Donnerstaa den 12. Oktober. fii 8 l'sll’lw uxHI WLM MH as Gute spricht in schlichten, klaren Worten, Das Böse hüllt sich gern in Rätsel ein. Raupach. Nachdruck verboten. Der Gylsenhof. Eine Erzählung von P. D i t f u r t h. (Fortsetzung.) VI. Der Frühling kam wieder ins Land. Mit Sturm und Brausen schwang er seine Fittiche über die Erde, sie erweckend zu neuem Leben. Auf Walters Grabhügel saß Renata und lehnte mit geschlossenen Augen den Kopf an das kalte Marmorkreuz. „Ach! all das Erwachen um sie her that ihr so bitter weh, sie hätte hinausschreien mögen in daS Sausen und Klingen, so voll, so schwer war ihr das Herz. Der gewaltige Lebensodem, der durch die Welt wehte, er konnte doch nicht das Grab spalten und die liebliche Knabengestalt wiederbringen, die da unten schlief. Die vereinsamte Schwester hob das Haupt, und ihre Blicke fielen auf die Inschrift eines gegenüberliegenden Grabkreuzes. „Ich bin die Auferstehung und das Leben," stand dort wie für sie geschrieben. Und war nicht alles das, was ihr so weh that, die Vorahnung jenes großen, ewigen Frühlings, der auch ihr dereinst ihre Lieben wiedergeben würde? Ja, sie war allein gelaffen und mußte einen einsamen Weg gehen- aber war sie darum verlassen, hatte sie nicht einen reichen Vater? Renata erhob sich und atmete tief auf. Nein, sie wollte nicht undankbar sein- sie wollte nicht bloß zur Erde blicken, sondern hinauf zu Gott und hinaus in die Welt, wo auch ihrer ein von Gott verordnetes Tagewerk wartete. Ein Pförtchen führte aus dem Kirchhof in das kleine Gehölz, welches sich über einen Teil des Hügels hinter der Brunnenstraße hinzog. Renata schlug den Weg dorthin ein; das Pförtchen stand gerade offen, und die milde, reine Luft that ihr so wohl. Ueber ihr in den Baumwipfeln wogte es hin und her, und ein süßer Veilchendust wehte ihr entgegen. Auf einem freien Platze stand ein alter Baum, der seine gewaltigen Neste weithin ausbreitete. Renata schlang den Arm um den Stamm und lehnte die Stirn an die narbige Rinde. Die Zweige ächzten und knackten im Sturm, als rängen sie mit dem Bann des Winters, und droben jagten die grauen Wolken pfeilschnell dahin, dann und wann sprühende Tropfen heruntersendend. Renatens dichtes Haar hatte sich gelöst und flog zerzaust um ihre Schultern, sie selbst wurde vom Wind beinahe hochgehoben, aber das war ihr eben recht. Auch durch ihre Seele wehte es wie neuer Lebensodem, wie eine erwachende Ahnung, daß ihr Leben nicht nur durch winterliches Dunkel gehe. Melodische Töne wurden jetzt deutlich vom Winde zu der einsamen Träumerin herübergetragen. Das waren Menschenstimmen, und näher und näher kamen sie. Renata hob den Kopf und horchte. „Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden. Es blüht das fernste, tiefste Thal, Nun, armes Herz, vergiß der Qual, Nun muß sich alles wenden!" klang es jugendlich jauchzend durch den Wald. Sehen konnte Renata die Sänger noch nicht, aber sie kamen möglicherweise in ihre Nähe. Sie schickte sich an heimzugehen, mußte aber zu diesem Zweck erst ihr Haar ein wenig ordnen. Aber das war ein schwierig Ding, und sie überlegte, ob sie nicht doch nötigenfalls so durch die Stadt kommen könnte. Da knackte es plötzlich in ihrer Nähe und Schritte wurden hörbar. Eine Männergestalt tauchte vor ihr auf, die ihrerseits ebenso überrascht schien, wie sie selber. ES war der Profeffor Wolfram, und Renata atmete bei dieser Wahrnehmung erleichtert auf. Das war bester, als wenn es sein naseweiser, blonder Neffe gewesen wäre. Verlegen war sie aber doch, sie mußte höchst sonderbar auSsehen, daS bezeugte der erstaunte Blick des Herrn Profeffors. Dann verbeugte er sich aber höflich und sagte: „Fräulein Wendelin, wenn ich nicht irre?" Renata erwiderte seinen Gruß etwas befangen und hoffte nun, er werde gehen- aber er schien die wunderbare Situation des jungen Mädchens nicht recht zu begreifen, sondern blieb ruhig stehen und begann ein Gespräch. Es half nichts, sie mußte ihm Rede stehen, unartig durfte sie, besonders gegen diesen Mann, nicht sein. Sie versuchte wenigstens schnell ihren Shawl umzulegen und den Hut aufzusetzen, doch ehe sie damit zustande kam, rief Fridas helle Stimme: 582 „Onkel Gottfried, wo bist Du?" und gleich darauf stand sie vor ihm und warf ihm eine ganze Menge Veilchen über den Kopf. Dabei wurde sie Renaten gewahr, welche zu ihrem Schreck auch noch die beiden Freunde auftauchen sah. „Eine interessante Gruppe," sagte Max, seinen Klemmer auf die Nase zwängend. „Ist denn das nicht Fräulein Wendelin?" meinte Viktor. „Kaum glaubhaft," erwiderte Max, beschleunigte aber seine Schritte. Frida stand höchst erstaunt vor Renaten. „Aber mein Himmel, wie sehen Sie denn aus, Fräulein Wendelin?" rief sie lachend. „Tie reine Waldfee," ließ sich Max vernehmen, indem er sich tief verbeugte. Zornig und verwirrt stand Renata vor der lustigen Gesellschaft, sie hätte weinen mögen, und es stiegen sogar ganz feindselige Gedanken gegen den unschuldigen Professor, der sie aufgehalten, in ihr auf. — Sie strich das widerspenstige Haar aus dem tief erröteten Gesicht und setzte ihren Hut auf. „Aber wenn die Waldsee Veilchen suchte, würde sie Ihnen, Herr Falkner, schwerlich begegnet sein," sagte sie mit scharfer Betonung. Sie ärgerte sich unbeschreiblich über sein keckes Anstarren. Max biß sich auf die Lippen und trat unwillkürlich zurück. Renata wandte sich an Frida, um sich schnell zu verabschieden, aber die kleine Blondine lachte und machte ihr begreiflich, daß sie so unmöglich durch die Stadt gehen könne. „Müssen Sie denn durchaus nach Haus? Kommen Sie mit zu uns und frisieren Sie sich in guter Ruh." Frida war sehr guter Laune und überredete Renaten in liebenswürdiger Weise aufrichtig, mit ihnen zu gehen. Der Profesior war verschwunden, und die beiden Mädchen gingen schnellen Schrittes direkt den Berg hinab und dann durch die Hinterthür in den Ghlfenhof. Die Studenten folgten langsam. Max sah mißmutig vor sich hin, plötzlich wandte er sich herum: „Ob das ein Racheakt von der jungen Dame war?" „Racheakt? Wie so?" fragte Viktor zurück. „Nun, wegen der Begegnung damals, Du weißt doch?" „Ach ja, möglich/ ich glaube nur, sie weiß nichts mehr davon, mir macht es ganz den Eindruck." „Bah, was denkst Du, so etwas vergißt eine junge Dame selten. Wollen wir wetten, sie weiß es/ ich werde es zu ergründen suchen und dann eine Art Abbitte leisten/ paß auf, sie wird liebenswürdig — ich kenne die Damen," schloß er mit blasierter Miene. „Ich fürchte, Du erleidest nur eine neue Niederlage," erwiderte Viktor, „ich würde vorsichtig sein mit diesem Fräulein Wendelin." Max schaute aber sehr siegesgewiß drein, während sein Freund den Kopf über diese verblendete Eitelkeit schüttelte. In Fridas Zimmer stand Renata vor dem Toilettentisch und ordnete ihr Haar / Frau Falkner war ihr dabei behilflich. „Kind, was haben Sie für schönes Haar," sagte sie bewundernd. In der Fensternische saß Frida und sah zu, von Zeit zu Zeit ihr Näschen in einen Veilchenstrauß steckend, den ihr Burghoff überreicht/ daher vielleicht die gute Laune. Sie vergaß zum ersten Mal ihre eigenen blonden Locken beim Anblick dieser schönen, braunen Haarwellen. „Ich hätte doch nie gedacht, daß Sie solch starkes Haar hätten," rief sie. „Wo stecken Sie's nur hin, daß man nichts davon sieht?" „Das weiß ich selbst nicht," entgegnete Renata, .„es geht bei mir immer sehr eilig mit der Toilette." „Sie frisieren sich sehr unvorteilhaft," begann Frau Falkner wieder, „wir wollen das Haar nicht so fest zusammenstecken, so, nun sehen Sie gleich viel netter aus." „Wirklich," sagte Frida, „gleich zehn Jahre jünger. Mit Ihrem glatten, straffen Scheitel sehen Sie immer aus wie der alte Herr, dessen Bild in der Rumpelkammer steht/ Sie erinnerten mich gleich an ihn, als ich Sie zum ersten Mal sah." Renata lächelte und vollendete ihre Toilette selbst, während Frau Falkner hinausging. „Es ist vielleicht ganz gut für mich, wenn ich immer älter aussehe, als ich bin" / damit schickte sie sich an, sich mit Frida ins Wohnzimmer zu begeben. Als sie an des alten Herrn Gemach vorüberkamen, hörten sie heftiges Sprechen und dazwischen eine beruhigende Frauenstimme. „Großvater hat mal wieder seinen schlimmen Tag/ schon den ganzen Morgen war er so aufgeregt/ ich glaube, er mag den Sturm nicht hören," bemerkte Frida. „Ihre Frau Mutter ist wohl die einzige, die den alten Herrn zu beschwichtigen weiß?" fragte Renata. „Gewiß, aber Marianne hat auch viel Macht über ihn, und das ist sehr gut, für Mama allein würde es zu viel." „Nun, hat denn ihre Mutter nicht eine kräftige Stütze an dem Herrn Professor?" warf Renata ein. „Man sollte es denken," erwiderte die kleine Blondine, „doch geht sonderbarerweise Onkel Gottfried dem Großvater eher aus dem Wege. Großvater fragt, glaube ich, nichts nach ihm, sie verständen sich nicht, hat Mama mir einmal gesagt." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Schuldig. Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) Vater und Sohn blieben allein. Ein paar Minuten standen sie einander schweigend, regungslos gegenüber, dann umschlang Hans den Kommerzienrat mit beiden Armen und rief aus dem tiefsten Grunde seines Herzens: „Vater, mein lieber Vater!" Da war es, als löse sich ein Alp von der Brust des alten Herrn, und er rief: „Bin ich das noch? Kannst Du mich wirklich noch so nennen?" Statt der Antwort umschlang ihn Hans nur fester. „Es war mir unmöglich, jener entsetzlichen Frau ein verzeihendes Wort zu sagen," sagte er leile und schaudernd, „aber Du, mein Vater, bleibst mir, was Du immer warst, nein, Du bist mir von heute an noch mehr, viel mehr. Laß mich Dein nächster Freund, Dein Vertrauter sein." „Du bist es, Hans," entgegnete der Kommerzienrat, den Kopf des Sohnes an seine Brust drückend. „Aber Hans, ich habe noch einen Sohn und eine Tochter — und sie sind die Kinder jener Frau." Er warf einen scheuen Blick nach dem Ruhebett, auf welchem die entseelte Hülle seiner Gattin lag. „Sie sind meine Geschwister!" rief Hans ohne Besinnen / „ich werde die Schuld ihrer Mutter nicht an ihnen heimzusuchen trachten. Laß uns im Gegenteil Sorge dafür tragen, daß sie ihnen für immer verborgen bleibt, daß der Schatten davon nicht auf ihr Leben fällt." „Hans, das wolltest Du?" „Kannst Du da noch fragen? Wird meine arme Mutter wieder lebendig davon, wenn lange Jahre nach ihrem Tode die Welt erfährt, wie sie gestorben ist und die unschuldigen Kinder der Mörderin mit dem Makel ihrer That behaftet werden? Nein, laß uns alles aufbieten, um das Trauerspiel im Hause Helldorf der Welt verborgen zu halten. „Nimm diese Blätter an Dich, Vater!" fuhr er, auf die auf dem Schreibtisch liegenden Bogen deutend fort, „so hart es Dich auch ankommen mag, wirst Du sie doch unverzüglich lesen müssen, denn ich vermute, sie enthalten näheren Ausschluß über jenen Dr. Corbus, den ich schon lange für einen Abenteurer gehalten habe. Ich fürchte, er — 583 plaudert, weun er sich nur den geringsten Vorteil davon verspricht, das Geheimnis aus, wie er seine Genossin damit geängstigt und gehetzt hat. Wir werden Sorge tragen müssen, ihm zuvorzukommen." Der Kommerzienrat gab nur durch Nicken seine Zustimmung zu erkennen,- seine Kraft war erschöpft, er vermochte sich kaum noch aufrecht zu erhalten. Hans reichte ihm den Arm und führte ihn mit liebevoller Sorgfalt aus dem Zimmer, in welchem beide die schwerste Stunde, die einem Menschen beschieden sein kann, durchlebt hatten. XVI. Dr. Corbus hatte schon um Mitternacht, mit einem kleinen Handkoffer versehen, vor der Villa des Kommerzienrates auf der Lauer gestanden. Er hatte seiner Wirtin gesagt, daß er wieder eine kleine Reise vorhabe, was bei der Häufigkeit dieser Vorfälle keine Verwunderung verursachte, nnd war der Meinung gewesen, es sei ihm gelungen, sich unbemerkt zu entfernen. In Wirklichkeit hatte sich dies jedoch anders verhalten. Schon sein Besuch bei der Kommer- zienrätin am Nachmittage war beobachtet worden, und von da an hatte sich, ohne daß er es gewahrt, ein Beamter an seine Fersen geheftet und folgte ihm wie sein Schatten. Während er unter dem Vordach des Helldorfschen Hauses, gedeckt von den die Gaslaternen tragenden Karyatiden wartend stand, hatte der Kriminalbeamte in dem Säulengange des auf der anderen Seite der Straße gelegenen Hauses Posto gefaßt und beobachtete jede seiner Bewegungen. Seinem scharfen Auge entging es nicht, daß Corbus, je weiter die Zeit vorcückte, immer unruhiger ward. Und nun bemerkten beide eine Bewegung im Helldorfschen Hause/ hinter den herabgelassenen Vorhängen wurde Lichtschein wahrnehmbar, Schatten bewegten sich hin und her. Corbus vermochte bald nicht mehr daran zu zweifeln, was diese Erscheinung für ihn zu bedeuten habe. „Verdammt! Sie ist abgefaßt worden!" murmelte er. „Nun heißt es für mich so schleunig wie möglich Fersengeld geben,- der nächste Morgen darf mich in Berlin nicht mehr treffen. Schnell nach dem Potsdamer Bahnhof, das ist mir der nächste/ zu einem Fahrschein reicht es ja noch, gleichviel wohin!" Er wandte sich um und wollte die Bellevuestraße hinunter nach dem Potsdamer Bahnhof gehen, da vernahm er Schritte hinter sich/ eine Hand legte sich auf seine Schulter, und eine scharfe Stimme raunte ihm leise, aber sehr vernehmlich ins Ohr: „Sie find mein Gefangener, folgen Sie mir ohne Aufsehen." (Fortsetzung folgt.) Die Hefe. Von Dr. A. Neuburger. ------- (Nachdruck verboten.) Kleine Ursachen, große Wirkungen. Ein mikroskopisch kleiner Pilz ist die Hefe, aus einer einzigen Zelle besteht jedes Individuum derselben, — und doch, welch große Anzahl von gewerblichen Betrieben, wieviele Zweige der Großindustrie und der Technik bauen sich anf der Lebensthätig- keit desselben auf! Tausenden und abertausenden von Menschen gewähren diese Industriezweige eine Existenz, ein Feld der Thätigkeit, und es ist keine Phrase, wenn wir behaupten, daß die Produkte, welche aus dem Lebensprozeß der Hefe sich ergeben, im Leben eines jeden einzelnen Menschen eine Rolle spielen. Trotzdem die mit diesem Lebensprozeß verbundenen Erscheinungen schon seit undenklichen Zeiten bekannt waren, ist man doch erst im Anfänge dieses Jahrhunderts dazu gelangt, sich über das Wesen der Hefe selbst eine richtige Vorstellung zu bilden. Zwar hatte bereits im Jahre 1680 Leuwenhoek beobachtet, daß die Hefe aus rundlichen Körnchen bestehe, und Erxleben hatte 1818 der Vermutung Raum gegeben, die Hefe gehöre zu den Organismen, doch erst 1838 erkannte Cagniard de la Tour, daß dieselbe ein Pilz sei. Seitdem wurde unsere Kenntnis über diesen insbesondere durch die Forschungen Liebigs, Pasteurs, Nägelis und Hansens mächtig gefördert. Heute bezeichnet das Wort „Hefe" einen Gattungsbegriff, unter dem man eine ganze Anzahl von Arten und Rassen zusammenfaßt. Die Hefe, die zur Bereitung des Braunbieres dient, zeigt andere Rassenmerkmale, als die zur Herstellung des Weißbieres verwendete; es gibt verschiedene Sorten von Weinhesen, —■' kurzum, fast jeder Industriezweig, der sich der Hefe bedient, hat auch seine besondere Hefenart. Ihrer Stellung im Reiche der Natur nach gehört die Hefe, wie schon eingangs erwähnt, zu den niedersten Pflanzen: zu den Pilzen, und zwar zu den Sproßpilzen, da sie sich durch Sprossung fortpflanzt. Dies geschieht in der Weise, daß aus einer Hefenzelle, welche ein einfaches, ovales Gebilde ohne jede Organe darstellt, eine zweite kleine Zelle hervorsproßt, die allmählich wächst nnd sich dann von der Mutterzelle loslöst. Aus ihr schießen wieder Sprößlinge hervor, und diese Art der Fortpflanzung ist eine so rasche, daß bei dem Verfahren der Hefereinzucht, auf welches wir noch zurückkommen werden, aus einer einzigen Zelle innerhalb weniger Tage Kilogramme von Hefe gewonnen werden können. Die wichtigste und für Industrie und Technik bedeutsamste Eigenschaft der Hefe ist die, daß sie während ihres Lebens- und Fortpslanzungsprozesses Zuckerarten zu zersetzen vermag; die Produkte dieser Zersetzung sind Alkohol und Kohlensäure, und der Vorgang dieser Zersetzung selbst ist unter dem Namen der „Gärung" bekannt. Nur unter ganz besonders günstigen Bedingungen vermag die Hefe Zucker zu zersetzen. Hierzu gehört in erster Linie eine geeignete Temperatur, welche je nach der Hefenart zwischen 15° und 270 C. liegt, sowie eine bestimmte Konzentration der Zuckerlösung, welche nicht zu verdünnt, vor allem aber auch nicht zu konzentriert sein darf. Um unbeabsichtigte Gärungen zu vermeiden, werden deshalb z. B. Konservenfrüchte in ganz starken Zuckerlösungen eingekocht. Sind alle Bedingungen gegeben, dann beginnt alsbald die Hefe ihre Thätigkeit. Sie nimmt den Zucker in sich auf, zersetzt ihn in ihren Zellen, und ein lebhaftes Schäumen der Lösung gibt Kunde von der reichlichen Kohlensäure-Entwicklung; damit Hand in Hand geht die Produktion von Alkohol, der ja das berauschende Prinzip aller „geistigen" Getränke ist, während die Kohlensäure den angenehmen, prickelnden Geschmack derselben hervorbringt. Fast sichtbar rasch vermehrt sich hierbei die Hefe selbst, und zwar so lange, bis der wachsende Alkoholgehalt der Flüssigkeit ihrer Fortpflanzung und damit der Zersetzung des Zuckers Einhalt thut; in dem Zeitpunkt, wo ein gewisser Prozentsatz von Alkohol erreicht ist, hört die Gärung von selbst auf. Es sind vor allem die Bierbrauerei und die Weinkelterei, welche in ausgedehntestem Maßstabe Hefe verarbeiten. Ich kann auf diese Prozesse hier nicht näher eingehen und nur erwähnen, daß beim Brauereiprozeß der Malzzucker, bei der Bereitung des Weines hingegen der Traubenzucker dem Gärungsprozeß unterliegt. Die entstehende Kohlensäure entweicht bei beiden zum größten Teile in die Luft, nur ein geringer Anteil derselben bleibt int erzielten Produkte, mit Ausnahme der Schaumweine, die ja sehr reich an Kohlensäure sind. Der Alkoholgehalt schwankt beim Biere zwischen 21/, bis 4*/2 Gewichtsprozenten, beim Weine zwischen 6 und 12 Prozent. Welch ungeheure nationalökonomische Bedeutung der Hefe zukommt, läßt sich schon aus dem Umstande ermessen, daß im Jahre 1894, dem letzten, von welchem eine amtliche Statistik über diesen Gegenstand vorliegt, die Bierproduktion in Deutschland 55 Millionen Hektoliter betrug, die Weltproduktion aber belief sich auf 205 Millionen Hektoliter! — 584 Es gibt noch eine ganze Anzahl alkoholhaltiger Getränke, welche durch einen ähnlichen Prozeß wie der Wein gewonnen werden und die man deshalb wohl auch „Weine" benennt. Auch diese verdanken ihre Entstehung der Thätig- keit der Hefe. Sehen wir von den sogenannten Beeren- und Fruchtweinen ab, so wäre hier in erster Linie der „Kefir" zu erwähnen. Derselbe wurde ursprünglich im Kaukasus mit Hilfe der sogenannten „Kefirknollen" aus Milch hergestellt, und ist seiner Zusammensetzung nach eine saure, Alkohol, Milchsäure und Kohlensäure enthaltende Milch. Jetzt bereitet man ihn allenthalben, und die Untersuchung der aus dem Kaukasus eingeführten Kefirknollen hat ergeben, daß dieselben zum größten Teile aus Hefe bestehen. In ähnlicher Weise bereiten mit Hilfe der Hefe die russischen Steppenvölker den „Kumys" aus Stutenmilch, und die altgermanische Hausfrau bereitete den „Meth", welchen sie dem heimkehrenden Krieger darbot, aus Honig, ebenfalls mit Hefe. Ein ungeheures Industriegebiet ist die „Brennerei". Sie produziert den Alkohol (Spiritus, Weingeist, Sprit), sowie alle „stärkeren" Getränke, die Spirituosen. Auch hier ist es einzig und allein die Hefe, welche die fruchtbringende Kraft bei den mannigfachen Methoden ist, durch welche die Brennerei ihre Erzeugnisse hervorbringt. Bei vielen Prozessen des täglichen Lebens spielt die Hefe ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle. Während sie bei der Gärung des Sauerkrautes und dem Reifen des Käses nicht allein, sondern in Verbindung mit einem Bakterium, dem Milchsäurebazillus, ihre Wirkung ausübt, kommt sie in der Bäckerei sowohl allein, als auch in Verbindung mit Bakterien in ausgedehntestem Maßstabe zur Verwendung. Beim „Anmachen" des Teiges wird ein Teil des im Mehle enthaltenen Stärkemehls in Zucker verwandelt, und dieser, sowie der bereits im Mehl fertig gebildete Zucker werden gelöst. Durch Zusatz von Hefe oder Sauerteig findet in dieser Zuckerlösung nun der bekannte Gärungsprozeß statt, und die entstehende Kohlensäure bewirkt hierbei das „Aufziehen" oder „Gehen" des Teiges. Die verschiedenen Arten der Teiggärung sind erst in allerjüngster Zeit durch die Untersuchungen Wolfins klargelegt worden, und man hat demnach drei Arten derselben zu unterscheiden: 1. die reine Hefe-Gärung, welche bei der Bereitung des Weißbrotes zur Anwendung gelangt; 2. die Sauerteig-Gärung, bei welcher die Hefe in Verbindung mit einem Bazillus, dem Bacillus levans, wirkt, und 3. die reine Bazillengärung, bei welcher der letztgenannte Bazillus allein wirkt. Diese letztere Art der Gärung tritt z. B. bei der Herstellung des Schrotbrotes ein. Man hat vielfach versucht, die Hefe durch allerlei Surrogate, sogen. Backpulver oder Lockerungsmittel (Hirschhornsalz, Rum, Backmehl u. s. w.) zu ersetzen, doch hat sie sich diesen gegenüber immer noch siegreich behauptet. Es ist ein ganzer Industriezweig entstanden, welcher ausschließlich die Herstellung von Hefe für Bäckereizwecke betreibt, die sogenannte Preßhefefabrikation. Bei dieser handelt es sich in erster Linie darum, eine möglichst triebkräftige und haltbare Hefe zu erzeugen. Zu diesem Zwecke werden als Nährlösungen für die Hefe sogenannte „Maischen" aus Darrmalz, Roggen, Buchweizen oder Gerste in der Weise hergestellt, daß man diese Substanzen bei geeigneter Temperatur mit Wasser behandelt. Der wässerige, zuckerhaltige Auszug stellt die „Maische" dar. In dieselbe wird etwas Hefe gebracht, welche sich rasch vermehrt, besonders dann, wenn während der Gärung durch besondere Vorrichtungen fleißig Luft zugeführt wird. Die oben auf der Maische schwimmende Hefe (deshalb „obergärige" Hefe genannt zum Unterschied von der „untergärigen", welche sich am Boden absetzt, wie z. B. bei der Herstellung des Braunbieres), wird abgeschöpft, gesiebt, in Wasser gewaschen und gepreßt. Zur Gewinnung billigerer Sorten von Preßhefe wird vor dem Pressen Kartoffelstärke (oft bis 60 Prozent!) zugesetzt- Derartige Hefe hat natürlich eine bedeutend geringere „Triebkraft". Ein weiterer Betrieb, welcher sich mit der Fabrikation von Hefe im großen beschäftigt, sind die „Hefereinzucht- Anstalten". Wir haben bereits erwähnt, daß jede Hefenrasse ihre besonderen Eigenschaften hat, und besonders im Brauereigewerbe ist der Geschmack des Bieres oft an die Verwendung einer ganz bestimmten Hefeart gebunden. Kommen andere Hefearten (sogen, „wilde Hefen") in das Bier, so wird der Geschmack vollständig verändert, das Bier „schlägt um", ja, es kann sogar ganz verdorben werden. Deshalb züchtet man seit einigen Jahren die Heferassen rein in ähnlicher Weise, wie man Reinkulturen von Bakterien herstellt. Das Verfahren ist von Professor Hansen in Kopenhagen angegeben und besteht darin, daß man eine ganz geringe Spur Hefe in eine feste Nährlösung, in der sie sich also nicht bewegen kann, einbettet. Eine solche Lösung ist z. B. ein Gemenge von Bierwürze und Gelatine. Da diese vollkommen fest erstarrt, so muß in ihr jede Hefezelle an dem Platze fest liegen bleiben, wo sie sich befindet. Man bringt von einer solchen Nährlösung eine ebenfalls geringe Menge unter das Mikroskop und sucht mit Hilfe desselben eine besonders schöne und kräftige Zelle aus, deren Lage in der Lösung man mittelst besonderer, am Mikroskop angebrachter Vorrichtungen bezeichnet. Diese Zelle sproßt in dem Nährmittel weiter, und bald zeigt sich an der bezeichneten Stelle ein kleiner Hügel, eine Kultur von Hefezellen, welche aus der einen Mutterzelle hervorgesproßt sind. Mittelst feiner, vorher sterilisierter Nadeln wird diese Kultur herausgestochen, in eine frische, ebenfalls sterile Nährlösung gebracht und in einen sogenannten Brutschrank gestellt, in dem sie sich bei genügender Temperatur rasch weiter vermehrt. Ist eine genügende Menge vorhanden, so kommt diese in die Hansen'schen „Hefepropagatoren", große Kessel, welche mit steriler Bierwürze gefüllt, und mit Rühr- und Lüftungsvorrichtungen versehen sind. In diesen wird durch die Würze filtrierte und sterilisierte Luft durchgeblasen, und hierbei fortwährend umgerührt. In kurzer Zeit gewinnt man so aus einer Zelle mehrere Kilo vollkommen reiner Hefe, welche dann in luftdicht verlöteten Büchsen an die Brauereien versandt wird. Das Verfahren der Hefereinzucht ist die wichtigste Neuerung, welche die Brauerei in diesem Jahrhundert zu verzeichnen hat. Erst durch dasselbe ist es gelungen, die vielfachen Störungen, welche dem Betrieb früher anhafteten, und die mannigfachen „Krankheiten", welchen das Bier ausgesetzt war, zu beseitigen. Homonym. (Nachdruck verboten.) Für Krankenzimmer und Spitäler Erteilt' es einst manch' weisen Rat; Wenn man es schießt, so ist's ein Fehler, Und raucht man es, schmeckt's delikat. Beim Springen freut es munt're Knaben, Holzhackern, Waschfrau'n steht es bei; Wenn wir's zu viel getrunken haben, So sprengt es schier das Hirn entzwei. P. (Auflösung folgt in nächster Nummer.) Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Wenn du in Groll und Zwist Mit einem deiner Nächsten bist, So denke, daß vielleicht schon morgen, Enthoben aller Erdensorgen, Vorbei das Leben ist, Und mit dem Leben auch — der Zwist. F. Groß. V Rtbettien: L. »urkhnrdt. — »ruck und Verlag der Brühl'schen Uni»ersttit«-Buch. und Stcindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.