Nachdruck verboten. Pygmalion. Novelle von Anton Frhr. von Perfall. (Fortsetzung.) Viertes Kapitel. Der alte Opel war völlig aus seiner Ruhe gebracht, der Wachtmeister regte fich in ihm. Mit diesem neuen Arbeiter, „Merkel," wie er fich nannte, war es nicht richtig. Opel war sonst kein Leutefresser, wie ihn der Vagabund nannte,- aber man hat auch nicht umsonst 25 Jahre bei der Polizei gedient. Er hatte sofort die Witterung und ließ fich davon nicht mehr abbringen. Der Umstand, daß sein Herr den Menschen geradezu in Schutz nahm, stärkte nur seinen Verdacht. Da steckt irgend etwas dahinter, irgend eine große Lüge, auf die der gute Herr Holaus hereinfiel. Die alte Liebe zum „Fach" ergriff ihn. Er begann den Menschen langsam zu umkreisen, unter dem Scheine völliger Gleichgültigkeit sorgfältig zu beobachten. Der Erfolg blieb nicht aus. Dieser Merkel stand in rätselhafter Beziehung zu Herrn Holaus. Es bestand ein geheimer, unausgesprochener Rapport zwischen beiden, aus welchem Opel noch etwas anderes heraussptonierte, als lediglich? Gönnerschaft auf der einen, unterwürfige Dankbarkeit auf der anderen Seite, etwas, was ihn lebhaft beunruhigte. Auf Seite seines Herrn etwas wie Furcht, auf Sette des Merkel ein für seine Verhältnisse auffallendes Selbstbewußtsein, ein Pochen auf etwas. Unwillkürlich erinnerte fich Opel einer längst vergangenen Zeit, seiner ersten Begegnung mit Holaus auf der Brücke. Damals mag er gerade nicht mit der saubersten Gesellschaft verkehrt haben, seinem Aussehen, seinem Zustande nach. Sllfg WW MM enn dir die Freude zu trinken beut. Thu' einen herzhaften Zug für heut; Willst du den Kelch bis zum Grunde genießen, So wird dir die Hefe dazwischen fließen." (Seibel. Wenn dieser Mensch eine peinliche Erinnerung wäre für Holaus an diese Zeit, ein damaliger Genoffe, der mit Enthüllung droht? Ja, so ist es, nicht anders, und der Herr Holaus läßt sich aus falschem Schamgefühl in das Bockshorn jagen von dem Schuft,- dieser herrliche Mensch, der tausendfältig wieder gut gemacht, was er damals in jugendlichem Leichtsinne gefehlt. * Einmal dachte er wohl des verschwundenen Fichtner, des Vaters Marrens, der am Ende in der Person des Merkel wieder aufgctaucht sein könnte, aber den hätte Herr HolauS doch lieber mit der größten Summe abgefunden, als in das HauS ausgenommen, abgesehen davon, daß er sich in diesem Menschen um alles in der Welt nicht den Vater des lieben Fräuleins vorstellen konnte. Sein tief ausgeprägter Ordnungssinn sträubte sich dagegen. Immer wieder kehrte er zu seiner ersten Annahme zurück, und sein ganzes Trachten ging dahin, Herrn Holaus, der für ihn der Inbegriff alles Guten und Vortrefflichen war, dem er nicht nur seine Rest, sondern auch seine sorglose Existenz zu danken hatte, von dieser aufgedrungenen Last zu befreien, ohne die schuldige Subordination zu verletzen. Seiner Frau gegenüber äußerte er nach alter Kriminalistenpraxis kein Wort, that ganz erstaunt, als fie einmal von dem seltsamen Schützling des Herrn Holaus sprach, und wies sogar einen auch in ihr aussteigenden Verdacht energisch ab. Fichtner, alias Merkel, unter welch letzterem Namen er in die Arbeiterliste eingetragen war, bot indes wenig Gelegenheit zu irgend welcher auffallenden Beobachtung. Er zeigte sich als sehr verwendbarer Arbeiter, ging ruhig seines Weges ab und zu. Seine Verschlosienheit den Genossen gegenüber, etwas widerlich Schleichendes an ihm, der lauernde Blick, das alles genügte nicht, um den schlimmen Verdacht Opels zu rechtfertigen. Fichtner hatte nur einen Gedanken: Marie — sein Kind! Von der schweren Schuld der Jugend zu Boden gedrückt, von dem Gespenst der unglücklichen Frau, die er in den Tod gehetzt, Tag und Nacht verfolgt, durch alle Lande gehetzt, ehrlos, verachtet, ohne Hoffnung auf Erhebung, immer tiefer sinkend, stand er plötzlich seinem Kinde gegenüber. Als armen, kränklichen Säugling hatte er es schmählich verlassen, gepackt von einer plötzlich über ihn kommenden Feigheit, gelockt von überseeischen Phantasiebtldern, die ihm eine baldige Rückkehr als reicher Mann vorgaukelten,- als 706 ein voll erblühtes Weib, umgeben von Liebe und Ueberfluß', I traf er eS wieder. , _ „ I Und er, der Vater, hatte nicht den geringsten Anteil mehr an ihm, an seinem eigenen Fletsch und Blut, nicht den I geringsten Anteil an all der Schönheit, an all der Jugend, I a« all dem Glück,- ja, nicht genug, er war der dunkle Punkt I in ihrem Leben, die Pestbeule, die man sorgfältig zu ver- I hüllen strebte. — I Und ein fremder Mann genoß all diesen Segen, all I diese Zuneigung und Dankbarkeit, all das, was er jetzt wie I ein Verdammter verführerisch erblickte, ein Mann, der eben I so hilflos war, wie er, ein Bettler wie er. Ein Mann, der sich das Kleinod erst mit Gefahr seines Lebens aus dem 1 Strome holen mußte, das ihm der Himmel freiwillig geschenkt, der erst rechten Mut gewann in dem Augenblicke, in welchem er alles verlor, in welchem es galt, für ein teures Wesen zu sorgen. Oh, er mußte ihn hassen und verehren zugleich, diesen Mann. r Neid und Bewunderung, Haß und Dankbarkeit rangen in ihm, doch rasch gewann die letztere die Oberhand. Obwohl er sich selbst verhöhnte mit seiner fich plötzlich in ihm regende« Liebe zu dem Mädchen, im stillen Witze riß über diese Mahnung der Natur, fich hundertmal vorsagte: „Was willst Du denn von dem Mädel?" eS half alles nichts, mit Gewalt drängte es ihn in ihre Nähe. Zuerst suchte er mit aller Durchtriebenheit Begegnungen, grüßte fie unterwürfig, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Die natürliche Freundlichkeit Mariens machte ihn kühner. Eines Tages sprach er fie an über irgend etwas Gleich- giltiges. Aber es war, als ob fie instinktiv Verdacht geschöpft hätte, mit einem ihr sonst völlig fremden Unwillen wandte fie fich ab, ohne ein Wort der Erwiderung. Das Herz krampfte fich ihm zusammen, und in den Augen flimmerte es. Daun faßte ihn jäher Grimm. Er mußte sich alle Gewalt anthun, um ihr nicht nachzugehen, sie beim Arme zu fassen, ihr alles heraus zu sagen. Sie verachtete ihn, er war ihr widerlich. Sie hatte sonst für jeden ein freundliches Wort, einen freundlichen Blick — nur für ihn nicht! für ihn nicht! Oh dieser Zorn, dieser wühlende Schmerz! Jetzt war er elender als je. Bon nun an umschlich er sie nur wie ein Schakal, und jedesmal, so oft er sie sah, stiegen ihm Rachegedanken in den Kopf. — Bor sie hintreten, ihr das „Dein Vater" in das Gesicht schleudern. Der Augenblick mußte noch ein Genuß | sein, der letzte, einzige in seinem Leben. Trotzdem schwieg er, er schwieg, obwohl er wußte, daß die Verlobung mit diesem verhaßten Herrman im gehelmen stattgefunden — ihm zuliebe schwieg er, Holaus zuliebe, dem einzigen Menschen zuliebe, der überhaupt noch für ihn Darin lag für ihn aber auch der feste Entschluß, in dem Augenblicke zu sprechen, in welchem es im Jaterefie Holaus gelegen, daß er spreche. Uno den Augenblick sah er mit Sicherheit voraus. Holaus hatte sich zu viel zugetraut. Es war ihm, als ob er mit der Hingabe Mariens an Herrmann alle seine Kraft eingebüßt, als ob er die 18 Jahre ehrlichen Schaffens ausgelöscht und wieder der alte, zerfahrene, mutlose Holaus lei, wie er damals auf die Bank im Parke gesunken. Dazu gesellte sich der Vorwurf, ob er auch vom Standpunkte des Vaters aus recht gehandelt, gehörig geprüft, erwogen. Wie kam er denn eigentlich dazu, diesem flatterhaften Herrmann diese Mädchenblüte zu überantworten? Ferner, und das beunruhigte ihn am meisten, warum schwieg er denn über die Herkunft Mariens, da er doch sprechen mußte, wenn er nicht wollte, daß ihm das standesamtliche Register zuvorkomme? Allerdings könnte es ihm bis dahin gelingen — er hatte ein halbes Jahr als Frist bis zur Hochzeit festgesetzt — diesen Fichtner gutwillig zu entfernen, für immer abzufinden. Marie war dann eine Waise, die er an Kindesstatt angenommen, die Schmach des Vaters lastet nicht auf ihr. Aber er fühlte, daß dies nicht der eigentliche Grund war, sondern nur ein Borwand, er gab sich nicht einmal Mühe, diesen Fichtner zu entfernen, hatte nicht die geringste Aussicht, daß es ihm je gelänge. Es war ein ihm selbst unklares Hoffen auf irgend eine Lösung, die nicht von ihm auöging, welche ihm die qualvolle Enthüllung ersparen sollte. Vielleicht auch ein Rücktritt Herrmanns, Mariens — auf irgend etwas völlig Unvorhergesehenes, Wunderbares, an das alle Verdammten, unwiderruflich Verlorenen fich zu klammern pflegen. In fliegender Hast, wie es ihm schien, verstrichen die Monate, und nichts ereignete fich, das Wunderbare kam nicht. Marte, welcher der geheime Kummer des Vaters über die bevorstehende Trennung nicht entgehen konnte, schloß fich mit noch innigerer Liebe an ihn an. Ja, dieselbe nahm wiederholt einen Charakter an, welcher Holaus schauern machte vor Wonne, um ihm dann I wieder die Schamröte auf die Stirn zu treiben, als ob er ein Verbrechen begangen. Er selbst war nicht imstande, den Vater zu vergeffen, den er achtzehn Jahre gespielt, die Tochter über dem geliebten Weibe, welches Wirrsal war er erst im Begriffe, in der Seele dieses Kindes heraufzubeschwören, wenn er seine Leidenschaft nicht mäßigte, die jetzt, wo die Stunde der Entscheidung immer näher rückte, alle Fesseln zu sprengen drohte. (Fortsetzung folgt.) Zum Gedächtnis Martin Rinckarts an seinem 250jährigen Todestage. Am 8. Dezember werden es 250 Jahre, daß zu Eilenburg, seiner Geburts- und Wirkungsstätte, der damalige Archidiakonus an der Stadtkirche Magister Martin Rinckart die Augen schloß. Dem deutschen Volke hat er ein unvergängliches Erbe hinterlaffen, sein köstliches Lied: „Nun danket alle Gott!" Man hat dasselbe daS „deutsche Gratias" genannt. Und in der That hat es, das alte ,,Te deum laudamus“ mehr und mehr beiseite geschoben und sich zu der Stelle des allgemeinen Jubel- und DankliedeS der evangelischen Christenheit emporgeschwungen. Nicht zum wenigsten mag hierzu seine erhabene Melodie beigettagen haben. In der Mute des 18. Jahrhunderts war es bereits allgemein in deutschen Landen verbreitet. Auf dem Schlachtfelde bei Leuthen wurde es aus tausendfachem Munde gesungen. Und unzählige Male ist es seitdem wieder erklungen. Nach der Schlacht bet Sedan und nach so manchem schweren und glorreichen Kampfe auf Frankreichs Fluren ward es angestimmt- es wurde gesungen bet der Kaiserproklamation za Verfallt s. Bet jedem Erntefeste wie an Tagen festlich dankender Ausschau zum Höchsten ertönt dies einfache und doch köstlich fromme Lied noch heute. Es wird kaum ein evangelisches Gesangbuch geben, in welchem es nicht seinen i Platz gefunden. Die Zeit, in welcher dies Lied entstand, war die des dreißigjährigen Krieges. Unter dem Druck des Elends wurden die Herzen zur Sammlung in Gott geführt, und insbesondere die heilige Schrift bildet das Muster und den Inhalt der religiösen Lieder. Die Kirchenlieder jener Zett werden zu Schrtstltedern. Darin liegt auch der Wert der Rmckart'schen Dichtung von ..Nun danket alle Gott". Es entstand als I „Tischlied nach dem Esten", wie es der Dichter selbst be- I zeichnet, auf Grund der Worte aus Strach 50, 24 bis 26. Alltäglich wurden diese Worte im Hause Rinckart's von feinen Kindern bei Tische gesprochen. In einer Stunde innerlicher, I freudiger Erhebung hat er solche Bibelworte in die bekannten 707 — Verse gekleidet. Was jenes Glaubenslied zum andern als ein Merkmal deutscher frommer Art auSzeichnet, ist seine Bedeutung für die Ausbildung der deutschen Sprache. In einer Zett, wo sich die Gebildeten in lateinischer Dichtung ergingen, steht Rinckart mit in der Reihe der wenigen Dichter, die in ihren Liedern mit deutscher Zunge redeten. „Ich freue mich, — so äußert er sich in der Meißnischen Thränensaat — daß man wieder anfängt, unsere liebe Ehrenmutter, die deutsche Sprache, von dem bisherigen Sprachgemenge zu retten, worin namentlich der Poet Martin Opitz vorangegangen ist. Es ist mein Wunsch, daß insbesondere meine Schriftlieder als ein Beitrag dazu angesehen werden möchten." In dieser Beziehung ist sein herrliches Dankeslied nicht die einzige Probe seiner deutschen Dichtkunst geblieben. Seine Werke: „Der deutsche Jeremias", „Der deutsche Jesajas", „Die Meißnische Thränensaat", „Das Jesu-Herzbüchlein", „Die Katechismuswohlthaten und Lieder", waren dichterische Erzeugnisse, nicht bloß biblisch frommer, sondern auch deutsch-fördern- der Denkungsart. Es lag an der Ungunst der mit Zerstörung angefüllten Kriegszeit, daß außer seinem bekannten Liede: „Nun danket alle Gott" fast nichts der allgemeineren Verbreitung überliefert ist. Nur noch einige wenige Lieder, als „Ach, Vater, unser Gott" und „Hilf uns, Herr, in allen Dingen" sind hier und da in die Gesangbücher übergegangen. Martin Rinkart, im April 1586 zu Eilenburg geboren, neigte durch gründliche Erziehung in seiner Vaterstadt wie durch Studien auf der Thomasschule und an der Universität zu Leipzig schon frühzeitig den schönen Wissenschaften, insbesondere auch der Musik zu. Letztere hat er sein ganzes Leben lang — darin ein zweiter Luther — hoch geschätzt und getrieben „als die Kunst, die ewig ist und bleibt und uns die Traurigkeit und bösen Mut vertreibt!" Durch seine musikalische Befähigung erhielt er auch seine erste Anstellung als Kantor zu Eisleben. Indessen hatte Rinckart zu Leipzig auch eine gründliche theologische Ausbildung erhalten. Kurze Zeit nur weilte er im Pfarramte als Dtakonus an St. Anna in der Lutherstadt Eisleben und im Pastorat zu Erleborn, um dann im Jahre 1617 einem Rufe in seine Vaterstadt zu folgen. Jener Zeit im Mansfeldischen entstammen zwei Lutherfestipiele, von welchem besonders das erstere: „Der Eislebtsche Ritter" dadurch an Bedeutung gewinnt, daß sich hier die erstmalige Verwendung der Fabel von den drei Ringen findet, die von Rinckart aus die drei christlichen Konfessionen angewendet wird, während sie bekanntlich Lessing später im „Nathan" auf die drei Religionen angewendet hat. In Eilenburg, welches damals zu dem alten Kurfürstentum Sachsen gehörte, hat Martin Rinckart getreulich mit seinen Stadt- und Pfarrkindern alle jene Unbilden geteilt, welche die Kriegsgewitter während seiner 32 jährigen Wirksamkeit in sich trugen. Geradezu aufopfernd und ein Beweis unendlichen Glaubens- und Liebesmutes war seine Thätigkeit zur Zeit der Pest im Jahre 1637. Damals war er lange Zeit der einzige Geistliche am Orte und hat nach eigener Angabe 4880 Pcsttote beerdigt. Als im Jahre darauf die Hungersnot ausbrach, hat er sein ganzes Einkommen für die Armen verwendet. Durch sein glaubensstarkes Eintreten rettete er dann auch die bedrohte Vaterstadt von dem Feuertode bei der Besetzung durch den schwedischen Obersten Derfflinger. Die Stadt sollte unter Androhung der Brandschatzung eine unerschwingliche Kriegskontrtbution zusammenbringen. Vergeblich bat der wackere Archidiakonus Rinckart bet dem feindlichen Heeresführer um Linderung. Da ließ er die Betglocke läuten und rief die Gemeinde zur Kirche unter den Worten: „Kommt, liebe Pfarrkinder, wir finden bei Menschen kein Gehör- laßt uns mit Gott reden!" Der ergreifende Gottesdienst, den er dann abhielt, erweichte dem Feinde das Herz! Rinckart erlebte noch das Ende des Krieges- kurz darauf, am 8. Dezember 1649, starb er in seiner Vater- und Wirkungsstätte Eilenburg. Unser Geschlecht, in glücklicheren, frtedevolleren Zeiten, sieht bewegten Herzens auf jene Tage der Not und Verwüstung des Vaterlandes zurück. Sucht es aber einen Ausdruck der Freude über solche Wendung, dann leiht ihm Martin Rinckart die Worte, und es stimmt mit ihm an: „Nun danket alle Gott!" Blindenanstalten. Von Fred Hood. ------- (Nachdruck verboten.) Schon im Mittelalter wurden Asyle zur Verpflegung und zweckmäßigen Beschäftigung der Blinden errichtet, welche in ihrer Hilflosigkeit das allgemeine Mitleid erweckten. Unter anderm gründete Ludwig der Heilige das Hospiz der Quinze- Vingts zu Paris, in welchem dreihundert von den Sarazenen geblendete Kreuzfahrer Aufnahme fanden. Anstalten, in denen die Blinden einen gewissen Bildungsgrad und mannigfache Fertigkeiten zum Erwerb ihres Unterhalts erreichen, entstanden aber erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts. Die erste dieser Anstalten wurde 1784 in Paris von Valentin Hany mit Unterstützung der Philanthropischen Gesellschaft gegründet und 1791 in eine Staatsanstalt verwandelt. Auf Grund der von Hauy gesammelten Erfahrungen wurde 1805 zu Norwich die erste englische Blindenschule errichtet- es folgte Berlin (1806), Petersburg hl 807), Wien und Stockholm (1808), Dresden und Zürich (1809). Im Jahre 1800 zählte man auf der ganzen Erde an 200 Blindeninstitute, von denen 48 auf Deutschland entfielen. Unter diesen Anstalten verdient die Institution des aveugles zu Paris, die aus der von Hauy begründeten Blindenschule hervorging, besondere Erwähnung. DaS während der Jahre 1839—43 von Philippon errichtete vierstöckige Anstaltsgebäude am Boulevard des Invalides ist für etwa 900 Zöglinge berechnet und wird von Gartenanlagen und weiten Höfen eingeschlossen. An den die Verwaltungsräume enthaltenden Mittelbau schließen sich beiderseitig zwei gleiche Flügel, von dem der eine das Mädchen-, der andere das Knabeninstttut enthält. Es ist hier auch während des Unterrichts und der Mahlzeiten, sowie beim geselligen Verkehr eine strenge Trennung beider Geschlechter durchgeführt, eine Anordnung, die jetzt nicht mehr die allgemeine Billigung der Blindenlehrer findet. In der alten und bewährten Blindenanstalt zu Hannover sieht man gerade in dem Zusammenlebn der Knaben und Mädchen ein erziehliches Moment, das zur Entwicklung des Zartgefühls und der Gemütsbildung der Zöglinge wesentlich beizutragen geeignet ist. Das Erdgeschoß enthält außer einigen Dienst- und Geschäftsräumen die Werkstätten: Drechslerei, Schreinerei, Malerei, Flechterei, Bürstenbinderei und Buchdruckerei für Knaben, sowie eine große gemeinsame Werkstätte für Bürsten- btnderei, Malerei, Matten- und Strohflechterei für Mädchen. Turnplätze, Gärten und Erholungssäle dienen zum Aufenthalt der Zöglinge während der Freistunden. Das erste Stockwerk umfaßt die Unterrichts- und Mustk- zimmer, die Kapelle, den Festsaal, sowie die Wohnungen des Direktors und der Oberlehrer- die Schlafsäle, Wohnräume und Kleiderkammern sind im zweiten, die Krankenräume, Bett- und Weißzeugkammern rc. im dritten Obergeschoß untergebracht. Die Aufnahme blinder Kinder erfolgt im allgemeinen im siebenten Lebensjahre. Die Unterrichtsmittel bestehen in Modellen, Erzeugnissen der Natur, Kunstgegenständen und Hausgeräten zur Ausbildung des Vorstellungsvermögens, sowie in Büchern, Landkarten, geometrischen Tafeln und Rechenmaschinen, deren erhabene Formen von den Blinden mit Hilfe ihres fein ausgebildeten Tastgefühls wahrgenommen werden können. Die frühere Bevorzugung der Musik in den Anstalten erwies sich als eine Maßregel von zweifelhaftem Wert, da die blinden Musiker nur die Zahl der Musikproletarier vermehrten. Natürlich wird die Musik zur Bildung des Gemüts und zur Verschönerung des geselligen Verkehrs noch heut in den Anstalten gepflegt, der Unterricht im allgemeinen jedoch nicht in dem Maße betrieben, daß er zum 708 Erwerbe des Lebensunterhalts führen kann. Allerdings finden hervorragend begabte Zöglinge Berücksichtigung und Förderung. Ein besonders beliebtes Instrument ist die Orgel, welche von vielen Blinden mit wahrer Meisterschaft gespielt wird und die deshalb in allen größeren Anstalten nicht fehlen darf. Gewisse technische Handfertigkeiten erlernen die Blinden in verhältnismäßig kurzer Zeit, so die Rohr-, Stroh- und Mattenslechterei und die Seilerei. Für weibliche Zöglinge eignen sich auch Handarbeiten jeder Art. Hierbei werden Arbeiten mit Mustern aus farbigen Wollfäden mit Hilfe eines Sehenden ausgeführt. Der Arbeitsleiter diktiert nach einem Muster oder der Zeichnung die Farben der erforderlichen Wollfäden. Letztere find in Kästchen verteilt, welche in Blindenschrift die Farbenbezeichnung tragen, sodaß sie die Zöglinge mit Hilfe des Tastsinns leicht finden können. Die fertigen Arbeiten werden zu den angemessenen Preisen verkauft, und die erzielten Beträge zugunsten der Anstalt sowie zur Unterstützung der aus derselben entlassenen Blmden verwertet. Sehr häufig erhalten diese nach ihrer Rückkehr in das bürgerliche Leben das Arbeitsmaterial von der Anstalt geliefert, welche auch den Verkauf der Erzeugnisse bewirkt. Zugleich Erziehungs- und BersorgungshauS ist unter anderen die Königl. Blindenanstalt zu Berlin, welche zur Aufnahme von 50 schulpflichtigen Kindern und 40 älteren, bereits ausgebildeten Pfleglingen eingerichtet ist. Die Erträge der Arbeiten bilden einen Fond, aus welchem die aus der Anstalt entlassenen Blinden lebenslängliche Unterstützung zum Betrieb ihres Handwerks erhalten. Einige Besonderheiten des inneren Ausbaues der Blindenanstalten dürfen nicht unerwähnt bleiben. Die Schulzimmer werden für höchstens zwanzig Schüler eingerichtet, da der Blindenunterricht eine ganz individuelle Behandlung der Schüler verlangt, die Anzahl derselben also möglichst beschränkt werden muß. Auch ist es erforderlich, die Sitzplätze weit bequemer zu machen als in gewöhnlichen Schuljälen. Die Länge eines Sitzplatzes wird mit Rücksicht auf das große Format der Schulbücher auf etwa dreiviertel Meter berechnet, sodaß sich nicht selten einschließlich der Gänge für den Schüler zwei Quadratmeter Grundfläche ergeben. Sehr geräumig müssen aber die gewerblichen Arbeitsplätze sein- dieselben werden auf drei bis vier Quadratmeter bemessen. Besondere Ausdehnung verlangt die Seilerbahn, welche daher nicht selten ein selbständiges Gebäude bildet. Die Seilerbahn der Kö iigl. Blindenanstalt zu Steglitz hat eine Länge von 76 Metern bei sechs Meter Brette. Neben dieser ist eine offene Bahn von gleicher Ausdehnung angelegt. Zur Führung und Stütze der Blinden werden sowohl in Fluren und Treppenhäusern wie in den Wohn- und Arbeitszimmern runde Wandleisten angebracht, die zugleich zum Schutz der Wände dienen, an denen die Blinden tastend entlang zu gehen pflegen. Die Zimmerthüren werden mit kleinen Fenstern versehen, um die Pfleglinge unbemerkt beobachten zu können- bei dem feinen Gehör der Blinden wäre dies nach Eintritt in das Zimmer oder auch nur nach Ocffnen der Thür natürlich nicht möglich. In den Btindenerziehungs Anstalten können auch Personen Aufnahme finden, welche ihr Augenlicht durch Krankheit oder Unglücksfälle verloren haben. Doch sollen dieselben von den Blindgeborenen getrennt werden, da sie ihr Unglück mit so großer Trauer oder Verzweiflung erfüllt, daß sie leicht einen ungünstigen Einfluß auf die übrigen Pfleglinge ausüben könnten. Auch lehrt die Erfahrung, daß diejenigen, welche sehend die Welt kennen gelernt haben, nicht mehr die sittliche Unverdorbenheir besitzen, welche den übrigen Zöglingen gewahrt werden soll. Litterarisches. George Washington. Hundert Jahre sind seit dem 14. Dezember 1799 verflossen, an welchem Tage die Bewohner der erst seit anderthalb Jahrzehnten bestehenden Republik der Vereinigten Staaten von Nordamerika ganz unerwartet in eine Trauer versetzt wurden, deren Tiefe und Allgemeinheit sich mit derjenigen vergleichen läßt, die Alldeutschland iin vergangenen Jahre beim Hingang seines Einigers Bismarck erfaßte. George Washington, der Held des amerikanischen Freiheitskrieges, der Gründer des heute so mächtigen Staatenbundes, war nach nur eintägiger Krankheit zu Mount Vernon in Virginien aus dem Leden geschieden! Die „Gartenlaube" veröffentlicht aus diesem Anlaß ein Gedenkblatt zu Ehren Washingtons von Rudolf Cronan, dessen Feder uns das Leben des großen Toten eingehend schildert und dessen Stift uns ein Porträt Washingtons, seinen Wohnsitz Mount Vernon, und die daselbst befindliche Begräbnisstätte vorführt. Daran schließt sich ein Bild aus deutscher Geschichte, „Gefälschte Briese", in dem uns Rudolf v. Gottschall Einblick in das Hosleben des Königs Friedrich Wilhelm I. von Preußen thun und an seinem „Tabakskollegium" teilnehmen läßt. I. C. Heer beschreibt uns in meisterhafter Weise eine von ihm mit dem bekannten Luftschiffer Spelterini unternommene „Ballonfahrt im Sternenschein", und Karl Wolf hat eine allerliebste Skizze, „Verwandtenbesuch", zu dem gleichnamigen, reizenden Bilde Defreggers beigesteuert. Die begonnenen Berichte über den Krieg in Südafrika werden fortgesetzt. Den Leser einer guten Unterhaltungslektüre hält nach wie vor der große Roman I. C. Heers „Der König der Bernina" gefeffclt. Die Zimmergärtnerei oder die Blnmenpflege im Hause ist wohl die verbreitetste aller Liebhabereien, besonders in unserer Frauenwelt. Und dies mit Recht, denn keine Liebhaberei gewährt uns so viel Befriedigung und Anregung und bringt uns dauernd in den Verkehr mit den Geheimnissen der Natur, wie die Pflege der Blumen und Pflanzen in unseren Wohnräumen. Groß ist die Freude, wenn die Lieblinge am Fenster gedeihen und sich durch reiches Grünen und Blühen für die erwiesene Pflege dankbar erweisen. Aber so oft wird diese Freude getrübt, wenn die Pfleglinge aus dem Pflanzenreich nicht so gedeihen wollen und gar absterben. Ja, da fehlt es immer an der richtigen Behandlung, denn jede Pflanzenart will die ihr zukommende Pflege haben, und läßt sich nicht nach einem allgemeinen Rezept behandeln. Deshalb sollte überall, wo Blumen im Zimmer gepflegt werden, ein guter Berater zur Stelle sein, und als einen solchen "können wir unseren Lesern angelcgentlichst das vortreffliche „Handbuch der praktischen Zimmergärtnerei" von Max Hesdörsfer empfehlen, welches in zweiter vermehrter Auflage gerade zur rechten Zeit für den Weihnachtstisch erschienen ist. In reicher Ausstattung und prächtiger äußerer Hülle, geschmückt mit etwa 400 Blumenbildern int Text und 17 farbigen Tafeln — bildet dieser 600 Seiten starke Band einen Berater, wie er zweckmäßiger und schöner nicht gedacht werden kann. Alle Grundregeln und Handgriffe zur erfolgreichen Behandlung sind textlich und bildlich anschaulich dargestelli, alle geeigneten und empfehlenswertesten Zimmerpflanzen in Wort und Bild vorgeführt, auch die Blumentreibcrei, ebenso die Wasser- und Sumpfpflanzen und ihre Pflege im Aquarium. Kurz, alles Wichtige der Blumenpflege ist in diesem Handbuche berücksichtigt. Möge cs Weihnachten auf den Tischen zahlreicher Blumenfreundinnen prangen, es wird sic von Erfolg zu Erfolg führen und viele Freude bereiten. Der Preis von 9 Mk. ist für dieses umfangreiche und prächtig illustrierte Werk ein mäßiger zu nennen. Mit dem Jahre 1900 wird ein Jahrzehnt vergangen sein, seitdem der Kalender des Erfurter Blumenschmidt erschienen ist und jedes Jahr den Weg in einige hunderttausend Familien gefunden hat. Diese freundliche Aufnahme hat er nicht nur seiner anmutigen Ausstattung zu danken gehabt, sondern auch den praktischen, jedes Jahr neu umgearbeiteten Abhandlungen, die durch Abbildungen unterstützt, dem Blumen- und Pflanzenfreund Tag für Tag gerade zur rechten Zeit helfend und ratend bei der Pflege seiner Lieblinge zur Seite stehen. Der Preis ist nicht höher als für jeden anderen Abreißkalender. Gitterrätsel (Nachdruck verboten.) Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Theaterzettel. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben aa, bb, eeeeee e e e, h, i j i i i i, l, n n n n n n, o o, p p, r r r r, s s, t t t t t t, w w derart einzutragen, daß die senkrechten und wagerechten Reihen gleichlautend folgendes ergeben: 1. Edles Getränk. 2. Tiere aus der Familie der Wiederkäuer. 3. Arabischen See. Nummer.) Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.