Nachdruck verboten. Schuldig. . Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) „Wir wollen sehen," sagte, das Kind ein wenig von sich schiebend, die Kommrrzienrätin. „Hast Du Fräulein von Kressen gesagt, daß Du mit mir darüber reden wollest" Erschrocken hob Hermine die kleinen Hände empor: „Wo denkst Du hin, Mama! Sie darf nicht wissen, daß ich gehorcht und geplaudert habe, beides verbietet sie immer so sehr! Aber ich hab' es gut gemeint. Bitte, bitte, sage ihr nichts!" „Nein, nein, ich verspreche es Dir. Aber nun geh, Hermine, ich bin sehr angegriffen und muß ruhen!" Das kleine Mädchen gehorchte- das Ruhebedürfnis der Mutter mußte jedoch nicht allzu groß sein. Sie sprang auf, machte wie vor dem Besuche des Dr. Corbus wieder Wanderungen durch das Zimmer, blieb zuweilen stehen, legte nachsinnend die Hand an die Stirn und murmelte halblaut vor sich hin: „Geld soll ich ihr geben — ich ihr —" sie lachte ingrimmig vor sich hin. „Aber sie braucht Geld, sie kommt nicht aus mit dem, was sie hat. Ob er ihr giebt?" „Sie wird ihn nicht darum angehen. Sie ist dazu viel zu klug. Wenn sie —" ,/Ha!" rief sie jetzt so laut, daß sie über den Ton der eignen Stimme erschreckend zusammenfuhr — „so — so könnte es gehen. Das — das ist meine Rettung!" Sie schellte jetzt der Kammerjungfer, begab sich in ihr Ankleidezimmer und ließ sich für den Mittagstisch ankleiden, wo sie in besonders guter Stimmung erschien. Selbst Hans und Felicitas hatten sich heute ihres Wohlwollens zu erfreuen. 1888. W ach' dir's doch deutlich, daß das Leben Zum Leben eigentlich gegeben! Nicht soll's in Grillen, Phantasieen Und Spintisiererei entfliehen: So lang' man lebt, sei man lebendig! Goethe. VIII. Dem in einem vornehm aussehenden, grau getünchten Hause der Burgstraße befindlichen sehr geräumigen Geschäftslokal des Kommerzienrats Helldorf war von außen wenig anzumerken von der Bedeutung, welche die Firma besaß, wie von den Summen, die hier allmonatlich umgesetzt wurden. Ueber dem durch eine einfache Glasthür gebildeten Eingang nach der Straße stand in wenig auffälligen Lettern „Konstantin Helldorf, Bankgeschäft". Keine Auslage von Gold und großen Scheinen in den Fenstern erzählte von den vorhandenen Geldvorräten und reizte die Begehrlichkeit der Vorübergehenden, sämtliche Fenster waren vielmehr durch grüne Vorsetzer vor jedem neugierigen Blick gewahrt. In einer langen Flucht von Zimmern, deren Thüren offen standen, saßen sorgfältig gekleidete ältere und jüngere Herren an Doppelpulten emsig über ihre Arbeit gebeugt. Gedämpft fiel das Sonnenlicht durch die oberen Fensterscheiben, man hörte nichts als das Kritzeln der Federn und das Summen einzelner Fliegen, die trotz aller Vorsicht doch ihren Weg in dieses wohlbehütete Reich gefunden hatten. Mußte einer der Comptoiristen sich von seinem Sitze erheben, um einen Einblick in die an den Wänden aufgehängten Kurszettel zu thun oder eins der Bücher herbeizuholen, so ging er leise, auf den Zehen, um möglichst wenig Geräusch zu verursachen,- hatte einer an den andern eine Frage zu richten, so geschah dies im Flüsterton, und in gleicher Weise wurde die Antwort erteilt. Sorgten die älteren Prokuristen und Buchhalter dafür, daß in dem Bankgeschäft von „Konstantin Helldorf" allezeit ein seiner Vornehmheit und Bedeutung angemessen gehaltener Ton herrschte, so befleißigte man sich eines solchen doch ganz besonders während der Stunden, wo man den Chef in seinem Privatkontor wußte, und trotzdem schien an einem Vormittage zu Anfang des Juni die Stille noch tiefer als sonst zu sein. Früher als es sonst seine Gewohnheit, war Kommerzienrat Helldorf in seinem Kupee angekommen, hatte freundlich grüßend, aber doch augenscheinlich mit anderen Dingen beschäftigt, die Säle und Zimmer durchschritten, sich nur ganz kurze Zeit im Zimmer des ersten Prokuristen und im Kassenlokal aufgehalten und sich dann in sein Privatkontor begeben, wo er sich schon längere Zeit aufhielt, ohne daß, wie sonst, einer der Angestellten zu ihm gerufen worden wäre. So ruhig man sich äußerlich verhielt, so lebhaft beschäftigte alle Welt sich innerlich mit der Frage, welches große - 518 Unternehme» wieder int Werke sein und den Chef dergestalt beschäftigen möge. Hätten die Herren durch die schwere und zum Ueberfluß noch durch einen Vorhang verhüllte Thür in das Privatkontor schauen können, sie würden wahrscheinlich noch mehr Anlaß zum Verwundern und Vermuten gefunden haben. Das hohe, gewölbte Gemach hatte nur ein breites, von grünen Vorhängen umrahmtes Fenster, das auf den sehr reinlich gehaltenen, stillen, von breitästigen Nußbäumen beschatteten Hof ging. Quer vor der Fensternische stand ein breiter Schreibtisch mit vielen Fächern und davor saß auf einem mit grünem Saffian bezogenen Sessel mit niedriger Lehne Kommerzierat Helldorf. Das zwar immer ernste, aber doch zumeist von einer ruhigen, gleichmäßigen Heiterkeit erfüllte Gesicht des alten Herrn war heute finster, die ruhige Gelassenheit seines Wesens hatte einer eigentümlichen Hast und Aufgeregtheit Platz gemacht. Er schob ein Fach nach dem andern auf, wühlte darin, schob es wieder zu und schüttelte seufzend den Kopf. Zu wiederholten Malen griff er nach dem neben ihm liegenden Papierblock, schrieb Zahlen darauf, rechnete, riß das Blatt ab, zerpflückte es und warf es in den Papierkorb. „Ich mag es anstellen wie ich will," murmelte er dabei, „ich komme zu keinem anderen Ergebnis. Ich habe das Geld mit nach Hause genommen, und es ist dort rätselhaft verschwunden." Er sprang auf und ging erregt im Zimmer auf und ab. „Die Summe ist ja unerheblich, ich kann sie verschmerzen und könnte es, wenn sie noch zehnmal größer wäre," setzte er sein Selbstgespräch fort. „Ich weiß nicht, was ich davon denken soll, und kann mich nicht entschließen, mit einem von den Meinigen darüber zu reden! Möchte wahrhaftig beinahe lieber, man hätte bei mir eingebrochen wie bei dem armen Sommer, da wüßte man doch wenigstens, wie die Sache zugegangen ist." Ein leises Klopfen an der Thür veranlaßte ihn, stehen zu bleiben und „Herein" zu rufen. Ein Diener steckte den Kopf herein und sagte: „Verzeihen der Herr Kommerzienrat, daß ich störe. Es ist ein Herr Wetterau da, der den Herrn Kommerzienrat zu sprechen wünscht und sich durchaus nicht abwetsen lassen will. Er sagt, er komme in einer dringenden Angelegenheit". Kommerzienrat Helldorf war, als der Diener den Namen „Wetterau" nannte, unwillkürlich zusammengezuckt- seine Miene wurde womöglich noch finsterer, er machte eine abwehrende Bewegung und öffnete bereits den Mund, um den Bescheid zu geben, er könne den Herrn nicht empfangen. Schnell besann er sich eines andern und befahl: „Führen Sie Herrn Wetterau hierher!" Sobald die Thür sich hinter dem Diener geschlossen hatte, schüttelte sich Helldorf, als müsse er etwas, das an ihn herangekrochen sei, von sich abthun, dann aber richtete er sich straffer auf. Sein Gesicht nahm wieder jenen gelassenen, undurchdringlichen Ausdruck an, hinter welchem der umsichtige, kalt erwägende Geschäftsmann sonst jede Regung seines Innern mit großer Geschicklichkeit zu verbergen verstand. Er nahm wieder vor seinem Schreibtisch Platz, anscheinend eifrig mit Schreiben beschäftigt und wandre sich auch nicht um, als er hinter sich die Thür öffnen hörte. Erst als eine belegte, etwas meckernde Stimme ihm einen „guten Morgen" wünschte, stand er auf und ging dem Eingetretenen einen Schritt entgegen. „Herr Wetterau?" fragte er höflich, aber kurz und maß das vor ihm stehende, von Kopf bis zu den Füßen grau gekleidete Männchen mit einem Blick, der dieses noch mehr in sich zusammensinken ließ, als dies ohnehin geschehen war. „Zu dienen, zu dienen", antwortete Herr Wetterau, sich mehrmals verbeugend und schwang dabei den Hut, den er draußen von dem kahlen, nur noch von dem spärlichem grauen Haar umkränzten Scheitel genommen hatte. „Ich bitte tausendmal um Entschuldigung wegen der Freiheit, die ich mir genommen habe". „Schon gut, schon gut", winkte der Kommerzienrat mit der Hand und schritt dem dem Anscheine nach nicht allzu willkommenen Gast voran nach dem Hintergründe des Zimmers, wo ein runder Tisch, ein mit grünem Saffian überzogenes Sofa und einige Lehnstühle mit gleichem Bezüge standen. Er nahm auf einem der letzteren Platz und lud Wetterau durch einen Wink ein, das Gleiche zu thun. „Ich habe mir vor einigen Tagen erlaubt, an Sie zu schreiben, mein hochverehrter Herr Kommerzienrat", begann nach kurzem Stillschweigen der kleine Mann. „Ich habe den Brief empfangen", war die lakonische Antwort. Wieder stockte die Unterredung. Wetterau, der nur auf der Kante des Sessels Platz genommen hatte, rückte unruhig hin und her, auf seinem klugen Gesichte und in dem verschmitzten Läcbeln, das seine dünnen, fest zusammengepreßten Lippen umspielte, stand jedoch deutlich zu lesen, daß es nicht Blödigkeit sei, was ihn am sprechen verhinderte. Da Helldorf einsah, daß er auf diese Weise mit dem Manne nicht weiterkomme, bequemte er sich dazu, das Wort zu ergreifen und sagte: „Da ich auf Ihren Brief bisher nicht geantwortet habe, so sind Sie gekommen, um sich den Bescheid zu holen". Wetterau verbeugte sich. „Gewissermaßen haben der Herr Kommerzienrat ja wohl das richtige getroffen, indessen, ich möchte doch bemerken —" „Ohne alle Umschweife", unterbrach ihn der Kommerzienrat. „Sie haben mir geschrieben, daß Sie an meinen Sohn, den Studiosus Adalbert Helldorf, eine Forderung von zweitausend Mark haben und verlangen, daß ich dieselbe bezahle". „Das habe ich mir allerdings erlaubt", erwiderte Wetterau, und sein unter sehr breiten Lidern liegendes, beinahe gänzlich der Brauen entbehrendes gelbgrünes Auge zwinkerte freundlich, aber gleichzeitig sehr listig. „Sie haben meinem Sohn das Geld geliehen, obwohl sie wußten, daß er noch nicht majorenn ist", sagte Helldorf streng. „Nur gegen sehr mäßige, landesübliche Zinsen", antwortete Wetterau, ohne auf die Worte des Kommerzienrates einzugehen; der ließ sich jedoch davon nicht abbringen, sondern fuhr, die Zwischenbemerkung mit einem Achselzucken ab- thuend, fort: „Es ist Ihnen ohne Zweifel bekannt, daß ein Vater nicht verpflichtet ist, für Schulden aufzukommen —" Jetzt sprang Wetterau in die Höhe, hob die mageren Hände empor und rief, Helldorf unterbrechend: „Aber, mein verehrtester Herr Kommerzienrat, ein solcher Gesetzesparagraph kann doch unmöglich auf Sie und Ihren Herrn Sohn Anwendung finden!" „Warum nicht?" fragte der Kommerzienrat scharf. „Weil — weil ein Herr wie Sie doch nimmermehr die Schulden seines Sohnes unbezahlt läßt". „Sie hätten es auf diese Probe lieber nicht ankommen lassen sollen", erwiderte der Kommerzienrat. Sie konnten sich sagen, daß mein Sohn von mir hinreichend mit Geldmitteln versehen wird, um Schulden nicht machen zu dürfen". „Mein Gott, Herr Kommerzienrat, Jugend hat nicht Tugend". „Und das Alter, das der Jugend in ihren Ausschreitungen Beistand leistet, besitzt sie noch weniger", fiel Kommerzienrat Helldorf ein. „Kommen wir jetzt ein für allemal zum klaren Verständnis", fügte er, sich ebenfalls erhebend, hinzu. „Ich habe Ihren Brief nicht beantwortet, und würde jedenfalls eine zweite Mahnung abgewartet haben, um Sie ein wenig zappeln zu lassen, habe auch vermieden, mit meinem Sohn darüber zu sprechen. Für diesmal will ich die Schuld bezahlen. Ich erkläre Ihnen aber auf das bestimmteste, daß es ein zweites Mal nicht geschieht. Borgen Sie meinen Sohn, so geschieht eö auf Ihre Gefahr. Ich 519 werde Ihnen die Anweisung schreiben, gehen Sie nach der Kasse und lassen Sie sich das Geld auszahlen". Er wandte sich nach dem Schreibtisch, blieb aber auf halbem Wege stehen, als Wetterau rief: „Lassen Sie es nur gut sein, Herr Kommerzienrat, das Geld ist schon in meinen Händen". Der Kommerzienrat sah ihn ganz fassungslos an. „Aber was wollen Sie denn eigentlich von mir?" stammelte er. Der kleine Mann warf sich in die Brust. „Da ich an Sie geschrieben habe, mußte ich Ihnen doch mitteilen, daß Ihr Herr Sohn mir gestern seine Schuld bei Heller und Pfennig bezahlt hat. Ich bin ein ehrlicher Mann!" Helldorf holte tief und schwer Atem. Plötzlich lachte er laut und lustig auf und rief: „Mein bester Herr Wetterau, den Weg hätten Sie sich ersparen können". (Fortsetzung folgt.) Der Würgengel des Sommers. Von Schiller-Tietz. Langanhaltende Dürre ist nicht etwa eine Begleiterscheinung der aus Geschichte bekannten „Großen Sterben" früherer Zeit, vielmehr steht die Ausbreitung und verheerende Wirkung der allergefährlichsten Seuchen: Pest, schwarzer Tod, Cholera rc., mit der Dauer von Hitze und Trockenheit in ursächlichem Zusammenhänge. Dank des mit dem Kulturfortschritt erwachten hygienischen Gewissens: der größeren Reinlichkeit in der ganzen Lebenshaltung, sowie der hygienischen Maßnahmen hinsichtlich der Versorgung mit Wasser, Licht und Luft, haben die Bolks- seuchen in den Kulturstaaten trotz des riesenhaften Weltverkehrs so gut wie aufgehört, eine Geißel der Menschheit zu sein, und sind dieselben auch in der heißen Zeit nicht gefahrdrohender, als in den kalten Jahreszeiten. Dennoch hält der Todesengel gerade in den heißen Sommermonaten reiche Ernte: die Kindersterblichkeit ist nämlich im Sommer ganz erheblich größer, als in den anderen Jahreszeiten. Selbst alle in der rauhen Jahreszeit vorherrschenden Krankheiten der Luftwege: Diphtherie, Bräune u. s. w. zusammengenommen, bringen die Gesamtsterblichkeit unter den Kindern nicht zu solch' grausiger Höhe, wie die B r e ch r u h r oder Ki n d e r ch o l e r a, die verheerendste aller Kinderkrankheiten. Von je 100 Gestorbenen stehen in Deutschland volle 34 erst im ersten Lebensjahre, in Berlin sogar 37; also ein Drittel aller Gestorbenen hat das erste Lebensjahr nicht überschritten. Ein volles Drittel dieser Todesfälle unter den Säuglingen hinwiederum kommt allein auf die Sommermonate, in Berlin sogar noch über ein Drittel: 55 Prozent aller bis zum fünften Lebensjahr verstorbenen Kinder starben dort an Brechruhr allein in den drei Sommermonaten, also über die Hälfte. In London entfallen von den gesamten Todesfällen an Ruhr unter Kindern sogar 72 Prozent auf die drei heißen Monate. Es liegt nun nicht nur eine gewisse statistische Regelmäßigkeit in diesen Ziffern, sondern es spricht sich leider eine fast erschreckliche Stabilität darin aus; denn nicht nur in Deutschland, sondern auch in allen anderen Ländern fordert der Würgengel „Brechruhr" Sommer für Sommer Abertausende junger Menschenleben, und je größer die Hitze ist, desto verheerender tritt sie auf. Die Ziffern bleiben sich überall so ziemlich gleich, sodaß man fast von einer Gesetzmäßigkeit sprechen könnte, wenn nicht durch die Erfahrung bestätigt wäre, daß die Verhältnisse keineswegs so sein müssen, wie sie leider aus den Zahlen sprechen. Allerdings erschlafft der menschliche Organismus in der Hitze leichter und ist dann weniger widerstandsfähig gegen alle möglichen Krankheitserreger, die sich wiederum bei hoher Wärme weit rapider vermehren. Auch die Verdauungswege sind bei Hitze weit reizbarer, wie jeder bei selbst kleinen Diätfehlern am eigenen Leibe beobachtet, und naturgemäß werden die noch in der Entwickelung begriffenen Berdauungs- organe des Säuglings am leichtesten affiziert. In dieser Thatsache finden wir die ursächliche Erklärung für die große Kindersterblichkeit an Brechruhr, namentlich unter den Stadtkindern, welche in der Mehrzahl künstlicher nährt werden. Während Brustkinder nur wenig von der Brechruhr befallen werden, fordert dieselbe unter den künstlich genährten Kindern ihre erschrecklich vielen Opfer; in Berlin ist z. B. nach dem berühmten Kinderarzt B aginsky unter 15 an Brechruhr verstorbenen Kindern nur ein Brustkind. Ermißt man aber die Schwierigkeiten in der Versorgung der Großstädte mit Milch überhaupt und mit guter Säug- li ngsmilch insbesondere, und erwägt damit die jede Hausfrau und Mutter bedrückende Erfahrung, wie schnell die Milch im Sommer bei schwüler, drückender, gewitterschwangerer Luft sauer wird, so wird uns das verderbliche Walten des Würgengels zur Sommerzeit zwar verständlich, aber die Kalamität ist damit nicht abgestellt. Als eine hygienische Großthat ersten Ranges muß deshalb das vom besten Erfolge begleitete Bestreben des Chemikers Nestle bezeichnet werden, aus der unübertroffenen Schweizer Alpenmilch ein unbeschränkt haltbares Milchpulver von solcher Zusammensetzung herzustellen, daß sich daraus augenblicklich eine unübertroffene Säuglingsnahrung bereiten läßt. In unserer geschäftslustigen Zeit konnte es natürlich nicht ausbleiben, daß Nestles Erfindung und Erfolge das nachahmenswerte Ziel anderer wurden, ohne daß damit der Beweis erbracht worden ist, daß geschäftliche Findigkeit mit hygienischer Gewissenhaftigkeit und wissenschaftlichem Fortschritt stets Hand in Hand gehen. Die jahrzehntelangen praktischen Erfolge und die daraus entsprungenen ärztlichen Empfehlungen sind bis heute Nestles Kindermehl unverändert treue Begleiter gewesen. Die in neuerer Zeit aber so viel gepriesene Sterilisierung der Kindermilch ist gegenüber der Nestle'schen Erfindung ein bedauerlicher hygienischer Rückschritt. Man bleibe hinsichtlich der Säuglingsernähruug beim wohlbewährten Alten — Säuglinge sind keine Objekte für industrielle Experimente! — verbanne die verdammungswürdigen Lutsch beutel und Mehl- pamps aus der Kinderstube, lasse die Kinder nicht zu früh von den Speisen der Erwachsenen „mitessen", halte,die Schlafzimmer im Sommer möglichst kühl und luftig, bedecke die Kinder nicht zn warm, daß sie nicht im Bette schwitzen, und man wird bei nötiger Vorsicht und Sorgfalt dem Würgengel des Sommers viele Opfer entreißen, während er heute nur kummervoll durchwachte Nächte, Sorge und Herzeleid bereitet. Scherz-Logogriph. (Wertvolles Kochrezept zur Bratenbereitung aus dein Tagebuch einer jungen Hausfrau.) (Nachdruck verboten.) Aus Kräutern und Wurzeln, mein schönes Gericht, So nahrhaft, voll Stickstoff, das mundet dir nicht? Du spottest der vegetarischen Lehren Und hältst einen Braten vor allem in Ehren? Na, gib mir den Teller, das „ü" muß heraus; Jetzt hast du den köstlichsten Braten zum Schmaus, Ein Wildpret, wie's selten wohl jemand genießt, Das nur der verwegenste Jäger dir schießt. P. (Auflösung folgt in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in voriger Nummer: Weiß. Schwarz. 1. L d 5 — hl d 4 — d 3. 2. K h 3 — g 2 K f 4 — e 4. 3. Kg2 — g3f und matt. 520 HittirovMsehes. Gast: „Die Suppe scheint mir einen etwas sonderbaren Geschmack zu haben?" — Gastgeber: „Ja, sehen Sie, meine Frau malt, und da sie auch kochen muß, stellt sie ihre Staffelei neben dem Herde auf, und da irrt sie sich manchmal und taucht ihre Pinsel in das Essen oder fährt mit dem Schöpflöffel über die Leinwand." * * * Höhere Töchter. „Sag', Else, was ist denn eigentlich das, die Frauenfrage?" — „Ja, weißt Du, das ist die Frage, ob Einer Eine fragt, ob sie seine Frau werden will!" Der erste Phonograph. Willie: „Papa, aus was werden die Sprechmaschinen gemacht?" — Sein Vater: „Die erste wurde aus einer Rippe gemacht". * * * Elsässer-Französisch. Mutter (zu ihrem weinenden Kinde, bei Abreise des Vaters): „Voyons Seppala, il ne faut pas hula, Papala kommt weder". ♦ * ♦ Sie: „Welche Figur gefiel Dir am besten in der Quadrille?" — „Er: Deine, Liebling". (,,Münchener Jugend/') Reichhaltiges Modenalbum ä 50 Pfg. daselbst erhältlich. Mod. 161. Mod. 158. Umlegekragen Mod. 759. streifen eine Hauptrolle, denn sie sind nicht nur eine einfache und leicht herstellbare Garnitur, sondern sie wirken trotz ihrer Einfachheit sehr vornehm und sind außerdem außerordentlich variations- sähig, sodaß man mit Hilfe dieser Garnitur sowohl die einfachsten Umrandungen, als auch die kompliziertesten Arabeskenmuster aussühren kann. Auch unsere Abbildung Fig.2 (Modell No. 161) ist auf diese Weise ausgestattet. Dieses Jackenkostüm besteht aus dunkelblauem Tuch von nicht zu dunkler Färbung. Die Jacke ist hinten anliegend und vorn lose, und zeigt das oben erwähnte kurze Schlößchen. Der Schluß geschieht unter verdeckter Leiste. Diefer Schluß trifft mit den Vorderteilausnäher zusammen und ist mit einem aufgesteppten Stoffstreifen verziert, welcher sich auf dem anderen Vorderteilsausnäher wiederholt. Demgemäß sind sämtliche Außenränder mit aufgesteppten Stoffstreifen besetzt, und bildet derselbe in der vorderen Mitte eine Arabeske, wie bekannt. Jackenkleider und Jackets würden jedoch nicht allen und nicht für alle Fälle genügen, und besonders gegen die Unbill der Witterung bedarf es im Herbst eines ganz besonderen Schutzes. Am zweckmäßigsten und praktischsten haben sich da immer wieder die langen Golfcapes herausgestellt, und sind dieselben auch dieses Jahr, wenn auch in neuen Variationen, erschienen. Besonders beliebt sind die Capes in den dunkelkarrierten, zweiseitigen Stoffen, und wählt man dazu hauptsächlich dicke, weiche Stoffe. Die Form der Capes wird der neuen Moderichtung entsprechend immer enger und anschließender und infolge dessen auch wärmer. Unsere Fig. 3 Modell No. 759 veranschaulicht ein ganz modernes Cape. Die Form desselben bietet nichts neues, jedoch ist die Ausstattung desselben interessant. Es besteht aus dunkelrotem Tuch. Vorn ist es einsatzförmig quer mit schwarzem Soutache benäht, und wird dieser Einsatz in Bogen längs herunter mit schwarzem Atlasröllchen begrenzt. Diese Bogen wiederholen sich an jeder Seite dreimal und sind außerdem immer je mit einem Knopf verziert. Ganz innen schließen sie mit einem gerade aufgesetzten Atlas- streifen ab, und ist auch der untere Rand dreimal mit gerade aufgesetzten Streifen besetzt. entweder mit einem Umlegekragen zusammenhängen oder durch den vorhin erwähnten Stehumfallkragen ergänzt werden. Unter den modernen Garnituren für Kostümjacken spielen die mehrfach aufgesteppten Tuch- Ist es ein Mangel, oder ist es ein Vorzug, daß der Mensch mcht wie alle anderen Geschöpfe in der Natur eine wärmende Hülle erhalten hat, welche ihn von selLst gegen die wechselnde Temperatur schützt? Man darf es wohl als einen Vorzug betrachten, denn die übrigen Geschöpfe erhalten ihren Schutz vollständig ohne ihr eignes Zuthun, während der Mensch denkt und sinnt; seinen Verstand und seinen Geschmack zu Hilfe nehmen muß. Je mehr Fortschritte die Kultur macht, desto sorgfältiger hat der Mensch seine äußere Hülle geschaffen. Früher gab es wohl nur ein Gewand; dann legte man sich für die kältere Jahreszeit noch wärmende Hüllen zu; daraus entstand so ganz allmählich ein immer erneuter Wechsel und damit die Diode. Je mehr die kulturelle Entwickelung fortschreitet, eine desto größere und vielseitigere Macht erhält diese Herrscherin, sodaß man jetzt nicht mehr allein für die kalte Jahreszeit, sondern auch für die Uebergangs- zeiten, wie Herbst und Frühjahr, besondere Moden hat. Groß sind die Unterschiede im Vergleich zu den Sommermoden ja nicht, denn Formen und Farben sind fast die gleichen, nur die Schwere und Dicke der Stoffe differiert von den sommerlichen Stossen, und treten außerdem die Ueber- kleider im Herbst mehr in den Vordergrund, als im Sommer. an der Abbildung ersichtlich. Diese Jackenform könnte man fast als die maßgebende Grundform für die diesjährigen Herbstjacketts bezeichnen, , denn die hauptsächlichsten Merkmale, rote kurze, ausgebogte Schlößchen, hinten anliegend, vorn lose, fast ganz enge Aermel und Revers mit - - " wiederholen sich an fast allen Jacketts. Die Garnituren dieser Jacketts bieten wenig Neues, denn die große Vorliebe für Soutachierungen und reiche Besätze einerseits, sowie für die glatten tailor - made - Ausführungen (Herrenarbeit) andrerseits, sind schon zur Genüge So tritt z. B. an Stelle der duftigen Sommerkleider für die Straße das Jackenkostüm in allen nur erdenklichen Variationen, und ist es wirklich erstaunlich, wie die Mode immer wieder neues in diesem Genre erfindet. Vor allem sind es noch die kurzen Jäckchen, welche allgemeines Interesse erregen, und ist an dieser Form, wenn auch nicht neu, so doch bemerkenswert, daß man sie vorzugsweise vorn geschloffen trägt, was Anlaß zu mancherlei neuen Formen giebt. Reu ist ferner das Kragenarrangement, indem man zu den Jäckchen mit Revers-Faqon nicht mehr die allgemein üblichen Umlegekragen trägt, sondern Stehumfallkragen, wie er an Fig. 1 Modell Nr. 158 ersichtlich ist. Dieses Modell veranschaulicht überhaupt eine der modernsten Formen für Jäckchenkostüme. Es ist ein dunkelgraues Tuchkofiüm, welches durch seine Garnitur von schwarzem Sammet und Stahlknöpfen besonders elegant wirkt. Das Jäckchen ist kurz und vorn offen, sodaß ein Einsatz von weißem Krepp zum Vorschein kommt. Gleich beliebt mit den kurzen Jäckchen sind die Jackets für Jackenkostüme, und sind die Formen für Kostümjacken vollständig die gleichen wie für Jackets, nur wird man die Ausstattung für Kostümjacken immer etwas einfacher, mehr in tailor-made=®enre, halten, schon aus dem Grunde, weil Kostümjacken mehr von Schneiderinnen und im Hause angefertigt werden. Die Grundregeln sind jedoch die gleichen, und zwar ist dabei die Neigung zu ganz kurzen Schößchen am auffälligsten. Dieselben haben etwas ungemein flottes, denn sie sind immer in den verschiedensten Arten und Weisen gebogt, gezackt und ausgeschnitten. Dabei sind sie nie ringsum gleich lang, sondern man hält sie hinten stets kürzer als vorn, was gleichfalls viel zum flotten Aussehen beiträgt. Ein- oder zweireihig geschlossen sind sie fast stets mit Revers, welche Meöerkleider für den Kerbst. Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmannfaktnr, Dresden-^. U RtMtioa: U, Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UmversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.