(Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Ich erhob den Kopf, um ihn anzublicken, und sah in Augen, welche wie die einer^Katze leuchteten. Sie empfingen keinen Glanz von dem Schein der Sterne, sondern glühten von innen heraus. „Wenn du gemordet hast, mein Bester," sagte ich, „dann behalte dein Geheimnis für dich. Ich habe keine Lust, von grausigen Blutthaten zu hören." „Mord,! verflucht, du bist ein netter Maat, so etwas von einem Manne zu denken, der dir sein ganzes Vertrauen schenken will. Mord! weißt du, eigentlich müßte ich dir dafür eine Tracht Prügel geben, du Narr du, aber" — er sprach nicht weiter, sondern stierte plötzlich wie abwesend vor sich hin, dicke Dampfwolken schnell hintereinander aus- stoßend. „Wie kann ich wissen, was du gewesen bist,- wer soll aus dir klug werden," sagte ich. „Weshalb könntest du nicht auch ein Blaubart sein, wo du hier plötzlich die Verpuppung abwirfst und über Ethik und weiß der Henker über was sonst noch alles sprichst, und so gelehrt in Schiffahrtskunde bist." „Das ist nicht wahr." „Nun, dann wenigstens in nautischen Kunstausdrückenein Kenner des Französischen, kurz, ein weiser Mann in schmutzigem Hemde. Und du solltest keine Geschichte hinter dir haben? Das glaub ein anderer. Ist es aber eine blutbefleckte, dann, ich sage es noch einmal, mag ich sie nicht hören. Und mit Flausen, wie deinen Erzählungen vom schwarzen Dan, dem Schmuggler und roten Jim, dem kühnen Piraten, die du den anderen als selbst erlebt auftischst, da laß mich auch zufrieden. Nur wenn dich wirklich etwas drückt, woran kein Blut klebt, will ich es anhören, mit einer Mordgeschichte aber kannst du Suds beglücken, der wird dir mit offenem Maule zuhören; er liebt ja blutige Sachen, vor allem aber, wie er noch gestern sagte, Blutwurst." Hilf iMeyu ggp MIKK as der Stunde huldigt, schwindet eilig; Nur dem Edlen, Großen, öffnen heilig Sich die Hallen reiner Ewigkeit. Tied ge. „Gott bewahre, rede du noch einmal über mein Mundwerk- so eine Spinnmaschine wie die deine habe ich doch noch nicht gehört- spinn dein Garn aber nur ruhig weiter, ich habe Zett- denk' nicht, daß ich Eile habe, dir meine Geschichte zu erzählen. Ich habe schon Wochen damit gewartet und kann noch weiter warten. Schon seit wir Bahport verließen, lag es mir im Kopf, ob ich dich zu meinem Vertrauten machen sollte. Ich faßte dich dafür ins Auge einerseits, weil du mir das Leben gerettet hast, anderseits, weil ich gleich erkannt hatte, daß du ein gebildeter Mann wärst. Es kam mir der Gedanke, wenn wir beide unsere Köpfe vereinigten, dürften wir es am Ende zu stände bringen." „Was zu stände bringen?" „Warte, du sollst es hören." „Weißt du, ich möchte dir aber doch gern bei Lampenlicht ins Gesicht sehen, ehe du anfängst- hier kann ich dich nicht recht erkennen. Grinst du etwa?" „Ich schwöre dir, nie war ich ernsthafter," sprach er mit tragischem Pathos. „Du argwöhnst, ich wolle mir eine» Scherz machen- aber bei Gott, ich sage dir, der Entschluß, dich in mein Geheimnis einzuweihen, hat mich schweren Kampf gekostet." „Na, dann erzähle- ich werde ehren, was du mir mitteilen wirst, es sei, was es sei. „Komm' zuerst einmal mit mir in die Luke," flüsterte er, „wir werden sogleich zurückkehren." Er stand auf und ging voran. Wenn ich ihn auch neckte, so konnte ich doch an seinem Ernst keinen Zweifel hegen. Ich muß gestehen, meine Neugierde, zu hören, was er eigentlich hatte, war in Wirklichkeit hoch gespannt, und behutsam über unsere im Wege liegenden, schlafenden Leute steigend, folgte ich Deacon. Liverpool - Sam saß schnarchend auf einer Kiste, sein Mund war weit offen, seine herabgesunkene Hand hielt die schmutzige Pfeife. Jimmy, der auf einer der obersten Pritschen lag, akkompagnierte ihn. Die übrige Mannschaft war auf Deck. Die schwache Bewegung der Brigg machte die Lampe langsam schaukeln und manchmal knarrte ein Balken. Ich blieb dicht unter der Luke stehen, um Luft zu haben- denn nach dem angenehmen Zug auf Deck erschien mir die Atmosphäre hier unten geradezu beängstigend. Daß Sam und Jim imstande waren, in derselben zu schlafen, zeigt, wie ei» echt durchgesalzener Seebär eben überall existieren, alle- ertragen kann und abgestumpft ist gegen das, was ein anderer gewöhnlicher Mensch unerträglich findet. Deacon schlich an seine Kiste und kramte darin herum. 262 — Nachdem er eine Weile in seinen Kleidern gewühlt hatte, zog er unter diesen ein sonderbares altes Taschenbuch oder vielmehr ledernes Futteral hervor, welches sorglich mit einem Bindfaden umschlungen war. Er brachte das Ding an die Lampe, um den Knoten zu öffnen, und ich war überrascht zu sehen, wie stark dabei seine Hände zitterten. Wahrhaftig, als ich dieses Zittern, sein gelbes, zuckendes Gesicht, die glühenden, funkelnden Augen und das eigentümliche Aussehen bemerkte, welches sein schwarzes Haar bei dem düsteren Scheine der Lampe hatte, da war ich ganz darauf vorbereitet, daß mir nunmehr eine entsetzliche Blutthat enthüllt werden würde. Mit einem gewiffen Schauder blickte ich auf den Lederumschlag- ich sah genau, was kommen würde- mit rollenden Augen sah ich ihn schon vor mir, in der einen Hand ein blutgetränktes Taschentuch, in der anderen einen rostigen Matrosendolch und dabei heiser flüsternd: Dies ist da§ Werkzeug des Mordes, siehe den Beweis, der unglückseligen, schrecklichen That! Herrgott, ich schwitzte ordentlich in dieser Vorahnung. Was kam, war aber anders. Aus dem Behältnis entnahm er das zusammengefaltete Stück einer Zeitung, welches mit einem grünen oder blauen Bändchen zusammengebunden mar. Er streifte dieses ab, entfaltete die Zeitung, legte einen Finger auf eine Stelle derselben und forderte mich flüsternd auf, der Lampe näher zu treten und zu lesen. „Was zum Henker zitterst du denn so?" zischelte ich. „Lies," murmelte er mit einem sonderbaren Flackern seiner Augen. Die Zeitung war ein Exemplar der Londoner „Times" vom Februar 1840- sie war vergilbt, fettig und geknittert - ihr Aussehen verriet, wie unzählige Male sie geöffnet und wieder zusammengelegt worden war. Die Stelle, auf die er gezeigt hatte, stand unten in der Ecke und war überschrieben: „Die Königs-Eiche. Alle Hoffnung auf die Erhaltung dieses Schiffes ist aufgegeben. Es ist bereits über elf Monate verschollen. Dieses schöne Fahrzeug, Eigentum der Messieurs Spiers in Liverpool, wurde in Sunderland 1838 gebaut und verließ Sydney am 1. Dezember. Seine Ladung bestand in Wolle, zwanzigtausend Sovereigns und Goldbarren im Werte von vierzigtausend Pfund. Die Zahl der Seelen an Bord betrug sechzig, darunter waren zehn Kajüten- und neunzehn Zwischendeck - Passagiere. Es wurde vier Tage nach dem Verlassen des Hafens von der Neuseelands-Barke „Emile" signalisiert, welche das Schiff unter 40° 15' Breite und 160° 3' Länge getroffen hatte. Seitdem wurde nichts mehr von ihm gehört." Als ich von dem Blatte wieder aufsah, fragte Deacon leise: „Hast du gelesen?" Ich nickte und gab ihm die Zeitung zurück- er packte sie sorgsam zusammen und verbarg sie in den Tiefen seiner Kiste Als er hiernach wieder auf Deck stieg, folgte ich ihm, verwundert über sein geheimnisvolles Benehmen und in hohem Maße neugierig, was er mir nun wohl erzählen würde. Neunzehntes Kapitel. Deacons Geheimnis. Wir gingen auf den Platz zurück, den wir vorher verlassen hatten. Es war jetzt etwas mehr Wind, die Segel standen voller, rauschend schlugen die Wellen gegen die Backen, die Masten hatten eine hübsche Neigung angenommen. Dies war doch wenigstens „segeln" zu nennen. Noch einigeTage solche Fahrt weiter und die südöstlichen Passatwinde mußten uns durch das Takelwerk pfeifen. „Haft du dir den Namen des Schiffes gemerkt," fragte Deacon. „Gewiß, die „Königs-Eiche" war es genannt." „Ich war Hochbootsmanns-Maat an seinem Bord." „Du?" „Ja, ich- warum nicht? Ich war damals vierundzwanzig Jahre alt." „Die Zeitung sagt, daß man niemals wieder von ihm hörte, nachdem die Neuseelands-Bark „Emilie" es getroffen hatte. Du wurdest also gerettet, und hast den Reedern niemals Bericht erstattet?" „Das ist mein Geheimnis," sprach er feierlich. „Ein Schiffbruch! Ist das alles?" rief ich sehr ent- täuscht, denn dies schien mir doch genau die Geschichte vom Berge und der Maus. „Wer sagt, daß das alles ist? Allerdings handelt es sich um einen Schiffbruch, dabei aber doch noch um etwas mehr." Er rückte nunmehr ganz dicht an mich heran, sah mir scharf ins Gesicht und begannn mit flüsternder Stimme: „Wie ich dir schon sagte, war ich HochbootSmann an Bord der „Königs-Eiche." Sie war ein Schiff, registriert mit fünfzehnhundert Tonnen, ein Schiff, so lenksam und leicht zu steuern, wie mir nur je eins vorgekommen. Es machte herrliche Fahrt und hielt sich mit seinen Masten so gerade wie eine Herzogin in dem Ballsaal einer Königin. Wie es ins Unglück kam, weiß Gott allein. Kohlenschiffe, die vor achtzig Jahren gebaut wurden, haben es überlebt und schleppen noch heut' ihre Kohlen, aber die See ist un- berechenbar, und —* „Mein Gott, ja," fiel ich ein- aber das ist doch keine Geschichte, die -" „Bist du aber ungeduldig! So höre doch nur weiter. Also wir verließen Sydney am ersten Dezember und hatten bei gutem Winde alle Segel entfaltet. Die Brise war uns günstig bis Sonnenuntergang, dann aber sprang sie um, und wir mußten lavieren. So ging es einige Tage, während welchen wir keinem Schiff begegneten außer einer kleinen Barke, die von Neuseeland kam, und mit der wir auch Signale austauschten. Es war allen Leuten bekannt, daß Geld an Bord war, Geld und Gold, irgendwo hinten weggestaut, wieviel aber, das wußte keiner von uns. Wir machten uns wohl übertriebene Vorstellungen davon, denn es hieß, wenn man den ganzen Haufen gleichmäßig zwischen Passagieren, Offizieren und Mannschaft teilte, so würden auf jeden Kopf viertausend Pfund kommen. Danach rechneten wir aus, daß der Wert zweihundertvierzigtausend Pfund betragen mußte. Wieviel in Wirklichkeit vorhanden, hast du ja nun aus der Zeitung ersehen. Alles ging gut, bis eines morgens, so etwa gegen zwei Uhr, der Wind nach Süden umschlug. Wir befanden uns zu der Zeit etwa um den einhundertzwanzigsten Grad westlicher Länge, die Breite habe ich nicht erfahren können, und hielten Kurs Südwest. Es blies zunächst nur mäßig stark, aber so kalt, daß es einem ordentlich ins Gesicht schnitt. Nachher, um die Morgenwache, frischte der Wind mehr auf, und bei Tagesanbruch wurde er so heftig, daß die obersten Segel beschlagen werden mußten. „Dem Kapitän gefiel das Aussehen des Himmels gar nicht- es war wahr, derselbe sah sonderbar aus, so wie ich ihn noch nie gesehen hatte, etwa wie wenn man durch ein Stück Eis auf etwas Blaues sieht. Immer mehr nahm der Wind zu. Die Oberbram-Raaen wurden getoppt und mehr und mehr Segel gestrichen. Um zwei Uhr nachmittags hatten wir den richtigen Orkan mit einer richtigen Kap Horn-See. Wir liefen nur noch mit ein paar dicht gerefften kleinen Segeln. Zum erstenmal lernte ich hier die Wogen des Stillen Ozeans kennen. Man sagt immer, die höchsten wären nicht über dreißig Fuß, aber ich will ewig ein Lügner genannt werden, wenn es nicht wahr ist, daß die Wogen hier die Höhe des Besanmastes erreichten. Wenn das Schiff in die Tiefe glitt, befand es sich zwischen Mauern grünen Wassers, die so hoch aussaheu, wie die Klippen bei Dover - es war so schrecklich, daß man hätte graue Haare kriegen können. Ich — 263 — dachte immer, das Schiff müsse unter dem furchtbaren Anprall der Wogen in Trümmer gehen. „In dieser Weise hielt der Sturm eine ganze Woche an und jagte uns direkt nach Norden oder vielleicht ein wenig Nordwest. Der Schiffer suchte ein mutiges Gesicht zu zeigen, aber obgleich er ein ziemlich guter Seemann war, so war er doch nicht sehr kräftig; er sah immer kränklich aus." „In der Kajüte wurden besondere Gebete abgehalten, wozu auch die Passagiere des Zwischendecks erschienen. Diese hatten es sehr schlimm, da sie stets bei geschlossenen Luken im Finstern, ohne etwas Warmes für den Magen, fitzen mußten, weil in der Küche kein Feuer angemacht 'werden durfte." „Als der Sturm nachließ, befanden wir uns einige hundert Meilen nördlich von unserem Kurs. Der Kapitän nahm am Ende der Woche Messungen vor und bezeichnete die Breite so etwa auf sechsundvierzig bis stebenundvierzig Grad. Es war eine schreckliche Fahrt." (Fortsetzung folgt.) „Quäker-Oats". „Was habt Ihr wieder für Geheimnisse?" — so frug scherzend der vielbeschäftigte Advokat Klinger seine reizende kleine Frau, als er sie mit ihren Freundinnen, der Frau Hauptmann Vilma und der dicken Schulrätin in traulichem Geflüster bei einander sah. Schier erschreckt waren die Frauen aufgesprungen, da Klinger die Thüre geöffnet hatte. Lilly, seine Frau, war ihm entgegen geeilt und machte Miene, den Eintretenden sanft zur Thüre hinauszuschieben. — Was giebt es, Ihr Weibchen? frug er noch einmal. Welches Komplot wird geschmiedet? Ist eine Frauenverschwörung im Zuge? Aber die also Apostrophierte ließ dem Frager keine Zeit, sich niederzulassen. „He Alter, schmeichelte sie, das sind Frauensachen, die kein profanes Männerohr vernehmen soll, und mit beinahe unbehaglichem Gebrumme verließ der Rechtsanwalt das Gemach, in welchem die Frauen tagten. Die Sache war nämlich die: Seit wenigen Wochen war die Schulrätin wohlbestellte Präsidenten des großen Frauen- und Kinderschutzvereines „Providentia", der unter dem Protektorate einer hohen Dame in der Residenz sich gebildet und die Aufgabe hatte, alljährlich zwei Kränzchen, einen Ball, eine Reunion, eine Verlosung, einen Bazar, eine Ausstellung von Frauenarbeiten, einen Ausflug, eine Garden party, einen Blumenkorso, eine Schlittenfahrt, eine Lotterie und schließlich eine Matinöe zu veranstalten, alles zu dem wohlthätigen Zwecke, um bedürftige Frauen und blutleere Kinder mit Geld, Kleidungsstücken, Nahrungsmitteln, Sommeraufenthalt, Medikamenten und Spielwaren zu versorgen. Die Methode, auf dem Umwege über das Amüsement und die Zerstreuung Gutes zu schaffen, ist in unseren Hauptstädten viel verbreitet. Ohne der Wohlthätigkeit Schranken zu setzen, berät man in den Komitäs, tanzt auf den Bällen, intriguiert auf den Redouten, hält man freundliche Gesichter und kokettierendes Augenspiel bei den unterschiedlichen Bazaren feil, kurzum, man ist wohlthätig, weil man sich dabei zerstreut und man zerstreut sich, indem man Gutes thut. Die dicke Schulrätin nun, eine sehr ehrgeizige Dame, deren Gatte bei den letzten Landtagswahlen beinahe in die Volksvertretung entsendet worden wäre, laborierte, seitdem sie Präsidentin der „Providentia" war, an einem erleuchteten Gedanken. Die Wohlthätigkeitsbälle machten ihr keine Freude, denn der gestrenge Gemahl war ein abgesagter Gegner solcher öffentlichen Vergnügungen. Bei Wohlthätigkeitskonzerten mußte sie zwei Stunden Musik mit in den Kauf nehmen, denn sie war absolut unmusikalisch, und bei einer Schlittenpartie hatte sie sich als junges Mädchen den Fuß gebrochen. So beschäftigte sie sich denn im Geiste mit einer neuen glorreichen Einnahmequelle für die „Providentia", und diese glaubte sie gefunden zu haben und beriet heute mit ihren besten Freundinnen über die Art und Weise einer erfolgreichen Durchführung. Die Residenz sollte nämlich zum ersten Male das Schauspiel einer Kinderausstellung sehen. Die Sprößlinge der Ortsansässigen, die zarten Pflanzen im Alter von zwölf Monaten bis fünf Jahren, sollten öffentlich zur Schau gestellt werden, um dazuthun, über was für exquisite Mütter diese Stadt verfüge, welcher famosen Pflege die Kleinen sich erfreuten und welch wertvolles Geschlecht an Zukunftssoldaten und Bräuten in spe in der glücklichen Gemeinde emporsprieße. Das Land, die Stadt selbst, vor allem aber der Landesherr sollten um reichliche Subventionen angegangen werden. Die wohlhabenderen Aussteller, so war geplant, müssen für die Exposition ihrer Kleinen einen beträchtlichen Lagerzins zahlen, und von dem Erlöse hoffte man nicht nur eine reiche Einnahme für die „Providentia", sondern auch noch die Möglichkeit, die ärmeren Mütter, deren Sprößlinge bei der Prämiierung siegen, mit entsprechenden Prämien bedenken zu können. Das war eine großartige Idee „echt amerikanisch", wie Lilly meinte, und in der Debatte handelte es sich jetzt, nachdem der Vorschlag prinzipiell genehmigt war, nur darum, ob man bronzene Medaillen oder Anerkennungs-Diplome verteilen solle. Selbstverständlich sollte neben dieser Ehrengabe und der zu verleihenden Geldprämie auch noch eine große goldene „Providentia-Medaille" gestiftet werden und der Mutter des beftgediehenen Musterkindes verliehen werden. Wenige Wochen nach dieser Beratung war im Amtsblatte der Residenz zu lesen: Die vom Frauen- und Kinderschutzverein „Providentia" veranstaltete Kinderausstellung verspricht einen großartigen Verlauf zu nehmen. Fast sämtliche hervorragende Familien der Stadt, aber auch die Familien der Handwerker und Beamten haben die Beschickung zugesagt. Die Eröffnung der Ausstellung findet am Sonntag in den Thaltasälen statt. Se. Hoheit der Erbprinz Sebastian wird die feierliche Eröffnung vornehmen! War das ein Gedränge, ein Auf- und Niederwogen, ein Durcheinander von Stimmen, ein Lachen, Jauchzen, Zirpen, Zwitschern und bewunderndes Wispern. Großartig repräsentierte sich der Nachwuchs der guten Stadt. Rings um den Festsaal war eine Estrade angebracht. Darauf hatte man kleine Zeltchen postiert, mit Fahnen, Guirlanden und Reisig geschmückt, und in diesen Zellchen hatten die unterschiedlichen Babys, teils von Müttern und Wartfrauen, teils auch von vorsorglichen Komitee-Damen sorgsam behütet, Platz genommen. Das war ein Anblick, der das Herz lachen machte. Pausbacken und darin Grübchen, süße Stumpfnäschen, Rosenlippen, Patschhändchen, blonde Haare, meist mit zierlichen Rofabändern umschlungen! Und wie sauber gewaschen die Kleinen heute waren. Wie putzig sie sich in ihren weißen Kleidchen ausnahmen, wie selbstbewußt und gar nicht verlegen, oder auch nur im geringsten zum Weinen geneigt, sie auf die Menge herniederblickten, welche diesen köstlichen Eigenbau der Residenz bewunderte. Bedeutend war auch die Rede gewesen, mit der Seine Hoheit der Erbprinz das patriotische Unternehmen begrüßt und eingeleitet hatte: „Meine verehrten Damen und Herren, hatte ungefähr Prinz Sebastian gesagt, gerne bin ich bei Ihnen erschienen, um bei einem Unternehmen mitzuwirken, das dem Vaterlande und der Menschheit zur größten Ehre gereicht". Es war ungefähr dieselbe Rede, mit der der wackere Fürst jüngst die Jagdtrophäen-Ausstellung eröffnet hatte. Aber das thut dem Unternehmen keinen Eintrag, und als der leutselige Prinz hierauf beim Rundgange eines und das andere der Kinder in die fürstlichen Arme nahm, dasselbe zu küssen, kannte der Jubel keine Grenzen. Die Musik blies Tusch, wobei allerdings die Kleinen erschraken, und zum ersten Male die schrillen Quitschtöne des Mißvergnügens, wie man sie bei Kindern zwischen zwei und fünf Jahren zu vernehmen pflegt, laut wurden. Doch einige durchlauchtige Bonbons übten 264 — bald ihre beschwichtigende Wirkung, und die Eröffnungsfeier verlief in schönster Harmonie. Am kommenden Sonntag sollte die Preisverteilung stattfinden. Während der Woche hielt die Jury täglich stundenlange Sitzungen ab. Man hantierte mit Kinderwagen, man prüfte die Brustweite, schlug das Zentimetermaß um einige hundert Kinderwaden, kurz man war so ernsthaft beschäftigt, wie dies bei einer so ernsthaften Ausstellung nur möglich sein kann. Als es dann zur Abstimmung kam, ergab sich, daß nicht weniger als dreißig Mütter für würdig befunden wurden, als Besitzerinnen der schönsten, gesündesten, feistesten, liebenswürdigsten, appetitlichsten, gepflegtesten und wohl genährtesten Kleinen mit der großen goldenen Medaille prämiiert zu werden. Aber welches Wunder nahm man wahr? Sämtliche dreißig Mütter wohnten in der Müllerstraße, indes die Bewohnerinnen der übrigen Stadtteile, der Frauenstraße, der Herrengaffe, der Prinzen- und Jägerstraße und wie sie alle heißen, höchstens der bronzenen Medaille würdig erkannt wurden, schirmte über der Müllerstraße der Glanz der goldenen. Woher kam das? Hatte hier ein Engel Wunder verrichtet? Wehte in der Müllerstraße eine gesündere Luft als in den anderen Windrichtungen der Residenz? Gab es hier Höhenklima oder Seeluft oder Fichtennadelduft? War der Nährstoff, den in dieser gesegneten Straße das Fleisch, die Milch, das Gebäck hatte, ein unvergleichlich höherer oder lebte hier eine eigene Race, gesünder als die anderen, sich und der übrigen Menschheit zum Entzücken? Indes die Komitee-Mitglieder staunend über dieses Wunder diskutierten, nahm der kleine rothaarige Apotheker Mehlmeyer bedächtig eine Prise, meldete sich zum Worte und sprach: „Hochverehrte Herrschaften ß Was Sie als ein Wunder ausposaunen, ist das Ergebnis eines höchst natürlichen Vorganges, über welchen Ihnen mein tüchtiger und findiger Agent Semmelmeier die besten Auskünfte geben kann. Meine Apotheke befindet sich seit einem Vierteljahre in der Müllerstraße, und dem tüchtigen Semmelmeier ist es gelungen, die meisten Parteien dieser Straße zum Konsum des neuesten amerikanischen Hafermehlproduktcs zu bestimmen: Sie essen Quäker-Oats und geben ihren Kindern zum Frühstück, Mittag- und Nachtmahl davon. Nahrhafter als Fleisch, ein köstliches Mittel für Suppen und Saucen, ausgerüstet mit sechzehn Prozent Eiweiß (Hört! Hört! rief die wohlgelaunte Schulrätin dazwischen) ist es zum Zaubermittel geworden, das so viel Müttern der Müllerstraße die Anwartschaft auf die goldene Medaille für Kinderernährung gesichert hat. Esset Quäker-Oats! Das ist mein Rezept, effet es einfach mit Waffer und Milch oder mit Zuthaten von Brühe, Eiern, Zucker, Wein! Das ist mein Allheilmittel, das schafft einen blühenden Nachwuchs! Und die Versammlung beschloß einmütig, die große goldene Medaille dem Erfinder des Quäker-Oats zuzuerkennen. Er wird in den nächsten Tagen per Kabel davon verständigt werden. Gemeinnütziger. Iür die Küche. Preisausschreiben für Damen! Für Einsendung der besten Rezepte zu Mehlklößen, Kartoffelpuffern und Pfannkuchen, zubereitet unter Anwendung von Dr. Oetker's Backpulver, sind zehn Preise ausgesetzt ä 100 Mk., im Gesamtwerte von 1000 Mark. Die Rezepte müssen eingesandt sein bis zum 1. Juli 1899. Die näheren Bedingungen erhalten die Damen gratis von den Firmen, welche das echte vr. Oetker's Backpulver ä 10 Pfennig führen oder direkt vom Apothekenbesitzer. vEnifehtes. Sehr ehreuvolle Anerkennung hat anläßlich der schwedischen Polar-Expedttion von 1898 die Akademie der Wissenschaften in Stockholm dem Liebig-Compagnte's Fleisch- Extrakt und dem Fleisch-Pepton der Compagnie Liebig gezollt. Das betreffende Attest lautet: Schwedische Polar-Expedition von 1898. Akademie der Wissenschaften zu Stockholm, Februar 1899. Während der schwedischen Polar-Expedition tut Jahre 1898 wurden sowohl Fleisch-Extrakt als -Pepton der Liebig’s Extract of meat Company benutzt, und daß dieselben, ihrem schon befestigten Ruf gemäß sich in allen Beziehungen von Prima Beschaffenheit zeigten, in Verwendung besonders bequem waren und auf den Organismus eine stärkende und anregende Wirkung ausübten, ist es mir ein großes Vergnügen bezeugen zu können. Stockholm, im Februar 1899, A. G. Nathorst, Professor. Ein Stammgast. Gast: „Sie kennen jene Dame wohl schon von früher her?" Hotelier: „Jawohl. Ah, das ist eine alte Kundschaft. Sie kehrt auf ihren Hochzeitsreisen jedesmal bei mir ein". * * * Ein Jünger Aegir's. „Mein Sohu soll Weinhändler werden". „Also liegt seine Zukunft auch auf dem — Wasser". • * * Ganz derselben Meinung. Leutnant: „Veilchenthal, warum soll der Soldat nicht mit der Putzjacke über die Straße geh'n?" Veilchenthal: „Recht haben Se, Herr Leutnant: „Warum soll er nich?!" • „ * Arzt: „Sie sollten jeden Morgen vor dem Frühstück ein Bad nehmen". Dame: „Ich steh' aber immer erst nach dem Frühstück auf". * * * Er: „Was würdest Du thun, wenn ich Dich jetzt küßte?" Sie: „Stelle mir keine solchen Fragen, George, — Du erregst nur meine Neugier". * -i- * E r: „Du verlangst schon in einem fort Geld und immer Geld". Sie: „Ja, weil ich nie welches bekomme". ♦ * * Ethel: „Glaubst Du nicht auch, daß Madges Haar gefärbt ist?" Mabel: „Nein, bestimmt nicht". Ethel: „Woher willst Du es wissen?" Mabel: „Weil ich dabei war, wie sie sich's gekauft hat". (Münch. Jugend.) * • * Boshaft. „Wissen Sie kein passendes Buch für meine Nichte, die Sängerin?" — „Schenken Sie ihr doch: „Der gute Ton in allen Lagen!" (Fl. Bl.) Litteravisches. Die Etappen auf dem Wege von der Kindheit ins Leben sind, soweit sie in der Volks- und Kunstmusik ihren Ausdruck gefunden, haben, besonders glücklich zur Darstellung gekommen in Joseph Kürschners ».Frau Musika" (Berlin, Hermann Hillger Verlag Lieferungsausgabe, 20 Hefte a 60 Pf. nebst 2 prächtigen Einbanddecken gratis). Wir berichteten darüber bereits bei Erscheinen des 17. Hefts, die eben erschienene 18. Lieferung enthält die Forsetzung des Kapitels, dessen Entwickelung wieder einigermaßen die Titel der Unterabteilungen charakterisieren mögen. Es sind: Kanons, Der Winter kommt, Kindersymphonie, Morgenlieder, Abendlieder, Sonntagslieder, Erbauliches für der Woche Lauf, Schluß der Woche, Konfirmation, Heilige Kommunion,. Heimat und Vaterland. Jedes dieser letzten beiden Hefte übt einen unsagbaren Zauber auf jeden aus, klingt doch aus ihnen die ganze Wonne und Glückseligkeit der schönen, unvergeßlichen Jugendzeit. Redaktion: ®. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch» und Tteindruckerei (Pietsch Erben) in Meßen.