1899. liT TOeTn rote iüSöK«?’ n i'®ö MPWD^M 'iiMgäsfif ME SB WWKNM MMMMM WÄ 10y®4e^ ein Hiinmcl liegt doch in dem Klange kSk^ Der Sprache, die die Mntter uns gelehrt! ysr Und nur, wer je in sehnsuchtsvollem Drange Sie unter Fremden lange Zeit entbehrt, Der kennt sie ganz; dem wird sie zum Gesänge, Den er mit trunknem Ohre lauschend hört; Und jeden möcht' er in die Arme schließen, Von dessen Lippen ihre Töne fließen. Norman«. Nachdruck verboten. Der Gylsenhof. Eine Erzählung von P. D i t f u r t h. • (Fortsetzung.) IV. Der kleine Sarg war herausgetragen, und an dem Grabe stand die einsame Renata, nun ganz allein in der Welt. Kränze und grüne Zweige bedeckten den Hügel, Renata wußte nicht, wo sie alle herkamen, und sie fragte auch nicht danach, aber die Teilnahme that ihr Wohl. Sie blickte so still auf die Scholle, die ihren Liebling barg,- sie konnte nicht weinen. Erst als sie zurückkehrte in ihre verödete Wohnung und das herbe Vermissen ihr fühlbar ward, da brach all ihr Weh hervor, und sie weinte und weinte, als wollte sich ihre Seele auflösen in Thränen. — Das Täubchen saß im Käfig und blickte mit Hellen, klugen Augen das traurige Mädchen an. Es wußte nicht, welche Freude es bereitet hatte und welchen Schmerz es jetzt neu wachrief. Renata trat heran und betrachtete wehmütig das Tierchen mit ihren verweinten Augen. »Du mußt nun wieder fort," sagte sie leise, „in Dein frohes, glückliches Heim,- aber ich werde Dich nie vergessen, Du meines Lieblings letzte Freude!" Nach wenigen Tagen stand sie mit dem Käfig in der Hand wieder vor dem alten Hause. Diesmal kam ihr Frida schon auf der Treppe entgegen, zwar etwas scheu, aber mit aufrichtiger Teilnahme. „Mama freut sich, daß Sie kommen, wir sahen Sie schon," sagte sie bpim Hinaufgehen. Sie traten in dasselbe Zimmer, in welchem Renata letzthin eine so schmerzliche halbe Stunde verlebt, aber sie dachte jetzt nicht mehr daran, als ihr heute die liebevolle Frau Falkner entgegenkam und sie herzlich in die Arme schloß. „Ich wäre gern zu Ihnen gekommen, aber ich wagte es noch nicht," sagte sie mit ihrer zum Herzen sprechenden Stimme. „Ich weiß, daß nach solchem Schmerze Stille, heilige Stille in und um uns sein muß, wenn Gott mit uns reden will." Renata blickte auf. Wie kam es, daß diese Frau sie so gut verstand? Dann senkre sie aber wieder das Haupt und sagte: „Ich bin ja nun immer allein!" „Ja, Kind, aber der Herr behütet die Fremdlinge und Waisen," erwiderte Frau Falkner mit mildem Ernste. Und so saß Renata neben der fremden Frau und fühlte sich geborgen wie in der Heimat. Sie erzählte von dem lieblichen Walter und es wurde ihr leichter dabei. Ja, sie erzählte von ihrer Mutter, die vor wenigen Jahren gestorben, von ihrem Vater, der schon sieben Jahre tot war,- von dem unbefriedigten Leben in dem Hause ihres Vormundes, des Bürgermeisters von M . . . ., und wie sie den Entschluß gefaßt, hier zu lernen, um auf eigenen Füßen stehen zu können. „Alles, alles that ich für meinen Walter, und nun —" schloß sie traurig. Frau Falkner faßte herzlich ihre Hand. „Ach es braucht mich ja niemand mehr auf der Welt,- für wen, für was soll ich wirken?" fuhr Renata leise fort. „Daß Sie so sprechen, jetzt, wo Ihr Herz noch so wund und weh ist, ist nur natürlich, liebes Kind," sagte Frau Falkner, „aber Sie werden mit Gottes Hilfe überwinden und dann auch erfahren, wie und wozu Ihnen Gott einen Wirkungskreis anweift." Das junge Mädchen sah zur Erde, und dabei fiel ihr Blick auf den Käfig, den sie vorhin dort niedergesetzt hatte, und der sie nun an den Grund ihres Kommens erinnerte. „Ach," sagte sie ausstehend, „ich vergaß ganz, was mich hauptsächlich hersührte. Hier bringe ich Ihnen mit heißem Danke das Täubchen wieder. Meinem Liebling hat es die letzten Stunden erhellt, und wie hat der kleine Dulder voll Dankbarkeit Ihrer gedacht- er wollte immer für Sie beten." Ihre Stimme brach in Schluchzen, und Frau Falkner umfaßte sie tief bewegt. „Wenn Sie durchaus von Dank sprechen wollen, so nehme ich das als den schönsten, der mir je im Leben geworden," sprach sie mit feuchten Augen- „aber er gebührt in erster Linie meinem Bruder," fuhr sie ruhiger fort, „er übergab mir mit herzlicher Teilnahme an Ihrem Geschick das Tierchen." Jetzt trat Frida etwas hastig heran mit den Worten: „Deshalb war ich auch neulich so — unartig- ich dachte gar 570 — nicht, daß Onkel Gottfried die Taube hergebe." Sie sah Renaten bittend an, und diese reichte ihr die Hand. „Wir wollen darüber nicht mehr sprechen, Fräulein Falkner," sagte sie freundlich, und Frida konnte das nur angenehm sein, ihr warmer Händedruck war ein Beweis dafür. „Aber dann möchte ich doch Ihrem Herrn Bruder auch meinen Dank sagen," wandte sich Renata wieder an Frau Falkner,- „wenn ihm das Tierchen so lieb ist, wird er es auch schmerzlich vermißt haben- habe ich mich doch in den paar Tagen so schnell an dessen Gesellschaft gewöhnt, daß mir das Scheiden schon ordentlich schwer wird," und dabei sah sie die Taube traurig an. „Wenn ich darüber zu verfügen hätte, liebes Frälein," fiel Frau Falkner rasch ein, „würde idf es um keinen Preis zurücknehmen." Ein Geräusch im Nebenzimmer bewog Frau Falkner aufzusehen: „Da kommt mein Bruder, gerade zur rechten Zeit," rief sie und ging dem Eintretenden entgegen. Renata bekämpfte schnell ihre Bewegung und begrüßte den Herrn, der ihr als Professor Wolfram vorgestellt wurde. Sie unterdrückte eine kleine Verlegenheit und stattete ihren Dank in wenigen Worten ab. Im stillen war sie über sich selbst ärgerlich, daß ihr diese so anders klangen, als ihr Herz sie diktierte,- aber sie hatte sich auch nur darauf gefaßt gemacht, einem älteren wohlwollenden Herrn recht herzlich zu danken. Es war schon sehr dämmerig, und der Herr Professor stand dem Lichte nur halb zugewandt, so daß sie ihn nicht genau sehen konnte, und dann sprach er kein Wort, bis sie alles gesagt, und das war wenig nach ihrer Meinung. „Sie sollten mir nicht so danken, Fräulein Wendelin - es wäre wenig menschenfreundlich von mir gewesen, hätte ich Ihnen, oder vielmehr Ihrem kleinen Bruder die Freude vorenthalten, nachdem ich zugesehen, welcher Jammer über Sie hereinbrach." Er sprach 'mit einer angenehmen, aber anspruchslosen Stimme. Renata ergriff den Käfig und wollte ihn dem Professor übergeben. „Weshalb bringen Sie denn das Tierchen wieder?" fragte er einen Schritt zurücktretend. „Ich werde Sie doch nicht gänzlich Ihres Lieblings berauben wollen, Herr Profesior," sagte das junge Mädchen etwas ficherer, „es versteht sich von selbst, daß Sie mir das Täubchen nicht schenken- haben Sie es anders erwartet, als daß ich es wiederbringe?" Ihr Kopf hob sich charakteristisch. „Bitte, nehmen Sie," drängte sie hastig und trat einen Schritt näher. Der Professor schüttelte den Kopf: „Ich habe die Taube ihrem Brüderchen geschenkt, Fräulein Wendelin. Den armen Knaben, der mir so bleich in den Armen lag, konnte ich gar nicht vergessen, und ich werde es auch mein lebenlang nicht. Deshalb war ich so glücklich, als ich ihm eine Freude machen konnte." Renatens Augen blickten den Sprechenden groß an, und ihr erhobener Arm sank mit dem Käfig an der Seite nieder. „Also Sie waren es, der mir meinen armen Walter heimgetragcn? Ich wußte nichts mehr davon, verzeihen Sie, aber nun kann ich Ihnen auch dafür noch danken, Gott lohne es Ihnen tausendfach." Sie streckte ihm jetzt in tiefer Bewegung ohne Scheu die Hände hin, die er fest und herzlich drückte. „Ich that, was jeder gethan hätte, und Ihr Dank für dieses natürliche Handeln bedrückt mich nur. Ich habe gar nicht daran gedacht, daß man mir dafür zu danken hätte. Nein, nein," fuhr er abwehrend fort, als Renata eine Bewegung mit dem Käfig machte, „Sie behalten die Taube als Andenken an Ihren Bruder, ich nehme kein Geschenk zurück." „Aber ich wollte ja nichts geschenkt haben, gekauft hätte ich das Tierchen wohl —" brachte Renata noch hervor. Aber er entgegnete bestimmt: „Verkauft haben würde ich es um keinen Preis mein Fräulein, ich kann es nur verschenken, und das ist bereits geschehen." Er verbeugte sich und war verschwunden. Renata sah ihm etwas ratlos nach, dann wandte sie sich gegen Frau Falkner. „Sie sehen, liebes Kind," sagte diese leicht lächelnd, „mein Bruder ist hartnäckig- ich habe ihn selten so sprechen hören. Behalten Sie ruhig das Tierchen, es wird Ihnen noch viel Freude machen und mit der Zeit ein lieber Gesellschafter werden." „Ich muß mich wohl fügen," entgegnete Renata und rüstete sich zum Gehen - „aber schwer wird mirs, den Herrn Profeffor zu berauben." „Wir kommen bald zu Ihnen, Fräulein Wendelin," sagte Frida, und ihre Mutter nickte betstimmend. „Und kommen Sie gern wieder?" fragte letztere. Renata sah in das liebe Gesicht und sagte fest, fast freudig „Ja." Auf dem Heimweg dachte sie viel an die freundlichen Menschen, und ein warmes Gefühl der Dankbarkeit wallte in ihr auf. Aber als sie dann wieder in ihr ödes, stilles Zimmer trat, kam das Bewußtsein ihres Alleinseins und ihres Schmerzes mit doppelter Wucht über sie, hier, wo das helle Stimmchen sie nicht mehr begrüßte wie ehedem, wenn sie von Berufswegen zurückkehrte- es war niemand da, der sie vermißt hatte. Die Wochen vergingen, Weihnachten kam heran und war vorüber, ehe man es gedacht, und die dunklen, kurzen Tage erhellten und dehnten sich wieder etwas. Renata schien trotzdem die Zeit still zu stehen, und sie wunderte sich, wenn wirklich ein Tag zu Ende war. Ihr einsames Leben floß still dahin, aber nicht wie ein klarer Bach, sondern gleich einem trüben Rinnsal, und sie meinte oft, es müsse schließlich versanden. Sie beobachtete ihre Stunden regelmäßig jeden Tag und vergrub sich in Arbeit. Frau Falkner hatte ihr damals gesagt: „Arbeiten Sie nur vorläufig für sich, das Hinbrüten ist sehr gefährlich, und eines Tages werden Sie merken, welcher Segen gerade zu solchen Zetten in der Arbeit liegt." — Und Renata versuchte es, sie arbeitete fast zu viel. Und doch kam keine Ruhe in ihre Seele- immer wieder mußte sie sich fragen: „Für wen lebe und schaffe ich?" Es mochte wohl zu dieser mutlosen Stimmung beitragen, daß sie oft Gegenstände, die Walter gehört oder irgendwie mit ihm in Zusammenhang standen, in die Hand nahm, besonders abends, wenn sie die Bücher und Hefte beiseite gelegt hatte. Dann horchte sie oft, ob die liebe Stimme nicht riefe, die nun schon seit Wochen verklungen, und schließlich löste sich der Schmerz in heißen Thränen. Dabei rieb sie sich aber auf, und ihr Gesicht wurde immer schmaler und blasser. Ihre gutmütigen Wirtinnen ließen es an Teilnahme nicht fehlen, äußerten sie aber nach ihrer, freilich auch vielen anderen gut scheinenden Art. Sie hielten die Zerstreuung für das richtige Gegenmittel der Trauer und plagten die arme Renata förmlich mit Einladungen zu Vrstten und Spaziergängen und nahmen es schließlich fast übel, wenn dieselbe alles ablehnte. Auch auf die Feier des heiligen Abends im Falknerschen Hause, wozu sie durch Frida freundlich und herzlich aufgefordert war,' hatte sie dankend verzichtet. Sie sei ein zu trüber Gast, und es wäre ihr ein schrecklicher Gedanke, anderen durch ihr Erscheinen den hellen Abend zu verdüstern, so begründete sie ihre Ablehnung. Frau Falkner, welche bald darauf selber zu ihr kam, drang auch nicht weiter in die Trauernde, um deren selbst willen, ermutigte sie jedoch, jedenfalls bald zu ihr zu kommen. (Fortsetzung folgt.) Nachdruck verboten. Schuldig. Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) Hermine schaute voll Furcht von ihr zu der Erzieherin, die nicht wußte, was sie in diesem entsetzlichen Augenblick thun oder sagen sollte, und jetzt fiel des Kindes Blick auf den offen stehenden Wandschrank und das am Boden liegende Geld. Ein Verständnis schien ihr aufzudämmern. Sie schmiegte sich an Felicitas und flüsterte ihr zu: „Hat Dein Bruder August wieder Geld gebraucht? Hast Du es mit Mama aus Papa's Wandschrank geholt? Muß das in der Nacht geschehen?" — „Still, still, Hermine, geh in Dein Bett zurück, ich folge Dir sogleich", wollte Felicitas sie beschwichtigen, aber Plötzlich fing die Kleine laut und heftig an zu schreien: //Ich gehe nicht, ich gehe nicht! Mama wird Dir etwas thun!" In demselben Augenblicke hörte man Thüren gehen und Schritte die Treppe herabkommen. „Man hat uns gehört, man kommt! O, nun ist alles verloren!" schrie die Kommerzienrätin. Instinktmäßig wollte sie sich der Thür zuwenden. Ehe sie dieselbe erreichen konnte, trat ihr Hans Helldorf entgegen. Er trug , eine brennende Lampe in der Hand, die er auf den nächsten Tisch niedersetzte. Sie beleuchtete jetzt das Zimmer bis in den entferntesten Winkel. Mit einem einzigen Blicke hatte er die ganze Sachlage überschaut. Felicitas wollte sprechen. Hans winkte mit der Hand. „Reden Sie kein Wort", sagte er auf das kleine Mädchen deutend, „ich weiß genug. Es ist also wirklich, wie wir gedacht haben!" Ein Blick der tiefsten Verachtung traf die Stiefmutter, die sich abgewendet hatte und völlig in sich zusammengefunken war. Sie ließ nur ein lautes Stöhnen und Aechzen hören. „Mama stirbt! Mama stirbt!" jammerte Hermine dazwischen. „Ich gehe, meinen Vater zu holen. So leid es mir thut, wir dürfen ihm das nicht ersparen!" raunte Hans der Erzieherin zu. Ehe er die geäußerte Absicht ausführen konnte, war der Kommerzienrat bereits zur Stelle. Er war nur notdürftig bekleidet, hatte einen Schlafrock übergeworfen und hielt ebenfalls eine Lampe in der Hand. Mit starren, entsetzten Blicken überschaute er die sich seinen Augen darbietende Szene, und seine bebenden Lippen murmelten: „Was bedeutet dieser nächtliche Lärm? Was geht hier vor?" Hermine eilte ihm entgegen, umklammerte sein Knie und bat: „Lieber Papa, sei nicht böse. Die Mama und Felicitas haben wieder einmal Geld aus Deinem Wandschrank geholt. Aber es schadet ja nicht, Du hast doch genug und kannst immer wieder was hineinlegen". Der Kommerzienrat wußte nicht recht, wie er sich den Vorgang deuten sollte. Wer war hier die Diebin, wer hatte die Entdeckung gemacht? Welche Aufklärung ihm auch zuteil ward, sie war niederschmetternd. Hans ließ ihn nicht darauf warten. An ihn herantretend und ihm die in seiner Hand schwankende Lampe abnehmend, sagte er mit verhaltener Stimme, doch so, daß es im ganzen Zimmer vernehmbar war: „Armer, lieber Vater, die Eingriffe in Deinen Kaffenschrank sind gemacht worden — von Deiner Frau!" Der Kommerzienrat stieß einen Schrei aus als habe ein totbringendes Geschoß ihn getroffen. Liebevoll legte der Sohn den Arm um ihn und wollte ihn stützen, aber schon richtete er sich zu seiner vollen Höhe auf und sagte zu seiner auf dem Teppich liegenden Gattin gewendet: „Du bist es, die drei Mal hintereinander Geld aus meinem Geheimschrank entwendet hat?" Sie rührte sich nicht. Mit strengerer Stimme wiederholte er seine Frage, und nun entrang sich ein wimmerndes „Ja" ihren Lippen. „Du hast Dir heimlich Geld angeeignet!" rief er, die Hände ringend, „wo ich Dir doch so reichlich gab, wo es nur eines Wortes von Dir bedurft hätte, um mehr, viel mehr von mir zu bekommen. Ich könnte Dir diesen Vertrauensbruch, denn so muß ich Deine Handlungsweise bezeichnen, da es nach dem Gesetz zwischen Ehegatten einen Diebstahl nicht giebt, ich könnte, sage ich, ihn Dir verzeihen, Eugenie, daß Du aber Deine Schuld auf eine Schuldlose gewälzt hast, daß Du unser unschuldiges Kind mißbrauchen konntest, um mich zu täuschen — das — das — verzeihe Dir Gott — ich — ich — vermag es nicht!" (Fortsetzung folgt.) Gartenbetrachtungen im Oktober. ------- (Nachdruck verboten.) Die Zeit des Abschiednehmens kommt heran. Ein wehmütiger Zug geht durch die Natur. Wohl stehen noch manche Beete da in farbenreicher Blumenfülle, an schönen Tagen von strahlender Herbstsonne durchleuchtet, aber — das Herz fühlt es — vielleicht schon morgen hat sich der Würgengel Frost unbarmherzig darüber geworfen, und fahle, tote Gebilde decken die Wahlstatt, die der Sieger beherrscht. Die Pflanzen können sich nicht wehren, wir aber können ihnen helfend zur Seite treten und uns selbst damit eine Freude bereiten. Lobelien, Winterlevkoyen, Goldlack, Verbenen, Vergißmeinnicht, Reseda rc., alle diese lassen sich, vorsichtig herausgenommen, ganz gut in Töpfe setzen, kommen darin vorwärts und bringen, in das sonnige Fenster gesetzt, vom Februar ab wieder einen anmutigen Flor. Man wähle aber eine nahrhafte Erde, der man 1/i Sand, gut durchmengt, zusetzt und nicht zu kleine Töpfe. Die Freude an dem Flor wird um so größer durch das Bewußtsein, als Retter und eigner Erwerber aufgetreten zu sein. Der Oktober ist der Hauptmonat für die Pflanzung von Obstbäumen, Beerensträuchern, Rosen, Zierbäumen und sonstigen Gehölzen. Alle diese Gehölze bilden vor Eintritt des Winters noch junge Wurzelspitzen und wachsen weit sicherer als diejenigen der Frühjahrspflanzung an. Will jemand in einem kleinem Garten gemischtes Obst haben, so sind drei Sorten für den Hausgarten sehr zu empfehlen, nämlich: Pflaume, Königin Viktoria, Frucht sehr groß, ca. 5l/2 cm lang, oval, hellviolett, mit feinen weißlichen Punkten, Fleisch goldgelb, herrlich duftend, saftreich, von angenehmem, süß weinigem Geschmack. Als ausgezeichnete Tafelfrucht von erster August- bis erster Septemberwoche zu verwenden. Der Baum wächst stark, bildet eine schöne Krone und trägt äußerst reich. Apfel „Rtbston's Pepptng". Mittelgroße Frucht, wenn lagerreif (von Ende November sich bis zum Frühjahr haltend), fast goldgelb, aus der Sonenseite carmoisinrot mit zerstreuten Punkten, Fletsch fein gelblichweiß, fest, von eigentümlich gewürztem, weinartigem Reinettengeschmack, ausgezeichnete Tafelfrucht. Der Baum bildet schöne breite Kronen, und liefert selbst in ungünstigen Jahren und in rauher Lage immer Früchte. Liebt mäßig feuchten Boden. Birne Winter-Nelis. Mittelgroße Frucht, grünlichgelbe Schale mit zimmetfarbigem Rost, Fleisch weiß, schmelzend, von angenehm süßem und sehr gewürzigem Geschmack, vorzügliche Tafelbirne, die man bis in den Dezember am Baume läßt und die sich auf dem Lager bis in den Februar hält. Der Baum trägt schon früh, gedeiht in jedem Boden und ist nicht empfindlich. Im Gemüsegarten beginnt vor Eintritt strenger Kälte die Hauplernte der Wintergemüse und das Einlagern in Keller oder Gruben. Leere Beete werden gereinigt, gedüngt, gegraben, aber nicht geebnet. Erdbeerbeete und Spargelpflanzungen überzieht man mit kurzem Dung. Petersilie 572 und Schnittlauch Pflanzt man für den Winterbedarf in Schalen oder Holzkistchen, und bet günstiger Witterung können jetzt auch noch Spinat, Feldsalat und Kerbelrüben gesäet werden. Zu Anfang des Monats werden die im August ausgesäeten Winterkohl- und Wintersalatpflanzen an Ort und Stelle gesetzt, wenn man es nicht vorzieht, erstere im Kasten zu überwintern. Man kann jetzt noch immer, bei guter Witterung sogar bis in den November hinein, die Frühjahrsbeete mit Stiefmütterchen und Vergißmeinicht bepflanzen. Als ein wahres Kleinod hat sich Myosotis Rehsteineri erwiesen, das den Namen Zwergvergißmeinicht verdient. Es wird nur 2—3 cm hoch, und es liegt auf der Hand, wie gut sich diese Eigenschaft zu allen möglichen Zusammenstellungen auf Teppichbeeten verwerten läßt. Der Preis für 100 Pflanzen ist jetzt nur noch 2,50 Mk., während sie früher über das Dreifache kosteten. Wenn hochstämmige Rosen mehrere Jahre auf demselben Platze gestanden haben, so machen sie zuweilen so viele Wurzelausläufer, daß man oft mit der größten Sorgfalt ihrer kaum Herr zu werden vermag. Wo dies geschieht, ist es Zeit, die Rose jetzt im Herbst zu versetzen, wenn sie nichr etngehen soll. Beabsichtigt man, sie wieder auf dieselbe Stelle zu pflanzen, so muß der Boden gut umgegraben, frisch gedüngt, und vor allem mit frischer lehmiger Erde versehen werden. Das Einpflanzen geschieht ein wenig seichter, als vorher, besonders, wenn das Stämmchen früher ziemlich tief eingesetzt war, was meist der Fall zu sein pflegt, wenn viele Wurzelaustriebe zum Vorschein kommen. In der letzten Hälfte dieses Monats, sobald die Obsternte vollendet ist, scharren wir von älteren Obstbäumen die dürre Rinde, ebenso Moose, Flechten, Schwämme und vernichten dadurch einer ganzen Menge Schädlinge ihre Behausungen. Das Anstreichen mit Kalkmilch, das darauf vorgenommen wird, erschwert die Anlage neuer Kolonien. Man besorgt sich auch zur rechten Zeit Papier und Klebstoff für die zu Ende des Monats anzulegenden Klebringe. Es giebt viele Rezepte, um sich diesen Klebstoff zu bereiten. Es ist aber eine umständliche und schmutzige Arbeit, und von Fabriken, die ihn im Großen fabricteren, kauft man ihn billiger, als wenn man sich selbst mit der Herstellung einer kleineren Menge befaßt. ' I. C. Schmidt, Erfurt. Vermißtes« Der Arzt eines Papstes. Vom Jahre 1513 Lis 1521 saß auf dem apostolischen Stuhle in Rom Papst LeoX. (Giovanni aus der Familie de Medici, Sohn Lorenzos des Prächtigen von Florenz), unter dessen Pontifikat bekanntlich die Reformation ihren Anfang nahm. Er war, wie ebenfalls allgemein bekannt, ein klassisch wie künstlerisch hochgebildeter, Kunst und Wissenschaft über alles liebender und mit ungeheuren Summen fördernder Fürst, unter dessen Regierung der Bau der Peterskirche in Rom seinen Fortgang nahm, ein Raffael, Michelangelo, Leonardo da Vinci nnd so viele andere Größen ihre unsterblichen Meisterwerke schufen, und Künste und Wissenschaften ihre höchste Blüte erreichten, sodaß man noch jetzt von einem „goldenen Zeitalter Italiens" in jener Zeit spricht. Ihm folgte aber von 1522 bis 1523 ein Mann ganz anderer Sinnesart auf dem päpstlichen Thron, Papst Hadrian VI., ein redlicher, frommer, scholastisch gelehrter Niederländer von schwachem Charakter, ehemals Lehrer Kaiser Karls V., der jedoch nicht einmal die italienische Sprache verstand, das Bedürfnis einer Reformation in der Kirche zwar lebhaft anerkannte, aber Luthers Bestrebungen gründlich abhold war und dabei, seinem Vorgänger gänzlich unähnlich, für Poefie und schöne Künste keinerlei Vorliebe und'Verständnis hatte. Die unter Leo X. an äußeren Glanz und Prunk gewöhnten Römer sahen es daher als eine wahre Kalamität an, daß er des überaus freigebigen, verschwenderischen Medizäers Stelle einnahm. Als er nach kurzer Regierung starb, wurde die Nachricht von seinem Tode mit allgemeiner Freude ausgenommen, und an dem seinem Hinscheiden folgenden Tage fand man die Hausthüre seines Arztes Giovanni Antracino mit Blumenkränzen geziert und zwischen ihnen die Inschrift angebracht: „Der Senat und das Volk von Rom dem Befreier des Vaterlandes!" Porste des Vaterhauses. Lehrer: „Oft wird auch das Adjektiv dem Hauptwort nachgestellt, besonders in der dichterischen Sprache. Wer weiß ein Beispiel?" — Der Sternwirtssohn: „Lausbub, verdammter!" Gattin (ein Briefchen lesend, das sie halb versteckt auf dem Schreibtisch ihres Mannes gefunden): „Mein teuerstes, süßestes, unter allen Frauen bestgeliebtestes, herzigstes, entzückendstes und bezauberndstes — (das Blatt hastig umwendend) — Weibchen, ich wußte ja, daß Du dies finden und lesen würdest; siehst Du? Dein Habby." Bummler: „Glaubst Dn, daß mir Dein Schneider Kredit gibt?" — Freund: „Kennt er Dich?" — Bummler: „Nee!" — Freund: „Na, dann ist's schon möglich." („Münchener Jugend.") Literarisches. Mey u. EdliKs beliebter Abreiß-Kaleuber für 1900 ist wieder in vier verschiedenen, von ersten Künstlern entworfenen und prächtig ausgeführten Bildern erschienen. Der Inhalt desselben ist wie alljährlich ein äußerst reichhaltiger. Auf der Vorderseite der, behufs leichteren Abreißens perforierten Tagesblätter bringt er außer den Monats- und Tagesnamcn, sowie dem Datum, die Angabe protestantischer und katholischer Namens- und Feiertage, letztere in rotem Druck; ferner die Auf- und Untergangszeiten der Sonne und des Mondes, Mondwechsel, Angabe der Ebbe-und Flutzciten, eine Auswahl der populärsten Geschichts- und anderer Gedenktage, Zahl des Tages für Wcchselberech- nung und Zahl der Wochen für Berechnung der Juvaliditäts- und Krankenversicherung; außerdem ist auch reichlicher Raum für Notizen vorhanden. Auf der Rückseite haben wieder die allgemein beliebt gewordenen, von berufener Hand für jeden Tag besonders zusammengestellten Sinn- und Dichtersprüche Platz gefunden. Wir sind überzeugt, daß der 1900r Abreißkalender infolge seiner prächtigen äußeren, gediegenen und reichhaltigen inneren Ausstattung ebenso wie die vorhergehenden Jahrgänge seinen Platz als gern gekaufter Familienfreund behaupten, wird. Der „Gckrtsttlaube-Knlender" für 1900, welcher soeben in: seinem 15. Jahrgange im Verlage der „Gartenlaube", Ernst Keils Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig, erschienen ist, offenbart schon in seiner ganzen Ausstattung den innigen Zusammenhang, welchen dieses wahre und echte Volksbuch mit den Bestrebungen der Gegenwart in guter Kunst und edlem Geschmack allezeit offenbart hat. Einband, Bilderschmuck, Arrangement und Druck sind vortrefflich, und entsprechend ist auch die Güte des durchweg interessanten Inhalts. W. Heimburg, die allbeliebte Erzählerin der „Gartenlaube", hat ihre neueste Erzählung „Originale" beigesteuert, die an Innigkeit und ergreifender Schilderung schwerlich übertroffen werden kann, während der bekannte Humorist Ernst Muellen- bach mit einer kleinen Geschichte voll Schalk und Lustigkeit ein würdiges Leitenstück dazu geliefert hat, und Dora Duncker eine Geschichte aus dem Volke erzählt, die von der seltenen Menschenkenntnis dieser Verfasserin erneutes Zeugnis ablcgt. Rudolf v. Gottschall entbietet mit. markigen Worten dem scheidenden Jahrhundert seinen Gruß, Friedrich, Arnold schildert die lieblichen gefiederten Sänger unserer Heimat in Bild, und Wort, der Nervenarzt Dr. Otto Dornblüth behandelt das, leider vielen sehr nahegelegene Thema über Kopfschmerzen und Migräne, und Dr. Hermann Diez gibt einen ausgezeichnet klaren, mit vielen Jllustra- tionen geschmückten „Tagesgeschichtlichen Rückblick", der eine sehr lobenswerte Eigenart des „Gartenlaube-Kalenders" bildet. Künstler ersten Ranges, wie Hugo Engl, Fritz Bergen, M. Nestler-Laux, August Mandlick u. a. haben den Bilderschmuck besorgt, der daher sowohl in den farbigen' Kunstblättern, als in den schwarzen Holzschnitten Ausgezeichnetes darbietet. Praktische, durch Erfahrung bewährte Ratschläge für das tägliche Leben und Treiben, ein höchst vollständiges Kalendarinm mit astronomischen rc.. Notizen, Tabellen, statistische Nachrichten und so mancherlei Ernstes und Heiteres in gedrängter Kürze vervollständigen diesen wirklich empfehlenswerten Kalender, der bei dem billigen Preise von 1 Mark wohl für jeden erschwinglich ist. Logogriph. Nachdruck verboten. Mit „B" in kühler Flut versteckt, Wird es vom Angler gern entdeckt. Mit „G" dem Gold an Schimmer gleich, Erhebt sich's nach dem Todesstreich. Mit „N" auf Universitäten Ist es als Manneszier vertreten. Mit „F" ist's klebrig, fast wie Kleister, Nun braucht es mancher Handwerksmeister. P. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer: C D o m Harfe C o r s i c a Heine A c t a Redaktion: $. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Usiverfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Vielen.