«KU UirilU Sonntag den 8. Novmber./? A 1899. - St. 159. ' MMMWM etwas diese war. alles andere vernichtet haben, wohl schon ehe sie in Stadt gezogen, was nach des Vaters Tode geschehen Dieser lag in einer Stadt Oesterreichs begraben. Und doch hatte die sterbende Mutter ihr noch sagen wollen- sie hatte es in den angstvollen Augen, an dem sich bewegenden Munde, der nicht mehr sprechen konnte, als ein Schlag sie getroffen hatte, gesehen. Warum hatte sie mit der erwachsenen Tochter nicht früher gesprochen? In dem Sekretär stand ein hölzerner Kasten, den sie dort früher schon oft gesehen,- er war verschlossen und ein Schlüssel nicht vorhanden, aber das verrostete Schlößchen gab bald nach. Ein vergilbtes Tuch lag obenauf, das in der Ecke den schön gestickten Namen Helene zeigte. Vorsichtig nahm Renata das Gewebe empor, ein moderiger Duft kam ihr entgegen, und da lag ein verdorrter, von Motten und Staub zerfressener Myrtenkranz, dabei ein durchsichtiger Fetzen — das war der Brautschmuck ihrer Mutter. Mit unsäglicher Trauer blickte Renata auf diese Andenken an die glücklichste, heiligste Stunde im Frauenleben. Ach, war es eine glückliche Stunde gewesen? Sie dachte an das vergrämte Gesicht der Mutter mir dem müden, geduldigen Lächeln, an die einst wohl dunkel leuchtenden Augen, getrübt von vielen Thränen. „£) Mutter, warum sagtest Du mir nie, was Dich so elend gemacht?" flüsterte das Mädchen weinend. Einige Papierreste lagen auf dem Boden des Kastens, es schienen die Ueberbleibsel eines Briefes zu sein, denn hier und da fand sich ein Wort zusammen, schließlich kam noch ein größeres Stück zum Vorschein, auf dem deutlich der Schlußsatz eines Briefes, von Männerhand geschrieben, zu erkennen war. Aber Renata schrak beinahe zusammen, als sie die Unterschrift las- da stand mit kühnem Schwünge: „Ihr sehr ergebener Frl Nolte, Pfarrer." So war es doch wohl wahr, daß der Pastor ihre Eltern und den Onkel gekannt? Soviel konnte Renata herausbekommen, daß es ein amtliches Schreiben war, aber Aufschluß gaben ihr die Fragmente durchaus nicht. Sie legte die traurigen Erinnerungen wieder an ihren Platz und schloß den Schrank. Nach wenigen Tagen war sie fertig, und es galt nur noch Abschied zu nehmen von dem Grabe der Mutter, das neben dem des Onkels auf dem Friedhöfe vor der Stadt lag. Ueppiger Epheu und einfache Stetnkreuze schmückten die beiden Hügel. Auf dem des Onkels stand der Name, auf dem der Mutter nur ein Spruch. Sie hatte Renaten gebeten, einst ihren Namen auf dem Grabsteine fortzulaffen: »Gott kennt ihn," sagte sie, „und Ihr, meine Kinder, wißt meine Ruhestätte, die Welt kümmert es nicht." Und so las man nur: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden." Renata hatte diesen Spruch von der Mutter Hand bezeichnet gefunden und ihn auf das Kreuz setzen lassen. Lange saß Renata an der stillen Stätte, und das letzte Jahr, das so gewaltig in ihr inneres Leben eingegriffen hatte, zog noch einmal an ihrem Geiste vorüber: Walters schmerzliches Krankenlager und doch so seliges Sterben, die Liebe, die ihr geworden von fremden Menschen, ihr eigenes stilles Hoffen, ihres eigenen jungen Herzens Traum, die zerstörende Gewitternacht und der alte, kranke Mann. „So nimm nun meine Hände und führe mich," sagte (Fortsetzung.) XVII. Renata fühlte selbst, wie heilsam ihr die Reise für ihre Unruhe war. Zwar that es ihr bitter weh im Herzen, als sie die. frühere Heimat wieder betrat, nun ganz allein, ohne ihren lieben, kleinen Walter, und sie konnte den heißen Thränen nicht wehren, die selbst die Familie ihres Vormundes verstand und ehrte. Viel gab'S eigentlich nicht zu ordnen. Renata schickte sofort die ihr besoktders wertvollen und liebgewordenen Möbel nach L. Sie suchte mit etwas bangem Herzen in dem altmodischen Sekretär nach Papieren mw etwaigen Aufklärungen über die Vergangenheit ihrer Eltern, aber sie fand so gut wie nichts- nur wenige Papiere auf den Namen Wendelin lautend ohne besonderen Wert für sie. Ihre Mutter mußte Nachdruck verboten. Der Gylfenhof. Eine Erzählung von P. D i t f u r t h. | alte fest am frommen Sinne, a Der des Grenzsteins nie vergaß; Alles Heil liegt mitten inne, Und das Höchste ist das Maß. Glücklich, wem die Tage fließen Wechselnd zwischen Freud und Leid, Zwischen Schaffen und Genießen, Zwischen Welt und Einsamkeit. Geib el. - M - sie leise betend. Dann brach sie einen Epheuzweig, den wollte sie als Gruß der Mutter auf Walters Grab pflanzen. Noch einmal blickte sie im Abendschein über die beiden Gräber, in den alten Cypressen rauschte der Wind und trug vom nächsten Dorfe das Vespergeläut herüber- still ging sie hinaus, zurück in die Welt. Am anderen Morgen reiste Renata ab, und es war ihr doch wie Heimatsgefühl, als sie ihr Zimmer wieder betrat und in Frau Pastor Noltes gutes, altes Gesichtchen blickte. Frida kam bald, sie zu begrüßen und erzählte, der Großvater sei sehr schwach, er habe öfter nach Renata gefragt. Max hatte mit Viktor eine Reise unternommen, die letzterer länger ausdehnen wollte, während Max in diesen Tagen schon wieder erwartet wurde. Es war Renata lieb, daß sie Viktor so bald nicht wieder sah. Ob er sich mit Frida verständigt, erfuhr sie nicht, sie fand diese aber verändert, sie war stiller und nachdenklicher gewordene Dem Pastor Nolte zeigte Renata noch am selben Abend den Zettel, den sie gefunden. Der Pfarrer war gleich nach ihr wieder bei seiner Mutter eingetroffen und wollte nicht lange Aufenthalt nehmen, sondern den nächsten Abend nach Hause reisen. Er erkannte sofort die Handschrift seines seligen Vaters, und auch die alte Dame rief nach einem flüchtigen Blick auf die wenigen Worte: „Gewiß, das hat mein seliger Mann geschrieben! und da steht noch Schwal . . ., das heißt Schwalenberg, und hier den Schnörkel habe ich schon unter seinen Bräutigamsbriefen!" Die gute alte Mama wurde ganz aufgeregt und mußte sich mehrmals die Augen wischen. Auch Lina überzeugte sich von der Richtigkeit der Sache und häkelte dann nachsinnend weiter. Pastor Nolte drehte das Papier nach allen Seiten und Renata sah ihm mit heimlich banger Spannung zu. Er fragte sie noch einmal nach dem Mädchennamen ihrer Mutter. „Besinne dich doch, Mütterchen," sagte er dann zu Frau Pastor Nolte, die sich in Schmalenberger Erinnerungen ganz verloren hatte, aber sie schüttelte den Kopf. „Wo lebten denn Ihre Eltern?" fragte der Pastor nach einer nachdenklichen Pause. „Anfangs auf einem Gute, das wohl dem Onkel, dessen einziger Erbe mein Vater war, gehörte, später wurde es verkauft." „Und das lag im Oesterretchischen?" „Ja, soviel ich weiß." „Schwalenberg liegt an der Grenze- eine kleine evangelische Gemeinde unter lauter Katholiken," sagte Nolte nachdenklich, „vielleicht kommt's mir über Nacht." Und es kam. Am andern Morgen rief er vergnügt: „Ich hab's, Mütterchen!" „Ach, das ist hübsch," entgegnete die Mutter, eifrig am Kaffeetisch hantierend. „Du wirst Dich auch erinnern," fuhr der Geistliche lebhaft fort, „Lina war damals nicht zu Hause, als die interessante Geschichte passierte." „Nun so erzähle doch!" drängte die alte Dame, dem Sohne eine Tasse Kaffe einschenkend. „Es war zu der Zeit, als ich nach meinem ersten Examen den Vater im Amte unterstützte, da begehrte eines Tages ein ganz fremdes Brautpaar, in Begleitung eines älteren Herrn, getraut zu werden. Entsinnst Du Dich nicht?" Die Mutter faßte sich an die Stirn und verneinte. „Vielleicht fällt es Dir noch ein. Also, das Paar war ganz fremd, ebenso der alte, in der äußeren Erscheinung auffallende Herr. Der Bräutigam sah entschieden vornehm aus und hatte eine Haltung wie ein Offizier in Zivil. Die Braut war eine reizende Erscheinung. Ich war damals ganz hingerissen von der geheimnisvollen Sache und vermutete in dem jungen Manne mindestens einen Prinzen, der eine unebenbürtige Heirat schlösse. Der selige Vater amüsierte sich über meine jugendliche Romantik und fand die Geschichte, da sie an der Grenze passierte, gar nicht so wunderbar." „Ja, jawohl, Karl!" rief jetzt Frau Pastor Nolte mit lebhafter Gebärde, „jetzt weiß ich's! Die Braut hatte mein ganzes Herz gewönne», aber sie weinte herzbrechend, und der Bräutigam sah sehr finster dabei aus. Ach Gott, in Deines Vaters Zimmer setzte ich ihr den Myrtenkranz auf und ging dann mit ihr in die Kirche. Dabei weinte ich immerfort und wußte doch nicht warum." „Du meinst also, dies Paar sind die Eltern der Renata gewesen?" ließ sich jetzt Lina vernehmen. „Ich zweifle nicht daran," erwiderte der Bruder, „und jetzt weiß ich auch, daß das junge Mädchen dem jungen Mann frappant ähnlich steht." „Um der Sache auf den Grund zu kommen, brauchst Du nur im Kirchenbuche von Schwalenberg, das ja garnicht so weit von Eurem Wohnorte liegt, nachzusehen" bemerkte die praktische Lina, indem sie aufstand und das Kaffeegeschirr zusammensetzte. „Du hast recht, wenn dem Fräulein damit gedient ist- sie scheint merkwürdig wenig von ihren Eltern zu wissen. Die Geschichte ist zwanzig oder ein Jahr darüber her, und das würde ja mit dem Alter der jungen Dame stimmen. Es ist mir nur nicht erinnerlich, daß der junge Mann auch Wendelin, wie der alte, hieß, ich meine, sein Name lautete anders." „Am Ende war's doch ein Prinz," sagte Lina trocken, die Renata fleht schon danach aus," mit diesen Worten trug sie das Kaffeegeschirr hinaus. Mit tiefer Bewegung hörte Renata von dem freundlichen Herrn das Ergebnis seines Nachdenkens. Auch sie setzte keinen Zweifel mehr darein, daß jenes Paar ihre Eltern gewesen. Wehmütig hörte sie von der guten Frau Prediger ihre Mutter als reizende, jugendliche Braut schildern- daß sie so viel geweint, verschwieg die Dame taktvoll. Es wunderte Renaten auch nicht, daß ihre Eltern sich in einem fremden Orte hatten trauen lassen, der Onkel war katholisch gewesen und für ein Paar Waisen war es ja gleich, wo sie getraut wurden. „Wirklich, zu merkwürdig," sagte Frau Nolte, „daß Sie nun gerade hierher zu uns kommen mußten, ich habe Sie nun doppelt lieb." Renata blickte gerührt in die freundlichen, so leicht über- fließenden Augen der kleinen, guten Frau. Ach, und doch that es ihrem Kinderherzen weh, nicht mehr zu wissen, erst durch fremde Menschen erfahren zu müssen, woher ihre Eltern gekommen. Frau Pastor Nolte entsann sich auch noch, daß ihr Mann an die Herrschaften später einen Brief geschrieben hatte und zwar nach einem Gute, dessen Namen sie jedoch vergeffen hatte. (Fortsetzung folgt.) 3n der Schuhfabrik. Bon Arthur Rehbein. —-— Nachdruck verboten. Ob sich Hans Sachs, der ehrsame Nürnberger Schusterpoet, oder jeder andere seiner damaligen Zunftgenossen das wohl hätte träumen lassen, daß einst an Stelle ihrer engen Werkstatt, in der sie mit einem Gesellen und einem oder zwei Lehrbuben schafften, und in der sie, wenn's hoch kam, vier Paar Schuhe oder Stiefel den Tag über zuwege brachten, einst große Fabriken treten würden, in denen ein paar hundert Menschen und fast ebensoviel Maschinen thätig sind, und wo Tag für Tag 800 Paar Schuhe fertig werden? 800 Paar — das ist tatsächlich die Durchschnitts- Tagesleistung einer mittleren Schuhfabrik. Man bekommt eine Vorstellung von der Bedeutung dieses Zweiges deutscher Gewerbthätigkeit, wenn mann bedenkt, daß in einer solchen Fabrik jedes Jahr durchschnittlich für Va Million Mark Leder verarbeitet wird! Einen sehr beträchtlichen Wert stellt schon der jeweilige Lagerbestand dar. Wieviel Häute liegen hier dicht auf einander' geschichtet! Wie manches Kalb hat sein Leben lasien, wie mancher Ochs hat den schönen Weideplätzen Lebewohl sagen müssen, um zu diesen Wengen etwas beizusteuern! Fast alle Weltgegenden sind bei der Füllung der Lagerplätze beteiligt gewesen: Da liegen Kipfenfelle aus Ostindien, Vacheleder aus Süddeutschland, Leder aus Südamerika, norddeutsches Sohlleder, das mit dem viel umstrittenen, dem fernen Argentinien entstammenden Qucbrachoholz gegerbt ist, Felle der Angoraziege u. s. w. Einige Leder zeigen noch das sonderbare Brandmal, das die brasilianischen Herdenbesitzer ihren Tieren einbrennen, um ihre Eigentumsrechte „mit Flammenschrift" zu beurkunden,- andere wieder tragen als Erkennungszeichen den kräftigen Juchtengeruch, der ihre Herkunft aus dem Land der Knute und des Wutkis „beweist". Doch auch dieses Zeichen trügt; denn der geschätzte Duft wird neuerdings auch auf künstlichem Wege erzeugt. Die erste Arbeit der Schuhfabrik an dem Leder ist das Zerschneiden. Bei den dünneren Sorten, dem Oberleder, bereitet das wenig Schwierigkeiten, nach Maßgabe der messing drahtumsäumten Pappdeckelschablonen, deren hier gegen 6000 Stück vorhanden, ist das schnell geschehen. 25 Leute sind damit beschäftigt. Das Sohlleder aber läßt sich nicht so leicht unterkriegen. Hier müssen schwere Stanzen dem Arbeiter zu Hilfe kommen, gegen deren eiserne Energie kein Sträuben hilft. Mit einem Ruck hat die Sohle ihre Form. Nun wird sie geritzt, d. h. auf einer Maschine mit einem tiefen, schrägen Einschnitt versehen, in welchem später die Naht recht geschützt liegen soll. Nach einigen weiteren Manipulationen wird sie durch eine Stanze mit einer dem Vertikalschnitt der menschlichen Sohle entsprechenden Schweifung versehen — „formen" nennt das der Fachmann. So gestaltet, wandert die Sohle in den Zwickersaal, wo sie mit dem Schaft, der vom Lager aus einen anderen Weg durch das Etablissement gemacht hat, wieder zusammentrifft. Zunächst einiges aus dem Lebenslauf des Schaftes. Dieser Teil der Pedalumhülluug genießt ein beneidenswertes Los! befindet er sich doch fast vom ersten bis zum letzten Augenblick in Damenhänden. Wenn nämlich das Oberleder zugeschnitten und „geschärft", d. h. an den Enden dünn geschabt ist, um dicken Kanten vorzubeugen, wird es von Arbeitern weiblichen Geschlechts gestempelt. Dies Stempeln mit fortlaufenden Nummern dient dazu, jederzeit, selbst nach Jahren noch, feststellen zu können, wann der Schuh entstanden ist, welche Arbeiter an ihm beschäftigt waren rc., jedenfalls ein sehr praktisches Kontrollmittel. Andere zarte Hände schwärzen nun aus Schönheits rückstchten, die überhaupt bei der Schuhfabrikation eine große Rolle spielen, die Schnittkanten/ bei sog. naturfarbenen Schuhen, wie sie gerade in den letzten Jahren sehr „geläufig" waren, tritt natürlich an Stelle des Schwärzens das Bräunen. Zahlreiche äußerst genau gearbeitete und fast unglaublich leistungfähige Maschinen — meist amerikanischer Herkunft — besorgen jetzt mit etwa 60 sie bedienenden Mädchen eine Reihe weiterer Arbeiten, von denen nur die interessantesten erwähnt seien. Hier werden mit fabelhafter Geschwindigkeit und Sorgfalt mit Ketten- oder Steppstich die Vorder- und Hinternähte gefertigt, dort werden die Verzierungen gesteppt, da bringt eine wie toll surrende Maschine die sonderbare Zickzacknaht an, die unter dem Hinterriemen sitzt, das Einnähen des Leinenfutters ist auch noch vorzunehmen, die Knopflöcher müffen markiert, auf der Reece- maschine nun die Löcher geschlagen und umnäht werden. Arbeiten, die ein und dieselbe Maschine und zwar mit hexenartiger Geschwindigkeit verrichtet. Zur Illustration diene die Notiz, daß die Reecemaschine in derselben Zeit (in einem Tag) 3000 Knopflöcher zu stände bringt, während der höchste Rekord der Handarbeit 100 beträgt. Die sinnreichste aller hier aufgestellten Maschinen ist indes wohl diejenige, welche das Nähen der Knöpfe besorgt. Da wirft die Arbeiterin einfach in einen an dem Wunderding angebrachten Trichter eine Hand voll Knöpfe, hält den Schuh unter Sie. Nadel, und nun geht's los. Mit unheimlicher Geschicklichkeit — man muß wirklich diesen Ausdruck gebrauchen — faßt eine Nadel das Oehr des dirigierten Knopfes, von hinten wirft ihm die Maschine eine Schlinge über den Kopf, ein Ruck, ein Stoß — schon kommt der nächste Knopf. Aber so viel Zeit, wie ich hier zum Erzählen brauche, hat der eiserne Arbeiter nicht mal nötig, um einen ganzen Schuh mit Knöpfen zu benähen. Vor meinen Augen setzt er eben den 9 881847. Knopf seit seiner Anstellung in der Fabrik an, wie ein Knopfzählapparat nachweist. Ist nun noch das „Quartier" (der Hintere Teil des oberen Schuhes) mit dem „Blatt" (dem vorderen Teil) vereinigt, das Futter zusammen genadelt, der Abputz besorgt, so ist der Schaft eines Knopfstiefels fertig, von dessen Werdegang der eines Zugstiefels nicht wesentlich abweicht. Nunmehr beginnt die Arbeit der Zwicker, die man gewissermaßen die Monteure des Schuhes nennen könnte, fällt ihnen doch die Aufgabe zu, Schaft, Brandsohle und Sohle zusammen zu bauen. Ich sehe 37 Männer hier in eifriger Thätigkeit, aber — weiß der Kuckuck! — die Leute scheinen sich sämtlich erkältet zu haben, alle haben sie ein geschwollenes Gesicht! Der Sache muß ich doch auf den Grund kommen, denk' ich, und frage den ersten besten: „Wohl sehr zugig in diesem Raum, was?" Der Mann sieht mich verwundert an und schüttelt den Kopf. „Sie haben sich wohl erkältet?" Jetzt wirft mir der Arbeiter einen Blick zu, der schon fast beleidigend ist, sagt aber wieder keinen Ton und schüttelt wieder nur mit dem Kopf. „Zum Henker, Mann, was haben Sie denn eigentlich im Munde, daß Sie nicht sprechen können?" „ „Die Nägel"" ringt es sich endlich nach offensichtlicher Anstrengung von seinen Lippen, und jetzt ist mir auf einmal alles klar. Wie die Buben beim Angeln die Köderwürmer, so nehmen hier die Männer die kleinen, bei ihrer Arbeit zu verwendenden Nägel (Täcks) in den Mund, aus dem sie dann je nach Bedarf einen nach dem anderen mit der Zwickzange herausholen. Jeder Zwicker hat vor sich einen eisenbeschlagenen Holzleisten, auf dem er den Schuh aufarbeitet. Erst wird der Schaft auf der Brandsohle — so heißt die der Innenseite des Stiefels zugekehrte Sohle — befestigt, dann wird die eigentliche Sohle aufgenagelt. Ihre rohe Form hätte die Fußbekleidung jetzt, aber es fehlt noch gar viel, ehe sie als fertige Ware aufs Lager wandert. Zunächst muß nun die nur provisorisch befestigte Sohle aufgenäht werden, was auf den sinnreich konstruierten Keats-Maschinen schnell und dauerhaft geschieht. Bemerkenswert an denselben ist, daß der Pechdraht während seines ganzen in ihnen zurückgelegten Weges durch Gasflämmchen warm gehalten wird, damit er seine Geschmeidigkeit behält. Manche Abnehmer der Fabrik wünschen statt der genähten Schuhe solche, die mit Holzstiften genagelt find. Auch ihnen kann geholfen werden. Ein Eisenschuster bohrt im Nu mit der Ahle die nötigen Löcher, schneidet mittels eines kleinen Messers von einem Holzband die Süftchen zurecht, treibt sie in die Löcher hinein und raspelt sie auch noch am anderen Ende ab — wahrhaftig ein vielseitiges Talent, vor dem selbst der an mancherlei gewöhnte Mensch des Jahr- hundertendcs mit staunendem „Schütteln des Kopfes" steht. Nach dem Nähen bezw. Nageln kommt die lederne Hülle der menschlichen Unterthanen auf eine Glättmaschine, die eine Messingwalze mit 20 Tonnen Druck (!) über die Sohle führt, sodaß dieselbe nach dieser Prozedur vollständig glatt und geschloffen erscheint und zur Aufnahme des Ab- ätzes fertig ist. Dieser selbst ist inzwischen in einem besonderen Raum der Fabrik, selbstverständlich auch auf maschinellem Wege, — 68ß entstanden und wird nun — ebenfalls durch Etsensäuste — aufgenagelt. Har sich der Schuh oder Stiefel bereits auf seiner bisherigen Wanderung manche nur aus Schönheitsrücksichten gebotene Maßregel gefallen lassen müssen, so tritt die Leder- Aesthetik jetzt vollends in ihre Rechte. Was wird nicht noch alles mit dem armen Kerl angefangen, ehe man ihn für gewandt genug befindet, um sich der Welt vorstellen zu dürfen. Da wird die Sohlenkante auf einer 7000 Touren in der Minute machenden Maschine gefräst, wird ferner mit einer Art Tinte beschmiert und dann poliert — nebenbei bemerkt eine viel Geschick erfordernde Arbeit — da wird die Sohle geglast, abgerieben, gebürstet, es werden die Absätze angeschwärzt, poliert u. s. w. u. s. w. Schließlich besorgen, noch mehrere Mädchen den letzten Ausputz. Und endlich ist der Schuh fertig! Dem Himmel sei Dank, daß ich mich in die Ruhe des Kontors flüchten kann! Das Rasseln und Surren und Sausen und Pochen kann einen ja nervös machen. Immer noch braust's und knirscht's in meinen Ohren, und vor meinen Augen tanzt's und springt's und schnurrt's, daß es mir ganz schwindelig wird. Ach, guter Hans Sachs, könnte ich dich doch einmal durch so eine moderne Schuhfabrik führen! Wie würdest du staunend dein graubärtiges Haupt schütteln! Ja, ja, alter Freund, die Zeiten haben sich geändert, die Poesie deines Schusterstübchens ist gestorben, mitleidlos haben die eisernen Arme moderner Maschinen sie zu Tode gequält. G-MeinnÄtziges. Das Lagern des Obstes auf Stroh ist unpraktisch. Stroh zieht leicht Feuchtigkeit an, wird moderig und verleiht den Früchten einen unangenehmen Geschmack. Zu gutem Aepselmost sind gute Aepfel nötig, dieselben müssen reif, dürfen aber nicht überreif sein, denn im Safte eines reifen Apfels ist mehr Zuckerstoff enthalten als in dem eines halbreifen. Von dem Zuckergehalte aber hängt oer Wert der Aepfel für die Mostbereitung ab. Späte Aepfel besitzen meist einen größeren Zuckergehalt als frühe Sorten, weshalb in unserem Falle Spätsorten vorzuziehen find. Den besten Most liefern gemischte Aepfel. Die ausgepreßten Aepfel geben einen guten Dünger, man muß sie jedoch eine zettlang liegen lassen, bevor man sie zu genantem Zwecke verwenden kann. Aus Aepfeln läßt sich ein recht wohlschmeckender Salat bereiten. Man schneidet dieselben in kleine Würfelchen, giebt zu diesen etwas Salz, viel Oel und wenig Essig, der nicht allzu sauer sein darf. Die Beigabe von einer Kleinigkeit Zwiebeln erhöht noch den pikanten Geschmack dieses Salates. Wann soll man Bienenstöcke transportieren! Am besten im Herbste und im zeitigen Frühjahr. Litterarifches. Im Geistesleben des deutschen Volkes spielt die Frau als Romanschriftstellerin eine bedeutende Rolle und unter den vielen Berufenen finden sich nicht wenige Auserwählte, welche die Kunst zu fabulieren in den Dienst einer sittlichen Idee stellen. Diesen Romanschriftstellerinnen, die sich über das Niveau der Geschichtenschreiberin erheben, widmet die vielseitige Zeitschrift „Dies Blatt gehört der Hausfrau!" (Verlag von Friedrich Schirmer, Berlin SW., 13, Nenenburgerstr. 14 a) eine durch die Portraits der eingehend behandelten Schriftstellerinnen illustrierte Artikelreihe. Die Artikel sind von berufener Feder geschrieben und vermehren die Reichhaltigkeit der Familienzeitschrift „Dies Blatt gehört der Hausfrau!", die trotz ihres billigen Abonnementspreises (1,40 Mk. vierteljährlich) vom Guten das Beste bietet und neben den praktischen Ratschlägen auch für gediegene, aber nicht pedantisch aufdringliche Belehrung und Unterhaltung sorgt. „De« Steirr der Weisen ' veröffentlicht in seinem jüngst erschienenen 6. Hefte neben vielen interessanten Mitteilungen (über die Rotationsdaner der Venus, Elektrizität und Pflanzenwachstum, Elektrische Kraftlinien u. s. w.) zwei sehr zeitgemäße, mit einer größeren Anzahl von Illustrationen ausgestattete Abhandlungen über Luftschiffahrt und den Motorwagen System Benz. Außerdem enthält das Heft größere Aufsätze über die Natur und die Ausbeute deS Korkes, über den Schnelldampfer Kaiser Wilhelm der Große (mit Abbildungen), über neue Forschungen in Amerika und viele naturwissenschaftliche und andere Notizen. Seit Beginn des laufenden Jahrganges (des XII.) zeigt die beliebte populär-wissenschaftliche Halbmonatschrist (A. Hartleben's Verlag, Wien) eine sehr beachtenswerte Ausgestaltung ihres Inhalts, was wir anerkennend hervorheben möchten. Probenuinmern sind in jeder Buchhandlung erhältlich. „Rrneste Erfindungen und Erfahrungen" auf den Gebieten der praktischen Technik, der Elektrotechnik, der Gewerbe, Industrie, Chemie, der Land- und Hauswirtschaft re. XXVI. Jahrgang (21. Hartleben's Verlag in Wien). Pränumerationspreis ganzjährig für 13 Hefte franco 7 Mk. 50 Pf. Einzelne Hefte für 60 Pf. in Briefmarken. Diese Zeitschrift dient ausschließlich nur der Pr axis. Ihre Mitteilungen, die sich über alle Berufsarten verbreiten, bestehen in praktischen, zuverlässigen und leicht ausführbaren Anweisungen, Arbeits- Verbesserungen und Neuerungen auf technischem und industriellem Gebiete. Besonders wertvoll sind die zahlreichen Anweisungen zu neuen, loh »enden Erwerbsarten. Aus der Fülle des zwölften Heftes vom sechsundzwanzigsten Jahrgange seien besonders folgende Artikel hervorgehoben: Praktische Anleitung zu Lufthefe-Fabrikation. — v. Siebent Ehlert's dreifaches Horizontalpendel. — Praktische Anleitung zum Lackieren der Fahrräder. — Aufziehen von Gummireifen auf Bandsägescheiben. — Wetterfeste Brünierung von Messing. — Praktische Anleitung zur Erzeugung von Stoßglanz auf Leder. — Vorschrift zur Herstellung der Maffe für die amerikanischen Entfleisch- und Enthaarungsmaschinen für Gerbereien. — Vorrichtung an Schreibmaschinen zum Festhalten der Papiervorschubwalze, wenn das Papier bis zu einem bestimmten unteren Rande beschrieben ist. — Reinigungsmittel für den Goldschmied. — Glänzendverzinnen in Bädern. — Verfahren zur Herstellung einer feuerfesten, nicht efflorescierenden Anstrich- und Ausgnßmaffe. — Praktische Anleitung zum Färben von Goldlegierungen. — Neue Erfindung in der Schnelltelegraphie. — Galvanische Metallniederschläge auf Nichtleitern. — Membran-Pumpe für Hand- und Kraftbetrieb. — Der gegenwärtige Stand der elektrolytischen Zink-Industrie. — Fortschritte in der indiistriellen Verwertung des Aluminiums. — Das Vorbereiten des Düngers" für Champignonbeete. — Neues Verfahren zum Erhitzen von Substanzen. — Ersatz von Elam zmn Einfetten von Wollgarnen. — Bezugsquellen für Maschinen, Apparate und Materialien. — Prüfung von Terpentinöl auf Mineralölzusatz. — Chemische Einwirkung der schwefligen Säure auf Eisen. — Zwei Schnellmethoden zur Bestimmung der Kohlensäure in Kalk und Böden. — Mein einträglichster Apfel. — Wie man Kamelien zum Blühen bringt. — Französische Ofenglanzpaste. — Herstellung eines feuersicheren Anstriches in Pulverform. — Darstellung der Metallputzseife Superior. — Vorschriften für Schanm- erzeugungspräparate. — Kleinere Mitteilungen. — Neuigkeiten vom Büchermärkte. — Eingegangene Bücher und Broschüren. — Nene Erscheinungen auf dem Patentgebiete. — Mitteilungen aus unserem Leserkreise. — Technische Geheimmittel. — Fragekasten. — Beantwortungen. — Briefkasten. Die „Neuesten Erfind nngen und Erfahrungen" im XXVI. Jahrgange erscheinend, bieten jedermann, insbesondere dem Techniker und Industriellen, die Mittel, alle neuen Erscheinungen und alle wertvollen Praktischen Errungenschaften kennen zu lernen und so zu verstehen, daß er sie in seinem Geschäfte sofort verwerten kann, und demzufolge immer auf der Höhe der Zeit steht. Hunderte von Fragen aus allen Berusssächern finden in dieser Zeitschrift praktische und kostenlose Beantwortung. Geographisches Berfchievrätsel. Türkei Syrien Samoa Arabien Persien Bolivia England Spanien Algier (Nachdruck verboten.) Nebenstehende geographische Namen sollen derart untereinander geschoben werden, daß eine Buchstabenreihe entsteht, welche von oben nach unten gelesen, den Namen eines afrikanischen Reiches ergibt. Auflösung folgt in nächster Nummer. Anflösuitg des Rätsels in voriger Nummer: Die Kartenblätter und das Geld beim Hazardspiel.*) *) Eingesandt von Herrn Rentier Kleeschen, als er einmal Ehrengast in einem „Harmlosen-Klub" war. Redaktion! E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Bruhl'scheu Universitäts-Buch- und Steiudruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.