in' n MAGMMWWL HEW^LMW WMÄM«M^8S Ä-i-Ji«S' erschied'ne Wege führt uns das Geschick Zu Gott, dem Endziel aller Erdemvege: Die edlere Natur: ein reines Glück, Die niedere: des Schicksals harte Schläge. Lohmeyer. (Nachdruck oerboten., Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) „Willst Du die Dienstboten aufmerksam machen?" mahnte jetzt er in gedämpftem Tone. Mit einem Blick auf die auf dem Kaminsims stehende Uhr in einem bronzenen Gehäuse, das die Form eines antiken Tempels hatte, fügte er hinzu: „Es dürfte überdies an der Zeit sein, daß wir unsere Unterredung beenden- lange kann es nicht währen, so kehrt einer oder der andere von Deiner lieben Familie nach Hause zurück. Also erhebe Dich, liebe Eugenie. Darf ich Dich zu Deinem Schreibtisch führen?" Er bot ihr den Arm. Sie rührte sich nicht und sagte dumpf: „Ich habe nichts!" „Eugenie!" Sie schüttelte den Kopf. „Treibe mich nicht zum äußersten!" sagte er warnend. „Ich schone Dich, so lange ich kann- aber jeder ist sich selbst der Nächste. Soll ich mich mit meinem Anliegen an den Herrn Kommerzienrat wenden? Soll ich--" „Nein, nein, um Gotteswillen nicht!" kreischte die gemarterte Frau. „Wie viel brauchst Du?" „Mein Kind, das ist eine Frage, die sich nicht leicht in Zahlen ausdrücken läßt", witzelte er. „Ich hatte allerdings die Absicht, einmal eine größere Summe bei Dir zu erheben, damit ich Dich nicht so oft zu inkommodieren brauche- da Du indes wirklich nicht bei Kasse zu sein scheinst, will ich mich mit einer Abschlagszahlung begnügen und lieber die Frage stellen: Wie viel kannst Du mir augenblicklich geben? Ritterlicher kann man sich doch wirklich nicht benehmen". Sie rechnete. „Mein ganzer Barvorrat beläuft sich auf etwa dreihundert Mark", sagte sie. „Das ist ein Bettelpfennig! Was soll ich damit anfangen?" „Ich besitze noch einige hundert Mark Reichsanleihe und meinen Schmuck —" „Gieb mir die Papiere, die werden sich versilbern lassen", brummte er, „Schmuck mag ich nicht haben, das reißt den Juwelieren sogleich die Augen auf. Bis die Kleinigkeit verbraucht ist, wirst Du wohl Rat geschafft haben". „Wie — wie soll ich das?" stöhnte sie. „Das fragt mich die Frau eines Mannes, der mit Geld handelt, der im Golde wühlt, der einer der Matadore an der Börse ist!" rief er und setzte fragend hinzu: „Hast Du erfahren, welche Summen Dein Mann für seinen sauberen Freund Sommer weggeworfen hat?" „Nicht genau, aber es ist viel", erwiderte sie, und der Zorn trieb ihr das Blut in die Wangen. „Ich will Dir keine Zahlen nennen, Du könntest sonst einen Herzschlag bekommen", sagte er boshaft. „Man munkelt übrigens, der ganze Diebstahl sei nur fingiert gewesen, um den vor der Thür stehenden Bankerott zu verschleiern. Und dabei besaß der Assessor die Frechheit, meine großmütigen Anerbietungen mit einem Hochmut zurückzuweisen —" „Was veranlaßte Dich nur, sie zu machen?^ fragte sie. „Nun, ich mußte mich doch einmal als Millionär vom Kap zeigen!" lachte er. „Und wenn man darauf eingegangen wäre?" „Würde ich bei der Generosität Deines Herrn Gemahls möglicherweise ein ganz annehmbares Geschäft gemacht haben, sobald ich Disposition über die Kaffe gehabt hätte. Ich würde mich mit ihrem Inhalt schon rechtzeitig gedrückt haben". „Und das Kapital, was Du einzulegen gehabt hättest?" fragte sie. „War damals in meinen Händen!" lachte er. „Und wenn nicht, wozu hätte man denn die Frau Kommerzienrätin als Verwandte und Freundin. Nun, die Sache hat sich zerschlagen, das Geld, das ich damals noch besaß, ist verstogen, nur eins ist mir geblieben — Deine Freundschaft. Ich rechne bestimmt auf Dich, liebe Eugenie". „Aber wie soll ich?" „Das ist Deine Sache!" schnitt er ihr im herrischen Tone das Wort ab. „Ich wünsche von Dir das non possumus nicht wieder zu hören- ich denke, wir verstehen uns. Und nun habe die Gnade, mich zu entlassen". Wieder bot er ihr die Hand, um ihr beim Aufstehen behilflich zu sein, und, ihre Schwäche fühlend, nahm sie seine Hilfe an und ließ sich von ihm zu ihrem Schreibtisch ge- leiten, in welchem sie das unter einem besonderen Doppelverschluß befindliche Mittelfach öffnete. Sie entnahm demselben das darin liegende Geld, sowie einige bedruckte Papiere und reichte alles über die Schulter hinweg dem hinter ihr stehenden Corbus, der es nahm und unbesehen in die Tasche schob, mit einer Miene, als steckte er ein paar wertlose Papierschnitzel ein. „Da haben wir die Bescherung!" sagte er dabei, „ich wußte es ja, Gefahr lag im Verzüge". Im Vorzimmer war die Stimme der kleinen Hermine laut geworden. Dr. Corbus empfahl sich eilig, stieß draußen mit dem kleinen Mädchen zusammen und breitete beide Arme aus, um es aufzufangen. Aber mit Händen und Füßen um sich schlagend, machte sich Hermine von ihm los und rief: „Lassen Sie mich in Frieden, ich mag Ihnen keinen Kuß geben. Ich glaub' es gar nicht, daß Sie mein Onkel sind, und selbst wenn, ich mag Sie doch nicht leiden". „Du bist ja ein überaus höfliches kleines Fräulein!" entgegnete Dr. Corbus mit verhaltenem Grimme. „Deine Erziehung macht Fräulein von Kressen viel Ehre". „Lasten Sie mein Fräulein in Ruhe", antwortete das Schreckenskind, das sich jetzt an seiner empfindlichsten Seite berührt fühlte. „Die würde schelten, wenn sie mich jetzt sähe und hörte, sie predigt mir immer, man müste gegen jedermann höflich und artig sein, auch gegen Sie- ich weiß aber doch, daß sie Sie nicht ausstehen kann!" „Aeußerst schmeichelhaft!" brummte Dr. Corbus. „Und Hans und Adalbert auch nicht, die machen gar kein Hehl daraus!" fuhr Hermine in ihrer entsetzlichen Offenheit fort, schoß aber gleichzeitig wie ein Pfeil an ihm vorüber und in das Zimmer ihrer Mutter hinein. Mit finsterer Stirn legte Dr. Corbus den Ueberzieher an, nahm Hut und Schirm und entfernte sich, Worte murmelnd, die nicht wie Segenswünsche für das Haus, dessen Schwelle er jetzt überschritt, klangen. — Die Kommerzienrätin hatte sich nach seiner Entfernung zu einer Chaiselongue geschleppt und sich darauf niedergelegt, sie horchte aber gleichzeitig angstvoll auf den im Vorzimmer stattfindenden Wortwechsel zwischen dem Doktor und Hermine, von dem einzelne Worte zu ihr drangen. Als jetzt die Thür aufging und das Kind eilfertig hereinkam, richtete ste sich ein wenig auf und fragte in einem klagenden und gereizten Ton: „Was war denn das da draußen zwischen Dir und dem Onkel Corbus?" „Ach Mama, er wollte mich festhalten und küssen, und das lasse ich mir von ihm nicht gefallen, da hab' ich ihm gesagt, daß er gar kein Onkel von mir ist und daß ich ihn nicht leiden mag!" bekannte Hermine in dem ihr eigenen ehrlichen Trotz. * „Aber Hermine, wie kannst Du so schrecklich unartig sein?" rief die Kommerzienrätin erschrocken die Hände erhebend. „Ich werde Fräulein von Kressen sagen —" „Nein, Mama, nein, bitte, bitte! sage Felicitas nichts!" flehte das Kind mit aufgehobenen Händen, und schon rollten große Tropfen aus den dunklen Augen die runden Wangen hinab. „Sie würde sehr traurig sein, wenn sie hörte, daß ich so unartig gewesen bin — und das — das kann ich gar nicht ertragen! Sei gut Mama, ich will es auch nie wieder thun". „Du mußt dem Onkel abbitten, sobald er wieder zu uns kommt!" befahl die Kommerzienrätin. „Und ihm sagen, daß ich ihn gern habe?" fragte Hermine naiv. „Gewiß". „Aber, Mama, das kann ich doch nicht! Das wäre ja eine Lüge! Ich mag ihn nicht, Felicitas und die Brüder mögen ihn auch nicht- hast Du ihn denn gern?" Eine brennende Räte stieg bei dieser Frage ihres unschuldigen Kindes der Kommerzienrätin ins Gesicht, und ablenkend von dem ihr unbequem werdenden Gesprächsgegenstand, sagte sie: „Wie siehst Du aus? Warum läßt Fräulein von Kreffen Dich so ohne alle Umstände zu mir ins Zimmer stürzen? Sie weiß doch wie leidend ich bin!" Sie griff nach dem Taschentuch, drückte es an Stirn und Augen und lehnte sich wieder zurück. Hermine sah jetzt ganz erschrocken an ihrer kleinen Gestalt herunter. Sie trug über dem kurzen Kleide von leichter, kleingemusterter Seide noch den hellbraunen Umhang, der fich aber verschoben hatte, wie ihr auch der kleine Hut mit dem Federstutz ganz schief auf dem Kopfe saß. „Ach, Mama, ich bin ja Felicitas echappiert", lachte sie. „Die sprach im Treppenhause nur einen Augenblick mit der Köchin, die gerade von ihrem Gange nach der Markthalle heimgekommen war, inzwischen bin ich die Treppe hinaufgelaufen und zu Dir gekommen, weil ich Dich so gern um etwas bitten wollte. Und nun mußte mir der — der — gerade in den Weg laufen". „Was wolltest Du denn, mein Kind?" fragte die Kommerzienrätin, die, als ihr Liebling sich kosend an sie schmiegte, schnell versöhnt war, indem sie dem Kinde den Hut abnahm und dessen Haar glatt strich. „Mama, Du hast viel Geld, nicht wahr?" sagte Hermine treuherzig zu ihr aufblickend. Die Mutter zuckte zusammen. „Wie kommst Du auf dcn Einfall? Was kümmert das Dich?" entgegnete sie in ihrer Betroffenheit so scharf, daß die Kleine ste erschrocken anblickte und wie abbittend sagte: „Sei nicht böse, Mama, ich dachte nicht, daß das unartig wäre". „Das ist es auch nicht", erwiderte begütigend die Kommerzienrätin, die sich wieder gefaßt hatte. „Aber warum fragst Du danach?" „Weil ich Dich bitten wollte, Mama, doch Felicitas etwas Geld zu geben". Frau Helldorf fuhr auf: „Felicitas — Fräulein von Kreffen — Geld geben? Was soll das heißen?" „Sie hat nichts und braucht es so nötig". „Fräulein von Kressen erhält ein sehr ansehnliches Salair", entgegnete schnell die Mutter, ohne zu bedenken, daß diese Aeußerung dem Kinde gegenüber sehr unpassend sei. Hermine schien sie indes gar nicht zu verstehen, denn sie wiederholte: „Ach, liebe Mama, gieb ihr doch 'was- sie hat nichts und grämt und sorgt sich darum, und das thut mir so sehr leid". „Aber wieso weißt Du denn das?" erkundigte sie sich dann, aufmerksamer werdend. Ihren Arm um den Nacken der Mutter legend und ihre Wange an die ihrige schmiegend, erzählte das Kind: „Felicitas und ich kamen eben aus dem Konfituren- geschäft Unter den Linden, wohin Du uns geschickt hattest, da begegneten uns Bruder Adalbert und August von Kreffen, sie waren zusammen in der Universität gewesen. Ich habe nicht recht verstanden, wohin Adalbert nun wollte- aber August sagte, er könne da nicht mitgehen". „Ganz richtig," murmelte die Kommerzienrätin. „Weiter —" „Ja, dann zog gerade die Wachtparade auf, und Adalbert und ich horchten auf die Musik und schauten uns die Soldaten an. Ich bemerkte aber doch, daß Felicitas und ihr Bruder recht ernsthaft mit einander sprachen, und Härte auch wie sie zu ihm sagte: „Ach, August, ich gewährte es Dir ja so gerne, aber ich kann es nicht, ich habe kein Geld, wenn ich —! Da mochte sie gewahr werden, daß ich aufpaßte, denn sie sprach noch leiser - ich konnte kein Wort mehr verstehen. Aber ste sah so traurig aus, und nachher ist sie ganz still und nachdenklich gewesen. Bitte, bitte, Mama, gieb ihr doch Geld! Willst Du?" schloß das kleine Mädchen ihre Erzählung. (Fortsetzung folgt.) 1 — 515 — Eine Radlerin comme il kaut. Von C. Eysell-Kilburgsr. ------- (Nachdruck verboten.) Wir waren unserer acht, als wir auf dem Bahnhof zusammentrafen, drei Damen und fünf Herren; ein Stückchen unserer Tour, bis wir tiefer in die Landschaft gelangt sein würden, wollten wir mit dem Zuge zurücklegen. Da wir eine Tagereise beabsichtigten und das Wetter trotz des heißen Tages etwas bedenklich aussah, so hatten die meisten von uns sich eine sehr gründliche Ausrüstung angelegen sein lassen. Namentlich auf den Herrenrädern türmte es sich unheimlich: Regenmäntel mit Kapuzen, beides aus dickem Lodenstoff, eingeschnallte Plaids, die reichlich Mundvorrat bargen. Ein Herr hatte seinen Ueberzieher mitgenommen, denn: „Man weiß ja nicht, wie's Wetter wird"; ein anderer gestand schämig ein, daß er Wäsche zum Wechseln bei sich habe. An dem Rade einer jungen Frau war eine Hundepeitsche und ein Cyklometer angebracht, der auf dem ganzen Wege in nervösmachender Weise klirrte, dafür aber vergaß, die zurückgelegten Strecken ordnungsmäßig anzugeben. Laternen hatten wir alle. Nur ein junges Mädchen machte eine Ausnahme; sie fuhr ohne Laterne, Schrittmesser und Hundepeitsche; an der Lenkstange ihres Rades war ein einziges, dunkelseidenglänzendes Bündel angebracht, und nach vorn unter dem Sattel, wo der Rahmen sich gabelt, ein unscheinbares Täschchen aus schwarzem Wachstaffet, das während des Fahrens durch den Kleiderrock vollständig verdeckt wurde. „Wie leichtsinnig, Fräulein Paula! Sie haben sich ja in keiner Weise vorgesehen — keinen Proviant, keinen Mantel — kurzum so, als wenn Sie nur einen kleinen Promenadenbummel zu Rade beabsichtigten. Nicht einmal eine Laterne!" „Wozu? Wir kommen ja mit dem Achruhrzuge zurück, wo es noch hell ist. Schlimmstenfalls nütze ich die Güte wohlthätiger Menschen aus und nassauere mit fremdem Laternenlicht und anderem." Die Räder waren höchsteigenhändig, wie es die neue Verordnung gebietet, im Gepäckwagen untergebracht, wobei sich einige der Turmbauten schon bedenklich verschoben hatten. Fräulein Paulas Rad aber mit seiner spärlichen Ausrüstung behielt Fa§on. „Eine verrückte Einrichtung! Solch Menschenbillet zweiter Klasse kostet für die kurze Strecke 40 Pfennig, jedes Rad im Gepäckwagen bezahlt aber deren 50! Dazu muß man noch auf die dummen Radscheine achten." „Geben Sie her, ich bringe sie allesamt in meinem Portemonnaie unter." „Das ist allerliebst, Fräulein Paula, wie Sie das Geldtäschchen am Gürtel hängen haben! Beides vom gleichen Sammetleder und mit dem gleichen Bronzebeschlag. Wirklich sehr schik." „Zudem praktisch! Sehen Sie, in dieser Tasche steckt «in Elfenbeintäfelchen nebst Stift, um meine großen Reiseausgaben gleich zu notieren (später kann man sie wieder auslöschen), und ein Miniaturkamm für die allereiligste Toilette." Man war an Ort und Stelle, und hatte sich nun wieder um das Ausladen der Räder zu bekümmern. Aus den meisten Laternen war das Oel geflossen und verbreitete einen abscheulichen Duft nach imitiertem Bittermandelöl. Eine große Reinigung mußte vorgenommen werden; selbst Laternen haben ihre Schattenseiten. Endlich saß man auf den Rädern, und durch Staub und Sonnenbrand ging cs vorwärts. „Welche Hitze!" Wer es irgend verstand, „einhändig" zu fahren, wehte mit dem Taschentuche; die hübsche Paula jedoch griff in den linken Schlitz ihres Rockes, nestelte an einer dünnen Metallkette und brachte dann einen japanischen Fächer hervor, den sie je nach Bedarf als Sonnenschirm und als Fächer benutzte, und der zudem einen freundlichen farbigen Accent in ihren chiken Anzug — dunkelblauer Rock und loses, weißes Piquö- jäckchen über weißem Batistchemisett — brachte. Das war nett, praktisch und verdiente entschieden Nachahmung. In einem Gehöft wurde Station gemacht. Dort war's sehr ländlich, Bier und Milch waren die einzigen Genüsse, die sich boten — Gott sei Dank, daß wir uns so gut verproviantiert hatten. Die Pyramiden auf den Herrenrädern wurden abgetragen, und aus den Lodenkapes enthüllte sich eine Menge eßbarer Sachen. Auch Fräulein Paula löste ihr Seidenbündelchen von der Lenkstange, und das, was wir für ein zusammengelegtes Halstüchelchen gehalten, entfaltete sich weiter und weiter, und wurde zu einem, die ganze Figur bedeckenden Regenmantel — allerfeinste, imprägnierte englische Seide, die nicht zerknittert, sich auf's engste zusammenlegen läßt und so gut wie kein Gewicht hat. Aber dieser Wundermantel war nur die äußere Haut gewesen, sein Inneres barg sorgfältig präparierte Weißbrödchen, Radfahrkakes und Peptonpastillen, alles so raffiniert ineinander geschachtelt, daß es den denkbar kleinsten Raum einnahm. Und das beste war, daß alle die Sachen sich in der luftabsperrenden Umhüllung vollständig frisch und kühl erhalten haben. „Himmel, ich habe wahrhaftig mein Rauchkraut vergessen — das ist aber doch zu arg!" Es war die Stimme meines Gatten, eines der gewaltigsten Raucher vor dem Herrn. Im nu streckten sich.ihm vier einladend geöffnete Etuis mit Zigarren entgegen. „Sehr freundlich, meine Herren, ich rauche aber leider nur Zigaretten — und was es für einen gewohnheitsmäßigen Zigarettenraucher bedeutet, den ganzen Tag ohne solche zu sein, werden Sie ermessen können. Das kann meine ganze gute Laune kosten." „Da ist es ja ein Glück, daß ich Ihnen Zigaretten anbieten kann," sagte die hübsche Paula einfach, lockerte ein Gummiband an dem unscheinbaren Wachstuchbeutel und förderte aus seiner Tiefe ein zierliches Schächtelchen mit Zigaretten hervor. „Bitte." „Aber das ist ja ganz famos — freilich eine etwas damenhafte Sorte, ein wenig parfümiert, sonst aber vortrefflich. Sie rauchen selbst, Fräulein Paula?" „Hin und wieder, um keine Spielverderberin zu sein. Ich habe die Dinger nur so für alle Fälle mitgenommen. Wissen Sie, wegen der Mücken —" Fräulein Paula hatte noch so einiges „für alle Fälle" mitgenommen. Da hatte die junge Frau, die mit dem Cyklometer fuhr, ein gewaltiges Dreieck in den Saum ihres Kleides gerissen, und sofort brachte die Retterin aus ihrer Wachstuchtasche Nadel, Fingerhut und die passende blaue Seide zum Vorschein. „Aber wie kommt es, daß Sie gerade blaue Seide mithaben?" fragte das Frauchen ganz verblüfft. „Das ist doch so einfach, fast jedes Radfahrdreß ist marineblau; da sieht man sich mit der passenden Seide vor." Dann war einem der Herren, einem Münchener Bildhauer, ein Splitter der ungehobelten Holzbank, auf der er saß, in den Finger gefahren, und Paula erschien mit Heftpflaster. „Von der neuen Sorte — die Stücke sind schon durchlocht, man braucht sie nur abzureißen." Ein anderer Herr begann, sich am Brunnen die Hände zu waschen — Fräulein Paula reichte ihm ein Blatt Seifenpapier; ein dritter wurde von einer Mücke gestochen, und sofort war ein Fläschchen mit Salmiakgeist und Schwämmchen zum Betupfen zur Hand. Nach und nach war niemand unter uns, der nicht Fräulein Paulas Hilfe in Anspruch genommen hätte. Dem letzten Herrn half sie mit der Luftpumpe aus. Sie fuhr zwar ein amerikanisches, er ein deutsches Rad; aber die junge Dame verfügte noch über ein Anschlußstück, das die Pumpe auch für deutsche Räder tauglich machte. Mir selbst 516 — war sie mit einem zusammenlegbaren Schuhknöpfer gefällig. Aber sie war nicht nur zuvorkommend, praktisch, liebenswürdig, sondern auch reizend und graziös; sie schien eins mit ihrem Rade, das sie leicht und flink über den holprigen Pfad dahintrug. Es war eine Lust, dem heiteren Geschöpf nachzuschauen. Schließlich hatten wir unser Ziel erreicht: ein neuerbautes Jagdschloß des Kaisers, das der Besichtigung offen steht. Nun aber die Sorge um die Räder! Wenn man sie uns inzwischen entführte! „Aber ich kann ihnen eine Sicherheitskette geben/ sagte Fräulein Paula freundlich. „Ganz schön — aber doch wohl nicht für acht Räder?" So boshaft ist die menschliche Natur, daß sie sich freut, wenn die Helferin, die allen geholfen, nun endlich festsitzt. „Nein, aber für sechs, wenn man sie dicht nebeneinander stellt. Hier." Und aus dem Wachstuchbeutel kriecht es, geschmeidig und schlank wie eine blitzende Schlange, eine lange, lange, ganz dünne Kette. „Ach, das Dingelchen! Das ist wohl Ihre Fächerkette?" „Versuchen Sie, ob Sie sie zerreißen können!" Fünf Männerkräfte versuchen sich vergeblich daran, die Kette hält ihnen Stand. „Echt englischer Stahl," sagt das junge Mädchen, nun wirklich ein bischen stolz. „Fräulein Paula, Sie sind eine Fee, eine Zauberin, nein, noch mehr. Sie sind eine ganz famose Dame," ruft der Münchener Bildhauer hingerisfen. Er selbst ist im Besitz einer Sicherheitskette, die für zwei Rüder reicht, nnd nun konnte man das Jagdschloß von innen besichtigen. Aber eine Lauheit hinsichtlich des eigentlichen Zweckes der Fahrt hat sich unserer bemächtigt; wir beiden Frauen sind es, die der allgemeinen Stimmung Ausdruck geben: „Fräulein Paula, lassen Sie uns die Wundertasche bis zum Grunde sehen!" „Da ist vermutlich nicht mehr allzuviel zu sehen, das Fräulein wird sich endlich ausgegeben haben," wirft ein Herr herausfordernd ein. „Doch nicht — wollen die Herrschaften nicht Platz nehmen?" Da sitzen wir nun auf der kurzen Grasnarbe des Bodens, unter lang aufgeschossenen Kiesern; die Hitze brütet um uns, wir atmen den schönsten Kiefernadelextrakt, und vor uns dehnt das Jagdschlößchen Sr. Majestät seine schmucke, im Schweizerstil gehaltene Holzfa^ade, — aber wir haben keine Augen dafür, denn Fräulein Paula sitzt vor uns und in ihren Händen ruht der wunderthätige Wachstuchbeutel — ein höchst einfaches Gebilde, in der Mitte von zwei Ringen aus starkem, schwarzem Gummiband zusammengehalten, oben und unten mit schwarzen Wollbändern zum Anknüpfen an den Rahmen versehen. „Zuerst, meine Herrschaften: ein Nähneceffaire, Ihnen zum Teil schon bekannt, blaue Seide, weißer Zwirn, schwarzer Zwirn, Nähnadeln, Fingerhut, schwarze und weiße Stecknadeln, dazu ein paar Knöpfe, ein Stückchen schwarzes Band. Ferner: ein Notizbuch, Visitenkarten, Postkarten, ein Bleistift; dann ein zusammenlegbares Messer mit doppeltem Gehäuse, an dem sich nie jemand verletzen kann. Dazu das Gegenstück: eine Schere mit Elfenbeingriff, die ebenfalls doppelt zusammenzulegen ist; an ihrer Seite befindet sich eine Nagelfeile." Sie nimmt jedes Stück mit spitzen Fingern auf und hält es zur Besichtigung in die Höhe. „Jetzt kommen wir zu den Toilettenutensilien. Das Seifenpapier sahen Sie schon, leider hatte ich die Handtücher, ganz dünne, japanische Papierservietten, vorhin vergessen. Dort sind sie. Hier Kamm, Bürste, Haarnadeln und feine Lockennadeln — außerdem Puderbüchse mit Quaste und Spiegelchen — hier der Brennapparat." Ein Spiritusbehälter von der Größe einer Bonbonniere und ein schmales Stäbchen, das plötzlich dreifach auseinanderspringt und sich wie ein Dolch zückt die Brennschere. „Die werden wir gut gebrauchen können!" Und wie ans dem Zaubersacke eines Taschenspielers stiegen aus dem Wachstuchbeutel immer neue, immer wunderbarere Sachen hervor: etwas Salicylwatte und Lanolin- crente für Verletzungen, ein Migräne stift, ein Fläschchen mit Eau de Cologne, ein Büchschen mit Salz, ein anderes mit Liebigs Fleijchextrakt, Chokoladenplätzchen und Colakakcs. ein paar braune Ersatzschuürbünder für die Schuhe, zwei ganz dünne Taschentücher. Der Beutel scheint doppelte Böden und Versenkungen zu haben; je mehr man herausnimmt, um so voller erscheint er. Freilich sind sämtliche Geräte in der Größe wie für eine Däumlingsprinzessin und so leicht wie möglich gehalten, aber die Genialität der Austüftelung und der Verpackung bleibt deshalb nicht minder wunderbar. Wir staunen und staunen, und die Besichtigung des Jagdschlosses reizt uns immer weniger. — Als wir mit dem Achtuhrzuge wieder in unserem Heimatstädtchen ankamen, stellte es sich heraus, daß die Laternen, daß Jacken, Ueberzieher, Lodenkapes mit Kapuze, wie die Unterwäsche zum Wechseln sehr unnütz gewesen sind, daß aber von den hundert Dingen, die Fräulein Paula verpackt hat, kaum ein einziges unbenutzt geblieben ist. — „Das ist wirklich ein ganz famoses Mädchen," sagte der Münchener Bildhauer, als er sich vor unserer Thür von uns verabschiedete, „soviel praktischer Sinn und soviel Fürsorge für andere — — Wenn man dagegen solchen egoistischen und hilflosen Junggesellen, wie man selbst ist, annimmt —" „Nun, dies ist hoffentlich nicht unsere letzte gemeinschaftliche Tour gewesen," sagte ich lachend. „Auf die nächste nehmen wir natürlich Fräulein Paula wieder mit — und dann wollen wir sehen, welche Wunder wir weiter erleben!" Schachaufgabe. Nachdruck verboten. Schwarz. a b c d e f g h a b c d e f g h 8 2 Weiß. Weiß setzt mit dem dritten Zuge matt. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer: So lange wir vertrauen Auf unf'ren eignen Mut, Und hoffend vorwärts schauen. So lang ist alles gut. Rebakion: k. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Unioerfitätl-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in (Siegen.