Dienstag den 11. April. !!!& Mail RZMM Geschmeidig, aber fest, eschmeidig sei und lern' dich fügen Der^phäre, die dich als Beruf umgiebt! Der Störrige stößt sich an hundert Ecken Und prallt zurück, statt daß er vorwärts geht. Die Menschen liebel — sie sind deinesgleichen — Nur Liebe fesselt sie an dich — nicht Starrsinn. Die Bäume, die sich biegen, bricht der Sturm nicht, Und schweigt er, steh'n sie aufrecht wie zuvor; Doch fügst du dich, bleib in der Wurzel fest, Und bleib im Boden, dem du sngestammtl Nachgiebig, aber stark sei, wo es gilt! Nur daß du bleibest, was du bleiben sollst! Dein eigen und dein Ich aus Tod und Leben! Franz Graf Pocci. (Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Drittes Kapitel. Der Hafen von Bayport. In dem schönen Bett des Gasthauses hatte ich einen gesunden Schlaf. Als ich erwachte, blieb ich noch eine halbe Stunde liegen und überließ mich meinen Gedanken. Dabei konnte aber nichts Gutes herauskommen; ich stand also aus, wickelte mir zwei Handtücher zusammen und ging mit diesen unter dem Arm den Quai entlang bis zum Sandufer, wo ich mich auszog, um mich durch ein Schwimmbad zu erfrischen. Als ich hierbei, nach etwa einer Meile, an eine Boje kam, bemerkte ich den Kopf eines Menschen und fand, daß ich einen Gefährten hatte. Derselbe rief mir zu: ob wir zurück um die Wette schwimmen wollten. „Ich bin dabei," antwortete ich, als wir in einer Linie waren, legten wir los. Es war ein herrlicher Morgen, und die See glatt wie ein Teich, so recht geeignet für solch ein Vergnügen- bald aber bemerkte ich, daß mein Genosse zwei Fuß schwamm, während ich einen zurücklegte. Da gab ich den Scherz auf, erklärte mich für geschlagen und nahm mir Zeit. Die Bewegung in dem herrlichen Master that mir wohl, die düstere Stimmung, welche sich meiner bemächtigt hatte, als ich wach im Bett lag, wich allmählich von mir; ich empfand Freude an der schönen Natur um mich her, an dem Anblick der steilen Klippen, die in der Morgensonne glänzten, an den rot bedachten Häusern und dem Wald von Masten der im Hafen liegenden Schiffe. Als ich zu dem Platz zurückkehrte, an welchem meine Kleider lagen, sah ich meinen Schwimmgefährten am Strande aus- und abgehen, um sich in der Sonne zu trocknen. Während ich mich anzog, kam er dann zu mir und richtete einige artige Worte an mich, die ich erwiderte, im übrigen beachtete ich ihn aber nicht besonders, obwohl ich nach seiner Redeweise und seinem Aeußeren einen Seemann in ihm vermutete. In das Gasthaus zurückgekehrt, legte ich zunächst meinen neuen Anzug an und ging dann ins Gastzimmer hinunter. Ich war in der richtigen Laune zu frühstücken, weiß aber der Kuckuck wie es kam, mein Appetit — anstatt ein angenehmes Gefühl zu sein — erfüllte mich mit einem gewiffen Unbehagen. Er war wie ein Finger, der auf meine Börse deutete; er war wie eine Stimme, die mir ins Ohr raunte; „Jack, Hunger kostet Geld, und dein Geld ist knapp; nimm dich in acht, Schiffsmaat, sonst könntest du einmal Hunger haben, aber nichts zu brocken und zu beißen." Das war unangenehm, trotzdem aber bestellte ich mir ein Frühstück und verzehrte es auch nach der gehabten Bewegung mit wahrhaftem Genuß. Zur Unterhaltung nahm ich mir eine Lokalzeitung und las die Gerichtsverhandlungen: Joseph Leek belangt Michael Dowe wegen dreizehn Schilling Zinsen von einem Pfund Sterling, welches besagter Leek dem besagten Dowe auf sieben Wochen geliehen hatte. „Herr Gott, wie langweilig," dachte ich und suchte nach interessanteren Dingen in dem Blatt, so einen kleinen Mord oder dergleichen, als die Thür sich öffnete und meine Schwimmbekanntschaft in Begleitung einer Dame cintrat. Da niemand weiter im Zimmer war, den ich hätte ansehen können^ so betrachtete ich mir die beiden. * An mancherlei Zeichen erkannte ich nunmehr ganz sicher, daß der Mann ein Seemann war, ich sah das an seiner Kleidung, seinem Gang und sonstigen Eigentümlichkeiten, die eben nur ein Seemann bemerkt. Sein Gesicht trug jene rötliche Farbe des Sonnenbrandes, die gut aussehenden Männern kleidsam ist, und er sah wirklich gut aus. Dagegen war der obere Theil seiner Stirn, da, wo die Mütze ihn schützte, frauenhaft weiß. Den unteren Teil des Gesichts deckte ein 198 Schnurr-- und Kinnbart. Im ganzen machte er mit seinen glänzenden, blauen Augen, seiner wohlgeformten Nase, seinem hellbraunen Haar, seiner geraden, schön gebauten Gestalt, nicht steif wie die eines Soldaten, sondern graziös, mit dem behaglichen, etwas schlingernden Seemannsgang, den Eindruck eines schönen Mannes. Seine Gefährtin gefiel mir aber noch besser und infolge- desien fürchte ich, habe ich sie länger angestarrt, als schicklich ist. Eine reizender aussehende, kleine Frau hatte ich noch gar nie gesehen. Klein kam sie mir wenigstens vor, mir, der ich eineinhalb Zoll über sechs Fuß in meinen Schuhen stand. Ihr braunes Haar trug sie geflochten und über einen Kamm gesteckt; ihre Augen waren von herrlichem, schmelzendem Braun,' Sittsamkeit und Ernst sprachen aus ihnen, dunkle, fein gezeichnete Augenbrauen beschatteten sie, das weiche Brünett ihrer Gesichtsfarbe war tief genug, um vermuten zu lassen, daß der Ort ihrer Geburt tief in Breiten gelegen haben mußte, die eine heißere Sonne hatten als unsere Insel; ihre Wangen waren von zartem Rot überhaucht. Sie war zum Anbeißen hübsch. Ich vermochte meinen Blick gar nicht von ihr abzuwenden, und das war kein Wunder, nachdem ich zwei Jahre hindurch hauptsächlich nur schwarze oder gelbe Gesichter mit Plattnasen, Schlitzaugen und vorstehenden Backenknochen gesehen hatte. Das Paar setzte sich an einen Tisch, der dem, welchen ich einnahm, gegenüber stand, die Dame mit dem Gesicht, der Mann mit dem Rücken mir zugewandt. Während beide ihrem Frühstück zusprachen, that ich, als wenn ich ganz in meine Zeitung vertieft sei, in Wirklichkeit aber schielte ich meist verstohlen nach meinem lieblichen vis-a-vis, dessen Stimme mich bezauberte, und deffen Perlzähne ich jedesmal leuchten sah, wenn es lächelte oder sprach. Wer mochte wohl der Glückliche sein, dem es gelungen war, diese Augen in Liebe aufleuchten zu machen? Es war für mich kein Zweifel vorhanden, daß dieses Wunder von Schönheit versprochen oder vergeben, ich meine verlobt oder verheiratet sein milffe. Mit dem Manne vor mir aber nicht, das erkannte ich- nein, sein Benehmen war weder das eines Bräutigams noch das eines Ehemannes,- es war, ich kann nicht ausdrücken was es war, ich sah eben nur, was es nicht war. Ihr Benehmen war harmlos - freundlich und voll ruhiger Vertraulichkeit, und das ist alles, was ich an dieser Stelle davon sagen kann. Da ich Appetit auf einen Zug Tabak bekam, verließ ich das Zimmer, steckte mir draußen meine Pfeife an und schlenderte weg, um einen Blick auf den alten Ort zu werfen und mir einmal die Schiffe im Hafen anzusehen, aber ohne jeden Gedanken daran, mich etwa von hier aus einschiffen zu wollen. Willig, wie mich die Notwendigkeit gemacht hatte, eine Zett lang als Vollmatrose unter Segel zu gehen, duldete es meine Würde doch nicht, auf etwas Geringerem als einem tausend Tonnen-Schiff zu dienen. Ich kannte ziemlich genau die Art Fahrzeuge, welche nach Bayport handelten oder dort anlegten. Es waren nur Dampf- oder Segel-Kohlenschiffe, Getreide- oder Holzschiffe. Die Vorderkastelle waren moderige, finstere, schmutzige Behältnisse, und was die Arbeit anlangte, so wurde alle Zeit, die nicht im Sielraum oder im Takelwerk zugebracht wurde, dem Pumpen gewidmet. Die Gedanken eines mit einem bestimmten Entschluß umgehenden Menschen steuern immer einen befferen Kurs im Freien als in der Stube- sie kommen durch irgend etwas, worauf zufällig das Auge trifft, auf eine neue Idee oder finden in einer Unterhaltung neue Gesichtspunkte. Einsam an die Decke zu starren oder auf dem Teppich auf und ab zu laufen, mag für Poeten ganz gut sein, aber ein Mann, der sein Brot auf andere Art als durch die Einbildungkraft verdienen muß, kann nichts Besseres thun, als sich unter Menschen zu begeben. Ich gelangte auf meinem Wege zunächst an die Werften. Diese waren groß, und die Molen erstreckten sich ein beträchtliches Stück in die See hinein- sie gewährten einen schönen Nothafen für schlechtes Wetter. Die Quais, nahe an der Stadt, waren hauptsächlich von Schiffen besetzt, die Kohlen ausluden oder Ballast einnahmen. An manchen Stellen arbeiteten Dampskrahne, und eine Menge Schiffe, drei Reihen nebeneinander, lagen an der südlichen Mole, mit Leichtern längsseits der äußeren Reihe. Einige Schmacken fuhren aus dem Hafen- ein paar Dampfschiffe machten Dampf auf und sandten dichte Wolken schwarzen Rauches in das reine Blau des Himmels. Der ganze Platz war voller Geschäftigkeit, und von da aus, wo ich stand, ungefähr in der Mitte des westlichen Hafendammes, übersah das Auge ein so heiteres, sonniges Bild, daß es das niedergeschlagenste Herz mit Freudigkeit und Hoffnung erfüllen mußte. Mit zärtlichem Blick betrachtete ich die alte Stadt, sie war ja mein Geburtsort. Ich konnte das Dach des Gebäudes sehen, wo ich in die Schule gegangen war. Hier an der Werft angelte ich oft einen ganzen Nachmittag über ; ohne mich zu rühren, saß ich dabei, auch selbst im stärksten Regen und war glücklich, wenn ich einen Aal fing. Nicht ein Stein war hier, an den sich nicht irgend eine Erinnerung geknüpft hätte. Wie oft hatte diese Stelle auf See meinem Geiste vorgeschwebt, wie oft war ich während der dunklen Nachtwachen in Gedanken durch die engen Straßen gewandert bis hinauf auf die sonnigen Wiesen, auf benem ich mich als Knabe, auf dem Rücken liegend, unter Butterblumen gesonnt hatte. Ja, das waren schöne Träumereien gewesen- aber wie oft war ich aus ihnen auch jäh aufgeschreckt worden durch eine Welle, die plötzlich über mich htnstürzte, ober durch den barschen Ruf, Segel zu kürzen. Ich blickte auf die verschiedenen Schiffe im Hafen mit kritischem und — ich gestehe es — auch etwas verächtlichem Auge. Meine letzte Reise hatte ich auf einem Schiffe gemacht, groß genug, daß eins dieser Fahrzeuge ihm als Langboot hätte dienen können. Große Schiffe haben die Eigentümlichkeit, zu bewirken, daß einer, der an sie gewöhnt ist, naserümpfend auf Topsegel - Schuner und Dreihundert-Tonnen- Barken herabsieht. Da bemerkte ich auf einmal eine Brigg, welche dicht am vordersten Teil des gegenüberliegenden Hafen- dammes lag, die meine Bewunderung erregte. Es war ein wahres Muster von einem Schiff, es erschien mir fehlerlos. Der Bug war rein und scharf, das Brustholz des Gallons eine anmutige Bogenlinie, mit einem schönen Schwung nach hinten- die leichte Schwellung deutete auf Dauerhastigkeitum den schwarzen Rumpf lief ein weißer Streifen - den Bug schmückten hübsche, vergoldete Verzierungen, die das Schiffsbild, ein weiß gemaltes Meermädchen, umgaben. Dieses Bild stand sehr im Kontrast zu den geschmacklosen GalionS der anderen Schiffe, von denen dir meisten ganz roh gearbeitete, stetschfarbig gemalte Frauengestalten waren, ja, eins sogar einen Mann in hellblauem Rock mit großem, schwarzen Hut darstellte. Ohne Zweifel sind die Schiffsbilder der Franzosen Meisterstücke gegen die unserigen. Ich war überzeugt, daß Bayport nicht der Bestimmungsort der Brigg war. Einige Matrosen waren eben beschäftigt, die zerbrochene Vorbram-Raa auf Deck herabzulaffen. Dieser Unfall war wahrscheinlich bei einem Zusammenstoß geschehen, und vermutlich war auch bei derselben Gelegenheit ihre Seite berieben worden, denn ein Schiffsjunge war auf einem kleinen Gerüst am Backbordbug mit Anstreichen beschäftigt. Außer der Verletzung dieser Raa, welche in der Mitte so rein durchgebrochen, wie eine Tabakrolle, erschien die Takelung des Schiffes so vollendet wie die eines Kriegsfahrzeuges. Es halte in der That gewissermaßen das Ansehen einer Marine- Brigg. Ihre Tops waren stark, sie hatte kurze Reulstengen, lange Raaen und war breit gebaut, was ihrem unteren stehenden Tauwerk eine große Ausdehnung gab. Ich dachte, unter vollen Segeln müßte sie ein schönes ISS Bild gewähren, und mein geistiges Auge sah sie vor sich, wie sie unter aller Leinwand, jedes Segel voll und steif, in einer mondhellen Nacht in den Tropen leise rauschend die Wogen durchschnitt. Andere Dinge, die bald mein Auge fesselten, trieben mich weiter und ließen mich bei den mir immer von neuem entgegentretenden Erinnerungen die Brigg schnell vergessen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Armenhausprinzessin. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) Nur mit flüchtigem Blick streifte Elsie den Herzog, als sie sich beim Auftreten tief verneigte. Aber dieser eine Blick genügte, um sie erkennen zu lassen, daß der Fürst ein anderer geworden war. Ein sinnender Ernst, eine trübe Schwermut thronte auf seiner bleichen Stirn, lohte in seinem dunklen Auge. Die Lebenslust, der „göttliche Leichtsinn", der früher auf seinen lächelnden Lippen schwebte, in seinen stammenden Augen sprühte, war verschwunden. Ein ernster, stiller, sinnender Mann, so saß er regungslos da — die Augen in träumerischer Wehmut auf die schlanke Gestalt der Sängerin gerichtet. Als Elsie geendet und sich aufs neue tief verneigte, fiel ihr Blick wieder auf den Fürsten- Elsie fühlte ihr Herz schmerzlich zusammenzucken. Der Herzog saß da, den Arm auf die Lehne des Sessels gestützt, die Stirn in die Hand gelegt, so daß diese die Augen beschattete. Er rührte sich nicht, aber es schien Elsie, als sei sein Antlitz noch blasser geworden. Im Saal schien man zu erwarten, daß der Herzog, wie nach jedem Vortrage, seinen Beifall durch leichtes Klatschen der Hände kundgeben würde. Aber der Fürst blieb bewegungslos und stumm sitzen, die feine, schmale, weiße Hand über die Augen gelegt. Das Publikum ward ungeduldig. Einzelne kecke, junge Herren am äußersten Ende des Saales klatschten, der Bürgermeister warf wütende Blicke nach den Verwegenen, die sich über die Hof-Etikette hinwegzusetzen wagten und lauter und lauter klatschten. Hier und da fielen andere in den Beifall ein und plötzlich brauste er auf und jubelte empor, wie ein wogendes, wallendes Meer, das die fesselnden Deiche durchbrochen. Elsie mußte notgedrungen noch einmal auf dem Podium erscheinen und sich tief verneigen. Da fuhr der Herzog aus seiner sinnenden Stellung empor und winkte dem Bürgermeister, der sich zaghaft näherte, alle Hoffnung auf das Ritterkreuz zweiter Klasse aufgebend. Aber der Fürst streckte ihm mit herzlichen Gruß die Hand entgegen, während ein freundliches Lächeln um seinen Mund schwebte. „Ich danke Ihnen, Herr Bürgermeister, für den Genuß, den Sie und das Komitee mir bereitet." „Hoheit sind allzu gnädig!'' „Ich möchte noch ein Lied von Fräulein Hannecken hören —" „Hoheit brauchen nur zu befehlen". „Wollen Sie Fräulein Hannecken in meinem Namen bitten, das ihr gewiß bekannte „Winterlied" zu singen? Das Fräulein würde mich dadurch zu tiefstem Dank verpflichten". Der Bürgermeister verbeugte sich ehrerbietigst und eilte davon. Er traf Elsie im Begriff den Mantel überzuwerfen, um sich zu entfernen. „Fräulein Hannecken, Sie müssen ein Lied zugeben". „Nicht doch, Herr Bürgermeister — ich fühle mich ermüdet". „Aber Seine Hoheit haben befohlen — das Winterlied — ich weiß nicht, von wem es ist — Hoheit meinten, Sie würden es kennen". „Ja, ich kenne das Lied, Herr Bürgermeister", entgegnete Elsie tief aufatmend. „Und ich werde es fingen". „Ah, vortrefflich, vortrefflich! — Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen? — Ah, Fräulein Hannecken, Sie retten die Ehre des Tages!" Elsie warf den Mantel ab. Ja, sie wollte jenes Lied noch einmal singen, dessen ergreifende Melodie sie zuerst dem Fürsten nahe gebracht. Sie wollte noch einmal Zwiesprache halten, Auge in Auge, Seele in Seele- sie wollte im Klange des Liedes ihm noch einmal alles, was ihr Herz empfand und erfüllte, aussprechen. Sie wollte sich noch einmal eins fühlen mit ihm, ohne daß die Welt, die Menschen ringsum es sahen, ohne daß die Menschen mit spöttischem Lächeln auf sie, die Armenhaus-Prinzessin, blickten, die gewagt hatte, ihre Augen zu einem Fürsten dieser Erde zu erheben. „Willst Du wirklich singen, Elsie?" fragte Klara von Hennersdorff besorgt. „Du bist so erregt". „Ja, ich singe! — Komm, Du mußt mich begleiten". Sie trat auf das Podium zurück. Ein Beifallsturm empfing sie. Doch sie verneigte sich nicht- wie eine im Traum Befangene trat sie dicht an die Rampe der Bühne, die Augen auf den Herzog gerichtet, der hochaufgerichtet neben dem Sessel stand, dessen Lehne mit krampfhaftem Griff umklammernd. Ihre Augen trafen sich, und wie zwei Flammen loderten ihre Blicke zusammen und ein Leuchten des Glückes, der inneren Seligkeit zuckte es über beider Antlitz. Eine rasche Glut flammte in Elste's Wangen empor, und auch des Fürsten blasses Gesicht überflutete eine heiße Blutwelle. Da schlug Klara von Hennersdorff die ersten Takte der Begleitung an. (gifte schrak zusammen, dann richtete sie sich empor und mit unendlich süßer, weicher, ergreifender Stimme Hub sie an: Komm aus der engen Stadt, damit die Felder blühen . . Atemlos lauschte die Menge. Atemlos lauschte der Fürst, die dunkelflammenden Augen in zehrendem Feuer auf die Sängerin geheftet. Geisterhafte Blässe überzog sein Antlitz. Seine Hand zitterte heftig. Er beugte sich weit vor, als wolle er der Sängerin zu Füßen stürzen. Noch niemals hatte Elfte, das fühlten alle Zuhörer, das fühlte Klara von Hennersdorff, das fühlte Elsie selbst, so ergreifend, so machtvoll, so tief erschütternd gesungen, wie in diesen kurzen, flüchtigen Sekunden. Nach dem ersten und einzigen Verse des Liedes wollte Klara die Begleitung schließen. Doch Elsie gab ihr einen Wink, sie hatte selbst einen zweiten Vers hinzugedichtet, den sie oft für sich gesungen. Noch hatte ihn niemand gehört, heute wollte sie ihn singen, nicht der Welt, nicht den Menschen, sondern ihm allein und er würde sie verstehen! Erstaunt intonierte Klara wiederum die Begleitung. In höchster seelischer Spannung blickte der Herzog auf Elsie, als sie sang: „Entflieh mit mir der Welt, der Menschen ödem Schwarme, Sag' mir ein liebes Wort, damit mein Herz erwärme; Blick mir ins starre Bug', daß rinnen meine Thränen, Reich mir die weiße Hand, daß neu erwacht mein Sehnen. Sing' mir ein trautes Lied, daß schwindet Sorg' und Kummer, Daß meine Seel' erwacht aus winterlichem Schlummer. O lächle sanft mich an, daß bricht des Herzens Rinde — Leg' mir die Hand aufs Haupt, auf daß ich Frieden finde". Der Herzog war auf den Sessel zurückgesunken und hatte das Antlitz in die Hände verborgen. Die Thränen drängten sich ihm gewaltsam in das Auge, er kämpfte vergebens gegen ein krampfhaftes Schluchzen an. Todtenstille herrschte in dem Saal. Niemand wagte durch lauten Beifall den weihevollen Augenblick zu stören, dessen erhabene Heiligkeit, dessen lief innerliche Wehmut jeden ergriff, jeden auf das Tiefste erschütterte. Und Elsie stand da und blickte mit thränenverschleiertem Auge auf die zusammengesunkene Gestalt des über alles ge- 200 liebten Mannes. Die Hände streckte sie flehend ihm entgegen, und auf ihren zuckenden Lippen schwebte der letzte Ton des Liedes wie der verhallende Seufzer eines Sterbenden. Ihre Kraft war zu Ende — ihr Herz drohte, zu zerspringen, — sie wankte, taumelte und sank bewußtlos zu Boden. Klara von Hennersdorff, der Bürgermeister und mehrere andere Personen eilten herbei, die Zusammensinkende auffangend. Die Menge ließ sich nicht mehr zurückhalten. Sie drängte zur Bühne. Sie rief, sie weinte, sie lief, um Hilfe zu holen. Und in all dem Wirrwar stand der Fürst gleich einer Statue da und starrte auf die ohnmächtige Gestalt, als sehe er ein Traumbild der Märchenwelt, eine Erscheinung aus der überirdischen Welt. Man brachte Elsie fort. Der Bürgermeister war der Verzweiflung nahe. Das Konzert, sein schönstes Fest-Programm, war grausam zerstört. Er fuhr sich mit dem Taschentuch über die schweißtriefende Stirn, er fuchtelte mit dem Tuch in der Luft umher, ohne zu wissen, was er that. Der Orchesterdirigent nahm diese Bewegung als Zeichen, daß er fortfahren sollte, er hob den Taktstock, ließ ihn wieder fallen und durch den Saal brausten die ersten Akkorde der Weber'- schen „Aufforderung zum Tanz". Der Herzog erwachte aus seinem Traum. Mit verwirrtem Lächeln blickte er um sich, sein Blick traf das aufmerksam auf ihn gerichtete Auge des Freiherrn von Hannecken. Er zuckte ein wenig zusammen, er wußte sich beobachtet - seine Miene verfinsterte sich und in befehlendem Tone sprach er: „Erkundigen Sie sich, Excellenz, wie es der Dame geht!" Excellenz knickte gehorsam und demütig zusammen und eilte davon. (Fortsetzung folgt.) G-ineßniMtzigeG. Gesundheitspflege. Gegen Kopfschuppe« empfiehlt sich eine Mischung von Franzbranntwein mit geriebenen Zwiebeln zu gleichen Teilen, welche man wöchentlich einmal auf die Kopfhaut einreibt. Dadurch werden nicht nur die Schuppen bekämpft, sondern auch der Haarwuchs wird bedeutend gefördert und das Ausfallen der Haare gehindert. Humoristisches. Ans Kommando gewöhnt. Sie: „Männe, ich finde, daß mein neues Reitpferd ausgezeichnet zu meinem Temperament paßt". — Er: „Das finde ich auch, liebe Frau, es hatte nämlich früher ein Regimentskommandeur geritten". * * * Zartfühlend. Freund (zum jungen Poeten): „Warum hast Du die Gedichte gerade unter dem Namen „Meier" veröffentlicht? . . . Denke nur, wie viele brave Menschen dadurch in einen falschen Verdacht kommen können!" • * » Ein schüchterner Herr. Dame: „Wie schüchtern find doch manche Herren! Begegne ich kürzlich einem hübschen jungen Manne, lasse absichtlich mein Taschentuch fallen, er hebt's auf — und behält's!" » * Kindlich. Vater (beim Frühstück): „Pfui, ein faules Ei!" — Fritzchen: „Nicht wahr, Papa, das hat ein faules Huhn gelegt!" * Redeblume. Student (zu seinen"? Eltern): „Unser Professor hat die Gewohnheit, über ein Thema xmal zu sprechen, diese Woche reitet er zum Beispiel fortwährend auf dem Schwert des Damokles herum." * * * ErsterGedanke. Anny: „Denk' Dir, unsere Freundin Bertha will später Chemie studieren". — Fanny: „Das stelle ich mir großartig vor . . . so in die tiefsten Geheimnisse der Schönheitsmittel eindringen zu können!" * * * Die Gnädige: Aber Melanie! Schon seit einer Stunde schreit der Kleine, und Sie lesen ruhig einen Roman! Die Bonne: Oh, Madame, es geniert mich gar nicht — ich bin schon daran gewöhnt. * ♦ * Aus dem Aufsatz einer „höhern Tochter". „Die Giraffe hat einen langen Hals,- sie ist der Schwan der Wüste!" * * * Daher. A.: „Der Studiosus Süffel hat sich ja auch ein Rad mit Pneumatikreifen gekauft!" — B.: „Ja, der pumpt so riesig gern!" Ein Berliner Theaterdtrektor vermißt bei der Dekorationsprobe ein Eisbärenfell. Er befragt deswegen den Inspizienten, und dieser erklärt, es sei überhaupt kein Etsbärenfell vorhanden. — „Ach bewahre!" ruft der Herr Direktor, „natürlich ist eins da- es sind sogar zwei Eisbärenfelle da, ein weißes unfein braunes!" Sehr freieUebersetzung. Goldsteiner jr.: „Vaterleben, was heißt „Videant consules!“ — Goldsteiner sen.: „Sieh nach de Konsolches!" * Aus dem juristischen Examen. Professor: „Kann einer, der geistig nicht normal ist, einen Vertrag abschließen?" — Kandidat: „Jawohl, — einen Ehevertrag!" * * $ Richter: „Wie alt sind Sie?" — (Die Zeugin schweigt.) Richter: „Antworten Sie schnell! Je länger Sie zögern, desto ältern werden Sie sein!" Dame (zu einem Mädchen, das sie engagieren will): „Ich würde vierzig Franks pro Monat geben . . . aber sagen Sie: haben Sie Kinder gern?" — Mädchen: „Wenn gnädige Frau noch zehn Francs darauflegen — ja!" (Münchener Jugend.) Litterarisches. Der Arzt als Hausfreund. Ein treuer und zuverlässiger Ratgeber bei den Krankheiten eines jeden Alters und Geschlechts. Von Dr. S. Ruppricht. Elfte, nach den neuesten Fortschritten der Wissen- schäft umgearbeitete Auflage. Vollständig in 12 Lieferungen a 25 Pfg. (Glogau, Verlag von Karl Flemming.) Die große Verbreitung, die dieser vortreffliche „Ratgeber bei den Krankheiten eines jeden Alters und Geschlechts" bisher gefunden hat, beträgt über 75 000 Exemplare. Mit dieser elften Auflage ist ein ganz neues Werk geschaffen; denn das Buch hat gegen srüher eine vollständige, den Anforderungen der Gegenwart im weitesten Sinne Rechnung tragende Umarbeitung erfahren. Das in echt volkstümlichem Tone gehaltene Buch will seine Leser belehren, wie man sich vor Krankheit zu schützen hat. Es will Auskunft geben über die Maßregeln, die zu treffen sind, ehe ein Sachverständiger zur Stelle sein kann. In dieser Beziehung wird das Buch namentlich den Landbewohnern ein unentbehrlicher Freund und Ratgeber sein, da sie in Krankheitsfällen oft erst in meilenweiter Entfernung einen Arzt finden. Daß der Verleger bei der neuen Auflage die Form der Lieferungsausgabe gewählt hat, wird man ihm allgemein Dank wissen, denn 25 Pfg. für ein solches Hest ist ein Preis, den jeder erschwingen kann. Die vorliegende erste Lieferung zeichnet sich durch eine ansprechende Ausstattung und sauberen, klaren Druck aus, das Inhaltsverzeichnis belehrt über den reichen Inhalt des Buches. Wir können den „Ruppricht", der durch jede Buchhandlung zu beziehen ist, allen Familien, namentlich aber den Bewohnern des Landes auf das wärmste zur Anschaffung empfehlen. Redaktion: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.