Samstag dm 11. November lyoii lUgfctJW! MZWW fWWT yi Itllubiil W//.I Ut/Uth' « ^■Odn guten Alten ««OEy In Treuen halten. Am kräft'gen Neuen Sich stärken und freuen, Wird niemand gereuen. E. (Seibel. Miiijumiiiiunii.t' '■ 1 ........ Nachdruck verboten. Der Gylsenhof. Bine Erzählung von P. D i t f u r t h. (Fortsetzung.) Charlotte fand Renate in heißen Thränen, die wie eine Erlösung über sie gekommen waren. „Renata, mein liebes Kind," sagte die tiefbewegte Frau, „Du gehörst mir als das Vermächtnis meiner Helene, und ich bin Deine Mutter. Denke weniger an das Unrecht Deiner armen Eltern, denke mehr an Gottes Gnade, die Dich dies Unrecht sühnen ließ." „Ich will zu dem alten Mann," sagte Renata, ihre Thränen trocknend, „ich will zu ihm als meiner Mutter Tochter." „Ja, komm mein Kind, noch lebt er!" Leise atmend und mit geschlossenen Augen lag der Konsul da, als Charlotte mit Renata eintrat. Auf einen Wink der ersteren verließ Marianne das Zimmer. Bei dem leisen Geräusch schlug der Greis die Augen auf, sie waren seltsam groß und träumerisch wie bei allen Sterbenden. Er verwechselte schon häufig die Personen und sprach oft mit längst Verstorbenen. „Lieber Vater, ich bin es, Charlotte," sagte diese sanft und legte ihre Hand liebkosend auf sein weißes Haar. „Ich bringe Dir noch jemand, den Du lieb hast," fuhr sie fort und führte Renata heran. „Hier ist Dein kleiner David, der mit Dir betete." „Ja, ja, ich weiß es wohl," erwiderte er und sah das junge Mädchen, das blaß und mit klopfendem Herzen dastand, freundlich an. Wie schön war doch jetzt dies friedliche Greisenantlitz. Er streckte ihr die Hand hin, und sie sank an seinem Bett ins Knie. „Vergieb uns unsere Schuld," sagte sie mit unterdrücktem Schluchzen und sah flehend zu ihm auf. Ein wehmütiges Lächeln zog um seinen Mund, und er wiegte leise den Kopf. „Ja, so war es!" sagte er traumhaft. „Vater," sprach Charlotte, „dieses Kind bittet für seine Mutter, es ist Helenens Kind, sie weiß es heute." Der weiße Kopf des alten Mannes fuhr empor, und ein Zucken flog über seine Züge. „Helenens Kind!" Zitternd sah Renata in seine aufglühenden Augen; noch einmal schien alle Lebenskraft wiederzukehren, seine Hand löste sich aus der ihren und krampfte sich zusammen: „Helenens Tochter — Gylfens Tochter — o der alte Mann wurde hintergangen." Der alte Feind erhob sich noch einmal und stand drohend ba; sollte er triumphieren in der letzten Stunde? Charlotte verstand den Sterbenden beffer als die arme Renata. „Vater," begann sie wieder mit fester Stimme, „nicht dieses Kind und nicht wir haben bis zu dieser Stunde gewußt, daß Helene ihre Mutter war. Vater, segne das letzte Kind der unglücklichen Frau, die so schwer gebüßt hat, Du hast es ahnungslos lieb gewonnen, und es lehrte Dich ebenso ahnungslos vergeben." Der Greis war zurückgesunken, und seine Augen sahen starr in die thränenmüden, stumm bittenden des blassen Mädchens. Es huschte ihm so sonderbar darüber hin, die vergangene Zeit stand dort und winkte ihm zu, und sie trug die Züge seines treuen Weibes, das ihm entgegensah von oben und fie wies auf die kniende Gestalt an seinem Bette. Und auch diese trug liebe Züge, ein süßes Gesicht, das er einst so lieb gehabt. Aber dann sahen ihn ein paar Augen an in einem bleichen entstellten Gesicht, das er mehr geliebt, als alles auf Erden. Er stöhnte auf: „Werner, werde ich Dsth finden?" Jeder Atemzug Renatens war ein wortloses Gebet. War der Kampf überwunden in der Seele de- Scheidenden? „Warum kommt Helene nicht selbst?" tönte es jetzt von seinen Lippen. „Meine Mutter ist tot," sagte Renata leise. „Und — und Gylfen?" „Mein Vater ist auch lange tot, ich bin ganz allein." „Sie sind tot," murmelte der Konsul, „und sie waren nicht glücklich." War es doch eine Genugthuung, die durch sein Inneres zog. Aber da stand noch etwas drohend. Es war die heiße Bitte um Vergebung, die er damals zurückgestoßen — 646 — mit harten Worten. Und nun lag sie, die so viel Jammer gebracht und erduldet, im Grabe, und er konnte sie nicht mehr rufen, aber sie, sie wartete auf ihn da oben und war wohl angenommen, und er? Renata hatte den Kopf an den Bettrand gelegt, und da fühlte sie Plötzlich eine zitternde Hand darauf. „Vater, vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigem," klang die Stimme des Sterbenden durch das heilig stille Gemach, „Gott segne Dich, Du armes Kind, werde glücklicher, wie Deine Mutter und -- Dein Vater." XX. Der müde Pilger war heimgegangen noch in jener Nacht, die dem denkwürdigen Tag folgte. Ein tiefer Friede lag auf dem edlen Greisenantlitze und zeugte davon, daß er in allem endlich überwunden hatte. Stille und öde standen die Gemächer, wo er gewohnt, die seine Not, seinen Kampf, seinen Steg gesehen, sie schienen geweiht für alle Zeit und blieben verschlossen. Renata war in den Tagen vor und nach dem Begräbns des alten Herrn viel bet „Tante Charlotte", wie sie sie jetzt nannte, gewesen, hatten sie sich doch noch so viel zu sagen und zu erzählen. Renata wurde nicht müde, von ihrer Mutter Kindheit und Jugendzeit zu hören, und Charlotte ließ sich wehmütig die stille, traurige Frau schildern, den Schatten ihrer strahlenden Helene. „Ich habe sie lieb behalten und den Glauben an sie bewahrt auch in und nach jener dunklen Zeit/ sie war irregeleitet und das war leicht möglich bei ihrem lenkbaren Charakter,- ich wußte, daß sie nicht glücklich sein konnte, weil ich ihr Herz kannte," sagte sie. „Einen Brief hat sie mir vielleicht ein halbes Jahr nach ihrer Verheiratung geschrieben, er war eigentümlich unklar, und wie es schien, wußte sie damals noch nichts von Werners traurigem Tode." „Ueber die Zeit auf dem Gute des Onkels hat sie nie gesprochen und auch in jenem Briefe nichts geschrieben. Ich kann sagen, das eine schmerzt mich doch, daß sie Dir nie von mir erzählt, daß sie keine Worte mehr für mich hatte, und sie war doch gewiß, daß mein Herz sie nie vergessen." „Ungefähr im dritten Jahre nach ihrer Verheiratung kam ein Brief von ihr an meinen Vater." „Es sprach sich ein tiefer Kummer, ein große Herzensnot und Gewissensangst darin aus, sie schien Werners Schicksal jetzt erst erfahren haben. Mein Vater war hart, er hatte damals seine finstersten Stunden. Sie that mir unbeschreiblich leid, und ich antwortete ihr und bat sie, zu kommen. Der Brief kam als unbestellbar zurück,- ob sie den Ort damals verlassen, weiß ich nicht. Es hat dann jede Verbindung aufgehört." Charlotte ruhte nicht eher, als bis Renata ganz zu ihr übersiedelte. „Du bist mein Kind und ich lasse Dich nicht in die Welt hinaus," sagte sie. Sie selbst sprach mit den Nolteschen Damen und klärte sie über ihr Verhältnis zu Renaten, in der sie die Tochter ihrer teuersten Jugendfreundin gefunden, soweit es nötig war, auf, und sie waren gutherzig genug, Renaten, die sie wirklich lieb gewonnen, diese freundliche, sichere Heimat von Herzen zu gönnen. Renaten war wie es ein Traum, alles, alles fand sie wieder, was ihre Mutter einst verlassen und verloren. Und wieder stand sie vor dem alten lieben Schranke, am nächsten Tage sollte sie einziehen in den alten Gylfenhof, und dieser Schrank, den Charlotte einst mit noch anderen Sachen Helenen nachgeschickt, er mußte den ersten Platz dort wieder einnehmen. Die Frage stieg in ihr auf, ob sich nicht doch ein Wort ihrer Mutter für 'die treue Pflegeschwester finde. Zwar war ihr auch das mittelste Fache leer erschienen, aber sie wollte es doch noch einmal untersuchen. Das Tageslicht konnte nicht hineinfallen, so zündete sie ein Licht an, und mit dessen Hilfe entdeckte sie, daß die Hinterwand verschiebbar war, und auö dem Spalte schimmerte es ihr weiß entgegen. Mit hastiger Hand verschob sie diese Wand, und bald lag ein Päckchen vor ihr, das sie zitternd vor Erregung aus einander faltete. Es waren einige alte Briefe an ihren Vater, den Herrn von Gylfen, von Personen, die längst verschollen waren, und dann von Charlottens Hand jener Brief, der die Antwort auf den ersten war, den Helene ihr als Frau geschrieben. Aber da kam das, was sie gesucht, ein versiegelter Brief mit der Aufschrift: „Meiner Renata." Nachdem sie den Umschlag entfernt, fielen ihr zwei Briefe entgegen, der eine an sie selbst, der andere an: „Charlotte Falkner in L." Der Brief an Renata enthielt nur wenige Worte: „Mein liebes, ältestes Kind, wohl hoffe ich, daß ich Dir noch sagen kann, was ich muß, aber mein Ende kann schnell kommen, und Du sollst nicht in die Welt hinaus gehen, ohne zu wissen, was unser Leben bedrückt hat. Ich weiß, Du hast stille mitgetragen Dein junges Lebens hindurch, wenn Du auch nicht gewußt, was meinen Lebensmut gebrochen/ doch einmal mußt Du es erfahren, aber es wird mir so schwer, so schwer. Es gibt noch jemand in der Welt, der mich lieb behalten, und zu ihr, meiner treuen Charlotte, will ich Dich senden. Sie soll Dir sagen, warum der Bann auf unserem Leben gelegen, und der barmherzige Gott, der mich nicht hat versinken lassen, er führe Dich und lasse Dich finden, was ich vergebens gesucht. Ich weiß, Du wirst Deine Eltern doch lieben und ihr Andenken bewahren, auch wenn Du irrende, elende Menschen in ihnen findest. Gott helfe Dir, mein Kind, und segne Dich und wende es alles gnädig. Deine treue Mutter." Tief bewegt las Renata diese Worte/ o, nun wußte sie, was die sterbende Mutter noch von ihr gewollt, eS war erfüllt, eher und besser, als sie gehofft. (Fortsetzung folgt.) Die Martinsgans. Kulturgeschichtliche Skizze von F. Kunze. ------- (Nachdruck verboten.) Martin, lieber Herre. Nun laß uns fröhlich sein Heut zu deiner Ehre Und durch den Willen dein; Die Gans sollst du uns verehren Und auch den kühlen Wein. Gesotten und gebraten, Sie müssen all herein! Wohl wenige Vögel erfreuen sich einer solchen Beliebtheit und allgemeinen Bekanntschaft — auch eines so ausgeprägten Charakters —, wie gerade die Gans. Bei verschiedenen Völkern des Altertums hatte sie übrigens schon eine größere Bedeutung, als bei uns. So galt sie den klassischen Griechen für einen lieblichen Vogel, dessen Schönheit allgemein bewundert, und der deshalb auch wohl als Geschenk für Knaben, gute Freunde, getreue Nachbarn und dergleichen ausersehen wurde. Zugleich waren die Gänse nach hellenischer Vorstellung wachsame Hüter des Hauses, weshalb denn auch auf dem Grabe der guten Mutter die Traute als verkörpertes Sinnbild ihrer ehemaligen Umsichtigkeit zu sehen war. Zu Rom wurden im Tempel der geliebten Göttill Juno mehrere dieser geflügelten Geschöpfe aus Kosten des Staates unterhalten und mit Ehren überhäuft, weil diese „kapitolinischen Wächter", instinktmäßig mit feiner Witterung begabt, einst die nächtlich einbrechenden Gallier bemerkt und durch ihr auffälliges Geschrei die ganze Stadt gerettet hatten. Zur Erinnerung an jene - Ö4t - »kühne That" wurde alljährlich am bestimmten Tage au' dem römischen Kapitolinin eine Gans mit großer Pracht öffentlich in einer Sänfte umhergetragen, während sich ein Hund in unmittelbarer Nähe an's Kreuz schlagen lassen mußte, weil sein Geschlecht in der kritischen Nacht des feindlichen Einbruchs seiner sprichwörtlichen Wachsamkeit keine Ehre gemacht hatte. Kein Wunder nun, wenn wir uns hier erlauben, als Anwalt jenes geschmähten Hausvogels das Wort zu ergreifen, damit seine Verdienste um die Menschheit die gebührende Würdigung erfahren. Wenn ihr feister Leib schön gebräunt und knusperig als Braten auf der Speisetafel erscheint, so wird sie mit einem allgemeinen freudigen „Ah!" empfangen und mit besonderer Genugthuung genossen. Darum konnte es auch wohl in einem alten Lobgedicht auf sie heißen: „Ich bin ein Ganß, seht mich recht an, Mein Tugend weiß nit jedermann; Wer mich veracht und kennt mich nicht, Der nem aus diesem Buch bericht . . . Man sieht »langen vor albern an, Weiß nicht, was er inwendig kan!" Das Festgericht des Martinstages besteht nun bekanntlich in der Gans, welche sowohl in natura gebraten, als auch in Kuchenteig gebacken, zur Verherrlichung des Festes ausersehen ist: — der Gänsebraten bildet gewissermaßen den Höhepunkt des Festes. Ehemals nannte man in Niedersachsen, sowie aus dem Eichsfelde und in der Stadt Erfurt das feierliche Einlüuten des Martinstages (am Vorabende) geradezu „der Gans Läuten", und man Hütte beim Beginn desselben den Günsen zlirufen können wie jener Ritter der Agnes Bernauer: „Diese Glocke läutet Euch kein gutes Zeichen!" Gänsebraten begegnen uns bei Fast- nachts-, Michaelis- und Kirmesfeierlichkeiten, und der Brauch des Gansessens am Martinstage erstreckt sich heute fast noch über das ganze germanische Europa, über Deutschland, Dänemark, England, Skandinavien und teilweise über Frankreich. Wie steht es nun mit Alter und Herkunft dieser weitverbreiteten Sitte? Schon in den ältesten Jahrbüchern findet man den heiligen Martinus oder den nach ihm benannten Tag (11. November) durch eine Gans abgebildet; ja, bereits in den altgermanischen Runenkalendern bezeichnet sie den Martinstag, ebenso wie sie auch in den Tiroler Bauernkalendern die Angabe „Martini" vertritt. Im 12. Jahrhundert hören wir von einem edlen Herrn, Othel- ricus von Swalenberg, daß er anno 1171 der Abtei Corvey am Martinstage eine silberne Gans verehrte, und in derselben Zeit setzten die Baumeister der Martinikirche zu Worms den feisten Vogel auf das Dach ihres neu erbauten Gotteshauses. Doch es sind noch deutlichere Zeichen aus alten Tagen vorhanden, wenn sie auch nur andeutungsweise des Gänsebratens vom 11. November Erwähnung thun. Als die deutschen Kreuzfahrer im Jahre 1179 vor Joppe in Palästina lagen, hielten sie, ungeachtet der Sarazenen, welche sie umzingelt hatten, ihren solennen Martinsschmaus, wie sie es „von Jugend an" daheim gewohnt waren. Anstatt nun die erforderliche Wache zu halten, verschliefen sie ihren Rausch. Währenddessen öffnete ein verräterischer Syrer den muhammedanischen Feinden das Thor, sodaß diese in Hellen Haufen eindrangen, die schlafenden Deutschen niedeymetzelten und die Stadt schleiften. — Bereits zu mittelalterlichen Zeiten spielte beim martinsfestlichen Gänsebraten das eigenartig geformte „Brustbein" eine wichtige Rolle, indem man — wie hier und da heute noch — die bevorstehende Winterwitterung aus seiner zufälligen Färbung vorausbestimmte. So erzählt schon Doktor Hartlieb, Leibarzt des Herzogs Albrecht von Bayern, in seinem „Buch aller verbotenen Kunst, Unglaubens und Zauberei", welches er 1455 an den Markgraf Johann von Brandenburg richtete, im 121. Kapitel folgendes: „Als man zu St. Martinstag die Gans gegessen hat, so behalten die Aeltesten und die Weisen das Brustbein und lassen das trocken werden bis morgens früh und schauen dann das nach allen Umständen, vorn, hinten und in der Mitte. Darnach so urteilen sie dann den Winter, wie er soll werden, kalt, warm, trocken oder naß, und sind so fest des Glaubens, daß sie darauf verwetten ihr Gut oder Habe. Sie haben darauf ein besonders Los, das nicht fehlen soll noch mag, als sie sagen von dem Schnee, ob der groß werden soll oder klein, das alles kann das Gansbein. Vor Zeiten gingen die alten Bauern auf den Einöden damit um, nun ist der Unglaube gewachsen in Königen, Fürsten und dem ganzen Adel, die an solch Sach glauben." So ganz unrecht hatte der gute Mann mit feiner letzten Behauptung nicht, denn der deutsche Ritterorden in Preußen unternahm in demselben Jahre 1455 feinen Feldzug nach jener, vom Brustbein der gebratenen Martins- gans angekündigten Witterungsbestimmung. Es scheint diese Sitte eben weit verbreitet gewesen zu sein, denn auch Joh. Colerus schreibt in seinem, 1591 zu Wittenberg erschienenen „Calendarium oeconomicum“: „Am St. Martinsabend schlachten die Bauern eine Gans, lassen den Rumpf braten und essen ihn ab. Am Brustknochen können sie sehen, ob ein linder oder harter Winter sein soll, und wie lange es hinaus schneien und kalt werden soll." In Ettners „ungewisser Apotheke" heißt es von jenen Knochen: „Sind dieselben rot, so urteilen sie eine anhaltende Külte, sind sie aber weiß, klar und durchsichtig, so werde das Wetter im Winter erleidlich sein." Natürlich waren es nur abergläubische Naturen, welche diesem knöchernen Wetterpropheten trauten, gesetztere Charaktere werden dem trügerischen Körperteile nicht allzuviel Gewicht beigelegt haben. ' In der „Martinsgans" des Joh. Olorinus Viscus vom Jahre 1609 heißt es: „Ihr guten alten Mütterlein, ich verehre Euch das Brustbein, daß Ihr kalendermäßig daraus wahrsagen lernet und Wetterpropheten werdet. Der vorderste Teil beim Hals bedeutet den Vorwinter, der hintere Teil den Nachwinter; das Weiße bedeutet Schnee und gelindes Wetter, das andere große Kälte." Im späteren Mittelalter scheint das feierliche Vertilgen der Martinsgans ein ganz allgemeiner Brauch gewesen zu sein, denn noch Sebastian Franck schreibt in seinem origi- netten „Weltbuch" (1564): „St. Martin da isset ein jeder Hausvater mit seinem Gesinde eine Gans, vermag er's, so kauft er ihnen Wein und Meth, und loben St. Martin mit voll sein, essen, trincken, fingen etc." Auch Heinrich Panthaleon aus Basel (1522 bis 1595) berichtet in der Deutschen Nation Heldenbuch: „Die Leute pflegen zum Gedächtnis St. Martini in Deutschland mit fröhlichem Gemüt St. Martensnacht zu feiern, die Martensgans zu essen und mit Nachbarn und dem Hausgesinde fröhlich zu seyu, gleich wenn aller Dinge Ueberfluß mit St. Martino, der Armen Patron, vorhanden sei." Aus einer alten Predigt, 1597 von einem bairischen Geistlichen veröffentlicht, geht hervor, daß die gansvertilgende Schmaussitte zu „Martini" in allen Gesellschaftsklassen beliebt gewesen zu sein scheint, denn der moralisierende Verfasser konnte sich mit folgenden Worten dagegen ereifern: „So auch ein Gans ein verächtlicher und närrischer Vogel ist, daß ein jeglicher, dessen man spotten will, für ein Gans oder Ganß- vater gehalten wird, möchten nit unbillig ihr viel groß wunder darob nehmen, woher es doch kommen, daß fast in der ganzen Christenheit die Martins Gans bey grossen vnd kleinen, Jungen und Alten, Reichen und Armen, so gar über die Massen in ehren gehalten wird, das männiglich von derselbigen gern thut hören fingen und sagen, noch viel lieber essen, und wissen doch nit, woher es kombt oder warumb es geschieht." Nun, über den Ursprung des heute noch üblichen Brauches sind auch wir nicht klar, obgleich einschlägige Vermutungen der Sache auf den Grund zu gehen fcheinen. - Ü48 Schon von jeher wählte der biedere Deutsche besonders gern die wohlschmeckende Gans zum herbstlichen Festbraten, besonders für die Kirmes-, Michaelis- und Martinsfeier. Was hat aber die berühmte „Wächterin des Kapitols" mit dem heiligen Martin zu thun, mit jenem frommen Bischof von Tours, der im Jahre 400 starb? Die verschwenderische Sage, alles mit ihrem weiten Schleier verhüllend, will auch in diesem Falle nicht ruhen. Sie erzählt nämlich, daß St. Martin, als er seine Wahl zum Seelenhirten erfahren habe, aus angeborener Schen und Menschenfurcht in einen Gänsestall geflüchtet sei, wo ihn aber bald das auffällige Schnattern der geflügelten Insassen verraten habe. Aus diesem Grunde hätte nun die letztwillige Verfügung des Heiligen ein unerbittliches Todesurteil über die Gänse aufgewiesen, die besonders am Tage St. Martins in Menge ihr Leben lassen müßten. Diese Erzählung, der man sofort den echten Fabelcharakter ansieht, scheint eben zur Erklärung des rätselhaften Zusammenhangs von Schein und Wirklichkeit erfunden worden zu fein. Die alten Beschreiber des Lebenslaufes von „Martin von Tours" wußten sehr wohl, weshalb sie des feisten Fiedergeschöpfs in ihren sonst so wortreichen Ergüssen nicht erwähnten; die Gans war eben ein heidnisches Tier, welches im altgermanischen Kultus eine gewisse Rolle spielte und nicht gut in's Heiligenleben paßte. St. Martinus war eben nur christlicher Ersatzmann für den in den Bekehrungszeiten verabschiedeten Heidengott Wodan, der als machtvoller Schöpfer und Erhalter von Himmel und Erde zugleich für den germanischen Erntegott angesehen wurde. Eine ansehnliche Reihe von Aehnlich- keiten zwischen beiden ließen sich hier namhaft machen, wenn diese Auseinandersetzung nicht zu weit führen würde. Als man aber in den Jugendzeiten des germanischen Christentums auch die herbstlichen Erntefeste der Heiden weiterfeierte, die man ehemals zu Ehren Wodans beging, so mußte auch die beliebte Gans beibehalten werden, welche jene Feierlichkeit mit ihrem geopferten Leibe zu verherrlichen hatte. So kommt es denn auch, daß gerade zu Kirmes, Michaelis und Martini der saftige Gänsebraten eine erste Rolle spielt, denn auf diese Tage sind merkliche Züge altgermanischer Festlichkeiten mit übertragen worden. Um diese Zeit war die kulinarische Zurichtung der Gänse auch am vorteilhaftesten, „Weil sie alsdann recht flück' im vollen Fleische stehn, Auch von der Weide ab und in die Ställe gehn," wie der biedere, kaiserlich gekrönte Poet und Pfarrer von Efelder und Mescherich, Büttner, fang. Jedenfalls gedachte er dabei der alten Priamel, welche lautet: „Iß genß Martini, wurst in feste Nicolai, Iß Blasii lern per (Hasen) Hering oculi mei semper etc." Wenn man bedenkt, daß auch der zu Martini bereits gefaßte Wein gut mundet, so ist es erklärlich, wenn man in den seligen Mönchszeiten sang: „Bruder Urban, gebt uns vinnm I Die Gans, die will begossen sein, Sie will schwimmen und baden, ja baden!" Litterarisches. Deutsch« Rundschau für Geographie und Diaiistik. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner heransgegeben von Prof. Dr. Fr. Um lauft. XXIX. Jahrgang 1899/1900. (A. Hart- leben's Verlag in Wien, jährlich 12 Hefte zu je 85 Pfg. Vorauszahlung einschl. Zustellungsgebühr 10 Mk.) Die „Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik" ist die vielseitigste unter allen geographischen Zeitschristen, woraus sich ihre weite Verbreitung erklärt. Indem sie alle Zweige der Erdkunde in gleichem Maße pflegt, bietet sie jedem Leser etwas Interessantes. Gediegene Aussätze von hervorragenden Fachmännern und Reisenden über Länder- und Völkerkunde, Beiträge aus den Gebieten der Astronomie und Statistik, Biographien zeitgenössischer Geographen und Forschungsreisender, zahlreiche Mitteilungen über geographische Vorgänge ans dem ganzen Erdenrund bilden ihren Inhalt. So gestaltet sie sich zu einem internationalen Organ der Geographie, welches den Leser in allen geographischen Dingen stets all dem Laufenden hält. Richt zn unterschätzen ist auch oie Beigabe vorzüglicher Illustrationen. Die Reichhaltigkeit dieser Zeitschrift macht jetzt wieder der Inhalt des eben erschienenen zweiten Heftes vom XXII. Jahrgauge ersichtlich: In mexikanischen Gauen. Von Heinrich Lemke in Mexico. (Mit 3 Abb.s — Die Handelsflotten der Welt im Jahre 1899. Bon Dr. Emil Jung. — Eine Fahrt nach St. Kilda. Von A. v. Griesheim in Wernigerode. (Schluß.) (Mit 2 Abb.) — Opiumrauchen in China. Bon E. M. Köhler in Leipzig. — Deutsch- Südwest-Afrika. Wanderungen in der deutschen Kolonie von Kurt Dinier in Salem, Damaraland. (Fortsetzung) (mit 2 Abb.) — Astronomische und physikalische Geographie. Die Helligkeit von Nebelflecken und Sternhaufen. — Politische Geographie und Statistik. Die zweite Volkszählung in Argentinien. — Berühmte Geographen, Naturforscher und Reisende. Heinrich Hartl. (Mit einem Porträt.) — Kleine Mitteilungen aus allen Erdteilen. — Geographische und verwandte Vereine. — Vom Büchertisch. — Wir können die „Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik" jedermann aufs beste empfehlen. Illustriertes Ko»versations-Lexikon der Fra«. Verlag von Martin Oldenbourg in Berlin. Vollständig in 40 Lieferungen ä 50 Pfg. oder in zwei eleganten Leinenbänden ä Mk. 12.50, sowie in zwei vornehmen Halbfranzbänden a Mk. 14,00. —Von diesem prächtigen Lexikon, das als ein treuer Freund und Berater der aufgeklärten Frauenwelt eine Zierde für jede Frauenbibliothek ist, sind soeben die Lieferungen 15 bis 18 erschienen. Bon den vielerlei Artikeln, die in ihrer Art unübertrefflich bearbeitet sind, mögen hier nur die über Hals- und Hautkrankheiten, über die verschiedenen Haar- und Huttrachteu, die über Handelsfrau, Handelsschule, Handlungsgehilfinnen, sowie über Kinderernährung, Kindererziehung, Kinderkleidung und Kinderkrankheiten namentliche Erwähnung finden, um wiederum zu zeigen, wie außerordentlich vielseitig und reichhaltig der Inhalt ist, und wie sehr gerade den praktischen Bedürfnissen sowohl der erwerbstätigen Fran als auch der Frau im Hause Rechnung getragen wird. Ein ganz besonderer Vorzug dieses Frauen - Hausbuches ist auch der Reichtum an farbigen und schwarzen Tafeln und an Textillustrationen, die, in verständiger Auswahl und vorzüglicher Ausführung, dem Buche überall da beigegeben sind, wo das Wort einer Erläuterung durch bildliche Darstellung bedarf. Wir sehen mit Spannung dem Erscheinen der ferneren Lieferungen dieses höchst zeitgemäßen und interessanten Unternehmens entgegen und machen unsere verehrten Leserinnen heute schon darauf aufmerksam, daß lt. Mitteilung der Verlagsbuchhandlung soeben auch schon der erste Band erschienen ist, während der zweite (Schluß-) Band bestimmt noch vor Weihnachten zur Ausgabe gelangen wird. Das „Illustrierte Konversations-Lexikon der Frau" dürfte daher als Gescheukwerk für die gesamte Frauenwelt für die diesjährigen Weihnachten ganz besonders in Betracht kommen, und wir können es als solches nur empfehlen. Humoristisches. Im Gerichtssaak. Verteidiger: „Um den Beweis zu führeil, daß mein Klient vollkommen unschuldig ist, bedarf es keiner tiefen Gelehrsamkeit, sondern nur eines Grans gesunden Menschenverstandes." — Richter: „Innerhalb welcher Frist können Sie dieses fehlende Beweismittel beibringen?" Bleibe im Lande. Agent: „Wollen Sie nicht auch nach Südwestafrika, wohin neulich wieder zwölf Dienstmädchen gereist sind?" — Dienstmädchen: „Nein, ich ziehe Südwest-Berlin mit der Dragonerkaserne vor." Gegenbeweis. „Sie, Herr Wirt, ich glaube, das Pärchen drüben befindet sich auf der Hochzeitsreise." — „Da irrcn's, Herr Huber, die haben vorhin über's Essen geschimpft!" Heimgeleuchtei. Ein Fischer und ein Jäger, welche nicht gut auf einander zu sprechen sind, begegnen sich auf der Dorfstraße. Jäger: „Hast Du was gefangen?" — Fischer (mürrisch): „Nein." — Jäger: „Sind die Fische spazieren gegangen?" — Fischer: „Ja, mit den Hasen, die Du gefehlt hast!" (Deutscher Tierfreund.) Nameurätsel. (Nachdruck verboten.) Adelheid — Alwine — Hedwig — Else — Hildegard — Selma. Die vorstehenden Mädchennamen sollen derart geordnet werden, daß der erste Buchstabe des ersten Namens, der zweite des zweiten, der dritte des dritten u. s. w. wiederum einen Mädchennamen ergeben. Auflösung folgt in nächster Nummer. Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer: R B « y Hobel Rebhuhn Sturm U h r n Rebaltien: L. Burkhardt. — »ruck und Verlag der Lrühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Lrben) in Gießen.