18SS. - »r. 112. WM Unterhattungsb Alüerhattungsblall M MeßmerAnMer Geneml-Anzeiger) WD I iW ni Av Big ! D iijgifeä / itimitnil AWMNEWL ^jüWl Dienstag den 8. August «fimilienbk., fie Sprüche, die geklungen Von allen deutschen Zungen, Die alten goldnen Lehren, Die haltet wohl in Ehren. A. Stöber. Nachdruck verboten. Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) XXIII. Fort! fort! flüchten, so schnell ihn seine Füße trugen: das war Leonhards einziger Gedanke. Es war ganz dunkel draußen. Die lange Straße, die von der Kaserne in die Stadt führt, war nur in weiten Abständen durch Laternen erhellt. Die wenigen Menschen, die jetzt da gingen, achteten des dahineilenden Soldaten nicht'/ höchstens rief ihm einer oder der andere ein Scherzwort nach, ob er es denn gar so eilig habe, zu seiner Liebsten zu kommen oder dergleichen. Wie er, dem Ende der Straße nahe gekommen, sich noch immer unverfolgt sah, schoß ihm zum erstenmale die Frage nach dem Wohin durch den Kopf. Wohin rannte er eigentlich? Was wollte er anfangen? Fort, nur fort! Sich in einen Eisenbahnzug setzen, der ihn über die Grenze brächte — das weitere würde sich dann finden. Aber in seiner Uniform ohne Mantel — unmöglich. Das war ihm eingefallen, als er völlig atemlos einen Augenblick halt machte. In den belebteren Straßen mußte er ohnehin seine Schritte mäßigen. Und da kam ihm allmählich ein wenig Klarheit. Flüchtig streifte er die Möglichkeit umzukehren und die volle Verantwortung für das Geschehene auf sich zu nehmen. Undenkbar! Es war zu viel. Es schüttelte ihn bet der bloßen Vorstellung, Rößler Wiedersehen zu müssen. Eines aber war nötig, er mußte sich irgend einer menschlichen Seele anvertrauen. An Martha dachte er zunächst. Ja, wenn er sie allein sehen könnte — doch da war die Mutter — und vor sie konnte er nicht hintreten als Verbrecher, als Fahnenflüchtiger — als--- Sein Schwager Ziel wäre der erste gewesen — treu und zuverlässig. Aber der war mit Else verreist. Dievenow? Er hatte ihn noch immer als Fremden betrachtet. Doch Martha liebte ihn. Das war eine Bürgschaft seines Wertes, und um Marthas willen würde er ihn aufnehmen. Hellmut Dievenow saß an seinem Schreibtische, in die Lektüre eines wissenschaftlichen Werkes vertieft. Er blickte unwillig auf, als unangemeldet ein Besuch in sein Zimmer trat. „Was wünschen —" begann er in seiner gemeffenen Weise; aber er unterbrach sich sofort, da er den Besucher, der inzwischen in das Bereich des Lampenlichts getreten war, erkannte. „Wie sehen Sie aus, Leonhard!" Die Haare hingen ihm in feuchten Strähnen ins Gesicht, die dunklen Augen leuchteten unheimlich. Er öffnete den Mund — unzusammenhängende Laute, unverständliche Silben. „Was ist Ihnen denn?" fragte Dievenow befremdet. . „Sie müssen mir helfen," brachte er endlich mühsam hervor. Er war an den Schreibtisch getreten, und sich mit der Hand an der Kante desselben festhaltend, sank er auf einen daneben stehenden Stuhl. „Sagen Sie doch zunächst, was geschehen ist?" Leonhard fühlte die kalten, blauen Augen prüfend auf sich ruhen. Er raffte sich auf. „Ich muß fort — gleich. — Geben Sie mir einen Anzug, einen Mantel — aus Liebe zu Martha. Sie wird es Ihnen danken." „Ich möchte doch erst —" //Mein Gott! es gab Streit — er hatte es lange daraus angelegt — ich habe ja sonst gelernt mich zu beherrschen, — aber wenn sie einem das Heiligste besudeln! — Aus Barmherzigkeit fragen Sie nicht weiter — geben Sie mir einen Mantel — oder irgend etwas —" Wirr, zusammenhanglos hatte Leonhard die Sätze hervorgestoßen- Dievenow antwortete nicht gleich, dann langsam mit der kühlen Ruhe, die ihm stets ein Uebergewicht über lebhaftere, erregte Naturen sicherte: „Sie find in in einem Zustande, junger Freund, in dem ich Sie nicht sich selbst überlassen kann. Ich verstehe Sie gar nicht vollständig, aber ich glaube annehmen zu dürfen, daß Sie eine Schlägerei oder dergleichen gehabt haben, und daß Sie, den ich hier in des Königs Rock vor mir sehe, zu desertieren beabsichtigen. Dazu kann ich in meiner Stellung als Reserveleutnant unmöglich die Hand bieten. Ganz abgesehen hiervon, scheint mir dieser Schritt so verhängnisvoll, daß ich Ihnen nicht dringend genug von einer so folgenschweren Uebereilung abraten kann!" 446 Leonhard schlug ungeduldig mit dem Absätze seines derben Soldatenstiefels auf den Fußboden. Dievenows Gelassenheit, weit entfernt, ihn zur Vernunft zu bringen, reizte ihn nur noch mehr. „Ja, ja! Sie haben gut reden. Was soll denn aus mir werden — Sie wissen ja nicht —" Dievenow unterbrach ihn. „Was auch geschehen sei, stellen Sie sich Ihrem Vorgesetzten- das ist der einzig korrekte Weg!" Leonhard lachte höhnisch auf. „Korrekt! Mit der Korrektheit ist'S vorbei — wenn einer einen Menschen umgebracht hat." „Umgebracht?" wiederholte Dievenow entsetzt. „Ja, umgebracht!" rief Leonhard, mit grausamer Deutlichkeit jede Silbe betonend. „Schreien Sie doch nicht so," herrschte ihn Dievenow an. Hatte er nicht ein Geräusch im Vorzimmer gehört? „Nein, nein," erwiderte Leonhard. „Man verfolgt mich nicht. Und bei Ihnen würde man mich sicherlich nicht suchen. Aber ich gehe schon —" Er wagte nicht mehr, um Hilfe zu bitten. „Wenn ich Ihnen als Deserteur zur Flucht verhelfen wollte, würde ich mich zu Ihrem Mitschuldigen machen und —" „In meiner Stellung als Reserveoffizier," fuhr Leonhard mit grimmigem Hohne fort und erhob sich. Dievenow legte seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes. „Nehmen Sie Vernunft an; erzählen Sie mir den Hergang." „Wozu? Es ist auch nicht viel zu erzählen. Wir waren zusammen auf Wache. Dieser Mensch hatte mich schon mit Sticheleien gequält bis aufs Blut. So arg wie heute hatte er es noch nie getrieben. Immer griff er meinen Vater an. Warum, weiß ich nicht. Er hat ihn gar nicht gekannt. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Und heute! Ich sollte nicht stolz sein, sagte er, er sei — es will mir nicht über die Lippen — er sei mein Bruder! Da warf ich ihn nieder, den infamen Lügner!" „Und — Sie sind sicher, daß er gelogen hat?" fragte Dievenow langsam, den Blick zu Boden gesenkt. „Dievenow!" „Mein armer Freund," fuhr Dievenow mit gedämpfter Stimme fort, „wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich mich sehr vorsehen, ehe ich für die Ehre meines Vaters die Hand ins Feuer legte," „Was soll das heißen?" schrie Leonhard. „Gegen meinen Vater soll niemand etwas sagen — niemand — niemand —" Unter dem festen Blick des älteren Mannes waren die Worte des Jünglings unsicher geworden- das letzte „niemand" erstarb fast auf den bleichen Lippen. „Stellen Sie sich Ihrem Vorgesetzten," begann Dievenow noch einmal eindringlicher, und zum erstenmal brach warme menschliche Anteilnahme durch das Eis seiner Reserve. „Ihr Eifer ehrt Sie, aber eine schadhafte Reputation wird dadurch nicht besser, daß man sie möglichst geräuschvoll verteidigt. Ich weiß nicht, ob der junge Mensch die Wahrheit gesprochen hat- aber ich weiß, daß es verschiedene Punkte im Leben Ihres Vaters giebt, die am besten mit dem Schleier der Vergessenheit bedeckt werden." „Sie lügen!" kreischte Leonhard wild auf. „Sie lügen! '* Dievenow zuckte die Achseln. Leonhard wandte sich und ging langsam festen Schrittes der Thür zu. Dort schaute er noch einmal zurück. Dievenow stand unbeweglich. „Sie lügen!" stammelte Leonhard noch einmal. Aber er glaubte selbst nicht mehr, was er sagte. XXIV. Frau Andree und Martha saßen im Wohnzimmer über das große Rechnungsbuch gebeugt, mit dem Monatsabschluß beschäftigt. Das Geld aus der Hauptkaffe hatten sie auf den Tisch ausgeschüttet und nach verschiedenen Wertsorten geordnet, um sich so das Zählen zu erleichtern. Plötzlich wurde die Thür aufgertssen. Erschrocken blickten sie auf. „Du hier?!" Sie hatten ihn nicht erwartet, der da vor ihnen stand, und fast hätten sie ihn nicht erkannt: wie ein Gespenst seiner selbst, weiß und fahl- nur die schwarzen Augen glühten unheimlich in ihren Höhlen. „Um Gotteswillen, Leonhard, was ist geschehen?" Er machte eine abwehrende Handbewegung. „Nachher, Mutter, nachher. Erst mußt Du mir eine Frage beantworten." Er trat dicht an sie heran. „Mutter, war mein Vater ein Ehrenmann?" Frau Andree stockte das Blut im Herzen. Bei aller Unruhe und Aufregung lag eine solche Feierlichkeit in Leonhards Gebühren, daß sie fühlte, hier gab es kein Entweichen- sie mußte Rede stehen, sogleich. Ohne zu forschen, warum er komme zu dieser Stunde, in diesem Aufzuge. — Aber wie sich so schnell fassen, was ihm sagen? Hatte sie darum Jahre lang im stillen gekämpft und gelitten, daß ein einziges Wort alles vergeblich machte? Nein, sie wollte nicht niederreißen, was sie aufgebaut hatte. „War mein Vater ein Ehrenmann?" klang es noch einmal an Dorotheas Ohr. „Und: „Ja," sagte sie leise und bestimmt. Leonhard atmete tief auf, und Martha preßte wie erleichtert die Hand gegen die wogende Brust. „Er hat nichts gethan," fuhr Leonhard fort, „dessen er sich zu schämen hätte, nichts, das nicht vor aller Welt ausgesprochen werden dürfte? — Mutter, er hat nichts gethan, womit er Dich gekränkt hätte, was sein Andenken in Deinem Herzen trüben könnte?" „Nichts," flüsterte sie. „Schwöre mir das, Mutter!" rief Leonhard ungestüm. „Schwören!" stammelte die Unglückliche. „Ich bitte Dich darum." „Schwören?" kam es noch einmal wie ein Hauch von den bebenden Lippen. ,/Ja, schwören, Mutter. Wenn es wahr ist, kannst Du es auch beschwören, und Du mußt und Du wirst es!" „Nein," sagte Frau Dorothea- und sie wußte, daß in diesem Augenblicke der Tempel, den sie dem Andenken ihres Gatten errichtet hatte, krachend zusammenbrach. „Nein!" schrie Leonhard. „So hast Du uns getäuscht!" rief Martha. „Hast uns belogen und alles, was jene anderen behaupteten, ist wahr — o Gott, alles — alles! — Unser Vater hat sein Vermögen durchgebracht zu seinem Vergnügen, und als er fertig damit war, als er sich und uns ruiniert hatte, nahm er sich das Leben —" „Das weiß man nicht," murmelte Dorothea, — „das weiß man nicht." „Er hat Dich hintergangen," fuhr Leonhard in höchster Erregung fort, „und jener Mensch ist wirklich mein Bruder, — und ich habe ihn erschlagen, weil er das behauptete." „Leonhard!" Wie ein Schrei rang es sich von zwei Lippenpaaren. „Ja, das habe ich gethan. Er begeiferte das Andenken meines Vaters, und wie einen tollen Hund habe ich ihn niedergeschlagen — Du weißt schon wen, Mutter. Und er hatte recht, und ich bin zum Mörder geworden um nichts — ich Narr! o ich Narr!" Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn und rannte wie ein Wahnsinniger aus dem Zimmer. Einen Augenblick verharrten die beide« Frauen wie gelähmt in dumpfer Betäubung, einen Augenblick nur, dann erhob sich Frau Andree. Ueber all den furchtbaren seelischen Qualen war ihr nicht ganz die Erwägung dessen verloren gegangen, was zunächst not thue - nur das Nächstliegende ins Auge fassend, mit mütterlicher Zärtlichkeit für die Wohlfahrt — 447 des geliebten Kindes sorgend, so wie sie sich ihr im Momente selbst darstellte. Sie raffte von den Geldstücken, die vor ihr auf dem Tische lagen, zusammen, was sie zu greifen vermochte und eilte dem Sohne nach. Im Vorsaale war inzwischen Las Gas verlöscht und die Thür geschloffen worden,- und so stand Leonhard noch immer vor dem Ausgang und suchte nach dem Schlüssel. „Hier, Leonhard, hier!" flüsterte sie, ihm das Geld hinhaltend, „und einen anderen Anzug, einen warmen Mantel —" Leonhard begriff nicht gleich. „Nimm, nimm!" drängte sie. „Du kannst doch nicht ohne Geld —" „Ja," antwortete er wie geistesabwesend. „Ich kann doch nicht ohne Geld —" Sie versuchte Licht zu machen, aber die Hände zitterten ihr so stark, daß sie die Zündhölzchen nicht zum brennen brachte. Nun öffnete sie den Kletderschrank, der im Vorsaal stand. Sie hielt gut Ordnung und wußte auch im Dunkeln das Richtige zu finden. Sie packte zusammen, was ihr gerade in die Hände fiel und wickelte alles in eine Reisedecke. (Fortsetzung folgt.) Fraumaugen trügen nicht. Novellette von Dagobert von Gerhardt-Amyntor. ~—— (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Hohenstein tritt in einen geschmackvoll eingerichteten Junggesellen-Salon und sieht sich einem mittelgroßen, schlanken Herrn gegenüber, der einen bürgerlichen Hausanzug trägt. Gott sei Dank! denkt er unwillkürlich bei sich, ich bin um eines Hauptes Länge größer als dieser Offizier/ an Körper- krast bin ich ihm zweifellos überlegen. „Habe ich die Ehre, Herrn Grafen von Meerburg . . ?" „Der bin ich. Was verschafft mir die Ehre?" „Ich bin der RegierungSrat Dr. von Hohenstein —" Der Sprechende hält einen Augenblick inne und prüft den andern mit forschendem Blick/ er glaubt ein Zusammenschrecken des Grafen bemerkt zu haben, nun fährt er mit schneidender Schärfe fort: „und gestatte mir die Frage, wer war die Dame, die Sie vorhin verlassen hat?" Der Graf erbleicht über die herausfordernde Anmaßung und den Ton der Frage. „Vorhin?" wiederholt er, „welche Zeit meinen Sie denn?" „Nun, es ist jetzt bald sechs/ ich möchte also wiffen, wer um fünf Uhr bei Ihnen war". „Um fünf Uhr . . . allerdings ... da habe ich die Ehre eines Damenbesuchs gehabt . . . aber, mein Herr, mit welchem Rechte kümmern Sie sich um meine Privatangelegenheiten?" Es hat scharf und gereizt geklungen. Aber gerade aus diesem Klange glaubt Hohenstein die Bestätigung seines furcht- baren Verdachtes, das volle Geständnis des überführten Don Juans herauszuhören. „Mit dem Rechte des . . ." er wollte „Ehegatten" sagen, über heiße Scham und Empörung ließ ihn dies Wort nicht -über die Zunge bringen/ so zischte er nur die Umkleidung des Wortes hervor: „mit dem Rechte des berufensten Vertreters jener Dame. Wie hieß sie?" „Ich werde Ihnen nie den Namen nennen, mein Wort darauf! UebrigenS verbitte ich mir den Ton, den Sie anzuschlagen belieben! Das Blut drang dem Hitzigen zu Kopf. Er war seiner selbst nicht mächtig und knirschte das verhängnisvolle Wort durch die Zähne: „Sie haben sich gar nichts zu verbitten. Wenn Sie Mir Annas Namen nicht nennen wollen, so sind Sie ein . ." Das Unglück war geschehen. Der unwillkürlich ausgestoßene Name „Anna" bethätigte dem Grafen die Vermutung, daß Hohenstein um den Besuch der Gräfin Streitfeld wußte, mit der er, der Herr Ministerialrat, in irgend welcher Weise verwandt sein mochte. Noch wäre eine Aufklärung möglich gewesen, aber der unvollendete Satz „so sind Sie ein . . ." raubte nun auch dem Grafen jede Ueber- legung. Er riß einen an der Wand hängenden Säbel vom Nagel und fragte zitternd: „Was bin ich? Vollenden Sie, wenn Sie den Mut dazu haben!" Mit raschem Griffe hatte Herr von Hohenstein den Säbel des Gegners gefaßt und dem vergeblich Widerstrebenden entwunden. „Ein Feigling sind Sie, wenn Sie mir den Namen der Dame nicht nennen!" Der Graf Meerburg war leichenfahl geworden. „Den Namen nenne ich nicht, ich gab mein Wort darauf. Für den Feigling werve ich mir blutige Genug- thuung fordern . . ." „Die auch ich mir nehmen werde", fiel ihm Hohenstein ins Wort. „Aber glauben Sie nicht, daß ich mich auf ein gewöhnliches Duell einlaffen und den Ruf jener Dame der Oeffentlichkeit preisgeben werde. WaS wir miteinander abzumachen haben, das soll im geheimen abgemacht werden und der klatschenden Gesellschaft für immer ein Rätsel bleiben. Hier halte ich zwei ungleiche Papterstreifen", — er hatte einen Zettel aus der Tasche hervorgeholt und zerriffen — „wenn Sie den kürzeren ziehen, so haben Sie bis morgen früh um 8 Uhr diese Welt zu verlassen/ ziehen Sie den längeren, so ist es an mir, Platz zu machen. Einer von uns ist zu viel". „Ein amerikanisches Duell", sagte naserümpfend der Graf. „Nennen Sie es, wie Sie wollen", stieß Hohenstein, noch immer sinnlos vor Wut, hervor, „ich nenne es ein deutsches. Hier, ziehen Sie, wenn Sie Mut haben!" Er hielt ihm die geschlossene Faust hin, aus der zwei Papierenden hervorguckten. Verächtlich lächelte der Graf, indem er seine Hand zu diesem ungewöhnlichen Lotto gelassen ausstreckte. „Ich ziehe, und wenn das Schicksal gerecht waltet, wird es den Wahnsinnigen, der mich ohne jeden Grund hier überfallen hat, züchtigen". Er zog den — kürzeren Streifen. „Sie sehen, Graf Meerburg, das Schicksal verdammt den Frevler. Sie werden nie wieder den Ruf einer Dame bloßstellen. Morgen früh stehen Sie vor dem ewigen Richter." Hohenstein wandte sich und verließ ohne weiteren Gruß das Zimmer des Grafen. * * * Am Abende dieses Tages fitzt Herr von Hohenstein seiner jungen Gemahlin am Theetisch gegenüber. Diese reicht ihm die Taffe mit dem heißen, goldgelben Getränk. Ihre Hand zittert leicht. „Was fehlt Dir, Anna? Deine Hand zittert". Anna hebt das Angesicht und steht ihren Gatten mit besorgt forschendem Blicke an. „Nichts, mein Liebling. Aber Du ... Du bist so ganz anders ... so zerstreut, so in Dich versunken . . an was denkst Du denn? was quält Dich?" Sie ist aufgestanden und hat sich auf sein Knie gesetzt, indem ihre Hand zärtlich seine Stirn streichelt. Dem Herrn Gemahl wird ganz seltsam zu Mute. „Anna, steh mir einmal in die Augen". „Gern, mein Liebling. Was haft Du?" Sie hält seinen bohrenden Blick unbefangen aus. Warum hat er bisher diese Augen nicht schärfer geprüft? Er hat ihre Mienen, ihre Gebärden und Bewegungen belauert, ihre Gedanken zu erraten gesucht, aber nie diese Augensterne studiert. 448 Eine ungeheure Angst befällt ihn,- denn er fühlt, so unschuldige, so liebeverklärte Augen können nicht täuschen. „Anna", sagt er gepreßten Tones, „hast Du mir was zu verbergen?" „Wenn Du mich so feierlich fragst, Otto, ja, ich habe Dir bisher etwas verborgen". Die Herzschläge Hohensteins verlangsamen sich. Wird jetzt die Beichte kommen, die Bestätigung seiner Schande?" „Längst schon wollte ich Dir's sagen", fährt sie vertraulich fort, „aber ich fürchtete immer, Deinen Stolz zu verletzen". Aha! denkt er, ihre Augen trügen dennoch. „Du bist von altem Adel, und mich quälte die Angst, Du könntest am Ende Deine Verbindung mit unserer Familie bereuen; aber wir sind an der Sache wirklich unschuldig . . mein armer Vater hat Geduld genug gehabt und gethan, was er nur thun konnte ... es war alles vergeblich". „Um Gottes willen, was meinst Du denn?" „Nun, eben das, was ich Dir verbergen wollte: meine heimlichen Besuche . . „Wo?" „In der Rankestraße". „Nummer 200?" „So weißt Du schon, daß er dort wohnt?" Wieder bohrt er seinen Blick in ihre Augen. Solche Augen können nicht lügen! Um vieles ruhiger fragt er zurück: „Von wem sprichst Du denn?" „Nun — von meinem Bruder, dessen Existenz Du nie erfahren solltest. Mein Vater hat ihn einst verstoßen wegen — wegen schlechter Streiche. Nun ist er nach jahrelanger Abwesenheit reumütig zurückgekehrt und sucht sich dem Vater wieder zu nähern. Er hat mich um meine Vermittlung bestürmt, und ich konnte es nicht übers Herz bringen, nein zu sagen. Da habe ich ihn heimlich in der Rankestraße eingemietet und bringe ihm ab und zu Nachricht . . ." „Kennst Du den Grafen Meerburg?" Noch einmal zittert seine Stimme vor Angst und Erwartung. „Nur dem Namen nach. Ich habe sein Schild gelesener wohnt gerade unter meinem Bruder". Hohenstein umarmt sein Weib und drückt es ungestüm ans Herz. „Gott segne Dich, Geliebte! Du hast mir das Leben wiedergegeben! Ich muß fort. Der Allmächtige gebe, daß ich nicht zu spät komme!" „Wohin denn, Otto? was hast Du?" „Später, Anna, später! es handelt sich um ein Menschenleben !" Und fort ist er und läßt sein Weib in Schreck und Bestürzung zurück. * * * „Der Graf hat befohlen, niemand mehr vorzulassen - er arbeitet am Schreibtisch". „Gott sei Dank". Wie ein Jubelruf ringt es sich aus Hohensteins atemloser Brust. Er schiebt den Diener gewaltsam zur Seite und stürmt in das Zimmer des Offiziers. „Vergebung, Herr Graf! Seien Sie großmütig und barmherzig! In geistiger Umnachtung habe ich gehandelt . . ein Unzurechnungsfähiger konnte Sie nicht beleidigen ... zu jeder Abbitte, zu jeder Sühne bin ich bereit. Sie sind ein Gbrenmann und als Ehrenmann müssen Sie dem Reumütigen verzeihen". Der Graf ist vom Schreibtisch, an dem er die Niederschrift seines letzten Willens beendigt hat, aufgestanden. Er kehrt aus der Ewigkeit, in der er gewissermaßen schon geweilt hat, in die Zeitlichkeit zurück und sieht den Eindringling befremdet an. Hohenstein fährt dringlich fort: „Dadurch, daß Sie noch leben, (haben Sie mir selbst Leben und Ehre wiedergegeben". Er will in die Kniee sinken, doch der andere hindert ihn daran mit schneller Armbewegung. „Lassen Sie das, Herr von Hohenstein! Haben Sie eingesehen, daß ich als Ehrenmann den Ruf einer mir vertrauenden Dame durch Nennung ihres Namens nicht bloßstellen durfte?" „Sie waren im heiligsten Recht und ich war ein vom Wahn verblendeter Narr". Und er erzählt, was ihm seine Gattin mitgeteilt hat. Der Graf lächelt milde. „Da dies voraussichtlich streng unter uns bleiben wird, so will ich Ihnen freiwillig anvertrauen, daß die Gräfin Streitfeld bet mir war, eine Geldspende für ein Krankenhaus einzukasfieren. So! Ich vergebe Ihnen als Mensch und als Christ". Wie berauscht von jungem Weine eilte Hohenstein nach Hause- nur den einen Vorwurf machte er sich noch, daß er nicht früher Annas Augen studiert und sich nicht des Wortes erinnert hatte: Frauenaugen trügen nicht. GeineßiIiEtziges. Japanische weiße seidene Taschentücher dürfen nicht so wie die Leinentaschentücher gewaschen werden, sollen sie nicht bald ganz unansehnlich werden. Man muß sie für sich in lauwarmem Seifenwasser gut waschen, bis sie sauber sind, dann auch lauwarm spülen, ein wenig bläuen und gut ausgerungen in weiße Leinentücher wickeln. In ihnen läßt man die Tücher etwa vier bis fünf Stunden, dann sind sie so weit abgetrocknet, daß man sie auf der linken Seite bügeln kann. Auf diese Weise gereinigte Taschentücher werden wie neu. Gardinen zn färben. Die schöne Rahmfarbe kann man sich ganz leicht herstellen, indem man ungefähr 10 Gramm Rhabarber (für 10 bis 20 Pfennig) mit Liter kochendem Wasfer aufbrüht, durchseiht und der Stärke zusetzt. Diese Menge genügt für ein Paar Gardinen. Gesundheitspflege. Das Schwitzen des Körpers wird gefährlich, wenn man sich in den Schatten legt oder wenn die Sonne hinunter ist. Infolge einer solchen Plötzlichen Abkühlung kann man sich leicht eine Lungenentzündurg, Nervenschmerz, Rheumatismus, ja selbst den Starrkrampf zuziehen, Fälle, wie sie bei Arbeitern, namentlich auch zur Erntezeit, infolge von Erkältung eintraten, wenn sie in Schweiß gebadet, sich ins frische Gras oder an einen andern kühlen Ort legten. Solche Erkältungen sind in wollenen und baumwollenen Hemden viel weniger zu fürchten, als in leinenen. Bei der Rückkehr nach Hause soll man alsbald als möglich trockene Wäsche anziehen und so lange, als man es thun kann, sich in Bewegung erhalten, namentlich wenn der Wind geht. Mundwasser gegen übelriechenden Atem erhält man aus einer Lösung von übermangansaurem Kalt, dasselbe liefert jedes Drogengeschäft. Für zehn Pfennig Kali genügt zu einer ^4 Liter enthaltenden Flasche, in welche die dunklen Körnchen htneingeschüttet werden. Durch Hin- und Herschütteln nimmt die Flüssigkeit eine rot-violette Färbung an. Es genügt sehr wenig von der Lösung, um ein Glas mit lauwarmen Mundwasser blaßrosa zu färben- ein Zuviel könnte leicht die Zähne dunkel färben, wenn dieselben nicht nachgeputzt werden. Redaktion: «. Burkhardt. — Druck mtb Verlag der Brühl'scheu UmversitätS-Buch. und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gieße«.