1899. o. ■if KM K222323E W enschen von dem ersten Preise Lernen kurze Zeit und werden weise, Menschen von dem zweiten Range Werden weise, lernen aber lange; Menschen von der letzten Sorte Bleiben immer dumm und lernen — Worte. Rückert. (Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Ich warf mich ärgerlich in einen Armstuhl und wartete auf das Krauenzimmer. Endlich hörte ich das Schlappen von Pantoffeln auf der Bodentreppe, gleichzeitig öffnete sich aber auch die Hausthür, jemand reinigte seine Stiefel auf der Thürmatte, und es wurde eifrig geflüstert. „Ah," dachte ich freudig, „da ist er gekommen." Ich sprang schnell auf und eilte nach dem Hausflurbei der dort herrschenden Dunkelheit konnte ich aber nur am Fuße der Treppe eine Art Magd erkennen, die gerade fragte: „Sind Sie das, Madame?" „Na, wer denn anders, du dumme Gans?" kam die Antwort zurück. Ich drehte mich nach der Stelle und bemerkte nun in der Nähe der Hausthür, dicht bei meiner Kiste, einen Mann und eine Frau. Die Gesichter zu unterscheiden, war bet der Finsternis nicht möglich, — das aber wurde mir klar, — mein Vater war der Mann nicht. „Bitte," sagte ich so höflich, als ich es vermochte, „wohnt Mr. Chadburn nicht hier?"^. ■. - „Was, Sie wissen nicht---" LZLLKKM „Wissen, — was?" unterbrach ich. „Mrs. Chadburn, meine Teure," sprach der Mann, „wäre es nicht zur Schonung deiner Gefühle das beste, wenn ich mit unserem jungen Freund in das Wohnzimmer träte und du es mir überließest, ihm dort, während du dich die Treppe hinauf begiebst und deinen Hut ablegst, — die an- greifende, — die schmerzliche Bei Nennung des Namens „Mrs. Chadburn" prallte ich vor Erstaunen einen Schritt zurück und stieß dabei an die Magd, welche sich — wahrscheinlich, um über meine Persönlichkeit ins reine zu kommen — dicht hinter mich geschlichen hatte und mir um die Leeseite meines Rückens herum in das Gesicht starrte. Der Mann mit der sanften Stimme ergriff nunmehr meinen Arm und sagte, während er mich aus dem Flur in das Wohnzimmer geleitete: „Mrs. Chadburn erfreute sich leider keiner sehr kräftigen Konstitution, sie — —" „Wer, zum Henker, ist Mrs. Chadburn?" fiel ich ihm heftig ins Wort. — „Wer sind Sie? — Wessen Haus ist dies? — Wo ist mein Vater? —" Er schüttelte traurig mit dem Kopfe, — wobei ich, ihn näher betrachtend, bemerkte, daß er, bis auf ein weißes Halstuch von der Größe einer Serviette, schwarz gekleidet war, eine lange Nase, kleine schwarze Augen und ein glatt rasiertes Gesicht hatte- — darauf schritt er mit der Miene eines Leichenbitters auf das Buffet zu goß sich dasselbe Glas, welches ich soeben benutzt hatte, voll Sherry — trank, — setzte sich, kreuzte seine dünnen Beine und faltete die Hände. Diese Ruhe ließ mich beinahe aus der Haut fahren, und ich war eben im Begriff, meine Frage mit dem gehörigen seemännischen Nachdruck zu wiederholen, als er gefühlvoll lispelte: „Junger Mann, Ihr Vater ist nicht mehr." „Wollen Sie mir sagen, daß er tot ist?" — „Tot und begraben, mein armer, junger Freund." — „Wann starb er?" „Gestern waren es zehn Monate." Diese Nachricht traf mich so unerwartet, daß ich nach dem in meiner Nähe stehenden Tisch greifen mußte, um mich zu stützen- derselbe kam durch mein Gewicht ins kippen, und ein Glas Wasser mit einer Rose darin fiel auf den Teppich. Fast in demselben Moment lag auch schon der schwarze Kerl daneben, um das Wasser mit seinem Taschentuch aufzutupfen, und dabei jammerte er: „Ach Gott, der Teppich wird Schaden gelitten haben, — dieser wertvolle Teppich — ein echter Brüsseler-" und während er rieb, fuhr er fort: „aber er starb glücklich- — ein Muster von Frömmigkeit und Tugend war an seiner Sette, als er den letzten Atemzug that, und drückte ihm die Augen zu." — Es gelang mir, meine Gefühle zu beherrschen. Ich fragte, ob die Frau, mit welcher er gesprochen, meines Vaters Frau gewesen sei. Da stand er vom Teppich wieder auf, setzte sich und antwortete: 190 — „Ja, dieses edle Weib war Mr. Chadburns Gattin. Jetzt ist sie seine Witwe- aber —" fügte er hinzu und dabei ließ er die schwarzen Hauer sehen, die seine Kiefern schmückten, als er seinen großen, affenartigen Mund zu einem Grinsen verzog —, „er wolle mir hiermit auch mitteilen — nicht im Vertrauen, denn es sei kein Geheimnis —, daß Mrs. Chadburn wahrscheinlich nicht mehr lange Mrs. Chad- burn heißen werde." „Das habe ich mir gedacht," bemerkte ich. — „Nach Ihrer Sorge um den Teppich war es nicht schwer zu erraten, daß Sie hier Kapitän werden wollen." Er antwortete hierauf nicht weiter, sondern nickte nur mit einem herablassenden, selbstzufriedenen Lächeln vor sich hin. Ich war augenblicklich in Verlegenheit, was ich sagen oder thun sollte, und starrte sinnend den Menschen an. Die Thatsache, daß mein Vater, ohne mich davon wissen zu laffen, zum zweitenmal geheiratet hatte, — und, wie ich jetzt er kannte, eine Frau, die imstande war, sobald nach seinem Tode ihre Liebe auf einen so widerlichen Gesellen zu übertragen —, hatte meinen Gram auf den Strand laufen lassen und meine Gefühle in einen durchaus unkindlichen Kanal geleitet. Mein Blick schweifte nach der Stelle der Wand, wo früher das Bild meiner Mutter hing- — an seinem Platz nunmehr dieses Scheusal von Tapisseriearbeit zu sehen, machte mir das Blut sieden. „Wo ist die Witwe," schrie ich, — „will sie sich vor mir verstecken? — Rufen Sie sie herunter- ich muß sie einiges fragen." „Jede Frage, die Sie zu stellen wünschen, junger Mann, bin ich durchaus in der Lage zu beantworten," erwiderte der Kerl näselnd. „Was wissen Sie davon!" sagte ich verächtlich. „Von was, Sir?" „Ich wünsche zu wissen, ob mein Vater kein Eigentum hinterlassen hat, — wessen Haus dies ist!" Der Mensch verdrehte die Augen, daß sie so weiß aussahen, wie ein Paar Vogeleier im Nest. „Junger Mann, dies sind sehr weltliche Dinge, denen Sie so eilig Ihre Gedanken zuwenden," sprach er salbungsvoll. „Haben Sie denn gar keine Klage für den Toten, kein Bedauern?" „Ich möchte Ihnen raten, mich nicht länger „junger Mann" zu nennen," sagte ich, „ich könnte sonst leicht auf eine Art mit Ihnen reden, die Ihnen wenig gefallen würde. Wenn ich irgend welche Rechte habe, so bin ich hier, sie zu behaupten- — ich verlange, Mrs. Chadburn zu sprechen." Nachdem ich dies gesagt hatte, wollte ich selbst nach dem Flur gehen, um sie zu rufen, als sie plötzlich ins Zimmer trat. — Jedenfalls hatte sie an der Thür gehorcht. Sie trug ein Päckchen in der Hand, ich achtete aber nicht darauf, sondern sah ihr ins Gesicht, um zu erkennen, was für eine Art Schiffsbild sie wäre. — Da der Schwarze die Rücksicht hatte, jetzt ein paar Lichter anzuzünden, so zeigte mir der Schein derselben eine Dame, die ungefähr vierzig Jahre zählen mochte, dicke Augenbrauen und statt der Augen nur ein Paar Schlitze hatte- Kinn und Backen waren sehr fleischig und letztere zierte ein Flaum, der ganz gut das Messer eines Barbiers vertragen hätte. Da sie nicht zu sprechen anfing, machte ich ihr eine Verbeugung und sagte: „Ich höre, Sie sind Mrs. Chadburn." „Ja, das ist vorläufig noch mein Name," antwortete sie mit einem Blick auf ihren Freund. „Während Sie oben waren, Madam," fuhr ich fort, „habe ich einige Neuigkeiten vernommen. Ich bin indes weniger überrascht, daß mein Vater tot ist, als darüber, daß er zum zweitenmal geheiratet hat." „Oh, in der That!" rief sie und warf ihren Kopf zurück, als ob sie erwartete, ich würde unverschämt werden. „Ich wünsche zu wissen," sagte ich, „ob er vor seinem Tode von mir sprach und Sie beauftragte, mir irgendwelche Mitteilungen zu machen." „Nicht, daß ich wüßte," erwiderte sie. „Seinem Testamente nach habe ich Ihnen nur dieses Päckchen einzuhändigen, und ich thue dies hiermit unter Zeugenschaft von Mr. Ltckwater." Sie überreichte mir das Päckchen. — Als ich es öffnete, fand ich darin meines Vaters Uhr, nebst Kette und Siegel. Ich wickelte die Sachen wieder ein und steckte sie in meine Tasche- in sentimentaler Stimmung befand ich mich dabei gerade nicht. „Weiter besagt das Testament betreffs des jungen Mannes nichts, Mrs. Chadburn?" fragte Mr. Lickwater. „Nichts, wie dieser Herr sich selbst überzeugen kann, wenn er meinen Rechtsbeistand Mr. Henson, Mulberry Road Nr. 9, aufsuchen will." „Ich kam hierher, um meinen Vater zu besuchen, ihm wieder einmal seine alte Hand zu drücken, ihm von meiner letzten Reise zu erzählen zu können, — ich finde ihn im Grabe - — das ist hart. — Wem gehört dies Haus ?" „Mir!" entgegnete Mrs. Chadburn, sich in die Brust werfend. — „Es war aber meines Vaters wohlerworbenes Eigentum." „Junger Mann," piepte der widerwärtige Lickwater, „aus Schonung für Mrs. Chadburns Gefühle und um Zeit zu ersparen, erkläre ich Ihnen hiermit, daß der Verstorbene, dessen Tod wir beklagen, laut Testament alles seiner Witwe vermacht hat." „Nämlich sein Haus samt Einrichtung," erklärte die Genannte eifrig einfallend, „denn er hatte weiter nichts, als sein Jahrgeld, das aber hörte auf, als er starb. Gott weiß, wenn ich nicht meine Ersparnisse hergegeben hätte, würde er nicht die Hälfte der Pflege gehabt haben, wie ich sie ihm zuteil werden ließ. Er kann mich unmöglich wahrhaft geliebt haben, sonst würde er sein Leben versichert haben." Es war wir wohl bekannt, daß mein Vater nur von seiner Pension gelebt hatte, und deshalb zweifelte ich auch nicht, daß seine Witwe und Lickwater die Wahrheit sprachen- was aber auf meine Laune einzuwirken begann, das war die ungastliche, unfreundliche Aufnahme. Das ganze Gespräch wurde stehend geführt, nicht einmal zum Niedersitzen wurde ich aufgefordert. Indessen, das konnte auch in einer gewissen Verlegenheit seinen Grund haben, — ich schwieg deshalb eine Zeit lang in der Erwartung, daß meine Stiefmutter die Pause vielleicht wahrnehmen würde, mich einzuladen, im Hause zu schlafen und bei ihr Abendbrot zu essen, — aber Gott bewahre, — nichts davon kam über ihre Lippen. Im Gegenteil, sie schielte mich nur mit allen Zeichen von Argwohn und Furcht an und brach das Schweigen nicht. Dieses Verhalten war mehr als ich ertragen konnte. Ich vermochte meinen bisher verhaltenen Grimm nicht mehr zu bemeistern und platzte in voller Wut heraus- „Ich sehe, daß ich hier im Wege ich bin und besser thue, mich zu packen." Hiermit wollte ich gehen, Lickwater aber fragte — wohl, um doch noch etwas zu sagen, mit einem gezwungenen, verlegenen Lächeln: „Beabsichtigen Sie längere Zett in Bayport zu bleiben?" „Nicht lange genug, um das Aufgebot zu hindern oder diese treue Witwe in Ausgaben für Thee und Seife zu stürzen," antwortete ich höhnisch. „Essen Sie in Frieden das Brot dieser ganz für Sie paffenden Frau, Sie würdiger Mann, und fürchten Sie nicht, daß ich versuchen werde, Ihnen auch nur ein Bissen zu entziehen." „Wirklich, junger Mann, solche Sprache bin nicht gewöhnt!" fuhr er mit unterdrückter Wut heraus, indem er ganz rot vor Zorn sich hastig den Rock zuknöpfte, während Mrs. Chadburn sich angstvoll an ihn drängte und schrie: „Oh, der Elende!" „Was steht zu Diensten?" rief ich, meine Mütze auf den Tisch werfend und mir den Anschein gebend, als ob 191 — ich seine Bewegungen für einen auf mich beabsichtigten Angriff deute, dem ich begegnen wollte. Erschrocken über meine Worte und Haltung, prallte Lickwater zurück, stieß dabei an einen hinter ihm stehenden Kohlenbehälter und stürzte über diesen. Im Fallen faßte er daS Kleid von Mrs. Chadburn, sodaß diese rücklings gegen das Feuergatter taumelte und alle Kamingeräte umwarf. — Es war ein Höllenspektakel, — er fluchte, und wetterte so schön, wie ich es nur je auf einem Schiffe gehört hatte, und sie schrie Zeter und Mord, was sie nur schreien konnte. Das ließ mich nun ziemlich kalt, und da ich mein Herz erleichtert und alles gesagt hatte, was ich hatte sagen wollen, ging ich mit einem herzhaften Seemanssegen hinaus, nahm meine Kiste auf die Straße und schlug die Thür hinter mir mit einem solchen Krach zu, daß es dröhnte wie ein Kanonenschuß. Einige Augenblicke wartete ich noch, um zu sehen, ob Mr. Ltckwater etwa Lust verspüre, mir zu folgen, da ich aber vergeblich harrte, winkte ich einem Träger in einer weißen Bluse, der auf der anderen Seite der Straße ging, übergab ihm meine Kiste und schritt ihm voran nach dem Gasthaus zum „Weißen Hirsch", dessen Besitzer mir von früher her gut bekannt war. (Fortsetzung folgt.) Nachdruck verboten. Die Armenhausprinzesstn. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) Sie hatte schon von dem Plan dieses Komitees gehört. Man beabsichtigte, nicht nur in Benneckenstein und der nächsten Umgebung Konzerte zu geben, sondern wollte auch in der Residenz mehreremale konzertieren, um größere Mittel zusammenzubringen. Sollte sie diese Konzertreisen mitmachen? Sollte sie in der Residenz auftreten, der sie vor Jahren entflohen war auf Nimmerwiedersehen? Sollte sie der Welt, der Gesellschaft sich wieder zeigen, der sie entflohen war, um in der Einsamkeit des Armenhauses von Benneckenstein ihren Stolz, ihren Wert wiederzufinden ? Sie wußte, der Herzog und der Hof zeigten für die hilfreichen Bestrebungen des Komitees in Benneckenstein großes Interesse. Würde der Herzog, würde die Hofgesellschaft nicht auch die Konzerte besuchen, welche man zum besten der Ueberschwemmten in der Residenz abhalten wollre? Sollte sie dieser Gesellschaft, sollte sie dem Herzog wieder gegenübertreten? Das überstieg ihre Kraft! Das duldete ihr Stolz nicht! In den Konzerten in dem Heimatstädtchen wollte sie fingen, aber in der Residenz, vor dem Herzog — nein — niemals! Dem weiteren Nachstnnen wurde sie durch das Wiedererscheinen Pauls und Klaras entriffen. Arm in Arm traten sie auf die Veranda, aber Klara ließ den Arm Pauls los und warf fick, unter Thränen glücklich lachend, an die Brust der Freundin, die sie liebevoll umfing. „Habt Ihr Euch endlich ausgesprochen. Ihr thörichten, lieben Kinder?" fragte Elste lächelnd. „Ach, Elsie," flüsterte Klara, „ich vermag es ja kaum zu glauben! Wie kann Paul mich lieben, wenn er Dich an meiner Seite steht, die Du so viel edler, so viel klüger, so viel schöner bist! Und doch, ich würde verzweifeln, wenn er mich nicht liebte!" Elsie reichte Klara die Hand. „Er liebt Dich, meine kleine Kläre," sagte sie bewegt. „Er liebt Dich schon lange und wenn er auch zuerst glaubte, er müsse der Liebe seiner Kindheit, seiner Knabenzeit treu bleiben, ich sah es ihm an, daß er sich in einer Selbsttäuschung befand, daß er nicht mich, daß er Dich, die frischerblühte Rosenknospe liebte. Ist es nicht so, Paul?" „Sie haben mir das Glück an daS Herz gelegt, Elsie," entgegnete der junge Arzt mit inniger Dankbarkeit. „Sie haben mir mehr als das Leben, Sie haben mir die Liebe, das Vertrauen zum Leben wiedergegeben." Er zog seine Braut an das Herz und drückte einen Kuß auf Klaras errötende Stirn. * • * Eine rege Thätigkeit wurde in der Stadt und Umgebung entfaltet, um eine würdige Festvorstellung vorzubereiten. Es verbreitete sich das Gerücht, daß der Herzog und die Hofgesellschaft zu dem Konzert kommen würden. Eine gewaltige Aufregung bemächtigte sich der ganzen Einwohnerschaft. Guirlanden wurden gewunden, so lang und gewaltig, als gelte es, das ganze Herzogtum mit ihnen zu schmücken. Der Dirigent der Stadtkapelle engagierte rasch eine neue „erste Geige" und einen neuen Paukenschläger, da der alte fast taub geworden war und in seiner Eigenschaft als Stadtpolizist und Nachtwächter an jenem festlichen Tage nicht entbehrt werden konnte. In jedem Hause wurde gesungen, musiziert, gegeigt, geklimpert, daß nervöse Menschen dem Wahnsinn nahe gebracht wurden. Unter den Jungfrauen der Stadt entstand bittere Feindschaft über die Frage, wer als weißgekleidete Jungfrau den Fürsten empfangen, und wer das Begrüßungsgedicht sprechen sollte, und als das Komitee die Tochter des Bürgermeisters und Hauptmanns a. D. Wöllner zu der letzteren Aufgabe bestimmte, da fielen mehrere junge Damen fast in Ohnmacht und schwuren nun, überhaupt der Festlichkeit fernbleiben zu wollen. 'Aber schließlich wurden doch alle Streitigkeiten beigelegt, und Frieden und Eintracht herrschten wieder unter den Töchtern der Stadt. Elsie war mit einem Male die wichtigste Person in der Stadt geworden, obgleich sie sich an den Vorbereitungen zum Feste in keiner Weise beteiligt hatte. Der Bürgermeister und Hauptmann a. D. Wöllner, der Doktor und PhhsikuS Grüttemann, der Kaufmann Wellhausen und der Rittergutsbesitzer von Dröhningen, welche den Vorstand des Hilfs- Komitees bildeten, begaben sich in Frack und weißer Halsbinde zu Fräulein Elste Hannecken, um ihr den Dank deS Komitees für ihre Bereitwilligkeit auszusprechen und sie einzuladen, die Proben des Damenchors zu letten. Der alte Hans Heinrich Hannecken, der Kämpfer von Brandy Station, empfing die Herren an der Gartenthür, seine kurze Pfeife rauchend. „Ihre Tochter zu Hause, Mister Hannecken?" fragte der Herr Bürgermeister, froh gelaunt. - „Yes Sir," entgegnete Hans Heinrich gleichmütig, der stets in die englische Sprache zurückfiel, wenn er seine Würde besonders hervorkehren wollte. „Miß Elfie befindet sich in ihrem parlour." „Thank you, Mister Hannecken," lachte der Bürgermeister und Hauptmann a. D. und wollte direkt auf das Haus zusteuern. „Ich bitte um Verzeihung," hielt ihn der Alte zurück, „Miß Elfie empfängt nicht." „Alle Wetter, alter Herr, uns wird Miß Elste schon empfangen. Sie hat doch versprochen, in unserem Konzert mitzustngen!" „Miß Elste wird nicht fingen, Sir." „Weshalb nicht?" „Ich weiß nicht, Sir." „Zum Kuckuck, das ist doch stark. Wissen Sie, daß Se. Hoheit der Herzog zu unserem ersten Konzert kommen wird?" „All right — dann wird Miß Elsie erst recht nicht fingen." In diesem Augenblick tauchte Frau Dorette Pinkepank auf. Ihr Gesicht war stark gerötet, ihre Lippen zitterten und ihren grauen Auge« schimmerte es, wie von heimlichen Thränen. „Glauben Sie's ihm nicht, Herr Bürgermeister!" rief sie, indem sie ehrerbietig knixte. „Er hat's nicht gewollt, 192 — daß Fräulein Elfte singt, aber Fräulein Elfte ist klüger und besser, als er, der alte Starrkopf, und Fräulein Elfte hat Sie gesehen und schickt mich, um Sie bitten zu lassen, einzutreten. — Ja, so ist es, Hans Heinrich! Deine Tochter singt und wenn auch der Kaiser selbst kommt!" Hans Heinrich nahm die Pfeife aus dem Munde und drückte die Glut mit dem Finger nieder. „All right," brummte er dann. „Mir ist's recht." Er grüßte, indem er seine Kappe mit dem breiten Schirm noch tiefer in das verwitterte Geficht zog und schlenderte seitwärts in den Garten hinein, ohne sich weiter um das hochlöbliche Komitee zu bekümmern. Elfte empfing die Herren mit ernster Miene. Ihr war schon bekannt geworden, daß der Herzog sein Erscheinen zugesagt hatte, und sie kämpfte einen herben, bitteren Kampf, ob sie ihre Zusage nicht zurücknehmen sollte. Die alte Dorette jedoch stand ihr treu zur Seite und ihren „wunderlichen Reden", wie Hans Heinrich ihre guten, verständigen Worte nannte, verdankte es das Komitee, daß Elsie sich entschloß, trotz der Anwesenheit des Herzogs zu singen. Es war ihr ein schmerzlich-süßer Gedanke, daß sie nun doch noch einmal in sein dunkles Auge blicken sollte. Daß sie noch einmal jene Lieder wieder vor ihm singen sollte, denen er einst so gern gelauscht, bei deren Klange ihre Augen, ihre Seelen geheime Zwiesprache gehalten, bei deren Klange sich ihre Herzen gefunden. Die Kraft wollte sie oftmals verlaffen: schon oft hatte sie die Feder zur Hand genommen, um dem Komitee abzuschreiben. Aber die einfachen Worte der Frau Dorette erweckten ihren Stolz aufs neue und sie entschloß sich, ihr Wort zu halten. „Brauchen Sie sich zu scheuen, irgend jemand auf der Welt in das Auge zu blicken, Fräulein Elsie?" fragte Frau Dorette. „Ich kenne Sie besser, als Sie sich selbst kennen. Sie dürfen dreist jedermann ins Auge schauen, selbst dem Kaiser. Und nun gar dem Herzog — ach, Fräulein Elsie, der kommt doch nur Ihretwegen, um Sie wiederzusehen, um Sie wieder einmal fingen zu hören! Und da wollen Sie ihm den Triumph gönnen, daß er meint, Sie fürchten sich vor ihm? Und die Welt und die Menschen sollen das auch glauben? Ach, ich müßte meine stolze Elsie nicht kennen, wenn ihr dieser Gedanke nicht unerträglich sein sollte!" (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Linoleum glänzend r« erhalten. Die Verbreitung der Ltnoleumteppiche und Läufer für Zimmer, Korridore, Treppenhäuser, Geschäftsräume re., nimmt immer mehr zu, weil dieselben hinsichtlich der Haltbarkeit, Bequemlichkeit und Reinlichkeit große Vorteile bieten. Dabei sind die Unterhaltungskosten geringfügig. Will man Linoleum glänzend erhalten, so bediene man sich folgender einfacher Mittel, welche Jedermann leicht anwenden kann: Eine Abwaschung mit gleichen Mengen Milch und Wasser sollte regelmäßig alle zwei bis drei Wochen stattfinden; nach Verlauf von drei bis vier Monat, also alljährlich etwa dreimal, hat ein Abretben mit einer schwachen Lösung von Bienenwachs in Terpentinspiritus stattzufinden/ bisweilen wird auch Leinöl hierzu verwendet. Tie Teppiche und Läufer bleiben bei diesem Verfahren immer rein und glänzend, d. h. sie sehen stets sauber und tote neu aus. Unauslöschliche Tinte. Wenn der Forstmann bei regnerischem Wetter Abgaben im Walde zu vollziehen hat, wacht es ihm argen Verdruß, wenn ihm die Zahlen auf dem Papier ausregnen. Auch der Schirm, den der Forstmann übrigens aus bekannten Gründen nicht gern führt, kann daran nichts hindern. Glücklicherweise aber hat man seit einigen Jahren eine Tinte, welche gegen den Regen wie gefeit ist. Dieselbe ist in allen besseren Schreibwarengeschäften zum Preise von 50 Pfennig pro Glas zu haben, und dürfte deren Gebrauch bedeutend billiger zu stehen kommen als der der sogenannten flüssigen Feldtusche, welche gewöhnlich bei den Katastergeometern im Gebrauch ist. Kesundyeitspflege. Gegen Lungen- und Halsentzündungen. In Fällen von einfacher Halsentzündung ist das beste Mittel die nasse Einhüllung. Ein leinenes Tuch wird in kaltes Wasser getaucht, ziemlich stark ausgewunden und um den Hals geschlagen. Darüber kommt eine dicke, wollene Binde. Dies wendet man zwei bis drei Nächte nacheinander oh; nur wenn der Fall sehr heftig ist, werden auch am Tage Umschläge gemacht. Am folgenden Morgen, wenn der Umschlag abgenommen wird, wäscht man bett. Hals mit kaltem Wasser und reibt ihn tüchtig mit einem groben Handtuch oder mit der Hand. Dies verhindert weitere Erkältungen. Je mehr der Hals gerieben wird, desto besser die Wirkungen. Dadurch kann man verhindern, daß Halsentzündungen chronisch werden. Die Neigung der öfteren Wiederkehr von Halsentzündungen kann nur durch fleißiges Waschen des Halses mit kaltem Wasser gehoben werden. Werden bei beginnenden Lungenentzündungen sogleich solche Umschläge gemacht, so können sie in vielen Fällen ohne Anwendung anderer Mittel, jedenfalls ohne Aderlaß, Blutegel und Schröpfköpfe geheilt werden. In allen Fällen find sie ein kräftiges Unterstützungsmittel bet jeder ärztlichen Behandlung. Die einzige Vorsicht, die man anzuwenden hat, besteht darin, daß man die Umschläge recht sorgsam mit Wollenzeug bedecken läßt, damit sich Wärme und Reaktion entwickeln kann. Mittel gegen Husten vei kleinen Kinder«. Man nehme etwas gutes Haberstroh, schneide dasselbe zu Häcksel, gieße etwas kochendes Wasser darauf und koche dieses etwa zehn Minuten. Alsdann gieße man den entstandenen Extrakt (Thee) durch ein Sieb ab. Diesem Thee füge man etwas Kandiszucker bei und lasse diesen auflösen. Alsdann gebe man ihn den Kindern zu trinken. Der Thee schmeckt gar nicht schlecht, und die Wirkung ist eine gute; der Husten löst sich, und in einigen Tagen ist er beseitigt. Literarisches. Im Reiche der Cyklope«. Eine populäre Darstellung der Stahl- und Cisentechnik. Von Amand Freiherr v. Schweiger- Lerchenfeld. Wit circa 400 Abbildungen. In dreißig Lieferungen a 50 Pfennig. Die Ausgabe erfolgt in zehntägigen Zwischenräumen. Ausgegeben sind bisher Lieferungen 1 bis 12. >,A. Hartlebens Verlag in Wien ) Zu den bisher vorliegenden Materien dieses mit Sachkenntnis und Gewandtheit geschriebenen Werkes des bekannten Ver- safsers, die Erzeugung des Roheisens und den Hüttenbetrieb (Lieferung 1 bis 6) betreffend, finden wir in den zuletzt erschienenen Lieferungen (7 bis 12) eine wahrhaft erstaunliche Fülle von Material verarbeitet. Ein ausführliches Kapitel beschäftigt sich mit den motorischen Einrichtungen der verschiedenen dem Eisengewerbe dienenden Werkstätten; hieran schließt die Eisenarchitektur, worauf ein umfassender, durch zahlreiche und vorzügliche Abbildungen unterstützter Abschnitt über den Brückenbau folgt. Kein bedeutendes Bauwerk dieser Art aus den letzten zwanzig Jähren ist unberücksichtigt geblieben. Der Verfasser beschäftigt sich hierbei besonders eingehend mit den großartigen Schöpfungen der deutschen Brückenbautechnik und unterzieht dieselbe einer vergleichenden Betrachtung mit der nicht minder großartigen, aber eine ganz andere Entwickelungsphase zeigenden Brückenbaukunst der Amerikaner. Alles das wird sehr fesselnd, fast möchten wir sagen spannend, die Phantasie anregend dargestellt. Ueberall verrät sich die gewandte Feder des Autors der technische Themen geradezu meisterhaft zu popularisieren versteht. In den vorliegenden Heften finden wir auch den Beginn des Abschnittes über den Eisenschiffbau, der eine Fülle des Neuen und Interessanten zu erhalten verspricht. Im Besonderen möchten wir noch die jeder Lieferung beigegebenen gelungenen Separatbilder hervorheben. AlleS in allem: ein vortreffliches Werk, das wir unseren Lesern wärmstens empfehlen. Redaktion: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.