1899. in »kiOT frraliroiJ Mi^WW ,.E4MdhiffM77 n ii !OS MM W og unter dichten Zweigen 5* Am Morgen im grünen Wald, - Der Vögel lustiger Reigen Von allen Wipfeln schallt. Da hat's auch mir geklungen Tief in die Brust hinein. Da hat sich's drin geschwungen, Als wär's ein Vögelein. Und ist ein Vogel drinnen, So flieg' er frei heraus, Und ist ein Lied darinnen, So zieh' es fröhlich aus! Reinick. fNachdruck verboten.) Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) „Gott sei Dank!" hätte er beinahe gesagt, denn es fielen ihm verschiedene Bücher ein, die er in jüngster Zeit mit vielem Vergnügen gelesen hatte, die er aber nicht in Marthas Händen zu sehen gewünscht hätte. „Schade übrigens," setzte er dann laut hinzu, „daß Sie das Gedicht nicht kennen. Ich strengte mich vergeblich an, brachte aber nicht eine einzige Strophe zusammen. Und während ich so halb das Gedicht, halb den Weg suchend, durch den Wald irrte, fing ich ganz unwillkürlich an, es im Deutschen nachzudichten." „Wirklich? Ich wußte gar nicht, daß Sie dichten." „Welcher junge Deutsche hätte nicht einmal in seinem Leben gedichtet," begann Nansen pathetisch. „Ich bin nun zwar kein echter Deutscher, aber durch Neigung und Erziehung zu einem solchen geworden. Nun — und so bin ich denn in den deutschen Erbfehler verfallen. Wollen Sie das Gedicht einmal lesen?" „Ja, gerne." Sie setzten sich auf eine Gartenbank, und er reichte ihr ein Blatt. Während sie las, blickte er vor sich hin und malte mit seinem Stocke Figuren in den Sand. Am Himmel glühte die Abendsonne. Von ihren Strahlen erwärmt dufteten und glühten die roten Nelkenbüsche vor ihnen,- und im Feuer der ersten süßen Liebe glühten die Herzen der beiden jungen Menschenkinder, die hier schweigend nebeneinander saßen und sich doch so gut verstanden. Und Martha las: „Einst wandelt' ich, im Waldesgrün verborgen, Auf einem Pfad von zauberischer Pracht; Dort schien die Welt zu ewig jungem Morgen Soeben aus dem Schlummer erst erwacht. Ein Himmelsglanz erstrahlt' im Waldesschoße. Der Buchen Aeste voll des goldnen Scheins, Sie neigten nieder sich zum feuchten Moose; Und Himmel schien und Erde dort nur eins. Und horch!-der Eiche mächt'ge Wipfel rauschten, Ein Hymnus war's, dem höchsten Glück zum Preis. In andachtsvoller Stille ringsum lauschten Die Bäume, Gräser all' im weiten Kreis. Nicht weiß.ich mehr, wie ich den Weg gefunden. Zu meinem Schmerze weiß ich eines nur: Der Zauberhain ist meinem Blick entschwunden, Ich irr' allein. Verwischt ist seine Spur, Verweht der Pfad, den ich mit Dir gegangen, Verlornes Lieb', im seligen Verein. Ach! zu dem Paradiese zu gelangen Muß man zu zweien auf der Wand'rung sein." Und den beiden war es, als seien sie jetzt im Paradiese. Sie sahen nicht den alltäglichen Vorstadtgarten mit den schlechtgepflegten Grasplätzen, den kleinlichen bunten Beeten und den verstaubten, versengten Büschen- sie hörten nicht das ferne Straßengeräusch, die lauten Kommandorufe des kleinen Konrad und das quietschende Räderdrehen von Lottens Puppenwagen- sie hörten nicht einmal, wie sich leichte Schritte ihnen näherten- erst als dicht vor ihren Ohren ein Ausruf künstlichen Erstaunens laut wurde, fuhren sie auf. Else stand vor ihnen. „Ach, hier bist Du, Martha! Mama fragte vorhin nach Dir." Mamas Nachfrage war nicht sehr dringend gewesen. Mama war sogar ein bischen überrascht, wie sich Martha gleich darauf pflichtgetreu bei ihr meldete, und sie nahm mit freundlichem Lächeln sehr gläubig die Erklärung des jungen Mannes auf, er sei gekommen, sich zu erkundigen, ob der Herr Rechtsanwalt nicht bald zurückkehre. „Das ist nun schon das fünfte Mal, daß sie unter dem gleichen Vorwande hergekommen sind," bemerkte vorlaut Elschen. Der junge Mann errötete ein wenig. Auf seiner weißen, mädchenhaften Haut malte sich noch die geringste Erregung seines Innern ab. „Es ist kein Vorwand," sagte er dann verlegen. „Ich möchte — ich habe--" Er stockte. „Es ist wirklich kein Vorwand," wiederholte er bestimmter. „Und um zu Ihnen zu kommen, bedürfte es keines solchen, nicht wahr, Frau Rechtsanwalt?" 370 — „Gewiß nicht," erwiderte grau Andree. „Bleiben Sie zum Abendbrot, Herr Nansen?" „Ich danke. Heute nicht. Ich habe eine Verabredung." Er gab ihr die Hand und verabschiedete sich von den anderen. „Und ich hoffe doch, den Weg noch einmal wiederzustnden," flüsterte er Martha zu, die ihn bis zum Thore begleitet hatte. Sie antwortete nicht. Sie ging ihren gewohnten Beschäftigungen nach, und doch waren ihre Gedanken fort und fort bei dem jungen Manne, der sie soeben verlassen hatte. Jedes Wort, das sie miteinander gesprochen, wiederholte sie sich im stillen. Sie zählte die Tage und Stunden, bis sie ihn Wiedersehen würde. Donnerstug, wenn sie zur Klavierstunde ging; er kannte Ort und Stunde, und wie oft hatte ihn der Zufall zur selben Zeit dieselbe Straße geführt. Ein flüchtiger Gruß, ein Blick aus seinen lieben, blauen Augen — und der ganze Tag war für sie in Glück und Sonnenschein getaucht. II. Olaf Nansens Vater, ein Schwede, war als Jüngling nach Deutschland gekommen. Reich und unabhängig, hatte er sich auf verschiedenen Hochschulen herumgetrieben, ohne sein Wissen erheblich zu vermehren, und hatte schließlich noch als Student geheiratet. Diesem jugendlichen Ehebunde war Olaf entsprossen. Die Mutter starb bei der Geburt des Knaben, nur mehrere Jahre später starb auch der Vater. Sein bester Freund, der Rechtsanwalt Andree, übernahm die Vormundschaft über den Frühverwaisten. Und so verband schon von Kindheit auf eine innige Freundschaft Olaf mit der Familie seines Vormunds. Sie ward nach einer mehrjährigen Abwesenheit des Knaben neu angeknüpft und blieb bestehen, auch nachdem Olaf volljährig und sein eigener Herr geworden war. Nicht nur im Aeußeren, auch seinem Charakter und Temperament nach war Olaf dem verstorbenen Vater sehr ähnlich,- lebensfroh und heiter wie dieser, geneigt, das Leben von der leichten Seite zu nehmen, allem philiströsen Zwang abhold, seiner Unabhängigkeit froh. Mit dem Studium drängte es auch ihm nicht allzusehr. Er hatte außerhalb des erwählten technischen Berufes allerhand wissenschaftliche und schöngeistige Interessen. Er hörte Vorträge über Geschichte und Litteratur, über Kunst und Naturwissenschaften - er besuchte eifrig das Theater- er las gern und viel- und in alledem traf sich sein Geschmack mit dem Martha Andrees. Vor seiner Abwesenheit waren die Andreeschen Kinder zu jung gewesen, als daß er sich ernstlich mit ihnen beschäftigt hätte. Bet seiner Rückkehr fand er Leonhard herangewachsen, Elschen bemühte sich um seine Gunst, und zwischen ihm und Martha hatte sich eine ungezwungene Kameradschaft gebildet. Die beiden tauschten ihre Ideen über Kunst und Politik, über Gott und die Welt aus- sie kannten eines die Ansichten und den Geschmack des andern. Und allmählich über den tändelnden und glühenden Liedern seines Lieblings Heine, über den schwermütigen Gesängen Lenaus hatte sich, ihnen selbst kaum bewußt, ein wärmeres Gefühl in ihre Beziehungen eingeschlichen. Ein sehr warmes Gefühl, das das Herz des Mädchens völlig erfüllte, und das auch das seine in Flammen setzte- mit dem Unterschiede jedoch, daß es den jungen Mann nicht hinderte, sich, sobald er dem Bannkreis der reinen und edlen Mädchenseele entschwunden war, weniger edlen und reinen Genüssen hinzugeben. Sein Freundeskreis war nicht der beste: vermögende junge Polhtechniker, meist Ausländer, denen das Studium mehr zum Borwand diente, ein paar reiche Kaufmannssöhne, einige wenige flotte Offiziere. Man amüsierte sich sehr, man excedierte nach den verschiedensten Richtungen- und wenn auch Olaf nicht zu den Schlimmsten in der oberflächlichen und leichtfertigen Gesellschaft gehörte, wenn er auch an Tiefe und sittlichem Ernst weit über den Genossen stand, so hatte er es doch trotz verschiedener Versuche nicht über sich gebracht, ihnen dauernd den Rücken zu kehren. Wie oft hatte er voll der besten Vorsätze das Andreesche Haus verlassen! Sobald er die Freunde wieder traf, verflogen die Vorsätze wie Spreu im Winde. So war Olaf fünfundzwanzig Jahre alt geworden und noch immer Polytechniker. „Nun, mein Herr Studiosus! Oder darf man Sie mit einem anderen Titel begrüßen?" Olaf blickte bei dieser Anrede erstaunt auf. Er hatte, noch ganz in Gedanken bei Martha, den ihm Entgegenkommenden gar nicht bemerkt. Es war ein großer, kräftiger Mann mit blondem, ins rötliche spielendem Haar und Schnurrbart und frischem, roten Gesicht: der Rechtsanwalt Konrad Ziel, Andrees Sozius. Er hatte auf seine scherzhaft gemeinte Frage wohl keine Antwort erwartet, denn er fuhr gleich fort: „Waren Sie vielleicht bei Andrees?" Olaf bejahte. „Ich bin auf dem Wege dahin. Sind Nachrichten aus Karlsbad da?" „Nein. Nichts Besonderes wenigstens." „So, so. Auf Wiedersehen!" Und damit eilte er fort. Nichts Besonders. So ähnlich lautete auch die Antwort der Frau Andree, als Ziel dieselbe Frage an sie richtete. „Das wundert mich," meinte Ziel. Dabet trommelte er mit den Fingern seiner unbehandschuhten Rechten auf dem Rücken der linken Hand. Ein nur einigermaßen aufmerksamer Beobachter würde bemerkt haben, daß er ziemlich erregt war. Nicht so die Frau, die ihm gegenüber stand. Ihr schöngeschnittenes Gesicht, ein weiches Oval, das infolge des glatt in die Stirn gestrichenen Haares vielleicht noch um etwas runder und voller erschien, als es mit den Jahren geworden war, blieb völlig ruhig, während sie langsam und sorgfältig eine Handarbeit zusammenpackte, die vor ihr auf dem Tische lag. Dann huschte ein leichtes Lächeln über die ernsten Züge, und sie sagte: „Etwas Außergewöhnliches doch- Leonhard hat mich gebeten, ich möge zu ihm kommen, um die letzten acht Tage mit ihm in Karlsbad zu verbringen." „Nun? und noch nicht reisefertig?" „Ach nein," erwiderte sie. „Das geht doch nicht an. Es war recht lieb von ihm, daß er mir solch' ein Vergnügen bereiten wollte- aber ich kann die Kinder nicht allein lassen, noch dazu in den Ferien. Auch hätte ich gar kein passendes Kleid." „Na ja! die bekannte Frauenzimmerausrede!" rief der Rechtsanwalt etwas derb. „Das hat immer den ganzen Schrank voll Kleider und nichts anzuziehen! So reisen Sie doch in Gottes Namen so wie Sie sind." „Damit würde Leonhard nickt zufrieden sein," bemerkte Frau Andree ohne alle Empfindlichkeit. „Glauben Sie das nicht auch?" „Warum denn nicht? Außerdem giebt es auch Modemagazine, wo man alles fix und fertig zu kaufen bekommt." Frau Andree lächelte ein wenig. „Die Herren denken sich so etwas immer viel leichter zu bewerstelligen, als es ist." „Und die Frauen sind immer ungemein schwerfällig, sobald sie keine Lust zu einer Sache haben," antwortete er unhöflich. „Wenn Ihr Mann Sie haben will, so ist es Ihre verdammte Pflicht — Hat er ihnen keinen Grund für seinen Wunsch geschrieben?" unterbrach sich Ziel. „Nein. Es war eine liebenswürdige Laune- leider unausführbar." Ziel sah ein, daß es nutzlos sei, weiter in sie dringen. War es doch mehr eine subjektive Empfindung — nicht einmal zur Ahnung verdichtet — als irgend eine greifbare Ursache, die ihm ihre Anwesenheit in Karlsbad so wünschenswert erscheinen ließ. „Eß geht Ihrem Manne gut?" fragte er nach einer Weile. 371 „„Ja. — Ich denke wenigstens, da er nichts Gegenteiliges geschrieben hat." „Merkwürdig. — In einem Briefe, den ich vorhin bei meiner Rückkehr von der Jagd vorfand, beklagt er sich sehr über seine Nerven und jammert über gänzliche Schlaflosigkeit." „Daran leidet er häufig," antwortete Frau Andree ruhig. „@r habe schon alle seine gewohnten Mittel versucht/ aber keines schlage an. Ich habe den Eindruck, daß er sich recht schlecht befinden müsse." „Mir hat er kein Wort darüber geschrieben. Leonhard ist ein Augenblicksmensch, wissen Sie. Und die Karlsbader Kur regt die Patienten gewöhnlich auf. Nicht wahr?" „Ja, häufig. Also Sie reisen nicht hin?" „Nein. Sie denken doch nicht, daß er wirklich krank ist?" fragte sie endlich ein wenig verwundert über sein Drängen. „Ich weiß es nicht. Erst habe ich allerdings etwas dergleichen vermutet, aber er würde es Ihnen gegenüber doch sicher erwähnt haben. Also hoffen wir das Beste." Damit verabschiedete er sich schnell/ flüchtig die Kleinen begrüßend, die ihm in den Weg liefen und sehr erstaunt waren, daß er ihnen heute so wenig Aufmerksamkeit schenkte. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Sam und der Schöne saßen rauchend zusammen auf der hintersten Duchte und steuerten das Boot. Es segelte ziemlich schnell und hob eine Welle auf jeder Seite. Bald war es außer Anrufsweite. Ich blickte ihm nach, bis die Gesichter der Männer nicht mehr zu erkennen waren/ darauf ging ich zu Banyard und flüsterte ihm zu: „Sagen Sie dem Koch, ich wollte ihn in der Kajüte sprechen, und wenn er kommt, seien Sie dicht auf seinen Fersen". „Süll hei de Jerst sien?" Ich nickte mit dem Kopf und ging die Kajüte hinunter. Am Tische stehend wartete ich, bis sich des Kochs nackte Füße auf den Stufen der Treppe zeigten/ dann packte ich plötzlich seine Beine und zog ihn nieder. Er schlug beim Fallen so schwer auf die Treppenstufen, daß, wenn er nicht zu verblüfft gewesen wäre, um zu schreien, er auch nicht Atem genug dazu besessen hätte. Den kalten Lauf meines Revolvers an seine Stirn haltend, schwor ich mit der schrecklichsten Stimme und dem drohendsten Aussehen, welches ich mir zu geben vermochte, daß, wenn er sich rühre oder den leisesten Laut von sich gäbe, ich ihn töten würde. Während er bewegunglos dalag, mit gesträubtem Haar und Augen, die ihm vor Schreck halb aus dem Kopf getreten waren, band Banyard sehr gelassen, in seiner mürrischen Weise ihm Hände und Füße. „Nun kommt Savings an die Reihe", sagte ich zu Banyard. „Wenn ich einige Augenblicke mit ihm gesprochen habe, treten Sie an meine Seite". Ich stieg auf Deck, und nachdem ich ich einen Blick auf das Boot geworfen hatte, dessen Segel jetzt nur noch einen weißen Fleck bildeten, ging ich zu Savings. Er war ein mittelgroßer Mann mit etwas dummem Gesicht, blaß-blauen Augen und einem roten Bart. „Wie kommt es, daß du nicht im Boot bist?" fragte ich/ „wollten sie dir nicht trauen?" „Mi trugen? — Jk weit nich/ — äwer mien Andeil von den Verdienst will ik hebben, üm den lat ik mi nich bedreigen!" „Es ist kein „Verdienst" da, wie du es nennst. Ich war gezwungen, euch zu täuschen, um die Leute aus der Brigg zu entfernen/ denn ich will diese euch Meuterern wieder abnehmen und nach Haus führen. Nieder mit dir, du rebellischer Mordbube!" Als ich diese Worte hervordonnerte/ trat Banyard hinzu, und noch ehe Savings Zeit hatte, mich zu begreifen, lag er schon unten und ich mit meinem ganzen Gewicht auf ihm. Er schrie und kämpfte wie ein Wahnsinniger, aber während ich auf seiner Brust kniete, fesselte Banyard seine Beine. Darauf band er ihm die Arme und schleppte ihn nach dem Oberlicht, an welches er ihn mit dem Rücken anlehnte. Der Schiffsjunge Hardh, ein kräftiger Bursche von etwa siebzehn Jahren, stand an der Fallreepstreppe und sah von dort aus zu. Als ich mit Savings fertig war, kam er schnell zu mir. „Mr. Chadburn, ik seih, wat Sei vörhebben, Sir. Jk will Sei helpen", rief er. „Jk hew mit de Müderei nicks tau dauhn hadd un will girn arbeiten as en Mann, um dorvon los tau kamen". „So ist's recht, mein Junge", sagte ich. „Lauf ans Rad und setze es hart nach Steuerbord über. — Banyard", rief ich, „wir wollen jetzt die Raaen wenden". Er kam eilig nach vorn, während Hardh das Rad drehte. Die großen Raaen schwenkten herum, und die Segel füllten sich. Sowie die Brigg in Fahrt kam, fing sie an, vom Winde abzufallen. Nach einigen Minuten befand sich die Insel auf der Backbordseite und wir steuerten nach Osten. Einundvierzigstes Kapitel. Mein Anteil. Dies war der Plan gewesen, den ich mir zur Befreiung Miß Franklins aus den Händen der Meuterer ersonnen hatte. Ich war mehr vom Glück begünstigt worden, als ich zu hoffen gewagt hatte. Wäre kein Wind gewesen, so würde ich einen Vorwand haben erfinden müssen, um die Abfahrt des Bootes in die Länge zu ziehen. Eine Verzögerung von vterundzwanzig Stunden hätte aber, wegen des launenhaften Charakters der Mannschaft oder infolge eines Wetterumschlags, dem ganzen Unternehmen verhängnisvoll werden können. Als ich bei dem Oberlicht vorbeiging, in der Absicht, durch das Teleskop nach dem Boot zu sehen, hörte ich den Koch laut nach mir rufen. Ich ging hinunter und sowie er mich sah, flehte er mich an, ihm die Freiheit zu schenken/ er gelobte mit den heiligsten Eiden, er wolle mir treu dienen. „Jk bün noch tau jung, üm für mien ganzes Lewen inspunnt tau werden", weinerte er. „Jk bün nich so'n slichten Kierl, üm in ein Fängnis sachten versmachten tau möten, denn ik bün nich schuld daran, bat ik Müderer worden bün. De annern hebben mi kein Rauh nich laten/ sei wiern doch tau vel för mi, un hädd mi jo woll umbröcht, wenn ik mi weigert hädd, de Sak mit tau maken, Sir". „Wenn du ehrlich an mir handeln und mir helfen willst, die Brigg in den Hafen zu bringen, so will ich dich frei lassen. Du hast jetzt Gelegenheit, wieder ein rechtschaffener Kerl zu werden, wenn du ordentlich Hand anlegst und dich treulich bemühst, die Arbeit zu verrichten, die dir zugewiesen werden wird. Zum Lohn dafür will ich dir dann ein so gutes Zeugnis ausstellen, daß kein Gericht dir etwas anhaben, dich keine Strafe für dein gesetzwidriges Verhalten treffen soll". Er dankte mir im demütigsten Ton für meine Güte, schwor, wie froh er sei, daß die Leute fort wären und ich die Brigg wieder genommen hätte, flehte mich an, seine Bande zu lösen, ihn auf die Probe zu stellen, und wenn er mich htnterginge, so wollte er usw. usw. Wir konnten jedoch jetzt noch ohne ihn auskommen und es schadete ihm nichts, noch eine Zeitlang in Ungewißheit zu schweben. Ich sagte ihm deshalb, 'er müsse noch so lange liegen bleiben, bis ich mit Banyard gesprochen und mit diesem beraten hätte, was wir mit ihm anfangen wollten. (Fortsetzung folgt.) 372 Was wird während eines Sommers aus einem Fliegenpaar? Von August Schacht. ---— (Nachdruck verboten.) Schon oft haben Statistiker sich mit der Frage nach der Zahl der Nachkommenschaft eines Fliegenpaares in einem Sommer beschäftigt, aber stets ist die Antwort ausgeblieben. Nun hat ein Professor in Washington namens L. O. Howard ausgerechnet, daß die Nachkommenschaft eines Fliegenpaares in einem einzigen Sommer auf 4472 286 103 628 713 559 320 Fliegen anwachsen kann, wenn keinerlei Hindernisse hemmend in den Weg treten. Zum Glück wird den Fliegen im Sommer mit allen erdenklichen Mitteln zuleibe gegangen, sonst würden wir an manchen Tagen die Sonne nicht sehen können, da die ganze Entfernung von Fliegen ausgefüllt werden würde. Die von Professor L. O. Howard ausgestellte Zahl, an deren Richtigkeit zu zweifeln wir umsoweniger Ursache haben, als wir ihm einen Gegenbeweis nicht bringen können, ist in mehr als einer Beztehurg hochinteressant. Von einem wütenden, d. h. nur in Bezug auf seine Wissenschaft, Statistiker ist das Gewicht einer einzelnen Fliege genau bestimmt und auf 2/ioo Gramm festgesetzt worden, mit ’t andern Worten: zu einem Kilogramm wären 50 000 Fliegen notwendig. Eine Tonne (1000 Kilogramm) würde demnach 5000000 Fliegen erfordern. Ein Elefant mittlerer Größe hat ein ungefähres Gewicht von 10 Tons — 10000 Kilogramm. 500 Millionen Fliegen würden also an Gewicht einem einzigen Elefanten entsprechen. Zu der von Professor Howard mit 4 472 286103 628 713 559 320 Fliegen festgesetzten Nachkommenzahl eines Fliegenpaares gehörten nach dieser Berechnung ungefähr 8 900 000 000 000, in Worten 8 Billionen 9 hunderttausend Millionen Fliegen-Elefanten. Der Statistiker ist aber mit dieser kahlen Aufzählung noch nicht zufrieden, da schon der Begriff einer Billion dem menschlichen Geiste so fern liegt, daß er sich von der Größe von fast 9 Billionen erst recht keine Vorstellung machen kann. Ein Elefant, um im Bilde zu bleiben, benötigt zum bequemen Stehen einen Raum von ca. 15 Fuß Länge und Breite ----- 225 Quadratfuß. Wir wählen die Rechnung in Fuß, weil bei der Meterberechnung mit Bruchzahlen operiert werden müßte. Auf einem Raum von einer Quadratmeile, die einen Flächeninhalt von ungefähr 674440 900 Quadratfuß hat, hätten ungefähr 3 Millionen der obengenannten Fliegen- Elefanten Platz, die gesamte Nachkommenschaft eines Fliegenpaares würde also nicht weniger als etwa 3 Millionen Quadratmeilen oder fast zweimal die gesamte Erdoberfläche in Anspruch nehmen. Nehmen wir nun an, die ganzen 4472 tausend Trillionen 286000 Billionen usw. Fliegen würden in eine einzige verwandelt, so würde die neue R'esenfliege mit dem einen Hinterbein in Berlin, mit dem einen Vorderbein aber in San Franzisko stehen. Die Vergleiche könnten noch Wetter gesponnen werden, es sei aber mit den angeführten genug. Aus vorstehendem aber können unsere Leser ermessen, daß wir jedes Jahr unter der Fliegenplage zu leiden hätten, wenn — ja wenn nicht der Vernichtungskampf gegen dies lästige Insekt nicht nur von allen Menschen, sondern auch von vielen Tieren geführt würde. Gemeinnütziges. Beim Hcrausmachen des Unkrautes auf dem Rasen nehme man doch stets ein Brett, auf dem man niederkniet, und zwar in einer Breite, daß auch die Fußspitzen darauf Platz finden. Durch Knie und Fußspitzen drückt man, namentlich in neu angelegten Rasen, Löcher, die ihn verunzieren. Nlumenpflege. Damit wir uns recht lange des Genusses unserer Rosen erfreuen, reizen wir die Rose zur Blütwilligkeit. Wenn man täglich die abgeblühten Rosen entfernt, d. h. jede abgeblühte Blume mit 1 bis 2 Blättern über einem Auge abschneidet, erhält man einen nie geahnten, verlängerten Rosenflor. Dies einfache Mittel, sich an der „Königin der Blumen" in Zahl und länger zu erfreuen, wird so vielfach versäumt. Man achte nur einmal auf die Vorgärten in den Städten. Von zehn Besitzern ist kaum einer, der darauf genügend acht giebt. Da sieht man neben den erblühten Rosen und deren Knospen vollständig gelb und braun gewordene oder halb zerfallene, im Hinsterben begriffene Blumen. Das ist überhaupt schon unschön, geradezu beleidigend für das Auge und nebenbei, wie bemerkt, schädigend für die Blütwilligkeit. Iür die Küche. Erdbeersaft. Zu seiner Zubereitung verwendet man Wald-, Monats- und kleine Ananaserdbeeren, welche früh, sobald der Tau verschwand — in dieser Zeit besitzen sie das feinste Aroma — gepflückt und von Stielen und Kelchblättern befreit werden. Die Beeren Platzen, würden sie gewaschen werden, bei der Saftbereitung, und geben dann keinen guten Saft/ sind sie also mit Erde beschmutzt, so ist diese durch ein Rollen der Früchte auf einem Wollentuch zu entfernen. Auf das Kilo Erdbeeren kläre man die gleiche Gewichtsmenge guten Hutzucker und koche ihn bis zum „Perlen" ein. Hierauf bringe man die Erdbeeren hinein und wende sie mit einem porzellanenen oder silbernen Löffel so vorsichtig, daß sie ganz bleiben, nehme das Gefäß vom Feuer und lasse Zucker und Erdbeeren 5 Minuten stehen. Man vermeide aber, die Erdbeeren zum Kochen kommen zu lassen, denn schon ein einziges Aufwallen schädigt das Aroma ganz bedeutend. Hierauf spannt man ein reines Tuch über ein Gesäß von Glas oder Porzellan, schüttet Erdbeeren und Saft darauf und läßt letzteren, ohne erstere zu pressen oder auch nur zu zerdrücken, auslaufen. Ist der Saft erkaltet, so wird er, ohne den Bodensatz aufzurühren, in Flaschen abgegossen, welche versiegelt im Keller aufbewahrt werden. Dieser Saft ist ganz unübertroffen und zu Saucen sowie zur Bowlenbereitung vorzüglich geeignet. Die zurückbleibenden Früchte geben ein recht gutes Kompott, lassen sich auch mit dem gleichen Teile frischer Früchte zu Marmelade verarbeiten. Redaktion: 6. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitätr-Buch- und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.