(Nachdruck verboten.) Die kleine Sulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Zweites Kapitel. Ich erfahre Neuigkeiten. Der Wirt vom „Weißen Hirsch" war ein achtbarer junger Mann mit guten Verbindungen in der Stadt und Besitzer einer Dacht von fünf Tonnen, in welcher ich oft mit ihm eine Kreuzfahrt in der Bai gemacht hatte. Wir kannten einander sehr genau, und als er mich die Stufen zum Gasthaus hinaufsteigen sah, kam er mir entgegen und bewillkommnete mich so herzlich, daß ich darüber den Empfang bet meiner Stiefmutter beinahe vergaß. Sein Name war Transom. Er hatte gerade augenblicklich viel zu thun, wie er mir sagte, wollte sich aber, sobald er fertig sei, zu mir setzen und erzählen, was sich die beiden letzten Jahre in der Stadt zugetragen habe. Inzwischen gab er mir in freundschaftlicher Weise zu verstehen, daß ein saftig Stück geschmortes Rindfleisch im Hause wäre und ich gute Bedienung bei den Kellnern finden würde. Ich ging zuerst auf das mir angewiesene Zimmer, machte mich etwas sauber und begab mich dann wieder herunter. Da ich mich in einer Stimmung befand, in welcher man am liebsten allein ist, war es mir sehr angenehm, das Gastzimmer leer zu finden. Das tief herunterreichende Bogenfenster dieses Zimmers gestattete einen weiten Blick über den Hafen und die hinter ihm fich ausbreitende See. Es lag eine ganze Anzahl. Schiffe verschiedener Größe und Tackelung vor Anker, darunter auch einige Schraubendampfer und Flußfahrzeuge. Eine Menge Menschen strömte bei dem Fenster vorbei und am Hafendamm entlang, wo eine Neger-Gesellschaft einen dichten Haufen von Matrosen und Mädchen mit ihren Liedern entzückte. Auch Flöten, Geigen und Harmonikas Lormtag den 9 April 1899. ThÜ IDMuhm thut sich leis und schüchtern kund, Verpflanzt sich durch Berufner Mund Und nicht durch Druckerpressen. Trcibt's die Reklame noch so bunt, Die Tagesgröße bläht sich — und Ist morgen schon vergessen! Zoozmann. erklangen- eine leichte Seebrise trug die Töne vom Hafen aus herüber, zuweilen vermischt mit dem Chorgesang der Matrosen beim Ueberholen der Kabel. Ich fühlte mich sehr niedergeschlagen- die fröhliche Menge und die Musik diente nur dazu, meine Traurigkeit zu verschärfen. Ich saß und dachte an meinen Vater: woran er wohl gestorben sein mochte, ob er während seiner Krankheit eine gute Pflege gehabt haben möge, wie er dazu gekommen sei, diese Frau zu heiraten, und was sie vorher gewesen sein möge. Diesen trüben Gedanken wurde ich durch Transom entrissen, welcher kam, mich einzuladen, auf seinem Zimmer eine Pfeife mit ihm zu rauchen und ein Glas zu trinken. Ich nahm diese Einladung freudig an, folgte ihm und setzte mich in der behaglich eingerichteten Stube an ein offenes Fenster, welches auf einen wohlgepflegten Garten blicken und den Duft von Rosen und Geißblatt hereinströmen ließ. Nachdem wir zunächst über dies und jenes geplaudert hatten, erzählte mir Transom die Geschichte von meines Vaters Heirat. „Ich weiß mehr davon, als irgend ein anderer in der Stadt," sagte er, „und das kam so: Nachdem Sie abgesegelt waren, kam Ihr Vater oft hierher, saß ganz allein, rauchte und trank sein Glas- es war im Winter, wo wenig Gäste verkehrten. Eines Abends rauchten wir wieder eine Pfeife zusammen, da sagte er: „Transom, haben Sie in der Kirche wohl zufällig einmal zu mir herübergesehen?" „Oh ja, das kam wohl öfter vor." „Haben Sie dabei manchmal eine Dame neben mir bemerkt?" „Ja, Mistreß Parson." „Ganz recht," sagte er, mich sonderbar ansehend und dabei ein Auge zukneifend. „Ist sie nicht eine Schneiderin?" fragte ich. „Gewiß, und was für eine!" entgegnete er. „Ich sage Ihnen, mein Junge, sie versteht es, eine Weste zu wenden und einen Rücken einzusetzen, so fest, daß der stärkste Mann nicht imstande ist, eine Naht zu platzen- sie arbeitet bester als irgend ein Schneider. Neulich verehrte sie mir eine Weste- das war doch freundlich von ihr, nicht wahr?' „Als er dies gesagt hatte, blinzelte und zwinkerte er so schlau mit den Augen, daß ich lachen mußte. Er stimmte ein und zwar so herzlich, daß ihm die Thränen über die Backen liefen und er sich am Tabakrauch so verschluckte, daß er einen ordentlichen Krampfanfall von Husten bekam. Als dieser vorüber war, fragte er mich, während ihm immer noch 5 94 die Thränen sherunterliefen, was ich von Mrs. Parson hielte. „Ich erwiderte, daß ich nichts von ihr wüßte." „Sie finden sie vielleicht nicht schön — aber das ist Geschmacksache," meinte er. „Was man von gutem Wein sagt, das sage ich von ihr — sie hat Fülle. Von Jugend auf habe ich schon eine besondere Vorliebe für starke Frauen gehabt." „Ich schwieg, um zu sehen, wo er eigentlich hinaus wolle, und nachdem er ein Weilchen still vor sich hin gedampft hatte, wandte er gedankenvoll seine Augen auf mich und fragte: „Was meinen Sie, wenn ich sie heiratete?" „Mich verblüffte im Augenblick die Frage,- dann aber antwortete ich, das ginge mich nichts an, — um Ihretwillen aber sollte es mir leid tijutt; denn Sie würden sich sicherlich nicht freuen, eine Schneiderin zur Stiefmutter zu erhalten." „Das ist es eben," sagte er, „Jack würde es nicht gern sehen." „Ich kann mir auch gar nicht denken, daß Sie im Ernst sprechen, Mr. Chadburn," sagte ich. „Das thue ich aber," erwiderte er, „und ich möchte gern Rat haben. Sehen Sie, sie scheint mich wirklich sehr lieb zu haben, und ich habe es, weiß Gott, schrecklich langweilig zu Hause, wenn Jack fort ist, und er ist immer fort. Wahrhaftig, Sie würden mir einen Gefallen thun, Mr. Transom, wenn Sie mir ganz offen Ihre Ansicht aussprechen wollten- ich würde gern hören, was Sie denken,- denn Sie sind ein einsichtsvoller, junger Mann." „Gut," entgegnete ich, „wenn Sie es nicht anders haben wollen, — ehrlich gesprochen, würde ich an Ihrer Stelle Witwer bleiben." „Das sagte ich, weil ich an Sie dachte,' obgleich ich überzeugt war, daß er sich sehr ärgern würde." „Um so überraschter war ich daher, als er aufsprang, mir warm die Hand schüttelte und versicherte, daß er ganz meiner Meinung sei/ denn er müsse sich doch eigentlich sagen, daß Mrs. Parson ihn wohl nur der Vorteile wegen haben wolle, die sie durch ihn zu erlangen hoffe, und es schließlich auch lächerlich sei, wenn ein so alter Mann, wie er, noch einmal heiraten wolle." — Nachdem er noch einige Zeit in dieser Weise gesprochen und dabei dem Weibe häßliche Namen gegeben hatte, ging er weg. „Ich freute mich um Ihretwillen, daß Ihr Vater seine tolle Idee aufgegeben hatte,- einige Tage nach diesem Gespräche aber — ich denke, ich soll aus den Wolken fallen — erzählt mir der alte Kirchstuhlschließer Tarns, daß Ihr Vater schon seit acht Tagen mit der Frau verheiratet ist." „Und wie ist die Ehe ausgefallen?" fragte ich nach einer Weile des Stillschweigens. „Na, soviel ich gehört habe," erwiderte Transom, „hat sich die Frau ziemlich gut benommen, obwohl einmal das Gerede ging, daß sie die Gesellschaft eines Mannes, namens Lickwater, eines kleinen Schulmeisters, sehr gern habe, und ihn öfter zum Thee etnlade, als Ihrem Vater angenehm wäre. Aber," fuhr er fort, „obgleich Ihr Vater noch öfter zu einem stillen Rauchstündchen hierher kam, hörte ich ihn doch nie über seine Frau klagen, oder Lickwaters Namen nennen, und deshalb glaubte ich wirklich, daß er eö ganz gut hatte. Freilich, alle seine Freunde haben nie begreifen können, wie ein alter Herr, wie Ihr Vater, solches Gefallen an einer gewöhnlichen, ungebildeten Schneiderin finden tonnte.* Dies war alles, was ich über meinen Vater, seine Verheiratung und seinen Tod erfuhr, und im Grunde genommen ja auch alles, was ich zu wissen nötig hatte. Mein gutmütiger Freund leitete dann die Unterhaltung auf andere Dinge, und erzählte mir von den Veränderungen, die in Bahport während meiner Abwesenheit stattgefunden hatten. Lieschen Harris, ein reizendes, kleines, brünettes Mädchen, in die ich einst sterblich verliebt war, hatte den alten Corkendale, den Weinhändler, geheiratet. Frank Hawkins, ein Kassierer an der Bank, war mit fünfhundert Pfund durchgebrannt, hatte in der Schweiz versucht, sich den Hals abzuschneiden, und trug jetzt einen geschorenen Kopf in einem Zuchthause. Der junge Dick Swift, eine betrunkene Vogelscheuche, war zu einer Rente von zweitausend Pfund im Jahr gekommen und hatte in eine adlige Familie geheiratet. Einer war tot, einer bankerott, einer in Kalifornien, einer lag im Ehescheidungsprozeß rc. Solche Vrränderuugen binnen zweier kurzer Jahre, es war kaum zu glauben. Der kleine Jenkinson, das frischeste, heiterste Geschöpf, dem ich eine Lebensdauer von hundert Jahren prophezeit hätte, war an DiphtheritiS gestorben,- dagegen war der alte Samuel Gorman noch am Leben, welcher zweiundneunzig Jahre zählte, als ich wegging, und dessen Tod schon damals stündlich von den Vätern der Stadt erhofft wurde, weil er auf öffentliche Kosten lebte und ganz allein in einem verfallenen Hause wohnte,- man konnte ihm täglich munter und betrunken auf dem Marktplatz begegnen. Ich erzählte Transom von meinem Empfang im heimatlichen Hause, daß ich von meinem Vater nichts, außer seiner Uhr und Kette geerbt hätte, und infolgedessen gewisse ehrgeizige Hoffnungen, die ich gehegt, mir aus dem Kopf schlagen, oder vorläufig wenigstens wegstauen müsse, da mein gesamter eigener Besitz nur in einer Seekiste, einigen Kleidern und einer Barschaft von acht Pfund vierzehn Schilling bestände. „Hätte ich meinen Vater am Leben gefunden," fuhr ich fort, „dann war meine Absicht, drei Monate am Lande zu bleiben, und mich zur Prüfung als zweiter Maat vorzubereiten. Diesen Gedanken muß ich nun fallen lassen/ ich kann es nicht erschwingen, am Lande solange zu leben. Es bleibt mir nichts übrig, als sofort wieder ein Schiff zu suchen. Das ist ein schwerer Entschluß nach achtundzwanzig Monaten Salzwasser, ich sehe aber keinen anderen Ausweg vor mir." „Dann wollen Sie also wieder als vierter Maat gehen?" sagte Transom. „Nein, ich werde vor den Mast gehen, als Vollmatrose," antwortete ich. „Nachdem Sie Offizier gewesen find!" schrie Transom. „Na, ein vierter Maat ist gerade nicht sehr viel von einem Offizier," bemerkte ich achselzuckend. „Wenn er etwas besonderes ist, so ist er erster Steward für die Mannschaft, wiegt die Vorräte und zapft den Rum ab. Das waren wenigstens bisher meine Geschäfte. Ich will nicht behaupten, daß ich mich vor dem Mast einschiffen, oder überhaupt wieder auf See gehen würde, wenn ich ein Vermögen hätte," fuhr ich mit düsterem Sarkasmus fort/ „aber jetzt bin ich ein Bettler, und habe keine Wahl. Essen und Trinken muß der Mensch irgendwo. Am Lande wäre ich vielleicht geeignet, den Posten eines Straßenkehrers auszufüllen, einen anderen zu erlangen, würde ich wohl kaum Aussicht haben, und da gehe ich denn doch noch lieber in das Vorderkastell eines Schiffes." „Na, na, es ist doch noch keine solche Eile nötig," versuchte mich der gute Kerl zu trösten, „warum denn gleich die Büchse ins Korn werfen, vielleicht kann sich doch noch etwas finden." „Pah, was sollte daS sein?" warf ich, mißmutig und ergrimmt über mein Schicksal, ein/ „wenn ich einen Trost habe, so ist es der, daß ich an diesem gesegneten Tage so tief auf den Grund geraten bin, daß ich mir sagen kann: „Weiter runter kannst du nicht mehr kommen." Damit sagte ich meinem Freunve „Gute Nacht!" und begab mich auf mein Zimmer. (Fortsetzung folgt.) 195 — Nachdruck verboten. Die Armenhausprinzesstn. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) XVI. Der Tag des Konzertes war gekommen. Elfte hatte ihre Ruhe und Selbstbeherrschung wiedergewonnen. In Begleitung Klaras begab sie sich nach dem Stadthause, in dessen großem, altertümlichen Saale die Musikaufführung stattfand. Die große Freitreppe, der Balkon und der Flur des aus dem Mittelalter stammenden Gebäudes war mit Guirlanden aus Tannenzweigen bekränzt. Auf dem Marktplatz hatte man «ine Ehrenpforte errichtet, um hier den Landesherrn feierlich zu begrüßen. Auf der Zinne des Stadthauses wehten die Banner des deutschen Reiches und des Herzogtums und mit Fahnen und Guirlanden, Wappen und alten Rüstungen war der große Saal festlich ausgestattet. In der Mitte vor dem Podium für die Sänger und Sängerinnen war für den Fürsten und dessen unmittelbare Begleitung ein etwas erhöhter Sitz errichtet,- an denselben schlossen sich die Sitzreihen für die übrigen Zuhörer. Eine zahlreiche Menschenmenge wogte auf dem Marktplatz auf und ab,- die Häuser waren reich beflaggt und mit Guirlanden geziert- in den Fenstern, auf den Dächern sogar standen und saßen die Menschen, um den Fürsten willkommen zu heißen. Viele von ihnen hatten den Landsherrn überhaupt noch nicht gesehen- weilte der Herzog doch oft Monate lang außerhalb des Landes, in dessen Residenz er nur im Winter einige Zett zuzubringen pflegte. Es war, als triebe ihn ein schmerzlicher Gedanke stets wieder fort aus der Heimat, als ließe es ihm keine Ruhe daheim, als suche er in dem Gewühl der großen Welt Zerstreuung und Ablenkung. Und doch hing das Volk mit rührender Liebe und Treue an seinem Fürsten, dem Sohn des Geschlechtes, das seit fast einem Jahrtausend über dem kleinen Ländchen in bösen und guten Zeiten geherrscht hatte. Aber der Fürst schien sich in den letzten Jahren mehr und mehr von seinem Volke zurückzuziehen- er vermied es, in des Volkes Mitte zu erscheinen. Wenn er auf dem alten Schloß seiner Väter weilte, verließ er kaum das graue, finstere Gemäuer- selbst die Kunst, das Theater schien für ihn das Interesse verloren zu haben, und während früher in der Wintersaison ein frohes Fest dem andern folgte, zu dem auch die Bürger der Residenz Zutritt hatten, blieb es jetzt still und einsam in den Festräumen des Schlosses, und nur einzelne steife, offizielle Empfänge und Galatafeln für die unmittelbare Hofgesellschaft fanden statt. Man wußte sich diese Zurückhaltung des Fürsten im Volke nicht zu erklären- man flüsterte von einer unglücklichen Neigung des Fürsten, der sich unüberwindliche Hindernisse' in den Weg stellten, man bedauerte, daß er sich nicht vermählte, um dem Lande und feiner eigenen Familie die Thronfolge zu sichern; aber wenn auch die Wünsche des Volkes hier und da an das Ohr des Fürsten gelangten, Lieser schien sie zu überhören und zu mißachten. Um so freudiger erstaunt war man, daß der Fürst Plötzlich ein reges Interesse für daS große Unglück der Ueberschwemmung in Benneckenstein zeigte und durch seine Gegenwart die Aufführung zu Gunsten der Ueberschwemmten zu einem wahrhaften Landesfest gestalten wollte. Auf dem Podium der Künstler, in den Garderoben und in dem Saale herrschte schon lange vor dem Eintreffen des Herzogs eine fieberhafte Aufregung. Der Herr Bürgermeister und Hauptmann a. D. schien den Kopf vollständig verloren zu haben- er träumte schon von dem Orden und -er landesväterlichen Anerkennung, welche ihm dieses Fest einbringen sollte. Er lief hin und her: bald war er auf -em Podium bei den Künstlern, bald bet der Ehrenpforte auf dem Marktplatz- bald im Saale und bald auf der Zinne des Rathauses, wo ein Posten aufgestellt war, welcher die Ankunft des Fürsten melden sollte. Die Erregung des Oberhauptes der Stadt teilte sich der Bürgerschaft mit, und es herrschte in den Straßen, auf den Plätzen ein Gewoge, ein Gedränge, welches oft für die Teilnehmer lebensgefährlich zu werden drohte. Der Rats- und Gemeindediener Ritterbusch schalt und suchte vergebens Ordnung zu schaffen. Aber sobald er an einem Platze die Ruhe und Ordnung hergestellt, rottete sich die Menge an einem andern Orte zusammen und spektakelte und lärmte von neuem. Besonders der invalide Waldarbeiter Brendicke und die Korbflechterfamilte Pannkuchen thaten sich in patriotischem Eifer hervor. Sie waren überall und nirgends zu finden- empfingen jede Equipage mit betäubendem Hurrah und begrüßten jede Uniform mit lautem Halloh, sodaß der Ratsdiener Ritterbusch mehrere Male in Versuchung kam, die übereifrigen Patrioten in das sichere Gewahrsam des städtischen Gefängnisses abzuführen. An der Ehrenpforte nahmen die Schulen, der Kirchenvorstand, der Magistrat und die weißgekleideten Ehrenjungfrauen Aufstellung. In den Straßen bildeten der Kriegerverein, die Schützengilde und die Feuerwehr Spalier und an dem Kreuzungspunkt der großen Heerstraße und der Straße nach der nächsten Bahnstation hielten zwei berittene Gendarmen, welche die Annäherung des Fürsten melden sollten. Es war in der That ein großartiges Fest, und der Bürgermeister und Hauptmann a. D. verdiente ohne Zweifel das Ritterkreuz zweiter Klaffe mit Eichenlaub, darauf schon lange Zeit seine Sehnsucht gerichtet war. Elfte stand auf dem Altan des Rathauses und blickte mit ernstem Lächeln auf das Treiben der Menge hinab. Aeußerlich von einer hoheitsvollen Ruhe, wurde ihre Seele doch von mannigfachen Empfindungen bestürmt. Ein edler Stolz erhob ihr Herz, wenn sie die Stimme des Volkes aufjubeln hörte zur Ehre dessen, an dessen Brust sie eine kurze selige Minute geruht. Eine leise Wehmut schlich sich in ihre Seele, wenn sie jener Stunde gedachte, und ein Gefühl der Scham überkam sie, wenn sie ihres thörichten Ehrgeizes sich erinnerte. Wie vermochte nur ihr Herz so thöricht zu träumen! So thöricht zu hoffen! Und doch — sie hätte die Glückseligkeit jenes kurzen Augenblickes nicht missen mögen! Sie gedachte jener Stunde mit dem glücklich-wehmütigen Gefühl, mit dem man sich des Märchenzaubers der Kindheit, der Jugend, erinnert. Die Böller krachten, die Glocken läuteten, die Menge schrie Hurrah, die Fahnen flatterten im lauen Sommerwinde, die Gendarmen sprengten wie toll die Straße entlang - „Der Herzog kommt!" und der Bürgermeister und Hauptmann a. D. trocknete sich den perlenden Sckweiß von der Stirn und memorierte noch einmal im Stillen seine Begrüßungsrede an den Landesvater. Elsie trat in das Rathaus zurück. Besorgt schaute Klara zu der Freundin auf, deren Antlitz von tiefer Blässe seelischer Erregung überzogen wurde. „Bleib' nur auf dem Altan und sieh Dir den Empfang des Herzogs an, liebe Klara", bat Elsie. „Und Du?" „Ich gehe in die Garderobe — ich — ich muß ruhiger werden!" Rasch schritt sie davon, umbraust von dem Jubel des Volkes, von dem Krachen der Böller und den eherneu Melodien der Glocken. Die herzoglichen Equipagen nahten. In dem ersten vierspännig a la Daumont gefahrenen offenen Landauer der Herzog mit Sr. Excellenz dem Hofthearer-Jntendanten Freiherrn von Hannecken, in dem zweiten Wagen mehrere Adjutanten, unter ihnen der zum Major avancierte Hans Heinrich von Hannecken, der Sohn deS Generals. Das Volk war einigermaßen enttäuscht, daß Seine Hoheit nur im einfachen dunklen Gesellschaftsanzuge erschien und nicht in der großen Uniform seines grünen Husarenregiments. Aber es gab ja auch ohnehin genug zu sehen. Der Spitzreiter in seiner bunten 196 — Livree, die herrlichen Rappen vor der herzoglichen Equipage, die blitzenden Uniformen der Adjutanten, das blasse Antlitz des Fürsten, das ein freundliches Lächeln umspielte — das alles hatte man in Benneckenstein noch niemals gesehen, und der Jubel des Volkes wollte kein Ende nehmen. Endlich waren die Förmlichkeiten des Empfanges überstanden, und das Konzert begann, das dem Programm gemäß vortrefflich verlief. Die Benneckensteiner Siadrkapelle spielte in der That die Ouvertüre zu der Oper „Dichier unb Sauer" und später das Finale aus Wagner's „Lohengrin" ganz annehmbar, wenn auch die ersten Geigen etwas kratzten und der neue Paukenschläger einmal einen halben Ton zu früh eiusetzte, welcher Fehler ihm einen wütenden Blick des Kapellmeisters einbrachte und dem Hauptmann a. D. den Angstschweiß auf die Stirne trieb. Aber Seine Hoheit der Herzog schienen den Fehler nicht zu bemerken/ ruhig, fast bewegungslos saß er in dem Sessel, die Stirn auf die Hand gestützt, die Beine übereinander geschlagen. Sein Antlitz war von einer auffallenden Bläffe, in seinem dunklen Auge ruhte eine düstere Schwermut, und seine Lippen waren fest und ernst geschlossen. So lauschte er regungslos der Musik und ging über die Fehler der ersten Geige und des Paukenschlägers milde hinweg. Deshalb durfte auch Se. Exeellenz der Hof- theater-Jntendant und General z. D. Freiherr von Hannecken diesen Fehler nicht bemerken und die Adjutanten und Kammerherren, welche den Herzog begleiteten, mußten ihr spöttisches Lächeln unterdrücken. Der Männergesangverein und der Damenchor machten ja auch die Fehler der ersten Geigen und des Paukenschlägers wieder gut. Namentlich der erste Tenor, ein Bäckermeister von bemerkenswertem Körperumfang, schmetterte das hohe C mit einer Bravour heraus, daß Se. Hoheit im leichten Schreck zusammenfuhren, und die Solistin des Damenchors, die Tochter des Bürgermeisters und Hauptmanns a. D., sang mit solch schmetternder Stimme: „Ach, wenn Du wärst mein eigen . .", daß der Herzog sich lächelnd gegen den auf dem Gipfel des Glückes schwebenden Bürgermeister und Hauptmann a. D. verbeugte. Und dann die Glanznummer des Konzerts, die Liedervorträge Fräulein Elsie Hanneckens! Elsie hatte einige einfache, volkstümliche Lieder gewählt, da sie wußte, daß der Herzog diese früher gern von ihr gehört hatte. Die Bravour-Arien und den „Erlkönig überließ sie neidlos der Tochter des Bürgermeisters und dem jungen gesangskundigen Gymnasiallehrer. Die kleinen, einfachen Lieder wußte sie aber mit solcher Innigkeit vorzutragen, daß eine atemlose Stille in dem bis zum letzten Platz gefüllten Saale eintrat, und alle mit tiefer Rührung und Entzücken der glockenreinen, zum Herzen dringenden Stimme und dem meisterhaften Vortrag der Künstlerin lauschten. Ja, das war Musik! Die Tochter des Himmels, die dem kranken Herzen Trost und Erhebung zu bringen vermag, die uns hinweghebt über die Qual und die Not des Lebens, die uns die Welt vergessen läßt mit all ihrer Sorge, ihrem Leid, ihrem Kummer, ihrem Hasten und Streben! Wie einfach, wie groß, wie erhaben stand Elsie da! Ein schlichtes, weißseidenes Gewand umschloß knapp ihre schlanke, edle Gestalt/ nur ein kleiner Strauß frischer, weißer Rosen zierte ihren Gürtel und ihr goldig leuchtendes, leichtgewelltes Haar, welches in schlichter Frisur das Haupt und das einer antiken Kamee gleichende blaffe Antlitz umgab. Wenn sich Elsie durch ihr stilles Wirken in den letzten Jahren nicht schon das Herz des Volkes gewonnen hätte, heute würde sie es im Sturme erobert haben. (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Rotweinflecke«. Frische Rotweinflecke entfernt ma« aus Tischwäsche am schnellsten durch kochende Milch. Der mit der heißen Milch begossene Fleck bleicht sofort/ je nachdem Farbstoff im Wein vorhanden ist, muß der Aufguß wiederholt werden. Man reibe hierbei den Fleck etwas mit einem Läppchen. Veraltete Rotweinflecke entfernt man mittelst Schmierseife, indem man erst den Fleck einreibt und ihn durchziehen läßt, um ihn alsdann herauszuwaschen. Ietd und Karten. Obstfreunde muß ein Aufsatz interessieren, den der „praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau" in seiner neuesten Nummer veröffentlicht. In Fermersleben bei Magdeburg hat sich ein Herr Bertling einen 2i/z Morgen große« Spalierobstgarten vor zehn Jahren angelegt, der ihm heute reichlichen Gewinn — 1OOO Mark Ertrag pro Morgen — bringt. Er hat viele Sortenversuche gemacht und ist zu dem Ergebnis gekommen, von Birnen die Sorten: Gute Luise, Diel, Clairgeau, Esperens Bergamotte und Ligels Winterbutterbirne, von Aepfeln: Wintergoldparmäne, Kasseler Reinette, Pariser Rambourreinette und Gelben Bellefleur sür besonders anbauwürdig zu empfehlen. Im vorigen Frühjahre hat Herr Bertling zur Blütezeit sein kleines Obst- Paradies photographieren laffen und zeigen die Abbildungen noch besser wie die Beschreibung das fröhliche Gedeihen dieser schönen Anlage. Möchten sich doch viele, besonders kleinere Landwirte, an dem Obstgarten des Herrn Bertling ein Beispiel nehmen! Gesundheitspflege. Schwarzes Senfmehl zur Beseitigung des üblen Geruches aus leeren Flaschen. Um Flaschen und Gefäße, in welchen stark riechende Flüssigkeiten, Spiritus, Rum «., aufbewahrt wurden, vollkommen geruchlos und rein zu machen, daß man sie dann zum feinsten Wein u. dgl. verwenden kann, eignet sich vorzüglich das schwarze Sensmehl. Man schüttet ein wenig davon mit etwas lauwarmem Wasser in die betreffenden Gefäße und spült sie hierauf mit Wasser aus und wiederholt, wenn nötig, das Verfahren. Samen, welche zur Verherrlichung freudiger oder feierlicher Anlässe in Haus und Familie, sowie zur Unterhaltung in ihrem Verein oder Kränzchen beitragen wollen, finden im „Dtlettantentheoter für Samen", herausgegeben von Clara Eppert ^.Verlag von Levy und Müller in Stuttgart), stets neuen gediegenen Stoff in Hülle und Fülle. Das uns vorliegende neueste Heft 11 der Sammlung enthält wieder recht gelungene Piecen; wir nennen nur: das goldene Schweigen (Lustspiel in 1 Akt für 1 Herrn und 3 Damen). — Der eingefangene Flüchtling, (dramatische Scene für 2 Herren und 2 Damen). — Teufel spuk (Vortrag in bayrischer Mundarbeit.) — Im Vermietungs- büreau (dramatische Scene für 5 Damen). — Die Berliner Köchin am Sonntag (Soloscherz mit Gesang für 1 Dame). — Die Reichhaltigkeit, sowie der gediegene Inhalt des Heftes werden zweifellos der beliebten Sammlung recht viele Freunde aus Damenkreisen zuführen, zumal der Preis des hübsch ausgestatteten Heftes nur 75 Pfg. (im Abonnement 60 Pfg.) beträgt. Eine vollkommene Ueberstcht über die gegenwärtige Mode, gleich wertvoll sür die elegante Welt, wie für die praktische Hausfrau, welche manches Garderobenstück selbst zu fertigen pflegt, gewährt das soeben ganz neu erschienene reichhaltige Modenalbum und Schnittmusterbuch der internationalen Schnittmanufaktur, Dresden-N. (Preis 50 Pfg.) Ueber alle Einzelheiten der Damengarderobe, über Gesellschafts-, Straßen-, Sports-, Haus- und Ueberkleidung, über Mädchen- und Knabengarderobe, ja selbst über die moderne Herrenkleidung gewährt dieses vielseitige mit vielen hundert Abbildungen versehene Album einen vollkommenenUeberblick. Der besondere Wert dieses eine Modenzeitung ersetzenden preiswerten Albums liegt darin, daß man die dargestellten Modelle zu billigem Preise als praktisch ausprobierie Papierschnitte erhalten kann. Nichts Einfacheres und Praktischeres sür jede Dame sowie auch Schneiderin, als sich zur gründlichen Orientierung über die Mode eines solchen Modenalbums zu bedienen. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.