weiß setzt mit dem vierten Zuge matt. Auflösung folgt in nächster Nummer. Auflösung des Namenrätsels in voriger Nummer: Hildegard — Hedwig — Selma — Else — Alwine — Adelheid; Helene. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.