Sonntag den 8. Januar. 1899. LfombOcH"''* Ct OLEtzM MA nd sei die Woche noch so grau; Von einer Sonntagsfeierstunde Bleibt wie ein Stückchen Himmelsblau Ein Abglanz dir im Herzensgründe. Rich. Zoozmann. Nachdruck verboten. Gesühnte Schuld. Roman von Alexander Römer. (Fortsetzung.) Unterdessen saß der Majoratsherr auf Trautdorf, Herr Jobst von Trott, der einsame Junggeselle, in seinem geräumigen Studierzimmer, das von seinen hohen Fenstern aus den Ausblick in eine grüne Wald- und Bergeinsamkeit bot. Das Schloß lag hoch, man schaute auf die Wipfel der kräftigen, schlanken Tannen hinab. Der dichte Wald zog sich die Berglehnen hinan, von grünen Matten, auch Kornfeldern unterbrochen. Jetzt war es Winter, auf Matten und Feldern lag noch die Schneedecke, schwärzlich dunkel stach der Wald dagegen ab. An das Studierzimmer stieß die Bibliothek. Die schwere eichene, mit schönen Holzschnitzereien versehene Thür zu derselben stand geöffnet, in dem großen, altdeutschen, grünen Kachelofen praffelte ein Holzfeuer. Der hagere, angehende Sechziger, hatte ein strenges, eingefallenes Gesicht. Er hielt einen Brief in der Hand, den er heute morgen schon zum drittenmale las. Das war etwas sehr Merkwürdiges. Ter Schloßherr lebte einsiedlerisch, er verwaltete sein reiches Besitztum ganz allein und führte eine rege geschäftliche Korrespondenz, die er sehr rasch und gewandt zu erledigen Pflegte. Man nannte ihn den Aktienbaron, denn er besaß ein ungewöhnliches Spekulationsgenie. Er hatte auf seinem großen Besitztum große Fabriken eingerichtet und beteiligte sich auch noch an anderen industriellen Unternehmungen. Sein Verkehr mit den Standesgenoffen beschränkte sich auf wenige gegenseitige Besuche, einige üppige Herrendiners während der Jagdzeit und ein größeres, dann überaus glanzvoll ausgestatletes Fest im Jahr, zu dem auch die Damen der Aristokratie aus der Umgegend und der benachbarten Garnisonstadt eingeladen wurden. Was enthielt denn dieser Brief so Besonderes? Er war unterzeichnet: Herbert, Graf zur Lippe, und kam aus Florenz. Herbert — Graf zur Lippe — der einsame Mann mit dem stark gebleichten Haar hielt den Kopf in die Hand gestützt — der Träger dieses Namens hatte ihm einst schweres Leid zugefügt. Seine ihm anverlobte Braut hatte ihm um jenes willen die Treue gebrochen und war die Gattin dieses Herbert geworden. Nun war er alt und grau, die Stimmen der Leidenschaften waren verstummt, die Herzen kalt geworden, die Gluten alle erloschen. Sie ruhte lange im kühlen Erdenschoß und er, sein gehaßter Nebenbuhler, lebte seit Jahren mit seinem einzigen Kinde im Ausland. „Zürnen Sie noch, Jobst?" stand in dem Briefe. „Sahen Sie, der tiefe Denker und grüblerische Philosoph, als welchen Ihre Schriften Sie der Welt darstellen, nicht längst ein, daß Liebe Naturgewalt ist, und daß wir armen Menschen keine Macht über Naturgewalten haben? Hertha liebte mich und wir waren glücklich, Ihrer gedachten wir als eines uns teuren, bedeutenden Menschen, dem nahe zu bleiben, das Schicksal uns verwehrte. Sie standen über uns, was Geist und Charakter anlangte, aber wir waren glücklich und Sie nicht. Mir ist Hertha nie gestorben, sie lebt neben mir in ihrem Kinde fort. Die jetzt achtzehnjährige Hertha ist ihr Ebenbild geworden, äußerlich und innerlich. Ich bin ein kranker Mann, das südliche Klima, in dem ich seit Jahren lebe, heilt meine kranke Lunge nicht, und ich sehe mich um nach einem Schutz sür meine, für Herthas Tochter, wenn ich nicht mehr bin. Dürfen wir zu Ihnen kommen? Wollen Sie uns sehen? Vielleicht erwärmt sich Ihr Herz sür dieses junge, reine Wesen. „Während ich dies schreibe, ich, der Schwärmer und Idealist, der ich geblieben bin bis heute, stockt meine Feder. Dem nüchternen Gelehrten, dem einsamen Philosophen sage ich das — und doch sende ich die Zeilen ab." Und über diesem Brief saß der kühle Denker. Es war totenstill um ihn her, niemand sah, niemand störte ihn. Auf einmal erhob er sich, strich das noch volle, graue Haar aus der niedrigen Stirn und trat ans Fenster. In seinen stahlgrauen Augen, deren durchdringender Blick von seinen Untergebenen gesürchtet war, blinkte ein fremder Strahl. Der Wind rauschte draußen durch die hohen Tanncn- wipsel, von denen es schwer herabtropste. Aus den Drachenköpfen, den Wafferspeiern an den Vorsprüngen der Gesimse, rieselte eintönig das Wasser und floß zu Thal. T eS Schloß- 18 Herrn buschige Augenbrauen zogen sich zusammen, neue, fremde Gedanken zogen durch seinen alten Kopf. War er fähig, eine auserstandene Hertha wiederzusehen? Oh gewiß! er war zu allem fähig, seine schmalen Lippen kräuselten sich bitter. Aber — der nüchterne, praktische Verstand beleuchtete die Lage der Dinge, die Konsequenzen. Wenn Herbert, wenn des Mädchens Vater starb — er erwog, daß der lungenkranke Mann diesen Brief wohl nur unter dem zwingenden Einfluß begründeter Sorgen geschrieben habe — was konnte er der Waise sein? In sein Einsiedlerleben paßte keine junge Dame. Immer tiefer furchte sich seine Stirn, — Albert, sein Neffe, sein Erbe, — bislang ein unbedeutender Knabe ohne schlimme Fehler, gut geartet, aus dem wohl nur ein Dutzendmensch wurde, seine Gedanken schweiften zu ihm ab. Es war ihm bis jetzt schwer geworden, ein rechtes Interesse für seinen Erben zu gewinnen. Sie waren beide jung, paßten an Alter und Verhältnissen, Albert und diese Hertha, waren beide — obgleich er das Mädchen noch gar nicht kannte, sah er doch in ihr die auferstandene Mutter — tym die Nächsten. Für Albert war es vielleicht gut, wenn er früh in die Ehe trat, für sie — Er blieb, in tiefes Sinnen verloren, stehen, sonderbar — in seinem alten, sonst klaren Kopf wirrte sich allerlei durch einander, als ob ein Kobold darin rumore. Er sah ein junges, elfenhaft schönes Geschöpf durch die weiten Säle und Hallen schweben, m t glänzendem Haar, mit fröhlichem Gesicht, er hörte Lachen — Kinderstimmen — und faßte stöhnend an seine Schläfen — war er toll geworden? Aber nach einer kleinen Weile saß er da an seinem Schreibtisch und schrieb in seiner steifen, geraden Schrift: „Haben Sie Dank, Herbert, kommen Sie mit Ihrem Kinde, mein Haus und Herz soll Ihnen offen stehen." Viertes Kapitel. Vater Weiland war in sehr gehobener Stimmung. Der Erfolg, den das erste Auftreten seiner Tochter gehabt, war ihm gewaltig zu Kopf gestiegen. Seine Frau, auf deren blassem Gesicht auch ein fröhlicherer Schein lag, hörte schon zum zwanzigstenmale alle Einzelheiten der Triumphe ihrer Mathilde und seufzte nur still für sich zu all den kühnen, ins Ungeheuerlichste sich erweiternden Luftschlössern, die ihr Mann darauf baute. Mathilde war am andern Morgen müde und verstimmt und ging mit schwerem Kopfweh zu ihren Stunden. Die Mutter sorgte sich um die Zukunst gerade dieser Tochter am schwersten und meinte oft in ihrem beschränkten Sinn, es wäre für die Tilde ebenso gut, wenn sie weniger hübsch und weniger talentvoll wäre, und dafür mit ihrem Sinn mehr da, wohm sie gehöite. Sie hatte in jüngster Zeit allerlei Verdacht geschöpft, den sie freilich nicht laut werden ließ. Heinz, der durchtriebene Junge, hatte allerlei Heimlichkeiten mit Mach lde, sie hätte nicht zu sagen gewußr, was sie eigentlich fürchtete — die schöne Tocbtcr mit ihrem stolzen Wesen imponierte der einfachen Mutter — sie zu fragen wagte sie gar nicht, und von Heinz war auch nichts herauszubringen, aber da war etwas nicht in Ordnung. Ihrem Mann durfte sie keine Andeutung machen, der war so plump dreinfahrend, daß er mehr verdorben als genützt hätte. So schwieg sie denn und behielt nur ein wachsames Auge für alles. Heinz war postillon d’amour. Er brachte die billets doux vom Schwager L eutenant, wie er Albert zu Mathilden nannte, für die Schwester von seinen Schulwegen mit, wo Albert ihn zu treffen suchte und sie ihm zusteckte. Albert schrieb heute sehr leidenschaftlich und bestellte die Geliebte zum Stelldichein am Abend im Kreuzgang. Mathilde schwankte. Jbr Beruand sagte ihr, daß sie nicht so entgegenkommend sem dürfe, daß sie diese heimlichen Zusammenkünfte, welche ihren Ruf gefährdeten, einschränken müsse. Aber er schrieb heute so dringend, daß er ihr Wichtiges mitzuteilen habe, ganz etwas Neues, Hochwichtiges. Das mußte sie doch erfahren. Sie schlich sich also wieder fett und war im Kreuzgang. Wie wild, wie ungestüm war er heut abend, erregt, wie im Fieber! Sie begriff zu Anfang gar nicht den Zusammenhang seiner Reden. Dieser neu aufgetauchte Bruder, über dessen Leben und Vergangenheit Albert auch ihr gegenüber allerlei zu verschweigen wünschte, die Erbrechte desselben, teilte Entsagungsvorsätze zu ihren Gunsten, wenn sie dem alten Majoratsherrn zu gefallen vermöchte, das alles klang wie ein Märchen. Es war schon den ganzen Tag so eisig kalt gewesen, ein eisiger Wind dnrchkältete die Glieder bis ins Mark. Jetzt raste er stärker und stärker und artete in einen O'kan aus, der den Aufenthalt in dem Kreuzgang sehr unbehaglich machte. „Du mußt die Sachlage begreifen, das ist von der größten Wichtigkeit," sagte Albert aufgeregt, „hier aber kann ich Dir nichts erklären. Vertraue mir, ich sah dies voraus und sorgte für ein Zimmer in der Nähe, wo wir uns ungestört aussprechen können. Sei nicht prüde und engherzig in diesem Augenblick, Geliebte," fuhr er dringlicher fort- als er gewahrte, wie sie scheu zurücktrat und heftig erschrak, „es handelt sich bei Gott um ernste Dinge, um unser zukünftiges Lebensglück. Noch nie hatte ich mir die Aussichtslosigkeit unserer Liebe so klar gemacht, als da mir der Bruder diesen Ausweg eröffnete." „Wohin willst Du mich führen?" fragte sie bebend, „weißt Du, daß solch ein Schritt mich ehrlos macht?" „Ach was! ehrlos — niemand kennt uns in dem Hauseich dachte an alles, ich trage Civil, die Wirtin ist eine Handwerkerfrau, die sich um nichts kümmert, als um die Miete, die ich im voraus zahlte. Glaubst Du, daß, wenn nicht die zwingende Notwendigkeit zu solchem Schritt vorläge, ich ihn Dir, meiner zukünftigen Gattin, zumuten würde?" Seine Stimme bebte, sie begriff die Wichtigkeit einer ungestörten Aussprache, sie schwankte. „Albert! wenn irgend ein Mensch davon erführe, wenn ich erkannt würde, eine Stimme sagt mir, daß ich es um keinen Preis thun darf." „So bin ich machtlos; mit drei Worten hier im Sturm kann ich Dir den Plan nicht auseinandersetzen, ohne Deine Zustimmung ihn nicht einleiten, Hans kehrt in wenig Tagen zurück, er ist ein unberechenbarer Mensch, diese Chance kehrt nie für uns wieder." Er zog sie, die halb betäubt an seinem Arm hing, mit sich fort, der Sturm riß sie beinahe um, ihr gingen chaotische Gedanken durch den Kopf — hören mußte sie, was er zu sagen hatte. „Kannst Du es mir nicht schreiben?" bat sie noch einmal zagend, ihr Körper zitterte wie Espenlaub. „Armes Lieb! wenn ich es könnte — ich flehe Dich an, sei nicht kleinlich, dort ist das Haus, gleich im Erdgeschoß ist der Raum, ich trage den Schlüssel in der Tasche, niemand sieht uns, und Du mußt Dich erst wärmen, Du bist erstarrt unter diesem eisigen Wind, bist unfähig, mich hier zu hören, zu verstehen." Sie folgte ihm willenlos. Ihr war, als ob eine fremde Gewalt sie vorwärts trüge, ihre Füße waren so erstarrt, daß es sie dünkte, als ob sie den Boden gar nicht berührten. Da hatte er die kleine Hausthür geöffnet, drinnen war es dunkel, er tastete nach dem Schlüsselloch, der Schlüffe! drehte sich im Schloß, sie ward über die Schwelle geschoben, Lichtschein traf ihre Augen, er rieb ein Zündholz an, und dann erhellte eine kleine Lampe das spießbürgerlich eingerichtete Gemach, die Putzstube der Handwerkerleute. Dichte Läden verschlossen die Fenster, die Thüre sperrte er hinter sich zu, sie war mit ihm allein. Ihr Gesicht verhüllend, sank sie auf das Sofa. 19 Er stand selbst beklommen ihr gegenüber. „Faß Dich," sagte er weich, „vertraust Du mir so wenig?" 3ß:e schön war sie, als ihr jetzt das Pelzkäppchen von den blonden Locken glitt, so wunderltebltch in ihrer verschämten Angst, er sank zu ihren Füßen nieder und bedeckte ihre Hände mit Küsten. Sie entzog sich ihm ungestüm und sprang auf. „Sage mir jetzt ra'ch, was Du mir zu sagen hast, Albert. Nein — bleib dort an Deinem Platz und laß mich hier, Gott weiß, welch ein Opfer ich Dir in diesem Augenblick bringe." Sie war so ernst und hoheitsvoll, daß Albert zurücktrat, aber er murrte innerlich und nannte sie pedantisch. Er murmelte etwas von übertriebener Prüderie, er hatte sich diese stunde sehr wonnig ausgemalt, war mit seinen Gedanken weit mehr bei dem Genuß des Augenblicks, als bet der fernen Zukunft. Es war eine Sekunde lang peinlich still im Zimmer, draußen rief die Wirtin mit schriller Stimme nach ihrem Manne, Mathilde erbleichte und fuhr zusammen. Albert lächelte beinahe spöttisch. „Kleiner Hasenfuß," sagte er, „ich hielt Dich für mutiger. Und von Oir wird noch weit Schwereres und Ungewöhnliches verlangt, ich rechnete auf Deine groß angelegte Natur." „R-de," sagte sie kurz. Sie stand da mit fragenden, sieberglänzenden Augen ihm gegenüber und sah ganz anders aus, als sonst. Em fremder Zug lag in ihrem schönen Gesicht, den Albert nicht kannte. Sie litt unter einem Gefühl tiefer Scham und Demütigung, das er nicht verstand. Und endlich sprach er und setzte seinen Plan auseinander. Ihr Ohr sog begierig jedes ferner Worte ein, sie prüfte seine Vorschläge, die seltsam verschlungenen Verhältnisse fast nüchtern. (Fortsetzung folgt.) Schmuck. Von Jeannette Bramer. ----— (Nachdruck verboten.) Es giebt nichts neues unter der Sonne! Ob der weise Rabbi sein Wort auch heute noch aufrecht erhalten könnte? Jetzt im Zeitalter der sich drängenden Erfindungen, die das Erstaunliche von noch Erstaunlicherem übertrumpfen lassen? Ben Akiba's Weisheit würde vielleicht Schlüsse zu ziehen vermögen, die seinen unsterblichen Worten keinen Abbruch thun würden! Der Ueberfluß an „Neuem", welcher immer wieder den Markt füllt, an Gegenständen, die den Menschen selbst und sein „Heim" schmücken sollen, beweist trotz der Versicherung „Allerneuestes — nur den Kreislauf, den die Dinge dieser Zeit mit ihrer alten Mutter Erde immer wieder nehmen. Ein Zurückgreifen auf schon Dagewesenes in Form, Farbe oder Stoff tritt dem denkenden Beschauer der Auslagen einer Großstadt leicht entgegen. Je weiter hinaus in die Vergangenheit gegriffen wird, um so mehr gereichen die Muster oft manchen Zweigen moderner Industrie zum Vorteil. Zu diesen Zweigen gehört unstreitig auch die Jahrtausende -alte Freude des Menschengeschlechtes: „der glänzende Sch muck"! Der schlichte Reif einfachster Ornamentierung, diese aus seinen Strichen oder Mäanderverschltngung bestehend, bar heute in seiner Nachahmung den Arm der modernen Frau umschließen, wie er die Germanin der Urzeit schmückte, bevor der Einfluß glänzenden Römertums in Deutschlands Wälder drang! Wie die Germanenfrau, die noch kein anderes Metall -als das heimische graue Eisen kannte, die Fibel, die das Gewand nestelte, den Kamm, der die Fülle des Haares stützte, den Ring, der den Arm schmückend umspannte, aus blank geputztem Eisen trug, so kann die heutige Anbeterin des „Neuesten" auch in Form und Stoff gleichen Schmuck, unter gnädiger Erlaubnis der Mode, anlegen. Die ungezählten feinen Silber- oder Goldreifen, welche Frau Mode ihren Jüngerinnen bietet, hat sie auch schon Chrimhild und Brunhild zu tragen erlaubt- dieses hochbeliebte Geschmeide durfte schon vor nahezu 2000 Jahren keinem Schatzkästlein fehlen! Ist es wohl ein Schritt der Rückkehr zum Heldenqeiste gewaltiger Recken der Vorzeit, an deren Armen viele Ringe „von rotem Golde" klirrten — wenn sich in tonangebenden Kreisen die Herren der Gegenwart ihr Handgelenk mit kostbarem Armband schmücken? Jedenfalls aber war's eine Rückkehr zur hohen Tugend reiner Vaterlandsliebe, als die Frauen und Jungfrauen aller Stände während der Befreiungskriege ihre wertvollen Ketten, Gürtel, Gehänge, ja selbst ihre goldenen Trauringe aus dem Altäre des Vaterlandes ' opferten! „Gebt Euer Gold für Eisen! war die Losung! Manch' ein eiserner Ehering aus jenen Tagen wird noch mit Stolz in deutschen Familien aufbcwahrt! Als endlich sich wieder Frieden über unser Vaterland breitete, begann eine Zeit der Einfachheit, geläuterter Sitten und harmloser Lebensfreude. Die Mittel, verlorene Luxus- gegenstände, vor allem Schmuck von Gold und Edelsteinen, sich wieder anzuschaffen, fehlten durchschnittlich. — Aber „am Golde hängt, nach Gold drängt doch alles". — Die Freude am Blinkenden ist der Jugend eingeboren, das Alter verschließt sich ihr auch nicht. In den zwanziger Jahren kam ziemlich viel Schmuck aus „Tombak", falschen Steinen und Wachsperlen in den Handel, der aber nur geringen Beifall fand. Man begnügte sich lieber mit der schlichtesten Form aus dünnem Golde — aber edles Metall sollte es fein, jene Zeit gab nichts auf den Schein! Kunstvoll gearbeitete Sachen würden zu teuer gewesen fein, fanden nicht genügenden Absatz, und so machte sich denn bald eine gewisse Eintönigkeit und sogar Geschmacklosigkeit auf dem Gebiete des Frauenschmuckes bemerkbar! Vor allem ein gänzliches Entfernen von antiken Mustern. Das blaßgoldene Ringelein mit dem himmelblauen Vergißmeinnicht, den silbernen Fingerreif mit angehenkeltem Silberherz, widmete Liebe und Freundschaft. Als kostbare Gabe galten die hoch im Ansehen stehenden Ohrgehänge. Rücksichtsvolle Eltern, Paten und Freunde bedachten schon in frühester Jugend die kleinen Mädchen mit öem verhängnisvollen Geschenk, an das sich, infolge des Einbohrens in die Oehrchen, zumeist einige schmerzensreiche Tage schloffen. Gewappnet mit dem Mute der Gracchen Mutter begab sich die Mutter des ohrringbeschenkten Mädchens zu dem Goldschmiede, dessen geübte Hand die zum Einhaken des Schmuckstückes notwendige Operation vollziehen sollte! Während der Meister dem zitternden Kinde mit einer Hand einen Korkstopfen hinter das Ohrläppchen drückte, bohrte er mit der anderen die spitze, lange Nadel durch des zarten O hrchens Ende und schob alsdann in die kleine, blutende Wunde den goldenen Reif mit dem Gehänge. Die kleine Märtyrerin der Eitelkeit konnte nun, von Schmerz und Glückseligkeit erfüllt, sich den freudig erstaunten Angehörigen in ihrem glänzenden Schmucke zeigen. — Die erste Nacht nach der grausamen Behandlung des Oehrchens brachte ja durch Brand und Anschwellung des Ohriäppvens rechtes Unbehagen, aber der Gedanke: „Was weraen „sie" morgen in der Schule sagen, half wirksam über den Schmerz hinaus". Wie wollte sich andern Tages die k.eine, beohrringte Schar in der Klaffe „halb tot lachen", als die Lehrerin von wilden Menschen erzählte, welche Ringe, durch die Nase gebohrt, trügen! Nein, so was!! — Ein lieblicher Schmuck der zwanziger Jahre war das Stirnband von Sammet oder Haargcflecht. Man trug cs, als Halt des glatten Scheitels, um den Kops herum gelegt, so daß sein goldener, häufig mit einem winzigen rubmge- 20 schmückte« Herz verzierter Verschluß auf der Mitte der Stirne Prangte. Die kleine Kapsel am Schluffe diente nicht selten einem getrockneten Vergißmeinnicht als Schrein! — In einer bekannten Stadt am Fuldastrande brachte ein Juwelier jener Zeit einmal Ohrgehänge in seiner „Auslage", von denen ein Stück des Paares ein zierlich gearbeitetes, goldnes Vorhängeschloß, das andere den dazu paffenden Schlüssel repräsentierte! Da nun die Herren der Schöpfung zur Zeit auch dem Ohrringtragen huldigten, weil's »gesund für die Augen" wäre, so wurde erst angenommen, Schloß und Schlüssel für die Ohren sollte Herrenschmuck vorstellen. Dem war nicht so!! Künstliche Haarflechtereien erfreuten sich während des fünfzigjährigen Friedens großer Beliebtheit. Außer den erwähnten Stirnbändern trug man Ringe, Armbänder, Uhrketten und als Brosche: kleine Haarbouquets hinter Glas und goldnen Rähmchen. — Das Bildnis des „Herrn Liebsten", welche Bezeichnung für den Gemahl der dreißiger und vierziger Jahre in der Gesellschaftssprache gang und gäbe war, trug man in ähnlicher Fassung wie jene Haarblumen: als Brosche oder Anhänger, oft von beträchtlicher Größe! Das Medaillon spielte eine große Rolle. Es trat als ganz einfache, goldumrandete Glaskapsel auf, um Locken eines lieben Hauptes zu bergen — ganz in Gold, einer kleinen Uhr ähnlich, dann auch oval, geziert durch Herz, Kreuz und Anker, in schwarzer Emaille ausgeführt. Schlangen aus Haargeflecht, mit goldnen, rubingekröntem Kopfe, rosetten- geschmückte, glatte Reife (wie geschmacklos oft), endlich Breit« gliedrige Goldbänder erfreuten unter dem Namen „Bracelet" das Frauenherz. Koralle und Bernstein, diese Kinder des Meeres leuchteten aufdringlich als Halsketten (die Koralle zumeist in kleinem Geäst) unter bescheidenerem Schmucke hervor. Was die Koralle dem italienischen Laodwädchen ist, das bedeutet der Bernstein vielfach der deutschen Bäuerin- z. B. tragen im Bückeburger Ländchen, sodann in dem reichen Teil des ehemaligen Kurhessens: „der Schwalm", junge und alte Frauen Bernsteinketten von gewaltigem Umfange der Perlen, von denen die einzelnen oft wie eine Kinderfaust groß sind. Der zeschmack- und ideenlose Knoten von leichtem Golde, als Brosche in den fünfziger Jahren viel gl kauft, wie weit stand er an Schönheit und Feinheit hinter dem einfachen oder doppelten Spiralgewinde urältester Kunstpcriode zurück! — Zu Anfang der sechsziger Jahre begann das sogenannte Mattgold dem hellglänzenden Edelmetall den Rang streitig zu machen. In dieser Zeit verlor auch das Ohrgehänge einen Teil seiner Länge, beliebte den Namen „Bouton" und bestand häufig nur aus einer Rosette oder' gefaßter Gemme. Eine solche in vergrößertem Maßstabe wurde als Brosche dabei getragen. Allmählich verloren sich die vom hellen, billigen Gold angefertigten, wenig geschmackvollen Schmuckgegenstände, in die kleinen Juweliergeschäfte, denen Frauen und Mädchen vom Lande ihre silbernen Eicheln als Ohrgehänge, ober die Goldnadel mit dem porzellanenen Täubchen als Knopf entnahmen. Mit der Vorliebe für Silber entwickelten sich bedeutend geschmackvollere Formen. Altvenetianisches Filigran bot seine Muster- Hals- und Uhrketten, die bisher im gedrehten Strick ein beliebtes Urbild sahen, entnahmen altitalienischen und orientalischen Vorbildern die zierliche Gliederung! — Wie sehr der gewerbliche Aufschwung nach dem deutsch-französischen Kriege belebend auf die Goldschmiedekunst wirkte, davon redet jedes einigermaßen ausgestattete Schaufenster unserer gegenwärtigen Goldgeschäfte! Die Wiederaufrichtung des deutschen Reiches erweckte Reminiscenzen an die mittelalterliche Kaiserherrlichkeit! Die gediegene Pracht reicher vaterländischer Vergangenheit, das Patrizierhaus der Hansestädte, Dürer'sche Kunst, Ceüini's Ideen, der Hildesheimer Fund, Schliemann's Erfolge, der märchenhafte Glanz orientalischen Schmuckes, dies alles bot der ouflebenden Kunst eine Fülle von Vorbildern, ließ mit reichem Gerank neue Blüten ouf dem fruchtbaren Boden des schon Dagewesenen emporblühen. Daß sich dem Edel-Schönen auch unglaubliche Modethor- heiten zugesellten, kann nicht Wunder nehmen- von solchen ist keine Zeitperiode der Kulturgeschichte aller Völker frei gewesen. Den Bemühungen derer, die Herren sind im Reiche feinen Geschmackes und dem nimmer ruhenden Volkswitz, gelingt es wohl, Auswüchse zu beseitigen, wie das vor nicht allzulanger Zeit überwundene Bettelarmband, wie die gewaltigen Berloques der Uhrkerten, die baumelnden Ohrgehänge. Fast mehr noch als im Anzuge bekundet sich ein feiner Sinn in der Wahl im zeitgemäßen Tragen von Schmucksachen! Anders schmücke die Jugend, anders das Alter sich? mit Perlen, Diamanten und „rotem Golde"! Humoristisches. Lesefrüchte. „Na, Karlchen, wie bist Du mit Deiner Eisenbahn zufrieden?" — „Ach, gar nicht, die Schienen sind viel zu gut, da kann ich gar keine Entgleisung draus machen!" * * * Ein Vergleich. „Wie heißt denn Ihr Söhnchen?" — „Wissen Sie, ich wollte ihn Arthur nennen, meine Frau aber Rudolf! Da schlossen wir denn einen Vergleich . . ." — „Und wie nannten Sie das Kind?" — „Natürlich Rudolf!" * * * Feinste Gesellschaft. „Darf ich fragen, gnädige Frau Baronin, was Sie für eine geborene „Von" sind?" (Lust. Bl.) Litterarisches. Das Weihnachtsheft von „Vom Fels zum Meer" (Stuttgart, Verlag der Union Deutsche Verlagsgesellschaft) enthält als Kunstbeilage eine doppelseitige Aquarellfaksimilereproduktion des Gemäldes Hofkonzert im Karlsruher Schloß, von Prof. Kaspar Ritter Das Original war in diesem Sommer auf der Münchener Kunstausstellung zu sehen und erregte wegen der graziösen Behandlung des interessanten Schlosses, der duftigen Darstellung der eleganten Frauengestalten und der scharfen Charakteristik der männlichen Figuren das größte Aufsehen. Das farbige Titelblatt „Weihnachtsmarkt", nach dem Aquarell von C. H. Küchler, eröffnet den Reigen der zahlreichen Kunstblätter des Heftes, die wie „Vor dem Weihnachtsballe", „Kirchgang am Weihnachtsmorgen", „Junges Glück", „Anbetung des Jesusknaben", den festlichen und weihevollen Charakter des Heftes aufs beste dokumentieren. Von der Serie „Unser Kunstgewerbe" ist ein 4. Abschnitt erschienen, der „Glas und Fenster" behandelt und mit zahlreichen, meist mehrfarbigen Illustrationen geschmückt ist, welche u. a. Gläser von Galls, Tiffany, Christiansen rc vorführen. Im Romanteil treffen wir auf Namen wie Gabriel, Reuter, Emil Marriot, Wolf von Tainach. * * * Vom Weihnachtsbazar plaudert in sehr humorvoller Weise F. Frhr. von Dincklage in dem soeben erschienenen Heft 8 der „Modernen Kunst" (Verlag von Rich. Bong, Berlin W. 57, Leipzig, Wien, Stuttgart. Preis 60 Pfg.). Eine treffliche Illustration von E. H. Zirkel führt mitten in das interessante Leben eines solchen Bazars hinein. Ueberhaupt erschließt Heft 8 einen so außerordentlichen Reichtum an ausgezeichneten Bildern und an Text, und zwar in so vorzüglicher Ausstattung, daß man der „Modernen Kunst" unbedingt den Vorrang vor allen anderen illustrierten Blättern des In- und Auslandes einräumen muß. Man staunt, daß ein Heft mit einem solchen reichen und ausgezeichneten Inhalt nur 60 Pfg. kostet Zudem werden den Abonnenten und solchen, die noch jetzt in das Abonnement eintreten, sieben ausgezeichnete, als Wandschmuck bestimmte Kupferdruck-Kunstblätter nach hervorragenden Gemälden erster Meister zu dem Vorzugspreise von 4 Mark pro Stück geliefert, während der Preis eines jeden Blattes im Kunsthandel 30 Mark beträgt. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitüts Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.