Nachdruck verboten. Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) Zwei Stunden später ließ er sich noch einmal melden. Die Familie war beim Scheine der grünbeschirmten Hängelampe um den runden Tisch im Wohnzimmer versammelt. Konrad, der zehnjährige, zernagte gerade in Verzweiflung seinen Federhalter, denn die Reihe, dem Papa zu schreiben, war an ihm, und er suchte seit einer Viertelstunde vergeblich nach irgend einer mitteilenswerten Begebenheit. „Es will auch rein gar nichts passieren," jammerte er. „Das letztemal war wenigstens ein Droschkenpferd durchgegangen, und bei Schulzes hatte der Blitz eingeschlagen." Die Geschwister hatten ihm schon verschiedene Ratschläge erteilt, was er in Ermangelung solcher großen Naturereignisse dem abwesenden Vater berichten könne, ohne indessen Konrads Geschmack zu treffen. „Schreibe dem Papa, daß es uns gut geht, und daß ihr artig seid. Das ist genug und wird ihn freuen," rief die Mutter aus dem Nebenzimmer. Sie saß am Bett der kleinen Lotte, um mit ihr zu beten. „Lieber Gott, mach' den Papa ganz gesund, und er soll bald wieder kommen. „Amen!" schloß das Kind und streckte der Mutter ihr rotes Mündchen zum Gutenachtkuß hin. Da kam das Dienstmädchen und meldete, der Rechtsanwalt Ziel sei draußen und wünsche Frau Andree einen Augenblick zu sprechen. „Der ist doch eben erst dagewesen," bemerkte Leonhard verwundert, und Frau Andree ließ ihn bitten, hereinzukommen. Nein. Er sei eilig und müsse sie allein sprechen. M huiuii,' jedem Frühling blüht auch dir jKMr Ein Blümchen, ist's auch noch so klein, Von jeder Wonne glüht auch dir Ein Schimmer in das Herz hinein. Nur mußt du dich zufrieden geben . . . Erzwingen läßt sich keine Lust . . . Was dir von selbst nicht gießt das Leben, Bleibt ewig ferne deiner Brust. H. Seidel. Der Vorsaal war nicht erleuchtet. Nur die kleine Küchenlampe, die das Mädchen beim Oeffnen der Thür auf das Fensterbrett gestellt hatte, verbreitete ein spärliches Licht. Ziel kam rasch auf Frau Andree zu. „Entschuldigen Sie, daß ich störe," begann er hastig mit gedämpfter Stimme. „Ich habe soeben ein Telegramm erhalten. Schlechte Nachrichten von Ihrem Manne." „Ist er krank?" Ziel bejahte. „Hoffentlich nicht gefährlich?" fragte sie noch immer ahnungslos. Sie vermochte in dem herrschenden Halbdunkel die angstvoll gespannten Züge ihres späten Besuchers nicht zu erkennen. Dieser ward ein wenig ungeduldig, weil sie gar nicht begriff. „Ich fürchte doch. Ich — ich will noch heute abend nach Karlsbad fahren — um — um mich zu überzeugen, und — und ich hielt es für richtig, Sie vorher zu benachrichtigen, Frau Andree." „Sie reisen?" Jetzt erst wurde sie wirklich ängstlich. „Ich komme mit Ihnen. Wenn er krank ist, wird er meiner Pflege bedürfen. Aber sagen Sie, wie ist das nur so plötzlich gekommen? Sein Magenleiden? Oder die Kopfschmerzen? Wissen Sie nichts Näheres über die Natur der Krankheit?" „Nein, nichts," erwiderte er kurz. „In einer Stunde geht der Zug. Wenn Sie wirklich mitreisen wollen —" „In einer Stunde! So schnell. Natürlich reise ich mit. Wenn Sie vielleicht den Kindern erklären wollten, was geschehen ist, unterdes mache ich mich reisefertig." Sie drängte ihn in das Wohnzimmer, während sie selbst in die Schlafstube ging. Im Augenblicke überlegte sie, was mitzunehmen und anzuordnen sei. Sie hatte ein ruhiges, phlegmatisches Temperament und verlor nicht so leicht den Kopf. Der Rechtsanwalt teilte den Geschwistern inzwischen die betrübende Nachricht mit. „Wo ist die Depesche?" war Marthas erste Frage. Ziel verfärbte sich. „Ich habe sie nicht bei mir." „Das ist nicht wahr!" rief Martha erregt. „Ich bitte, geben Sie mir die Depesche." Er antwortete ausweichend. „Was ist mit Papa?" flüsterte sie dringender, bemüht, außerhalb Hörweite der Geschwister mit ihm zu sprechen. „Sie verheimlichen uns etwas. Sie wissen ntehr als Sie sagen. O, so reden Sie doch, reden Sie!" — — Er konnte ihre forschenden Blicke nicht ertragen und 8?4 wandte das Gesicht ab/ ein sorgenschweres, kummervolles Gesicht. „Ich glaube, Ihre Mutter kommt/' sagte er, um ihr zu entgehen. „Ja, sie kommt. Und nun reisen Sie ab, alle beide, und lassen mich zurück in dieser entsetzlichen Ungewißheit. Nehmen Sie mich mit! Ich komme — sofort, — gleich, wie ich hier stehe!" Er schüttelte den"Kopf. „Nein, nein, wir können Sie dort nicht brauchen — aber hier vielleicht, hier, — wenn Anordnungen zu treffen wären — für alle Fälle —" Die Mutter kehrte aus dem Schlafzimmer zurück, ein Reisetäschchen in der Hand. „Gebt mir acht auf Lottchen," sagte sie, „und vergeßt nicht, die Läden zu schließen." Dabei küßte sie die Kinder zum Abschied. „Komm' bald wieder" — „Und grüße den Papa." „Ich lasse ihm recht gute Besserung wünschen." Nur Martha sagte nichts. Sie preßte die Lippen aufeinander, um nicht aufzuschreien." Vor dem Hause wartete die Droschke. Es war eine schöne, frische, sternenklare Nacht. Leonhard und Martha blieben stehen, bis das Rollen des Wagens in der Ferne verklungen war. Dann schloß Leonhard das Thor. Plötzlich fiel ihm Martha um den Hals, und er fühlte ihre heiße Thränen auf seiner Wange. „Leonhard!" schluchzte sie. „Täusche Dich nicht. Unser Vater ist tot!" * * * Die beiden in der Droschke fuhren unterdes schwelgend nebeneinander her. „Wann werden wir in Karlsbad ankommen?" fragte Frau Andree endlich. Er nannte ihr die Stunde. „O, so lange." Dann nach längerem Schweigen: „Weiß mein Mann, daß wir kommen?" Er antwortete nicht gleich. „Ich glaube nicht," kam es endlich zögernd über seine Lippen. „Aber er hat doch selbst telegraphiert?" „Nein, der Arzt hat es gethan." Wieder eine Pause. „Warum er nur nicht an mich telegraphiert haben mag?" „Wohl um Sie nicht zu erschrecken, Frau Doktor." „Lassen Sie mich doch das Telegramm lesen." „Es ist zu dunkel hier. Später." „Wissen Sie nicht den Wortlaut auswendig?" „Nicht ganz. Ich war so aufgeregt, daß ich es nicht behalten habe. Ich fürchte jedoch, Frau Andree, daß wir uns gefaßt machen müssen, ihn — recht schwer krank anzutreffen." „Vielleicht ohne Bewußtsein? Doch nicht lebensgefährlich?" rief sie, zum erstenmale ernstlich aus ihrer Gemütsruhe aufgerüttelt. „Ich fürchte, auch das ist nicht ausgeschlossen," erwiderte er sehr ernst. Ein ahnungsvoller Schauer durchlief sie. Sie blickte stumm in den Schoß. Endlich sagte sie: „Ich möchte doch gern das Telegramm sehen." Da ward es plötzlich hell und laut um sie. Die Lichter des Bahnhofes, Wagengeraffel, Lärm und eiliges Getriebe. „Wir sind etwas spät. Kommen Sie mit zum Billetschalter und halten Sie sich immer fest an mich." Geblendet von dem Lichte folgte sie seinen eiligen Schritten. Wenige Minuter später brauste der Zug mit ihnen in die.Nacht hinein,- eine endlose, schlaflose, traurige Nacht. Das Telegramm, das der Rechtsanwalt Ziel in der Tasche trug, lautete: „Andree heute tot im Bett gefunden/ anscheinend Morphiumvergiftung. Kommen Sie sofort und benachrichtigen Sie Angehörige. Dr. Menzel." III. Drei Tage später. Ein warmer, fröhlicher, sonnenglänzender Augusttag. Aus den Gärten weht süßer Blumenduft. Von den Gräbern duftet es schwül, und betäubend duftet es in der hohen, weitgeöffneten Leichenhalle, wo unter Palmen und Kränzen der Sarg aufgebahrt ist, in dem die irdischen Ueberreste des Rechtsanwalts Leonhard Andree ruhen, gebettet unter Blumenberge, Kissen von dunkeln Stiefmütterchen, Lorbeerkränze, Palmenwedel mit mächtigen Bouquets von weißen Rosen. Selbst der Boden ist bedeckt mit Blumenspenden, die auf dem Sarge keinen Platz gefunden haben. Und im weiten Halbkreise ernste schwarzgekleidete Menschen. Die ganze Halle ist voll davon. In der vordersten Reihe die Witwe im langen, schwarzen Kreppschleier, das Gesicht verhüllt, gebrochen vor Schmerz. Kaum daß sie mit stummem, dankbarem Kopfnicken die Beileidsbezeugungen der zahlreichen Freunde, die eigentlich alle mehr die Freunde ihres Mannes gewesen sind, und die sie zum großen Teil nicht einmal kennt, beantworten kann. Um sie herum ihre fünf Kinder. Zwischen beiden Schwestern das kleine Lottchen, das sich mit großen, neugierigen Augen umsteht, und dem das Weinen nahe ist, weil es sich vor den vielen schwarzen Menschen fürchtet. Auch Sänger sind da/ der Chor des Gymnasiums, das Leonhard besucht. Integer vitae, schallt es feierlich durch die hohe Halle. Dann beginnt der Geistliche seine Rede. Rasch tritt der Tod den Menschen an, es ist ihm keine Frist gegeben — mitten aus dem schaffensfreudigen Leben, aus dem trauten Kreise der Seinen hat Gott den Verstorbenen abberufen, der das geliebte Oberhaupt der Familie, so vielen ein treuer Freund und guter Ratgeber war. Abgereist zur Kräftigung seiner Gesundheit, ward er eine Beute des Todes, fern von denen, die ihn liebten, einsam, unerwartet, einem verhängnisvollen Versehen zum Opfer fallend. Aber Gott hat diese Prüfung den Seinen auferlegt, der Gott, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt/ dessen Wege, mögen sie auch oft dunkel sein, doch zum Lichte führen, zum Lichte seiner Gnade/ dessen Schickungen wir ohne Murren hinnehmen müssen, auch wenn sie dem Verstände unbegreiflich und hart erscheinen. Gott, der die Prüfung auferlegt, giebt auch die Kraft, sie zu tragen. Er wird die gebeugte Witwe trösten, er wird ihr Krast geben, für ihre Kinder zu leben, ihre Kinder zu erziehen in seinem, des Verstorbenen Sinne zu braven, tüchtigen Menschen. — Dann pries er das schöne, innige Familienleben. — Wie wenigen wird beschert, was sie reichlich genossen! Wie war der Frühverklärte in treuer Liebe ergeben gewesen dem Weibe seiner Wahl, wie hatte er zu ihr gestanden in guten und schlimmen Tagen! — Er erinnerte an die Zeiten, da ihnen der Tod drei blühende Kinder entrissen. Zuletzt ermahnte er die Geschwister, auf den Wegen Gottes zu wandeln, wie ihr Vater es gethan/ und ihm treulich nachzueifern,. der ein Vorbild aller Tugenden war. Bei diesen Worten nickten Leonhard und Martha unwillkürlich. Es war ein stilles Gelöbnis, daß sie der Mahnung eingedenk sein und ihr Leben darnach regeln wollten. Nach Beendigung der Predigt stimmten die Sänger noch einen Choral an. Unter den verhallenden Tönen desselben ward der Sarg hinausgetragen. Wankenden Schrittes folgte die Witwe, gestützt auf den Arm ihres ältesten Sohnes/ nach ihr Martha und Lottchen, Else und Konrad/ dicht hinter diesen der Rechtsanwalt Ziel und Olaf Nansen unv einige Vertreter des Verstorbeneu. Frau Andree hatte keine Verwandten. Ein alter Onkel, der einzige von den Ihrigen, der noch lebte, wohnte eine Tagereise entfernt/ sein hohes Alter entschuldigte sein Ausbleiben, umsomehr, als sie seit Jahren vollständig außer Verkehr gewesen waren. Dann kamen die vielen Freude des Verstorbenen, Bekannte, die ihm geschäftlich oder gesellschaftlich nahe gestanden hatten- ein langer Trauerzug, der sich langsam durch die Gänge des Friedshofs bewegte. Der Rechtsanwalt Ziel berichtete dem jungen Nanien von der traurigen Reise, auf der er Frau Andree begleitet hatte, und wie er es ihr gar nicht habe begreiflich machen können, daß sie nicht zu einem Kranken, sondern zu einem Toten führen. Sie sprachen ganz leise, dicht nebeneinander hingehend. Am Ende des Zuges sprach man schon lauter. Man lobte die Predigt- man wunderte sich, wie zahlreich die Versammlung sei zu einer Zeit, wo doch eigentlich alles auf Reisen wäre. Ein paar Herren waren direkt aus der Sommerfrische gekommen. Es ging wirklich nicht anders. Man war das dem Verstorbenen schuldig. „Meine Frau wollte mich gar nicht fortlassen. Ich wäre meiner Erholung wegen im Bade, und da reise man nicht zu Begräbnissen. Ich habe ihr auch versprochen, mit dem Fünfuhrzuge zurückzufahren. Sind wir denn noch nicht bald da? Ich muß nachher gleich eine Droschke nehmen." — „Ein furchtbarer Schlag für . die arme Dorothea," keuchte eine dicke Dame mit vor Hitze glänzendem Gesicht. „Sie vergötterte ihren Mann. Und ihn nun auf solche Weise zu verlieren! Mein Mann meinte, es sei eigentlich streng verboten, den Leuten soviel Morphium zu verabreichen, um einen Menschen damit zu vergiften. Ta muß wohl der Arzt oder der Apotheker eine Unvorsichtigkeit begangen haben." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Ich hatte noch nicht Zeit, Miß Franklin zu besuchen, sondern eilte wieder auf Deck, wo ich fand, daß die Brigg gut segelte und Hardy sie vortrefflich steuerte. Das Langboot war weit hinter uns - es war nur noch ein so kleiner Fleck, daß ich kaum begreifen konnte, wie wir in der kurzen Zeit eine solche Entfernung zwischen uns gelegt hatten. Als ich es durch das Glas betrachtete, erkannte ich, daß sie das Segel niedergelassen hatten. Hieraus ersah ich, daß sie bemerkt hatten, wie wir davonfuhren und uns jetzt beobachteten, um zu sehen, was für einen Zweck wir damit verfolgten. Noch konnten sie wohl kaum ahnen, daß sie verraten waren. Ich vermute, daß sie glaubten, wir hätten ein Kriegsschiff in Sicht bekommen. Sie mochten sich in schöner Angst befinden! Ihre Gedanken waren mir indes jetzt ganz gleichgültig. Mit jeder Minute erschien uns die kleine Insel zarter und ätherischer auf der unbegrenzten blauen Fläche, und nach einer halben Stunde mußte das Langboot außer Bereich des Teleskops sein, selbst wenn ich dieses von der Mastspitze aus darauf gerichtet hätte. Uebrigens waren die Leute durchaus nicht in grausamer Weise in die Welt hinaus gestoßen. Das Land war ihnen nahe, sie hatten Wasser und Brot, ein Boot, groß genug, um mit geringer Gefahr die Paumotu-Gruppe zu erreichen, falls es sich Herausstellen sollte, daß Teaph unbewohnt wäre. Ich verbannte sie aus meinen Gedanken und wandte meine Aufmerksamkeit unserer eigenen Lage zu. Banyard, welcher an der Schanzkleidung lehnte, rauchte seine Pfeife mit einem Gleichmut, der meinen Neid und meine Bewunderung erregte. Savings sah mich unverwandt an, und da es mir schien, als wünschte er mit mir zu sprechen, so ging ich zu ihm- er schlug indes sogleich die Augen nieder, und sein Gesicht nahm einen verstockten Ausdruck an. „Du gehörst zu denen, die freiwillig an der Meuterei teil nahmen. Du bist mitschuldig an des Kapitäns Tod und mußt dich darauf gefaßt machen, wegen Morvs gehangen zu werden". „Maken S' rasch dormit, un ft en S' verdammt!" antwortete er grimmig. „Aewer t’ wier stündlicher west, Sei had mi mit de annern weggahn laten. Twei sünn tau vel för ein'n, un ik hew Sei nicks Unrechts uich dahn, dat Sei nau mien Lew nahm' wulln". „Was meinst du eigentlich?" rief ich. „Denkst du, ich will dich umbringen? Alles, was ich von dir fordere, ist dein Versprechen, mir zu helfen, die Brigg in einen Hafen zu führen. Wenn du das thurr willst, wollen wir uns die Hände schütteln und kein Wort soll am Lande darüber verlauten, daß du bei der Meuterei beteiligt warst. Das soll mein Versprechen sein, wenn du das Deine hältst". Dies war etwas so gänzlich Verschiedenes von dem, was er erwartet hatte, daß er einige Augenblicke mich nur verblüfft anstarren konnte. Als er die Sprache wiederfand, schrie er: „Wenn ’t wieder nicks is, wat Sei wulln, da iS dat en armer Sak, dünn maken Sei mi los, un denn süll'n Sei seihn, ob ik arbeiten will oder nich!" Da ich jetzt verstand, daß seine meuterische Wildheit nur dem Glauben entsprungen war, daß Banyard und ich nach seinem Blut dürsteten, schnitt ich sogleich die Stricke an seinen Händen und Füßen durch- ich war der Meinung, daß es einen guten Eindruck auf ihn machen würde, wenn ich ihm sofort die Freiheit gäbe. Er sprang auf, streckte sich, schwenkte seine Arme und rief: „Seggen Sei, wat nau sien füll, Sir". „So is recht!" lobte Banyard, welcher jetzt herantrat und ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken gab. „Unner jedwerein Flagg' is Beter tau segeln as unner de swarze Flagg', Maat". „Gut, Pendel", sagte ich, „sprechen Sie so weiter zu ihm, und wenn Savings Ihre Ansichten teilt, so wird keine rechtschaffenere Brigg auf dem Wasser'schwimmen als die ^kleine Lulu". Ich ging hinunter und trat zu dem Koch, der auf dem Rücken lag so fest wie eine Mumie inmitten einer Pyramide. Er begann sogleich wieder in mich zu dringen, ihn in Freiheit zu setzen, beteuerte, daß seine Arme und Beine schon ganz blutlos wären und daß, wenn der Krampf seinen Magen ergriffe, wir ihn würden begraben müssen. Um den Aermsten aus seiner Angst zu erlösen, schnitt ich die Bande an seinen Beinen und Handgelenken durch und erklärte ihm kurz und bündig, daß sein künftiges Schicksal von ihm allein abhinge, daß seine Führung entscheiden würde, ob er für den Mord von Kapitän Franklin und Mr. Sloe gehangen werden — oder straflos ausgehen sollte, um aufs neue wieder ein ehrliches Leben anfangen zu können. Ich gebot ihm dann, auf Deck zu gehen und Banyard und Savings zu sagen, daß er uns nach besten Kräften helfen wolle. Er stolperte hinauf, so rasch seine noch ungelenken Beine es ihm erlaubten, und ich hörte durch das offene Oberlicht, wie er zu Banyard sagte, daß ich keinen Grund gehabt hätte, ihn niederzuschlagen und zu fesseln. Er wäre der Meuterei niemals übermäßig freundlich gesinnt gewesen und wäre herzlich froh, nun so leicht aus der kitzlichen Geschichte herausgekommen zu zu sein. Savings erwiderte etwas, was ich nicht verstand, aber der Ton, in welchem beide sprachen, gab mir die lieber- zeugung, daß ich mich vorläufig auf sie verlassen könnte. Voller Jubel und ohne meine körperliche Ermüdung zu achten, näherte ich mich Miß Franklins Kajüte. Sie kannte mein Klopfen, öffnete sogleich die Thür und sah mich in höchster Spannung mit angstvollen Augen an. Ihr Anblick bewegte mich bis auf den tiefsten Grund meiner Seele. Die große Liebe, die ich für sie empfand, - 876 brannte in meinem Herzen,- die Erinnerung an alle Angst und Sorge, die ich für sie ausgestanden hatte, stürmte auf mich ein, — und jetzt war es erreicht, — jetzt war sie sicher, und die Brigg ihr Eigentum! Eine schreckliche Zeit der Gefahr lag hinter ihr; unverletzt, unbeschimpft und so frei von allem Schaden ging sie daraus hervor, als wenn die Kajüte, die sie bewohnt hatte, ihre geliebte kentische Heimat gewesen wäre. Alle diese Gedanken und Gemütsbewegungen drangen mit Macht auf mich ein und raubten mir einen Augenblick die Sprache. Ich reichte ihr meine Hand und sie nahm sie- aber mein Schweigen mißverstehend, fragte sie mit ersticktem Flüstern: „Ist Ihr Plan mißlungen?" „Nein!" rief ich, „Gott sei Dank! Alle Sorgen sind vorüber, — Sie find sicher und geborgen, — die Brigg segelt nach Haus!" Sie that einen Freudenschrei. Ihr Entzücken über die Nachricht sprach aus der flammenden Röte, die ihr Gesicht bedeckte. Sie ließ meine Hand los, lehnte ihr Köpfchen an meine Brust und rief mit ihrer wunderbar lieblichen Stimme: „Nach Haus, nach Haus, endlich nach Haus!" „Sie haben Vertrauen zu mir gehabt, und ich habe es nicht getäuscht", antwortete ich, indem ich auf ihr schönes Haar niederblickte und mit der Versuchung kämpfte, es zu streicheln- da aber auf einmal begannen meine Kniee unter mir zu zittern, und ich sank nieder auf den Kasten neben der Thür. Meine Hand an die Stirn pressend, mußte ich alle meine Kraft zusammennehmen, um das plötzliche Gefühl des Schwindels und der Schwäche zu bemeistern, welches mich zu überwältigen drohte. „Sie haben sich zuviel zugemutet", hörte ich sie sagen- dann verließ sie mich schnell, kam aber gleich wieder zurück und hielt mir ein Glas Branntwein an die Lippen. Der stärkende Trank war gerade, was ich bedurfte. Ich dankte ihr und küßte die Hand, die sie ausstreckte, um das Glas wieder in Empfang zu nehmen. Nunmehr holte sie ihr Kopfkissen, legte es auf den Kasten und bat mich, mich niederzulegen. „Ich habe etwas aromatischen Essig", sagte sie, „und werde Ihren Kopf damit baden. Ich werde Sie bald wieder gesund machen. Sie haben so lange, lange Zeit für mich gesorgt, — nun bin ich an der Reihe". Alle ihre Neugier zu hören, was geschehen, war vorüber oder wurde unterdrückt- sie hielt mich für krank, und zum erstenmal erkannte ich an dem erschreckten, angstvollen Blick, mit dem sie mich ansah, daß meine Liebe erwidert wurde. Ihr, die ihr das lest und an das Langboot und seine Besatzung von Meuterern denkt, an die fragliche Treue der beiden, auf der Brigg verbliebenen Leute und an die Schwierigkeiten, die meinem Unternehmen entgegenstanden, diese Brigg von dreihundert Tonnen mit nur drei Männern und einem Knaben in den Hafen zu führen, — ihr werdet denken, daß dies richt der richtige Moment war, eine Liebeserklärung zu machen- aber ich konnte dem Zauber nicht widerstehen, der mich ergriffen hatte. Sie stand bei mir und sah mit sinnenden Augen zu mir nieder. Mit meinen beiden Händen faßte ich ihre Hand. „Sie sollten mein Anteil des Schatzes sein, kleine Lulu, wenn wir die Insel erreichten und das Gold gefunden wurde", flüsterte ich ihr zu. „Wir haben die Insel erreicht, aber da ist kein Gold und die Leute sind enttäuscht. Ist auch mein Anteil Täuschung? — oder habe ich meinen Schatz gefunden? — darf ich ihn nehmen, darf ich ihn behalten, den mein Herz schon solange ersehnt?" „Ich gehörte schon Ihnen, lange bevor die Leute mich Ihnen zusprachen", sagte sie. Und was dann geschah? — Ich will es euch in einem Satz erzählen: sie lag in meinen Armen und meine Lippen waren auf die ihren gepreßt. Ich hatte sie gewonnen und sie schien glücklich, daß sie mein eigen war. „Nun aber fröhlich an die Arbeit, mein Liebling!" sagie ich, ihre Hand haltend, und führte sie aus der Kajüte auf das Deck. (Fortsetzung folgt.) Neid und Karten. Es wird ost in Gartenbüchern angegeben, daß man, um von Gemüse immer Folgefrüchte zu haben, nach so und so viel Tagen wieder aussäen soll, z. B. heißt es bei Erbseu: alle 14 Tage aussäen, um immer Ersatz zu haben. Das ist falsch, es läßt sich keine Norm aufstellen, weil sich alles nach dem Wetter richtet. Da kommt mein Ratschlag dem Zweck näher und der ist, nicht früher neu auszusäen, als bis die vorhergehende Aussaat 6 bis 8 Zentimeter hoch ist, ob nun 14 Tage oder 5 Wochen dazwischen liegen. Man thut nebenbei gewiß gut, die Aussaaten von der zweiten ab vorher einzuquellen, d. h. die Saaterbsen 24 Stunden im Wasser liegen zu lassen. Zwei gute Raseu-iingee sind Ofenruß und Seifenwasser. Den Ofenruß giebt man in einen großen Sack, beschwert ihn und schüttet das Seifenwasser darüber. Nachdem das Wasser sich dunkel gefärbt hat, was nach mehreren Tagen oder Wochen der Fall sein wird, ist es zum Gießen verwendbar. Die günstige Wirkung ist eine auffällige. Auch das Waschwasser von der großen Hauswäsche kann verwendet werden, wenn nicht Chlorkalk bei der Wäsche gebraucht wurde. Schluökeu. Schlacken werden dort, wo Steinkohlen gefeuert werden, oft zur großen Last- man kann dieselben vorzüglich zur Verbesserung der Wege im Garten benutzen. Sie werden 10 bis 15 Zentimeter stark in sanfter Wölbung von der Mitte nach den Seiten aufgebracht, angefeuchtet und festgewalzt. Die Masse verbindet sich, wenn nachher etwas Sand darüber geschüttet wird, ziemlich fest und man hat das Vergnügen, auch nach starkem Regen trocken durch den Garten gehen zu können. ZSl«me«pflege. Rosa rubiginosa. (Die schottische Zaun- rose.) Wenn auch die schottische Zaunrose hinsichtlich ihres blumistischen Wertes nicht im entferntesten unsere schönen, beliebten Gartenrosen erreicht, so ist sie doch in vielen Gartenanlagen recht zweckmäßig zu verwerten. Sie wird zur Herstellung ganzer Heckenanlagen sehr gern verwendet. Auf den laufenden Meter gebraucht^man ungefähr sechs bis acht Pflanzen. Zur Kultur der gefüllte« Nachtviole. Die Nachtviole liebt einen mehr kühlen als trockenen und sonnigen Standort und ist, wenn sie diesen erhält, nicht besonders wählerisch mit den Bodenarten, doch sagt ihr ein Lehmboden besonders zu, wo sie dann auch im vollen Sonnenschein noch recht gut gedeiht. Das Verpflanzen kann im Frühjahr, Sommer und Herbst geschehen. Pflanzt man im Frühjahr, so schreite man hierzu schon im März, wenn möglich schon im Februar, denn von einem frühzeitigen Verpflanzen hängt das schönere Blühen mit ab. Die Nachtviolen werden am besten alle zwei Jahre einmal zerteilt und umgepflanzt. Bleiben sie länger stehen, so werden die Wurzeln leicht hohl und die Pflanzen gehen zu Grunde. Auch soll man sie beim Umpflanzen so viel als möglich nicht wieder auf den alten Standort bringen, sondern ihr diesmal einen neuen anweisen, sie wird so viel schöner. -iedaktion: L. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gieße».