1899 v Wfrrj MEMM ®! ie Religion ist die goldene Kette, welche den Erdball am Throne des Ewigen festhält. Jean Paul. die Erwägung ausgefüllt, was man in einem solchen Kalle thun oder nicht thun würde. Inzwischen mußte Hans Helldorf erfahren, daß man auch im Besitz- eines großen Reichtums sich nicht alles verschaffen kann, was das Herz ersehnt und begehrt. (Nachdruck Detbolen., Schuldig. Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) Nicht immer gab Ernst Sommer sich dieser trostlosen Stimmung hin, er war dazu doch zu gesund und seiner ganzen Anlage nach weit mehr zum Optimismus als zum Pessimismus geneigt. Dann ging er mit sich zu Rate, ob er nicht die richterliche Laufbahn, die er in Aussicht genommen, aufgeben und Rechtsanwalt werden sollte, wodurch er es schneller zu einem größeren und gesicherten Einkommen bringen könne. Auch trug er sich noch immer mit der Hoffnung, die Diebe könnten endlich entdeckt und wenigstens ein Teil des geraubten Gutes wieder herbeigeschafft werden. Er ließ es auch nicht bet dieser Hoffnung und dem Wunsche bewenden, sondern betrieb mit Eifer und Geschick die Nachforschungen, wenn auch ohne den geringsten Erfolg. Daneben, und ohne daß er seine Thätigkeit beim Kammergericht vernachlässigen durfte, lag ihm zum allergrößten Teile die Abwickelung der Geschäfte seines Vaters ob- bevor dies geschehen und die Lage des kranken Mannes, wie seiner Tochter zu übersehen war, konnte der Sohn und Bruder nicht an eine Gestaltung des eigenen Geschickes denken. Ernst Sommer hätte den auf ihn einstürmenden verschiedenartigen Anforderungen nicht genügen können, hätte ihm Hans Helldorf nicht in aufopfernder Weise zur Seite gestanden. Manche Stunde, die der junge Bankier, der nicht nur ein enthusiastischer Kunstfreund, sondern auch ein recht anerkennenswerter Dilettant war, vor seiner Staffelei oder am Klavier zugebracht haben würde, saß er jetzt schreibend und rechnend im Sommerschen Kontor, und die Angestellten, die er dann und wann zu Hilfe rief, hatten stets seine Umsicht und seine Geschäftskenntnis zu bewundern. „Der junge Helldorf ist doch eingefuchst, als wenn er sein täglich Brot als Buchhalter oder Kassierer erwerben müßte!" sagte dann wohl einer zum andern. „Wenn ich dessen Millionen hätte! lautete die Antwort, und die darauf entstehende Pause ward stillschweigend durch V. Sobald es sich herausgestellt, daß die Familie Sommer durch den Diebstahl in eine sehr ungünstige Vermögenslage geraten war, hatte Hans Helldorf, der obwohl er täglich in das Haus kam, Aurelie verhältnismäßig nur wenig zu sehen bekam, eine Unterredung mit ihr gesucht oder gewissermaßen erzwungen und dieselbe mit dem Borwurf begonnen, daß es den Anschein habe, als ob sie sich ihm gefliffentlich entziehe. Das junge Mädchen ward bei diesen Worten sichtlich verlegen, entschuldigte sich aber mit der jetzt auf ihr ruhenden großen Arbeitslast. Sie hatte einen Teil des Hauswesens zu besorgen, da sie das zweite Mädchen entlassen und nur die alte Sophie zurückbehalten hatte, auch erfordere der Zustand des Vaters ihre unausgesetzte Aufmerksamkeit und Pflege. „Das mag alles sein, trotzdem könntest Du wohl dann und wann ein halbes Stündchen für mich übrig haben", sagte er traurig, „denkst Du meiner denn gar nicht mehr?" „O, Hans!" rief sie, und Thränen traten in ihr schönes Auge. Er legte den Arm um ihren Nacken, küßte ihr die Thränen aus den Augen und sagte ernst und eindringlich: „Aurelie, Dein Vater, Dein natürlicher Beschützer, ist schwach und krank- wäre es da nicht an der Zeit, daß ich an seine Stelle träte?" Sie machte sich von ihm los, trat einen Schritt zurück, schaute ihn aus weit geöffneten Augen groß und verwundert an und rief: „Wie meinst Du das, Hans? Ich verstehe Dich nicht!" Er zog sie wieder an sich, legte seinen Arm um ihre Schulter, beugte seinen Kopf, so daß sein Mund ihr reizend geformtes kleines Ohr ganz nahe berührte und flüsterte: „Ich dächte doch, das wäre sehr einfach". Sie schüttelte leise den Kopf. „Wir vollziehen unsere Verbindung so schnell wie möglich!" fügte er hinzu. Erschrocken fuhr sie auf: „Was fällt Dir ein? Wäre jetzt wohl die Zeit an Verlobung und Hochzeit zu denken?" „Nur an die letztere, Liebchen", flüsterte er ihr wieder zärtlich ins Ohr. „Wir begehen sie in aller Stille, damit 498 ich das Recht habe, Dich gegen alles Ungemach zu schützen und in Vas Heim zu führen, das ich uns bereiten will". „Und mein Vater? Was soll aus ihm werden?" „Ich habe seiner nicht vergessen. Wir nehmen ihn mit uns und pflegen ihn gemeinschaftlich". „O Hans, Du bist gut, himmlisch gut!" rief sie, sich in seine Arme werfend, während heiße Thränen ihre jetzt blasien Wangen hinabrannen. Er drückte sie fest an sich, bedeckte Stirn, Augen und Mund mit seinen Küssen und schweigend und mit seligem, aber doch unsäglich traurigem Lächeln duldete sie seine Liebkosungen. „Noch heute spreche ich mit meinem Vater und überlege mit ihm, wie alles sich am schnellsten und am schicklichsten einrichten läßt", sagte er. Sie schnellte empor und rief rasch und beinahe heftig: „Nein, Hans! Das wirst Du nicht thun!" Erstaunt, erschrocken blickte er sie an. „Was heißt das?" „Du wirst, Du darfst Deinem Vater eine solche Schwiegertochter nicht bringen!" „Eine solche Schwiegertochter!" wiederholte er unmutig. „Warst Du meinem Vater nicht sehr willkommen?" „Ich war — ich war es", entgegnete sie „trotz des Widerstrebens Deiner Stiefmutter- sollte jetzt unter den veränderten Verhältnissen ihr Einfluß so ganz wirkungslos bleiben?" „O, wie sehr verkennst Du meinen Vater, wie Unrecht thust Du ihm!" rief Hans vorwurfsvoll. „Er ist —" „Unser großmütiger Helfer in der Not!" siel Aurelie ein, „aber deshalb eben darf ich auf deinen Vorschlag nicht eingehen, ich darf Dich nicht in Zwiespalt mit den Deinigen bringen." „Es handelt sich nur um meinen Vater, und der —" „Ist abhängig von Deiner Stiefmutter. Er leidet schon viel unter ihren Launen, wir dürfen keinen neuen Grund zu Zwistigkeiten geben," unterbrach sie ihn wieder. „Du überschätzest doch die Macht dieser Frau," sagte er, „sie kann mir nichts anhaben,- ich bin mündig und durch mein mütterliches Erbteil völlig unabhängig." „Nein, Ernst, das bist Du nicht, das ist niemals ein Mensch, so lange er noch einen Vater oder eine Mutter hat," entgegnete sie sanft und mit großer Festigkeit. „Könntest Du es über Dich gewinnen, Dich gegen Deinen Vater auf- zulehuen? ich vermöchte Dir nicht zu folgen. Und handeltest Du mit seiner Zustimmung, so vermöchte ich es auch nicht." „Aurelie!" „Ich kann meinen Vater nicht verlassen!" „Aber er soll ja mit Dir gehen, Du sollst Dich nicht von ihm trennen." „Hans, verzeih', das kann ich nicht annehmen!" „Warum nicht?" „Weil ich nicht über meinen Vater verfügen darf. Ich kenne ihn sehr genau,- sein Stolz würde ihm nie gestattet haben, von seinem Schwiegersohn das Gnadenbrod anzunehmen !" „Nenne es nicht so!" „Ich muß, Hans! Warum vor dem Ausdruck zurückschrecken, wo man die Thatsache will? Noch einmal, Hans, ich kann meinen Vater in seinem gegenwärtigen Zustande weder verlasien, noch ihn mit in Dein Haus nehmen." „Aber was soll geschehen? Willst Du mich mit diesem Ausspruch von Dir weisen?" fragte er traurig. Mit einem Blick voll unsäglicher Liebe schaute sie zu ihm auf und sagte, seine beiden Hände ergreifend: „Nein, Hans, das hieße für mich Abschied nehmen von dem Tage, von der Sonne, vom Leben selbst! Wenn Du Dich nicht von mir abwendest!" Statt aller Antwort drückte er sie an die Brust. „So bleibe ich Dir, so lange uns beiden das Leben bleibt," vollendete sie. „Habe nur Geduld. Wir sind jung, wir können warten, die Prüfungszeit wird vorübergehen, ich glaube fest an eine bessere Zukunft." Es leuchtete eine solche Zuversicht aus ihren Augen, daß er es nicht über sich vermochte, sie durch Einwürfe und Zweifel zu bekümmern. Später machte er es sich allerdings zum Vorwurf, dies nicht gethan zu haben und versuchte wiederholt, sie in ihrem Entschlüsse wankend zu machen. Es war vergeblich. Mit derselben Sanftmut, aber auch mit der gleichen Unerschütterlichkeit beharrte sie bei ihrem einmal gefaßten Vorsatz, und er erreichte nichts, als daß sie das Zusammensein mit ihm auf ein immer geringeres Maß zu beschränken wußte. Wollte er ihrer lieben Nähe nicht ganz verlustig gehen, so mußte er sich fügen und schweigend zusehen, wie sie sich sorgte und abmühte, wie ihre Wangen schmaler und blässer, wie ihr Auge trüber ward. „Habe Geduld, laß Zeit vergehen!" lautete die stumme Bitte, die er in ihrem lieben Gesichte las — so schwer es ihm auch wurde, er mußte ihr gehorchen! VI. Aurelie Sommer und Felicitas von Kreffen waren Schulfreundinnen und Nachbarsktnder, denn der verstorbene Major von Kressen hatte mehrere Jahre und bis zu seinem Tode eine Wohnung in der Friedrichstraße, nicht weit vom Sommer'schen Hause inne gehabt. Auf Sommers Empfehlung war Felicitas auch als Erzieherin zu der kleinen Hermine Helldorf gekommen, und die Frau Kommerzienrätin verfehlte, wenn sie in gereizter Stimmung gegen das junge Mädchen war, selten, anzügliche Bemerkungen über die Sommer'sche Familie und deren freundschaftliche Beziehungen zu Fräulein von Kressen zu machen. Ihr Verhalten war noch weit gehässiger geworden, seit die Katastrophe über Sommer hcreingebrochen war. Es hatte ihr nicht verborgen bleiben können, daß ihr Mann für den Jugendfreund eingetreten war, und sie war empört darüber, obwohl sie den ganzen Umfang des gebrachten Opfers nichr kannte. So verschwenderisch sie für ihre eigene Person und für ihren geliebten Adalbert war, so engherzig zeigte sie sich, wenn es galt, anderen hilfreich beizuspringen, mit Ausnahme solcher Gaben, für welche öffentlich in den Zeitungen quittiert ward. Sie hatte ihrem Manne eine heftige Szene gemacht, seine Freigebigkeit gegen Sommer einen Raub an seinen Kindern genannt und von ihm verlangt, daß er dem Verhältnis zwischen Hans und Aurelie durch einen Machtspruch ein Ende bereite. (Fortsetzung folgt.) Zwischen den Aehren. Eine Liebesgeschichte von Luise Glaß. ------- (Nachdruck verboten.) In Langewiesen läuteten die Sonntagsglocken und in Bucheck und Bornshain machten sich die Leute auf den Kirchweg. Auch Lieselotte, die Buchecker Rittergutstochter, nahm das Gesangbuch vom Bort, um dem Rufe zu folgen. Aber sie kam nicht in die Kirche. Sie hatte gewollt und sie wollte noch, und nun war sie kaum hundert Schritte die Straße entlang gegangen, da wußte sie auch, daß es ihr ganz unmöglich sein würde, heute etwas andres zu denken als an alte Zeiten, und über diese Gedanken, halb Erinnerungsfreude, halb Gegenwartszorn, wollte sie den guten alten Pfarrer nicht seine Liebes- und Segenspredigt halten lassen. Also lenkte sie in den Feldweg ein, der nach der Grenzlinde führte, an deren Fuß sich die drei Güter berührten — „die drei Freunde die Hand reichten" — sagte Ewald Friesen, der Bornshainer, worauf Bernd Wiedenhahn von Langewiesen hinzusetzte: „Und sich immer und ewig reichen werden." Immer und ewig? — Jawohl! — Ewald hatte schon damals gelacht über das immer und ewig, und die kleine Lieselotte, die zwischen den beiden Knaben unter der Linde saß, schalt ihn tüchtig aus für seine Zweifelsucht. — Die große Lieselotte, über deren Haupte das Sonntagsgeläute 499 klang, seufzte schwer: Recht hatte er doch behalten, denn heute schon war es vorbei, heute schon waren sie sich fremd und fern, als trennten die Güter mächtige Felsenrücken anstatt der Rasennarben zwischen den duftenden Aehren. Lieselotte schritt an einem Kleefeld vorbei, den blonden Kopf tief geneigt, als wolle sie das Vierblätter-Glück suchen, aber sie sah weder die grünen Blätter, noch die roten Honigkelche, sie sah in weite, weite Fernen: — Recht hatte Ewald immer gehabt, aber das ist unbequem für die andern, selbst wenn der Rechthaber dann nicht mit einem Siehstdu- wohl! hinterdrein fährt. — Bernd war ganz anders gewesen — viel bequemer, viel liebenswürdiger. Bernd hatte immer nachgegeben, Bernd hatte ihr wie ein kleiner Rittersmann seiner Dame gehuldigt. Lieselotte sah sich mit ihren Puppen an der Jasminhecke spielen; die Knaben, ihrem Hauslehrer entronnen, stürmten heran. Bernd baute ihr das Puppennest unter dem Vogelnest gerade, wie sie es wollte, Ewald schalt, sie würden die Vögel vertreiben. Natürlich: die Zaunkönige verschwanden, Lieselotte weinte ihren Lieblingen vergeblich Reuethränen nach. — Lieselotte sah sich unter der Linde mit dem sehnsüchtigen Verlangen: da hinauf ins wogende Blätterdach, wo sich die Knaben so manches Mal von Ast zu Ast schwangen! — Von dem Bänkchen aus konnte man die unterste Gabel erreichen und sich hinauf schwingen. Ich auch, bettelte die kleine Lieselotte, ich auch. „Nein", sagte Ewald, „Du fällst oder kannst nicht wieder herunter." Aber Bernd streckte ihr die Arme entgegen und half ihr hinauf. — Ein bischen schwindlig war ihr da oben, aber sie sagte es nicht, schön sei es, log sie und merkte doch vor lauter Angst nichts von der Schönheit. Und als die Mittagsglocken läuteten, weinte sie bitterlich, denn sie fürchtete sich vor dem Abstieg, Ewald hatte recht behalten — freilich half er ihr herunter, wie er ihr immer half, wenn Bernds Kraft und Geschick versagten, aber er war ja auch der Große und Starke. — Und Lieselotte sah sich zwischen den Aehren Kornblumenkränze winden — Bernd trug ihr die Blumen zu, mochten sie noch so tief im Getreide stehn, Ewald schnitzte Pfeifen, pfiff und schalt dazwischen über die zertretenen Halme. Er hatte natürlich recht — zu Hause gabs ein kräftiges Donnerwetter über den Unfug, der Rain wurde den Kindern verboten, aber sie schlichen sich doch immer wieder zur Linde — auch Ewald kam — es war zu schön zwischen den Aehren. Zwischen den Aehren — Lieselotte meinte, ihr ganzes Schicksal habe sich zwischen den Aehren abgesponnen. — Sie ging auch jetzt jenen Rain entlang, eine schmale Rasenrinne lief er zwischen manneshohem Korn dahin, zu beiden Seiten überragten die schwankenden Mauern das blonde Mädchen; kräftiger Duft entströmte den Aehren, es surrte und summte im Grunde, grünes Unkraut kroch in der goldenen Dämmerung über den Acker, Mohn und Rade leuchteten aus der Tiefe — gerade voraus stand die alte Linde, hoch und schwarz vor dem blauen Himmel. Lieselotte sah die Linde, und ihre Füße zitterten, wie ihr Herz zitterte seit heute morgen, wo der Knecht von Bornshain vorbeigeritten war und über den Zaun gerufen hatte: „Unser Herr kommt heim!" Ewald Friesen zurück! — Wie das auf sie einstürmte von lieben und bösen Erinnerungen: Kindheit — Jugendzeit, Frühlings- und Sommerwonne: zwischen den Aehren. Als sie Ewald vor fünf Jahren dort unter der Linde zum letzten Mal gesehen hatte, sagte er: „Wenn ich zurückkomme, übernehme ich das Gut, und dann wirst Du meine Frau, ich habe Dich lieb." Lieselotte sah ihn vor sich stehen, roch den Lindenduft von damals wieder und sah die Felder sich in leichten grünen Wellen bewegen. Wie sie erschrocken war damals, als er das sagte, und ihm dann hastig zur Antwort gab: „Bernd will mich auch haben, Ewald, Bernd hat mir gestern dasselbe gesagt, und ich Habs ihm versprochen." Eine Flamme war in Ewalds Gesicht emporgestiegen und dann war er jäh erblaßt. Es hatte geraume Zeit gedauert, ehe er wieder zu sprechen vermochte, und Lieselotten war angst geworden, atembeklemmend angst. Endlich hatte er gesagt: „Bernd liebt nicht Dich, sondern Bucheck — leb wohl, Lieselotte, besinn Dich eines Bessern." So war er gegangen und war fern geblieben ohne Brief oder Gruß, verschollen für Bucheck und Langewiesen — fünf Jahre hatte es gedauert, aber nun kam er zurück, sie würde ihn Wiedersehen, ihn, den sie haßte, denn er hatte wieder und wiederum Recht gehabt: Bernd Wiedenhahn liebte nur Bucheck. Kurz nach jenen Tagen, in denen die Spielgefährten zu Freiern geworden waren, nahm sich Lieselottes Vater eine zweite Frau. Als Bernd das nächste Mal seine Eltern besuchte, lag Schnee; er kam nicht nach Bucheck: er erhaschte sich Lieselotten beim Weihnachtskirchgang. „Sei mir nicht böse, Schatz, wenn ich den schuldigen Besuch diesmal versäume, und nimm mirs nicht übel; aber das ist ja ein entsetzlicher Streich von Deinem Vater, nochmal zu heiraten." Hatte seine Stimme wirklich so ganz anders geklungen wie sonst? Oder bildete sie sich das ein ? Der Zorn stieg ihr in die Stirn und sie antwortete tapfer: „Wir sind die Wirtschafterinnen los, und es ist Frieden im Haus — für mich ist der entsetzliche Streich eine Wohlthat." „So? — na, dann genieß Dein Glück." Das war wieder der seltsame Ton gewesen, den Lieselotte nicht vergessen konnte und der wie Reif auf das zarte Liebespflänzchen in ihrem Herzen fiel. Was Bernd dann noch gesagt hatte, wußte sie nicht mehr, verweht war, was bei den spärlichen späteren Besuchen geredet, bei denen er ein Alleinsein mit ihr sorgfältig vermied. Seit sie zwei Brüder hatte, liebe, kleine, stramme Gesellen, war Bernd überhaupt nicht mehr nach Hause gekommen, und im Früh- ’ fahr zeigte er seine Verlobung mit einer reichen Braut an — er hatte Bucheck geliebt, nicht die blonde Lieselotte. Nun stand sie unter der Linde, der alten Linde, die mit jedem Zweig ein Erinnerungslied rauschte. — Hatte Bernds Untreue ihr weh gethan? — Sie deckte die Augen mit den Händen und lauschte, als ob der Baum antworten könne. — Nicht im tiefsten Herzen — aber ihr Stolz litt, ihr Selbstgefühl war verwundet. Um die Ernte sollten sie zur Hilfe der alten Eltern in Langewiesen einziehen — dann mußte sie der Frau gegenübertreten, die sie verdrängt hatte — und wenn es zehnmal 'mit Hilfe des Reichtums geschehen war — die Ueberwundene blieb sie doch. Und daneben würde Ewald stehen und sie mit den tiefen ruhigen Augen ansehen wie damals, als die Vögel das Nest verließen — er hatte recht gehabt — immer recht — und wenn er auch kein Wort sagte, wenn er gelassen seine Straße ging, ohne sie zu beachten — er mußte sie doch in seinem Herzen verspotten und verachten ob ihrer Thorheit. — Oder wenn er gar nicht allein käme? Wenn er Eine mitbrächte? Ein Weib — sein Weib? — Das Säuseln der Linde schien zum Brausen zu werden, Lieselottens Herz klopfte laut und hart — Ewalds Weib! „Lieselotte!" klangs ihr da plötzlich in den Ohren wie zur alten Zeit, und doch anders, denn der Ton war nicht fest und sicher, wie Ewalds Stimme und auch nicht schmeichelnd oder kühl, wie Bernd mit ihr geredet hatte, und doch stand Bernd hinter ihr auf dem Langewiesener Raine. „Lieselotte." Sie machte eine Bewegung der Abwehr, aber Bernd stand mit einem Schritte neben ihr. „Lieselotte", flüsterte er heiß und hastig, „wenn ich mit meiner Frau zu Euch komme, sei gut! — Begrüße mich wie den alten Freund, der Dir nichts zu leide gethan hat." — Und als Lieselotte unwillkürlich vor ihm zurückwich, faßte er sie am Handgelenk und seine Worte stürmten über sie hin: „Lieselotte, 500 — vergieb! o vergieb! Glaube mir, ich konnte nicht anders — ich mußte nach Gelbe frein, und ob das Herz blutet — ich liebe Dich, noch heute Dich, nur Dich!" Lieselotte stieß einen Zornruf aus: Bernd Wiedenhahn, der Treulose, der Mann der anderen, wollte sie umarmen. Aber da stand plötzlich ein Helfer an ihrer Seite, der seine Hand zwischen sie und den Erregten schob und gelassen sagte: „Wo sind Deine Gedanken, Bernd? Wo ist Deine Frau? — Nur an ihrer Seite darfst Du hier von der alten Freundschaft reden, die sich immer und ewig unter der Linde die Hände reicht." Dabei ergriff Ewald Bernds Hand, führte ihn an seinen Feldrain und fügte dort leise hinzu: „Nimm Dich zusammen, Bernd, geh heim, und wenn Du mit der andern kommst, wirst Du uns willkommen sein, unsre Kinderfreundschaft soll nicht an dieser jähen Glut zerschmelzen." Bernd stöhnte, preßte Ewalds Hand zusammen und ging hastig seinen Rain entlang. Ewald wandte sich um — Lieselotte starrte zu ihm hin — als er sie ansah, schlug sie die Hände vors Gesicht und brach in fassungsloses Weinen aus. „Lieselotte!" rief er, und sein dunkles Gesicht wurde blaß. „Warum weinst Du?" Sie schluchzte weiter. „Lieselotte, — ich bitte Dich, — weinst Du, weil — weil Du nicht — reich genug bist?" Sie ließ die Hände sinken und sah ihn verständnislos an, erst an seinem Blick begriff sie, was er gemeint hatte, schluchzte noch einmal auf, schüttelte aber auch den blonden Kopf. „Lieselotte, warum weinst Du?" „Weil — ich weiß nicht — Du verachtest mich — Du mußt mich verachten — Du hattest recht — ich war eine Närrin." „Lieselotte, ich Dich verachten! Ich hab Dich doch lieb, Lieselotte! Und Du hast mich auch lieb — mich, nicht den thörichten Bernd; ich weiß es ganz genau. Du bist ja gar nicht traurig gewesen über seine Untreue, gesungen hast Du wie eine Heidelerche in den Tagen, wo die Nachricht von seiner Verlobung kam — unsre alte Marlies hat mir fleißig geschrieben, Lieselotte, und immer nur von Dir. — Als sie mir aber das schrieb von Deinem Singen und Deiner gleichmäßigen Fröhlichkeit, da wurde auch mein Herz froh, und ich rüstete mich zur Heimkehr. Hab ich mich geirrt, Lieselotte?" „Nein", sagte sie leise, und sie küßten sich zwischen den Aehren. platzen, und der Gegensatz der Meinungen und Ansichten kann, sein kann, bestrebt sein muß, seine Lieben mit sich in der Wahrheit zu verbinden. — Es sieht so ruhig und glücklich aus, wenn die Glieder einer Familie sich gar nicht darum kümmern, welche verschiedenen Meinungen und Ueberzeugungen je wichtiger ihr Gebiet ist, demjenigen um so weniger gleichgültig sein, der im Glauben an die Wahrheit, die nur eine ein jedes hat, und doch ist es ein schlimmes Zeichen für den Mangel an Leben und Gemeinschaft. Dagegen erscheint es den erwachsenden Kindern oft recht unnütz und lästig, daß sich Vater oder Mutter oder ältere Geschwister um ihre Meinungen kümmern und sie in ernsten Gesprächen zurechtzubringen suchen, aber, wohl den Kindern, die diese Liebe erfahren und die Erinnerung an Eltern behalten haben, denen es ein heißes Interesse der Herzens war, mit ihnen in der Wahrheit verbunden zu sein. Die Gleichgültigkeit und Faulheit ist wahrlich verbreitet genug und bringt trotz aller äußerlichen Geschäftigkeit und noch so fieberhaften Beweglichkeit Tod und Verwesung über die menschliche Gesellschaft, und so unbequem der Kampf und Streit auch ist, so wenig angenehm als „Hecht im Karpfenteich", so ein Mensch sein mag, der seine Ueberzeugung ernstlich verficht und seine Mitmenschen, zunächst seine Lieben und Freunde, für fie zu gewinnen sucht, solche Leute find doch, selbst wenn sie irren, das Salz, das ihren Kreis davor bewahrt, zu „versumpfen" und zu „versimpeln". Und doch giebt es eine Grenze für den Anspruch auf Verständnis. Gerade in der wahren Liebe liegt diese Grenze. Der Vater int Gleichnis vom „verlorenen Sohn" läßt diesen seine Wege gehen, obwohl er ihn hätte zwingen können zu bleiben, warum? Weil alle wahre Verständigung und Gemeinschaft in der Wahrheit keinerlei Zwang verträgt. Wei! Gott die Wahrheit ist und die Wahrheit Gott, so kann nur sein Geist zur Wahrheit führen, und Gottes Reich und Geist kommt nicht mit äußerlichen Gebärden, nicht mit den Mitteln der Ueberredungskunst und auch nicht mit der Gewalt der Autorität. Auch der kleinste Mensch hat das Recht eignen Lebens und selbständiger Erfahrung und ist von Gott wert geachtet, Ihn im Wege freier innerer Entschließung zu finden und zu erleben. Darum, glückt uns der ernstliche Versuch der Liebe, Verständnis für unsere Ueberzeugung zu finden bezw. uns zu verständigen, nicht, dann die Hand weg und das wunde Herz mit seiner Liebessorge betend in Gottes Hände gelegt, der auch „verlorene Söhne" zurückbringen kann, wenn ihre Stunde geschlagen hat, wie viel mehr alle Aufrichtigen einst und ewig zusammenbringen wird! V. R. Der Anspruch auf Verständnis und seine Grenzen. Mit denen, die man lieb hat, möchte man sich auch verstehen, das ist ein natürlicher und berechtigter Anspruch des Herzens. Auf diesen Anspruch schnell verzichten, ist keine Tugend und verrät keine Kraft, sondern einen Mangel wahrer Liebe. Es gilt ja freilich bei vielen für besonders gebildet und fein, daß man ohne jeden Anstoß mit seinen Mitmenschen zu verkehren und die „Unterhaltung", die „Konversation" so einzurichten versteht, daß man die Gegensätze vermeidet, daß niemand erregt und kein Widerspruch wachgerufen wird. Das mag für eine „Unterhaltung" taugen, die statt Schlummerstündchen nach Tisch ihre Dienste thun oder ein mehr oder weniger anständiger Zeitvertreib sein soll. Wo. man aber weder in höfischer noch in spielender, sondern in ernster und aufrichtiger Weise seine Ueberzeugungen austauscht, da kann es nickt fehlen, daß die Geister aufeinander Magisches Dreieck. Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehender j 7 7 Figur sind die Buchstaben a a a a !___! I____ a, c c, o, p, r r r r, s s derart einzugtragen, daß die einander entsprechenden wagrechten und senk- —- rechten Reihen gleichstehend Folgendes ergeben: 1. Männlichen Vornamen. 2. Einen Fluß. 3. Geographische Bezeichnung. 4. Ein Flächenmaß. 5. Einen Buchstaben. Auflösung in nach st er Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Glänzendes Elend. Redaktion: $. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'scken UniSrrfitLtH-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen..