(Nachdruck verboten.) Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) V. Die Frage nach dem Beweggründe der unseligen That, die sich allen Beteiligten aufdrängte, sollte bald gelöst werden; eine Lösung freilich, die ihrerseits wieder eine Reihe neuer Rätsel nach sich zog. Die Möglichkeit, daß Geldsorgen dabei im Spiele gewesen wären, erschien ausgeschlossen. Die Rechtsanwälte Andree und Ziel zählten zu den geachtetsten und gesuchtesten der Stadt. Ihre Thätigkeit war vorzugsweise administrativer Natur. Sie verwalteten Häuser, sie setzten Testamente auf, sie protestierten Wechsel und standen den großen Handelsfirmen mit ihrem Rate bei. Das letztere war hauptsächlich Ziels Bereich, während Andree zunächst durch seine distinguierten Umgangsformen besonders bet der Aristokratie beliebt war, der er in schwierigen Erbschaftsangelegenheiten und bei der Entwirrung komplizierter Testamentsbestimmungen zur Seite stand. So hatte zwar jeder von ihnen seinen eigenen Stamm von Klienten, der mehr zu dem einen oder zu dem anderen hielt - die Geschäfte selbst wurden aber gemeinschaftlich geführt, und auch der Gewinn ward nach festgeregelten Sätzen zwischen den beiden verteilt. Andree hatte von Haus aus etwas Privatvermögen gehabt, während Ziel sozusagen mit nichts angefangen hatte- ja, man erzählte sich sogar, daß dieser als junger Anfänger mit viel Ansprüchen und wenig Einnahmen sich in einer recht mißlichen Lage befunden habe, als ihn der um einige Jahre ältere Andree in die Firma ausgenommen und ihm zu einer gesicherten Existenz verhalfen habe. Ziel war dann mit der Zeit ein reicher Mann geworden, der sich als Junggeselle ohne Skrupel alle seine kleinen und großen Passionen erlauben konnte. Seine Wohnung war luxuriös eingerichtet, sein Keller und seine Küche waren berühmt- er galt als 1899. HB NW» rag' du mit Freuden deine Last, - Und laß dich nichts verdrießen; Was du mit Gott begonnen hast, Kannst du mit Gott beschließen. Friedr. Wilh. Weber. hervorragender Feinschmecker, und daß er kein Weiberfeind war, wußte die Stadt. Es gab kaum eine junge Sängerin oder eine hübsche Tänzerin, die er nicht kannte und protegierte oder protegiert. hatte, denn seine Verehrung pflegte nicht von langer Dauer zu sein. — Beständiger war er in der Freundschaft. Alle seine Bekannten wußten, daß Ziel ein Mann sei, auf den man sich verlassen könnte. Seinem Herzen am nächsten stand Andree. Und selbst die kühle Zurückhaltung Frau Dorotheas, die nach der Art strenge denkender Frauen eine tief gewurzelte Abneigung gegen Junggesellen mit leichtfertiger Lebensauffassung hatte, vermochte nicht das Freund- schaflsband zu lockern. Sie wußte zu verhindern, daß Ziel in ihrem eigenen Hause zu heimisch werde. Sie behandelte ihn mit immer gleicher Höflichkeit, aber ohne Herzlichkeit, nach fast zwanzigjähriger Bekanntschaft noch nicht viel anders, als am Tage, wo er ihr vorgestellt worden war. Sie verbot ihren Kindern, ihn Onkel zu nennen, wie er es gewünscht hätte: sie möge eine derartige Intimität unter Leuten, die nicht blutsverwandt seien, nicht leiden. Er faßte das nicht als persönliche Zurücksetzung auf. Dorothea war eben eine kalte Natur: sie hatte nicht eine einzige Freundin, in ihrem ganzen Bekanntenkreise nicht einen Menschen, der sich rühmen durfte, ihr näher zu stehen. Er hatte daher ohne alle Empfindelet Andree das Versprechen gegeben, im Falle seines Todes der Vormund seiner Familie zu werden. Schon vor Jahren halb im Scherze hatte er ihn darum gebeten- in den letzten Monaten war er wiederholt darauf zurückgekommen mit einer gewissen Dringlichkeit, die Ziel damals gar nichts beachtet hatte, die ihm aber jetzt wieder eingefallen war. Die ganze Sache war ihm einfach selbstverständlich erschienen, und er glaubte auch nicht, eine besonders schwierige Verpflichtung damit übernommen zu haben. War er doch in Andrees Verhältnisse eingeweiht, wußte, bei welcher Bank Andree seine Geschäfte zu machen, in welcher Kassette er seine Papiere aufzubewahren pflege- auch ein Testament hatte Andree an Gerichtsstelle niedergelegt. Nun war der Augenblick gekommen, wo Ziel sein Versprechen cinlösen mußte- und mit grenzenloser Bestürzung nahm er wahr, daß die Verhältnisse ganz anders lagen, als er angenommen hatte. Die Kassette war leer- in der Bank bestätigte man auf Befragen, daß Andree in den letzten Jahren wiederholt große Posten Papiere verkauft habe, ohne andere dafür zu erwerben. Das Testament war zurückgenommen worden. Eine Uebersicht über seine Buchführung ließ sich nicht gewinnen. Das einzige Buch, in dem sich Einnahmen und Ausgaben niedergeschrieben vorfanden, war 382 nur bis zum vergangenen Winter geführt worden, dann hörten die Einträge Plötzlich auf; Seiten waren herausgerissen, einzelne Posten dick mit Tinte durchstrtchen und unleserlich gemacht — offenbar absichtlich; der Verstorbene hatte einen Einblick in seine Verhältnisse unmöglich machen wollen. „Sie können mir wohl nicht sagen, Frau Rechtsanwalt, wo Ihr Herr Gemahl hier im Hause sein Geld und seine Bücher aufhob?" fragte Ziel, nachdem er Dorothea in schonender Weise von seiner Entdeckung in Kenntnis gesetzt. Mit merkwürdiger Gelassenheit hatte sie ihm zugehört. Seine Frage verneinte sie; sie wisse es nicht. „Aber Ihr Mann muß doch mit Ihnen darüber gesprochen, Ihnen gesagt haben, wo Sie das und jenes zu suchen hätten?" drang er weiter in sie. „Nein, nie. Ich vermute in seinem Schreibtische; aber den durfte ich nicht öffnen; er trug den Schlüssel dazu stets bei sich. Wollen Sie nicht selbst nachsehen?" Sie standen beide vor den geöffneten Kästen. Dicker Staub bedeckte die Schriftstücke, Privatbriefe, Rechnungen, Notizzettel, lauter belanglose Dinge. „Er erlaubte mir nicht, hier Ordnung zu machen," entschuldigte sie sich. „Das ist ja ganz gleichgültig!" rief er, ärgerlich, daß ihr Geist immer am Nebensächlichen haften blieb. „Sie wissen doch ungefähr, wie hoch sich seine Einkünfte in der letzten Zeit beliefen?" forschte er dann weiter. „Er sprach nie mit mir darüber." Ziel machte eine heftige Bewegung. „Aber mein Gott! dafür interessiert man sich doch!" Sie schlug ihre Madonnenaugen zu ihm auf wie ein hilfloses, ahnungsloses Kind. „Er wünschte nicht, daß ich mich um Geldsachen kümmere," murmelte sie. „Sie haben also auch nie bemerkt, daß er in dieser Beziehung Sorgen hätte? Er klagte nicht über zuviel Ausgaben?" „Doch. Zuweilen war er ärgerlich und jammerte, das Leben werde immer teurer; der Haushalt koste soviel, und die Kinder —" „Und dann?' „DaS war alles." „Ich meine, was sagten Sie dazu?" „Ich? Nichts. Ich konnte es doch nicht ändern. Ich war stets sparsam — wirklich. Aber je älter die Kinder werden, umsomehr brauchen sie. Das ist doch natürlich." „Aber zum Kuckuck!" begann Ziel. Die Geduld riß ihm. Hatte denn diese Frau in ihrer Indolenz wie ein großes Kind neben ihrem Manne htngelebt, ohne teilzunehmen an seinen Sorgen? — Oder — und dieser Gedanke kam ihm plötzlich und ließ ihn mitten in seinem Fluche abbrechen — hatte Andree sie absichtlich im unklaren erhalten, um nicht in die Lage zu kommen, Rechenschaft über Ausgaben ablegen zu müssen, die er vor ihr g!hetm zu halten wünschte? Er hatte deren gehabt, das wußte Ziel nur zu gut, aus früheren Jahren besonders. Er wußte auch, daß Andree stets unverhältnismäßig viel für seine eigene Person gebraucht hatte, ganz abgesehen von gelegentlichen kostbaren Geschenken, von denen Frau Dorothea nichts erfahren durfte. Als Junggeselle mit sehr weitherzigen Anschauungen hatte er das seinerzeit nicht streng beurteilt. Jetzt zum erstenmale, während er in Dorotheas reines Antlitz blickte, kam es ihm zum Bewußtsein, welches schwere Unrecht diesem Weibe damit zugefügt worden war. Verlegen rieb er sich die Stirn. „Ich — ich meine nur, was soll denn nun eigentlich werden?" „Ja, was soll denn nun eigentlich werden?" wiederholte Dorothea langsam. Dann blickte sie stumm vor sich nieder, die Hände im Schoße verschränkt. Keine Muskel in dem schönen, ernsten Gesichte zuckte; sie war ganz ruhig. Ja, hatte sie denn gar keine Ahnung von der Tragweite dessen, was er ihr soeben eröffnet hatte? Die wärmere Teilnahme, die er noch eben sür sie empfunden, erkaltete schon wieder. War sie denn wirklich so beschränkt, wie ihre Freundinnen behaupteten, ein Kind an Verstand? Und hätte nicht selbst ein Kind verstehen müssen, um was es sich handelte?" „Aber mein Gott!" rief er endlich ungeduldig, »können Sie sich denn überhaupt vorstellen, was das heißt, ohne einen Pfennig dazustehen mit fünf unerzogenen Kindern, selbst für alles zu sorgen, alles zu verdienen —" Er hielt inne, erschrocken über seine Grausamkeit. »Ich meine," lenkte er ein, „haben Sie nicht irgend welche Verwandte, an die Sie sich wenden könnten?" Sie schüttelte den Kopf. „Niemand. Ich habe nur einen Onkel, aber wir kennen uns kaum." — „Selbstverständlich," begann er wieder etwas verlegen, „ich bin bereit, Ihnen, soviel ich es vermag, beizustehen. Aber das genügt doch nicht. Irgend etwas muß geschehen. — Sie hob mit flehender Bitte die Augen zu ihm auf. „Lassen Sie mir Zeit, Herr Rechtsanwalt, ein paar Tage nur. Es ist zuviel auf einmal. Und sehen Sie, der Tod meines Mannes ist ein so furchtbarer Schlag für mich, daß mir alles andere daneben klein und nebensächlich erscheint. Nur ein paar Tage," bat sie noch einmal, „dann wird Gott uns Rat und Hilfe senden. Glauben Sie nicht auch?" „Ja, ja," murmelte er hastig. „Also auf später!" Er hatte jetzt nicht Zeit für zweckloses Reden übrig, und ein paar Tage konnte er der Armen wohl noch Frist gönnen. Im Garten standen die beiden ältesten Geschwister im eifrigen Gespräche. „Herr Rechtsanwalt!" rief ihm Leonhard nach. „Einen Augenblick! Wir möchten Sie gern etwas fragen." „Nun?" er mäßigte kaum seine Schritte. „Nicht wahr, die Leute, die anderen etwas nachreden, was nicht wahr ist, kann man verklagen?" „Natürlich." „Wir könnten also," fuhr dieser fort, „diejenigen, welche über unseren verstorbenen Vater Böses sprechen, verklagen?" „Wieso? Wer — wer würde denn? — Ich begreife nicht —" meinte Ziel etwas unsicher, doch Martha fiel ihm ungeduldig ins Wort: „Können wir das, oder können wir das nicht?" „Gewiß. Aber man thut es nicht. Es kommt nichts dabei heraus. Es ist am besten, man läßt die Leute reden. Sie hören dann schließlich von selbst wieder auf." Mißmutig über diese Auskunft, die ihren Erwartungen nicht entsprach, warf Martha den Kopf in den Nacken. „So," bemerkte sie etwas scharf. „Das ist Ansichtssache." „Nein, liebes Kind, Erfahrung," antwortete der Rechtsanwalt gutmütig. „Ich weiß übrigens gar nicht, was Sie im Sinne haben. Wir kommen später einmal darauf zurück." Damit lüftete er seinen Hut und wollte sich entfernen. Aber noch einmal wurde er aufgehalten. Elschen war es. Sie zupfte verlegen an ihrer Schürze und senkte die blauen Augen, ans denen sie eben die Thränen gewaschen hatte. „Ist es denn wahr, Herr Rechtsanwalt? Sind wir ganz, ganz arm?" Er suchte sie mit ein paar nichtssagenden Worten zu trösten; doch sie durchschaute seine Ansicht. Die Thränen traten ihr wieder in die Augen. „Ganz arm," flüsterte sie. „Werden wir uns kein Dienstmädchen mehr halten können?" Er mußte lächeln, so wenig heiter ihm zu Mute war. Das Backfischchen allein faßte den Ernst der Lage praktisch auf. (Fortsetzung folgt.) 383 (Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Schluß.) Die Wolken sanken mit der Sonne nieder, und bald war das fleckenlos blaue Himmelsgewölbe mit leuchtenden Sternen bis in die weitesten Fernen übersät. Der alre Banyard stand am Rade, sein Gesicht war so unbeweglich wie das Schiffsbild. Er steuerte das Schiff mit der ihm eigenen Pedantischen Gewissenhaftigkeit, manchmal auf den Kompaß, manchmal ins Takelwerk blickend. Ich saß neben der kleinen Lulu auf dem Oberlicht, unsere Hände waren verschlungen. Mitunter legte sie den Kopf an meine Schulter und verriet ihre Liebe und ihr Glück durch ähnliche Zärtlichkeiten. Banyard nahm aber nicht mehr Notiz von uns, als wären wir niet- und nagelfeste Deckutensilien gewesen, wie etwa Jumpen oder Ohrhölzer. An der Kajütenthür stand der Koch mit bis über die Ellbogen aufgekrempelten Hemdärmeln, Savings mit verschränkten Armen neben ihm. Hardy lehnte sich über die Schanzkleidung. Nur gedämpft erreichte uns das Murmeln ihrer Stimmen. Der sanfte Wind hielt die Segel voll und ruhig, im Takelwerk war alles still- die See war glatt, und nur ein leises Plätschern bezeichnete die Furche, die unser kupferner Vordersteven in die dunkle Wasserfläche schnitt. Es war wie ein Traum, das Deck entlang zu blicken, nur die Männer dort zu sehen, die tiefe Stille zu empfinden und dann zurück an die Vergangenheit zu denken, mit all den Szenen, die darauf gespielt hatten. Gedankenvoll auf die kleine, weiße Hand starrend, welche wie eine Schneeflocke in der meinen lag, versank ich in eine Träumerei, aus welcher die kleine Lulu mich weckte, indem sie ihre Lippen an mein Ohr legte und mich fragte: „Woran denkst du?" „Ich dachte an Bahport", sagte ich, „an ein kleines Gasthaus dort mit einem Balkon, an ein reizendes, kleines Dämchen, welches einst aus jenem Balkon saß". „Meinst du mich?" „Wen sonst, du Schelm?—Was für ein armer Mensch war ich damals! keine Seele in der ganzen weiten Welt besaß ich, die sich nur einen Strohhalm darum gekümmert hätte, ob ich kam oder ging, ob ich schiffbrüchig, ertrunken oder ermordet war. Die junge Dame ahnte nicht, mit welcher Bewunderung ich sie betrachtete. Mir gefiel ihr Gesicht, ich war bezaubert von ihren prachtvollen, schönen Augen und dem Ausdruck der Güte, der in denselben lag. Hätte ich die freche Stirn einer Landratte gehabt, würde ich mich ihr aufgedrängt haben, nur um ihre Stimme zu hören, von welcher ich überzeugt war, daß sie mein Herz erwärmen und sympathisch berühren müffe. Wie wenig ahnte ich damals, daß jenes liebliche Mädchen und ich einst Reisegefährten sein und dieselben großen Gefahren teilen würden, daß es meine Aufgabe sein würde, über sie zu wachen, sie zu beschützen, und daß ich einst an einem herrlichen Abend, im fernen Stillen Ozean, mit ihr auf dem Deck eines kleinen Schiffes sitzen würde, glücklicher als je in meinem ganzen Leben, weil ihre Hand in der meinen ruht und ihre Liebe mir gehört. Das sind meine Gedanken, kleine Lulu". „Und die sind so nett; erzähl' mir noch mehr". „Nein, mein Kind, jetzt bist du an der Reihe,- ich will auch etwas hören". „Dann werde ich dich etwas fragen: wirst du auch meiner nicht überdrüssig sein, ehe wir England erreichen?" „Na, so eine Frage: das zeigt mir, wie wenig du den Charakter eines Seemanns kennst, du Liebling". „Wirklich?" rief sie kokett. „Ich weiß aber, daß Seeleute die allerflatterhaftesten Geschöpfe unter der Sonne sind. Denkst du, ich hätte nicht gehört, wie sie immer gesungen haben: „Jack hat ein Weib in jedem Hafen?" Und sie find nicht bloß flatterhaft, nein, sie sind auch Meuterer und Mörder. — Geh weg! — Ich mag dich nicht!" Sie riß ihre Hände aus den meinen und gab mir einen kecken Stoß- im nächsten Augenblick nestelte sie sich aber schon wieder an mich, und ihr melodisches Gelächter zwitscherte in meinen Ohren. Dann kam wieder ein plötzlicher Wechsel über sie, der mich immer so ahnungslos traf wie das Umschlagen einer Brise. Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen, schüttelte den Kopf und schluchzte. „Nun kommt wieder der Bruder Lucius", dachte ich- und richtig, so war es auch. „Mein armer, armer Bruder! —O Gott!" stöhnte sie. „Nun ja, das war gewiß ein trüber Gedanke, aber wenn er ertrunken war, dann hatte er eben den richtigen Seemannstod gefunden und ruhte in Frieden. Er war von ihr genommen, ja, aber an seine Stelle war ein anderer, zärtlicherer, treuerer, in jeder Beziehung liebreicherer Lebensgefährte getreten. Und wenn die Leute ihn nicht im Boot angesetzt hätten, würden wir dann hier als glückliches Brautpaar, Hand in Hand sitzen, uns neckend und mit einander kosend? In dieser Weise etwa suchte ich die plötzlich über sie gekommene trübe Stimmung zu verscheuchen und mit meinen letzten Worten hatte ich auch glücklich den Nagel auf den Kopf getroffen. Ihre Augen guckten traurig über ihre Fingerspitzen hinweg und sie flüsterte: „Nein, er würde mir nie erlaubt haben, dich zu lieben". Dieser Gedanke schien ihr eine Quelle des Trostes zu sein, denn bald lachte und schwatzte sie wieder. Soll ich hier mit meiner Geschichte aufhören? — Eigentlich meine ich, wenn ich die beiden Liebenden da auf dem Oberlicht betrachte und die stillen Segel, welche sich in die Dunkelheit der Nacht strecken, und die Gestalt am Steuer und das verödete Deck, da könnte ich keinen passenderen Moment wählen, den Vorhang fallen und die „kleine Lulu" ruhig in den dichten Nebel segeln zu lassen, welcher die Zukunft verhüllt. Ist denn der Held der Geschichte verpflichtet, von seiner Verheiratung zu sprechen, von dem Ort und dem Haus, wo er als glücklicher Gatte lebt, von dem Hausstand und dem Zeugnis, welches seine letzte Köchin ihm ausgestellt hat? Das sind doch Dinge, die auf der andern Seite des Brautstands liegen und die in meiner Erzählung, deren Faden sich nur um Liebeswerbung, Liebesgeflüster und Küssen im Licht der Sterne dreht, keinen Platz finden sollten. Aber ich will doch noch sagen, daß, wenn auch ich als blutarmer Mann die „kleine Lulu" betrat, ich doch aus ihr als ein glücklicher und vielleicht reicherer Mann hervorging, als Deacon mich in seinem Wahnsinn zu machen versprach. Und dann will ich auch nicht auf hoher See abschließen. Der Stille Ozean, der berühmt ist wegen seiner ruhigen Wogen und seines herrlichen Klimas, ließ uns nicht im Stich. Das Schicksal hatte seine Tücke verloren und war uns jetzt freundlich gesinnt. Während der ganzen drei Wochen, welche wir brauchten, um Valparaiso zu erreichen, refften wir kein Segel. Ab und zu ein Zug an den Brassen war alles, was wir zu thun hatten, um gute Fahrt zu haben. Und das war ein Segen- denn der Koch war im Takelwerk absolut nicht zu brauchen, er wurde schwindelig und klammerte sich nur stets, ohne etwas zu thun, krampfhaft an. Bet einer Bö ober einem Sturm würde die Brigg nur die Arme von vier Mann gehabt haben, um die Segel zu kürzen, und das wäre vielleicht ihr Untergang gewesen. Nur einem Schiff begegneten wir während der ganzen Fahrt. Es war ein amerikanischer Walstschfär.zer mit plumpen Booten, die an seinen Seiten hingen wie Säuglinge an der Mutter Brust, und ungeschlacht waren seine runden Backen, 384 kurz seine Bramstengen, schmutzig sein Takelwerk. Es war nicht zu erwarten, daß er uns aus unsere Bitte einige Mann abgetreten hätte, und deshalb fuhren wir mit wehender Flagge so stolz an ihm vorüber, als wenn unser Vorderdeck von Menschen gewimmelt hätte. An einem Sonnabend-Morgen kamen wir nach Valparaiso, — drei Wochen und einen Tag, nachdem wir Teaph den Rücken gekehrt hatten. Als wir langsam htneinfuhren, wurden gerade Kanonen auf dem Fort abgeschossen, und der Donner derselben erschien uns wie ein Salut zu Ehren unserer Abenteuer und unseres endlichen Sieges. Am Lande fragte ich sogleich nach der Wohnung des englischen Konsuls und fand in ihm einen sehr höflichen, liebenswürdigen Gentlemen. Er kam mit mir nach der Brigg, wo ich ihn Miß Franklin vorstellte. Nach kurzer Unterhandlung bestand er darauf, daß sie sein Haus als das ihrige betrachten solle, so lange sie sich noch nicht darüber entschieden hätte, in welcher Weise sie nach England zurückzukehren wünschte. Er fragte, ob sie schon einen Plan gemacht hätte, und schlug dann vor, sie möchte mit dem Dampfschiff nach Rio und von dort nach England fahren. „Aber die Brigg?" fragte sie, „toa§ soll aus ihr werden?" „Et nun", entgegnete er, „da steht ja nichts im Wege, daß diese, unter Führung eines bevollmächtigten Kapitäns, mit neuer Mannschaft zur Löschung ihrer Ladung nach Sydney segelt". „Der Kapitän muß ich sein", sagte ich. „Das ist gewiß", stimmte der Konsul bei. „Und Sie meinen, daß ich allein nach Hause reisen soll?" fuhr meine kleine Lulu auf einmal lebhaft heraus. „Sie werden vollkommen sicher sein", bemerkte der Konsul. „Daran zweifle ich nicht- aber ich will Mr. Chadburn heiraten", erklärte sie, plötzlich ganz tapfer geworden. „Ich werde mich nicht von ihm trennen- wohin er geht, gehe auch ich". „Ihr Entschluß scheint mir ebenso natürlich als den Verhältnissen entsprechend", entgegnete der Konsul mit freundlichem Lächeln. „Wenn Sie mir erlauben, einen Vorschlag zu machen, möchte ich fragen: warum wollen Sie nicht hier heiraten, ehe Sie absegeln?" Meine Dienste stehen Ihnen hierzu nach jeder Richtung zur Verfügung". Diese Idee erschien uns ebenso großartig als wunderbar gescheit. Nach Ablauf einer Woche war die kleine Lulu meine liebe Frau geworden. Gemeinnützig-S. Ittd und Karte». Koe-eehen* Man gräbt Körbe von lockerem, rohen Weidengeflecht in die Erde, leitet eine junge Rebe hinein und befestigt sie oder zieht sie von unten hindurch. Die eingelegte Rebe schlägt Wurzeln und man kann die Rebe später mit Korb und Erdbällen versetzen. Solche Korbreben wachsen kräftig und die Mühe wird oft schon im zweiten Jahre durch schöne Trauben belohnt. Ueber die Schwetzinger Tpargelkulturen bringt die neueste Nummer des „Praktischen Ratgebers" einen Bericht. Wer sich dafür interessiert, schreibe an den Verlag des „praktischen Ratgebers" in Frankfurt a. d. Oder und lasfe sich eine Probenummer senden. Isür die Küche. Zur Sommerszeit ist der Aufenhalt am heißen Herde für die geplagte Hausfrau kein Vergnügen. Mit Recht sucht sie daher wenigstens abends Gerichte von längerer Kochdauer zu vermeiden, und in vielen Familien wird jetzt zum Abendbrot überhaupt nur „kalte Küche" gereicht. Um in das Einerlei des „Aufschnitts" etwas Abwechslung zu bringen, empfiehlt es sich, hin und wieder statt der Butter einen Salat dazu zu geben, den man ohne Mehrkosten noch würziger erhält, wenn dem Elsig und Oel wenige Tropfen Maggi beigemischt werden. Besonders beim Gurkensalat sollte Maggi nie fehlen, denn nicht nur kräftigt es den Geschmack des Salates, sondern fördert auch — und dies ist wichtig — dessen Verdaulichkeit. Die Vorteile des Genusses grüner Salate werden bei uns noch lange nicht genügend gewürdigt: sie erfrischen und führen dem Körper wertvolle Nährsalze zu. In Frankreich, Italien und teils auch in England wird daher mindestens eine Tagesmahlzeit mit Salat beschlossen. Gevackene Kalbsbrieschen mit jungen Erbsen. Die Brieschen werden erst weiß gewässert, in gesalzenem Wasser überkocht, in kaltem gekühlt, in schräge Scheibchen geschnitten, in Ei und gesalzenem Retbbrot Paniert und goldgelb gebacken. Die jungen Erbsen werden, wenn weichgekocht, kalt übergossen, abgetropft, in bester Süßbutter mit etwas Zucker, Salz und gehackter Petersilie heiß geschwenkt, leicht mit Mehl überpudert, mit Bouillon aufgekocht- die ganz kurz gehaltene Sauce wird mit etwas Maggi gekräftigt. Gerollte Hammelbrust mit Sardellen. Eine schöne Hammelbrust wird ausgebeint, mit Salz und Pfeffer eingerieben, mit Sardellenstreifen belegt, aufgerollt und mit Bindfaden umwickelt. Sie wird dann in gutem Fett angebraten und unter Zugabe von Zwiebelscheiben, Wurzelwerk und etwas Wasser weichgedämpft. Nach Belieben kann man ein kleines Gliedchen Knoblauch daran geben. Die durchpassierte Sauce hebt man mit etwas Maggi im Geschmack und giebt Kartoffel- klöse als passende Beilage. Vermischtes. Die bedeutendsteu Wasserfälle unseres Erdballes haben den Stoff zu einer neuen Serie sogenannten Liebig- bilder gegeben, bunte Kärtchen, die die Liebig's Fleisch- Extrakt-Kompagnie zur Verteilung bringt. Veranschaulicht werden Niagara, Trolhättan (Schweden), Laatefos (Norwegen), Staubbach-Fall-Lauterbrunnen, Viktoria-Fall in Afrika und endlich unser lieber Rheinfall bei Schaffhausen. Unter den unzähligen Reisenden, die während der letzten Jahrzehnte jene herrlichen Naturschauspiele bewunderten, mag ein sehr starkes Kontingent bereits persönlich die Erfahrung gemacht haben, wie außerordentlich nützlich und dienlich sich Liebig's Fleisch-Extrakt auf der Reise erweist. Die Möglichkeit sofortiger Herstellung wohlschmeckender, kräftiger Fleischbrühe macht es so wertvoll. Eine Reihe von Afrikaforschern rühmt auch etwas „Liebig" auf Brot gestrichen als vorzügliches Stärkungsmittel bei schweren Reisemühen. Schon liegt dieö.Lieferungdes „JllnstritxkenKonVersaiions« Lexikons der ^rau1' (Verlag von Julius Becker, Berlin) vor, und wir müssen, je weiter das Werk vorwärts schreitet, gestehen, daß die Reichhaltigkeit, Vielseitigkeit und praktische Brauchbarkeit des Inhalts immer deutlicher zu Tage tritt. Ursprünglich könnte man vielleicht meinen, daß der weitaus größte Teil den Selbständigkeitsbestrebungen der Frauen, sowie den beruflichen und sozialen Verhältnissen des weiblichen Geschlechtes gewidmet sei. Nun aber zeigt sich in erfreulicher Weise, daß auch die Gebiete der Hauswirtschaft, der Gesundheits- und Körperpflege, der häuslichen und gesellschaftlichen Aufgaben der Frau, sowie ihrer Rechtsstellung im Leben eingehende Würdigung erfahren. Die Artikel Ehe, Ehefrau rc. in der vorliegenden Lieferung dürfen als geradezu mustergiltig bezeichnet werden und spannen auf das höchste unser Interesse für die nächste Lieferung, in der die Fortsetzung und der Schluß dieser Artikelreihe folgen wird. Wenn das Werk so fort- sährt, wie es begonnen hat, wird es ohne Zweifel gar bald das Lieblingsbuch jeder Frau werden und in jeder Familie Eingang finden. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.