(Nachdruck verboten) Gesühnte Schuld. Roman von Alexander Römer. (Fortsetzung.) Des Alten Stirn zog sich in tiefe Falten. „Der Mensch ist nie etwas anderes, als was er selbst darstellt. Die äußeren Verhältnisse, die möglichen Aussichten sind verschiebbare Dinge, auf die nie Verlaß ist, auch Albert muß sich auf sich stellen und das andere der Zukunft überlassen." Hertha war sprachlos vor Staunen. Das war im Grunde Unsinn, wer konnte Albert das Majorat streitig machen. „Aber Onkelchen —" begann sie. Der Alte blickte auf, sie verstummte. Gegen den Blick gab es keine Auflehnung. „Er weiß das übrigens auch und hat sich ganz vernünftig benommen in der letzten Zeit," setzte Baron Jobst hinzu, und ihre maßlose Verwunderung und Verwirrung bemerkend, lächelte er. „Also Du willst ihn nicht, schade — ist denn Aussicht für mich alten Einsiedler, daß Du noch ein paarmal in das alte Nest zurückfliegst?" Hertha sprang auf, sie war in sehr erregter Stimmung, es bedurfte kaum dieses Anstoßes, um ihr volles Herz überfließen zu machen. Sie schlang Plötzlich ihre Arme um den Hals des Unnahbaren und rief unter Weinen und Lachen: „Onkelchen, hast Du mich denn wirklich ein klein bischen lieb!" Baron Jobst saß da starr und steif, mit einem ganz sonderbaren Gesicht. So lange er denken konnte, hatte ihm niemand Zärtlichkeit erwiesen, zwischen ihm und seinem Mündel war trotz Herthas Lebhaftigkeit stets ein formeller Ton herrschend geblieben, nun dieser Ausbruch . . . „Kind, Kind!" sagte er stockend, „was ficht Dich an. Hältst Du denn in Deinem Herzen etwas von dem alten Griesgram?" Hertha lag neben ihm auf den Knieen und schmiegte ihren Kopf an seinen Arm. „Ja, ja, Onkel. Ich fürchte Dich wie mein Gewissen, verehre Dich wie meinen guten Geist, und liebe Dich, ja, liebe Dich, wie ich meinen Vater iw mtui menschlichen Geiste eine Richtung zu geben, die er Jahr- Hunderte lang bewahren soll, ist das seltene Borrecht weniger gebietender Geister. Macaulay. liebte. Und ich habe doch jetzt niemand zum lieben auf der Welt als Dich." Es wurde ganz still in dem hohen Gemach, der alte Herr saß noch immer regungslos, dann streichelte seine Rechte leise ihre thränenfeuchte Wange, er beugte sich nieder und küßte ihre Stirn. „Ich danke Dir, Kind, das hatte ich nicht erwartet," sagte er in einem merkwürdig verschleierten Ton. Vor seinem Geist stieg seine Jugend herauf und jene Hertha, die Mutter, von deren Lippen das Wort: „ich liebe dich" zu hören er sich einst so heiß gesehnt. Nun sagten es ihm diese jungen Lippen so viele, viele Jahre später in seinem Greisenalter, seine Hertha sandte ihm ihre Tochter, damit ihm ein Abglanz jenes Glückes doch nicht fehle, bevor er sein Leben vollendete. Am anderen Morgen hielt die mit zwei prächtigen Braunen bespannte Kalesche vor dem Portal, und die beiden Damen verabschiedeten sich von dem Schloßherrn. Baron Jobst dankte Mathilde für die Freude, die ste ihm mit ihrer Gegenwart und ihrer Kunst gegeben, in den verbindlichsten Ausdrücken, und Mathilde schied voll Verehrung für den alten Herrn. Hertha war ungewöhnlich bewegt. Der Alte stand am Fenster und blickte dem dahinrollenden Wagen nach, dann ging er in seine Bibliothek, nahm eins seiner Lieblingswerke aus dem Regal, aber die Ruhe zum Lesen fehlte ihm heute morgen. Ihn fesselte und beschäftigte nicht mehr das Alte und das Gegenwärtige, sondern das Schicksal der Jungen, der Generation nach ihm. Vierzehnt es Kapitel. Mathildens erste Handlung, als ste in Berlin ankam, sich auf dem Bahnhof von Hertha getrennt und in den Katserhof gefahren war, war eine Botschaft an Mr. White, wann er in seiner Wohnung zu finden sei. Ste glaubte ihn in Berlin anwesend, konnte aber bet seinen Gewohnheiten nie sicher darüber sein, ob er auch da war, wo man ihn vermutete. Sie verlangte sehr danach, ihn zu sprechen. Sie wollte ihm ihre Unterredung mit Albert beichten, hoffte von ihm zu hören, wie es Albert ging. Es Peinigte ste eine geheime Unruhe und Angst um diesen, die ste selbst thöricht schalt, die sie aber dadurch nicht bannte. Mr. White war da, und ihre Botschaft hatte ihn erreicht. Er kam noch spät am Abend. Sie brauchte ihm nichts mehr zu beichten, er wußte bereits alles. Mathilde saß bleich und schweigsam in ihrer Sofaecke und horchte gespannt auf seinen Bericht. Albert lag schwer krank im Militärhospital. Durch 74 eine heftige Erkältung, eine stundenlange Fahrt in völlig durchnäßten Kleidern, hatte er sich einen Gelenkrheumatismus zugezogen, der einen bedenklichen Charakter anzunehmen begann. Die Fieber waren von Anfang an sehr hoch gewesen, die Herzthätigkeit schwach. „Die Aufregungen, welche sich mit der Erkältung verbanden, haben ihren Teil dazu gethan, seinen Zustand zu verschlimmern," sagte Mr. White, „übrigens brauchen Sie sich nicht allein den Vorwurf zu machen, Mathilde, wenn Sie auch vielleicht besser gethan hätten, sich und ihm dieses Wiedersehen zu ersparen. Sie waren vorbereitet, er nicht, und Komtesse Hertha, die aus purer Neugierde diese Begegnung ins Werk setzte, trägt auch ihre Schuld an dem Ausgang." „Was hatte denn Komteffe Herthas Neugierde mit der Sache zu thun?" fragte Mathilde aufmerkend. „Was wußte sie?" „Nicht alles, aber manches. Sie sah Sie damals im Park zu Trautdorf und verschwört sich darauf, daß jenes Mädchen mit der Villany identisch sei." Mathilde ward dunkelrot und sprang empor. „Das wußte ich nicht — und Sie — Sie hätten es mir [jagen müssen, bevor ich diese Einladung annahm." Mr. White saß da mit zusammengezogenen Brauen und zuckte die Achseln. „Warum sollte ich den Dingen nicht ihren Lauf lassen, wenn sie sich einmal so schoben. Sie waren ja nun doch im Feuer gehärtet, und man soll jedem Sünder einmal Gelegenheit geben, seine Sache zu sühren. Ich war nicht dazu bestimmt, den Stein auf meinen Bruder zu werfen und ihn um jede Chance eines möglichen Glückes zu bringen." „Mr. White! Haben Sie je gedacht, daß eine Aussöhnung zwischen uns möglich wäre?" „Ich habe so viel erlebt, daß ich alles für möglich halte, Wendungen in Liebesaffairen nun erst recht. Was ist wohl so wandelbar, wie das Herz? Der arme Junge dauert mich übrigens jetzt, ich erfuhr seine Erkrankung zuerst durch einen seiner Kameraden, den Leutnant von Storm, und ging sofort zu ihm. Er erkannte mich nicht in seinen Delirien, redete aber so viel krauses Zeug durcheinander, das hin und wieder doch einen bedenklichen Sinn hatte, daß ich es ratsam hielt, einstweilen den Wärter fortzuschickeu, selber an seiner Statt zu bleiben und mich mit dem Arzt in Verbindung zu setzen." „Haben Sie den alten Baron benachrichtigt?" fragte Mathilde tonlos. „Noch nicht, wenn ernstliche Gefahr eintritt, muß es aber geschehen. Ich führte mich als nahen Freund ein, und man ließ mich dort.* „WaS meinen Sie, drückt seine Seele? Er hat Schulden, ift Jn Verlegenheiten — er war es damals schon — nun sind Sie aufgetreten, er weiß, was ihm das bedeutet, meine Lieblosigkeit kam dazu — oh, es ist viel auf ihn eingestürmt." Mathilde fuhr mit dem Battisttuch über die Stirn und sah verzweifelt aus. Mr. White machte ein merkwürdiges Gesicht und verzog den Mund zu einer Grimasse. So waren sie, die Weiber — diese hatte nun wirklich Courage und Standhaftigkeit bewiesen, aber sobald er ihr wieder vor die Augen kam — war das nun Größe oder war es Schwäche — der Albert war jedenfalls zu beneiden, wenn trotz alledem ein solches Geschöpf sich ihm noch wieder zuwandte. „Hm — weht der Wind daher," sagte er trocken. „Ja, Schulden hat er, und außer Ihrem Namen und allerlei Liebsamem und Unliebsamem da herum spielte die drängende Epistel des Juden Ephraim eine bedenkliche Rolle in seinen Fieberphantasien. Es ist ja schier unglaublich, in welch toller und einfältiger Weise die jungen Herren hierzulande diesen Halsabschneidern in die Hände fallen. Da werden die Wechsel in einer fabelhaften Höhe ausgestellt, prolongiert, und die Summen wachsen und wachsen, weil der Schuldner keine Courage hat und au der rechten Stelle zur rechten Zeit beichtet. Dieser Junge hatte ja guten Grund, auf sein Erbe zu spekulieren, er hat anwachsen lassen, immer nur in dem Bemühen, den Onkel nie die Sünden der Vergangenheit wissen zu lassen. Jetzt — wo die Perspektive sich ihm verschiebt —" „Das ist es ja eben," sagte Mathilde, und ihre großen Augen sahen angstvoll zu dem Sprecher auf, „seit Sie als geladener Gast an der Mittagstafel zu Trautdorf saßen, weiß er, was für ihn verloren ist, und das ändert seine Lage gewaltig." „Was die Erbfolge betrifft — von Onkels Gnade ist sie nicht abhängig, und ich taure nicht auf den Tod des Alten, Albert wäre auch besser daran, wenn er es nie gethan hätte. Das jüngste Ereignis auf Trautdorf, meine Tischsitzung dort, meine ich, hat nur eine Folge gehabt, die dem armen Albert das Messer an big Kehle setzt. Weiß der Henker, wo diese Manichäer ihre Spione haben, aber sie wittern die Geschichte, und das Gerücht hat sich, wenigstens in ihren Kreisen, verbreitet, es sei ein älterer Bruder vorhanden und noch am Leben." Mathilde legte ihre Hand auf des Freundes Arm, sie war fieberheiß. „Da muß geholfen, das muß ihm abgenommen werden," sagte sie in heiserem, gepreßtem Ton, „ich erwarb ja Reichtümer — helfen Sie mir — kaufen Sie die Wechsel auf — lassen Sie mich die Sache aus der Welt schaffen." Mr. White lehnte sich in seinen Stuhl zurück und verschränkte die Arme. „Also solche Opfer wollten wir bringen — jetzt —" sagte er langsam. „Geld — Mr. White," entgegnete sie bitter, „haben wir nicht beide entbehrt und gedarbt und in herber Gestalt den Kampf ums Dasein gekämpft, und sagen wir nicht beide, wertlos ist das Geld, nur Mittel zum Zweck, und der Zwecke gtebt es mannigfaltige." „Ja — Sie haben recht, aber hier kommen Sie zu spät. Dieses Opfer lag nicht auf Ihrem Wege. Meine Ehre — wenn es mir je wieder einfallen sollte, als Hans von Trott aufzutreten, meine brüderlichen Gefühle kamen hier in Betracht. Die Wechsel find sämtlich in meinen Händen, es war eine artige Summe, und vielleicht muß ich den Almanzor verkaufen, aber einstweilen soll der Alte da draußen von dem Handel nichts wissen und nicht neuen Grund zur Klage über schwaches Blut im Geschlecht derer von Trott haben. Mag er feine Bahn bis zur Neige in Frieden wandeln, er ist ein eigen« tümlicher, aber ein großer Mann." Des Redners Ton war ernst geworden, fast feierlich. „Und Sie sind fein würdiger Erbe und Nachfolger," sagte Mathilde leise. „Albert paßt nie dazu." „Was wissen Sie davon?" entgegnete Mr. White fast rauh. „Einstweilen handelt es sich darum, daß er erst wieder gesund wird. Ich hoffe, daß, sobald er dies erfahren kann, es Ruhe in seine Seele bringt. Wenn das nicht der Fall ist und sein Herz nach anderem verlangt, so kann ich ihm freilich nicht helfen." Er erhob sich, um zu gehen. Mathilde drückte ihm dankbar die Hand. „Sie geben mir wettere Nachricht, nicht wahr? Und — brechen Sie nicht den Stab über mich, ich verstehe mich selbst nicht ganz." „Geben Sie mir Ihre genaue Londoner Adresse," sagte Mr. White, sich in der Thür noch einmal umwendend. „Sie gehen doch morgen nach London?" Mathilde faßte an ihre Schläfen. „Nach London — nein — ich fürchte, ich kann es nicht. Ich werde sofort telegraphieren — meine Seele ist krank, es ist mir unmöglich, zu spielen." Mr. White trat auf sie zu, nahm ihre beiden Hände und sah ihr scharf in die Augen. „Aus dem Sattel geworfen?" sagte er rauh. „Fassen Sie sich zusammen, Sie müssen bleiben, was Sie waren. Ueberleqen Sie bei ruhigem Blut." Sie wandte sich ab und winkte mit der Hand. „Lassen Sie mich, gewiß, es geht vorüber." Mr. White schritt langsam durch die Straßen. Um seinen Mund spielte ein bitterer Zug. So also standen die Dinge, und er — nun, er ward bald überflüssig hier. Wenn Albert genaß — bei seiner Jugend mußte man es ja hoffen — so kam die Sache zwischen ihm und seiner Liebsten bald zu solchem Ende, wie es damals geplant worden. Freilich, auf anderen Wegen, aber doch zu demselben Ziel. Sie hatte sich selbst eingeführt bei dem Alten auf Trautdorf und glänzend gesiegt, er mochte manches durchlitten haben — jetzt fiel ihm die Krone ohne sein Zuthun in den Schoß. Es war doch ein wunderlich Ding um die Liebe. Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. Er hatte damals versprochen, zu verzichten, wenn Albert die Unebenbürtige heimführe, sein Versprechen hielt er unter allen Umständen. Wenn auch eine andere als damals, wenn auch heute die berühmte Künstlerin, eine Unebenbürtige blieb Mathilde dem Onkel doch. Vor vier Jahren waren seine Gefühle anders, er selbst noch ein anderer. Heute fiel ihm der Verzicht schwerer als damals. Er hatte sich hier eingelebt, er hing wieder an der Heimatscholle. Würde Albert dort je leisten, was er sich zu leisten getraute ? Doch das waren Sophismen, am Manneswort läßt sich nicht rütteln. Während er so in tiefen Gedanken weiter schritt, tauchte ihm noch ein anderes Bild empor. Hertha, die Frische, Lebensfrohe. War es ihm nicht mitunter gewesen, als nehme sie besonderen Teil an ihm, als redeten ihre Augen eine Sprache . . . Tolle Vermessenheit, er, der bald dem Alter sich zuneigende, schicksalgehärtete Mann, der Abenteurer, wie man ihn hierzulande nennen würde, wüßte man um seine Vergangenheit, und sie, das jugendliche, hochgeborene Mädchen, das die Wahl hatte unter den Besten in ihrem Kreise. War es denkbar, daß ihm, nach all dem, was er erlebt hatte, noch ein Weib den Sinn verwirren konnte? Es war alles möglich in dieser wunderbaren Welt, aber nicht jedem ward es so, wie seinem Bruder, dem nach verspieltem Spiel noch der Treffer zustel. (Fortsetzung folgt.) Unter der Maske. Eine Faschingsgeschichte von Thea Lowe. Der junge Baumeister Max Sydow lebte i» glücklichster Ehe mit seiner hübschen, kleinen Frau. Sie waren jetzt drei Jahre verheiratet und hatten keine Kinder, ein Mangel, der von beiden nicht besonders tief empfunden wurde. Sie hatten in der großen Stadt viele Bekannte gefunden, mit denen man sich öfters traf und angenehmen Verkehr Pflegte. Auch einige Schulfreundinnen von Frau Helene waren in F. verheiratet, so daß die junge Frau, wenn ihr Mann in seinem Berufe oft auswärts war, immer jemand hatte, der ihr die Einsamkeit verkürzen half. Sydow's, die in guten Verhältnissen lebten, machten viel mit, was Theater, Konzerte und sonstige Amüsements der Großstadt betraf. Nun aber war die lustige Faschingszeit wiedergekommen, und alle Tagesblätter wimmelten von verlockenden Maskenballanzeigen. Frau Helene bestürmte ihren Max mit Bitten und Liebkosungen, doch auch einmal einen Maskenball mit ihr zu besuchen. Aber der Herr Baumeister, der sonst so ziemlich jeden Wunsch seiner kleinen, kapriziösen Frau erfüllte, schlug ihr diesen rundweg ab mit der etwas kühnen Behauptung: „Kein anständiger Mensch geht auf den Maskenball einer Großstadt". Mochte er nun gehört haben, daß es ein undankbares Geschäft sei, mit einer hiibschen, jungen Frau auf einen Maskenball zu gehen, indem erIdann entweder immer auf seine getreue Ehehälfte achtgeben müßte, und so um sein eigenes Vergnügen käme, oder daß umgekehrt auf ihn achtgegeben würde, was auf dasselbe hinausliefe,- kurz, aller Bitten seiner Gattin ungeachtet, blieb er bet seiner Weigerung. Als die junge Frau sah, daß nichts zu machen sei, warf sie trotzig das schöne Köpfchen in den Nacken. Alle ihre Freundinnen waren schon auf Maskenbällen gewesen und schwärmten davon — sie wollte dieses Vergnügen auch kennen lernen. — Am Abend las Frau Helene in der Zeitung von einer glänzenden Maskenredoute, die in drei Tagen im „großen Saalbau" stattstnden sollte. Dies schien ihr etwas Passendes zu sein, und sie las die Anzeige mehrmals genau durch, um sich ihren Inhalt einzuprägen. Am andern Tage erzählte ihr Gatte ihr, daß er übermorgen mittag in Geschäften in die Provinz reisen müßte und erst am andern Tage zurückkäme. Helene hätte jubeln mögen, das war ja gerade der „kritische Tag" des Balles,- jede Frage schien sich von selbst lösen zu wollen. Auf den Vorschlag ihres Mannes, ihr den alten „Onkel Schmitt", einen sogenannten „Allerweltsonkel", der jedoch zufällig Maxen's richtiger Onkel war, zur Gesellschaft für den einsamen Abend kommen zu lassen, erklärte sie, daß sie den Abend lieber bei ihrer besten Freundin, Grete Werner, zubringen wolle, und arglos ging Max auch darauf ein. Nach zärtlichem Abschied hatte der Baumeister sich an dem bewußten Tage von seiner Frau getrennt und war abgereist. Ganz gegen seine Gewohnheit hatte er diesmal die Begleitung Helenens abgelehnt, was diese nicht wenig in Erstaunen setzte, da sie ihn sonst immer zur Bahn brachte. — Die junge Frau verspürte nun doch einige Gewissensbisse, ihren ahnungslosen Gatten so zu hintergehen,- allein ihre Freundin hatte sie ausgelacht und beruhigt, und sie hatten darauf alles genau verabredet. Gretens Mann war schon vier Wochen in Geschäften abwesend, und diese war somit ganz Herrin ihrer selbst. Helene Sydow hatte ihrem Mädchen erlaubt, am Abend auszugehen und sich zu amüsieren- sie selbst werde den Abend bei einer Freundin verbringen.--- Im großen Saale des „Saalbaues“ und den angrenzenden Gemächern wogte gegen neun Uhr ein buntes Maskengetriebe. Hauptsächlich Domino's in allen Farben, aber auch schon einzelne Kostüme waren zu sehen. In den Logen saßen die Zuschauer dicht gedrängt und blickten spähend und forschend in das Gewühl hinab. Und dazwischen klangen rauschende Walzermelodieen und elektrisierten das farbenreiche Bild. In dem Gedränge fielen zwei weibliche, Arm in Arm wandelnde Domino's auf; ein großer, schlanker, rosa Domino und ein kleiner, zierlicher, grünseidner mit goldnen Sternen. Unter öer Maske des letzteren blitzten ein Paar lebhaft sprühende Augen so schwarz wie Kohle hervor, und ein zartes, meisterhaft verstelltes Sümmchen wies keck die allzu dreisten Annäherungen zurück. Plötzlich wurden die beiden Domino's getrennt, und der Grünseidne stand einen Augenblick allein. Im gleichen Augenblick löste sich ein hochroter Domino von der Säule los, an der er gestanden und gesellte sich zu den- kleinen Grünen. „Darf ich Dich begleiten, schöne Maske?" „Ach ja, bitte", lispelte diese. Nach und nach kamen beide in ein lebhaftes Gespräch, das sie mit vollkommen verstellter Stimme führten. Er erzählte ihr unter anderem, daß er ein alter Junggeselle sei und in der Nähe von F. wohne. Er habe sich auch einmal einen großartigen Maskenball ansehen wollen, und wenn er nun nach Hause zurückkehre, sei er um eine schöne Erinnerung 76 reicher. Sie berichtete ihm, daß sie schon ziemlich lange zu Besuch bei einer Freundin hier weile, daß es ihr sehr gut hier gefiele, und fie fich gar nicht nach ihrer Heimat zurücksehne. Sie wäre zum erstenmal in ihrem Leben auf einem Maskenball, und hätte nicht gedacht, daß sie sich so gut amüsieren würde. Die beiden tanzten viel zusammen und setzten sich dann wieder in ein stilles Eckchen, um zu scherzen und zu plaudern miteinander, und der feuerfarbene Domino, der zuerst etwas schüchtern gewesen war, schaute jetzt immer wieder in die dunklen, strahlenden Augen, die ihn unter der Maske so lustig anblitzten. Er hatte die Maske schon mehrmals gebeten, ihm doch wenigstens für einen Augenblick in einem der Nebenzimmer ihr Gesicht zu enthüllen, aber sie hatte ihn stets ausgelacht und ihn auf nachher vertröstet. Es mochte kurz vor zwölf Uhr sein, als sie den roten Domino bat, ihr ein Glas reines Brunnenwasser zu holen. Aber als er mit dem Verlangten zurückkehrte, war der grünseidne Domino verschwunden und nicht wieder aufzufinden, so eifrig er das ganze Gewühl auch durchforschte und durchsuchte. Nachdem er sich die bald erfolgende Demaskierung von oben angesehen, verließ auch der rote Domino kurz darauf das Fest, innerlich wütend über das vorzeitige, plötzliche Verschwinden der schönen, unbekannten Maske.--- Helene Shdow hatte mit ihrer Freundin ausgemacht, daß jede allein ihr Heim aufsuchen sollte. Sie war denn auch in einer Droschke glücklich nach Hause gekommen, und kein Mensch, der sie gesehen, hätte vermutet, sie kehre von einem Maskenballe zurück, denn sie hatte sich ihres Domino's wohlweislich schon in der Garderobe entledigt und sich in einen weiten Abendmantel gehüllt. Lange noch saß die junge Frau in ihrem Zimmer und grübelte über die Person des roten f omino's nach. So viel sie gesehen, war es eine hohe, elegante üigur gewesen, die sich unter der schützenden Hülle des Domino's verbarg und die lebhaft blickenden, blauen Augen erinnerten sie dunkel an rin anderes Augenpaar, das sie kannte. Es war doch wunderschön gewesen, sie hatte fich herrlich amüsiert und mit der ungelösten Frage auf den Lippen, wer der Unbekannte wohl gewesen sein mochte, schlief sie endlich ein.--— Am andern Morgen packte sie Domino und Maske gut ein und trug beides eigenhändig, dicht verschleiert, wieder in die Leihanstalt. Um zwölf Uhr kehrte der Baumeister von seiner Reise zurück. Er brachte seiner kleinen Frau ein für so kurze Abwesenheit eigentlich viel zu kostbares Geschenk mit, einen schmalen, goldnen Armreif mit Türkisen besetzt, einen schon lange gehegten Wunsch Frau Helenens damit erfüllend. Nun schlug der jungen Frau doch das Gewisien und mehrmals war sie im Begriff, ihm alles zu gestehen — aber Max war heute so verändert, sie wollte lieber noch einige Zeit warten. Er war furchtbar zerstreut ohne Zweifel, gab mehrmals verkehrte Antworten, und sah sie manchmal so von der Seite an, daß ihr ganz angst wurde. Dann aber war er wieder außerordentlich zärtlich, entschuldigte seine Zerstreutheit mit vielen Arbeiten in seinem Beruf, bei denen er bald hier, bald dort sein sollte rc. Die junge Frau machte sich währenddem innerliche Vor würfe, daß sie ihrem Vergnügen nachgegangen sei, während ihr armer Mann so angestrengt hatte arbeiten müffen. Während der nächsten Tage gingen die beiden Ehegatten sich zwar unauffällig, aber doch so viel als möglich aus dem Wege, indem er sehr viel Arbeit, sie starke, anhaltende Kopfschmerzen vorschützte. Vier Tage nach dem Ball las die junge Frau eines abends folgendes Inserat in der Zeitung: „Der grünseidne Domino mit goldnen Sternen, der auf dem Maskenball im „großen Saalbau", so plötzlich verschwunden ist, wird gebeten, so fern auch ihm etwas daran gelegen ist, seinen Kavalier wtederzusehen, sich Freitag abend 8 Uhr am Kaiserdenkmal am . . . platz etnzufinden. Diskretion Ehrensache. Der rote Domino." Helenens Herz köpfte stürmisch. Er wollte sie Wiedersehen, war das nicht ein famoser Ulk? Natürlich hielt er sie für ein junges Mädchen und war gespannt auf ihr Aeußeres Sie war natürlich nicht weniger neugierig, aber durfte sie denn gehen? Wenn Max etwas merkte? Und wenn er morgen abend gerade zufällig zu Hause blieb, wie sollte sie dann fortkommen. Es war doch ein unschuldiger Fastnachts scherz und gewiß nicht schlimm, wenn sie ging, entschied sie dann; warum auch hatte Max nicht mit ihr auf einen Masken ball gehen wollen! — Beim Abendessen war Frau Helene ziemlich einsilbig, bis ihr Gatte ihr mitteilte, er hätte morgen abend eine Vereinssitzung mitzumachen, die wohl von 7 bis 10 Uhr dauern werde. Sie möge also mit dem Essen nicht auf ihn warten. Nun wurde die junge Frau gesprächiger, indes Max nun verstummte, als ob sie die Rollen vertauscht hätten. — Am andern Tage war Frau Helene in einiger Aufregung, aber auch der Baumeister schien zerstreut und mit seinen Gedanken öfters abwesend zu sein, was seine Frau natürlich übersah. Am Abend machte Max äußerst sorgfältig Toilette, was bei sonstigen Sitzungen nicht geschehen war. Helene sah ihn mit einiger Verwunderung an, sagte aber nichts. Kurz vor 7 Uhr verabschiedete er sich eilends von ihr und ging. Nun begann auch Frau Helene sich für den Ausgang anzukleiden. Sie hatte ein einfaches, dunkles Kostüm gewählt, das sie aber vorzüglich kleidete. Jetzt noch einen dichten, schwarzen Schleier, und sie war fertig.--- Es hatte soeben auf einem der vielen Türme 8 Uhr geschlagen, als eine hohe, in einen weiten Havelock gehüllte Männergestalt, den Hut tief in die Stirne gedrückt, fich der hinteren Seite des Kaiserdenkmals näherte. Einen Augenblick darnach schritt von der anderen Seite eine Dame auf denselben Platz zu. In der Mitte stießen sie zusammen. Das Licht einer Laterne fiel hell auf die Beiden und ein Doppelschrei ertönte Plötzlich. „Max!"-- „Helene!"-- Und wie zu Bildsäulen erstarrt, standen sich die Ehegatten gegenüber. Helene, als kluge Evastochter, faßte sich zuerst, denn es fuhr ihr sofort durch den Sinn, daß Max ihr nichts anhaben könne, nachdem er auf demselben Verbrechen ertappt worden war. Sie brach daher jetzt in ein leises Lachen aus, und während sie ihren Arm in den des noch immer regungslos dastehenden Gatten legte, langsam mit ihm weiterschlenderte, flüsterte sie ihm zu: „Aber Maxel, so inkonsequent? Kein anständiger Mensch geht doch aus den Maskenball einer Großstadt. Nun stimmte auch der Baumeister in das lustige Kichern seiner kleinen Frau ein. Als man sich nachher in einem seinen Restaurant in einer gemütlichen Ecke bei einem ausgesuchten kleinen Souper und einer Flasche Sekt gegenüber saß, wurde in äußerst heiterer Stimmung die gegenseitige Beichte entgegengenommen und mit wirklicher Großmut Absolution erteilt; Frau Helene wußte außerdem das Eisen zu schmieden, so lange es warm war. Max mußte ihr versprechen und zwar feierlich, das nächste Jahr sich nicht erst wieder von feinem Freunde überreden und verführen zu lassen, sondern aus freien Stücken, hübsch offiziell und in persona mit feiner Gattin einen Maskenball zu besuchen. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Sielndruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.