Nr. 50, $1= u! sTjfflm MWM i’vSS y/. j _;"L "WWk ,'bmmb 1 Photo ar •■a.utfc.ri-.!NftU-6.IAS^ J||if u hattest kein Glück und ich hatte keins; Wir nahmen einander, nun haben wir eins. Wo haben wir es hergenommen? Es ist vom Himmel auf uns gekommen. Rückert. Du ziehst hinein. Du ziehst hinaus, Ein flücht'ger Gast im eig'nen Haus; D'rum wirb Dir Liebe zum Geleit: Sie legt in's Heut' die Ewigkeit. Wilh. Hertz. Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. «Fortsetzung.) „Ach, wie interessant!" rief der Andere, indem er eine große lederne Cigarrentasche hervorzog und sie Krischan geöffnet hinhielt, „zünden Sie sich eine Cigarre an, eö ist eine ganz gute Sorte." Der Knecht grinste über's ganze Gesicht. Nee, jetzt nich. Wenn ich aber eine nehmen darf, will ich sie zum Sonntag aufheben." „O, da nehmen Sie nur etliche, ich habe mehr!" nöthigte ihn der Herr und steckte ihm so viel Cigarren in die Hand, als die Finger nur zu fassen vermochten. Während der Knecht sie mit verlegener Miene, aber doch sehr erfreut in die Tasche schob, bat er: „Aber erzählen Sie mir doch die Geschichte. Oder halte ich Sie zu lange auf?" Krischan warf sich in die Brust. „Werde mir doch von dem Alten nicht die Minuten nachrechnen lassen. Außerdem ist er vor einer halben Stunde nach Fuchsberg gefahren und wird erst morgen wieder kommen, und was der Sohn ist, der ist auch heute wieder nach Greifswald,- nicht daß er auf unsereins viel Obacht gäbe," fügte er hinzu. Der Fremde bemerkte mit stillem Lächeln, daß die Abwesenheit des Herrn dem Burschen augenscheinlich eine große Sicherheit verleihe, äußerte aber nichts darüber, sondern hörte schweigend und aufmerksam der recht weitausholenden und sich nicht neben durch strenge Logik auszeichnenden Erzählung zu, in welcher Krischan sich ungemein zu gesallen schien. „Das arme Mädchen," sagte er endlich, „sie hat also sehr an dem Papagei gehangen?" „War wie vernarrt in ihn," brummte der Knecht. „Was war es denn für eine Sorte?" erkundigte sich der Andere/ „grau mit rothem Schwanz oder grün?" „Grün," erwiderte Krischan, „und man hätte wahrhaftig denken können, das Vieh habe Menschenverstand. Er konnte bitten und schimpfen und wußte genau, wer's mit dem Fräulein gut meinte oder nicht. Auf den Alten hackte er los, so wie sich der nur blicken ließ." „Und was ist denn aus dem tobten Vogel geworden?" I lautete die weitere Frage. „Den hab' ich gleich eingraben müssen. Der Amtmann ; schrie, ich soll ihn ihm aus den Augen schaffen, er könne : das abscheuliche Vieh nicht mehr sehen." „Schade, schade!" sagte der fremde Herr mehr für sich, \ die Worte erregten aber doch die Aufmerksamkeit des Knechtes i und er erkundigte sich, was man denn sonst damit hätte an- J fangen sollen. „Nun, totste Papageien sind immer noch etwas werth. i So ein zwanzig Mark hätte man schon von Jemand, der i sich mit dem Ausstopfen befaßt, noch dafür bekommen können," j warf Jener hin. Krischan fuhr auf. „Zwanzig Mark! Und das ist Unsereinem nun so entgangen. Jetzt, wo das Vieh so lange schon in der Erde gelegen hat, ist wohl nichts mehr zu machen?" seine Augen funkelten begehrlich. „Schwerlich!" entgegnete der Andere achselzuckend. Dem Knecht näher tretend und sich vorsichtig umschauend, : fügte er hinzu : „Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. ! Graben Sie mir den Papagei aus. Fünfzehn Mark will j ich Ihnen noch dafür geben." „Gern!" rief der Knecht, „nur" — er steckte den ; Finger in den Mund — „es darf Keiner was davon er- - fahren. Der Alte wäre sonst im Stande und nähme mir { das Geld wieder ab, und ich möchte auch dem Jochen nicht : gern was davon geben." „Das ist auch gar nicht uöthig," stimmte der Fremde i zu. „Wo liegt denn die Stelle?" „Ach, hier gar nicht weit," erwiderte Krischan, mit j ächter Bauernschlauheit wähnend, der Fremde wolle ihm i die Künste abfragen. „Sagen Sie mir nur, wohin ich j Ihnen das Thier bringen soll und Sie sollen es morgen früh haben." Der fremde Herr schüttelte den Kopf. „Nein, das geht s nicht,- morgen früh will ich von Greifswald aus mit dem j Dampfschiff nach Rügen hinüberfahren. Ich müßte den Vogel : noch heute haben ober ich verzichte darauf." 198 „Bei Tage kann ich ihn nicht ausgraben," sagte der Knecht kleinlaut, „geht'S denn gar nicht anders? Ich möchte mir den Verdienst doch nicht gern entgehen lassen." Der fremde Herr überlegte. „Der Vogel ist für mich eine Rarität, weil er den Tod des Mädchens verschuldet hat, ich bin nämlich Sammler," erklärte er, wie durch die Gier nach dem Besitze der Seltenheit, die bis jetzt beobachtete Vorsicht aus den Augen lassend. „Ich werde ein paar Nachtstunden daran wenden und mir ihn abholen. Wo können wir uns treffen?" „Hä, hä!" lachte Krischan, „da braucht's Ihnen denn auf ein fünf Mark mehr oder weniger nicht anzukommen." „Bist ja ein ganz geriebener Bursche!" lachte der Herr. „Na, es soll so sein. Ich werde zwanzig Mark geben. Hier ist Draufgeld." „Er legte dem Knecht ein Fünfmarkstück auf die schnell dargereichte flache Hand. „Wann und wo?" „Hier!" sagte Krischan, der sich durch keine nähere Angabe verrathen mochte, um elf Uhr, dann geht der Mond auf." „Ich werde Pünktlich zur Stelle sein," versprach der Herr und entfernte sich mit kurzem Gruß, während Krischan mit seinem Grasbündel sehr nachdenklich nach dem Hofe zurückkehrte. — Auf dem nahen Kirchthum von Rapshagen hob die Uhr zum Schlagen der elften Stunde aus, als Krischan mit einem Grabscheit in den Händen auf der für das Zusammentreffen verabredeten Stelle erschien. Es war dem sehr früh ausstehenden und hart arbeitenden Burschen nicht leicht geworden, sich auf seinem Lager wach zu erhalten, bis der mit ihm die Kammer theilende Jochen fest eingeschlafen war. Die Aussicht auf den so gut wie mühelosen Gewinn hatte ihm aber die erforderliche Widerstandskraft verliehen und sobald das Schnarchen seines Mitknechtes ihm die Gewißheit gegeben, daß diesen vor Anbruch des Tages so leicht nichts wieder wecken könne, hatte er sich erhoben, sich angekleidet und war hinausgeschlichen. Es war eine feuchtwarme Frühlingsnacht. Der Regen, welcher während der späteren Abendstunden gefallen war, hatte zwar aufgehört, aber der Himmel war mit blauschwarzen Wolken bedeckt, die wie große Fetzen eines gerissenen Tuches sich hin und her bewegten, und durch deren Lücken der Mond zuweilen einen hellen Schein auf die im tiefen Schweigen liegenden Felder goß. Jetzt schlug die Uhr elf und plötzlich, der Knecht wußte nicht recht, wo sie hergekommen waren, stand nicht der eine Mann, mit dem er am Nachmittag verhandelt hatte, vor ihm, sondern er war noch von zwei anderen begleitet. Obwohl es warm war, hatten alle Drei Mäntel um die Schultern und die großen, breitrandigen Filzhüte tief in die Stirn gedrückt. „Das sind meine Freunde, mit denen ich morgen nach Rügen reisen will," raunte der Eine dem Knecht zu, „wir wollen nachher zusammen nach Greifswald und haben nicht viel Zeit zu verlieren. Also sputen wir uns." „Der Amtmann wird doch von der Geschichte nichts erfahren?" fragte Krischan nun doch ängstlich und kratzte sich verlegen hinterm Ohr. „Ohne Sorge. Dem kann's wirklich gleich sein, wo der Papagei ein Ende genommen hat," erwiderte Derjenige, welchen Krischan als seinen Auftraggeber erkannte, und dessen Begleiter fügte hinzu: „Ich gebe noch fünf Mark extra für das nächtliche Vergnügen. Bin wohl schon beim Fuchsgraben gewesen, aber Papageiengraben, das ist was Neues. Vorwärts." Sie brauchten nicht weit zu gehen. Krischan hatte den Papagei ganz in der Nähe des Paddemeichs, in dem er seinen Tod gefunden, eingescharrt und zwar hatte er es sich bequem gemacht, indem er eine s kleine Grube benutzt hatte, in welche kurz vorher gelöschter ■ Kalk geschüttet worden und nachdem derselbe verbraucht, offen geblieben war. Die Erdschicht, die er darüber gehäuft, war auch nicht sehr hoch und so kam die Vogelleiche in verhältnißmäßig kurzer Zeit zum Vorschein und war in Folge ihrer Lage in den noch in der Grube befindlich gewesenen Kalkresten besser erhalten, als man nach der Zeit, während welcher sie bereits jn der Erde gelegen, hätte vermuthen dürfen. Während einer der Männer, die der Ausgrabung schweigend und mit einem Ernst, welcher der Sache kaum angemessen schien, zugeschaut hatten, den Papagei in einen zu diesem Zwecke mitgebrachten, großen Beutel aus Sackleinwand steckte, händigte der andere dem hocherfreuten Krischan ein blankes Zwanzigmarkstück ein, der Dritte goß ihm aber stark Wasser in den Wein, indem er in beinahe strengem Ton sagte: „Du kannst es, wenn nöthig, beschwören, daß dies der Papagei ist, dem Fräulein Holten in den Teich nachgesprungen ist?" Krischan erschrak so, daß das Goldstück beinahe seinen Händen entglitten wäre. „Be— beschwören soll ich das? Wo denn?" stammelte er, ward aber sogleich durch seinen Auftraggeber beruhigt: „Ach, mein Freund sagt das ja nur so, um ganz sicher zu gehen- ängstige Dich nicht, mein Sohn." „Wo sollte denn ein anderer Papagei hierher kommen?" fragte Krischan voll Bestürzung. Zum ersten Male wurde ein Lachen laut: „Sehr richtig, sie leben ja in Pommern nicht in wildem Zustande!" hieß es. Sie geboten dem Knecht, die Grube wieder sorgfältig zu schließen und mit Rasen zu bedecken und entfernten sich erst, nachdem sie sich überzeugt, daß dies ordentlich geschehen sei, einen Feldweg einschlagend, der sie nach kurzer Zeit in den Wald führen mußte. Krischan blickte ihnen nach, und sein einfältig erscheinendes Gesicht nahm einen wahrhaft ergötzlichen Ausdruck der Schlauheit an. „Die denken mich dumm zu machen," sagte er, den Finger in den Mund steckend und mit dem Kopf ein paar Mal in der Richtung nickend, in welcher die Herren sich entfernt hatten, „wollen mir weis machen, sie geben fünfundzwanzig Mark aus, blos um einen ekeligen Vogelbalg zu haben, wo jeder Mensch lieber Geld giebt, daß er ihn los wird." „Da steckt was Anderes dahinter. Sie wollen dem Alten was an's Zeug flicken, darum die große Heimlichkeit." „Der Doctor Holten denkt, ich hätte ihn nicht erkannt, weil er sich in seinen Mantel gewickelt und den großen Schlapphut aufgesetzt hat?" fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, „und wo der dabei ist, da bedeutet es für den Alten, wie für den Jungen nichts Gutes- es heißt sogar, er hätte Beiden den Tod geschworen." „Ob mir der Alte was anhaben kann, wenn's herauskommt, daß ich den Papagei ausgegraben habe?" überlegte er, um sich dann zu beruhigen: „Ach, was kann er mir denn thun? Schimpfen und toben thut er so wie so den ganzen Tag und einstecken lassen kann er mich deshalb nicht- es ist ja kein Diebstahl. Von mir soll übrigens Niemand was von der Geschichte erfahren," gelobte er sich, „und kommt der Alte dadurch in die Patsche,' dann freut's mich, daß ich ihm dazu verhalfen, hätt's auch umsonst gethan. Besser ist's freilich schon, daß er mir fünfundzwanzig Mark eingebracht hat." Er zog das Geldstück aus der Tasche, liebäugelte damit, steckte es wieder ein, und ging dann nach dem Gutshause zurück, um sich möglichst geräuschlos wieder in seine Kammer zu schleichen. (Fortsetzung folgt.) 189 Ein de sitzele-AmÜsements. Plauderei von M. Kossak. ------- (Nachdruck verboten.) Wenn der erste April in Sicht ist, liest man in den Zeitungen häufig Inserate, welche allerhand für diesen Tag bestimmte Scherzartikel zum Berkaus ausbieten. „Neuheit!!!", „Sensationell" oder Aehnliches steht meist dabei. Unter diesen sensationellen Neuheiten findet man Streichhölzer oder Fidibusse, welche beim Anbrennen explodiren, mit Pfeffer gefüllte Bonbons, Porzellanwürfel, die das Aussehen von Zuckerstücken haben und dergleichen mehr. „Für Kinder!" sprechen die meisten Menschen und lesen ruhig weiter. Dächten sie ein wenig über die Sache nach, so möchten sie wohl zu der Ueberzeugung gelangen, daß diese „Scherzartikel" schlecht als Kinderjpielzeug taugen, insofern als ihr Resultat in der Regel eine entsetzliche Rauferei unter den Kleinen zur Folge haben würde. Es läßt sich eben kein menschliches Wesen gern zum Besten haben, und geschieht es doch, so ist es entrüstet. Nur der Ausdruck, den Jeder seinen Gefühlen gießt, wechselt. In jugendlichen Jahren schreit man und prügelt man sich, in späteren dagegen, wenn die gute Erziehung bereits ihre Früchte getragen, murmelt man etwas von „Dummerjungenstreich" und wendet sich verstimmt ab. Ganz besonders höfliche Leute unterlassen es vielleicht auch, jenes einigermaßen unparlamentarische Wort auszusprechen. Was soll man nun dazu sagen, wenn man hört, daß in Frankreich Witze wie die vorhin erwähnten sogar in den besten Kreisen an der Tagesordnung sind? Die Höflichkeit und gesellschaftliche Bildung muß dort einen nahezu beängstigenden Grad erreicht haben, denn sonst würden die Menschen sich dergleichen nicht mit der olympischen Heiterkeit seliger Götter gefallen lassen. Vielmehr möchte man in Anbetracht der Wirkungen, welche die bewußten Scherzartikel auf uns üben, annehmen, daß ihre Salons sich in einen Tummelplatz gegenseitiger Anfeindung und übelster Laune verwandelt hätten. Ob das letztere nicht am Ense doch der Fall ist? „Fin de siede“!" schallt's aus dem Kreise meiner Leserinnen mir entgegen. Wenn ich das Vergnügen hätte, mit einigen von ihnen mündlich diesen Ausdruck zu erörtern, so würde ich viel über ihre Blasirtheit hören, die aus Ueber- sättigung, Genuß- und Sensationssucht, die aus Nervenüberreizung entstanden/ überzeugend würde man mir nachweisen, daß diese „Krankheiten der Zeit" wie alle anderen Krankheiten Blutarmuth und daraus weiter folgernd körperliche und geistige Schwäche und Schlaffheit erzeugen müssen. Wer aber an der letzteren leidet, der vermag sich nicht mehr zu amüsiren, wenigstens nicht in normaler Weise. So würden Sie sprechen, und ich könnte eö nicht bestreiten, daß die Kette Ihrer Beweise völlig logisch klingt, aber sie muß doch irgendwo eine Lücke haben, weil — die Rechnung nicht stimmt. a Diese selben Leute nämlich, welche zu solch' thörichten, kindischen Mitteln greifen, um sich zu unterhalten, wissen zu diesem Zweck auch noch andere ausfindig zu machen, die ungebrochene Lebenslust und ein eminentes Maß von körperlicher Ausdauer und Elasticität vorausletzen. D e Vergnügungen, welche ich im Sinn habe, sind excentrisch, man mag sie verspotten oder sich über sie entrüsten, aber drß gute Nerven und eine feste Gesundheit dazu gehören, das kann Niemand leugnen. Oder meinen Sie, daß z. B. ein Kunstreiter, der die tollsten Parforcetouren unternimmt oder ein Trapezkünstler, welcher in schwindelnder Höhe seine hals brecherischen Stücklein zum Besten giebt, bleich üchtige, mark lose Menschenkinder zu sein vermöchten: Den Berufsarten zwingt die bittere Nothwendigkeit, auch mit siechem Körper seiner Laufbahn treu zu bleiben, aber wer nie eine andere Sorge gekannt hat, als die um sein Amüsement, der wird sich das im gleichen Fall sicherlich anderswo suchen, als auf dem Rücken eines ungesattelten Pferdes, auf dem Thurmseil oder auf einem hoch in der Luft hängenden Schwert. Denn dort ist's, wo die Angehörigen der französischen jermesse doree sich heutzutage ganz besonders wohl zu fühlen scheinen. Wer die Mittel hat, baut sich einen Circus oder sein Specialitätentheater, indem er als Director fungirt und persönlich „arbeitet." Geld wird dabei nicht verdient — wenigstens nicht von den Circusdirectoren — dagegen aber recht viel ausgegeben. Die Vorstellungen finden selbstverständlich vor einem geladenen Publikum statt. Allerdings kommts auch hie und da vor, daß man Entree nimmt, indessen geschieht dies dann für irgend einen wohltätigen Zweck. Welch' eine Lust für die Pariser Bevölkerung der unteren und mittleren Klaffen, wenn sie jene Herrschaften, in deren exclusive Cirkel sie niemals hineinkommen können, bei solchen Gelgenheiten als Kunstradfahrer, Seiltänzer und Groteskceiter bewundern dürfen! Diese Liebhaberei der vornehmen Pariser Herren für Artistenkunststücke liefert natürlicherweise dem Klatsch viel Stoff. Man erzählt sich allerhand amüsante und pikante Geschichten, die bei solchen Veranlaffungen pasirt sind, die, ob wahr oder nicht, meist Glauben finden. Besonders hübsch ist eine, für die ich mich jedoch ebenfalls nicht verbürgen kann. Eine junge Dame von großer Schönheit, aber nur geringer Mitgift hatte das Wohlgefallen eines hochstehenden Krösus erregt. Er verfolgte sie mit seinen Huldigungen, ohne jedoch von ihr erhört zu werden — zum großen Verdruß ihrer Angehörigen, welche sich die reiche Parthie nicht gern entgehen lassen mochten. Wenn man sie drängte, die Werbung des vornehmen und reichen jungen Mannes anzunehmen, so entgegnete das Mädchen, daß sie nie und nimmer einen Gatten wählen würde, der mit beschaulichem Müßiggang seine Tage hinbrächte. Ein Marquis Soundso hätte mehr als jeder Andere die Verpflichtung, durch Leistungen von sich reden zu machen — nur, wenn er das thäte, würde sie ihm ihre Hand reichen. Diese Aeußerung war dem jungen Mann wieder erzählt worden. „Wenn es weiter nichts ist —" sagte er — „das wollen wir schon machen." Von Stunde an übte er sich täglich im Schweiß seines Angesichts am Trapez und erwarb denn auch in erstaunlich kurzer Zeit eine recht hübsche Fertigkeit in jener luftigen Turnerei. Alle seine Freunde gaben zu, daß er dabei eine Energie ohne Gleichen entwickelte. Als er meinte, weit genug zu sein, um sich mit Ehren pro- duciren zu können, veranstaltete er in seinem Palais eine großartige Specialitäten-Vorstellung, zu der Hunderte von Einladungen ausgegeben wurden. Auf dem ellenlangen Zettel, auf dem die N-mmern derselben verzeichnet standen, nannte er sich jedoch Signor Lionardo oder Rinaldino oder sonstwie ähnlich. Er wollte seine Angebetete mit seiner Kunst überraschen. Die Ueberraschung gelang denn auch, nur war ihr Erfolg ein anderer, als ihr Veranstalteter vermuthet. Kaum hatte die junge Schöne in dem Signor Rinaldino ihren Bewunderer erkannt, als sie in Thränen ausbrach und erklärte, jetzt sei es definitiv und für alle Zeiten aus zwischen ihm und ihr. Sie habe ihn im Grunde ihres Herzens geliebt und immer noch gehofft, daß er sich zu großen Thaten auf« raffen würde, seit sie ihn jedoch in Tricots gesehen, sei ihre Liebe erstorben. Dabei blieb es und keine Bitten des Pseudo Signor-Rinaldino vermocht n sie umzustimmen. Dieser Geschichte nach sollte man glauben, daß das weibliche Geschlecht weniger für jene excentrischen Vergnügungen inclinirte, doch ist dem nicht so. Die jungen Fräulein und Frauen ziehen es int Allgemeinen nur vor, auf anderem Gebiet zu glänzen. Einige ernten zwar Lorbeeren als Coupletsängerinnen, die meisten aber zeigen ihre Kunst auf der Rennbahn. In einem Ort des Auslandes — in diesem Fall waren die Sportsliebhaberinnen Angehörige verschiedenster Nationen — fand z. B. eine Wettfahrt statt, bei der man an Stelle der Pferde allerhand andere Thiere — Störche, Hähne, Schweine, Affenpintscher, ein Kameel, einen 200 1 i i < t 5 S 1 f k t t t s f z l r S f e t $ 8 ti b e f d ii 8 S a 1 u k kleinen Elephanten, zwei Pfauen u. s. w. vor die Gefährte gespannt hatte. Die schönen Wagenlenkerinnen Präsentirten sich natürlich in den denkbarst extravagantesten Costümen — einige trugen rothe Atlasjacken mit Goldstickerei über griechischen Fustanellas, andere phrygische Mützen und blau- roth-weiß gestreifte Pluderhosen — und die meisten sollen außerordentlich hübsch ausgesehen haben. Auch von einem Wettfechten zarter Damen wird uns erzählt. Der Schauplatz war Newyork und als Preisrichter fungirte ein junger Amerikaner, welcher die Befähigung für dies wichtige Amt gelegentlich einer seiner alljährlichen Reisen nach dem europäischen Continent erworben hatte. Der Zweck derselben ist übrigens so eng verwandt mit all den anderen Bizarrerien, von denen ich hier erzähle, daß ich cs mir nicht versagen kann, mich näher darüber auszulassen. Die Vertreter der amerikanischen jeunesse doree gefallen sich neuerdings nicht mehr darin, als „Swells“, sondern als Gigerln zu glänzen, und zwar als Gigerln engliscber Fayon, für die «ur ein einziger Schneiderkünstler des britischen Jnselreichs zur Zusriedenheit seiner Kunden zu arbeiten versteht. Dielen genialen Mann nun besucht Mr. 3E. in jedem jungen Jahr, sobald die ersten Lerchen schwirren," um dann im Besitz der neuesten Gigerlmoden zurückzukehren. Letztere beziehen sich keineswegs nur auf Trachten, sondern auch auf allerhand sonstige Coprizen, die sämmtlich der erfindungsreiche Schneider „creiert". So ist er z. B. der Schöpfer jenes reizenden Brauches, dem zufolge ein Diener seinem Herrn den Spazierstock — selbstredend einen kurzen, armdicken Knüppel oder eine sechs Meter lange dünne Stange — nachträgt oder ihm seinen Hund in einem eigens dazu construirten Rollstuhl voranfährt. Auf das Floretfechten muß Mr. L. sich jedoch trotz all seiner Europareisen schlecht verstanden haben, denn die schönen Fechterinnen mit Ausnahme der einen, welcher er den Preis zuerkannt, protestirten gegen sein Urtheil. Als galanter Mann, der ihnen nicht widersprechen mochte, schlug er nun vor, die Meisterschaft auszuwiirfeln, was denn auch thatsächlich geschah. Wahre Orgien feiert die fin de siede Saune auf den Bazars und Wohlthätigkcits-Lottericn. Es giebt nichts, das zu toll und lächerlich wäre, nm es dabei in Scene zu setzen. Während die übrigen Dinge, die verloost werden, hübsch und theilweise werthvoll sind, liebt man's als ersten Gewinn einen Gegenstand zu wählen, der seinem glücklichen Gewinner wenig Vergnügen bereitet. Bei einer französischen Tombola war's ein als Zebra angemalter Esel, bet einer an einem Ort der italienischen Riviera veranstalten ein Haufen großer und sehr schwerer Steine. Der von Fortuna Begünstigte hätte sich natürlich am liebsten nicht gemeldet, aber da man die Besitzer der einzelnen Nummern vorsorglich ausgeschrieben, so blieb ihm nichts übrig, als die zweifelhafte Gabe der launischen Glücksgöttin und am selben Abend gegen ein gutes Trinkgeld forlschaffen zu lassen. Dies einige Proben davon, wie man sich hier und dort amüsirt. Legen sie auch nicht durchweg von körperlicher Leistungsfähigkeit und Bravour Zeugniß ab, so spricht doch aus allen ausgelassenste jugendliche Daseinslust und daneben allerdings Excentricität. Werden nun auch derartige Belustigungen vermuthlich zu Anfang des kommenden Jahrhunderts unvermindert fortbestehen, so können wir doch wohl, da wir noch am Ende des neunzehnten Säkulums leben, diese extravaganten Amüsements mit Fug und Recht „fin de siäde-Amüsements" nennen. Gsin-innÄtziges. Suppe von Feühlingskräuteen. Zehn Personen. Bereitungszeit 20 Minuten. — Eine vortreffliche, ebenso wohlschmeckende wie gesunde Suppe erhält man, wenn man im Frühjahr, bei dem ersten sprossenden Grün, folgende Kräuter sammelt: Erdbeerblätter, jungen Sauerampfer^ Brenn-Nessel, Gänseblümchenblätter, Schafgarbe, Gundermann, und einige Hände voll sein gewiegt in 21/2 Liter Wasser auskocht, demselben 20 Gramm Liebigs Fleisch- Extract zusetzend. — Kurz vor dem Anrichten zieht man die Suppe mit 3—4 Eidottern, in Sahne verrührt, ab und- giebt sie mit gerösteten Semmel-Croutons auf den Tisch. • * * Frische Heringe, gefüllt. Zehn Personen. Bereitungszeit i/2 Stunde. — 15 Stück frische Heringe werden geschuppt, unterhalb des Kopfes ausgenommen — ohne sie ganz auszuschneiden — eine Stunde gewässert, gut ausgewaschen und getrocknet. — Inzwischen bereitet man die Fülle, bestehend aus 125 Gramm Butter, so vielem, geriebenen Roggenbrot als die Butter ausnimmt, 10 Gramm aufgelöstem Liebigs Fleisch-Extract, zwei Eiern, zwei fein gehackten Chalotten, Salz und fein gestoßenem Pfeffer. — Diese Mischung wird durch die Oeffnung in die Fische gefüllt, die man nun in gequirltem Ei und geriebenem Weißbrot wendet, in Butter auf beiden Seiten bäckt und mit Petersilie garnirt, anrichtet. Literarisches Als dritter Band des siebenten Jahrgangs der Veröffentlichungen des „Vereins der Bücherfreunde" erschien soebeu: Thilo VOtt Warden« berg. Berliner Zeit- und Charactergemälde aus der zweiten Halste des 14. Jahrhunderts von Prof. Dr. I. W. Otto Richter. (Otto1 von Golmem. 25 Bogen. Preis geheftet 5 Mk., eleg. geb. 6 Mk. Der Verein für „Bücherfreunde" bleibt mit bestem Erfolge seinem Grundsatz getreu: nur gute deutsche Werke deutscher'Schriftsteller seinen Mitgliedern zu liefern', „Thilo von Wardenberg" ist ein vortreffliches Buch, in hohem Grade geeignet, in fesselnder Weise das jetzt lebende Geschlecht mit unserer Vorzeit genauer bekannt zu machen. Nähere Auskunft über den „Verein der Bücherfreunde" ertheilt jede Buchhandlung sowie die Geschäftsleitung, Berlin W. 62, Kurfürstenstr. 128. ♦ ♦ * NlliVersalbuA der Reden und Toaste von Justus Abel. I. Bändchen: Im Elternhaus und Familienkreis. Eine Originalsammlung ausgewählter Reden und Trinlsprüche bei Taufe, Confirmation, Firmung, Geburtstag, Namenstag, Abschied aus dem Elternhause. Achte, völlig umgearbeitete und vermehrte Auflage. Stuttgart, Verlag von Levy