MW »Ml Herbstlisd urch die Wälder streif ich munter, Wenn der Wind die Stämme rüttelt Und mit Rascheln bunt und bunter Blatt auf Blatt herunterschüttelt. Denn es träumt bei solchem Klange Sich gar schön vom Frühlingshauche, Von der Nachtigall Gesänge Und vom jungen Grün am Strauche. Lustig schreit' ich durchs Gefilde, Wo verdorrte Disteln nicken, Denk' an Maienröslein milde Mit den morgenfrischen Blicken. Nach dem Himmel schau ich gerne, Wenn ihn Wolken schwarz bedecken, Denk an tausend liebe Sterne, Die dahinter sich verstecken. Sallet. Nachdruck verboten. Der Gylsenhof. Eine Erzählung von P. D i t f u r t h. I. Vom müden Glanze der Oktobersonne beschienen, lehnte ein Knabe von ungefähr acht Jahren im Fenster eines freundlichen Wohnzimmers und warf sehnsüchtige Blicke auf die Straße. Er war zum Ausgehen gerüstet und grub mit leiser Ungeduld seine Händchen in die Taschen seines Paletots. Hinter ihm stand eine junge Dame in Hut und Mantel, gleichfalls fertig, und auch sie schien das Ende des Redestroms herbeizusehnen, den eine lebhafte kleine Dame über sie ergoß; denn ihre Augen streiften unruhig die Uhr und prüften wie ängstlich den Stand der Sonne. „Ich will Sie wirklich nicht länger aufhalten, liebes Fräuleinchen," fuhr die kleine Person im Eifer jugendlicher Beweglichkeit fort, und trippelte einige Schritte nach Der Thüre zu, — um jedoch ebenso behend umzukehren, indem sie weiter sprach: „Nur das möchte ich Ihnen noch sagen, Sie sollten sich Umgang suchen und Ihre liebe Jugend nicht so vergraben. Da sitzen Sie und arbeiten, daß Gott erbarm, mich dauert das junge Leben. Ich weiß ja, Sie müssen es so machen; die armen Dinger; was hatten wir dagegen in Ihrem Alter für ein freies Leben, wenn wir auch in Haus und Garten tüchtig zugreifen und wirtschaften mußten." „Vorläufig habe ich kein Verlangen nach zerstreuendem Umgang, Frau Prediger," schob das junge Mädchen schnell in die, dem ausgehenden Atem gebotene Pause ein, und knöpfte mit der Gebärde unterdrückter Ungeduld ihre Handschuhe zu. „Sie und Fräulein Lina sind mir Schutz und Halt genug in der fremden Stadt, und ich bin Ihnen dafür aufrichtig dankbar." Die alte Dame nickte eifrig und zugleich mit wohlwollender Befriedigung. „Das ist uns ja selbst eine Freude, eine recht große, — aber jugendlichen Umgang müssen Sie auch pflegen, und ich weiß so nette Familien, so nett, sag' ich Ihnen, zum Beispiel Direktor Burghoffs, — Sie waren ja wohl schon dort?" „Ja, bei dem Herrn Direktor," war die Antwort, „er riet mir aber zu Privatstunden, da es nicht gut anginge, nur an gewissen Stunden im Seminar sich zu beteiligen." „Und auf dem Konservatorium sind Sie auch angenommen?" „Zu meiner Freude; mir war bange darum." „Uns gar nicht," fiel Frau Nolte ein; „als Sie spielten, sagte meine Lina gleich: Die junge Dame bringt's noch zu etwas. Und meine Lina versteht das, darauf können Sie sich verlassen. — Aber meine Lina wartet, und Sie halte ich vom Spazierengehen ab, was Ihnen doch so nötig ist, Sie sehen sowieso immer wie Mondschein aus. Nichts für ungut; viel Vergnügen, Fräulein Renatchen." Damit entschlüpfte endlich die kleine Gestalt, und Renate konnte mit dem kleinen Bruder gehen. Vor mehreren Wochen schon war die junge Dame als zeitweilige Pensionärin in das Haus der Frau Prediger Nolte eingezogen, um sich hauptsächlich dem Studium der Musik zu widmen, und daneben in einigen anderen Wissenszweigen sich zu vervollkommnen. Vater und Mutter waren tot, und sie stand mit dem kleinen Walter ganz allein in der Welt. Es galt für sie, sich auf eigene Füße zu stellen, denn in der kinderreichen Familie ihres Vormundes fühlte sie sich überflüssig. Durch die Vermittelung des letzteren war sie in diese Stadt und in dieses Haus gekommen. Im ganzen befand sie sich auch wohl bei der guten, freundlichen, nur sehr gesprächigen Frau und deren Tochter, einem stattlichen Fräulein in gesetzten Jahren, welche ohne viele Worte ein unbeanstandetes Regiment im Hause führte und es nur Renate hier und da sichtlich verdachte, wenn diese 558 - ihre wohlwollenden, aber untrüglichen Ratschläge nicht beherzigte. Sie war jedoch zu gutmütig, das dem „jungen Dinge", wie sie meinte, nachzutragen, tröstete sich vielmehr mit der bestimmten Hoffnung, daß Renata schon noch einsehen lernen werde, wie teuer sonst guter Rat in der Welt sei. Für ihre Mutter war Lina ein Gegenstand unausgesetzter Bewunderung, es war auch der neuen Hausgenossin schon nicht mehr verschwiegen geblieben, wieviel Körbchen dieselbe schon geflochten habe, Eröffnungen freilich, welche die mit solchem Vertrauen Geehrte erstaunlich kühl ließen. Ueber- haupt half Renaten nur die Ueberzeugung von der aufrichtig wohlmeinenden Gesinnung beider Frauen ihre oft aufsteigende Ungeduld bekämpfen; außerdem waren ja that- sächlich beide ihr einziger äußerer Rückhalt; sie hatte doch mit ihrem kleinen Bruder eine Art Heimat bei ihnen gefunden. Die Geschwister überschritten den belebten Markt und bogen dann ziemlich planlos in eine seitwärts führende, stattliche Straße ein. Hier waltete eine vornehme Stille, und sämtliche Häuser trugen das gleiche Gepräge an ihren altersgrauen Stirnen. Anscheinend im wesentlichen einer Zeit entstammend, unterschieden sie sich wenig von einander. Walter musterte mit kindlicher Neugier die ehrwürdigen Gebäude, bis sich plötzlich seine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt ausschließlich lenkte und er ausrief: „Sieh, sieh doch, Renate, das weiße Täubchen!" „Wo denn?" fragte diese mit suchenden Augen. „Dort oben im Fenster, ah, sieh doch, wie reizend es das Köpfchen dreht!" Jetzt entdeckte Renata das Tierchen auch. In einem der Häuser stand ein Fensterflügel offen, und rosig angehaucht im Strahl der tiefstehenden Sonne saß da eine zahme, weiße Taube aus dem Fenstersims. „Solch Täubchen möchtest Du wohl besitzen?" meinte lächelnd die Schwester. Walter nickte mit leuchtenden Augen und war glücklich, als Renata einen Augenblick stehen blieb. Sie fixierte unwillkürlich das ganze Haus von oben bis unten, warum, wußte sie selbst nicht. Es wies eine stattliche Fassade auf. Ueber der gewölbten Hausthür war ein in Stein gemeißeltes Wappen angebracht; starke, bauchige Gitter schützten die unteren Fenster. Hinter der Taube erschien jetzt ein blonder Mädchenkopf, der die beiden Beobachter scharf in Augenschein nahm, was Renata zum augenblicklichen Weitergehen bestimmte. Walter schaute noch oft zurück, bis die Straße endete und das Haus seinen Blicken entschwand. Den begrasten Marktplatz einer alten Vorstadt, den man nun betrat, ließ Renata links liegen und schlug mit Walter einen einsamen Promenadenweg ein, der sich auf dem Rücken einer mäßigen Anhöhe in einen Feldrain verlor. Es war ganz still und menschenleer auf dem Hügel. Drüben lag ein Wäldchen, sonst sah man nur Stoppeln und Kartoffelfelder, auf denen hie und da ein Feuer glimmte. Eine Bank stand neben einigen wilden Sträuchern. Hier ließ sich Renata nieder, um mit Walter den Sonnenuntergang zu beobachten. Aus tiefem Sinnen fuhr sie auf, als sich laute Stimmen näherten. Die Sonne war gesunken und ein bläulicher Dunst lag über der ganzen Landschaft. „Komm, Walter, es wird kühl," sagte Renata. Der Kleine rutschte gehorsam von der Bank und trippelte neben der Schwester her. Ein paar Studenten kamen ihnen entgegen, lustiges, junges Blut; besonders der eine sprach und gestikulierte sehr lebhaft. Der Weg war nur schmal, und Renata nahm natürlich an, daß die Herren ihr Platz machen würden. Aber nur der eine that das unverweilt, während der andere zögerte und mit kneiferbewaffnetem Auge unbescheiden den Schleier der jungen Dame zu durchdringen suchte. Nur wenig hob sich Renatas Kopf und ihre Augen blitzten, da trat der Uebermütige oder Zudringliche beiseite, und sie setzte ihren Weg fort. „Nichts Besonderes, Freundchen," sagte jener halblaut zu seinem Begleiter, der ihm einen mißbilligenden Blick zuwarf. „Eine mittelalterliche Gouvernante mit ihrem Zögling." „Das glaube ich nicht, sie schien eher jung zu sein," entgegnete der andere. „Dein Benehmen war, gelinde ausgedrückt, dreist. Was willst Du machen, wenn Du dieser Dame einmal vorgestellt wirst?" „Kommt nicht vor," sagte der übermütige Max und blies blaue Rauchwölkchen aus seiner Cigarre in die Luft. Sie näherten sich der Bank und bemerkten, daß sie besetzt war, und zwar von einem Herrn, der unverwandt in das inzwischen aufgeflammte leuchtende Abendrot starrte. „Dein Onkel Gottfried, Max," sagte der ältere Student und wies auf den Rastenden. „Was tausend," rief Max, „wie kommt der dahin?" „Jedenfalls auf seinen Beinen, wie wir auf den unsrigen," erwiderte Viktor lachend und machte Miene, auf den besprochenen Onkel loszusteuern. „So laß ihn doch," wehrte Max, „er wird Betrachtungen anstellen über horizontale und kapitale Dunstkreise." „Nun dann bleib, Bester," sagte Viktor, „ich werde ihn aber begrüßen, denn er hat uns jedenfalls gehört." Als Renata an demselben Abend in ihren Noten blätterte, fiel ihr aus einem vergilbten Hefte ein lofes Blatt entgegen. Ihre Augen streiften es erst blos flüchtig, aber dann blieben sie haften. Sie trat näher an das Licht. Auf dem Blatte war eine Zeichnung entworfen: ein Gebäude von auffallender Aehnlichkeit mit dem grauen Haufe in der stillen Straße. Kopfschüttelnd betrachtete sie das Blatt; es war jedenfalls schon alt, und sie erinnerte sich, es in früheren Jahren schon gesehen zu haben. Merkwürdig, daß es ihr gerade heute nach langer Zeit zum erstenmale wieder in die Hände fiel. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Schuldig. Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) Mit einem dumpfen Schrei brach sie zusammen. Er schaute sie ein paar Sekunden an wie die Klapperschlange den Vogel, den sie mit ihren Blicken bannt und sagte dann: „Wir haben erst wenige Tage im Monat, und Kommerzienrat Helldorf ist ein pünkltcher Herr. Sein Geheimfach ist gewiß gut gefüllt". „Ich kann nicht noch einmal daran gehen". „Warum nicht?" „Wie kannst Du noch fragen? Zweimal bin ich unentdeckt geblieben". „Du hast ja den Verdacht so geschickt auf eine andere Fährte zu lenken gewußt. Man wird meine holde Felicitas auch diesmal für die Diebin halten. Ach, die muß ich nun auch taffen!" fügte er seufzend hinzu. „Welch eine Zukunft habe ich mir an ihrer Seite geträumt! Wärest Du geschickter und energischer gewesen!" „Ich that, was ich konnte!" „Nun, ich grolle nicht I Lassen wir das! Sprechen wir von dem Naheliegenden. Du holst das Geld". „Balthasar, bedenke, niemand wird glauben, daß Fräulein von Kressen zum dritten Male dem Schrank einen Besuch abgestattet hat. ES ist mir schon wie ein Rätsel, daß sie nach der Beschuldigung im Hause geblieben ist". „Junge Damen sind unberechenbar", sagte er leichthin. „Fehlt meinem Mann morgen wieder Geld, so ist das eine Entlastung für sie, so —" „WaS morgen geschieht, wir Du die Sache erklärst, kümmert mich blutwenig", sagte er brutal. „Morgen muß 559 ich über alle Berge sein. Siehe Du zu, wie Du Dich herauswindest. Nur schaffe das Geld". „Balthasar!" „Im schlimmsten Falle erzählst Du Deinem Mann ein Märchen, wozu Du es gebraucht hast und entdeckst ihm, daß Du es genommen. Es giebt dann eine eheliche Szene, und die Sache ist abgethan. Habe ich kein Geld, kann ich nicht fort, so weißt Du, was Leiner wartet, und rechne auf keine Schon ng, keine Gnade — Äug' um Auge, Zahn um Zahn. — Nun, wie steht es, kann ich das Geld haben?" „Ich — ich will es heute nacht holen", stammelte sie nach furchtbarem Kampfe, mit kaum vernehmbarer Stimme. „Heute nacht? Verdammt! So lange soll ich warten! Das Feuer brennt mir auf den Nägeln!" Er stampfte wütend mit dem Fuße. „Es ist nicht möglich, ich kann es während des TageS nicht wagen", sagte dre geängstigte Frau. „Helldorf kann jeden Augenblick nach Hause zurückkehren und ist dann entweder mit mir zusammen oder bleibt in seinem Zimmer. HanS ist auch in der Nähe und sie — sie ebenfalls. Ach, mir ist es ja ohnehin, als verfolgten die beiden mich mit ihren Späheraugen, als hätten sie sogar meine Kleine zur Spionin für mich abgerichlet!" „Das bildest Du Dir ja alles nur ein, meine liebe Eugenie, Dein Gewissen ist eben zu zart", erwiderte Corbus, der selbst in dieser für ihn so verhängnisvollen Lage den Spott nicht unterdrücken konnte. „Wenn Du jetzt schnell hinübergingest. Ich erwarte Dich hier. Ein Griff — es ist geschehen und uns beiden ist geholfen!" „Nein, nein, es geht nicht! Die Gefahr ist zu groß!" rief sie entsetzt abwehrend. Er sah ein, daß sie dazu nicht zu bringen sei, und sagte nach einigem Nachdenken: „Wohlan, ich muß wohl oder übel so lange warten. Um welche Zeit gedenkst Du Dich in den Besitz des Geldes setzen zu können?" „Frühestens gegen ein Uhr". „Nun, da kann ich doch mit einem der Nachtzüge noch fort, gleichviel in welcher Richtung, bis dahin werde ich mich ja wohl noch unsichtbar machen können. Ich warte unten vor dem Hause, Du kommst hinunter und bringst es mir". Willenlos, ergeben beugte sie das Haupt, und mit einem hämischen „Auf Wiedersehen!" entfernte er sich. Als sich hinter ihm die Thür geschloffen hatte, blieb sie noch einen Augenblick aufrecht stehen und schaute ihm nach, dann stürzte sie mit dem Ausruf: „Von Schuld zu Schuld!" halb ohnmächtig zusammen. XIV. In der geräumigen Villa des Kommerzienrates Helldorf herrschte die Einrichtung, daß die Küche, die WirtschaftSräume und die Wohnung der Dienstboten sich im Souterrain befanden. Das darüber liegende Geschoß enthielt sämtliche Wohn- und Gesellschaftsräume, und das obere Stockwerk alle Schlafzimmer, außerdem aber noch die ganz für sich bestehende Wohnung von Hans Helldorf und das Zimmer, wo Fräulein von Kressen sich mit ihrem Zögling aufhielt und ihm den Unterricht erteilte. — Es war eine feuchtwarme, trübe Augustnacht. Die Sterne, die um diese Jahreszeit mit hellem, glänzenden Schein auf die Erde herniederzustrahlen pflegen, waren von schwarzen Wolken verhüllt, welche die Mondesscheibe zuweilen durchbrach, um gleich darauf wieder von ihnen verdeckt zu werden. In der Bellevuestraße war jegliches Geräusch verstummt. Nur aus der Ferne, vom Potsdamer Platz her, vernahm man das während der ganzen Nacht nicht verstummende Geräusch der Wagen, vereinzelt klang nur der Fußtritt eines verspätet heimkehrenden Wanderers. Tiefe Stille herrschte auch in der Billa deS Kommerzienrates Helldorf. Adalbert hatte mit dem Beginn der Universitäts- ferten eine Reise nach der Schweiz angetreten, alle übrigen Bewohner des Hauses hatten sich schon seit länger als einer Stunde in ihre Schlafzimmer zurückgezogen. Aber nicht allen war die Wohlthat des Schlafes zuteil geworden. Seit Wochen floh er schon Felicitas von Kressen- sie lebte wie unter dem Fallbeil, und es hatte schon wiederholt des energischen Zuspruchs von Aurelie und von Hans Helldorf bedurft, um sie zu vermögen, auf ihrem Posten auszuharren. In dieser Nacht war sie von einer ganz besonderen Unruhe heimgesucht. Es war von ihr nicht unbemerkt geblieben, daß Dr Corbus, der sich in letzterer Zeit nur wenig hatte blicken laffen, dagewesen war und eine lange Unterredung mit der Kommerzienrätin gehabt hatte. Hatte er sich auch entfernt, ohne sie aufgesucht und beunruhigt zu haben, so war sie doch fest überzeugt, daß man wieder etwas gegen sie im Schilde führe und grübelte unter Sorgen und Bangen über die Frage: welcher Schlag demnächst auf ihr unschuldiges Haupt fallen würde. Die im Treppenhause in einem altertümlichen Gehäuse stehende Uhr hatte schon lange Mitternacht geschlagen, und noch immer lag Felicitas wachend auf ihrem Lager, lauschte den gleichmäßigen Atemzügen der neben ihr schlafenden Hermine und den seltsamen, unerklärlichen Geräuschen, welche die Nacht hervorbringt. Zu diesen Geräuschen gesellte sich aber jetzt noch ein anderes- es war sehr, sehr leise nur vernehmbar einem Ohr, das durch häufiges Wachen unv Lauschen geschärft war wie Fräulein von Kreffens. Dennoch glaubte sie zuerst an eine Täuschung ihrer Sinne. Sie richtete sich auf und horchte mit angehaltenem Atem, und plötzlich wußte sie, nicht allein, daß sie recht gehört, sondern auch was das geheimnisvolle Rauschen und Raunen da draußen zu bedeuten habe. Es war die Thür vom Schlafzimmer der Kommerzienrätin, die sich in ihren Angeln gedreht hatte, eS war ihr Fuß, der in weichen Schuhen katzenartig die Treppe hinunter- schltch. Wohin ging sie? Was bedeutete dieses Nachtwandeln der sonst die kleinste Anstrengung scheuenden Frau?" Felicitas nahm sich nicht Zeit, über diese Fragen nachzusinnen. Schnell und geräuschlos erhob sie sich von ihrem Lager und kleidete sich beim Scheine des jetzt durch die Vorhänge fallenden Mondstrahls an. Mit der größten Vorsicht öffnete sie die Thür, da aber doch ein leises Geräusch dadurch verursacht worden war, schloß sie sie hinter sich nicht wieder. Die Treppe hinabhuschend, stand sie, die Hand auf ihr lautklopfendes Herz drückend, einen Augenblick still und blickte sich um, unschlüssig, wohin sie sich nun wenden sollte. Ein Lichtschein, dünn wie rin Faden, gab ihr die Richtung an. Er fiel durch einen Spalt in der zum Zimmer des Kommerzienrat Helldorf führenden Thür. Mit einem Sprunge war sie daran, öffnete sie nur so weit, um hindurchschlüpfen zu können, schlug die bereits bei Sette geschobene Portiöre noch weiter zurück und vermochte nun den durch eine kleine Handlaterne schwach erhellten Raum zu überschauen. Nur mit Mühe unterdrückte sie einen lauten Aufschrei. (Fortsetzung folgt.) Das Jubiläum der ersten deutschen Briefmarke. Unsere heutige Generation kann sich eine Zeit ohne Briefmarken garntcht vorstellen, wie sie sich eine solche ohne Streichhölzer nicht denken kann, und doch ist eß noch garnicht so lange her, seit beide erfunden, resp. eingeführt wurden. Die deutsche Briefmarke feiert im Oktober d. I. ihr fünfzigjähriges Jubiläum! In der „Illustrierten Frauen-Zeitung" (Verlag von Franz Lipperheide in Berlin) ist ein mit mehreren Illustrationen geschmückter Aufsatz über die Einführung der Briefmarke enthalten, dem wir folgendes entnehmen: Es war im Oktober 1849, als die bayerische schwarze Ein-Kreuzer-Marke als erste deutsche Marke dem Verkehr übergeben wurde. Die erste ihrer Art war sie freilich nicht. Es geziemt sich, heute, an ihrem Jubeltage, auch des fremdländischen Stammbaumes, dem sie entsproßte, zu gedenken. — 560 — 'i)ie älteste Freimarke wurde im Jahre 1653 in Paris hergestellt. Leider giebt es von dieser Marke keine Abbildung, weil der Besitzer des einzigen noch existierenden Exemplares, ein Herr Feutllet de Conches, aus Furcht, eine Abbildung könne sein Original entwerten, sich standhaft weigert, es nachbilden zu lassen. Es war eine Frau, die diese erste Freimarke erfand, und zwar keine geringere, als die in der Geschichte Ludwig's XIV. viel genannte Madame de Longueville. Schon früher hatte sie durch ihren Einfluß am Hofe, wo Briefe und Briefgeheimnis eine wichtige Rolle spielten, den Gebrauch des Siegellackes eingesührt, später war sie es, die den Staatsrat Belaher zu der Ausgabe eines „billet de port pay6“ veranlaßte, einer Postfreimarke im Werte von einem Sou, die auf den Brief geklebt und durch Aufschrift des Datums entwertet wurde. Für die frankierten Briefe wurden in den verschiedenen Stadtteilen von Paris besondere Briefkasten aufgestellt. Außerhalb Paris hatten die Marken keine Gültigkeit. Die Hoffnungen, die man auf diese Stadtbriefpost gesetzt hatte, scheinen sich nicht erfüllt zu haben. Auch wissen wir nicht, wie lange sie bestanden hat. Jedenfalls war sie längst vergessen, als vor achtzig Jahren im Königreich Sardinien daS System der Postwertzeichen in Form frankierter Briefumschläge wieder auftauchte. Im Berliner Reichspost-Museum befindet sich eine Sammlung solcher Briefumschläge aus den Jahren 1818 bis 1837. Sie sind aus weißgrauem, sehr grobem Papier, das ein Wasserzeichen enthält und als Aufdruck eine Amorette zu Pferde zeigt. Diese Umschläge blieben bis 1837 im Gebrauch. Sie verschwinden hier gerade zu der Zeit, wo in England Charles Knight mit seinem Vorschläge, zur Versendung von Zeitungen frankierte Umschläge mit Ein-Penny-Stempel einzuführen, hervortrat, und zwar, wie behauptet wird, ohne die sardinischen Umschläge gekannt zu haben. Dieser Vorschlag war es, der bald darauf Rowland Hill, den Reformator des englischen Postwesens, auf den Gedanken eines Freimarken-Systems brachte, dessen Einführung im Jahre 1840 ihm den Ruhm des Erfinders der modernen Freimarke eingetragen hat. Nach Htll's Vorschläge brachte der Lord-Schatzmeister im Mai 1840 Briefmarken zu ein Penny und zwei Pence mit dem Bilde der Königin Viktoria in schwarzem und blauem Druck zur Ausgabe. Das Parlament bestätigte sie durch Gesetz vom 10. August 1840. Im Laufe des folgenden Jahrzentes führten zunächst Brasilien, Genf, Zürich, Basel, Finland, die Vereinigten Staaten von Amerika, Mauritius und Rußland Postwertzeichen ein. Nach diesen Staaten erst entschloß sich, gleichzeitig mit Frankreich und Belgien, Bayern als erster deutscher Staat zur Einführung der Freimarken- Im Oktober 1849 gab Bayern als erste deutsche Marke die Ein-Kreuzer-Marke im schwarzen Druck auf weißem Papier, die große Wertziffer im Viereck auf marmoriertem Grunde, aus. Im folgenden Jahre schloffen sich Preußen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Oesterreich der Freimarken-Ausgabe an. Wie schnell sich weiterhin diese kleinen Passier-Scheine die Welt erobert haben, ist bekannt. Bald entstand ein Wettbewerb unter den Staaten in Herstellung möglichst kunstreicher Postwertzeichen. Zumeist zeigen sie Bilder von Regenten und Präsidenten, historische Szenen, Landschaften oder geschichtliche und geographische Embleme, Columbus, die neue Welt entdeckend, Indianer, Postboten im Urwalde usw., und die Bilder verraten uns schneller als die Aufschrift den Ursprungsort der Marken. Nicht immer ist bei der Herstellung der Marken das Interesse des Verkehrs allein maßgebend gewesen. Sie sind im letzten Viertel unseres Jahrhunderts sehr ergiebige Handels-Objekte geworden. Verschiedene kleinere Staaten wechseln mit den Marken häufiger und betreiben mit den entwerteten älteren einen schwunghaften Handel, denn die Zahl der Markensammler ist Legion. Markenhändler erzielen ungeheure Umsätze, in den Großstädten florieren Markenbörsen, Vereine und zahlreiche Fachzeitschriften gedeihen. Für Seltenheiten werden ungeheure Preise gezahlt, Preise, von denen der Erfinder der Marken sich gewiß nichts träumen ließ. Es klingt geradezu widersinnig, daß Freimarken, die zur Verbilligung des Verkehrs erfunden wurden, entwertet mit einem Vermögen bezahlt werden! Nun, ihren höheren Zweck haben sie unzweifelhaft erreicht. Jene Stimmen, die sie bei ihrem ersten Erscheinen mit Spott und Hohn überschüttet haben, sind längst verstummt; sie find uns ein billiges und bequemes Verkehrsmittel geworden, wir freuen unS, daß wir fie haben, und wünschen der Jubilarin ein ferneres Gedeihen. _________ Vermischtes. Das Flicken. Nicht selten kommt es vor, daß Mädchen die Hauswäsche nicht hübsch und sauber auszubessern verstehen. Ganz unbegreiflich ist es, daß die Mütter ihre Töchter aufwachsen lassen, ohne ihnen diese wertvolle Mitgabe für das Leben zu verschaffen. Was auch Behörden und wohlwollende Menschen thun, um in den Volks- und Privatschulen die Kinder mit gutem Handarbeit-Unterricht zu versorgen, immer noch sind die Hausmädchen sehr selten, die gut ausbessern, stopfen und flicken können. Die Nadel hat eine wunderbare Macht, zur Gesittung eines Mädchens beizutragen,- die ge- schickle Handhabung einer Nadel kann unberechenbar viel für das äußere Leben fördern. Die Nettigkeit des Anzuges und der vielen Gebrauchsgegenstände, für geschickte, bessere Handy- unentbehrlich, sind eine Grundbedingung für die Ordnung im Haushalt. Mit der Geschicklichkeit kommt auch die Lust. Wenn ein Dienstmädchen selbst Hausfrau wird, so sieht man es ihr und ihrer Wirtschaft sogleich an, ob fie die Nähnadel gut zu führen versteht. ES ist für den kleinen Mann fast unmöglich, emporzukommen, wenn seine Frau nicht fleißig flickt und näht. Aber nicht nur für kleine und armselige Wirtschaften ist Flicken eine Notwendigkeit; auch die besser- fituirte Hausfrau darf sich davon nicht ausschließen, denn es geht nichts über eine geordnete Häuslichkeit, in welcher sich Pünktlichkeit, Sparsamkeit und Fleiß zu einem harmonischen Ganzen vereinigen. Schachaufgabe. (Nachdruck verboten.) abcdef g h a b c d e f g h 8 8 6 Weiß. Weiß setzt mit dem dritten Zuge matt. (Auflösung folgt in nächster Nummer.) Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer: Herrenhut, Ehrensold, Weinstock. Redaktion: <5. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'fchen Uni»erflt?t»-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.