1899 fas Handwerk schafft um Lohn, um Gold; Dem Künstler sind die Musen hold! Die freie Kunst geht nicht nach Brot — D'rum leben Künstler meist in Not. Nachdruck verboten. Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. I. Vor dem Gartenthor einer Villa der Vorstadt stand ein Knabe und klingelte. Er mochte vierzehn bis fünfzehn Jahre zählen, doch war er klein für sein Alter, schmalschultrig und mager. Er hätte mit seinem feingeschnittenen, blassen Gesicht, dem blonden, leichtgelockten Haar und den scheuen, blauen Augen einen vollständig kindlichen Eindruck gemacht, wenn nicht die zusammengekniffenen, dünnen Lippen der Physiognomie etwas Hartes und Trotziges gegeben hätten. Der Knabe trug einen abgeschabten Sammetanzug mit defekten Knöpfen. Die Hosen waren zu kurz, und aus den Aermeln schaute ein Paar langer zerknitterter Manschetten hervor. Sein Läuten schien unbemerkt geblieben zu sein. Er zog noch einmal die Klingel. Dann betrachtete er abwechselnd den Brief, den er in der Hand trug, und die Villa, vor der erstand. Ein einfaches, schmuckloses Haus war es, von gewöhnlicher Bauart- lange, schmale Balkone vor den Mittelfenftern der oberen Stockwerke- im Erdgeschosse eine Veranda, von der aus eine Treppe in den Garten führte. Links vom Thorweg etwas erhöht eine Laube, über und über mit wildem Wein bewachsen. Der Vorgarten war nur klein. Hinter dem Hause, durch ein Gitter vom Hofe getrennt, war ein größerer Garten. Von dorther drangen fröhliche Kinderstimmen- und in dem großen Mittelzimmer sah der Knabe eine hohe Frauengestalt geschäftig auf und abgehen. Er schellte ein drittes Mal, heftiger als zuvor. Die Dame trat auf den Balkon. Im selben Augenblicke hörte der Knabe aber auch eine ärgerliche Stimme über sich. „Zum Kuckuck noch 'mal! Was ist denn das für ein Gebimmele? Komm doch herein, du Schafskopf. Die Thür ist ja gar nicht verschlossen." Der Knabe erwiderte nichts und warf nur einen feindseligen Blick zur Laube hinauf, aus der die Stimme kam. — „Drück' die Klinke 'runter! Na — gehr's?" Ein hübscher, junger Mensch von ungefähr sechzehn Jahren ward in dem Weingerank sichtbar, und eben schob sich ein zweiter rotbäckiger Knabenknopf vor, der mit neugierigen Augen den ungestümen Klingler musterte. „Laß gut sein, Max, und zieh'," rief der erstere, auf das Schachbrett deutend, das zwischen beiden auf dem Gartentische stand. Aber der Rotbäckige hatte noch keine Lust, zuufiSchach- spiel zurückzukehren. „Heilige Dreifaltigkeit! Das ist ja der Leon. Steht vor der offenen Thür und merkt nicht, daß sie offen ist! Tas sieht ihm ähnlich. Wie geht Dir's denn?" Dabei streckte er dem Knaben seine Hand hin. Dieser ergriff sie nicht. „Bist Du noch beim Doktor Gernegroß?" Das war der bekannte Spitzname eines Lehrers, bet dem sie in Pension gewesen waren. „Nein," antwortete der Knabe kurz und verdroffen. „Wo denn sonst?" forschte Max Hoffmann weiter. „Bei meinen Eltern." „So? — Ah!" klang es etwas verwundert zurück. „Was macht die Frau Mama? Sie ist nämlich Künstlerin, eine hochelegante Dame," fügte er erklärend zu dem Freunde gewandt hinzu. „Wenn 8eon einen Brief von ihr bekam, roch man's im ganzen Zimmer. Na, laus' nur nicht fort. Zu wem willst du denn eigentlich?" „Zum Rechtsanwalt Andree." „Zu Papa!" meinte der erstere. „Der ist verreist. Soll ich den Brief hier behalten?" Der Knabe schüttelte mit dem Kopfe. „Nein. Er ist eigenhändig abzugeben. Der Rechsanwalt führt die Geschäfte meiner Eltern. Adieu." Und mit raschen Schritten, wie um jeder weiteren Unterhaltung auszuweichen, entfernte er sich. „Hätte nicht gedacht, daß das ein Bekannter von Dir wäre. Das Schreiben sah recht nach Bettelbrief aus," bemerkte der junge Andree. — Hoffmann wiegte bedächtig sein rundes Haupt. „Das glaube ich nicht. Der L6on war immer gut gestellt. Hatte mehr Taschengeld wie ich. Jetzt sah er allerdings etwas reduziert aus." Darauf wandte er sich wieder dem Schachbrette zu. Andree war ihm, wie in allem übrigen, auch im Spiele überlegen. Wenige Minuten später erschien ein hübsches, junges Mädchen, ein Backfischchen von dreizehn Jahren mit einem blonden Zopf auf dem Rücken und sehr sorgfältig frisierten Stirnlöckchen, um den Knaben eine Erfrischung zu bringen. Sie trug ein frischgebügeltes Kattunkleid, das ihr bis zu den zierlichen Tanzschuhchen herabreichte und sah alles in allem höchst sauber und anmutig aus. Bet ihrem Anblicke schnellte Hoffmann auf, machte eine linkische Verbeugung,-wobei er beinahe das Schachbrett umgeworfen hätte, und sagte mit männlicher Baßstimme, die aber zuweilen noch überschnappte: „Zu gütig, mein gnädiges Fräulein." „Du bildest Dir doch nicht etwa ein, daß das alles Dir gilt," (platzte der Bruder heraus. „Ich wollte doch gleich wetten —" „Du bist unausstehlich, Leonhard," stieß das junge Mädchen mit weinerlicher Stimme vor, und ihr hübsches Gesichtchen wurde feuerrot. „Natürlich, da ist er ja!" Dann, nachdem sich die Schwester mit einem bitterbösen Blick auf den Spötter entfernt hatte: „Mit der Else hab' tch's jetzt gründlich verschüttet. Die eitle Gans! Jedesmal, wenn Nansen kommt, läuft sie in ihr Zimmer und putzt sich. Mama hat ihr's schon oft verboten. Und er sieht sie gar nicht an- fällt ihm nicht ein. So- nun zieh' mal endlich. Gardez hatt' ich gesagt." Der junge Mann, für den Else sich, wie ihr Bruder mit Recht behauptete, immer zu putzen Pflegte, wandelte unterdes mit einer anderen durch den Garten und hatte keine Ahnung davon, wie sehr sich das hübsche Schulmädchen um ihn bemühte. Er stand in der ersten Hälfte der Zwanziger. Seinem fast bartlosen Gesicht nach würde man ihn für jünger gehalten haben: angenehme, vielleicht etwas zu weiblich weiche Züge, die der Energie ermangelten und von sorglosem Genußleben sprachen, sympathische, dunkelblaue Augen, volle rote Lippen, wie geschaffen zum Küssen. DaS Mädchen an seiner Seite, Leonhards Schwester, war eine Erscheinung, wie sie leider in großen Städten immer seltener werden- „eine Bauernmädelschönheit" nannte sie das graziöse Elschen- groß, gut gewachsen, die jungfräulichen Formen noch etwas eckig, der Teint ein wenig dunkel, von jener warmen Färbung, die Sonne und frische Luft verleihen - ein Paar dicker, schwarzbrauner Zöpfe nach tiroler Art um den feingeformten, ovalen Kopf gelegt, braune, leuchtende Augen: das Ganze ein Bild Won Gesundheit und Kraft, das geschaffen schien, jetzt mit achtzehn Jahren das Auge eines Bildhauers und Malers gleichmäßig zu entzücken, und das durch die Ebenmäßigkeit, seiner Formen, durch seine Ursprünglichkeit und Frische die kurze Blütezeit einer Mädchenjugend siegreich zu überdauern versprach. Weniger vielleicht für den Salon und das Kerzenlicht, als für Tageshelle und freie Natur. Und ihrem Aeußern entsprach ihr ganzes Wesen- gerade und offen, frisch und ungekünstelt- dazu ein leiser Hang zu poetischer Schwärmerei, eine Begeisterungsfähigkeit, wie sie nun unverdorbenen, warm und stark -m- pfindenden Menschen eigen ist. So war Martha Andree, an Körper und Geist ihrem Bruder Leonhard gleichend, ihrer Schwester Else so unähnlich wie möglich. „Warum sind Sie denn diese Ferien gar nicht verreist?" fragte das Mädchen ihren Begleiter, während sie sich bemühte, eine rote Nelke, die sie soeben gepflückt hatte, im Ausschnitte ihres Kleides zu befestigen. „Vielleicht — weil es mir hier besser gefällt," erwiderte der junge Mann halblaut. Er legte eine so bedeutungsvolle Betonung in diese wenigen Worte und sah das Mädchen dabei mit vielsagendem Blicke an, daß sie errötend das Antlitz abwendete. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Sie wissen doch, daß ich mir ein Reitpferd gekauft habe? O Fräulein Martha, Sie sollten auch reiten! Ein herrliches Vergnügen! Die Welt nimmt sich so glorreich schön aus vom Rücken eines Pferdes. — Wissen Sie, wo ich neulich war? In der Heidemühle. Ich stieg ab, um einen gewissen Weg zu suchen, wo die Buchenzweige, von beiden Seiten her sich vereinigend, einen Laubengang bilden, durch den die Sonne an einem anderen Tage goldene Lichter auf die Erde malte." — Das Mädchen blickte zu Boden. „Und haben Sie den Weg gefunden?" „Nein. Oder ich habe ihn nicht wieder erkannt. Die Sonne schien nicht. Da kam mir plötzlich ein französisches Gedicht in den Sinn, das ich früher einmal gelesen und längst vergessen hatte. Der Wortlaut wollte mir auch nicht wieder einfallen, blos der leitende Gedanke, den ich sehr hübsch fand. Kennen Sie es vielleicht? Es heißt le sentier perdu.“ Sie schüttelte mit dem Kopfe. „Sie sind doch sonst so belesen." „Nicht mit Ihnen zu vergleichen, — wenigstens was die französische Litteratur anbelangt." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Der Wind frischte jetzt mehr auf und die Brigg glitt rascher dahin, als ein Mensch laufen könnte. Die Leute waren still. Sie blickten gespannt nach vorn. Manchmal wandten sie auch die Köpfe, um nach rückwärts und nach oben zu sehen. Der alte Banyard marschierte auf dem Deck wie ein Automat, mit unbeweglichem Gesicht und die Augen immer gerade vor sich gerichtet. Um drei Uhr war die Insel deutlich erkennbar, klar warf sie ihre Schatten- sie sah nicht größer aus als der Rumpf eines Schiffes. Ich bat jetzt Miß Franklin, herunterzugehen und sich einzuschließen. Sie sah mich prüfend an- ihrem Auge mochte wohl die in mir arbeitende furchtbare Aufregung, welche ich mit aller Kraft zu verbergen strebte, nicht entgehen- sie verließ daher das Deck ohne ein weiteres Wort. Die Insel mit dem Glase rekognoszierend, erkannte ich die Korallen-Formation des Gestades und auf den höher gelegenen Abhängen Vegetation und Baumwuchs. Zeichen menschlicher Wohnungen zu entdecken, wenn solche da waren, gestattete mir aber die Entfernung nicht. Die Leute kamen nach hinten und baten sehr unter« würsig, durch das Glas sehen zu dürfen. Das Teleskop ging von Hand zu Hand. Einer sagte, er sähe dort hinter der Landzunge auf Steuerbord etwas, was wie die Mast- spitze eines Schiffes aussähe. Dies veranlaßte die andern, ebenfalls die Stelle, voller Bangigkeit, scharf ins Auge zu fassen, und nachdem auch ich, anscheinend mit großer Aufmerksamkeit, das Glas längere Zeit auf dem Punkt hatte weilen laffen, unterstützte ich die Ansicht, indem ich vorgab, deutlich die Mastspitzen zu erkennen. „Wie nah heran wünscht ihr nun, daß ich die Brigg bringe?" fragte ich. „Ich bleibe bei meiner Ansicht, daß drei Meilen nah genug ist. Bei dieser Brise wird das Langboot die Entfernung in einer halben Stunde segeln". „Seggen Sei uns noch mal, worüm Sei drei Mielen afbliewen wull'n?'' „Falls ein Kriegsschiff dahinten versteckt liegt, wird es uns seinen Kutter an Bord schicken, wenn wir nahe herankommen. Bleiben wir aber ein gutes Stück ab, dann werden sie denken, daß die Befriedigung ihrer Neugier die Mühe einer langen Fahrt gegen den Wind nicht lohnt. Das ist mein Grund." „Jack fall sien Willen hebben, hei het en klauken Kopp. Hei fall bidreihn, wo ’t em dat best' dücht." „Wir wollen euch bei der Rückfahrt entgegen kommen und euch aufnehmen," sagte ich. „Gaud!" rief Blnnt. „Nun, dann also vorwärts, Jungens: refft die Renls! Die Falls der Klüver zum niederholen klar!" Die Leute gingen an die Arbeit. Wir näherten uns rasch der Insel. Jene Striche, welche den Mastspitzen eines Schiffes glichen, waren hinter dem Hügelland versunken, und die Leute blieben daher im Zweifel, ob ein Schiss da war oder nicht. Um vier Uhr schickte ich die Leute an die Leebrassen. Die Geitaue und Schooten wurden angehalten. Die Insel in ihrem zarten Grün, mit dem weißen Strand an dem tiefblauen Meer, überwölbt von dem strahlenden Himmel, an welchem leichte Federwölkchen schwebten, streckte sich wie ein Feenreich an unfern Leebug hin. „Jetzt das Langboot zu Wasser!" rief ich. „Greift zu, dann könnt ihr um vier Glasen zurück sein, vor acht wird es nicht dunkel!" Da die Takel oben bereit waren, blieb nichts zu thun, als die Läufer durchzuscheren, das Boot einzuhängen und niederzulassen. Alle Mann faßten an, das Boot hob sich aus seinen Klampen, und bald schwamm es längsseits. „Sieh noch einmal zu, ob alles in Ordnung ist," rief ich dem Schönen zu, welcher mit Billy hineingesprungen war und den Mast einsetzte. „Hast du den Kompaß?" • „Ah, °h!" „Lot und Leine?" „All'ns klar." „Na, dann hinein ins Boot mit euch andern." Sie stiegen ein. Der Schiffsjunge Hardy und der Koch kamen an die Fallreepstreppe, um ihnen zuzusehen, Savings stand am Rade,' Banyard stampfte auf dem Deck einher und schien von nichts Notiz zu nehmen. „Wenn es dunkel werden sollte, ehe ihr zurückkommt, wollen wir eine Laterne anzünden," rief ich. „Seid so flink als möglich. Wenn es zu wehen anfängt, sind wir zu schwach, um die Brigg zu regieren. Nun herauf mit eurem Segel, — werft die Läufer los!" Die Spitze des Bootes war abgestoßen, das Segel ging in die Höhe, das Boot glitt hinweg. „Hurra, de Goldmine!" schrie Klein-Welchy und warf seine Mütze in die Luft. „Dat iS för de Minschenfreter, wenn weck da sün", brüllte Billy und schwenkte sein Matrosenmesser. (Fortsetzung folgt.) Im Regen! Von Willy Weber» (Nachdruck verboten.) Im großen Ganzen war die Ehe eine recht glückliche. Er war zwar etwas heftig und zänkisch, aber sie verstand auch ihrer Ansicht Geltung zu verschaffen, derb und kurz, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Wenn es einmal einen häuslichen Zwist auszufechten galt, war gewöhnlich der Sieg aus ihrer Seite. Sie waren sehr hübsch eingerichtet- mitten in einer Schleedornhecke hatten sie sich ihr Nestchen erbaut. Von außen konnte es kaum wahrgenommen werden, so dicht war es unter den Blättern versteckt, und wenn wirklich ein Neugieriger darnach stöbern sollte, so würden ihm die Dornen der Hecke nicht schlecht die Finger zerkratzt haben. Er war ein Prächtiger Gesell, — ein Fink mit herrlich roter Brust und schön gezeichneten Flügeln. Sie sah zwar unscheinbar aus, besaß aber die Tugend der Häuslichkeit in hohem Maße. Das konnte man von ihm leider nicht behaupten, denn er war ein flatterhafter Bursche, ein Herumtreiber, der es mit der ehelichen Treue nicht sehr genau nahm. „'s ist doch aber auch zu toll", stöhnte Frau Fink, „da ist nun der Mann schon an die zwei Stunden vom Neste weg und läßt sich nicht mehr sehen. Da läßt er mich ruhig auf meiner zweiten Brut sitzen und brüten . . . , brüten, brüten! Daß einem dabei auch der Magen knurrt, daran denkt dieser Vagabund natürlich nicht Da raschelte es am vorderen Heckeneingang, und Meister Fink erschien, frisch und wohlgemut wie immer. „Ent- chuldige", piepte er, „'s hat etwas lange gedauert, aber bei dem Wetter hält's schwer, was aufzutreiben". Und er reichte ihr einen ganzen Schnabel voll Kerbtiere aller Art. „Nun bleibst Du mir aber zu Neste", erklärte sie, nachdem sie das leckere Mahl verspeist hatte, „erstens kannst Du mich mal ablösm und zweitens wird's Regen geben. Für Deine Gesundheit aber ist's viel besser, wenn Du im Trocknen sitzt". „Regen?" piepte er, „woher soll denn der Regen kommen bei dem heiteren Himmel?" „In einer Stunde ist er da," versicherte sie. „Unsinn!" gab er zurück. „Kein Unsinn", flötete sie, es giebt Regen, ich spür's am Reißen in meinem linken Bein. „Und ich spür's am Reißen in meinem rechten Bein, daß es keinen Regen giebt", schalt er. „Deshalb wird noch eine Runde gemacht . . ." und fort war er. „Nein, so ein Schlingel", lamentierte sie, da hilft auch alles Zureden nichts ... Na warte, wer nicht hören will, muß fühlen". Damit breitete sie sich derart über die drei Eier, daß ihre Flügel das ganze Nest bedeckten .... und es regnete. Erft fein, dann stärker und immer stärker. Schließlich hörte es zu regnen auf, und es begann zu gießen: thalergroße Tropfen. Völlig durchnäßt und vom bösen Gewissen gequält, kam der Fink nach Hause. Geräuschlos schlüpfte er bis zum Neste, — er fand keinen Platz mehr, und seine Frau that so, als ob sie nichts gehört hätte: sie rührte sich nicht. Von den Blättern des Schlehdornes triefte das Wasser, es sickerte durch das Strauchwerk, es tropfte rings um das Nest. „Da bin ich schön hereingefallen", dachte der Fink, „morgen früh werde ich der Gnädigen die Flötentöne beibringen müssen, 's ist doch eine tolle Sache: aus seinem eigenen Nest ausgesperrt bei dem Regen!" » ♦ * So viel Würmer wie in diesem Sommer hatte es noch gar nicht gegeben. Regenwürmer waren zu verzehren dick und lang wie kleine Schlangen. Natürlich hatte sich da der Meister Staat, der überhaupt ein starker Fresser war, den Magen verdorben. Jetzt saß er trübselig vor seinem Staat» kästen und klagte übet Leibschmerzen. „Aber Alterchen", hatte ihm die Staarin zugeflötet, „so sei doch nur wieder vergnügt, so'n bischen mal liegt's jedem im Magen". „Mit liegt aber das ganze Wetter hier im Magen", stöhnte er, „hast Du schon so was von verregnetem Sommer erlebt?" „O doch", versicherte sie, „feit drei Iahten ist doch in Deutschland jeder Sommer verregnet". „Da hast Du recht", stimmte er zu, „deshalb wär's schon gesünder, wir blieben auch im Sommer drunten bei den Pyramiden. Jeder Staat kann Hitze besser vertragen, als diese ewige Nässe". „Aber liebet Manu", tröstete sie ihn, „es wird ja auch wieder Sonnenschein kommen. Und dann denke doch an unsere Kinder . ... die müffeu wir doch erst groß ziehen, ehe wir an irgend eine Veränderung denken. Außerdem mußt Du mehr Deiner Gesundheit leben. Warum schlingst Du die dicksten Regenwürmer runter, wenn Du sie nicht vertragen kannst?" „Du hast gut reden", erwiderte er, „Du erzählst immer vom vielen Essen, aber von dem vielen Hunger nicht. Außerdem aber laboriere ich nicht allein an dieser Magenverstimmung, sondern auch an Heiserkeit, Schnupfen, Husten und kalten Füßen". „Atmet Jubelgreis", bedauerte sie ihn, „da ist'S schon am besten, ich koche Dir ein Krankensüpplein und Du bleibst eine Woche ruhig im Staarkasten sitzen." 868 „Das könnte mir gerade passen", schrie er erregt, „schließlich verlangst Du noch, daß ich aus diesem heillosen Kasten überhaupt nicht mehr heraushüpfe. Sowas giebt's aber nicht! Ich bin ein freier Mann und .... ach so, singen kann ich ja wegen meiner Heiserkeit nicht. Aber Paß auf, die Bescherung wird gleich wieder los gehen . . .", er reckte den Schnabel gen Himmel, an welchem der Westwind ein i schwarze, unheildrohende Wolkenkulisse vorgeschoben hatte. Die rückte näher und immer näher. Ein Tropfen . . ., ein leichter Sprühregen . , der wird immer dichter, zuerst scheint es, als ob sich ein dauerhafter Landregen entwickeln würde, dann aber öffnet sich Plötzlich die Wolkenkulisse und aus der Oeffnung ergießt sich ein Wasserfall Plätschernd und rauschend. „Na also", meinte der Staar, „da wären wir ja wieder so weit. Und einen Hunger hab' ich ... . Wenn der Guß vorüber ist, wird's Regenwürmer geben! Eigentlich müßte ich jetzt schon nachsehen, wie sich die Dinger entwickeln . . ., Mutter, — komm doch mal her", schmeichelte er der Staarin, „gieb mir, bitte, die Ueberschuhe, den Gummimantel und den Regenschirm. Das Wohl unserer Familie erfordert es, daß ich noch einen Ausflug unternehme, — trotz des Regens!" * * * „Ach was, in dieser elenden Kabache bleibe ich nicht mehr", räsonnierte Frau Spatz, „hier regnet's ja durchs Dach, und die Tropfen fallen einem in der eigenen Wohnung auf den Schnabel". „Ja, schön ist anders", pflichtete ihr Mann bei, „aber wo soll man gleich eine andere Wohnung hernehmen? Und denke nur, sechs Jahre fitzen wir schon hier!" „Das will für mich nichts bedeuten", eiferte sie, „und wenn's zwölf Jahre wären . . . Aber Deine Bequemlichkeit kenn' ich schon, wie Du denn überhaupt ein ganz schlapper Kerl bist. Aber das sage ich Dir, mir paßt diese Wirtschaft hier nicht mehr. Wenn Du kein neues Nest anlegen willst, dann werde ich auf die Wohnungssuche fliegen!" „Piep, Piep", räusperte er sich, „ich möchte ja ganz gern, aber es liegt heute wieder so viel Feuchtigkeit in der Luft, und ich mit meinem Katarrh . . . Außerdem wo man schon sechs Jahre gesessen hat . . ." „Ich pfeife auf Deine Ausreden", schrie sie wütend, „ba fliege ich allein los und zwar direkt ins Schloß. Verstehst Du,—ins Schloß! Du kannst meinetwegen in Deiner Kabache hocken bleiben . . .", — damit rauschte sie mit schnellem Flügelschlag davon. „Die Frau hat den Größenwahn", stöhnte er ärgerlich. „Im Schloß können sie doch solches Kroppzeug nicht gebrauchen!" Er setzte sich den Klemmer auf und verfolgte aufmerksam den Flug seiner Frau. Die nahm wirklich die Richtung nach dem Schloß! Neben dem Portale war ein Fenster offen geblieben, und mit edler, echt spatzenhafter Dreistigkeit schwang sie sich in das Zimmer. Oh, da sah es mächtig vornehm aus: Stühle mit hohen Lehnen, ein großartiges Buffet, Gemälde der ältesten Meister und ein Kronleuchter . . ., der blinkte wie Gold. „So", piepte die Spätzin selbstgefällig, „hier sieht's wenigstens standesgemäß aus. Vor der Hand werde ich mich auf dem Kronleuchter etwas ausruhen, zum Abend werde ich meine Wohnung wohl auf die Gardinenstange verlegen". Plötzlich klirrte der eine Fensterflügel heftig zu. Erschrocken blickte die Spätzin hinaus. „Viel Lärm um nichts", beruhigte sie sich, „der übliche Gewitterwind, — da wird das Regengeplätscher wohl gleich wieder losgehen. Na, ich sitze im Trocknen, den alten Faulenzer in der Kabache kann's durchweichen, ... das soll meine Sorge nicht sein". Und wirklich fielen schon die ersten Tropfen ... Da wurde die Thüre aufgerissen, und das Stubenmädchen eilte ins Zimmer-- „s ist richtig", philosophierte der Spatz in seinem Neste, „hier fallen einem wirklich die Tropfen auf den Schnabel. Aber ich sehe doch mehr auf gute Behandlung als auf großen Komfort. Wer weiß, was die sich im Schloß alles sagen lassen muß. Ach, du lieber Himmel, da geht's schon los", und er starrte stieren Blickes nach dem Fenster des Schlosses. In eiliger Flucht, unter lautem Gekreisch, flatterte die Spätzin heraus, — ein Pantoffel, von kräftiger Hand geschleudert, flog hinter ihr drein ... „Na, siehst Du, da hast Du die Bescherung", piepte er, und er konnte ein schadenfrohes Lächeln nicht unterdrücken, „rausgeschmissen wirst Du jetzt mitten in den Regen!" * » * „Diesen Sommer wird's schwer halten, die Eier unterzubringen", klagte das Kuckucksweibchen. „'s giebt im ganzen Buchwalde kein trockenes Nest mehr". „Du mußt eben kurzen Prozeß machen", riet der Kuckuck. „Im schlimmsten Falle wirfst Du das erste beste Et aus dem ersten besten Nest/ in unserer Zeit des Materialismus sind große Umstände nicht mehr angebracht". „Du bist mir ein netter Gauch", wehklagte sie, „so rücksichtslos wie Du sind ja selbst die Menschen nicht". „Hast Du 'ne Ahnung von den Menschen", lachte er, „die kennst Du noch nicht, das sind ganz rücksichtslose Patrone. Paß auf, — da kommen zwei: Das ist der Sohn des reichen Stadlbauern und Schulmeisters Elsbeth. Die werd' ich gleich auseinander bringen . . ." Und er setzte sich in Positur und rief zweimal: „Kuckuck — Kuckuck —!" „Warum hörst Du denn schon auf?" fragte sie. „Das ist ja eben die Geschichte", erzählte er, „diese dummen Menschen bilden sich ein, sie würden nur noch so viele Jahre leben, so oft ich Kuckuck rufe. Siehst Du, bei denen hat's schon gewirkt", und in der That führten die beiden ein erregtes Gespräch, das damit endete, daß er in den Weg rechts, sie in den links etnbog. Sie preßte das Taschentuch an die Augen .... „Trifft sich gut", frohlockte der Gauch, dort rechts kommt die Kreuzbauer-Witwe, die häßlichste Tratschen auf zwei Meilen in der Runde, aber reich, schwer reich. Jetzt begrüßt sie den Stadlbauer, er reicht ihr die Hand, wenn ich mich ins Mittel lege .... und er schrie einundzwanzig Mal „Kuckuck" in den Wald, daß es nur so wiederhallte. Der Stadlbauer hatte genau gezählt, er reichte der Witwe den Arm, die spannte, da es eben zu tröpfeln begann, ihren roten Schirm auf, und das Paar wanderte vergnügt von dannen. „Natürlich denkt der Stadlbauer als moderner Gemütsmensch, daß er noch einundzwanzig Jahre leben wird", erklärte der Gauch, „die Wittib könnte schon im nächsten Jahre das Zeitliche segnen, das wär' ihm auch recht. Ob sich die Elsbeth die Augen ausweint, ist dem Burschen ganz egal. So sind die Menschen und da sollten wir uns genieren? Ich denke gar nicht daran! Also bekümmere Dich um Dein Ei, es ist die höchste Zeit, daß Du's los wirst, sonst überfällt uns wieder ein Dauerregen, und dann ist gar nichts mehr zu machen. Flieg' rauf und schaffe Platz in dem Rotkehlchennest". Gehorsam flog sie hoch. Mau hörte ängstliches Gezirp, kräftiges Flügelschlagen, bann stürzte ein kleines Ei vom Baume mitten in eine große Wasserlache. „Brrr", schüttelte sich ber Gauch, „es muß ein unangenehmes Gefühl sein, aus bem warmen Nest hinausgebrängt zu werben in biesen schanbbaren Regen ....'* Humoristisches. Nicht nötig. Professor (zum Assistenzärzte): „Klopfen Sie einmal bett Patienten tüchtig ab." — Patient: „Ich bitt' schön, Herr Professor, prügeln thut mich schon beS Oefteren daheim mein Weib." Redaktion: P. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen,