«SN TuÄKgMSy' IMN MMMil (Fortsetzung.) Doch da fiel ihr Blick auf die gebückt dastehende Gestalt ihres Vaters. Sein Auge hing mit angstvollem Ausdruck an ihrem Gesichte, er senkte seinen Blick mit stummer Bitte in ihr Auge, es las den heißen Wunsch, die unbezähmbare Sehnsucht in ihrem Herzen, und aufseufzend wandte er sich ab. Er hatte sein Kind verloren. Durch die Seele Elsies huschte noch einmal mahnend das Bild Pauls, in ihrem Herzen hallte noch einmal sein Wort nach, seine Bitte um Treue, um Liebe. Aber das Bild verschwand schattengleich, und das Wort und die Bitte verhallten in der Ferne wie ersterbender Glockenklang. Noch wehrte sie sich gegen das Glück, gegen die Verwirklichung ihres Märchentraumes und sie stammelte verlegen und scheu: „Ich darf meinen alten Vater nicht „Herr Vetter/' wandte sich der General freundlich an den Alten, »Sie werden doch dem Glück Ihrer Tochter nicht hinderlich sein wollen?" „Fällt mir nicht ein, Herr General. Wenn Elfie glaubt, ihr Glück in der Welt zu finden, dann mag sie gehen, dann mag sie mich verlaflen — ich halte sie nicht." „Vater, lieber Vater!" Elsie schlang den Arm um den Nacken des Alten und küßte seine Wangen. „Kannst Du nicht mit mir gehen, Vater?" w „Nein," entgegnete er rauh, „ich kann nicht und wlll nicht. Ich habe einen stillen Winkel gefunden, der Henker oll mich holen, wenn ich ihn wieder verlasse! Geh Elfie — geh mit Gott!" Er küßte ihren blonden Scheitel, sie hing weinend an seinem Halse. „Wir nehmen ja noch nicht Abschied von Ihrem Vater, Elsie," sprach der General. „Wir sprechen noch weiter mit ihm über diese Angelegenheit und ich hoffe, wir werden ihn noch überreden, mit uns zu kommen. Jetzt möchte ich Sie bitten, Elsie, uns nach dem Rektorshause zu begleiten und mir etwas vorzuspielen und zu singen. Der Herr Rektor hat mich wirklich neugierig gemacht." „Geh, Elsie," mahnte ihr Vater das fassungslose Mädchen. „Ich halte Dich nicht, ich hindere Dich nicht!' „Komm, mein Kind, wir sprechen noch mit Deinem Vater." Der Rektor ergriff Elsies Hand und führte sie mit sanfter Gewalt fort. Der General nickte dem alten amerikanischen Sergeanten freundlich lachend zu, versuchte ihm ein ^wanzigmarkstück in die Hand zu drücken und folgte dann dem Rektor und Elsie mit einem leicht ärgerlichen Ausruf, als der alte Hannecken das Goldstück energisch zurückwies. In der Flur des Armenhauses bildeten die Jnsaflen Spalier und sahen mit habsüchtigen Blicken nach der Hand des vornehmen Fremden, die stets von neuem in die kleine Billettasche seines Reiseanzugs griff und jedem der Insassen des Armenhauses eine Gabe in die Hand drückte. Tue Pannkuchens und die Brendickes zeigten nicht übel Lust, dem generösen Fremden ein Hoch auszubringen, wurden aber durch die strengen Blicke des Rektors davon abgehalten. Mit gesenktem Haupte schritt Elsie durch das sonderbare Spalier der Armenhäusler, die Röte heißer Scham auf den Wangen. Tief atmete sie auf, als sie in den Garten des Rektors trat. Frau Dorette Pinkepavk sah ihr kopfschüttelnd nach. Dann eilte sie in den Garten zu ihrem alten Jugendfreunde. „Er will unsere Elsie mitnehmen, nicht wahr, Hans Heinrich?" fragte sie aufgeregt ihren alten Freund, der zwar wieder auf dem Erbsenbeete kniete, aber finster vor sich hinstarrte, ohne zu arbeiten. , Er nickte hastig mit dem Kopfe. „Sie möchte eine Zettnützrmg. nter dicht verrankten Zweigen, f. Wenn des Tages Klänge schweigen, ‘ Angehaucht von lauen Westen — Lesen Dichter sich am besten; Wieder: wenn man nächtlich-leise Ausruht von des Tages Reise, Ausruht von des Tages Pflichten — Läßt es sich am besten dichten; Aber wenn in bösen Stunden Bluten die vernarbten Wunden, Ausgeritzt vom Dorn des Lebens — Liest und dichtest du vergebens. Ernst Freiherr von Feuchtersleben. (Nachdruck verboten.) Die Armenhausprinzessin. Roman von O. Elster. 130 feine, vornehme Dame werden," murmelte er zwischen den Zähnen. „Ich habe sie für immer verloren." „Wer kann es wissen, Hans Heinrich! Schon manche feine Dame ist zu ihrer alten Heimat zurückgekehrt, schon manche feine Dame im Armenhause gestorben!" „So wollen wir hier bleiben und ihr den Platz frei halten, Dorette." V. Die herzogliche Residenz, in welcher Freiherr Hans Heinrich von Hannecken das Amt eines Hoftheater - Intendanten bekleidete, zählte kaum fünfzigtausend Einwohner, Seine Hoheit, der Herzog, ein lebenslustiger Herr von einigen dreißig Jahren, schwärmte mehr für Theater, Musik und Malerei, als für Militär und Politik. Thatsächlich hatte er ja auch mit-Militär und Politik wenig zu thun, seitdem das deutsche Reich den kleineren deutschen Fürsten die Sorge um diese beiden Zweige des Staatslebens abgenommen hatte. Hoheit begnügten sich damit, den preußischen Anträgen im Bundesrate beizustimmen, das Bataillon des preußischen Infanterie - Regiments, in dem die herzogliche Trupps aufgegangen war, bet Gelegenheit des Kaiserlichen Geburtstages und seines eigenen Wiegenfestes bei der Parade zu begrüßen, die Offiziere zu den Hoffestlichkeiten einzuladen, die Mannschaften dann und wann zu bewirten, einige Kreuze seines Hausordens zu verteilen und im übrigen seinen Minister, einen preußischen Geheimrat, schalten und walten zu lassen. Das Ländchen stand sich gut dabei und Seine Hoheit der Herzog auch. Er empfand alle einem regierenden Herrn gebührenden Annehmlichkeiten, ohne von den Lasten eines solchen viel in Anspruch genommen zu werden. Dagegen konnten sich Seine Hoheit seiner Lieblingsbeschäftigung mit künstlerischen Angelegenheiten ohne Störung hingeben. Sein kleines Hoftheater genoß einen wohlverdienten Ruf, seine Musik - Akademie wurde von wahrhaft künstlerischen Kräften geleitet, und die klassischen Schauspiel- und Opernvorstellungen des herzoglichen Hoftheaters dienten manchem größeren Theater zum Muster. Den Mittelpunkt des musikalischen Lebens der kleinen Residenz bildete das Haus des Freiherrn von Hannecken. Der lebenslustige, alte General selbst war freilich kein allzugroßer Kenner der Musik, seine Liebhaberei war mehr Ballet und leichte Tanzmusik geweskki, so lange er in Berlin gelebt, aber seine Gattin Eleonore Amalie, eine geborene Komtesse Hallenstein, selbst eine hochbegabte Dilettantin im Klavierspiel, wußte auch in ihrem Gatten die Begeisterung für die edlere Kunst zu wecken und hatte auch bewirkt, daß der Freiherr den Jntendantenposten in der kleinen Residenz, ihrer Heimat, erhielt. Eng befreundet mit der Herzogin-Witwe, der Mutter des regierenden Fürsten, nahm Frau von Hannecken eine Vertrauensstellung bei Hofe ein; auf ihre Fürsprache hin wurde ihr Sohn Hans Heinrich, der als Gardeleatnant bei den Dragonern in Berlin stand, zum persönlichen Adjutanten Seiner Hoheit des Herzogs ernannt, mit der wohlbegründeten Aussicht, in des Fürsten Hofdienst bis zu den höchsten Aemtern emporzusteigen. Die arme Elfte glaubte sich in ein Märchen aus Tausend und eine Nacht versetzt, als sie in das Haus des Freiherrn eintrat. „Ich bringe Dir ein Wunderkind aus dem Gebirge mit, liebste Eleonore," stellte der Freiherr lachend Elfte seiner Gattin vor. „Ich schrieb Dir schon von meiner Entdeckung, und Du wirst erstaunt sein, welche musikalische Begabung in dem kleinen Mädchen steckt. Es wird sicherlich einst der Stern Deutschlands werden!" Mit gönnerhaftem Lächeln betrachtete Frau v. Hannecken das verschämt dastehende Kind. Dann mußte Elste spielen und singen. Ihre Befangenheit wich, als sie vor dem prächtigen Steinway - Flügel saß. Rektor Ahrens war ein trefflicher Musiklehrer, er bevorzugte die ernste Musik eines Bach, eines Händel, und gerade diese Meister waren die Lieblinge der Baronin. Das ernste, gediegene Spiel Elsies, ihre glockenhelle, weiche Sopranstimme, ihr warmer Vortrag entzückten die Baronin; gerührt schloß sie Elsie in die Arme und sprach: „Du bist ein gottbegnadetes Kind. Ich danke Dir, Hans Heinrich, daß Du Elsie zu mir gebracht hast. Ich werde sie unter meinen Schutz nehmen, und ich denke, eine wahrhafte Künstlerin aus ihr zu machen." Der General und Hoftheater-Jntendant war froh, daß sein Schützling Gnade vor seiner gestrengen Gattin gefunden hatte. Er war sonst nicht gewohnt, selbständig zu handeln; diesmal folgte er indessen seinem guten Herzen, das tieferes Mitleid mit der „Armenhaus-Prinzessin" empfand, die er, ohne seine Gattin zu fragen, in sein Haus eingeführt hatte. Jetzt erzählte er ihr nochmals ausführlich, wie und wo er den alten Bettler und seine Tochter gefunden, Frau von Hannecken schwieg eine Weile, nachdem ihr Gatte geendet; dann sprach sie mit ernstem Wohlwollen: „Du hast recht gehandelt, Hans Heinrich, Elsie mitzubringen. Ihren Vater wollen wir seinen gewohnten Verhältnissen nicht entreißen, er würde sich hier doch unglücklich fühlen, aber wir werden dafür sorgen, daß er ein ruhiges, gesichertes Alter verleben kann." So kam Elsie in das glänzende Haus des Freiherrn, in dem eine neue W-lt, ein neues Leben sich ihr eröffnete. Ihre Träume von Glück und Glanz schienen in Erfüllung gehen zu sollen. Sie ward fast wie das eigene Kind des Hauses gehalten. Ein Jahr lang besuchte sie eine vorzügliche Pension und erhielt zugleich von den hervorragendsten Künstlern und Professoren der herzoglichen Musik-Akademie Unterricht; alle waren erstaunt, entzückt von ihrem musikalischen Talent, alle prophezeiten ihr eine große Zukunft, und Elsie selbst glaubte an ihre Zukunft, wollte den Gipfel so rasch wie möglich erreichen und warf sich deshalb mit regem Eifer auf ihr Studium. Wie weit hinter ihr lag jetzt ihr früheres Leben! Wie weit hinter ihr die „Armenhaus-Prinzessin" ' In Nebeldunst schien die frühere Welt versunken; über ihr strahlte jetzt die goldene Sonne, lachte der wolkenlose, blaue Himmel. Zuweilen noch ward sie an die jetzt so ferne, ferne Zett erinnert, wenn eine kurze, wortkarge Mitteilung ihres Vaters anlangte, das es ihm gut gehe, daß er nichts nötig habe, daß Elsie sich nur ihres Lebens freuen möge, oder als sie einen Brief von Paul empfing, der sie zu der Wandlung in ihrem Leben beglückwünschte, und sie herzlich bat, ihn in ihrer glänzenden Umgebung nicht ganz zu vergessen. Ein leiser Ton der Wehmut schien den Brief Pauls zu durchzittern. Gedankenvoll, träumend schaute Elsie eine Weile in die Ferne. Vor ihren Augen stiegen die heimatlichen Berge empor, die grünen Wälder und Wiesen, die goldenen Felder mit blühenden Gärten; vor ihrem Auge stand wieder die breitästige Buche am Waldessaum, wo sie Abschied von Paul genommen, und sie sah den Freund ihrer Kindheit wieder vor sich stehen, ihr mit bittendem, sanftem Blick ins Auge schauend, ihre Hände in den {einigen haltend. Einen Augenblick war es ihr, als habe sie ein schönes, stilles Glück verloren, einen Augenblick überkam sie eine wehmütige Sehnsucht nach dem entschwundenen Glück ihrer Kindheit — doch dann schüttelte sie mit energischer Bewegung die goldenen Locken zurück und richtete sich straff empor. Das Glück lag nicht hinter ihr, vor ihr erglänzte es im sonnigen, goldigen Schein! — Rasch verging das erste Jahr, welches nur ernsten Studien gewidmet war. In dem zweiten Winter sollte Elsie in die Gesellschaft, in das Leben eingeführt werden. Seine Hoheit kehrte von einer längeren Reise nach dem Orient zurück und nahm wieder Wohnung auf dem altertümlichen Schloß, das sich burgarttg auf einem Berge über 131 der kleinen Residenz erhob. Das kiinstlertsche und gesellschaftliche Leben erwachte auf's neue. Elsie sah zum erstenmal den Rittmeister Hans Heinrich, den Sohn des Generals, mit — Seiner Hoheit dem Herzog! „Nehmen Sie allen Mut zusammen, Klein-Elsie," lachte der Rittmeister und Adjutant Hans Heinrich, als er einige Wochen nach der Rückkehr des Herzogs in den Salon seiner Mutter trat und Elsie am Flügel fand. „Heute Abend will Seine Hoheit sich von der Wahrheit der Schilderungen überzeugen, welche alle Welt von Ihnen und Ihrem musikalischen Genie macht!" Erschreckt sprang Elsie auf. „Wie soll ich Sie verstehen, Herr Rittmeister?" „Nun, nun," besänftigte dieser das erschreckte Mädchen, indem er ihre Hand ergriff und ihr lächelnd in die Augen blickte, „Hoheit will heute Abend die musikalische Soiree Mamas mit seinem Besuche beehren, um Sie, Wunderkind, singen zu hören, das ist alles. Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich weiß, wie Sie singen, und kann Sie versichern, baß der Herzog entzückt sein wird." „Sie haben mit Hoheit von mir gesprochen? Oh, das war nicht recht! Ich bin noch weit zurück." Sie sind eine Meisterin im Gesang, Elsie," entgegnete Hans Heinrich, „und ein Engel an Schönheit . . ." setzte er leiser hinzu, sich ein wenig zu ihr niederbeugend. (Fortsetzung folgt.) Wimderblümchen. Eine Studentengoschichte von Karl Wilhelm Geißler. ------- (Nachdruck verboten.) Der junge Fuchs benötigt für den offiziellen Sonntags- Hummel der Couleur eine neue Kravatte. Wenigstens hat ihm sein behäbiger und in solchen Dingen unerbittlicher Leib- bursch mit Gründen der Logik und des Komments bewiesen, daß ein deutscher Student die V-rpflichtung habe, auch nach außen Eindruck zu machen und die Farbensymphonie von Band und Mütze durch das Scherzo einer munteren Hals- kcagenflagge zu vervollständigen. Der Fuchs sieht das ein und erbittet sich von seinem Mentor Rat über die Quelle, aus der das in Rede stehende Toilettenrequisit am besten zu schöpfen sei. „Das kaufst Du natürlich bei Wunderblümchen! Wir alle sind dort Kunden — da hast Du Auswahl, koulante Bedienung und — für später sei Dir's gesagt, sobald Du in meinen gesetzten Semestern sein wirst, Kredit — " Der Fuchs lachte. „Wunderblümchen? Was es doch für komische Namen giebt! — Muß sich nett im Firmenregister machen!" „Firmenregister? erwiderte der Leibbursch stirnrunzelnd, „ich verbitte mir ernstlich jede Fachsimpelet, verstanden? Im Firmenregister würdest Du unser Wunderblümchen übrigens wergeblich suchen — hm, ich selbst weiß kaum, wie die Kleine in Wirklichkeit heißt! Aber da ist ihr Ladenschild — lies selbst!" „Martha Müller!" der Fuchs lachte wieder, „und so etwas nennt Ihr „Wunderblümchen?" Sie traten in den kleinen, mit bescheidener Behaglichkeit ausgestatteten Verkaufsraum ein. Ein Mädchen kramte hinter Hem Ladentische in Pappkartons. Es war bei der Arbeit in Eifer gekommen. Die Verwirrung, dabet durch Kundenbesuch überrascht zu werden, war ihren lebhaft sprechenden, dunklen Augen deutlich abzulesen. „Morgen, Wunderblümchen!" sagte der Leibbursch, indem er es sich auf einem Stuhle bequem machte, „laß Dich nicht stören! Wir haben Zeit, und wenn Du uns erlaubst, Dir zuzusehen —" „Warum picht gar mir helfen?" rief das Mädchen mit Munterkeit. „Allerdings", wagte der Fuchs schüchtern zu bemerken, „das wäre in der That ganz in der Ordnung, einer so reizenden jungen Dame —* Der Leibbursch schmunzelte behaglich: „Wunderblümchen, nimm Dich vor dem in acht! Das ist zwar nur ein kraffer Fuchs, aber ein galanter!" Der Fuchs errötete, besorgte seinen Einkauf, stotterte etwas, daß er die erstandene Kravatte wunderprächtig und dabei lächerlich billig finde, und schritt nach dem Verlassen des Lädchens schweigend an der Seite seines Freundes. „Du mußt kecker mit den kleinen Mädels werden!" polterte der Leibbursch gutmütig, „Wunderblümchen wird Dich für einen verkleideten Backfisch gehalten haben —" „Weil ich sie nicht duzte? — Ich kann das nicht — ich finde es, offen gestanden, gräßlich banal — " „Oho, mein Kleiner! Es war wirklich die höchste Zeit, daß Du in meine Lehre gekommen bist!" * * * Er konnte sich nicht entschließen, Wunderblümchens Laden in den nächsten Tagen wieder aufzusuchen, so lebhaft er sich einredete, daß er neuer Handschuhe und ähnlicher Dinge zur äußersten Not bedürfe. Er kämpfte lange mit sich, wobei er sich sagte, daß das Unterliegen in diesem Kampfe mit einem dummen Streiche seinerseits gleichbedeutend sein würde. Aber das Gäßchen, in dem Wunderblümchen und ihr Geschäft blühten, konnte er wenigstens besuchen. Er schritt, so oft er nur immer allein und vom Couleurdienst befreit war, auf der dem Laden gegenüberliegenden Straßenseite auf und nieder. Er bekam dabei Wunderblümchen nicht zu sehen, denn die Thür war verhängt, das kleine Schaufenster mit allerlei bunten Herrlichkeiten dicht ungefüllt. Seine Promenaden hatten eigentlich keinen Zweck, und er kam sich recht lächerlich vor, wenn er sich bet einem Erröten ertappte, wenn er fühlte, wie er die Zähne auf die Lippen biß, sobald er irgend ein männliches Wesen in den Laden treten sah, sobald ein Student oder Philister nur um etwas länger darin verweilte, als es ihm zur Erledigung eines schlichten Kaufgeschäftes nötig erschien. Endlich beschloß er, es ebenso zu machen wie die anderen und wenigstens Kunde zu sein, da er dem liebenswürdigen Mädchen doch vorläufig nichts anderes sein konnte. An einem regnerischen Abende, kurz^ vor Geschäftsschluß, raffte er sich zur entscheidenden That auf und betrat das Lädchen, das ihm als das Reich Wunderblümchens wie ein Feenpalast erschien, zum zweitenmale. Wunderblümchen saß hinter dem Ladentische und las. Sie nickte dem Fuchs gar freundlich zu. „Sie haben sich lange nicht sehen lassen, Herr Doktor! Waren Sie mit der Kravatte nicht zufrieden — es scheint fast so — was Sie heute tragen, ist nicht von mir —" „O bitte, mein Fräulein, ob ich damit zufrieden war! Aber Sachen, die ich bei Ihnen kaufte und noch kaufen werde, sind mir für den alltäglichen Gebrauch denn doch zu schade!" Das Mädchen sah ihn mit prüfenden Augen treuherzig an. „Weshalb duzen Sie mich nicht, wie Ihre Kommilitonen? Wiflen Sie nicht, daß man mich Wunderblümchen getauft hat, und daß ich diesen Spitznamen sehr gern höre?" „Von anderen mag sein, mir müssen Sie schon gestatten — — ich finde den Namen gewiß nett, sehr nett — er sagt das, was Sie in der That sind--aber daß jeder, der, um etwas zu kaufen zu Ihnen kommt, das Recht sich anmaßen könnte, Sie mit diesem Namen zu nennen — — vielleicht, ja gewiß, Sie werden es verstehen, wenn ich aus diesem Grunde —" Wunderblümchen unterbrach ihn, indem sie mit geschäftsmäßiger Verbindlichkeit nach seinen Wünschen fragte. Er wußte selbst nicht, was er kaufen sollte, musterte leichthin, was ihm gerade in die Hand kam und beobachtete dabei die niedliche Verkäuferin, die sich vor dem schmalen Spiegel das Hütchen aufsetzte und sich auch im übrigen zum Fortgehen rüstete. Er bot ihr seine Begleitung an. Sie 132 acceptierte mit lachendem Munde, obwohl sie eigentlich bis zu ihrer Wohnung nur einen Katzensprung habe. ,®a Sie mir ja doch nichts abkaufen —* „Morgen! morgen werde ich ganz bestimmt wissen, was ich will--darf ich um dieselbe Zeit, wie heute —* „Aber mit Vergnügen! Ich weiß, was ich meinen Kunden schuldig bin —" „Ihren Kunden? Hm! Ich möchte — ich möchte Ihnen etwas anderes sein —" ,,Wte?" „Ein Freund — oder brauchen Sie keinen?" „Freilich! Uebrigens ist jeder, der mir etwas abkauft, mein Freund!" Der Student runzelte die Stirn. Sie betraten die Straße. Er hielt schützend seinen Schirm über Wunderblümchen, das leichten Fußes an seiner Seite marschierte. Mit Dankeswort und „Gute Nacht" wurde ihm, als nach kurzer Zeit die Wohnung des Mädchens erreicht war, ein Händchen geboten, das er mit Wärme drückte, das er geküßt haben würde, hätte er sich in demselben Augenblick nicht erinnert, daß vor ihm gewiß schon mancher Kommilitone als Entgelt für Geleiterdienste die Hand Wunderblümchens mit den Lippen berührt haben mochte. Die Hand? Weshalb nicht auch den Mund? Es sah ganz so aus, als ob sie gewöhnt sei, sich den Hof machen zu lasten, ohne dabei die Spröde zu spielen. Vielleicht hatte sie erwartet, daß er sie in ein Restaurant, in ein Konzert führen werde? Sie hatte so eigentümlich, halb resigniert, halb verdrießlich dreingeschaut, als er sich von ihr verabschiedete. Nun war sie also doch wie die anderen, und er hatte nur einen Augenblick an das Vorhandensein einer Pflicht glauben können, dieses Wunderblümchen in anderes Land, in reichere Erde zu versetzen! So meditierte der Fuchs auf dem Wege zur Kneipe. Der Leibbursch nahm ihn in Beschlag, legte sich aufs Kommentschinden. Der arme Junge mußte trinken — sogar einen „Ganzen" auf das Wohl von Wunderblümchen! Mißmutig leerte er das Glas. Der Leibbursch lachte ihn aus. „Pfui, Kerl, Du blutest ja, wie ein —" „Bluten" nennen die Studenten bekanntlich das Verschütten des Bieres, während des Trinkens. Daß auch das Herz des gehänselten Fuchses in diesem Augenblicke blutete, konnte der joviale Exerziermeister natürlich nicht sehen. • * * Zwei Jahre später. Der Fuchs ist zum Burschen ausgewachsen. Er sührt nun seinerseits die vom Pennal gekommenen Milchgesichter zu Wunderblümchen, das womöglich noch hübscher und duftiger geworden ist. Er hat sich daran gewöhnt, gleichgültig zuzusehen, wie sich seine Freunde überbieten, der gefälligen Verkäuferin den Hof zu machen. Er ermuntert selbst die Füchse dazu und belehrt sie, daß das ein Mädchen sei, das man duzen und bei größeren Einkäufen ohne viel Umstände auf die Hand küssen dürfe. Daß ihn Wunderblümchen zuweilen mit einem Blicke schmerzlichen Vorwurfs ansteht, wenn er in geräuschvoller Lustigkeit seinen Rekruten in ihrem Laden kommandiert, bemerkt er nicht. Um so überraschter war er, als sie ihn eines Tages bei Seite zog und ihm zuflüsterte, daß er ihr weh thue! Er lachte und rief: „Dafür kauf ich Dir auch ordentlich ab und führe Dir Kunden zu, lauter noble Kerle! — Hahaha! So viele Freunde! Kann's da auf einen Freund ankommen?" Wunderblümchen verfärbte sich und kämpfte mit Thränen. „Ich wollte Ihnen etwas sagen--aber nun ist es ja wohl zwecklos!" Er sah das Mädchen einen Augenblick an und empfand, daß er ihm etwas abzubitten habe. Vor Zeugen mochte er's nicht thun. Er verschob's auf passendere Gelegenheit. Ueber die Zeiten weichherziger Sentimentalität war er ja zum Glück hinaus. * « Aus dem behäbigen Leibburschen, der den Helden dieser kleinen Geschichte zuerst bei Wunderblümchen eingeführt hatte, war mittlerweile ein rechtschaffen bemoostes Haupt geworden. Zum zweitenmale war der Brave durchs Referendarexamcn „gerasselt" und er erklärte nun bei der aus diesem festlichen Anlasse zu seinen Ehren veranstalteten Trostkneipe, daß er sich nunmehr Wohl oder übel einem praktischen Berufe werde zuwcnden müssen. Auf die Vorschläge, die ihm zu diesem Behufe gemacht wurden, antwortete er mit einem zufriedenen Schmunzeln: „Quält Euch nicht, sorgt Euch nicht, Kinder! Ich werde meinen Leichnam weich ins Philistertum zu betten wissen!" Er hatte nicht zuviel versprochen. Er ließ die Gläser füllen und verkündete, indem er sich bierselig auf seinen ehemaligen Leibfuchs stützte, daß er sich mit Wunderblümchen verlobt habe und daß er sie heiraten werde, so wahr er ein bierehrlicher Kerl sei, um in ihr wirklich rentables Geschäftchen als Teilhaber einzutreten. Einen Augenblick Erstaunen, Bestürzung — dann allgemeines Glückwünschen. Es war wirklich das gescheidetste, was der „Dicke" thun konnte. * * * Wunderblümchen war auch als Frauchen emsig im Geschäfte thätig, aber sie lächelte nur selten. Die Studentenkundschaft verlief sich allmählich. Der „Dicke" war nämlich entsetzlich eifersüchtig. V-rnrißchtes. Bom Klage«. Es hat einmal Einer mit Kreide an ein Scheunenthor geschrieben: Ich habe Kreuz und Leiden, Dies schreib' ich hier mit Kreiden: Und wer kein Leid auf seiner Kapp, Der wische meinen Reim nur ab. Er ist aber von niemand abgewischt worden. Es hat ja jeder sein Päckchen zu tragen, und wenns zum Tauschen käme, wer weiß, ob nicht am Ende jeder das seine behalten wollte. Darum ist's eitel Thorheit, mit Gott rechten zu wollen, wenn er uns etwas schickt, was wir lieber nicht haben wollen, oder wenn er uns etwas nimmt, was wir gern behalten möchten. Jedesmal, wenn das Schaf blökt, verliert es einen Mund voll Futter, und jedesmal, wenn wir klagen, entgeht uns ein Segen. Wird eine Thür zugethan, so kann Gott dafür eine andere aufthun. Geraten die Erbsen nicht, so geraten dafür wohl die Bohnen. Geraten aber beide nicht, so sind immer noch die Kartoffeln da. Auf alle Fälle ist's richtig, daß derjenige, welcher viel begehrt, ärmer ist als solcher, der wenig hat. * * * Die Anzahl der Sprachen auf der Erde wird neuerdings von einem französischen Geographen mit 860 und 5000 Dialekten angegeben. Auf Europa rechnet der Gelehrte 89 verschiedene Sprachen, auf Afrika 114, auf Asien 123, auf Amerika 417 und die übrigen 117 Sprachen auf Ozeanien, unter welcher Bezeichnung die große Anzahl kleinerer und größerer Inseln zwischen dem indischen Tieflande und Südamerika zu verstehen ist. M erkwürdig ist es, daß von mehreren kleinen Inseln in der Südsee, die durchaus nicht entfernt voneinander liegen, auf jeder eine besondere Sprache gesprochen wird, daß sich die Bewohner, falls sie miteinander in Verbindung treten, nur durch Gebärden verständigen können. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Vrtihl'schen vniversitäts-Biich- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.