Lonntag den 6. August. Rr. 111- 1899. ST «W III W UN will der Ost sich lichten. Die Hähne kräh'n von fern, Und über schwarzen Fichten Erglänzt der Morgenstern, Und wie das Haar mir streifen Die Lüfte, kühl erwacht, Da mag ich's kaum begreifen, Daß ich geweint die Nacht. Zergangen ist mein Trauern, Ich fühl' es tief zur Frist, Wie du in diesen Schauern, O Herr, mir nahe bist. Und deines Friedens selig, Mit ruhig heiter'm Blick, In deine Hand befehl' ich Auch dieses Tag's Geschick. Em. Geibel. sNachdruck verboten.! Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) Am nächsten Tage kam er, um Ziel Lebewohl zu sagen - seine Geschäfte gestatteten keinen längeren Aufenthalt. „Wie haben Sie denn damals vor sechs Jahren den Andreeschen Damen plötzlich meine Abreise erklärt?" fragte er wie beiläufig. „Ich?" Ziel hatte Mühe, sich zu entsinnen. „Oh, ganz einfach. Sie hätten ein Telegramm erhalten, daß Sie plötzlich abreisen müßten oder so etwas Aehnliches." „Und sie hat — sie haben sich nicht darüber verwundert oder weiter geforscht —?" Wieder suchte der Rechtsanwalt in seinem Gedächtnisse nach den verblassenden Erinnerungen aus jener Zeit. „Nein, nein, ich glaube nicht. Frau Andree war damals ganz gebrochen, und wie sie sich aufraffte, sehen Sie, da trat der Kampf um das tägliche Brot in sein Recht." „Und die Töchter standen ihr tapfer zur Seite?" „Ja, besonders Martha, als die ältere und verständigere. Meine Frau neigt zu einer leichteren Lebensauffassung." „Also," begann Olaf noch einmal, langsam seine Worte abwägend, „also haben die Damen keine Ahnung, daß meine Abreise in irgend welchem Zusammenhänge stand mit der Katastrophe, die sie selbst betroffen?" „Keine Ahnung! Ganz gewiß nicht!" versicherte der Rechtsanwalt mit Ueberzeugung. „Ich habe unserer Verabredung gemäß nichts davon verraten - sonst wäre Ihr Opfer umsonst gewesen. Sie hätten keine Ruhe gehabt, bis sie Ihnen alles ersetzt hätten. Sie würden das ja nie gekonnt haben, aber sie hätten's versuchen wollen, verlassen Sie sich darauf. Man muß nur den Stolz der beiden kennen besonders Martha, und ihre blinde Verehrung für den Vater. Sie dürfen ganz ruhig sein, sie ahnen nichts davon." Dann, da Olaf unbeweglich mit gesenkten Blicken vor sich hinstarrte! „Oder ist es Ihnen vielleicht nicht recht so?" Es ergriff ihn Plötzlich die Sorge, daß der junge Mann seine Handlungsweise nicht billige. Olaf vermied die Antwort. Ohne den Blick zu heben, fragte er halblaut mit eigentümlicher Betonung: „Und so denkt man, daß ich den Andrees den Rücken gekehrt habe, weil sie ins Unglück gekommen sind?" Der Rechtsanwalt war betroffen. Zum erstenmale kam es ihm zum Bewußtsein, daß man die Sache auch so betrachten könne- noch nie war es ihm eingefallen, am wenigsten in jener schweren Zeit, wo so unendlich viel auf seinen Schultern lastete. Und: „Ich glaubte nicht, daß Ihnen so viel daran läge, was man dort über Sie dachte," murmelte er verlegen. „Nur soviel, daß man nicht gern vor anständigen Leuten ohne Ursache als Lump dastehen mag." „O, das haben Sie nicht zu fürchten!" rief der Rechtsanwalt. „Kein Mensch hat das in dieser Weise aufgefaßt. In der That, Sie können versichert sein, daß die Andrees sich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht haben." „Wirklich?" Verschiedene Aeußerungen Marthas bestärkten Olaf in der Ueberzeugung, daß Ziel sich in diesem Punkte irre. Aber Ziel meinte, seiner Sache sicher zu sein. „Ganz gewiß nicht. Man hat Ihrer kaum erwähnt! Wenn Sie jedoch wünschen, daß ich noch jetzt--" „O nein, nein!" wehrte Olaf ab. „Es war ja doch zu spät." Dann die Bitterkeit überwindend, die sich seiner bemächtigt hatte, fragte er nachdenklich: „Herr Rechtsanwalt, haben Sie mir damals nachempfinden können, daß es mir unmöglich war, das Andreesche Haus wieder zu betreten?" „Vollkommen!" beteuerte Ziel, „vollkommen!" 442 — „Nicht wahr, es war menschlich? Ein Engel war ich nicht und bin ich nicht. — Und wenn sie alles gewußt hätte/' zu sich selbst hinzu, „würde sie mich verstanden XXI. November war mit Sturm und Regen ins Land Es war kalt und unwirtlich auf den Straßen, und "kalt und düster war es auch in der kleinen Hinterstube, die an die „Blumenhalle« grenzte. In dem eisernen Ofen brannte kein Feuer, teils aus Mangel an Kohlen, teils weil niemand da war, das Heizen zu übernehmen. Seit zwei Tagen konnte Frau Clarissa nicht mehr aufstehen. So lange hatte sie sich, von Husten und Atemnot geplagt, noch hingeschleppt- jetzt ging es nicht mehr. Vor einer Woche schon hatte Schmidt ihrem Sohne in der Kaserne sagen lassen, er möge einmal kommen- die Alte würde es nicht mehr lange treiben. Leo aber hatte sich nicht blicken lassen. In der Kammer herrschte frostige, schlechte Luft. Auf dem Bette der Kranken waren Decken und Kleidungsstücke übereinander getürmt, denn Clarissa konnte sich nicht erwärmen. Sie lag da mit brennenden Lippen, mit rotfleckigen Wangen, mit glühenden Händen, ihr Atem ging schnell- das Reden war ihr beinahe unmöglich, und doch wollte Schmidt, der an ihrem Bette stand, sie zu einer Antwort, die sie zu geben sich weigerte, zwingen. Immer dieselbe Frage, mit der er sie schon so oft gepeinigt hatte. „Krepierst hier im Elende," fuhr er sie an, „während Du nur die Hand auszustrecken brauchtest, um für Dich und Leo und für mich zu sorgen. Dumme Gans! Aber wart' nur, Du sollst mir noch beichten!" Er packte sie mit festem Griff um das Handgelenk. Sie stieß ein schmerzliches Stöhnen aus und sah sich ver- zwetflungsvoll nach Hilfe um. Niemand war nahe, nicht einmal das Lehrmädchen- denn es war Sonntagnachmittag, und das Geschäft blieb geschloffen. Das Gefühl, daß sie ganz in die Gewalt dieses brutalen Menschen gegeben sei, überwältigte die Kranke. Im Grunde galt es ihr gleich, ob das Geheimnis gewahrt blieb oder nicht, jetzt, da es mit ihr zu Ende ging, da Verschwiegenheit keinen klingenden Lohn mehr brachte- nur Haß gegen den Mann, der ihr soviel zu leide gethan, das süße Gefühl der Rache, die Erkenntnis, daß sie ihm durch ihr Schweigen alles hcim- zahle, was sie durch ihn gelitten, schloß ihr den Mund. Schmidt zog sie an den Armen in die Höhe und schüttelte den gebrechlichen Körper. Ein furchtbarer Hustenanfall folgte. Blut rann ihr aus dem Munde und befleckte den Aermel seines Rockes. „Pfui Teufel!" schrie er. „Aber los kommst Du nicht. Erst will ich wissen, wer der Vater vom lieben Leon war! Dabet versetzte er ihr noch einen Puff. Sie wandte sich vor Schmerz und blickte hilfesuchend ins Leere. Da öffnete sich die Thür, und Leo trat ein. Er hatte die letzten Worte Schmidts gehört. „Das geht Dich gar nichts an. Das geht mich an und die Mutter und keinen anderen. Und nun laß die Mutter in Ruhe!" Er stieß Schmidt fort und drängte sich an Clariffens Bett. Diese war kraftlos in ihre Kissen zurückgesunken und nickte dem Sohne mit dankbarem Blicke zu. „Sieh zu, ob Du mehr Glück hast," lachte Schmidt roh. „Hast Dich übrigens nicht sehr beeilt mit dem Herkommen, mein Junge." Leo antwortete ihm nicht. Er beugte sich zur Mutter herab und flüsterte: „Ich lag selbst im Lazarett, Mutter." Sie schaute traurig zu ihm auf und streichelte seine Hände. Reden konnte sie nicht, und schneller und schneller ging ihr fiebernder Atem. Im Angesicht ihrer kläglichen Lage übermannte den jungen Mann plötzlich eine lange nicht mehr gefühlte Weichheit, Mitleid mit dem elenden Wesen, Erinnerung an das, was er ehemals für sie gefühlt: jenes seltsame Gemisch von fügte er haben." Der sam ein Plan. XXII. Leo hatte Urlaub genommen, um dem Begräbnis beizuwohnen- dann war er in die Kaserne zurückgekehrt. Er sprach nicht über den Todesfall und zeigte auch keine besondere Trauer, vielleicht, daß er ein wenig stiller war, als sonst. Weniger aus Schmerz, als weil ihn ein Gedanke ausschließlich beschäftigte, so sehr, daß er darüber fast vollständig bewundernder Zärtlichkeit und knabenhafter Verehrung. Richtig lieb gehabt hatte er in seinem Leben nur zwei Menschen, seine Mutter und die Frau Oberlehrer Heilmann, seine zweite Mutter. Wie unermüdlich war sie bedacht gewesen, über sein Wohl zu wachen. Wenn er bei ihr hätte bleiben dürfen! Noch häufig, nachdem er längst ihr Haus verlassen, hatte sie ihn auf der Straße freundlich angesprochen und ihn aufgefordert, sie zu besuchen. Wie gerne wäre er der Aufforderung gefolgt- aber er schämte sich. Hätte er doch auch von Daheim und von den Seinigen — von seinem Stiefvater! berichten müssen- und das widerstrebte ihm. So war er der Vielbeschäftigten aus den Augen gekommen und hatte sie ganz verloren. Und nun sollte ihm auch seine leibliche Mutter, die es bei all' ihren Fehlern doch immer so gut mit ihm gemeint hatte, entrissen werden. Er war nicht einmal sehr traurig darüber. Er wußte schon lange, daß sie bald sterben würde, und schade um das elende Leben, das sie führte, war es wahrlich nicht. Nachher würde er wenigstens nichts mehr mit jenem rohen Menschen zu schaffen haben, seinem Stiefvater. Der stand breitbeinig am Kammerfenster und pfiff. „Willst Du was?« fragte Leo. Die Mutter war plötzlich unruhig geworden und zerrte am Aermel seiner Uniform, als wünsche sie, daß Leo sich zu ihr hinabbeuge. „Willst Lu mir was sagen? ' Sie nickte. Er legte sein Ohr dicht an ihren Mund. Sie öffnete die Lippen. Er hielt den Atem und lauschte, aber kein Laut ward vernehmbar, nur das Rascheln, mit dem sie nach Luft rang. Immer lauter und unheimlicher klang es durch das stille Gemach. Schmidt hörte auf zu pfeifen. Leo, der unbehaglichen Stellung müde, erhob sein Haupt wieder. Er hatte noch nie jemand sterben sehen, aber er ahnt, daß dies der Tod sei. Er bleibt auf der Bettkante sitzen, und die Mutter klammert sich fest an ihn mit ihren schweißigen Händen. Er friert jämmerlich. Auch Schmidt friert. Mit großen Schritten läuft er im Zimmer auf und ab und reibt sich die Hände, um sie zu erwärmen. — Es dauert sehr lange. Leo überlegt, daß er kein Nachtzeichen habe. Jetzt ist es allerdings erst um die siebente Stunde, aber es ist schon ganz dunkel. Leo starrt stumpfsinnig hinaus. Er wartet. Nicht auf die Enthüllung, die sie ihm hat geben wollen- er ist nicht einmal neugierig: es gilt ihm ziemlich gleich, wem er sein elendes Leben verdankt. Aber er wartet. Er muß doch warten, bis sie tot ist- sie, die niemand auf der Welt hat außer ihm. Immer tiefer sinkt die Nacht auf die Erde. Die Gegenstände verschwimmen in einander. Die Mutter kann er schon lange nicht mehr sehen, er hört nur ihr unheimliches Röcheln, und ihre Finger kleben auf seiner Hand. Plötzlich fühlt er einen heftigen Ruck, zuckend versucht Clariffens schwacher Arm ihn herabzuziehen. Er folgt ihrer Bewegung- er hat verstanden, was sie will. Noch einmal will sie versuchen, zu sprechen, ehe Leben und Atem für immer entflohen. Er neigt sich zu ihr nieder. Unmöglich — unverständlich — ein paar pfeifende Laute — endlich ein Name krampshaft hervorgestoßen — dann wieder gurgelnde Töne — doch er weiß genug. Ein unbekanntes, sattes Gefühl der Befriedigung senkt sich auf nieder. Er ist jetzt ganz ruhig. Ohne Ungeduld, fast ohne Empfindung läßt er die Schrecken des langen Todeskampses an sich vorübergehen- nur in seinen Augen flackert ein seltsames Feuer, und in seiner Seele reift lang- 443 t t ste Magdalenenheim oder eine Krippe oder der- Weise zu sticheln, nicht mehr möglich nnd Beleidigungen und bestimmt, daß genommen würde - ein Es die ie m -s ht er al ür ch ich er rf ht in ch at >kt >e- en en 19’ legen Sie Werk an". «Für gleichen". „Für Er ne «r ife >*9 tt r » rt '/ x n h r 1. t- te war, die auf ihn gemünzten Anspielungen zu überhören. Erst verbat er sich ruhig seine Person zum Gegenstand des Gesprächs und als dies nichts fruchtete, stellte er Leo Platz im Paradiese sichern". Der Graf blickte der so beharrlich Bittenden in die schönen, von innerem Feuer erleuchteten Augen. „Ach, meine gnädigste Gräfin, ich wage kaum, an's jenseitige Paradies zu denken, wenn mir ein Engel des irdischen Paradieses so scharf zusetzt. Sie wissen, daß ich schwach bin und schönen Augen kaum etwas abschlagen kann ; aber gerade jetzt ... die Rennen werden nächstens beginnen, und meinen Sommerurlaub muß ich — ich bin durch Zusagen gebunden — am Nordkap verbringen ... Da find zwanzigtausend Mark in der That eine Summe, die ich schlecht entbehren kann". Die Gräfin ließ sich nicht abweisen. „Sie brauchen sie nicht sofort zu zahlen, wenn Sie nur zeichnen- die Zahlung würde erst im Herbste zu erfolgen haben. Wenn ich kokett und eingebildet wäre, würde ich Ihnen einen Kuß versprechen- aber ich weiß, der Graf Meerburg, der verwöhnte Liebling der Damen, ließe sich durch solche Gunst eines alternden Mädchens nicht verlocken". „Das käme denn doch darauf an". „Pst! keine erheuchelten Komplimente! Gleichwohl gestehe ich, zu jeder Exzentrizität wäre ich bereit, wenn ich mir dadurch die benötigte Summe gewinnen könnte. Ich würde mir z. B. Ihre Unterschrift persönlich in Ihrer Wohnung abholen". Wiederum schaute der Osfizier forschend in das Antlitz der Dame. Er wußte, daß sie erhaben über jede Verdächtigung ihres Rufes war, daß sie aber auch den Sport ihrer christlichen Werke mit einem Feuereifer betrieb, der sie unter Umständen über die Rücksichten, die sie auf ihr Geschlecht und ihre gesellschaftliche Stellung zu nehmen hatte, unbedenklich Hinwegriß. Andernteils war er durchaus nicht in sie verliebt- aber in mit dem Hinterkopf auf den Fußboden eine rote Blutlache ihm zur Seite. Entsetzt beugte sich Leonhard über den Gefallenen. Der erhob seine Arme gegen ihn- einen Augenblick fuchtelten sie in der Luft herum, dann sanken sie kraftlos herab — ein gurgelnder Laut — Leonhard stockte das Blut im Herzen. Mit Blitzesschnelle durchfuhr ihn der Gedanke: „Rößler stirbt, und du bist sein Mörder!" Seiner Sinne nicht mehr mächtig, in wahnsinniger Angst warf er sein Seitengewehr von sich und stürzte in wilder Flucht zur Thür hinaus. (Fortsetzung folgt.) vergaß, seine Vorgesetzten in gewohnter Weise zu ärgern. Er nahm zu allgemeiner Verwunderung plötzlich den Anlauf, ein tüchtiger und brauchbarer Soldat zu werden. „Der Kerl ist gar nicht so dumm, wie man glaubte," bemerkte ein Freiwilliger nach Beendigung der Jnstruktions- stunde zu Leonhard. „Nach meinem Dafürhalten ist er überhaupt nicht dumm," antwortete dieser, „bloß verstockt und widerspenstig." In diesem Augenblick kam der Besprochene an ihnen vorüber. Wie sein Blick auf Leonhard fiel, ballte er heimlich die Faust, und sein Auge funkelte wie das eines Tigers, der auf Beute ausgeht. Am nächsten Tage waren Leonhard, Leo und Brömme zusammen auf Wache kommandiert. Eben war die Ablösung gekommen, und sie begaben sich in das Wachtlokal, um die erfrorenen Glieder zu wärmen. Leonhard saß etwas abseits: er verspürte keine Neigung, sich an der Unterhaltung der beiden andern zu beteiligen. Er würde, müde und abge- Wollen Sie mir nicht sagen, Feindschaft beehren?" Leo lachte. „Feindschaft? nicht, Brüderchen!" Leonhard warf den Kopf wann wir Brüderschaft gemacht Framnaugen trügen nicht. Novellette von Dagobert von Gerhardt-Amyntor. (Nachdruck verboten.) „Das ist ein wenig viel, meine gnädigste Gräfin". „Für einen Grafen Meerburg aber nicht zu viel", wandte die schöne und elegante Anna Gräfin Streitfeld ein, die die Dreißig wohl schon überschritten hatte. Graf Meerburg ließ etwas ungeduldig die Absätze seiner Reitstiefel zusammenklappen, so daß die Sporen einen Hellen „Und ich verbitte mir hiermit Ihre Unverschämtheiten — - zum ersten und letzten Mal." „Wir Menschen find alle Brüder," begann Leo, ohne auf Leonhards Verweis zu achten- denkst Du vielleicht, Du bist auf eine andere Weise in die Welt gekommen, als ich, weil Du der Sohn von einem vornehmen Herrn bist, und lch — weißt Du vielleicht, wer mein Vater war?" Leonhard stampfte auf vor Zorn. Die beiden andern sahen sich grinsend an, und Brömme gab Leo einen ermutigenden Rippenstoß. „Vielleicht kann ich auf meinen Vater ebenso stolz sein, wie Du auf Deinen — ich meine mit ebensowenig Recht." „Schweige!" schrie Leonhard wütend. „Mein Vater geht Dich nichts an!" „Wer weiß!" höhnte Rößler, „Brüderchen, werweiß!" Leonhard fuhr auf. „Du sollst mich nicht Brüderchen nennen, elender Schuft! Ich bin Dein Brüderchen nicht!" „'s hat mancher mehr Brüder, als er denkt," sagte Rößler frech. Er war vollständig ruhig und schielte triumphierend auf Brömme, der jede seiner Bemerkungen mit flegelhaftem Lachen begleitete. Jetzt hielt sich Leonhard nicht länger. Mit einem Satze sprang er aus Rößler zu, Packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn. „Gemeiner Lump!" knirschte er. „Kein Wort weiter, sonst hau' ich Dich nieder, wie einen tollen Hund." Rößler stieß ein rohes, höhnisches Gelächter aus. Er hatte versucht, sich der kräftigen Faust, die ihn umklammerte, zu entwinden; aber eS war ihm nicht gelungen. Nun kam ihm Brömme, der bis dahin mit offenem Munde zugesehen hatte, zu Hilfe. LeoS Gelächter und Brömmes Eingreifen verdoppelten Leonhards Wut. Mit einem Stoße schleuderte er den Soldaten zurück- dann ergriff er mit der Linken das Seitengewehr und hieb blindlings auf seine Gegner ein. Diese, weniger geschickt als er und vor Schrecken und Ueber- raschung halb betäubt, vermochten kaum, sich zur Wehr zu fetzen. Immer dichter hagelten die Hiebe. Plötzlich taumelte Rößler, stürzte und schlug wuchtig I wo! Ich hasse Dich gar zurück. „Ich wüßte nicht, hätten," erwiderte er stolz. spannt wie er war, kaum auf dieselbe geachtet haben, wenn nicht Leo sogleich begonnen hätte, in nicht mißzuverstehender Das wurde schließlich so arg, daß es ihm zur Rede. „Ich habe Ihnen nie das Geringste zu leide gethan, und Sie legen es beständig darauf an, mich zu reizen, warum Sie mich mit Ihrer silbernen Klang gaben. „Sie sagen das so, weil Sie kein Hindernis gelten lasten, wenn in Ihrem schönen Kopfe irgend ein Plan spukt, dessen Ausführung Sie mit Feuereifer verfolgen. Aber zwanzigtausend Mark ... zum Teufel! Ich müßte sie mir geradezu borgen." „Das verlange ich gewiß nicht von einem der rangiertesten Offiziere dieser Stadt. Aber ich weiß, daß es Ihnen nicht darauf ankommt, eine solche Summe einmal zu verwetten oder für irgend eine modische Nichtigkeit auszugeben- nun ausnahmsweise einmal für ein christliches klang etwas spöttisch. Stiftung eines Bettes im Amalien-Kranken- hause, ganz recht. Die Gebete der armen Kranken, die man in diesem Bette dereinst pflegen wird, werden Ihnen einen 444 dem Preise, den sie ihm da in Aussicht stellte, lag für ihn, den Junggesellen, doch ein gewisier magischer Reiz, und das Vertrauen, das sie ihm zu erkennen gab, schmeichelte dabei noch seiner männlichen Eitelkeit. „Top!" rief er plötzlich umgestimmt und übermütig aus, „wenn Sie morgen zur Dämmerstunde — sagen wir, um 5 Uhr — sich in meine Wohnung, Rankestraße 200, bemühen wollen, so werde ich Ihnen die erbetene Summe zeichnen. Vergessen Sie nicht, Ihre Sammelliste mitzubringen". Er lachte und zeigte seine kerngesunden, weißen Zähne zwischen den fröhlich geöffneten Lippen. Nun schaute ihn Gräfin Anna einen Moment lang forschend an,- dann sagte sie ernst und entschlossen: „Ich werde kommen, denn ich vertraue Ihnen. Im Voraus schon besten Dank!" Sie standen beide auf, verließen die Nische, in der sie geseffen hatten, und mischten sich wieder unter die Gäste des Botschafterhauses. — * * * Der erst vor kurzem zum Rat im Ministerium beförderte Dr. von Hohenstein hatte heute einen schlimmen Tag. Er hatte, schon zum dritten Male, einen anonymen Brief erhalten, dessen Inhalt wie ein Tropfen gärenden Giftes in sein heißes Blut gefallen war. Vor wenigen Monaten — er war damals noch Affeffor und der Bräutigam der bildhübschen Anna Püseke, der Tochter des reichen Herrn Püseke, eines der glücklichsten Grundstückspekulanten Berlins, gewesen — hatte er den ersten jener nichtswürdigen Briefe erhalten. Damals hatte man ihm nur die Worte geschrieben: „Man warnt Sie vor Anna Püseke" — weiter nichts. Er hatte gelesen, die Achseln gezuckt, dann den Zettel zerrissen und die Papierfetzen verbrannt. Neid irgend eines Biedermannes, der sich vielleicht einmal bei Anna einen Korb geholt hatte! — Am Morgen seines Polterabend-Tages hatte er wieder eine anonyme Zuschrift erhalten,- diesmal etwas vollständiger: „Man warnt Sie vor Anna Püseke, deren Leben nicht ganz einwandsfrei ist". Zum Teufel! das war deutlich! Eine unerträgliche Aufregung hatte sich seiner bemächtigt, ein geheimer Widerwille gegen Herrn Püseke und gegen sich selbst, weil er sich von dem Vorwurfe nicht ganz frei fühlte, daß Püsekes Schätze wohl den ersten Anstoß für ihn gegeben hatten, der Idee einer Versippung mit dem glücklichen Spekulanten näher zu treten. Freilich, er entschuldigte sich auch sofort vor sich selbst: Hätte er in Anna nicht ein hübsches und liebreizendes Mädchen gefunden, das ihm eine so nahe Verbindung mit dem Hause Püseke als äußerst begehrenswert erscheinen ließ, er würde es nicht fertig bekommen haben, nur um ihrer Schätze willen um ihre Hand zu werben. Er zwang sich zur Ruhe und Ueberlegung; schließlich kam er zu dem Ergebnis, daß er die feige und niederträchtige Warnung auch diesmal zu überhören hätte,- am Polterabende durfte kein Mißton den Zusammenklang der Seelen des Bräutigams und der Braut trüben,- er verbrannte auch diesen Zettel und begab sich entschlossen, wenn auch innerlich nicht ganz frei, zum Polterabendballe und am nächsten Tage zu seinem Hochzeitsfeste. Und nun — kaum ist der erste seiner Honigmonde verflossen — wiederum eine so heimtückische Anklage! Diesmal sogar nicht mißzuverstehen und mit Nennung des Namens eines heimlich begünstigten Nebenbuhlers! „Man warnt Sie vor Ihrer Gattin, deren Leben nicht ganz einwandsfrei ist; achten Sie auf den Grafen Meerburg, Rankestraße 200". Wie ein Faustschlag hat ihn diese Zuschrift getroffen. Er kennt den Grafen gar nicht; nur vom Hörensagen weiß er, daß der elegante Reiterosfizier sehr reich ist und daß ihn die Frauenwelt als ihren Liebling umschmeichelt. Das Blut ist dem Lesenden zu Kopf gestiegen; noch hält er die Beschuldigung für grundlos, aber daß man sie überhaupt auszusprechen wagt, das zeigt ihm, eine wie geringe Achtung das Haus Püseke genießen muß, und mit diesem Hause ist er nun rettungslos durch die heiligsten Bande verbunden! Seine junge Gattin darf nichts erfahren; er muß zum Argus werden, der mit alles durchdringendem Blicke unbemerkt die Schritte Annas belauert, um erst einmal zu erfahren, ob überhaupt Anhaltspunkte für irgend welchen Verdacht vorhanden sind. Mit diesem Entschlüsse ist er heute früh nach dem Ministerium gegangen; die Aktenstücke, die er in Händen gehabt hat, sind unverständlich für ihn gewesen: er hat immer nur die Worte zu lesen gewähnt: „Graf Meerburg, Rankestraße 200". Wenn der namenlose Briefschreiber die Absicht gehabt hat, ihm eine das Mark ausdörrende Folter zu bereiten, so ist ihm der teuflische Plan gelungen; o, daß es doch solche Buben giebt, die nicht den Mut haben, offen und rückhaltlos ins Angesicht zu reden, sondern die den Pfeil mit der vergifteten Spitze aus dem Hinterhalte abschießen und so jede Rückfrage, jede Aufklärung und Verständigung unmöglich machen! Wie er auf dem Heimwege gerade um die Ecke der Straße, in der er wohnt, biegen will, sieht er vor dem Portale seines Hauses eine Droschke vorfahren, aus der seine Gattin aussteigt. Sonderbar! Anna hat ihm nichts davon gesagt, daß sie heute während seiner Abwesenheit ausgehen wollte; auch scheint ihm plötzlich, als ob Anna in der letzten Zeit etwas nachdenklich und befangen gewesen sei. Er wartet, bis sie im Hause verschwunden ist, dann eilt er auf die Droschke zu. „Sie bekommen eine Mark Trinkgeld, Kutscher, wenn Sie mich schnell dahin fahren, wo die Dame, die eben ausstieg, eingestiegen ist". „Schön, mein Herr ... soll besorgt werden". Der Herr Rat sitzt in fiebernder Erwartung im Wagen, der die Richtung nach der gefürchteten Rankestraße einschlägt. Der Wagen hält. Herr von Hohenstein steigt aus und wie er die Hausnummer 200 liest, webt sich ein schwarzer Flor vor seinen Augen. Er zahlt; der Wagen rollt davon. Der Unglückselige befindet fich tatsächlich in der Rankestraße: aber das Haus ist ihm unbekannt, er hat es noch nie betreten. Mit wankenden Knieen nähert er fich dem Glockenzuge neben dem Fenster der Pförtnerswohnung. Er drückt auf den Knopf. Das Kellerfensterchen öffnet sich und ein weiblicher Kopf wird sichtbar. „Wohnt hier der Leutnant Graf Meerburg?" „Jawohl, mein Herr, eine Treppe rechts". „Hat die Pförtnerin nicht spöttisch gelächelt?" Hohenstein möchte darauf schwören, daß sie es gethan hat. O Schmach und Schande! Wie ein Trunkener wankt er die Treppe empor; mit zuckender Hand drückt er auf den Klingelknopf und übergiebt dem öffnenden Diener seine Karte. Nach einer kurzen Pause kehrt der Diener zurück: „Der Herr Graf laffen bitten". (Schluß folgt.) In der Sommerfrische. „Schade, daß ich mein Waschzeug vergeffen habe!" — „Macht nix! An Kamm und an Zahubürschtl kennen's scho von mir hab'n!" * * * Trudchen (bei einem festlichen Familienmahle): „Mama, muß der Onkel deshalb so viel essen, weil es, „Ein Einladung" heißt, was Du ihm geschickt hast?" Redaktion: ®. Burkhardt. — Druck und «erlag der Brühl'schen Univerfitätr.Buch. und Steindruckerci (Pietsch Erben) in (Siegen.