Nachdruck verboten. Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) „Nimmermehr," dachte Martha. Sie mochte nicht länger mit Olaf zusammen sein. Ein eigentümliches Gefühl von Unsicherheit hatte sich ihrem Zorne beigemischt. Und wozu überhaupt? Sie hatten ja nichts mehr mit einander zu schaffen. Und doch sah sie nur zu bald ein, daß ihr Bleiben unumgänglich nötig sei, und daß wirklich, wie Ziel sich ausgedrückt hatte, heute alles drüber und drunter gehe. Else lag auf ihrer Chaiselongue mit rotgeweinten Augen, gereizt, nervös, geärgert, halb verzweifelt. Diese unausstehliche Person, die Wirtschafterin, mit der Else immer so viel Nachsicht gehabt, hatte sich gegen sie benommen auf eine Weise! unbeschreiblich — gerade jetzt, wo ihr der Arzt noch Schonung verordnet, Ruhe, keine Aufregung. Ruhe, mit einem solchen Drachen im Hause! „Was hat es denn eigentlich gegeben?" fragte Martha, an derartige Klagen bereits gewöhnt. „Ach weiter gar nichts! Ich hatte etwas anders einrichten wollen," erzählte Else, „eine unbedeutende Aenderung in einem Schranke. Wir kamen darüber in einen heftigen Wortwechsel, und zuletzt sagte sie ganz frech: „Frau Rechtsanwalt mischen Sie sich lieber nicht in Dinge, die Sie nichts angehen." Wie findest Du das? Ich wachte kurzen Prozeß und erklärte ihr, meine Wirtschaft ginge mich sehr viel an, ich sei Herrin im Hause, und sie möge ihrer Wege gehen. Ja, das habe ich gesagt," bekräftigte Else nachdrücklich mit selbstbewußten Kopfnicken. „Und?" fragte Martha noch etwas zweifelhaft. „Und — nun ist sie fortgegangen," lautete schon etwas kleinlauter die Antwort. „Es war nach meiner Ansicht von Anfang an ein unhaltbares Verhältnis," meinte Martha. „Sei froh, daß Du sie IpS bist." Dienstag den 1. August L8L iÜ A s sei in Schimpf, Ernst oder Spott, Was du mir gönnst, das geb' dir Gott. Sprichwort. „Ja," bestätigte Else, „ich bin auch froh, sehr froh!" Plötzlich brach sie ganz unvermittelt wieder in Thränen auS. Bestürzt beugte sich Martha, zu ihr nieder. »Daß es gerade jetzt sein mußte," klagte Eischen. „Ich bin viel zu schwach, mich um den Haushalt zu be> kümmern. Der Arzt hätte es am liebsten gesehen, wenn Konrad mit mir verreist wäre." „Ich glaube, daß Ihr viel zu ängstlich seid", entgegnete Martha. „Ich sollte Dir übrigens ausrichten, daß Dein Mann einen Gast eingeladen hat." Else richtete sich auf. „Heute? auch das noch! Das ist zu arg. Wen denn?" Schon hatte die Neugier halb und halb über den Aerger gesiegt. „Du wirst sehr überrascht sein. Einen früheren Be- kannten, Herrn Nansen." „Den?! — Deinen —" Sie maß Martha, fragende Verwunderung in den weit geöffneten Augen, als habe sie erwartet, daß dieses unver- mutete Wiedersehen eine ganz augenfällige Veränderung bei ihrer Schwester herbeigeführt haben müßte,- aber jedes weitere Wort erstarb ihr auf den Lippen bei der unwillig abweisenden Gebärde, dem wegwerfenden Tone, mit dem jene antwortete: „Nun ja. Was ist weiter dabei?" „Wo kommt denn der her?" erkundigte sie sich, nachdem sie sich von ihrem Erstaunen einigermaßen erholt hatte. Martha zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es nicht." Sonderbar- sie hatte nicht einmal daran gedacht, ihn danach zu fragen, und das wäre doch das Nächstliegende gewesen. „Du hast ihn nicht gesehen?" fragte Else weiter. „Doch. Er wartete im Salon auf Deinen Mann, und da traf ich ihn." „Habt Ihr zusammen gesprochen?" „Natürlich. Wie es guten alten Bekannten geziemt," fügte sie spöttisch hinzu. „Hast Du ihn gleich wieder erkannt?" „O ja. An der Stimme." „So." Einen Augenblick sann sie nach- sie konnte sich seine Stimme nicht mehr recht vergegenwärtigen. „Was macht er denn jetzt?" fragte sie. „Ich weiß es nicht." „Studiert er immer noch?" „Ich weiß es nicht." 434 „£)aS muß ja etnL eingehende Unterhaltung gewesen sein, die Ihr da geführt habt," spottete Else. „Bloß von der schönen Vergangenheit? was? Er hat wohl reuig um Verzeihung gebeten? Weswegen hat er sich denn damals auf französische Art empfohlen?" „Ich weiß es nicht, ich weiß das alles nicht," rief Martha, gepeinigt durch die Fragen der Schwester. „Frage ihn selbst — oder vielmehr, nein — sprich nicht von der Vergangenheit — kein Wort — versprich es mir." „Hab' keine Angst, die alten Geschichten lasten wir ruhen. Es wäre sehr unzart, daran zu rühren, da Du Braut bist. Nicht wahr?" „Ja," meinte Martha zerstreut. Daran hatte sie bet ihrem Wiedersehen mit Olaf nicht einmal gedacht. „Ob er Rebhühner gern ißt?" fragte Else plötzlich. „Die Teichgräber bratet sie so schön." „Aber Else!" rief Martha, aus ihrem stummem Brüten auffahrend. „Ach Gott!" klagte die junge Frau in einem neuen Anfall von Verzweiflung. „Die Teichgräber ist ja nicht mehr da. Was fange ich denn nun an? Vielleicht ist sie noch nicht fort. Wenn Du sie bätest, Martha!" „Du bist wirklich wie ein Kind," verwies Martha sie streng. „Erst jagst Du einen Dienstboten fort, und dann soll ich bitten, daß er bleibe. Daraus wird nichts. Hilf Dir selbst." „Das kann ich aber nicht," jammerte Else. „Liebste, beste Martha, besorge Du das! und bleibe zum Abend da. Das Stubenmädchen kann nicht einmal den Tisch decken." „Ich kann nicht hier bleiben," erklärte Martha kurz. „Dein Bräutigam kommt wohl? Wir lassen ihn holen!" Martha wehrte heftig ab. „Nein, nein! Er ist heute abend auswärts — aber —" „Kein Aber!" bat Else. „Bitte, bitte, bleibe!" Martha zögerte noch eine Weile, dann redete sie sich ein, sie bringe ein Opfer, und es sei einzig und allein, um der leidenden Schwester zu helfen, daß sie bleibe- und doch bei allem Widerstreben gegen eine nochmalige Begegnung mit Olaf war es, als ob, gewaltiger als ihr eigener Wille, eine geheimnisvolle Macht sie an dieser Stätte zurückhielte und in Olafs Nähe bannte. „Nun ja, ich bleibe — Dir zu Liebe," sagte sie schließlich und merkte gar nicht, wie sie sich selbst betrog. XIX. Ein eigentümliches Gefühl beschlich Olaf, als er das Zimmer betrat, in dem vor sechs Jahren er und Ziel einander zum letztenmal gesehen hatten. Sind es wirklich nur sechs Jahre? Es ist ihm, als liege eine Ewigkeit zwischen heute und jenem Tage, wo er erfahren, daß er ein Bettler geworden sei, wo er sich in Verzweiflung gegen das grausame Schicksal aufgebäumt, wo er dem Räuber geflucht hatte und die Hand von sich stoßen wollte, die sich ihm helfend bot? Jetzt hatte er sich abgefunden mit seinem Schicksal. Gereift zum Manne, in harter Arbeit gestählt, steht er da, ein völlig anderer, als er gegangen. Und hier ist alles gleich geblieben, als habe die Zeit still gestanden. Ziel derselbe, wie er ihn verlassen, um ein geringes gealtert vielleicht, das rötliche Haar leicht ergraut, aber derselbe Gütige, Liebenswürdige, Wahre und Treue. Unverändert auch die Umgebung: die deckenumhangene Stube, der mächtige Schreibtisch, die alten Waffen, das Porzellan an den Wänden, der Divan mit dem Bärenfell, der dicke Smhrnateppich. Nur eins fehlt. Und so sehr steht er unter dem Eindruck der Gleichheit der Szenerie, daß seine erste Frage dem Fehlenden gilt: „Sie haben wohl Ihren Hund nicht mehr?" Er muß über sich selbst lächeln, daß ihm bei diesem Wiedersehen nach Jahren zuerst das Tier einfallt, das ek früher kaum beachtet hat. „Sultan ist tot," antwortete Ziel. „Ich habe mir keinen anderen Hund angeschafft, weil meine Frau große Hunde nicht leiden mag und die kleinen liebe ich nicht." Da waren sie an dem Thema, das eigentlich zunächst hätte berührt werden müssen. „Ihre Frau! In der That — ich hatte keine Ahnung, daß Sie vermählt seien. Es war eine völlige Ueberraschung für mich. Ich gratuliere Ihnen bestens, Herr Rechtsanwalt." „Ich konnte Ihnen keine Anzeige schicken, lieber Nansen" entschuldigte sich Ziel, „weil ich Ihre Adresse nicht kannte." „Ich war ein lässiger Briefschreiber, begann Olaf langsam, wie nach Worten suchend. „Ich weiß nicht, ob Sie mir gezürnt oder ob Sie mich verstanden haben. Die Gründe waren verschiedener Art. Zuerst, sehen Sie, war eine sehr harte Zeit für mich, äußerlich und innerlich. Ich hatte zu thun, um mit mir selbst fertig zu werden. Es war doch ein zu jäher Umschlag in meinem Leben; und der Gedanke an die Pistole, der mein erster gewesen, tauchte noch oftmals auf und mußte unter hartem Ringen zum Schweigen gebracht werden. Ich habe oft an Sie gedacht, aber schreiben mochte ich nicht. Was auch? Ich wußte ja selbst nicht, was aus mir werden würde! — Das ernste Studium kam mir recht sauer an. W ff en Sie, daß ich eigentlich koloffal verbummelt war?" Dabei blickte er den Rechtsanwalt von der Seite an, ein Lächeln um die vollen, roten Lippen und in den leuchtenden, blauen Augen. „Ja, mein Lieber, das wußte ich schon damals," gab Konrad ebenfalls lächelnd zurück. „Ich bewundere noch jetzt das Vertrauen, das Sie zu mir hatten," meinte Olaf. Konrad räusperte sich. „Ganz sicher war ich auch meiner Sache nicht. Dazu war ich Ihnen persönlich nicht nahe genug getreten. Aber ich habe einmal in Ihrer Haut gesteckt — in ähnlicher Weise selbstverschuldet. Ich hatte darauf los gewirtschaftet als junger Rechtsanwalt mit wenig Einkünften und viel Bedürfnissen. Das Messer stand mir an der Kehle. Da war es Andree, der mich rettete. Ich hab' ihm das nie vergessen- und an Ihnen konnte ich ihm meine Schuld abtragen." „Und das haben Sie in vollem Maße," sprach Olaf warm nnd reichte Konrad voll überströmenden Gefühls seine Rechte. „Und dabet mein Leben gerettet und mich zu dem gemacht, was ich bin." „Nein, mein Lieber," entgegnete Konrad, „das haben Sie ganz allein gethan. Nur nicht zu überschwänglich. Ich habe Sie im Augenblick der Gefahr von einem Abgrund zurückgezogen, aber den Weg haben Sie selbst gesucht und gefunden, und sind brav und tüchtig vorwärts geschritten und ein ganzer Mann geworden. Und Sie mögen dazu sagen, was Sie wollen, auf dem früheren Wege würde Ihnen das höllisch schwer geworden sein." Eine Weile hing jeder seinen eigenen Gedanken nach- dann Hub Olaf von neuem an: „Ob Sie's zugeben oder nicht: moralisch bleibe ich doch Ihr Schuldner für Lebenszeit. Was aber meine pekuniäre Schuld betrifft, so bin ich glücklich, Ihnen einen Teil davon heute abtragen zu können." Er griff in die Brusttasche und zog eine Mappe mit Banknoten heraus, die er auf dem Tisch aufzuzählen begann. „Es ist noch nicht alles. Ich muß Sie bitten, Geduld mit mir zu haben. Die Zeit, seitdem ich verdiene, ist noch zu kurz." „Lieber Nansen!" wehrte der Rechtsanwalt ab, indem er mit nicht geringer Verwunderung die Scheine, die Olaf vor ihm ausbreitete, überzählte. „Lieber Nansen, ich habe wahrhaftig nie daran gedacht, daß ich so schnell wieder zu meinem Gelbe kommen würde. Die jungen Ingenieure scheinen Schätze zu sammeln. Sehr lukrativer Beruf, sehr —" 435 „Das Hauptgehnimnis dabei ist, daß man keine Gelegenheit hat, Geld auszugeben," erklärte Olaf. „Sehr lukrativ, lieber Nansen! Ich werde umsatteln." Dann ernster werdend: „Was ich sagen wollte, legen sie sich um Gotteswillen meinetwegen keine Einschränkungen auf. Es hat wirklich keine Eile." (Fortsetzung folgt.) Müllers junge Leiden. Von Friedrich Wegener. ------- (Nachdruck verboten.) Fritz Müller war verliebt/ er war einfach nicht mehr ganz zurechnungsfähig- er verrechnete sich ständig, und war doch sonst der beste Mathematiker der Obersekunda. Die süße Liebespein, die von dem Tau der Hoffnung schmachtend lebt, hatte ihn benommen. Er suchte die Einsamkeit- alle abgelegenen Feldwege, alle heimlichen Winkel in den Scheunenstraßen des freundlich gelegenen Landstädtchens hallten wieder von den schmachtenden Seufzern des Gequälten. Wenn alles schlief, auch der Drache — die würdige Dame, welche für Fritzens körperliches Gedeihen sorgte, wenn die wenigen Laternen längst verloschen waren, und der einzige Wächter ruhig an irgend einem windgeschützten Plätzchen für das Wohl der Stadt — träumte, dann öffnete sich leise das Fenster eines zur ebenen Erde gelegenen Zimmers und der Verliebte stieg heraus und stürmte fort, barhäuptig in des Maien mondbeglänzte Zaubernacht.-- Es geht die Sage, daß die Papierhandlung des Herrn Schluskus um diese Zeit gute Geschäfte gemacht habe, denn der liebeskrauke Jüngling füllte Bogen und Bogen mit leidenschaftlichen Versen und schwärmerischen Märchen, die seiner überirdischen Seligkeit Ausdruck gaben. An seinen sonstigen litterarischen Arbeiten, seinen Klassenaufsätzen und Extemporalien hatten seine Lehrer allerdings nicht wenig auszusetzen- aber was kümmerten Fritz die erbärmlichen Kritteleien dieser Schulmeisterseelen! Mit nagender Pein duldete er die stumpfsinnige Haft auf den engen Bänken. In besonders qualvoller Ungeduld aber schlichen dem Liebenden die Nachmittagsstunden vorüber, denn sie trennten ihn von dem himmlischen Augenblick, da er sie sehen sollte, seine ersehnte Königin, sein Klärchen! Aber wenn dann endlich die Stunde der Erlösung geschlagen hatte, wußte er mit wunderbarem Scharfsinn die Wege ausfindig zu machen, auf denen er der Süßen begegnen konnte. Heute war es die Chaussee nach Linde, morgen nach Galdern und übermorgen der Weg nach Neudorf. Sobald der geliebte Gegenstand in der Ferne auftauchte, beschleunigte er seine Schritte, um mit elegantester Bewegung grüßend an ihr vorbeizuschießen, dann, hinter dem nächsten Abhang, kehrte er um, so daß er ihr begegnend ins liebliche Antlitz schauen konnte. O diese Begegnungen! — Ob sie wohl. getroffen war von den Blitzen seiner feurigen Augen? Ob er gezündet hatte, der feurige Strahl? — Oh! hatte sie nicht schon so oft bedeutungsvoll zu ihm hinübergesehen, hatte sie nicht kürzlich, als er mit einem Schwarm von Gefährten unverhofft auf dem Markt ihren Weg kreuzte, ihm allein lächelnd zugewinkt? — Kein Zweifel, er liebte glücklich! Nur galt es noch eine Brücke zu schlagen über das Meer, welches ihn von seinem Sterne trennte. Die Angebetete befand sich auf ihren Spaziergängen gewöhnlich in Begleitung einer älteren Freundin, deren Bruder, „Petz" genannt, den Rang eines Primaners bekleidete. Wie fand sich Gelegenheit, mit dieser Größe anzubinden, die den Sekundaner natürlich recht herablaffend behandelte? Fritz faßte einen verzweifelten Entschluß. Er stand in dem Ruf, der beste „Deutsche" des Gymnasiums zu sein, und man erzählte sich, daß er schon manchem Primaner und sogar Abiturienten in der Not ein Retter gewesen- und jetzt erniedrigte er sich soweit, mit dem Entwurf eines Aussatzes den spröden Petz aufzusuchen und ihn um einen Rat zu bitten. Welch ein fein durchdachter Plan! Der Erfolg war überraschend. Fritz erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß am nächsten Tage Petzens Garten wieder geöffnet sei. „Wenn Du willst, so komm abends dorthin — ich stelle Dich vor!" Das war.n die Worte des stolzen Primaners. O, Fritz, Du unglaublicher Glückspilz! Die Dir so fern war, so fern wie dem Schäferknaben auf grüner Flur die Prinzessin im goldenen Schlosse — Du wirst sie sehen, mit ihr sprechen, mit ih: Croquet spielen, wohl gar auf einer Partie ihr Dein fühlendes Herz offenbaren--welch' endlose Aussicht mit auszumalender Seligkeiten eröffnet sich Dir! Und was thi-t Fritz? — Fritz, der Glückliche, lehnt ab! — Wer weiß das Rätsel der liebenden Seele zu lösen? Am nächsten Tage wich er zum ersten Male der gewohnten Begegnung aus. Als aber der Abend dämmernd hereinbrach, umschlich er sehnsüchtig spähend die Stätte, deren Inneres zu betreten er verschmäht hatte. Vergeblich suchte er — in dem hohen Bretterzaun eine Spalte zu entdecken, die ihm einen Einblick in dies Paradies zu gewähren vermochte. Da, horch! Welch' ein himmlischer Ton? — Herz! Brich mir nicht! „Am Brunnen vor dem Thore" klang der Gesang zweier jugendfrischen Stimmen durch die Stille des Frühlingsabends. Fritz lauschte wie träumend- dieser hohe, glockenreine Sopran — gewiß, das war Klara! Doch nein! Wie weich und voll dazwischen der Alt, schmeichelnd, berückend und doch so klar und tief — nein, nein, nur dieser Alt konnte die Stimme der Geliebten sein. Noch in derselben Nacht verfaßte er ein Duett, das er mit verstellter Hand auf ein vergilbtes Notenblatt schrieb - dem Alt war eine bevorzugte Stellung eingeräumt. Er war überzeugt, daß seine Verse sehr schön seien, und mit ergreifender Stimme trug er sie sich selbst vor: Leis, leisl Träumende Nacht! — O heil'ge Ruh! — Des Himmels leuchtende Pracht Lächelt mir zu. Leis, leis, die Nachtigall! Scheuche sie nicht! Daß nicht der Seufzer Schall Sie unterbricht. * * Wolken, vom Mondenlicht Silbern umsäumt, Wolken, ach wißt ihr nicht, Wo sie jetzt träumt?! Seid nicht so still, so still! Ein einzig Wort, Bringt mir von ihr, von ihr, Die lange fort. Thränen der Entzückung traten aus seinen heißen Äugen hervor. Ueber das Ganze setzte er die Worte: „Gedichtet und komponiert von F. L. Lümer". O, sie würde den Verfasser schon erraten- das scharfe Auge der ahnenden Liebe mußte das Geheimnis durchdringen. Er ging mit seinem Opus zu Petz. „Als ich kürzlich an Eurem Garten vorüberging, hörte ich fingern Da hab' ich noch so'n paar alte Dinger gefunden- vielleicht versuchen's die Damen mal damit!" Wer beschreibt Fritzens Entzücken, als wirklich an dem nächsten schönen Abend seine leicht in's Ohr fallenden Melodien aus dem Garten ertönten. Und, o! Der Alt, der Alt! Mit nicht geringer Aufregung trat er in der Frühstückspause des nächsten Vormittages an den unbewußten postillon d’amour heran. „Du, sag' mal", kam ihm dieser entgegen, „von wem sind eigentlich Deine Duetts, die übrigens ganz nett sind. Der Komponist nennt sich F. L. Lümer- im Komponistenlexikon finde ich aber nur einen A. Lümer und einen C. Lümer." 486 — Mühsam verbarg Fritz das freudige Aufwallen seines Autorenstolzes. „Keine Ahnung!" meinte er ohnehin, und so beiläufig: „Du, die Klara fingt Alt, nicht wahr?" „Unstnn! die Gans und fingen! die Klara hat überhaupt keinen Schimmer von Musik!" Also musikalisch war sie nicht! — Wozu auch? Warum auch? War nicht ihr ganzes Wesen Musik? —Wie oft hatte ihn der gleichmäßige Rhythmus ihres schwebenden Ganges entzückt, wie reizend harmonierte das Lächeln der süßen Lippen zu dem schelmischen Blick der braunen, blitzenden Augen! Sie ist nicht musikalisch, was thut'S? ! Das ist am Ende in diesen Tagen der Klavierpest ein nicht zu unterschätzender Vorzug. Denn Walzer dreschen, das schimpft man „musikalisch". Aber er wird vor ihr singen, er wird ihr aufspielen, die Melodien ihres Herzens zu wecken. Die Abende wurden dunkler und kühler. Wieder einmal trieb eS den Verliebten, vor dem Hause der Angebeteten auf- und abzuwandeln. Es mußte da oben irgend etwas los sein, Alles war erleuchtet. Glücklich genug kommt ihm Petz in den Weg, welcher im Gesellschaftsanzug soeben auf das Haus lossteuert. „Du, sag' mal, was giebt es heut' eigentlich da oben?" — „„Was? daS weißt Du nicht? Klaras Verlobung! Sie ist schon seit Halberstadt heimlich versprochen. Der arme Kerl hat aber erst vor acht Tagen die Anstellung erlangt! Soll ich grüßen?"" — Fort ist er. Armer betrogener Fritz! — Doch nein! Du hast Glück gehabt mit Deiner verlorenen Liebe! Du bist sie gerade noch zeitig genug losgeworden, um bis zur Versetzung Deine derangierten Schulverhältnisse aufbeffern zu können. — Und fürwahr! mit Eifer widmet sich der Enttäuschte den Winter über den Büchern; Ostern bringt ein glanzvolles Zeugnis. Er ist jetzt Primaner, und wie ist er gereift an Erfahrung! Mit schmachtenden Gefühlsergüssen ist er nun fertig, er dichtet nur noch Oden in höherem Stil, erhaben über den Staub des irdischen Getriebes. Und mit der Liebelei ist er nun ganz und gar zu Ende,' ein Geretteter aus dem Schiffbruch, gelobt er sich, nie. wieder sich von dem schwankenden Element der Weiberlaune hin- und herschleudern zu lassen. Natürlich haßt er die Weiber — er kennt sie jetzt. Andächtig hören seine Klaffengenossen zu, wenn er mit geheimnisvollen Andeutungen von seinen „überaus traurigen Erfahrungen" berichtet. — Und doch ist der ehemalige Weiberfeind Gatte und Vater geworden! zufrieden in Ausübung seines Berufes. Aber wenn er jener verklungenen Zeiten der ersten Liebesschmerzen gedenkt, jener Tage goldener Thorheiten, beschleicht ihn eine leise Wehmut. Sie war doch schön, jene herrliche Zeit der Sekundanerschwänke, die Zeit der Dummheit, des schönsten Vorrechts der Jugend. Nun ist sie dahin! Ihr blieb kein Raum in dieser klugen Welt, mit der auch er klug geworden ist — viel zu klug! Humoristisches. Eine englische Vokabel. Richter: „Wie kamen Sie dazu, sich diesen Hundertmarkschein anzueignen?" Angeklagter: „Er lag in meiner Jntereffensphäre". Richter: „Ah Pardon, das ist etwas andres! Sie können gehen". („Münch. Jugend.") Aus der Trab- rennbahn im Ridgewood- Park in New- Iork fand vor einiger Zeit ein eigenartiges „Wettrennen" statt, welches natürlich Tausendeangelockt hatte. Dem Starter stellten sich fol- gendeKonkur- renten: I.Der 21jährige Elefant „Sid"; 2. Das Kamel „Ben Ali"; 3.DerTraber- hengst „Au- stralianBen"; 4. einAutomo- bil und 5. ein Niederrad. Große Wetten wurden abgeschlossen , die fast alle auf d. Automobil cv.tw-.. W oder das Fahrrad lauteten, daElefantund Kamel zwei Runden mehr machen mußten. Bei der dritten Runde waren alle Konkurrenten beisammen. Als Sieger kam der Elefant an, ihm folgte das Zweirad, diesem das Automobil, und den Schluß machten Kamel und Pferd. Selbstverständlich wurde das Rennen mit einem Kine- matographen ausgenommen und'wird nun täglich den New-Aorkern im Bilde vorgeführt. Reboltien: E. Burkhardt. — »ruck und Berlag der Brühl'schen Univerfitätl-Buch- und Steindrucker« (Pietsch Erben) in Gießen.