(Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Geeromcm von Clark Russell. (Fortsetzung.) Der Kapitän, noch nicht zufrieden mit doppelten Reffs, befahl, daß die Topsegel ganz gerefft werden sollten. Als wir bei dieser Arbeit die Leinwand soweit zusammen gerollt hatten, daß wir sie festmachen konnten, ließ das Unwetter nach. Es blitzte nur noch in größeren Zwischenräumen und nur noch knurrend- wie ein verwundetes wildes Tier umkreiste der Donner den Horizont. Trotzdem blieb unsere Lage noch immer eine sehr unheimliche, denn die Windstille hielt noch immer an, während der Regen in unverminderter Stärke von dem pechschwarzen Himmel auf uns nieder« strömte. „Die Backbord-Wache kann abtreten, hält sich aber für den ersten Ruf bereit," schrie der Maat; was für uns soviel hieß wie: von schlafen ist keine Rede. — Wir benutzten die Gelegenheit, uns trocken anzuziehen, und dabei konnte man den wahren Charakter einer Teerjacke kennen lernen. Die eine Gefahr war glücklich vorübergegangen, aber noch drohte uns eine weit größere, wenn der schreckliche Orkan plötzlich losbrach. Das kümmerte jedoch die Leute nicht, sie machten ihre Witze, steckten sich ihre Pfeifen an und trieben Possen, als ob die Brigg bei herrlicher Brise und blauem Wasser schwämme. Nackt bis auf die Hosen und sich trocknend an allem, was ihm in die Hände fiel, fand Suds feine Kiste, das oberste zu unterst gekehrt. Dies gab Veranlassung zu einigen handgreiflichen Scherzen. Der schöne Blunt, ein großer, breitschulteriger, breitmäuliger, häßlicher Kerl, setzte sich auf die Kiste und machte es dadurch unmöglich, sich anzuziehen. 1899. Mitgefühl. offen andrer Menschen Leiden Dir als eigene erscheinen, Kannst du jubeln mit den Frohen Und mit den Betrübten weinen, Heil dir! Denn es steht geschrieben: Gott sieht in der Menschen Herzen Und es webt am eignen Glücke, Wer da mitträgt fremde Schmerzen. H. Dieter. Suds, welcher glaubte, daß seine Kiste aus Bosheit umgestürzt worden wäre, geriet in Zorn. Harte Püffe wurden ausgeteilt- Suds flog dabei bei gegen Schnarch-Jimmy, — dieser fiel hin und verbrannte sich im Fallen mit der heißen Asche aus seiner Pfeife- — wütend hierüber gab er Suds einen solchen Stoß mit den Füßen, daß dieser auf den schönen Blunt zuflog. Der, in der Meinung, daß er ernsthaft angegriffen würde, sprang auf und wollte zupacken, stürzte aber von dem heftigen Anprall von Suds, welcher über einen ihm wahrscheinlich absichtlich vorgehaltenen Fuß gestolpert war, sofort mit demselben zu Boden. Ein starkes Ueberholen des Schiffes warf über das daliegende Paar noch einen dritten Mann und zum Ueberfluß fiel auch noch Suds Kiste um, mit ihrem Inhalt den Knäuel überschüttend. All der Lärm bet dieser fürchterlichen Verwirrung wurde plötzlich durch ein pfeifendes, heulender Sausen übertönt. — Ich horcht, einen Augenblick, — dann rief ich: „Hallo, der Sturm!" und stürzte zur Luke hinaus. Sechzehntes Kapitel. Sturm. Als ich eben meinen Fuß auf Deck gesetzt hatte, wurde ich beinahe über den Haufen gerannt durch Banyard, welcher herbeieilte, uns zu rufen. Es war nicht mehr so stockfinster wie vorher. Im Westen schimmerten die Sterne, wenn auch zum Teil von Wolkenschichten überlagert, deren Ausläufer sich wie ungeheuere Aeste gerade auf uns zustreckten. Dies war das einzige, was zu bemerken ich noch Zett hatte, denn gleich darauf traf der Orkan die Brigg. Man stelle sich vor, aus der Stille eines Kloster- plötzlich in die Höhle wilder Bestien zu geraten, von denen jede brüllt, so laut sie kann. Aber dieser Vergleich giebt noch kein Bild von dem wütenden Gebrüll, dem überwältigenden, sinnverwirrenden Geheul, mit welchem eine Bö, wie im Sprunge, ein Schiff packt. Das tobende Element ist keine einzelne Stimme, sondern ein wild rasendes Orchester, welches alle Register von den tiefen, dröhnenden, hohlen, donnernde« Stimmen einer Orgel, bis zu den höchsten, schrillen, Entsetzen erregenden Tönen im Wahnsinn tobender Frauen zur Verfügung hat. Der Stoß der Bö traf uns voll in die Seite. Er legte die Brigg so nach Lee über, daß ihre Schanzkletdung in gleicher Höhe mit der See lag und da- vom Sturm aufgerissene Wasser die Luvseite so peitschte, daß ganze S8S — Echaumwände hoch am Takelwerk hinaufliefen. — Der schwarze Himmel senkte sich tiefer, und wie Gespenster jagten die Wolken an ihm hi». Würde die Brigg sich wieder aufrichten? — Sie lag da wie ein Baumstamm, den die Wut des Orkans gefällt hat,- jeder Augenblick schien ein Jahr. — Auf der Wetterseite des Vorderdecks stehend, fühlte ich die ganze Kraft und Gewalt unseres Peinigers, und wahrhaftig, hätte ich das Geländer losgelassen, an welchem ich mich hielt, so würde ich über Bord geflogen sein wie ein Stück Papier. Wenn der alte Windwärts Befehle gegeben hat, so kann ich eben nur sagen, daß ich sie nicht gehört habe. Welche menschliche Stimme hätte auch dieses Getöse durchdringen können, daS an der sich aufbäumenden Oberfläche des Meeres entlang donnerte und noch verstärkt wurde durch das Aechzen, Stöhnen, Knarren und Krachen der Masten und ein entsetzliches Konzert im Takelwerk, wo jedes Tau, eine gigantische Harfensaite bildend, den titanischen Fingern des Sturmteufels diente, seine satanische Sarabande darauf zu spielen. Plötzlich hörte.ich einen Knall, als wenn der Blitz eingeschlagen hätte. — In die Höhe blickend, bemerkte ich, daß das große Marssegel bis zum Reff mitten durchgeplatzt war und in einem ungeheuren Spalt ausklaffte. Im nächsten Augenblick sah ich nur noch einzelne kleine Fetzen des Segels an seinem Umfassungstau wild flattern. Wenn der Verlust des Segels auch ein Unfall war, so glaubte ich doch beinahe, daß er das Schiff rettete, denn dasselbe fiel sofort ab und richtete sich auf. — Jetzt trug uns der Wind den Ton der Stimme des Maats zu. Sein Befehl führte uns an die Fockbraffen der Luvseite, wir holten die Raaen Vierkant, und wie ein Pfeil vom Bogen schossen wir gleich danach vor dem Sturm her. Dies war der schwerste Orkan, .den ich bisher erlebt hatte. In der Bai von Bengalen hatte ich es einmal mit durchgemacht, wie ein Thphon das Schiff, auf dem ich war, mit seinem äußeren Rande gefaßt hatte, und wir hielten denselben für einen entsetzlichen Sturm,- aber er dauerte nur etwa eine Stunde, und so heftig er war, war er doch nicht mehr als eine starke Brise im Vergleich mit dem Sturm, der uns jetzt jagte. Kapitän Franklin stand am Kompaß und beobachtete die Richtung, in welcher wir getrieben wurden. Das schlimmste an diesen Orkanböen ist, daß sie sich zuweilen plötzlich legen, dann aber ebenso Plötzlich mit verdoppelter Wut auf der entgegengesetzten Seite aufspringen und das Schiff zurückwerfen. Inzwischen hatte der alte Windwärts einige Mann ins Takelwerk geschickt, um zu befestigen, was von dem großen Marssegel noch übrig war. Der Orkan peitschte direkt aus Westen, daher stürmten wir Hals über Kopf nach Osten. Als die Leute von der Raa wieder herunter kamen, war der Kapitän vermutlich mit seinen Berechnungen betreffs unseres Kurses fertig, denn wir wurden an die Starbordbrassen geschickt, um den Wind soviel Backbord zu bringen, daß wir Ost-Nord-Ost steuern konnten. Durch dieses Manöver, welches uns ganz vor den Wind brachte, war die Wirkung des Sturmes auf das Schiff nicht «ehr zu vergleichen mit derjenigen, als er es von der Seite traf, es umlegte und festhielt. Jetzt floh es vor ihm her unter dicht gerefftem Vormars- und Vorstengen - Stagsegel, bei einem Seegang, der unter den obwaltenden Umständen nicht der Rede wert war. Die Bö schien die schreckliche Dünung ausgeglichen zu haben- an ihrer Stelle waren es jetzt weißschäumende Wogen, die mit unheimlichem Schein durch die Schwärze der Nacht leuchteten. Nach kurzer Zeit brüllte der Maat uns zu, das Vormarssegel zu beschlagen. — Das war ein böser Befehl. Es lag etwas in dem Tosen und der Gewalt des Orkans, was selbst die Erfahrensten unter uns in Schrecken versetzte. Das Beschlagen des Segels war eine verzweifelte Arbeit. Trotzdem an jedem Läufer die doppelten und dreifachen Kräfte gegen sonst zogen, brauchten wir alle zusammen doch eine halbe Stunde, um die Leinwand einzurolle«. Der Bauch des Segels war wie von Eisen, wir schlugen mit unseren Fäusten dagegen und zerrten an den Seifingen mit fast übermenschlicher Anstrengung. Beinahe hätten wir die Sache als hoffnungslos aufgegeben, doch schließlich gelang unS das Werk. Kaum, daß wir uns einigermaßen verpustet hatten, erschallte schon der neue Befehl, das gereffte Groß-Stagsegel wieder zu setzen. Das gelöste Segel kam nieder, die Brassen wurden nachgelassen und der Kurs des Schiffes nördlicher gerichtet. Hierdurch erhielten wir den Wind etwas schräg von der Seite. Die See war allmählich schwerer geworden. Die mächtigen Wogen strömten in rascher Aufeinanderfolge auf uns zu, und das Deck schwamm fortwährend unter den Wassermassen, welche die Kämme der Wellen auf dasselbe warfen. „Nun," dachte ich, «wenn dieses Wetterchen noch eine Weile anhält, dann wird Miß Franklin wohl verstehen lernen, was die Leute damit meinen, wenn sie von berghohen Wellen sprechen." Der Kapitän befahl jetzt, beizudrehen. Infolgedessen wurde die Brigg dicht beim Winde gelegt und aller Segel entkleidet bis auf ein gerefftes Stagsegel. Da lagen wir nun, gehoben von den schweren Seen, die jetzt heranrollten, gegen unseren Bug dröhnten, und Säulen von Gischt über uns ergossen. Heulend, pfeifend, brausend fuhr der Sturm durchs Takelwerk, aber wir machten keine Fahrt, fast auf derselben Stelle blieb die Brigg liegen. Kurz nach vier Uhr brach die Morgendämmerung beinahe hinter uns an, so daß unser Bugspriet jetzt direkt nach der Seite stand, aus welcher der Orkan gekommen war. Das dunkle, schäumende Wasser, welches im Westen noch schwärzer und düsterer erschien, bot einen trübseligen Anblick. Wie ein bleiches Gespenst stieg die Sonne empor, ohne Wärme in ihrem Licht und ohne Kraft, der tobenden Wasserwüste einen Glanz zu verleihen. Noch waren wir alle Mann auf Deck, aber totenbleich vor Ueberanstrengung und Müdigkeit sahen wir aus, wie dem Meer entstiegene Geister, die für den Augenblick belebt waren, um einem schwer ringenden Schiff beizustehen im Kampfe gegen die Elemente. Durchweicht bis auf die Haut, Hosen und Hemden am Körper klebend, die meisten ohne Kopfbedeckung, mit triefendem Haar, hatten wir ein so elendes Aussehen, wie nur je eine Mannschaft, die dem Untergang ihres Schiffes entgegensieht. Die Hälfte der Hühner unter dem Langboot war ertrunken- der eine Käfig war losgerissen und was von ihm noch übrig war, lag als ein Haufen Stäbe in den Spetgaten. Das Deck war bestreut mit Taurollen und anderen Gegenständen, unter welchen das Waffer zischte und sprudelte. Oben sah alles erbärmlich aus. Die Taue waren schwarz von Näffe und peitschten nach^Lee- die Segel, welche im Finstern beschlagen waren, saßen lumpig an den Raaen - Fetzen des zerrissenen Groß - Marssegels flatterten noch im Winde. Alles, wohin man auch nur sah, machte einen schlaffen, durchweichten, jammervollen Eindruck. Der alte Windwärts, der, nach dem Ausdruck seiner Augen zu urteilen, sich durch verschiedene Schnäpse gestärkt hatte, begann jetzt aufs neue zu wirtschaften. Er befahl, das Pumpensood zu sondieren, und da ein Fuß Waffer gefunden wurde, mußte gepumpt werden, bis alles wieder klar war. Dann wurden einige Mann ins Takelwerk geschickt, die Segel wieder in Ordnung zu bringen, andere mußten das Deck reinigen oder Taljen an die Pardunen legen und in anderer Weise die Spieren fichern. Ich dachte wirklich einen Augenblick, der Maat wollte die Reulraaen abnehmen lassen, nach der Art, wie er auf sie schielte- ich war froh, daß der Befehl nicht gegeben wurde, denn das wäre ein — 251 Geschäft gewesen, zu dem ich wenigste»-, bei meiner völligen Erschöpfung, nicht die nötigen Kräfte besessen hätte. Bei diesem Tturm zeigte sich so recht, daß wir eine tüchtige Mannschaft waren und Mut hatten. Ich erinnere mich, daß ich damals im stillen dachte: wenn ich jemals den Befehl über ein Schiff erlangen sollte, würde ich mir nie willigere und fleißigere Leute wünschen können. Jedoch qll unser Eifer fand keine Gnade in den Augen des Maats - denn jetzt, wo er uns sehen konnte, fluchte er wieder auf uns, nannte uns ein Pack fauler Lumpenhunde, stampfte mit den Füßen aufs Deck, schüttelte seine Fäuste gegen uns und bedrohte Klein - Welchy mit einem Splißeisen. Solche Behandlung hätte genügt, eine plötzliche Meuterei zu erregen, und nach der Stimmung der Leute zu urteilen, würde das unkluge Verhalten des Maats sehr verhängnisvolle Folgen gehabt haben, noch ehe die Sonne eine halbe Stunde höher gestiegen war, wenn wir nicht einerseits durch eine Art Apathie, infolge körperlicher Ermüdung, zurückgehalten worden wären, andererseits durch das Bewußtsein der Gefahren, in denen die Brigg bei dem anhaltenden, wütenden Sturm noch immer schwebte. Um sieben Glasen, als es auf Deck nichts mehr zu thun gab, wurden wir zum Frühstück entlassen. Wir der» ließen das Deck total ermattet, und, trotz der warmen Breiten, in denen wir uns befanden, durchschauert von Kälte, denn der Wind war beinahe eisig. Finster und murrend betraten wir die Luke. Die Tyrannei des Maats, welche der Kapitän unter- stützte, begann auf uns alle ihre Wirkung zu üben. Bisher war die Schwungkraft unseres Geistes wetterfest gewesen gegen eine Behandlung, die in wenigen Wochen alles Überboten hatte, was in dieser Beziehung irgend einer von uns nur je erlebt hatte. Nun aber fingen wir an zu erlahmen, und die natürliche Leichtgläubigkeit des Seemanns, welche selbst im Angesicht des Todes sich allen Gefahren überlegen zeigt, ging uns unter dem Despotismus dieser beiden Menschen allmählich verloren. Schweigend genossen wir unser Frühstück, wechselten wir unsere Kleider und rauchten wir unsere Pfeifen. Einige streckten ihre erschöpften Glieder für eine kurze Zeit der Ruhe auf die Pritschen. — Jeder Mensch, und wäre sein Vorurteil gegen Seeleute noch so groß gewesen, hätte uns bemitleiden müssen. In den dunklen Raum, wo wir uns befanden, stürzte das Wasser eimerweise durch die Luke, und nur eine erbärmliche Lampe, die an einem geschwärzten Balken schaukelte, warf ihren düsteren Schein umher. Unsere Mahlzeit nach der Arbeit einer so schweren Nacht war derart, wie sie kein Bettler im Armenhaus auch nur angesehen haben würde. Dazu kam, daß einige unter uns keine trockenen Kleider besaßen, sich keinerlei Bequemlichkeit zu verschaffen vermochten, und uns allen bei der entsetzlichen, fortwährend stoßenden Bewegung des Schiffes nicht die geringste Ruhe vergönnt war. Bald fuhren wir gen Himmel, bald tauchten wir unter dem fürchterlichen Brausen, Zischen und Kochen des Waflers hinab in den schwarzen Grund der Wogen. Die unausgesetzte Notwendigkeit, sich an irgend einem festen Gegenstand mit aller Kraft anhalten zu müssen, machte unsere Knochen schmerzen bis ins Mark hinein. Um acht Glasen wurde, gegen alle unsere Erwartung, nur die Wache auf Deck gerufen, und da somit die Backbordwache, zu der auch ich gehörte, Freiwache hatte, legten wir unS nieder und schliefen schließlich bei unserer Ermüdung auch wirklich ein. Als wir dann um die Mittagszeit die Steuerbordwache ablösen mußten, fanden wir zu unserer großen Ueberraschung blauen Himmel, eine frische Brise und die Wache beschäftigt, Segel zu setzen. Keine Spur des Ungewitters, dem wir beinahe zum Opfer gefallen wären, war noch vorhanden. Leicht und anmutig glitt die Brigg über die sich tummelnden grünen Wogen, deren schäumende Kämme das einzige Zeichen der Aufregung bildeten, in welcher die See sich noch vor kurzem befunden hatte. — Heller Sonnenschein lag freilich lagend auf Schiff und Wasser. (Fortsetzung folgt.) Die Papiermühlen zu Sittingbomne. Bon Fred Ho ob (Charlottenburg). ------- (Nachdruck verboten.) Vor einigen fünfzig Jahren gründete ein gewisser Eduard Lloyd in London eine Zeitung, die „Lloyds Newspaper^, welche heute eine notariell beglaubigte Auflage von 600 000 Exemplaren aufweisen kann. Die Papiermenge, welche diese Zeitung erforderte, wurde mit der Zeit so umfangreich, daß Mr. Lloyd im Jahre 1861 in Bow am Lea-Fluß eine Mühle erbaute, um sein Papier selbst zu fabrizieren und auch sonst die Presse nach Möglichkeit zu versorgen. Dann erwarb Mr. Lloyd im Jahre 1877 die „Wecken- well News", ein Lokalblatt, das zweimal wöchentlich erschien und verwandelte es in eine große Tageszeitung, den „Daily Chronicle", bekanntlich eine der einflußreichsten Zeitungen Englands, mit einer täglichen Auflage von 150000 Exemplaren. Dieser immense Erfolg der beiden Zeitungen und die Nachfrage anderer Journale nach Lloyd's Papier machte die Erwerbung eines größeren und besseren Terrains für die Mühlen notwendig. Man fand es in dem Orte Sittingbourne am Swale, einem Nebenflüsse des Medway und zwar unweit der Mündung desselben in die Themse. Hier entstanden nun die berühmten Mühlen Mr. Lloyd's, vielleicht die bedeutendsten der Welt. Sie werden von zweiundvierzig klaren Quellen gespeist, welche hier aus den Kalkfelsen hervorsprudeln und denen das Papier seine Reinheit und Sauberkeit schulden soll. Wir wissen, billiges Zeitungspapier wird heute nicht mehr aus alten Lumpen und Makulatur, sondern einem weit billigeren Material, dem Holzstoff, hergestellt. Diesen Stoff bezieht die Fabrik aus Norwegen. Sie hat ihre eigenen Mühlen in HönefoS, nicht weit von den Häfen von Christiania und Drammen. In der Nähe von HönefoS liegen große Edeltannenwälder, welche der Fabrik jährlich an 200 000 Stämme liefern. Sie werden den Wasserfällen überlassen und schwimmen unbegleitet zu den Mühlen hinab, wo sie in Holzstoff verwandelt werden. Erzielt werden jährlich 30 000 Tonnen Holzstoff, welche jedoch bei ihrem großen Wassergehalt ein Gewicht von 60 000 Tonnen aufweisen. Aber das genügt keineswegs, um den ungeheueren Bedarf der Papiermühlen zu decken, vielmehr muß noch Material aus kanadischen und deutschen Wäldern hinzuerworben werden. Von Norwegen wird der Holzstoff bis Sheerneß in Dampfern gebracht und dann von Sheerneß in Booten nach den Papiermühlen überführt- zwei Wochen später haben sich die stattlichen Bäume des norwegischen Waldes in eine Zeitung verwandelt, welche John Bull behaglich auf seinem Frühstückstisch ausbrettet. In Amerika ist mau aber noch fixer. Dort wird dar Holz des lebenden Baumes innerhalb vier Stunden in das bedruckte Zeitungsblatt verwandelt. Um das zu erreichen, müssen natürlich die Druckerpresse und die Mühle im Herze« des Waldes gelegen sein. Es giebt zwei Arten> Holzstoff, den auf mechanischem Wege gewonnenen Holzschliff und die Holzcellulose, ein chemisches Produkt, das vorzüglich durch das sogenannte Sulfitverfahren, d. h. durch Behandlung des Holzes mit schwefliger Säure gewonnen wird- seltener gebräuchlich ist das Natrouverfahren. Beide Arten Holzstoff finden in der Papierfabrikation gemeinsam Verwendung. Die Proportionen wechseln mit der Qualität des Papiers - je größer die Menge der Cellulose ist, um so besser ist die Qualität. Beide Produkte sind aber erforderlich. Der Holzschliff giebt dem Papier S§2 — Gestalt und Umfang, während der andere Stoff demselben Stärke und Dauerhaftigkeit verleiht. Der Holzstoff der Sittingbourner Mühlen ist in fünf Schuppen von etwa 100 Fuß Länge, 60 Fuß Breite und 60 Fuß Höhe aufgeschichtet, welche insgesamt 4500 Tonnen fassen können. Ein an der Flußseite gelegenes Gebäude enthält aber noch 1600 Tonnen, welche zur Reserve dienen, falls die Holzfaserschuppen etwa einmal in Brand geraten. Mit dieser Möglichkeit muß man allerdings rechnen, und deshalb find die Mühlen stet- mit einer mindestens vierzehn Tage vorhaltenden Materialmenge versorgt. Die Mühlen bestehen aus zwei Abteilungen, einem alten und einem neuen Gebäudekomplex. Letzterer wurde im Jahre 1891 errichtet. Man gelangt durch den Heizraum der alten Mühlen, wo die Triebkraft derselben durch acht ungeheure Galloway- Keffel erzeugt wird zur neuen Baugruppe, wo gegenwärtig 8 Galloway-Kessel in Thätigkeit find. Wir nehmen nun unfern Weg durch die den Zimmerleuten und Monteuren bestimmten Räume, wo wir alle erforderlichen Ersatzteile für beide Mühlen vorrätig finden/ in solch einem Etablissement müffen alle Schäden schleunigst beseitigt werden, soll nicht der gesamte Betrieb darunter leiden. In einem dieser Räume sehen wir eine Maschine zum Abschleifen der Zylinderrollen, welche zum Glätten des Papteres dienen und nach Erfordern in die mannigfachen „Kalander" eingeschaltet werden. Diese Schleifmaschine ist so empfindlich, daß selbst die Sonnenstrahlen sie aus dem Geleise zu bringen vermögen und um dies zu vermeiden, müssen die Fenster im Sommer verdunkelt werden. Es leuchtet ein, daß die Kalanderrollen mit peinlichster Sorgfalt geschliffen werden müssen, denn nur wenn sie das Papier völlig gleichmäßig bedecken, ist ein guter Resultat zu erzielen. — In einem großen Maschinenhaus bemerken wir riesige Behälter, die mit beiden Sorten Holzstoff gefüllt sind. Große kreisförmige, mit Schaufeln besetzte Walzen rotieren in diesen Behältern und lösen die Fasern des Holzstoffes, während dieser hin- und hergeschleudert wird. Er gleicht jetzt einem Brei von Hafermehl. Nach geraumer Zett wird der breiigen Mischung Antlinblau hinzugefügt, um dem Papier einen angenehmen Ton zu verleihen. Es gilt hier den gleichen Effekt zu erzielen, den die Wäscherin durch Blauen der Wäsche und der Zuckerfieder durch den Zusatz von Ultramarin beim Raffinieren seines Fabrikates zu erreichen strebt. Der Holzstoff ist nun fertig, um in die Holzstoffbehälter gefüllt zu werden. Aus diesen wird er mittelst Pumpen nach den entsprechenden Papiermühlen im Untergeschoß desselben Hauses befördert. Auf dem Wege zu den Maschinen geht der Holzstoff durch Seiher oder Saugkörbe, um alle fremden Bestandteile, die auf dem vorhergehenden Fabrikationswege ausgenommen worden find, zu entfernen. Und nun kommt der interessanteste Teil des ganzen Verfahrens. Der Holzstoff stießt als breiter, seichter Strom auf ein über zahlreiche Rollen geführtes Drahtnetz „ohne Ende" von so außerordentlich feiner Beschaffenheit, daß 400 Löcher auf einen Quadratzoll kommen. Dieses rotierende Gewebe bildet über den Rollen eine ebene, tischartige Fläche, und während sich auf dieser die mit fortgeriffene Papiermaffe ausbreiret, extrahieren mächtige Sauger die Feuchtigkeit aus derselben. Die Maffe ist nun von faseriger Beschaffenheit, und in diesem Zustand geht sie durch da- erste Rollensystem, die sogenannten Lagerrollen, dann durch ein zweites, in dem sie gepreßt wird, und wieder durch ein anderes und so fort. DaS Papier ist endlich konsistent genug, um die Trockenwalzen, zum Teil geheizte Hohlzylinder, passieren zu können. ES geht nun durch zwanzig solche Zylinder mit der Geschwindigkeit von 90 Metern in der Minute und verläßt dieselbe als fertiges Rollenpapier. Es ist ein wunderbarer Prozeß! — Auf der einen Seite der trübe, fließende Wasserstrom, auf der anderen das solide, weißglänzende Papier. Wir kommen nun zu den Kalandern, auf denen das Papier geglättet wird. Es find dies aus rotierenden Papier- und Hartgußwalzen, in wechselnder Anordnung, bestehende Maschinen. Die Papierwalzen bezwecke«, dem Papier eine elastische Unterlage zu geben. Ist das Material kalandert, so wird eS trommelartig aufgerollt. Natürlich geschieht dies wieder durch Maschinen, — ein Uhrwerk schlägt an, wen« die verlangte Meterzahl erreicht ist. Im Ganzen sind acht Maschinen für die verschiedenen Papierbreiten vorhanden. Eine davon, eine amerikanische Riesin, ist ein außergewöhnlich feines KonftruktionSwerk und soll allein 800 000 Mark gekostet haben. Aber selbst diese acht Maschinen reichen nicht mehr aus, um der beständig anwachsenden Nachfrage zu genügen. Die Firma, welche seit dem Tode deS Begründers von deffen Söhnen geleitet wird, liefert nicht nur für eine große Zahl Londoner Zeitungen und Provinzialblätter daS Papier, sondern versorgt auch zwei Drittel aller australischen Zeitungen. Die Papierrollen werden in Segeltuchhüllen mit hölzernen Kopsplatten gepackt und je nach ihrem Bestimmungsort mit dem Zeichen „Sidney, Adelaide" — versehen. Jeder Ballen enthält gegen 7600 Meter oder 4000 Bogen Papier. Tag und Nacht, von Montag früh 5 Uhr morgens bis Sonnabend 10 Uhr abends sind die Maschinen ohn' Unterlaß in Gang. Einige darunter gehen während dieser Zeit, ohne sich auch nur eine Stunde lang aufzuhalten. Verbraucht werden 700 Tonnen Kohlen wöchentlich, und die Waffermenge, welche durch eine der Mühlen geht, beläuft sich auf nicht weniger als 14500 Liter pro Tag. Gerade imposant ist aber der jährliche Papierabsatz in englischen Meilen berechnet. Die Lloyd'schen Mühlen versenden jährlich 600000 Meilen Papier von etwa einem Meter Breite. Das ist ein Papierstreifen, welcher hinreichen würde, unseren Planeten vierundzwanzigmal zu umwickeln. Und doch reicht eS nur gerade aus, einen ganz kleinen Teil dieses Planeten mit Zeitungen zu versorgen. So viel gehört dazu, um dem Wissensdurst und der Neugier der Welt zu genügen. Lttterarischer. Da« anspruchsvollst« Kleidungsstück der Weiblichen Toilette ist jetzt der Rock, der bis vor gar nicht langer Zeit noch ihr bescheidenster Bestandteil war. In allen möglichen Formen und Arten finden wir ihn am modernen Kleid vertreten; nicht einmal daS englische Kostüme wird jetzt mit völlig schmucklosen Röcken verfertigt. — Wie mannigfach die Garnituren der neuen Kleidröcke sein können, zeigt daS eben erschienene Heft 15 der „Wiener Mode" Die Beilage „Wiener Kinder-Mode" bringt unter anderem auch Firmungskleider. Preis deS HefteS 45 Pf. Abonnement 2 Mk. 50 Pf. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und vom Verlag der „Wiener Mode", Wien, Wienstraße. Nachdem der Frühling siegreich eingezogen, saftiges Grün dem Erdreich entlockte, aus kahlem Gezweig Tausende von Blüten hervorzauberte, die weithin die Luft mit köstlichem Duft erfüllen, ist auch die Freude an den Blumen und an der Beschäftigung mit ihnen in jedem Naturfreund wieder neu erwacht. Das keimende Blumenleben verlangt nun unsere sachgemäße Pflege. Ganz besonders sind es die Zimmerpflanzen, die die Spuren des Winters am längsten zeigen, da sie zur kalten Jahreszeit in oft ungeeigneten Räumen viel erdulden mußten. Kurze Zeit noch, und die Topfgewächse müssen den hängenden Garten des Städters, den Balkon, in eine anmutige Laube, dis Blumenbretter vor den Fenstirn in lebensfrische Blütenbänder verwandeln. Wie dies in einfacher, dankbarer Weise zu ermöglichen ist, lehrt daS „Handbuch der praktischen Zimmergürtnerei" deS bekannten Gartenbau - Schritstsllers und Herausgebers der „Gartenwelt" Max Hesdörffer (Verlag von Gustav Schmidt, Berlin SW. 46), dessen zweite, wesentlich erweiterte Auflage gerade zur rechten Zeit in 10 Lieferungen ä 75 Pf. zu erscheinen beginnt. Neben 17 Blumentafeln enthält dies Werk gegen 400 Originalabbildungen im Text, welche alle praktischen Handgriffe und die wichtigsten Zimmerblumen zur Darstellung bringen. Hesdörffers Handbuch ist nach dem Urteil der gesamten Kritik das weitaus beste Werk über Zimmergärtnerei, es wurde bereits nach dem Erscheinen der ersten Auflage in fünf fremde Sprachen übersetzt. Die soeben erschienene erste Lieferung ist durch jede Buchhandlung zur Ansicht zu erhalten. Redaktion: @. Burkhardt. — Druck und Berlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Meßen.